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Schriften und Briefe

Karl August Varnhagen von Ense: Schriften und Briefe - Kapitel 4
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Friedrich von Grentz

Bei dem Namen gleich, den die Überschrift gibt, wird in allen, die den Mann gekannt haben, eine lebhafte Bewegung, ein Reiz, eine Lust, ein Lächeln und Staunen der Erinnerung, ein Gefühl geistiger Gegenwart und hinreißenden Wirkens entstehn, die Fülle der großen Welt und der Ernst der Geschichtsereignisse wird sich dem Sinn darstellen, und neben allem diesen eine Unruhe und Sorge sich aufdrängen, wer es doch wagen dürfe, den wogenden Grund eines so vielfachen Eindrucks, den nur das Leben selbst vollständig erklären konnte, durch hingeworfene Umrisse zu einem festen Bilde zu gestalten? Sie werden recht haben, die so fragen. So reichen Inhalt weckt jener Name bei den Vertrauten und Unterrichteten, daß diejenigen, die es nicht sind, kaum ahnden können, was ihnen mangelt und entgeht!

Wenn jeder Mensch mit eigentümlichen Anlagen geboren ist, die sich aber nur in seltenem Fall entwickeln, sondern meist im Keim zerdrückt werden, oder in schwachen Regungen doch nur verkümmern, so muß das Hervortreten schon als eine Gunst des Geschickes gelten, wodurch eine Klasse höherer Menschen ausgezeichnet wird, welche man die wahrhaft geschichtliche nennen dürfte. Aber auch diese sind es in mannigfacher Abstufung. Viele Hochbegabte, von großer Kraft und Wirkung, bringen es nicht zu einem neuen Typus, sondern sind am Ende doch nur Wiederholungen, und militärische wie diplomatische Berühmtheiten in Menge schwinden auf diese Art wieder ein, wenn ihre Zeit vorüber; andre können nur im Widerspruche mit ihrem Zeitalter und ihren Verhältnissen sich fortmühen; manchen ist nur ein Augenblick des höhern Berufes gegönnt, und das übrige Leben geht leer voran oder nach. Treten aber bedeutende Eigenschaften unter äußeren Bedingungen auf, die ihnen durchaus entsprechen, halten die Umstände und das Talent miteinander Schritt, findet dieses seine volle Entfaltung und behauptet sich in ihr, so sehen wir das reiche Schauspiel einer gelungenen Menschenblüte, wie sie selten erscheint; und hat sich das Talent erst seinen Lebenskreis erringen müssen, war es nicht gleich anfangs in ihn gestellt, und zeigt es noch überdem mit den tiefsten und eigensten Gemütskräften sich verschwistert, so ergeben sich Erscheinungen, die in ihrer Art schlechthin als einzige dastehn und der Welt nicht leicht ein zweitesmal vorkommen.

Eine solche Erscheinung ist Gentz; es gab eine solche Gestalt, sie war einmal möglich, sie leuchtete auf und traf glücklich die Weltumstände, in denen sie gedeihen konnte; sie kann aber nicht wiederkehren, es müßten denn mit derselben Persönlichkeit dieselben Zeitläufte aufs neue zusammentreffen. Die Übereinstimmung dieser Bezüge, ihr wechselseitiges Eingreifen ineinander, sind die Bedingung eines solchen Daseins. Gentz ist ein Meteor am politischen Himmel unserer Zeit und auf dem deutschen Schriftstellerboden. Eine Stellung wie er hat noch niemals jemand gehabt und wird niemand wiedererlangen. Ein bürgerlicher Autor, schwang er sich zu fürstengleichem Leben und Ansehn, ein untergeordneter Beamter, zu europäischer Wirksamkeit empor. Niemals ist der deutsche Schulstaub zu größerem Glanz aufgewirbelt, nie die pedantische Kraft in üppigere Fülle ausgeschlagen. Denn aller Trieb und Schwung in Gentz ist zuletzt doch einzig seine Schreibfeder, deren beredte Meisterschaft er zuerst in Druckschriften dargetan. Zu seiner Feder aber gehörte wieder der ganze Mensch, sein wundervolles Sprechen, seine Gaben des Geistes, seine Kenntnisse, seine Leidenschaften und sogar seine Schwächen. Er hätte nicht schreiben können, was er geschrieben, hätte er nicht auch gelebt, was er gelebt hat. In ihm wirkte alles zu dem gleichen Ziel, einträchtig die entgegengesetztesten Richtungen, Arbeit und Genuß, Strenge und Lässigkeit, Mut und Furcht. Das Talent ist in ihm von dem Menschen nicht zu trennen, dieser nicht von jenem. Auch hierin war ihm die glücklichste Übereinstimmung zuteil geworden. Er sah seine Tätigkeit wie seine Befriedigung unabänderlich in derselben Laufbahn vorgezeichnet, er konnte in ihr nicht wanken noch zweifeln, ihm war das Glück beschieden, keinen Teil seines Lebens an einen Irrtum setzen zu dürfen, keine unsichre Wahl vor sich zu sehen. Und so war er einer der wenigen Sterblichen, die man, im Ganzen und nach der großen Mehrheit der Tage und Jahre, glückliche nennen kann! Suchen wir diesen merkwürdigen Mann in seinen eigentümlichen Zügen näher zu betrachten.

Gentz wurde geboren zu Breslau im Jahre 1764. Diese Stadt war in jenem Zeitlaufe von seltner Fruchtbarkeit für die Kunst deutscher Rede. Sie gab der Welt drei große Talente, in welchen derselbe Funke nach sehr verschiedenen Lebensrichtungen leuchtete; Fleck betrat die Schaubühne, Schleiermacher bestieg die Kanzel und den Lehrstuhl, Gentz eröffnete sich die Säle der großen Welt und der Staatsverhandlungen. Die Laufbahn des Letztern war ohne Vergleich die glänzendste und außerordentlichste; sie begann von geringen Anfängen. Sein Vater war bei der Königlichen Münze angestellt, hatte eine Ancillon aus Berlin zur Frau, und mit ihr vier Kinder. Friedrich war von den beiden Söhnen der jüngere. Die Erziehung entsprach den Anforderungen und Mitteln eines rechtlichen Bürgerhauses; für den Unterricht war durch die Stadtschule gesorgt. Friedrich aber zeichnete sich durch keine sichtbaren Anlagen aus, im Gegenteil schien seine Fassungskraft beschränkt, sein Sinn war träge, und in ihm weder Fleiß noch Eifer zu erwecken. Der Vater hatte sich zu den geringsten Erwartungen herabgestimmt und war schon gewohnt, daß der Sohn wegen schlechten Lernens getadelt wurde und bei den Schulprüfungen wenig Ehre einlegte.

Eines Tages jedoch, da wieder eine öffentliche Prüfung stattfand und der Vater den zehnjährigen Sohn hinbegleitete, war dieser ungemein munter und zuversichtlich, der Vater aber nur desto mehr besorgt und auf einen schlechten Ausgang gefaßt. Die Aufgabe war der Vortrag eines größeren Redestückes. »Aber Junge«, fragte der Vater unterwegs zu wiederholten Malen, »wirst du deine Sache denn können? getraust du dich auch recht, sie durchzubringen?« – »O ja«, versetzte dieser, »damit will ich wohl fertig werden«, und war sorglos guter Dinge, der Vater aber höchst verwundert; so hatte er den Knaben noch nie gesehen; allein die Gewißheit und Freude, welche derselbe über das unfehlbare Gelingen im voraus bezeigte, schienen nur auf Leichtsinn und Torheit gegründet, und die beschämendste Demütigung schien nicht ausbleiben zu können. Wie groß war daher nicht die Überraschung und das Erstaunen, als nach dem siebzehnjährigen Fleck, der eben in ähnlicher Übung den einstimmigsten Beifall errungen hatte, nun der junge Gentz seine Rede mit klarer fester Stimme begann, mit Wärme fortsetzte, durch lebendigen Eifer und Nachdruck den ganzen Vortrag beseelte und sogar mit dreister Kühnheit dem Schluß eine unvorbereitete Abänderung gab! Er und Fleck gewannen den ersten Preis, die Zuhörer waren entzückt und beglückwünschten den Vater wegen des so herrlich begabten Knaben. Doch jener schüttelte den Kopf und meinte, der unerwartete einzelne Erfolg beweise nicht viel, es stehe doch nur schlecht mit dem Jungen, der leider gar wenig Anlagen habe und aus dem schwerlich etwas werde zu machen sein.

Diese Meinung mußte auch noch viele Jahre bestehn. Das erste Auftauchen einer seltnen Gabe wiederholte sich nicht, und es blieb in der nächsten Zeit keine Spur davon. Auch wie Gentz in der Folge zu Berlin, wohin sein Vater als Münzdirektor versetzt worden war, das Joachimsthalsche Gymnasium besuchte, dann auf der Universität zu Frankfurt an der Oder die Rechte studierte, hatte er nach keiner Seite die geringste Auszeichnung, und in der Familie galt er für äußerst schwach an Geist, so daß er es in nichts über das Mittelmäßige bringen würde. Dagegen war seine lässige Sinnesart freundlich und gefällig genug, sein Gemüt nahm nichts Widriges auf, und seine Gutmütigkeit hatte keine Grenzen; nichts behielt er für sich, seinen Schwestern schenkte er alles, was sie von ihm nur brauchen konnten; Geld besonders hatte gar keinen Wert für ihn, er gab dessen immer bereitwillig, solange er hatte, und oft mehr, als er durfte und vermochte; dafür schien er auch wenig zu achten, wenn ihm jemand aushalf.

Erst in Königsberg, wo er seine Universitätsstudien fortsetzte und die Vorträge von Kant hörte, widerfuhr seinem Wesen eine gänzliche Umwandlung. Die Klarheit und Stärke des kritischen Philosophen weckten ihn plötzlich aus seiner Dumpfheit, sein Verstand kam zum Durchbruch, mit dem Geiste wurden zugleich alle Lebensansprüche in ihm aufgeregt, und ein völlig veränderter Mensch, geistreich, lebhaft, kühn und gewandt, trat er im Jahre 1785 von Königsberg zurückkehrend in Berlin wieder auf, zum Erstaunen aller, die ihn vorher gekannt, und zur Freude der Seinigen, denen schon seine Briefe diese Veränderung einigermaßen angedeutet hatten.

Er begann nun seine praktische Laufbahn in gewöhnlicher Weise, wurde als ein guter Kopf anerkannt und schon im Jahre 1786 bei dem Königlichen Generaldirektorium als Geheimer Sekretär angestellt, wo er in Geschäftsarbeiten sich durch Fleiß und Umsicht auszeichnete und bald als Kriegsrat eine höhere Stufe betrat. Eine in Königsberg angeknüpfte, den Wünschen des Herzens entsprechende und auch in weltlichen Aussichten vorteilhafte Verbindung hatte Hindernisse gefunden. Seine bald nachher in Berlin bewirkte Verheiratung mit einer gebornen Gilly sollte ihn bürgerlich noch mehr befestigen; allein der Versuch einer Häuslichkeit, welche seinem ganzen Wesen widersprach, mißglückte völlig, und das Band wurde in der Folge gelöst. Daneben reizte ihn die gesellige Welt mit allen ihren geistigen und sinnlichen Genüssen; er huldigte den Frauen, besuchte die Schauspiele und war überall zu finden, wo Geist und Gemüt sich in behaglicher Lebensfülle darboten. Seine Einführung in die angenehmsten Kreise der höheren Gesellschaft geschah durch Herrn von Schack, einen der glänzendsten und tüchtigsten Kavaliere damaliger Zeit, Rittmeister im Regimente Gendarmen, der den Mangel an Schulbildung durch natürlichen Verstand, Klugheit, Witz und Gewandtheit reichlich ersetzte und recht wohl wußte, wen er in seinem Schützlinge empfahl und förderte. Das eigentliche Element desselben war das Gespräch in aller Beweglichkeit der mannigfachsten Form: zu erörtern, zu untersuchen, zu begründen, zu überführen, in allem Wechsel des Tons und der Dialektik, mit heitrer Laune, mit scharfem Unwillen, mit kurzen Schlagreden, mit wallender Ausführung, immer angeregt, leicht begeistert und entzückt! Diese Lust zu diskutieren wurde durch den Wohlklang seiner Stimme, die Wärme seines Ausdrucks und die Eleganz seines Benehmens durchaus liebenswürdig. Auch die Frauen hörten ihn gern, denn seine Beredsamkeit verschmähte keinen Gegenstand, ergriff mit Vorliebe die persönlichsten Bezüge. Wenn er, der wohlgebaute, rüstige und lebhafte junge Mann, mit sanft und weich blickenden Augen, mit einer edlen Dreistigkeit, die doch wieder von einer Art vornehmer Scheu begleitet war, für eignes Anliegen zu sprechen oder die eigne Neigung auszudrücken hatte, so war seinen strömenden Worten kaum zu widerstehen, und Männer und Frauen ließen sich von seiner schmeichelnden Rede hinreißen und betören. Sein Umgang war ein Genuß, seine Liebe ein Reiz, dem viele Gunst werden konnte, hätte er diese nicht doch meist als die auserlesenste gewollt, die schwer, vielleicht unmöglich zu erlangen war.

Diesen Anlagen und Tätigkeiten ihren höheren Stoff zu liefern, eine würdige Bahn aufzuschließen, mußte ein Weltereignis sorgen. Die französische Revolution begann im Jahre 1789, überall erwachte die regste Teilnahme, und Gentz begrüßte die vielversprechende Erscheinung mit leidenschaftlichem Interesse. Jetzt wurden die wichtigsten Angelegenheiten des Staats, der Kirche, der menschlichen Gesellschaft überhaupt, die französischen Verhandlungen darüber und aller Widerstreit der Meinungen und Urteile, der sich daran entzündete, für Gentz der unerschöpfliche Gegenstand seiner Diskussionen, Erörterungen, Debatten, denen fürerst noch kein anderes Feld eröffnet war als das Gespräch, dies aber in aller Freiheit und Sicherheit, die nur gewünscht werden konnten. Merkwürdig ist es, daß er, der späterhin die Revolution und ihre Folgen mit der größten Hartnäckigkeit und mit den stärksten Waffen bekämpft, anfänglich ihr größter Lobredner war, und selbst nachher, als er sich schon von ihr losgesagt und auf die Gegenseite gewendet hatte, noch lange Zeit einen Teil ihrer Richtungen und Grundsätze festhielt und bis zum Ende seiner Lebenstage, bei erklärtestem Widerwillen, bei Drang und Gefährde jeder Art, die ihm die Erneuerung der Revolution brachte, immer noch in der Seele tiefe Verbindungsfäden hegte, die ihm zu dem Befeindeten einen Bezug ließen, wie ihn kein andrer haben konnte. Einem gewissen Freiheitssinne, einem Anspruch auf Selbstständigkeit, einem Bedürfnisse der Untersuchung und Prüfung, einem höchsten Rechte der Vernunft und der Wahrheit hat Gentz niemals abgesagt, und wer ihn für einen Verteidiger knechtischer Unterwürfigkeit und schnöder Willkür halten konnte, hat ihn nie gekannt oder verstanden.

Sein durchdringender Scharfsinn erkannte sehr bald die Wendungen, wo sein von idealen Vorstellungen nicht verführter, sondern auf positivem Staatsboden beharrender Geist von dem Gange der Revolution sich ablösen, einer gegnerischen Richtung beitreten mußte. Hiefür lieferte England ihm das Beispiel und den Anhalt. Wunderbar hatten sich in Gentz die Kenntnisse und Fähigkeiten seines künftigen Berufes eingefunden und ausgebildet. Das unerläßliche Werkzeug alles Verkehrs in der großen Welt, die französische Sprache, hatte er sich vollkommen angeeignet; er sprach und schrieb sie mit Leichtigkeit; aber auch des Englischen war er in gleichem Grade mächtig. Wie und wann er dies erworben, ist unbekannt. Ebenso besaß er die Kenntnis der Staatsverfassung Großbritanniens, der Verwaltung, der Finanzen und sonstigen Bedingungen dieses Reiches wie damals vielleicht niemand auf dem Festlande. Aus der Mitte dieses seltenen Besitzes erhob sich für ihn ein neuer Standpunkt, und als Vorbild und Leiter Burke. Die Schrift dieses großen Redners über die französische Revolution machte den größten Eindruck auf Gentz, verwandelte seine ganze Denkart. Durch die Übersetzung, welche er davon lieferte, wirkte er mächtig auf seine Zeitgenossen. Burke erhielt durch Gentz einen neuen Schwung, und beide Namen sahen sich auf lange Zeit zu gleichem Ruhme vereint. Jetzt warf sich Gentz mit fruchtbarer Tätigkeit völlig in das Fach der politischen Schriftstellern. Er gab eigne Schriften und Abhandlungen, er übersetzte aus dem Französischen und Englischen, er übernahm die Leitung einer Zeitschrift, gründete später eine eigne. Seine literarische Tätigkeit wurde schon damals, durch den Staatsminister Grafen von der Schulenburg-Kehnert mit ansehnlicher Geldhülfe unterstützt. Er prüfte und bekämpfte mit siegreichem Scharfsinn, mit warmer Beredsamkeit die neuen Grundsätze; zum Teil freilich, indem er sie dem Gegner entriß, und auf eignem Boden aufpflanzte! Denn er hegte noch immer starke Freiheitsgesinnungen, und stellte ihre Ansprüche kühn genug auf. Er schrieb gegen den damals mächtigen Minister Grafen von Hoym die schärfsten Denkschriften, worin dessen Verwaltung Schlesiens schonungslos angeklagt wurde. Er ließ an den König Friedrich Wilhelm den Dritten bei dessen Thronbesteigung ein Schreiben drucken, worin er dem jungen Könige politischen Rat zu geben wagte und ihm besonders die Freiheit der Presse dringend empfahl; eine Kühnheit, zu welcher ihm der Graf Mirabeau durch ein ähnliches Schreiben an Friedrich Wilhelm den Zweiten das Beispiel gegeben hatte, die aber in dem Untertan und Diener nur stärker auffallen mußte.

Sein persönliches Benehmen war in gleichem Grade dreist. In Erörterungen und Debatten galt ihm kein Ansehn der Person, er bewies Ministern und Generalen ihre Schwäche und stieß manche gefährliche Eitelkeit an. Er fühlte sich den Ersten und Größten in Staatssachen gleich und war empört, wenn leeres Amts- und Rangwesen ihn untergeordnet behandelte. Einem Minister, der ihn ungebührlich hatte warten und dann doch abweisen lassen, nahm er einen prächtigen Band aus der im Vorzimmer aufgestellten Büchersammlung mit, warf ihn auf die Erde und trat mit Füßen darauf, und als sein Freund Wiesel ihn so fand, erzählte er mit Unwillen sein Mißgeschick, indem er ausrief: »In diesem Augenblicke kann ich gegen den Menschen ja nur diese elende Rache haben!« Doch als der Freund auflachte, und dies neue »jus gentium« höchst lustig fand, war auch der Grimm leicht wieder in gute Laune versetzt.

Durch seine schriftstellerische Tätigkeit, seinen politischen Geist und Gehalt war inzwischen Gentz persönlich zu großer Bedeutung aufgestiegen, ohne daß seine äußere Stellung sich merklich verändert hätte. Zwar unter den Gelehrten und politischen Wortführern des Tages sah er sich durch seinen Abfall von der Revolution vielfach angefeindet, und die Wirkung dieses gegen ihn erhobenen Parteihasses hat er lebenslang fühlen müssen; aber in den höheren Kreisen der Gesellschaft, in der Hof- und Staatswelt, war ihm dafür ein schmeichelhafter Ersatz geboten. Mit Wilhelm und Alexander von Humboldt, mit Gustav von Brinckmann, Friedrich Schlegel und andern vornehmen Geistern solcher Art war er schon lange in vertrauter Nähe; jetzt aber suchten insonderheit die Staatsmänner seinen Umgang, die fremden Gesandten bewarben sich um ihn; ein solcher Wortführer war ein unschätzbarer Gewinn für eine Sache, die mit den Waffen täglich schlechter verfochten wurde; man schmeichelte ihm, man pries ihn, und in der höchsten Klasse der Gesellschaft wußte er gleicherweise die Frauen und die Männer durch seine beredten Gespräche einzunehmen, durch seine eigentümliche Geistesüberlegenheit zu fesseln. Die hellem Köpfe unter den Emigrierten suchten ihre Hoffnungen an ihm zu beleben, der Prinz Louis Ferdinand sah ihn mit aller Vertraulichkeit, der geniale Major von Gualtieri stellte ihn der schönen Königin vor, aus deren Munde er anmutige Worte vernahm, der russische Gesandte, damals der ältere Alopeus, zeichnete ihn aus, besonders aber versäumten die Gesandten von England und Österreich keine Gelegenheit, den Mann zu ehren und zu ermuntern, der ihrer gemeinsamen Sache so erwünscht und einzig die Kraft seines mächtigen Talentes lieh.

Der Wirbel eines solchen Lebens brachte genug Zerstreuungen und Genüsse; Gentz gab sich diesen in vollem Maße hin. In ihm war es längst entschieden, daß er den Mächtigen und Vornehmen nicht als ein demütiger Sachwalter, den man abfindet, dienen wollte, sondern als einer, der durch sein Anschließen ihnen gleich würde, an ihren Vorteilen, Genüssen, Begünstigungen teilhätte, und nur um diesen Preis konnte er sich ihnen hingeben. Wozu schon sein Naturell ihn unwiderstehlich hinzog, zu Genuß und Üppigkeit jeder Art, zu leichtsinnigem Verbrauch der eignen Mittel und sorglosem Rechnen auf fremde oder künftige, dahin vervielfachte sein neuer Lebenskreis ihm nun die Lockungen und Antriebe. Er machte Aufwand, scheute keinerlei Ausgabe, machte Liebschaften, gab Geschenke, besonders aber vertat und vergeudete er mit ihm selbst unbegreiflicher Leichtigkeit. Die geringe Besoldung, das mäßige Honorar seiner Schriften, die Hülfe des Vaters, alles dies reichte bei weitem nicht aus, um ein solches Leben zu tragen. Er machte Schulden, und die unausbleibliche Unordnung, die sich mit einer Lebensart verknüpft, deren Verlegenheiten nur auf Kosten größerer augenblicklich gehoben werden und deren Ansprüche sich immerfort steigern, ließ ihn bald in ein Labyrinth geraten, aus welchem kein Ausweg möglich schien. Die Last, anfänglich noch manchmal abzuweisen, legte sich endlich drückend auf, die Hülfsmittel waren erschöpft, die heftigsten Mahnungen ließen keine Ruhe, und die Not des Augenblicks brachte zur Verzweiflung. Seine Scheu vor äußerer Gewalt, vor leidenschaftlich roher Ansprache, denen er sich ausgesetzt wußte, bildeten sich zur ängstlichsten Furchtsamkeit aus. Die ganze Lage war unleidlich. In den preußischen Verhältnissen, in den knappen, auf Ordnung und Sparsamkeit gegründeten Vermögenszuständen, die er um sich sah, war keine Rettung. Auch die politische Richtung ließ keine außerordentliche Glücksfälle hoffen, durch welche ein Beruf und Talent wie die seinen, aus der schmerzlich empfundenen Stockung befreit werden könnten.

Gentz beschloß unter diesen Umständen, seine preußische Laufbahn aufzugeben und Berlin zu verlassen. Der österreichische Gesandte Graf Philipp von Stadion hatte ihm günstige Aussichten in Österreich eröffnet. In diese vorteilhafter einzugehen, suchte er noch ein andres Verhältnis zu befestigen, das mit jenen wohl verknüpft werden konnte. Sein Namen war in England sehr gepriesen, seine Schriften hatten dort großes Aufsehen gemacht. Die herrschende Partei sah in ihm eines der trefflichsten Werkzeuge ihres Einflusses auf dem Festlande. Ein Aufsatz über die englischen Finanzen, englisch von Gentz geschrieben, hatte den Minister Pitt mit Bewunderung erfüllt. Von dem englischen Gesandten Elliot in Dresden eingeladen, machte Gentz mit diesem eine Reise nach London.

Er hielt hier eine reiche Ernte; sein Ruhm, seine Fähigkeiten und sein Eifer trugen goldne Früchte. Die Minister Pitt und Grenville nahmen ihn mit schmeichelhaften Ehren auf, sie erkannten in ihm den außerordentlichen Geist, das staunenswerte Talent, recht eigentlich geboren für die Krisis, in welche Europa sich immer tiefer versinken sah, vor allen geeignet, die Interessen Großbritanniens, die er wie kein andrer begriff, mit denen des Festlandes zusammenzuschlingen und gemeinsam zu fördern. Die glücklichen Wochen, die er hier in der glänzendsten Gastfreundschaft verlebte, waren erfüllt mit großartigen Eindrücken, schmeichelhaften Bekanntschaften, wichtigen Vertrauungen, berauschenden Genüssen. Es fanden hier Anknüpfungen statt, welche sein ganzes folgendes Leben hindurch fortdauerten. Die englischen Gewalthaber ließen es bei ehrenvoller Anerkennung nicht bewenden, sie taten mehr für ihn. Sie gaben ihm, was ihm fehlte, und er bedurfte: Gold. Erst eine runde Summe, für den Anfang im allgemeinen; dann auch die Zusicherung eines bestimmten Jahrgeldes. Er beschleunigte nun seine Rückreise, um in Osterreich die Aussichten zu verfolgen, welche mit seinen hier empfangenen Antrieben zusammenstimmten. Als er zuerst wieder auf dem Festlande seine englische Barschaft in deutschen Währungen überschlug, dünkte ihn die Summe so unermeßlich, daß er sie nicht verbrauchen zu können glaubte, und so verschwendete er mit vollen Händen, rief jeden flüchtigen Genuß, jede spielende Üppigkeit herbei, nur um sich der neuen Macht, die ihm gegeben war, bis zum Mißbrauche zu ersättigen!

So lebensfroh kam er im Jahre 1803 nach Wien. Hier nahm ihn eine großartige Welt, ein reiches und kräftiges Treiben auf, und er zeigte sich den anspruchsvollen Verhältnissen, in die er eintrat und von denen er umgeben war, durchaus gewachsen. Seine Anstellung hatte zwar nur mäßigen Schein, aber Titel und Rang, auch der ansehnliche eines Kaiserlichen Hofrats und die Erhebung in den Adelsstand, konnten nie den Maßstab seiner Bedeutung und Wirksamkeit geben. Durchaus eigentümlich mußte seine ganze Lage sich gestalten; seine Persönlichkeit, seine Verbindungen, und die Art und Größe seines Talentes brachten es mit sich, daß er nie zu untergeordneten Leistungen gebraucht wurde, sondern nur zu den höchsten und außerordentlichsten. Er fand ganze Zeiträume, wo er unbeschäftigt in völliger Muße lebte und teils als Schriftsteller seine Aufgaben selber wählte, teils durch bloßes Mitleben und Mitsprechen in den höheren Kreisen erwies, wie nützlich und wertvoll ein guter Kopf und heller Geist schon durch jenes ihnen wird. In den besondern Verhältnissen, die sich für ihn ergaben, wurde es möglich und sogar schicklich, daß er längere Zeit gar nicht in Wien, sondern in Prag lebte, wo seine Lebensart und seine Tätigkeit ihr Element kaum verändert zu finden hatten. Die Verbündungen und Kriegsabsichten gegen Frankreich, die Bewachung der englischen und nordischen Verhältnisse und die Beleuchtung der politischen Rechte und Interessen der Staaten, sowie die Aufdeckung der Gefahren, welche die gebieterische Willkür revolutionärer Gewaltherrschaft für Europa drohte, waren überall und immer der bleibende Gegenstand seiner beharrlichen Aufmerksamkeit, seines unermüdeten Fleißes. Es war ein Kampf der Selbstständigkeit und Freiheit, den er auf diese Art fortführte, mit großem Geistesmute, verkannt und verunglimpft auf der eignen Seite, als namhafter Feind gehaßt und geschmäht von dem Gegner, der im Siege nur stets furchtbarer wurde. Gentz hat Meisterwerke geliefert in dieser Epoche, Schriften, die auch in ganz veränderten Zeiten immer wiedergelesen zu werden verdienen, gleich denen der großen Redner des Altertums. Nicht nur ein hoher Geist atmet darin, sondern auch ein warmes, von edler Leidenschaft ergriffenes Herz, ein großer Charakter, der auch in den Jahren tiefsten Unglücks, 1805 und 1806, unter Bedrängnissen und Gefahren nie wankte, sondern mit Entschlossenheit ausharrte und seiner klaren Einsicht stets neue Quellen des Lichtes, der Stärke und der Hoffnung entströmen ließ.

Die Waffenerfolge Napoleons beugten endlich das ganze Festland, und als die kräftigen Anstrengungen Österreichs im Jahre 1809 unterlegen waren, schien wirklich die Sache, welche für Gentz der Inhalt seines Lebens geworden war, weithinaus aufzugeben. Der Minister Graf von Stadion trat ab, unter dessen Leitung Gentz das letzte Manifest geschrieben und gleichsam die letzten Atemzüge deutscher Selbstständigkeit und Freiheit darin verhaucht hatte; die Verbindung mit England wurde völlig zerrissen, die Insel durch scharfe Gewaltmaßregeln wirklich abgetrennt von Europa. Schwer lastete dieser Zustand auf Gentz, dem nicht nur in Betreff der allgemeinen Angelegenheiten, sondern auch in seiner persönlichen die Einwirkung Englands ein unentbehrliches Moment war. Das Versiegen der Geldmittel, welche ihm von dort noch immer, wenn auch minder regelmäßig, zugeflossen, ließ sich um so weniger verschmerzen, als die Einnahmen in Österreich durch täglich verringerten Wert des Papiergeldes litten und zu dieser Bedrängnis für Gentz noch die seiner früheren und neueren Schuldenverwirrung kam, so daß seine nun schon zur unerläßlichen Gewöhnung gewordene Lebensart von allen Seiten bedroht wurde. Ein früher Versuch, die dringendsten seiner Schulden in Berlin zu tilgen, wofür er die Summe von sechstausend Talern eingesandt hatte, war durch den Bankerott seines Beauftragten verunglückt und diese Summe verloren. Dieses Mißgeschick sah er als eine Weisung an, sich der Sorge um die Vergangenheit und die Zukunft so viel als möglich zu entschlagen und sich nur um die Gegenwart zu bekümmern, diese so reich auszustatten und zu genießen, als die Umstände es erlaubten. Allein die Sorglosigkeit rächte sich schnell an der Gegenwart, und er sah sich wiederholt allen Greueln ausgesetzt, die aus der Doppelnot hervorgehen: nicht zahlen und nicht borgen zu können. Daß er gleichwohl immer Rat zu schaffen wußte und seine Lebensgewöhnung, seine Üppigkeit und Verschwendung, wenigstens einigermaßen fortsetzte, dem Tage seinen Wunsch und seine Freude nie versagte, stets im Wirbel des reichen und vornehmen Lebens sich behauptete, darin ist nicht minder die Kraft seiner Persönlichkeit und das fortwirkende Gewicht seines Talents als die Gunst des Glückes und der Umstände anzuerkennen.

In dieser Zeit übernahm der Graf von Metternich die Leitung der politischen Angelegenheiten Österreichs, und an dieses Ereignis knüpfte sich für Gentz eine neue Lebensepoche, in welcher seine Stellung eine feste Grundlage, seine Tätigkeit neuen Aufschwung gewann, sein Talent zu dem höchsten Glanz und Erfolg aufstieg und sein ganzes Wesen, man kann sagen, zur Erfüllung kam. Wohl hatte er früh mit geübtem Scharfblicke die seltnen Eigenschaften dieses Staatsmannes erkannt und die künftige Größe desselben geahndet. In mancher Erinnerung lebt noch der Ausdruck der Bewunderung, mit dem er dessen Gesandtschaftsberichte aus Paris als eine Reihe meisterhafter Darstellungen pries, denen an Geist, an Klarheit und Ruhe in diesem Gebiete wenig zu vergleichen sei. Seine Anerkennung betraf zum Teil auch solche Eigenschaften, die er in sich selber vermißte, denn Gentz, ohne Zweifel der gründlichste und beredteste Publizist, konnte sich als eigentlicher Diplomat nicht gleicherweise rühmen. In Metternich zum erstenmale fand er, was er bedurfte und bisher immer entbehrt hatte, einen Obern, durch dessen Leitung seine Tätigkeit sich zu einem Ganzen und Steten ordnete, einen Vorgesetzten, dem er sich unbedingt anschließen und überlassen konnte.

Noch während Napoleons Übermacht erhob Österreich sich zu neuer Selbstständigkeit, und die Art selber, wie man sich mit der fremden Gewalt abfand und stellte, war eine Schwächung dieser. Auch Gentz konnte diesen einstweiligen Zuständen, der aufgedrungenen Wirklichkeit nachgiebig, in gewissem Sinne zustimmen. Erst jetzt wurde sein Standpunkt ganz österreichisch, das Interesse dieses bestimmten Staates sein ausschließliches Augenmerk, und Wohl und Wehe desselben zu dem seinen. Auch hatte sich bereits eine erwünschte Verbesserung seiner persönlichen Verhältnisse ergeben. Anstatt der englischen Hülfsquellen eröffneten sich andre, nicht minder ergiebige; die Hospodare der Moldau und Walachei nahmen Gentz, auf gültige Fürsprache, zum diplomatischen Beauftragten in Wien, ein Verhältnis, welches die größten und mannigfachsten Vorteile gewährte.

Die Geschichtsereignisse wälzten sich hierauf allmählich einer Wendung zu, deren Umfang im Jahre 1813 völlig sichtbar wurde. Das Manifest Österreichs, die Kriegserklärung gegen Napoleon, ist von Gentz verfaßt und ein bleibendes Denkmal seiner Meisterschaft. Die Siege der Verbündeten waren Triumphe für Gentz; in der Sache, für die er gestrebt und gewirkt, sah er alle Mächte des Festlandes und diese mit England vereint, dem wieder aufgeschlossenen und wirksamen; von allen Seiten berührten ihn die Erfolge, die günstigen Entwickelungen und Früchte des großen Zusammenwirkens, das in seiner Person schon lange vorher ein gemeinsames Organ gehabt und noch jetzt in ganzer Stärke fand. Den hohen Namen, welche in jenen Begebenheiten durch Kriegs- und Friedenstaten in erster Reihe glänzen, schließt der von Gentz billig als einer der ersten nachfolgenden sich an.

Nach kurzem Genusse der Siegesfreude und des Wohlbehagens – für Gentz fast schon in Überdruß gesteigert – taten sich die Arbeiten des Wiener Kongresses auf, bei welchem der Fürst von Metternich den Vorsitz führte, Gentz aber die Ergebnisse der Verhandlungen niederschrieb. Als Napoleon darauf wiedergekehrt und abermals überwältigt worden war und ein zweiter Friedensvertrag in Paris verhandelt wurde, nahm auch Gentz an diesem Aufenthalte teil, zum erstenmal die Scheu vor dem so lange feindlichen Lande und den dort noch möglichen Gefahren überwindend. Die folgenden Kongresse von Aachen, Karlsbad, Wien, Troppau, Laybach und Verona, welchen eine Reihe von Jahren hindurch die wichtigsten Angelegenheiten Europas zur Beratung und Entscheidung anheimfielen, sahen gleichfalls Gentz in der gewohnten, eingeübten, fast nur einzig ihm zustehenden Tätigkeit.

Daß mit Napoleons Besiegung der frühere Zustand der Welt nicht herzustellen war, daß die Wirkungen der Revolution in dauernde Gestalten übergegangen und noch immer tätig waren, hatte sich bald genug offenbart, und derselbe Kampf, in welchem Gentz bisher unermüdet alle Wechsel durchgemacht, mußte ferner aufgenommen werden, als ein Kampf des Bestehenden, der berechtigten Macht, gegen den Andrang gärender Meinungen und falscher Ansprüche. Hier zeigte sich Gentz abermals in seiner Meisterschaft und Rüstigkeit; frischen Mutes war er stets bereit, jede Herausforderung, die seiner würdig schien, anzunehmen. Auch in diesem Kampfe suchte er sich stets die Häupter aus, seinem Grundsatze getreu, jede Partei nur in ihren höchsten Vertretern anzuerkennen. Das Volk, die Menge und ihre unmittelbaren Interessen ließ er von jeher unbeachtet; er leugnete sie nicht, aber er sagte, jeder Mensch müsse sich bescheiden, auf ganze Richtungen verzichten, und so habe er von jeher Volk und Volkstum außerhalb seines Faches und Berufes gestellt; er warte bei jeder Meinung, bis ein Anführer an ihre Spitze trete, mit dem es sich verlohne anzubinden, und gewöhnlich trete das schnell genug ein. Mit den Franzosen, denen bisweilen eine Abfertigung zu geben war, hatte er leichtes Spiel, ihre Ungründlichkeit gab stets Blößen, und ihre Stimme fand auch sonst Widerspruch; andre Gegner, unterrichtetere, nähere, traten unter den Deutschen auf. Grade den mächtigsten und ihm gefahrvollsten stellte er sich entgegen, dem von ihm bewunderten, hochfahrenden Görres, dem gewandten, nachdruckvollen Lindner. Doch wie frei und würdig, mit welch edler Sprache und gutem Anstande, wußte er diese Streitigkeiten zu führen! Wie zu einem Ritterkampfe, und die Waffen anfangs zum Ehrengruße senkend, schritt er heran, und wo der Ausgang unentschieden bleiben mußte, behielt er wenigstens den guten Anschein auf seiner Seite, welchen der geschickte Vortrag und das feine Benehmen so leicht erwerben. Nicht immer in derselben Weise wurde ihm erwidert; es erhoben sich wütende Pöbelstimmen gegen ihn. Doch diese, gleich der Verkennung, welche ihn so häufig auch von Seiten der Bessern traf, die rohen Anschuldigungen feiger und knechtischer Denkart, feilen und heuchlerischen Sinnes, konnten ihn tief schmerzen und kränken, aber nie irre machen noch entmutigen.

Übrigens begehrte er nicht, furchtlos und tadelfrei zu scheinen; er gab sich willig als der, der er wirklich war, mit allen Schwächen und Fehlern. Mit dem Vorteile der Sache, der er diente, glaubte er den seinen stets verbinden zu dürfen, und dies in einem Maße, das er aus der ihn umgebenden Welt nicht klein nehmen konnte. Er ließ sich seine Dienste bezahlen, und ungeheuer bezahlen; aber käuflich war er nicht, und gegen seine Pflicht hat er nie gehandelt. Er war so überzeugt von dem Egoismus der andern, daß er den seinen nur für eine Notwehr, für eine Bedingung des Bestehens hielt, und den Mangel dieser Waffe wohl gar beseufzte, wo er sie an sonst wackern Leuten zu sehr vermißte, denen er Teilnahme und Wohlwollen gewidmet hatte. Dem Vorwurfe der Feigheit beugte er sich am meisten, willig bekannte er sich zu der unüberwindlichen Furcht und Angst, denen er von vielen Seiten immer offen war. In seinem Berufe hat er nie des Mutes, noch der Kühnheit entbehrt, vielmehr zu allen Zeiten das Äußerste gewagt. Aber er fürchtete Gewitter, See- und Bergfahrten, Waffengeklirr, Volksgeschrei, kurz alles und jedes, mit dem sich nicht reden ließ und wo keine Argumente galten. Die Furcht vor dem Tode verbitterte ihm oft den höchsten Lebensgenuß, und er suchte jeden Gedanken an Altwerden und Sterben möglichst von sich abzuhalten. Ihn erschreckte jedes laute barsche Auftreten, jedes wilde trotzige Aussehen, ein Schnurrbart schon war ihm unheimlich, ein finstrer unwilliger Blick, den er nicht gleich deuten konnte, selbst bei seinen besten Freunden, machte ihn unruhig; ein schwarzes düstres Gesicht neben ihm, mit starkem Schnurr- und Backenbart, konnte ihm eine ganze Mahlzeit verderben, seine scheuen Seitenblicke peinlichst beschäftigen. Als Kotzebue durch Sand erdolcht worden war, erhielt Gentz einen fürchterlichen Drohbrief, er sei der Ehre, durch den Dolch zu sterben, gar nicht wert, ihm sei Gift bestimmt und schon bereitet, denn verurteilt sei er längst als ein Verräter, der die Freiheit des Vaterlandes untergraben helfe. Der wohlfeile und so nach jenem Schreckensereignisse gewiß frevelhafte Scherz machte auf Gentz entsetzlichen Eindruck; er sollte bei einem fremden Gesandten, seinem bewährten Freunde, zu Mittag speisen, er ließ absagen, wagte acht Tage sich nicht aus dem Hause und kaum zu essen, jeder Bissen, den er genoß, erregte ihm Schauder und Angst. Seine Empfänglichkeit machte ihn gar leicht zum Gegenstande von Mystifikationen, doch meist nur Freunde, die ihn liebten und würdigten, durften ein solches Spiel unternehmen, das denn fein und anmutig blieb und eine heitere Wendung nahm. So wenn man ihn ein albernes Buch, mit eingeklebtem falschen Zueignungsblatt an ihn, entdecken ließ, da sich dann sein Verdruß und seine Beschämung in scharfsinnigen und rednerischen Beweisen ergoß, wie dergleichen ohne sein Wissen geschehen sei und ihm nicht zugerechnet werden könne; oder wenn ihm eine mißfällige Meinung, die er nicht hatte, angedichtet wurde, und er darauf seine wahre mit strömender Beredsamkeit darlegte.

 

Seine Furcht, seine Eitelkeit, seine Sinnlichkeit und was man sonst an ihm tadeln mochte, kannte und gestand er selbst mit liebenswürdiger Offenheit, seine Fehler und sein Verhalten gegen sie hatten etwas Kindliches und sogar Kindisches, man konnte sie wohl strafbar finden, aber zugleich mußte man die Erbstücke der Menschennatur darin erkennen und entschuldigen; man durfte sie lieben und nötigenfalls beschützen. Er selbst hielt mit der Überlegenheit seiner geistigen Erscheinung die Fremden und Unvertrauten in scheuer Ferne; jeder Vorschnelle, der ihm zu nah getreten wäre, hätte aber auch von andrer Seite sich bald eingehalten gefühlt, denn die höchsten und tapfersten Männer, die herbsten und trotzigsten Sinnesarten, waren mit Gentz innigst befreundet und standen für ihn ein.

Seine Schwächen ihm abzumerken war nicht schwer. Wo er nicht im voraus fest entschlossen war zu schweigen, was er dann vollkommen konnte, überließ er sich gern der freisten Aufrichtigkeit und sprach mit liebenswürdiger Offenheit Ansichten und Urteile aus, die man von ihm in solcher Art niemals erwartet hätte. Sich zu verstellen, war ihm nicht gegeben; versuchte er bisweilen, mit Schlauheit jemandem etwas einzureden oder zu entlocken, so mißglückte es in den meisten Fällen. Ein englischer Gesandter behauptete, jedesmal zu wissen, wenn Gentz ihm etwas vorzuspiegeln oder ihn zu bearbeiten meine; dann nämlich blicke derselbe ihn gleich darauf verstohlen seitwärts an, um zu erforschen, ob er Glauben finde. Zuweilen gab er mit naiver Heiterkeit jeden Rückhalt auf. So richtete er einst an einen jungen Diplomaten, der ihm sehr ergeben war, dessen wiederholte Erfolge ihn aber verwunderten und fast neidisch machten, ganz vertraulich die Frage: »Sagen Sie mir, mein Lieber, was machen Sie den Leuten denn eigentlich weis?« Ei! dachte dieser, hältst du, alter Grauer, das für die letzte Kunst? Da muß sie ja wohl auch deine gewesen sein!

Ergraut war er freilich schon durch Zunahme der in Arbeiten und Weltleben hingebrachten Jahre. Sein Ehrgeiz, dem in einer gewöhnlichen Laufbahn viel zu wünschen geblieben wäre, hatte in Verhältnissen, die als einzig dastanden, die außerordentlichsten Befriedigungen erfahren. Ruhm, Einfluß, Ehrenzeichen, Geld, Wohlleben fehlten ihm nicht. War es ihm schmeichelhaft, daß ihn, den aus unterem Stande Emporgekommenen, die vornehmsten und reizendsten Gunstbezeigungen anlockten, so gefiel er sich nicht weniger in dem Gelüst, den Reiz des Absonderlichen und Fremdartigen auch in unteren Regionen, und selbst in strafbaren, zu verfolgen, um einer doch meist nur kindischen Neugier schauerliche Eindrücke zu gewähren. Den durch die mannigfachsten Genüsse verweichlichten Sinnen durfte keine Behaglichkeit fehlen. Er umgab sich mit kleinen Annehmlichkeiten, er verschwendete Tausende für geringfügige Leistungen. Kindisch freute er sich seiner Fußdecken, Polster, Geräte, Blumenarten, Papiersorten. Seine Üppigkeit ging nie auf große Gegenstände und bedeutende Einrichtungen, war aber unmäßig in kleinen Dingen. Schneller, als es in seiner ursprünglich starken und heitern Natur begründet schien, überschlich bei solchem Hinschweifen des Lebens ihn Abspannung und Überdruß. Er fühlte Kränklichkeit und Verfall, er sah die Jugend entflohn, das düstre Alter nah; der Luxus körperlicher Sorgfalt mußte sich in notgedrungene Fürsorge verwandeln, mit Seufzen bequemte er sich zu falschem Haar! In seiner Verstimmung mied er dann die Gesellschaft, die Geschäfte wurden ihm zuwider; kam irgendein Übel hinzu, das ihn persönlich berührte, ein Mißverständnis, eine Verlegenheit, eine Bedrohung, verdüsterte sich der politische Himmel, oder stockten die außerordentlichen Einkünfte, deren er nie genug haben konnte, so war seine Schwermut grenzenlos, und er verzweifelte am Leben.

Aber jeder Sonnenschein von Gesundheit und Gedeihen rief auch wieder seine ganze Kraft, seinen Mut und Leichtsinn zurück. Gleich vergessen hatte er alle Klagen und Geständnisse, er leugnete in der nächsten Stunde die der vorigen ab. Kaum der Not frei, worin er eben noch gezittert hatte, spottete er ihrer, verneinte sie denen, die sie noch fühlten. Die Hülfe, die er angesprochen, der Trost, den er empfangen, durften sein Gedächtnis nicht beschweren; sie zu erwidern fiel ihm niemals ein. Er war den Gedanken und dem Sinne nach ein treuer Freund; wen er einmal geachtet, wen er geliebt, der blieb ihm für immer ein Gegenstand der Teilnahme und Neigung; aber zur Tat bedurfte er der persönlichen Anregung, sie mußte einen Reiz für ihn, für ihn einen Genuß haben. Der gegenwärtige Augenblick war ihm alles, er lebte ganz in dessen Macht und Gunst.

Ihm wurde das Glück zuteil, durch eine wunderbare Wiederbelebung, wozu die Bäder von Gastein und Ischel besonders wohltätig gewirkt, zu neuer Gesundheit und Kraft zu erstarken, und nach frühem Vorschmacke trauriger Alterserschlaffung neue Jahre eines kräftigen und mutigen Mannesalters zu erleben; was für jeden Menschen ein seltenes und außerordentliches Glück gewesen wäre, mußte von Gentz als ein hundertfaches begrüßt werden. Sein Geist erhob sich zu neuer Tatkraft, die Welt erweckte ihm frischen Anteil. Er hatte nie aufgehört, mit Wissenschaft und Literatur in Verbindung zu sein, und überhaupt seine Nebenzeit, während er außer den Geschäften alles nur lässig zu nehmen und sich trägem Nichtstun zu ergeben schien, fruchtbar auszubeuten verstanden. Auch zum Schreiben war er stets eifrig geblieben, und als er längst aufgehört hatte Schriftsteller sein zu wollen, auch die Anlässe zu politischen Aufsätzen seltner wurden, trieb ihn sein angebornes Talent beinahe täglich zu schriftlicher Mitteilung an, und es war ihm Bedürfnis, wenigstens Briefe zu schreiben. Jetzt aber, in dem Bereiche seiner nächsten Tagesbezüge, sah man nicht nur ihn selbst mit Heiterkeit wieder erscheinen und der alten geselligen Vorzüge genießen, sondern auch seinen literarischen Anteil einen neuen Aufschwung nehmen; bei jedem persönlichen Anlasse griff er mit Lust und Fülle zur Feder; ja man wollte seine Schreibseligkeit bald sogar übermäßig und fast beschwerlich finden!

Aber seinem solchergestalt erfrischten Alter waren noch gewaltige Schickungen zugedacht, sein Wesen gleichsam nur gestärkt worden, um den Gipfel aller seiner Lebensbeziehungen noch zuletzt als höchstes Dasein in Glück und Unglück zu erfahren. Gentz hatte das seltne Glück, seine letzten Lebenszeiten durch Liebe verherrlicht zu sehen; nicht durch eine gefällige Neigung, ein wohlwollendes Anschließen, eine reizende Betörung, sondern durch eine echte, volle, beglückende Leidenschaft. Mit seiner erneuten Gesundheit und seinem wiederbelebten Geiste war auch die ganze Kraft seines Herzens wiedergekehrt. Die Schönheit, die Anmut und Liebenswürdigkeit eines holden Geschöpfes hatten ihn zauberisch berührt, und die erregte Flamme beleuchtete so glücklich seine eigne Liebenswürdigkeit, stellte so reich den unvertilgten Schatz seines Gemüts hervor, daß die schönbegabte Jugend freudig den ganzen Wert des Greises anerkannte und seine Liebe erwiderte. Solch ein Begegnis in seinem ganzen Umfange zu würdigen, seine Schickungsmacht zu empfinden, sein Glück auszusprechen, war niemand so fähig und berufen als Gentz, dessen vertrauliche, diesen Gegenstand behandelnde Briefe wohl ebenso anzusehen und in gleicher Weise zu lesen und zu ehren sein dürfen wie Goethes römische Elegien, denn von solchem Inhalt emporgehoben steht die Prosa in gleichem Range mit dem Gedicht.

In diese Zeit fällt seine höchste Empfänglichkeit für die Poesie, seine Freude an alten und neuen Dichtern, seine wunderbare Neigung für den ihm scheinbar widerstreitendsten, für Heine. Sein Geist sieht über die Zufälligkeiten des Tages, über die Richtung, welche der Weltlauf diesem Talente zugewiesen, erhaben hinweg, um nur dieses zu sehen, und läßt Licht und Wärme des dichterischen Schaffens auch von sonst feindlicher Seite bei sich ein. Und wahrlich vergebens hat man ihm den großartigen Sinn durch herabsetzende Bezeichnung zu mißdeuten, dem Dichter den ihm gewordenen Lobpreis zu verkümmern gesucht; es wird für Gentz immer ein günstiges Zeugnis sein, daß er Heines Gedichte lieben konnte, und für Heine ein edles Blatt seines Lorbeerzweiges bleiben, einem Geiste dieser Art gefallen zu haben.

Im Glück und Stolze seines neuen Lebens, im Vollgefühle der Kraft, welche seinen Geist und sein Herz emportrug, fühlte Gentz anfangs die Gewitterschläge wenig, mit welchen eine neue Revolution in Frankreich plötzlich ausbrach. Sie mußten in starken und nahen Wiederholungen, in furchtbarer Aufzeigung ihrer unwiderstehlichen Folgen, in persönlichen Verlusten und Gefahren ihn treffen, um in sein Gemüt mit allen ihren Schrecknissen einzudringen. Jetzt aber fühlte er die ganze Gewalt derselben, er sah die Welt aufs neue einer Richtung überliefert, welche ein vierzigjähriger Kampf und fünfzehnjährige Siegesmacht nicht hatte bezwingen können, er sah die Aufgabe und Frucht seines Lebens zertrümmert und am Schlüsse desselben sich wieder in den Anfang einer Laufbahn versetzt, die zum zweitenmale zurückzulegen der Greis weder Mut noch Hoffnung haben konnte. Alle Stützen seiner Stellung schienen umgerissen, und eine öde bedrängte Zukunft ihm, nebst allem übrigen Entbehren, auch das des einzigen Glückes aufzuerlegen, das gerettet ein Ersatz für jedes andre hätte sein können, aber für sich allein kaum zu retten war. Lebhaft ergossen sich seine Bekümmernisse in beredten Klagen. Er forderte Trost und Rat, den aufzunehmen er kaum noch fähig schien.

Jedoch Beispiel, Zuspruch und die nähere Betrachtung der Verhältnisse selbst, welche schon wieder zu festerer Gestalt übergingen, erhoben bald seinen Mut auf die Höhe, wo er sich vormals behauptet hatte. Zum zweitenmale sah Gentz die Revolution zu einer Wendung gebracht, bei welcher noch nicht alles verloren schien; und so wie schon früher einmal sogar der Sieg vielfache Wirkungen des Überwundenen als Bestehendes aufgenommen und bestätigt hatte, so glaubte Gentz auch jetzt, daß mit der Revolution ein Stillstand nicht unmöglich sei, der einigen ihrer Wirkungen gleichfalls die Rechte von Bestehendem vorläufig einräumte. In diesem Sinne schrieb er einen denkwürdigen Aufsatz, den Inbegriff seiner letzten politischen Überzeugung, das Vermächtnis seiner Ansichten. Ob er darin recht gehabt, ob seine Richtung oder seine Äußerungsweise Tadel verdiene, mag hier unerörtert bleiben; die Tatsache nur sei ausgesprochen, daß Gentz durch jenen Aufsatz im wesentlichen die Grundzüge der Staatsklugheit bezeichnet hat, welchen die gesamte europäische Politik seit Jahren wirklich gefolgt ist und denen sie auch ferner folgen zu wollen scheint. Doch in mancherlei Widerspruch mit Ansichten und Meinungen verwickelt, die dem tieferen Sinne nach wohl auch die seinigen waren, deren jetzige Anwendbarkeit er aber durchaus bezweifelte und daher mit aller Lebhaftigkeit, ja wohl mit gesuchter und sophistischer Entgegensetzung bestritt, sah er zuletzt auch gegen sich noch die Beschuldigung auftreten, die so häufig ungerecht stattfindet, und von welcher Gentz gewiß vor vielen andern freizusprechen ist, daß er seinen früheren Grundsätzen abtrünnig geworden sei und die Farbe gewechselt habe.

Gefaßt und gestärkt lebte Gentz wieder den Geschäftsarbeiten, die oft einen großen Teil seines Tages hinnahmen. Seine Muße widmete er ganz der Liebesneigung, welche ihn zu beglücken fortfuhr. Ein üppig ausgestattetes Gartenhaus mit reichem Blumenflor gewährte den lieblichsten Aufenthalt. Auch seine Einnahmen hatten sich wieder mit seinen während der letzten Zeiten nur gestiegenen Bedürfnissen im Verhältnis gestellt, und aus wechselnden Hülfsquellen, zum Teil aus der unmittelbaren Freigebigkeit des Kaisers, welche für ihn nicht vergebens angesprochen wurde, zog er ebenso große und größere Summen, als früher so manche andre Fundgrube geliefert hatte. Sein Leben konnte auf diese Weise in ebner Bahn noch geraume Zeit fortgehen. Er hoffte es und gestand, daß er auf ein hohes Alter rechnete. Indessen hatte er bereits das achtundsechzigste Jahr angetreten und eine Bahn zurückgelegt, welche als eine vollständige, als eine an die Grenzen ihrer Aufgaben, Wünsche und Hoffnungen durch reiche und wiederholte Erfüllung glücklich hingelangte erscheinen durfte. Größeres schien er nicht mehr erfahren, Schöneres ihm nicht mehr begegnen zu können, als bis hieher geschehen war. In den Staatsgeschäften konnte die volle Gunst früherer Umstände schwerlich wiederkehren; seine Liebe hingegen wurde mehrmals durch längere Trennung und durch die Aussicht getrübt, daß die Zukunft solche nur stets entschiedener herbeiführen müsse. Allein noch genoß er einer guten Gesundheit, und ihn ängstete keine Furcht nahen Sterbens. Da erscholl unerwartet aus Weimar die Nachricht, Goethe sei gestorben. Goethe war dreiundachtzig Jahr alt geworden; Gentz hatte ihn niemals eigentlich geliebt, immer nur wider Willen ihn bewundert und verehrt; man hätte glauben sollen, dieser Tod würde sein Gemüt am wenigsten berühren. Grade dieser jedoch erschütterte ihn durchaus. Er konnte nicht aufhören davon zu sprechen, und daß auch ein Goethe, einer der größten Männer aller Zeiten, sterben müsse, wirkte auf ihn wie ein Wunder und ein Entsetzen. Völlig außer Fassung brachte es ihn, daß dieser Tod nicht größere Wirkung hervorbringe, daß alles so weitergehe; mehrmals rief er aus, dies sei ja ein Weltereignis, eine ungeheure Veränderung, daß Goethe nicht mehr da sei und daß dieses Bewußtsein, diese Lebensgenossenschaft aufgehört habe. Seitdem faßte er den Tod näher ins Auge, und er selbst glaubte sich sterblicher. Vieles ordnete er jetzt in seinen Angelegenheiten, verbrannte den größten Teil seiner Papiere, unter welchen in eigner und fremder Handschrift die kostbarsten Schätze zu vermuten waren.

Noch einige Zeit verstrich in erneuten Anreizungen des Lebens, noch mancher Tag warf einen lieblichen Schein; aber die Flamme selbst, indem sie heller leuchtete, nahte nur um so rascher dem Erlöschen. Ein allgemeines Sinken der Kräfte trat plötzlich ein. Gentz fühlte, daß er aus diesem Zusammenfallen sich nicht wieder aufrichten würde, er war gewiß, daß es mit ihm zu Ende ginge. Und der Schwache, der Mutlose, der sein ganzes Leben hindurch vor dem Tode gebebt, den die zufällige Mahnung an dies gemeinsame Geschick oft ganze Tage verstimmt hatte, der sah jetzt mit Entschlossenheit und Kraft dessen wirkliches Herannahen! Unverzagt blickte er ihm ins Auge und fand die Schrecknisse nicht, die er gefürchtet. Mit starkem Geiste sprach er von seinem Zustande, der bald enden würde, bis dahin sollte man Geduld haben. Er sah den Fürsten von Metternich in gerührter Teilnahme an seinem Krankenlager; die treuste Pflege liebevoller Hände blieb ihm bis zum letzten Augenblick. Am 9. Juni 1832, ohne Schmerzen und fast ohne Leid, entschlief er sanft, denn in dem Maße wie seine Kräfte hatte auch seine Empfindung abgenommen. Wunder und Preis erweckte sein mutvolles Sterben, sein ruhiges Entschlafen; und die Gunst des Himmels, die ihm so vieles verliehen, schien ihr größtes Geschenk ihm bis zuletzt aufgespart zu haben.

Gentz war in der evangelischen Kirche geboren und lebenslang in ihr verblieben; nie hatte er daran gedacht, katholisch zu werden. In seiner religiösen Denkart stand unerschütterlich der Geist der Aufklärung und des Vernunftglaubens fest, der im achtzehnten Jahrhundert allgemein vorherrschte. Das Sittengebot nahm er in einem weiteren und schlafferen Sinne, als die strenge Lehre Kants, dem sein Geist beharrlich anhing, es vorschreibt; aber sein Gefühl blieb stets dem Menschlichen, dem Wohltun und der Güte zugewendet; seine Nächsten zu erfreuen war ihm ein Bedürfnis; besonders liebte er zärtlich seine beiden ihn überlebenden Schwestern, sandte ihnen nach Berlin Geschenke und schrieb ihnen oft. Er haßte niemanden, und wer ihn zu hassen schien, den suchte er zu begütigen; Ungerechtigkeit und Härte auszuüben war er nicht fähig, außer wo Vergessen und Unterlassen, Leichtsinn und Zerstreuung zu solcher Wirkung übergingen. Bemerkenswert ist, daß alle vielfachen Schulden, welche Gentz in Berlin zurückgelassen, nach und nach vollständig abgetragen worden und schon im Jahre 1815 getilgt waren. Zur Berichtigung aber seiner seitdem in Wien durch verschwenderische Sorglosigkeit wieder angehäuften Schulden reichte seine Hinterlassenschaft nicht aus. Noch ist merkwürdig, daß Gentz, der wiederholt auch in Finanzsachen gearbeitet und alle neuen Entwürfe sowie jede wichtige Nachricht immer früh wußte, auf Benutzung des Börsenspieles kaum Bedacht nahm. Er zog es vor, klare, runde Summen aus freier Hand, ohne viele Rechnung und Überschlag, zu empfangen, niemals zum Mehren und Anhäufen, sondern stets nur zum eiligen Verbrauch.

Sein Tod machte allgemeinen Eindruck. Wohl strömten die Tagesfluten, wie bei Goethes Tod, ihre großen und kleinen Wogen darüber hin; aber die Welt, in welcher Gentz gelebt, wußte, was sie an ihm verloren hatte. Dieser Verstand, diese Kenntnisse, dieses Talent mußten überall, wo sie gewirkt, vermißt werden. Die Staatsmänner, die Gesellschaft und vor allem die Freunde widmeten ihm dauernde Erinnerung. Auch aus andern Kreisen hallten ihm aufrichtige Klagen nach. Ihm hatte sich durch Vermittlung eines großen Geschäftshauses ein Briefwechsel mit einer hohen Person in Paris eröffnet, der zu dem vielen Seltnen und Wunderbaren gehörte, wodurch Gentzens Leben und Stellung immer als ganz einzig erscheinen mußten. Eines der Häupter jenes Geschäftshauses sagte nachher, als Gentz gestorben war, von ihm bedauernd: »Das war ein Freund! solchen bekomme ich nie wieder! Er hat mich große Summen gekostet, man glaubt es nicht, wie große Summen, denn er schrieb nur auf einen Zettel, was er haben wollte, und bekam es gleich: aber seit er nicht mehr da ist, seh ich erst, was uns fehlt, und dreimal so viel möcht' ich geben, könnt' ich ihn ins Leben zurückrufen!«

Was er im Ganzen gewirkt und geleistet, läßt sich mit äußerlichen Tatsachen nicht immer darlegen, sondern muß geistig angeschaut und erwogen werden; hier ist der Ausspruch der Wissenden allein gültig und sein Inhalt nicht zweifelhaft. Gentz war der erste und lange Zeit der einzige wahrhaft staatskundige Schriftsteller, der mit Talent und Nachdruck die Sache der Regierungen und der herkömmlichen Ordnung gegen die Revolution und deren Nachfolger verteidigte. Unaufhörlich brachte er neue und schlagende Gründe, gedrängte Schlußfolgerungen, unwiderstehliche Beweisführungen in den Kampf, um den schwierigsten Stand gegen öffentliche Meinung wie gegen herrscherliche Gewalt mit beharrlicher Ausdauer zu behaupten. Nur er, ein gewesener Bürgerlicher und früherer Anhänger der Revolution, nur ein solcher, stark noch gegen den Feind durch den Geist und die Waffen, die er von ihm herübergebracht, konnte mit solchem Vorteil in diesem Streit auftreten. Und auch als Mitstrebende genug in seiner schriftstellerischen Bahn nachfolgten, blieb er stets der Erste, durch Kraft und Sicherheit die einen, durch Vornehmheit und Weltkunde die andern weit überragend. Seine Gedanken und seine Beredsamkeit liehen den Verbündungen der Mächte einen Glanz und Schimmer, deren Mangel oft nachteilig war empfunden worden; seine wundervolle Prosa erhob den Ausdruck der Kabinette zu der Höhe britischer Rednerbühne. Sein Geist wußte die mannigfachsten Werkzeuge zu beseelen; in dem Organismus desselben fehlten vielleicht nur zwei äußerste Glieder: strenger Tiefsinn und rascher Witz; alles, was zwischen diesen Endpunkten einzureihen ist, besaß er in reichster Ausbildung und Brauchbarkeit.

Gentz hat keinen Nachfolger gehabt und konnte keinen haben. Die Stellung, welche er genommen, war die seinige allein, das Erzeugnis seiner Zeit, seiner Eigenschaften, seiner Persönlichkeit. Sein jüngerer Freund Adam von Müller, der schon in Berlin sich ihm eifrigst angeschlossen hatte und später nach Österreich gefolgt war, wäre fähig gewesen, ihn nach einigen Seiten zu ersetzen, nach allen keineswegs; er wirkte aus andren Gesichtspunkten und strebte mit schwächeren Schwingen zu vielleicht höherem Ziel.

Wir schließen hier unsre flüchtigen Umrisse; sie können das Bild nur andeuten, zu dessen vollständiger Ausführung der Zeichner stets noch andre Gaben wünschen dürfte als die seinigen; die reichen Lebensfarben eines Diderot, die scharfen Lichter eines Heine müßten hier behülflich sein, und doch möchte zuletzt noch immer ein Zusatz fehlen, den nur Gentz selber dem Bilde geben kann. Dieser aber wird nicht immer fehlen. Seine meisterhaften Schriften und Aufsätze werden gesammelt werden, seine herrlichen Briefe nicht verschlossen bleiben, und aus diesen selbsteigenen Zeugnissen wird alles über ihn Gesagte erst in sein wahres Licht und Verständnis treten.

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