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Schriften für Deutschland

Paul de Lagarde: Schriften für Deutschland - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorPaul de Lagarde
titleSchriften für Deutschland
publisherAlfred Kröner Verlag
editorAugust Messer
year933
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Religion der Zukunft

1878

Die Abneigung gegen die, wie man sich auszudrücken pflegt, bestehenden Religionen ist in unserer Zeit sehr weit, sogar über die Kreise hinaus verbreitet, welche sich als die sogenannten gebildeten für die allein gültigen Vertreter der Menschheit ansehen: auf einzelnen Feldern des Abneigungsgebietes findet sich eine theoretische, dann und wann zu einer Sehnsucht nach Religion großwachsende Anerkennung der Religion als solcher: in manchen Fällen wird diese Sehnsucht als Hoffnung auf das Erscheinen einer neuen, modernen Menschen angemessenen und genehmen Religionsform kund gegeben, was besagen will, daß man so Herrliches nicht nur zu wünschen wagt, sondern sogar die Erfüllbarkeit des gehegten Wunsches zu erkennen meint: irgend welchem Willen teilen die betreffenden Personen eine Rolle bei der Verwirklichung ihrer Hoffnung nicht zu, weder einem Willen Gottes, welcher offenbarte, noch einem Willen der Menschenwelt oder einzelner Menschen, welcher erwürbe. Es wird der Mühe lohnen, sich über den Wert dieser Hoffnung klar zu werden, nicht allein, weil man überhaupt über ausstehende Aktiva seines Vermögens unterrichtet zu sein allen Anlaß hat, sondern auch, weil die Klarheit über diese Hoffnung notwendigerweise auch über andere Seiten unseres geistigen Lebens Licht verbreiten muß, da die Religion wenigstens von den Hoffenden als das höchste Gut des menschlichen Geistes angesehen wird, und darum wenigstens von ihnen niemals ohne Beziehung auf die weniger hohen Besitztümer der Menschheit gedacht werden kann.

 

Es leuchtet ein, daß je nach den dem Menschengeschlechte gerade gestellten Aufgaben verschiedene Seiten des Ideals zum Bewußtsein kommen werden: in der vorgeschichtlichen Zeit andere als in der geschichtlichen, in Rom andere als in Deutschland. Daraus folgt dann allerdings eine Vielheit der Religionen, welche erst im Laufe der Geschichte zur Religionseinheit werden kann, indem die Menschen einsehen, daß neben der Art Leben, welche sie selbst haben, auch die vielen Arten Leben der andern berechtigt sind, und daher erstrebt werden müssen. Wahrer Monotheismus ist die organische Vereinigung der sämtlichen Religionen: ein Monotheismus, welcher nur aus der Negation und dem Verstande kommt, wie der des modernen Judentums und der modernen Bildung, ist Götzendienst. Daraus, daß die verschiedenen Seiten des Ideals überhaupt zum Bewußtsein kommen können, gründet sich die Möglichkeit der Religion.

Es leuchtet weiter ein, daß es eine sogenannte Naturreligion gar nicht gibt, mithin die Wissenschaft, welche eine solche an die Spitze der ganzen Religionsentwicklung stellt, auf falschem Wege geht. Religion hat niemals Beziehung auf die Natur: sie entsteht und verläuft innerhalb der menschlichen Gemeinde. Gerade weil sie dies tut, sieht sie in der Natur Menschenähnliches, so gewiß das Kind eines deutschen Bauern auch in Frankreich die ihm dort sich darbietenden Gegenstände mit deutschen Namen nennen wird. Der Mensch anthropomorphisierte und heroisierte Naturvorgänge, wenn er es überhaupt tat, nur, weil ihm der Mensch, der Heros, das allein Denkbare, das allein innerlich Bekannte war. So lassen die naiven Maler des germanischen Mittelalters die Personen der biblischen Geschichte in der Tracht des germanischen Mittelalters auftreten.

Was man für die herrschende Ansicht anführt, beweist nichts.

Einmal sind die Mythen allesamt nicht ursprünglich. Bevor die Mythen nicht auf ihre erste Gestalt zurückgeführt worden sind, was aus Mangel an Quellen fast nie möglich sein dürfte, bevor man nicht Ort und Zeit ihrer Entstehung bestimmt erkannt hat, läßt sich aus ihnen gar nichts erweisen.

Sodann sind Mythen, sind Veda und Edda und was diesen beiden näher oder ferner analog ist, in ihrer Gesamtheit durchaus nicht Ausdruck der Religion, sondern Kultus- und Darstellungsmaterial einer Priesterschaft, also nicht die Äußerung eines originalen Lebens, sondern Mittel, um den Nachklang originalen, aber vergangenen Lebens im Interesse nicht der Religion, sondern der Priester festzuhalten. Die Edda ist der krankhafte Mißverstand einer gelehrten, dem germanischen Volke aufgezwungenen Symbolsprache: aus der Karikatur eines Mißverständnisses der Religion läßt sich nur mit äußerster Vorsicht auf die Religion schließen. Und bei den Veden wird es nur dem Grade nach anders sein. Wer aus den Veden und der Edda auf die Frömmigkeit der Urzeit schließt, gleicht dem Theologen, der aus Gabriel Biel oder Duns Duns Scotus † 1308 und Gabriel Biel † 1495, scholastische Theologen. das Evangelium rekonstruiert: dies ist allerdings auch in Biel und Duns vorhanden, aber aus ihnen finden wird es nur, wer es bereits anders woher kennt.

 

Uns liegt das Christentum, obwohl seit viertehalb Jahrhunderten in stetigem Verschwinden, noch nahe genug, um uns an seiner Entstehung klar zu machen, wie eine geschichtliche Religion zustande kommt. Ich berichte kurz über diese Entstehung, um dann aus der Analogie schließen zu dürfen.

Das neue Israel und der Pharisäismus hat es gebaut. Trennung von allem Nicht-Israel (Pharisäer bedeutet Separatist) war das Gebot der ersten, freiwillige Übernahme aller schwersten äußerlichen Pflichten der am schwersten belasteten Heiligen und Priester der Vorzeit das Gebot der zweiten Tafel in dieser neuen Gesetzgebung: der kalte, giftige Hochmut, welcher aus der Beobachtung dieser Gebote floß, wurde noch dadurch gesteigert, daß man ihm einen patriotischen Vorwand in dem rechtsanwaltmäßig gefaßten Glauben an die Erwählung des gepriesenen Volks durch Jahwe und eine metaphysisch-theologische Widerlage in der den Alten nicht bekannten, in der Kindheit auch Israels sogar verworfenen, jeden religiösen Wertes baren Lehre von der Einheit Gottes gab. Und auch dieser Pharisäismus hätte sein Spiel nicht gewonnen, wenn nicht Antiochus Epiphanes seine Narrheit gegen das Judentum ins Feld geführt, und was wie Regenwasser an Wind und Sonne von selbst sich verzehrt haben würde, falls man das Ende hätte abwarten wollen, mit Gewalt und rasch zu beseitigen sich vorgesetzt hätte. Auf Epiphanes antworteten die Makkabäer, und so sehr das Leben sogar für Priester, als sie zu Herrschern geworden waren, die Forderungen des Pharisäismus ermäßigte, so wenig andere Richtungen – die Neigungen älterer Epochen in den Sadduzäern, die Wünsche und verzagend hoffenden Bestrebungen auf eine ferne Zukunft in den Essenern und Enthusiasten – ganz ausgeschlossen waren, die Nation war im wesentlichen pharisäisch, und seit sie dies geworden, der Spott und der Abscheu aller, die mit ihr in Berührung kamen, freilich auch die Zuflucht verbrauchter Wüstlinge, welche in ihrem Schoße Vergebung suchten, wie unbefriedigter Philosöphchen, welche durch einen entschlossenen Sprung in das Gebiet einer Autorität, die noch dazu, indem sie von Moses auf Noe zurückzuweichen gestattete, mit sich handeln ließ, Zweifel und Erkenntnisdrang so geist- und gemütlos abtaten, daß man gegen die Echtheit ihres Zweifelns und Erkennenwollens Bedenken zu tragen allen Grund hatte: auch bildete sich wohl schon damals mancher auf seinen Renten zur Ruhe gegangene Biedermann ein, daß jüdischer Monotheismus Religion, Plato nur der den Gewährsmann seiner Weisheit nicht nennende Schüler des fabelhaften Moses sei, und leistete dem Stichworte Judentum darum das Wohlwollen, welches gleich hoch gestellte Seelen heutzutage den nicht minder wertlosen Stichworten Liberal und National zubilligen.

In dieser Gemeinschaft trat Jesus auf. Geboren und groß gezogen war er nicht im Mittelpunkte, sondern auf einem weit vorgeschobenen Außenwerke derselben, wir dürfen uns vorstellen, daß er als Knabe den Hügel im Nordwesten von Nazareth oft erstiegen, und seinen Blick zum Tabor, zum Hermon und Karmel und über das Mittelmeer habe schweifen lassen: als Mann suchte er Berge auf, wo er vermochte. In ihm, und bis zu einem gewissen Grade auch in seinem gleichaltrigen Freunde Johannes dem Täufer, erstand noch einmal die alte Prophetie. Jedes Volk vermag Nachblüten seines eigensten Wesens zu treiben: Jesus war eine solche von Israel. Doch wenn in dem Prophetentume die Kategorie, in welche der Stifter des Christentums einzuordnen ist, fast möchte ich sagen der Stand gegeben ist, dem er angehörte, so fehlt doch viel, daß dadurch das innerliche Wesen Jesu umschrieben wäre. Dies bildete sich gerade im Gegensatze zu dem Judentume seiner Zeit aus. Eines muß ich meinen Erörterungen hier voraufschicken: im Neuen Testamente gehen zwei sich aufhebende Berichtreihen nebeneinander her, die eine, nach welcher Jesus sich für den Messias gehalten, die andere, nach welcher er der Messias zu sein abgelehnt hat. Indem ich auf das früher (und zuletzt noch in den Semitica) von mir über Messias Gesagte verweise, erkläre ich mich dafür, die andere Reihe für die den Tatsachen entsprechende zu halten, aus dem einfachen Grunde, weil diese schwerlich erfunden worden wäre, schwerlich sich von selbst gebildet hätte, nachdem die weitere Entwickelung der Religion Jesu sich aus hier gleichgültigen Gründen für die erste entschieden hatte. Danach sind mir die Beziehungen Jesu zu seinem Volke negative: er gleicht dem Kopernicus, der, als er mit der Erklärung der astronomischen Tatsachen nicht auskommen zu können erkannt hatte, falls er dem Systeme des Ptolemäus huldigte, die Theorie umdrehte, und, statt die Sonne um die Erde laufen zu lassen, annahm, die Erde laufe um die Sonne. Wenn Jesus als Prophet eine Form israelitischen Geisteslebens erneute, so war er Stifter des Evangeliums, Schöpfer eines noch nicht dagewesenen Lebensstoffes, weil er als Genius, das heißt, als unmittelbarer Empfinder der ewigen Wahrheit, fühlte, sagte und lebte, daß der gerade Gegensatz des von Israel der Art nach verschiedenen, wenn auch aus Israel entstandenen Judentums das sei, worauf es in Zeit und Ewigkeit ankomme. Er nennt sich einen Menschen – denn das ist der Sinn des schon frühe verkannten Namens Menschensohn –, will mithin nicht Jude, wir dürfen wohl hinzusetzen, nicht Mitglied irgend einer Nationalität sein, soferne diese auf eigenen, vorzugsweisen oder ausschließlichen Wert stolz wäre: und weil er Mensch ist, nennt er Wein und Brot sein Blut und seinen Leib. Er verkündet ein Reich Gottes, stellt also in Abrede, daß die Theokratie, welche ein Reich von Priestern, ein Synagogenstaat war, die endgültige Gestalt des Ideals auf Erden biete. Er beschreibt dies Reich als nicht von dieser Welt stammend, nicht in dieser Welt aufhörend, sagt aus, daß es seine Vollendung in des Vaters Hause finden werde, in welchem es viele Wohnungen gebe. Er nennt die Umkehr (das meinte er mit Buße, da er aramäisch redete) den Schlüssel zur Türe dieses Reiches: deutlicher verlangt er neue Geburt für die, welche in dies Reich hinein kommen wollen: das heißt, er leugnet, daß die viel gepriesene Abstammung von Abraham und Jakob Anrecht auf den Genuß der Gottesfreundschaft verleihe: er behauptet, daß Judentum und Evangelium, diese Welt und jenes Leben, natürliches und geistliches Dasein sich nicht verhalten wie die Blüte zum Baume oder der Baum zur Wurzel oder die Wurzel zum Samenkorne, sondern wie ein Ding zu einem ganz andern zweiten Dinge. Er sieht das Reich Gottes als in dem Augenblicke gekommen an, in welchem er gekommen ist, wonach er der Erstgeborene unter vielen Brüdern wäre, die Zelle, an welche andere Zellen anschießen, ein Urheber neuen Lebens und neuer Gestaltungskraft in der Geschichte, nicht bloß Mensch im Gegensatze gegen die in der Nationalität Befangenen, sondern Person als Meister, Typus, Vater ihm gleichartiger Personen, wenn man will, Christ vor Christen. Er kennt die dem Guten feindliche Macht der Welt, welche dem Reiche Gottes so entgegensteht und entgegenlastet, wie die jüdische Nationalität der Menschheit und dem Menschentume. Er verweist auf den heiligen Geist, den Geist der aus ihm geborenen Gemeinde der Heiligen, als den, der in alle Wahrheit leiten, sein Werk vollenden und größeres bieten werde als er geboten.

Aber mit Jesu Leben war seine Wirkung nicht vorbei. Er, der einst klagte, daß die Füchse Höhlen und die Vögel des Himmels Nester haben, er aber, der Mensch, keinen Ort besitze, wo er sein Haupt hinlege, er hat gewiß bald erkannt, daß er alles beim alten lassen müsse, daß die Juden ihn hassen, die Welt ihn töten werde: er hat auch den Wert der Verfolgung und des Todes begriffen oder gefühlt, aber sein wirklicher Tod hat ihm die Herzen der Geschichte ganz anders erschlossen, als sein Leben jemals hätte tun können, und als er von seinem Tode es selbst erwartet haben dürfte.

Jahrhunderte hindurch hatten die Menschen, welche an den Mündungen des Nils und die palästinische und phönizische Küste hinauf bis Byblus wohnten, in gewissen, regelmäßig wiederkehrenden Naturvorgängen Bilder, Typen, Prophezeiungen geistigen Lebens gesehen. Bald hieß es, die himmlische Göttin liebe den Adonis, den in jugendlicher Pracht über die Erde ziehenden Frühling, aber ihr Gemahl töte aus Eifersucht, was ihm ihr Herz geraubt: im heißen Chazîrón, dem Ebermonate, verblutet Adonis, und aus seinen Wunden erblüht das Adonisröschen: die Klage tönt um ihn in allen phönizischen Gauen, und das dem Mörder geweihte Tier ist dort überall ein Greuel. In Ägypten wird Osiris, der gute Gott, von seinem neidischen Bruder Typhon erschlagen: wann die Wachtel wiederkehrt und die Etesien gen Süden wehen, erwacht er. Es ist ein Überschuß des Lebens über den Tod, aber freilich auch ein Überschuß des Todes über das Leben da: die beiden ringen miteinander, und ihres Kämpfens, Siegens und Unterliegens ist kein Ende.

Jesu Tod transponiert diese alten Weisen in eine höhere Tonart, aus Moll in Dur. In ihm war seinerzeit eine Kraft erschienen, deren Äußerungen wenige waren, welche aber alles Vorhandene so weit überragte, daß die ihm nahe Gekommenen das Ende dieses Lebens nicht absahen. Erlosch es gleichwohl, so wollte es nur andern Welten leuchten, so erlag es nicht einer Naturnotwendigkeit, sondern gab sich aus ihm bekannten Gründen freiwillig dahin, so war sein Niedergang geplante Verhüllung eines höheren Aufgangs. Was ist denn wertvoll in der Geschichte? Die äußere Tatsache oder das Vermögen bald hier, bald da zu wirken! Für den Geist sind es keine Fakta, daß am 15. März 44 Cäsar ermordet, am 1. September 1870 Napoleon der Dritte geschlagen wurde: dem Geiste sind das Fakta, daß ehrliche Männer an die alte Herrlichkeit Roms glaubten, als sie nicht mehr zu sehen war, daß auch die reinsten Willen zu unreinen Waffen greifen können, und daß der beste Wille, wenn er dies tut, das schlechteste Ergebnis zutage fördert, daß er gerade das vollends in den prahlenden Tag des Erfolgs heraufführen hilft, was zu vernichten er die Absicht hatte: das ist ihm ein Faktum, daß der Mensch, in Schuld und Sünde schuldlos geboren, von Kindestorheit zu Jünglingsirrtum vorgehend, aber in dem Glauben stark, daß neben der Schlange, welche die Natur ihm in die Wiege gelegt, auch das Angebinde guter Götter ihm beschert sei – als Ersatz für sein unerhörtes Mißgeschick das Vermögen und die Aufgabe Großes zu werden und zu leisten –, daß dieser Mensch tiefer und tiefer falle, wenn er den Mut nicht findet, er selbst zu sein, wenn er mit einem Weibe und einer herrschsüchtigen Soutane eine Verantwortung teilt, die nur ihm zusteht, und der er gewachsen ist, wenn er sie unbeirrt auf sich nimmt: daß er diesen Mut finden müsse, wenn er anderer Geschicke an seine Fersen geheftet hat, weil sonst diese andern alle mit ihm stürzen: daß er ein Verbrecher werden könne aus Schwäche. So ist auch bei Jesus nicht das Gespinst von Wert, welches die Phantasie über ihn geworfen, sondern die Tatsache, daß ein solches Gespinst ihn umweben konnte. Er war zu groß um sterben zu können: die Sonne verhüllte ihr strahlend Haupt, die Erde bebte, als die Menschen Hand an ihn legten, und für tausend Herzen und die ganze Frühlingslust der grämlichen, bekümmerten Welt, welche er erfreut, war er nicht tot, denn sein Werk war durch den Tod nur das empirische Faktum los, was die deutschen Realschüler und neumodischen Orthodoxen für das allein Wertvolle erachten, und konnte die Tatsache des Geistes frei anerkennen und auswachsen lassen. Aus dem Kreuze der Sieg, im Tode das Leben, das Gute durch die Niederlage nur übergeführt in eine herrschaftsfähigere Gestalt. Kind Gottes, hatte Jesus gesagt: sie verstanden Sohn Gottes. Kein Tod kann das Leben töten, hatte Jesus gesagt: sie sahen mit ihren scharfen Augensternen die Leiche des Mannes, und weil sie ihm glaubten, glauben mußten, da er es ihnen angetan, übertrugen sie seinen Satz in den andern: er wird auferstehn, ist auferstanden. Töricht genug, gewiß, aber sehr menschlich. Sind die Neugläubigen etwa klüger, wenn sie das angeblich geistige Gut, die himmlische Offenbarung »Jesus ist auferstanden von den Toten« auf eine Linie mit dem Satze stellen: der Konsistorialrat Soundso wohnt in der kurzen Straße Nummer 111? Jeder große Mann weckt in seiner Umgebung die Poesie: hätte Jesu Leben und hätte Jesu Tod die Poesie nicht geweckt, so wäre Jesus kein großer Mann gewesen: aber die Poesie muß man als Poesie verstehn. Auch zu den hohen Festen der Geschichte werden die Häuser geschmückt: hier war hohes Fest nach langem Pharisäergrame und mitten in dem ewigen Rechtsum-Linksum des republikanisch oder kaiserlich römischen Exerzierplatzes. Wer über jenen und dieses die Menschen hinausheben kann, hat genug getan, und lebt.

Die Juden, welche an Jesus gläubig wurden, setzten sich mit ihm auf ihre Art auseinander, das heißt, sie vermittelten zwischen Evangelium und Judentume.

Unzweifelhaft ist die jüdische Art, die Heilige Schrift zu behandeln, in die Kirche übergegangen, und die Kirche war nur solange gesund, als sie diese Exegese nicht verwarf: denn nur diese Auslegungsmanier vermag den Geist der Gemeinde, also das Leben, gegenüber dem Buchstaben in seinen Rechten zu erhalten. Es mag hunderttausendmal wahr sein, daß ein Psalm ursprünglich einen weltlichen Sinn gehabt hat: für die Synagoge und für die Kirche hat er immer nur die Bedeutung, welche sich mit jüdischer, beziehungsweise christlicher Frömmigkeit verträgt: indem der Protestantismus diese Wahrheit verkannte, und die Grenzsteine zwischen den beiden Gebieten kirchlichen Schriftgebrauches und wissenschaftlichen Schriftverständnisses ausriß, hat er sich selbst das Grab gegraben, und sich so töricht gezeigt, wie ein Arzt sein würde, welcher die treuen Augen seines Weibes in bezug auf die Lagerung der Linsenfäden und die Farbe der Pigmentzellen auf dem Seziertische untersuchte, und danach hoffte, die treuen Augen wieder freundlich leuchten und sorgen zu sehen. Es ist mit den Büchern der Bibel um nichts anders als mit Brot und Wein des Abendmahles: weder jene noch diese gehören in die Kirche, wenn nicht der Segen des Amts über sie gesprochen ist: ohne diesen Segen ist die Bibel ein natürliches Buch mit manchem Guten und vielem Schlechten, enthält das Brot neben dem nahrhaften Mehle auch wohl Hacheln und Lolch. Wer ein gesegnetes Buch in der Gemeinde liest, und gesegnetes Brot am Altare ißt, findet in jenem nur Segen und die Gemeinde, in diesem nur Segen und den Herrn.

Aber auch griechischer und römischer Kultus übte seinen Einfluß: mitnichten einen schädlichen, denn es war nur Heiliges, was die Heiligen aus der alten Heimat in die neue mitnahmen. Schon in der Vorrede zum griechischen Bande meiner reliquiae iuris ecclesiastici 15, 16 habe ich auf derartiges hingewiesen.

Neben diesem allen wirken die Geschicke der jungen Kirche. Als Begräbnisbruderschaft und als Almosenanstalt mußte sie gelten, um eine Stelle im Staate zu finden, auf der man sie dulden konnte, wenn man wollte. Organisation hing an beiden Vorwänden ihrer Existenz, tiefer Ernst an jenem, das Zuströmen der Armut an diesem: und was wäre universaler gewesen als die Armut? was verbreitete den Ruhm der Wunderblume weiter als die Kunde, daß sie den Verlassenen und Verachteten blühe?

Als nun Volk auf Volk in den Schoß der Kirche flüchtete, machte sich auch die Nationalität in ihr bemerkbar. Freilich hatten schon die Juden der ersten Jahre Nationalität in sie hineingetragen, aber unter der falschen Form uralter Offenbarung, darum allerdings wirksamere Nationalität, aber die nicht als Nationalität auftrat. Nicht freilich galt die Nation amtlich, denn Gott und dem Tode gegenüber schwieg irdischer Anspruch, wohl aber war sie fühlbar, weil die verschiedenen Stämme jeder seine eigenen Bedürfnisse, Anschauungen, Willensrichtungen in die Kirche mitbrachte, welche, gerade weil die allgemeine, niemanden hinausstoßen mochte, und, weil jedermann, auch jedermanns Art duldete.

Die Griechen des Orients sannen über die Lehre von Gott, Rom brachte Institutionen, Afrika das punisch gefärbte christliche Seitenstück zum jüdischen Pharisäismus hervor, und Afrika wußte seine Melodie sogar in allerhand Variationen geltend zu machen oder doch zu spielen. Die Kelten lieferten Pelagius, nicht zwar der Kirche, aber dem Widerspruche der Kirche, und neben dem Pelagius eine halb ungeschlachte, halb poetisch-traumwandelnde Frömmigkeit, welche die Füße auf den Boden der Erde zu setzen scheute, und wo sie es aus Versehen tat, rasch die Manieren sehr urwüchsigen und robusten Irländertums zutage treten ließ. Denn sagen wir es nur gerade heraus: die Wirkungen der latenten Nationalitäten waren keine heilsamen, obwohl sie auf Dogma, Ethos und Verfassung der Kirche soweit Einfluß gewonnen haben, daß die Kirche ohne sie jetzt ganz undenkbar ist. Allein das Regieren der Kirche war römisches Regieren.

Aber die Bildung der Kirche ist nicht fertig. Auch die Germanen arbeiten an ihr mit. Nicht bloß die Deutschen, sondern auch Nordfrankreich mit seiner von germanischer Einwanderung so tief beeinflußten, erst durch die Revolution von 1789 in die Machtsphäre des autochthonen Keltentums zurückgeschleuderten Bevölkerung, auch Longobardien im weitesten Sinne des Wortes: sie geben ihr die Innerlichkeit, ohne welche der Verfall des weiten geistlichen Reiches noch schneller eingetreten wäre, als er eingetreten ist. Was sie hinzufügen, ist in ihren Augen nichts neues, ist nur Auseinanderlegung der im Besitze der Kirche vorhandenen Schätze: in den Augen der Geschichte ist es schon Kritik, ist es der Anfang vom Ende. Mystik, dieser Ausdruck nicht im Sinne der Bierbänke genommen, ist allemal der Vorbote der Revolution.

Ich fasse zusammen. Vierzehn Jahrhunderte haben an der christlichen Religion gebaut. Sie ist nicht das Werk einer einzigen Person, nicht das alleinige Werk Jesu, sondern das Ergebnis vieler Bemühungen vieler Menschen und Völker. Sie ist in gewissem Sinne positiv vorbereitet durch den Israelitismus, negativ ganz sicher vorbereitet durch das Judentum, sie ist veranlaßt durch die einzige Persönlichkeit Jesu von Nazareth, weitergebildet durch die Auffassung, welche diesem Jesus, sowohl seiner Person wie seinem Geschicke, in den Gemütern der Menschen wurde: sie ist wesentlich eine Tat des römischen Kaiserreiches und der in ihm vereinten Nationen. Sie ist dem Untergange geweiht durch die jüdischen Elemente, welche in sie aufgenommen waren, durch den Untergang des Leibes, welchem sie als Seele zu dienen berufen war, durch die germanischen Herzen, welche sich ihr zuwandten: die römische Religion durch den Fall Roms und durch das, was in ihr nicht römisch war. Jener jüdischen Elemente schlimmstes war die von mir schon 1872 hinlänglich gewürdigte Anschauung vom Werte des historischen Faktums, und mit dieser grundgiftigen Anschauung haben wir noch in dem Deutschland von 1878 zu kämpfen, in welchem die Hochachtung vor solchen Tatsachen die Fähigkeit, selbst Tatsachen zu schaffen und den Geist höher zu schätzen als den Leib, ganz zu töten auf dem besten Wege ist. Die deutschen Herzen haben, als sie der Kirche sich anschlossen, die sehr richtige Ahnung gehabt, daß gerade der ungemessenen Subjektivität, welche die Stärke, aber auch die Schwäche der germanischen Naturanlage bildet, der Halt einer großartigen Institution nottue, welche das von ihr Aufgenommene schütze und erziehe: sie irrten, als sie vorfinden zu dürfen glaubten, was nur ihres eigenen Strebens unbewußt-bewußt gelungener Bau sein mußte: die römische Kirche hat aber damals nicht begriffen, daß sie die alte, ihr angeborene Katholizität, welche nur die von dem kaiserlichen Rom beherrschten Nationen umfaßte, zu einer die Erde umfassenden Katholizität erweitern müsse, wenn die nie unter des kaiserlichen Roms Szepter gebeugten Germanen in ihr sollten dauernd Platz finden können: die römische Kirche hat das nicht begreifen können, da sie sich eben über die physisch-politische Grundlage der christlichen Religion nicht klar war: sie wäre auch der Forderung nachzukommen unvermögend gewesen, weil kein Leib sich Organe anzusetzen vermag, welche nicht in seiner ursprünglichen Anlage begründet sind.

 

Die voraufgegangene Auseinandersetzung wird zunächst das begreiflich gemacht haben, daß eine neue Religion nicht von heute auf morgen herzustellen ist, daß sie, wenn sie entsteht, die Seele eines Leibes sein wird, und daß sich über die Gestalt einer neuen Religion a priori nichts feststellen läßt, da diese Gestalt lediglich von den Momenten abhängt, welche an ihrer Erwerbung sich beteiligen.

Sodann lehrt die Geschichte der Kirche mit der unmißverständlichsten Deutlichkeit, daß die Kirche die Gemüter genau so lange befriedigt hat, wie noch an ihr gebaut wurde. Als sie fertig war, verließ man sie. Sollten daher nicht auch wir die Befriedigung eben da finden können, wo sie unsere Altvorderen fanden, im Bauen? Sollten wir sie nicht im Bauen finden müssen, da die Jahrhunderte vor uns gezeigt haben, daß Menschen niemals mehr tun können als anfangen oder fortfahren, und wenn sie an das Vollenden gelangt sind, des Vollendeten müde, doch wieder von vorne anheben?

Es wird je länger je mehr sich herausstellen, daß alles, was die letzten 360 Jahre auf protestantischem Gebiete hervorgebracht haben, nicht Entwickelung des Christentums, sondern, soferne es nicht auf den Gesetzen der Trägheit und des Verfalls einer-, auf der vom Drucke der römischen Kirche freigewordenen natürlichen Kraft der germanischen Völker andrerseits beruhte, Neubildung, oder, wenn man lieber will, Versuch zu Neubildungen gewesen ist, welcher das Material und die Baurisse der alten Kirche für sich benutzte. Der Jesuitismus ist ganz gewiß nicht Katholizismus: gibt man diesen Satz zu, wie man tut, weil man vorteilhaft findet, es zu tun, so muß man auch den andern zugeben, daß der Protestantismus nicht Christentum ist, wenn man auch unter seinen Freunden für ersprießlich erachtet, den Schein, als sei er Christentum, aufrecht zu erhalten. In der Geschichte gibt es niemals Rückschritt, niemals Herstellung eines Gewesenen: auch der Versuch auf ein Altes zurückzukommen, ist ein Fortschreiten, und lebt sich in den Formen und Gesetzen der Entwickelung dar, nur liegt sein Ziel nicht im Wege der Pläne Gottes, und darum enden Protestantismus und Jesuitismus – wenn man will, Vatikanismus – notwendigerweise im Sumpfe neben dem Wege, nicht am Ziele, dem Ende des Weges. Wenn der Protestantismus bei seinen Versuchen von der im sechzehnten Jahrhunderte noch verhältnismäßig frischen Naturkraft der germanischen Nationen getragen wurde, so beweisen die durch diese Naturkraft erzielten Resultate nichts für ihn, sondern für jene. Wenn der Jesuitismus für seine Zwecke Nutzen aus der als System wohl geordneten Kraft der Kirche und der Gewöhnung des romanischen, römische Anschauungen naturgemäß liebenden und teilenden Volkes zog, so folgt daraus nichts für den absoluten Wert des Jesuitismus, sondern nur die Zähigkeit des römischen Lebens wird in helles Licht gerückt. Jedenfalls aber steht der Jesuitismus dem römischen Katholizismus erheblich näher, als der Protestantismus dem Christentume. Denn je schwächer der Stoß der angreifenden Kraft auf die beharrende geführt ist, desto näher liegt die Diagonale des Parallelogramms der beharrenden.

Der Weg ist klar vorgezeichnet. Der Jesuitismus muß die Kirche, deren Firma er führt, und die an der germanischen Nationalität zugrunde gegangen ist, aus einer römisch-katholischen zu einer universal-katholischen machen wollen: ich glaube, daß er diese Aufgabe jetzt völlig begriffen hat, und an ihrer Ausführung arbeitet. Die germanischen Völker hingegen haben die Religion mit ihrer Nationalität in Beziehung zu setzen, denn der Protestantismus hat, was er erreicht, nur durch die germanische Naturanlage der ihm Zugefallenen erreicht, und die Stellung gegen Rom ist die natürliche, wenn nicht Christen, sondern Germanen kämpfen wollen. Weltreligion im Singulare und nationale Religionen im Plurale, das sind die Programmworte der beiden Gegner.

Ohne weiteres sieht der Leser ein, daß wir uns nun nach dem Inhalte umzutun haben, welchen eine religionsbildende Bewegung in unserm heutigen Deutschland für sich benutzen wird oder kann.

Es ist derselbe ein doppelter: einmal wird jene Bewegung die ethischen und religiösen Anschauungen unserer und der der unseren noch nahe genug stehenden Epochen, sodann wird sie die natürlichen Eigenschaften des deutschen Volkes für sich mit Beschlag belegen, und in ihr Werk hineinziehen müssen.

Was erstere anlangt, so sind sie nirgends anders zu suchen als im Christentume, das heißt, in der katholischen Kirche, zu deren wirklichem Besitze der Protestantismus auch nicht ein einziges neues Stück hinzugefügt hat. Was vierzehn und mehr Jahrhunderte lang die besten Menschen befriedigt hat, hört dadurch nicht auf, befriedigen zu können, daß es mit Elementen gänzlich unerträglicher Art in Berührung gekommen ist.

Um die Dogmen der Kirche religiös verwendbar zu machen, muß man das jüdische Gift von ihnen entfernen, den grundstürzenden Irrtum vom Werte des einmaligen Faktums. Nichts ist für den Menschen von Segen, als das, was sich jeden Augenblick wiederholen kann. Ein Sohn Gottes, welcher mit der Uhr in der Hand am 1. Januar des Jahres eins, fünftausendfünfhundert oder viertausend Jahre nach der Schöpfung, in Bethlehem oder Nazareth das Licht der Welt erblickt hat, hilft niemandem etwas, der 1878 Jahre nach diesem Zeitpunkte sich mit Gott und der Kreatur abzufinden hat. Analog geht es mit allen andern Dogmen.

Darum hat die Kirche, welche leider in ihren Ansichten vom Werte des Faktums amtlich judaisierte, die Dogmen in eine dem Bedürfnisse der Frömmigkeit jeden Augenblick lösliche Form gebracht, in die des Sakraments. Wirkliche Glaubenslehre erschließt die Prämissen der Sakramente. Als Grundlage der Erörterung darf der Ausspruch dienen, daß im Sakramente göttliche Kraft unter der Hülle irdischer Dinge auf geheime Weise Heil wirke.

Die Taufe, das heißt die Aufnahme in die Gemeinde, ist ein Sakrament, weil dem einzelnen Menschen nur in der Gemeinde das Heil erwachsen kann, weil er nicht von vorne anfangen soll, weil er nicht zu entdecken braucht, was ihm zum ewigen Leben nötig ist, und was er als Einzelperson zu entdecken niemals imstande sein würde, weil er nur neben Frommen fromm werden und sein kann. Das leibliche Nebeneinander verleiht ewiges Heil, weil in den mit dem Erdenleibe verhüllten Seelen die Liebe Gottes leuchtet und wärmt.

Die Firmung ist ein Sakrament, weil das vor der Gemeinde abgelegte Bekenntnis zum christlichen Heile wie jede öffentlich gegebene Erklärung den, der sie gegeben, bindet und hält.

Das Verständnis der Eucharistie ist unsern Zeitgenossen durch den ihnen allein geläufigen Namen Abendmahl (die Engländer sagen noch widerlicher the lords supper) nahezu unmöglich gemacht. In Speise und Trank, aus denen des Menschen Leib sich aufbaut, ist ein geistlicher Segen, wenn sie mit Dank gegen Gott genossen werden. Sie gelten dann als Opfer: jeder Bissen, den wir essen, jeder Schluck, den wir trinken, erinnert uns daran, daß wir Menschen sind und sterben müssen: das scheinbar Natürlichste und am meisten Irdische ist so zu einer religiösen Handlung gemacht.

Die Beichte ist ein Sakrament: das heißt, das naturgemäß geheime und unter dem Siegel unverbrüchlichster Verschwiegenheit abgelegte Bekenntnis der Sünde befreit von dieser Sünde, welche daran stirbt, daß sie einen ihr fremden und feindlichen Mitwisser hat, und welche vergeben ward, weil sie gestorben ist.

Die Ehe ist ein Sakrament, weil durch die leibliche Gemeinschaft zwischen Mann und Weib die Bande geistiger Liebe sich bilden, welche ohne jene Gemeinschaft sich so nicht bilden würden.

Priester sind nichts anderes, als die Repräsentanten des Begriffs Kirche. Die Kirche selbst ist ein Sakrament, denn in dieser sichtbaren Gemeinschaft sündigender, aber ihrem Streben und ihrem Ziele nach sündloser Menschen wird der Geschichte ewiges Leben geschenkt. Diejenigen, welche diese Bestimmung der Kirche ihren Mitbrüdern durch ihr Dasein jeden Augenblick gegenwärtig halten, nennt man Priester. Sie wandeln in der Welt als die, welche nicht von der Welt sind. Als Beichtiger und Seelsorger erleben sie den heißesten Herzschlag irdischen Lebens in nächster Nähe: sie selbst aber müssen, zum Zeichen, daß nicht zeitliches, sondern ewiges Leben das ist, worauf es ankommt, der lockenden Wärme widerstehn, einsam dienen, einsam sterben, und über dem Dienste der Pilgerbrüder oft fast die Sehnsucht nach der Heimat vergessen, deren Grüße ihnen der Glockenklang und das stille Säuseln der Frühlingsblüten zuweht, wie das Lächeln der Entschlafenen sie bringt, von deren Mienen jedwede verkündet, daß, die im Herrn sterben, in Frieden sind.

Die Kirche hat dem Menschen- und Gottessohne Jesus Marien und die Heiligen an die Seite gesetzt: sie hat wohl daran getan. Denn das Ideal ist für niemanden in Jesus erschöpft: nicht wenige der in ihm fehlenden Gestalten und Seiten desselben werden uns von der Kirche anderweitig geboten: die Heiligen- und Marienverehrung ist eine Ergänzung und darum eine Kritik der Christusverehrung.

Es ist höchst charakteristisch, daß die ausdrückliche Männlichkeit in der Kirche niemals zur Geltung gekommen ist, ebensowenig wie die Vaterlandsliebe und die Freundschaft: die Frau hat als Mutter und Magd ihre Stelle gefunden, weil der Mensch ziemlich leicht den Vater, aber kaum je die Mutter vergißt, und auch wenn er sie früh verloren, die Mutter zu entbehren niemals aufhört: weil der Glaube an die jungfräuliche Unberührtheit der Mutter das Geheimnis der Ehe und die Grundlage aller Erziehung ist: Ströme von Segen sind von dem Madonnenbilde auf die Menschenwelt herniedergeflossen, das nur ebenso wie das Christusbild von der jüdischen Anschauung der Einmaligkeit und des dann und dann historisch dagewesenen Faktums losgelöst werden muß. Neben Marien heiliger Frauen, alter und junger, die Fülle, alle Typen und Symbole weiblichen Lebens, wie neben Jesus heilige Männer, monotoner als die Weiber, weil das eigentliche Gebiet des Mannes, die Arbeit in der Welt gegen die Welt, von der Kirche nicht begriffen, und darum auch nicht gewürdigt wurde: stand doch Weltflucht, nicht Weltbesiegung auf der Fahne der katholischen Ethik. Noch in der neuesten Zeit hat sogar die Nachfolgerin der Kirche, allerdings nur als Erbin altkirchlicher Bestrebungen, die Parallele Mariens und Jesu zu Ende gezogen, freilich in so plumpen Linien, daß niemand, der nicht lange mit der Geschichte der Kirche und des Dogmas beschäftigt gewesen ist, in dem, was er sah, den göttlichen Gedanken hat ahnen können.

Zu diesem allen tritt noch ein Moment von allerschwerstem Gewichte.

Es gibt Augenblicke in jedes Menschen Leben, in welchen er eines Planes gewahr wird, der durch sein Dasein hindurchgeht, eines Planes, den nicht er entworfen hat und den nicht er ausführt, dessen Gedanke ihn gleichwohl entzückt, als habe er ihn selbst gedacht, dessen Ausführung ihn Segen und allereigenste Förderung deucht, obwohl nicht seine Hände an ihr arbeiten. Er ist frei, wie der Schachspieler für jeden seiner Züge frei ist: er ist gleichwohl nicht sein Herr, wie der Schachspieler von einem überlegenen Gegner gezwungen wird: er hat das Bewußtsein, daß das Ende der Partie für ihn nicht ein Matt, sondern in einer Niederlage Sieg sein werde, und je näher dies Ende rückt, desto ungeduldiger wartet die Freude an dem nun kaum noch mißzuverstehenden Willen dessen, der den Freien dahin gezwungen, wo ihm höchste Freiheit, weil unbeschränkte Ausgestaltung und Darlegung seines eigensten Wesens beschieden sein wird. Der Meißel tut weh, der aus dem empfindenden Blocke den Gott herausschlägt: je weiter aber der Stahl in seiner Arbeit vorgeschritten, desto stiller hält der Marmor, der sich schon über die aus der Natur erstehende Geistesgestalt freut.

Wie ein Vogel nachts, wann durch seine Träume die Strahlen des neuen Tages leuchten, im Schlafe wenige klagendfrohe Töne dem warmen Glanze entgegensingt, um danach, den Kopf unter den Flügeln, weiter zu schlafen, so ahnt der Mensch im Erdenleben dann und wann der Ewigkeit Freuden, und das unbewußt dem Herzen entflohene Entzücken spricht lauter für diese, als das lange Schweigen, aus dem es sich emporringt, gegen jenes. Aber der eigentliche Beweis für die Ewigkeit der Seele liegt nicht in Ahnungen, sondern in dem Plane, welcher im Leben jedes die Richtung auf das Gute einschlagenden Menschen sichtbar wird. Diesen Plan erkennen, ihm nachsinnen und seiner Verwirklichung sich hingeben, das heißt fromm sein und verbürgt ewiges Leben. Schlechthin alles, auch die Kirche und das Sakrament, ist nur Mittel, diesen Plan Gottes mit den einzelnen Seelen ausführen zu helfen, seine Erkenntnis zu ermöglichen und zu erleichtern: wer es anders ansieht, wer der Kirche, der Wissenschaft, der Kunst, dem Staate Selbstzweck zuschreibt, weiß schlecht Bescheid. Was mit den vom Leben erzogenen Seelen werden soll, ist Gottes Geheimnis: nach dem Tode ist auch noch ein Leben, und die Ewigkeit dauert lange.

Wenn wir nach diesem allen uns fragen, was der Inhalt der Kirche gewesen ist, und was wir als solchen Inhalt in unser neues Reich hinübernehmen können, so wird die Antwort nicht anders lauten dürfen, als ich sie schon 1872 formuliert habe. Das Leben des Geistes folgt überall denselben Gesetzen: das Evangelium ist nach seiner einen Seite hin eine Inventarisierung, die Kirche, soferne sie ein Heilsinstitut ist, durch und durch eine praktische Verwertung dieser Gesetze und der ihnen parallelen Ideale, und so weit sie dieses ist, unvergänglich. An diese Seite der Kirche kann jeden Augenblick wieder angeknüpft werden, weil die geschichtliche Entwickelung zu diesen Gütern nichts hinzutut, und nichts von ihnen nimmt: sie entwickeln sich nur in den einzelnen, aber nicht durch die einzelnen. Und als Grundprinzip der neuen Gemeinschaft wird der Satz zu gelten haben, daß Religion das Bewußtsein von der plan- und zielmäßigen Erziehung der einzelnen Menschen, der Völker und des menschlichen Geschlechts ist.

Mit dem Anerkennen der Ideale ist etwas getan, aber nicht viel. Was uns not tut, ist der Versuch, mit diesen Idealen praktisch Ernst zu machen, das Ideal der Herzen in eine sichtbare Gemeinde zu übersetzen, welche auf nichts aus wäre, als zu sein, und welche in der vollendeten Anspruchslosigkeit eines allein mit dem Ewigen beschäftigten Lebens ohne Worte das Evangelium predigte.

Es wird notwendigerweise auf eine Stätte für die Sakramente zu sinnen sein, in welcher sie zu wirken imstande sind, auf eine Verbindung aller derer, welche vor Gottes Augen leben wollen, welche auf die durch des höchsten Meisters Hand in Angriff genommene Bildung ihrer Seele achten und ihr danken. Alles Geistige muß auf der Erde einen Leib haben, um in der Geschichte tätig sein zu können: dieser Leib baut sich von selbst auf, wo man den Geist nicht hindert ihn zu bauen. Auf das Wegräumen der Hindernisse also kommt es vorläufig, auf die Bildung einer Zucht und Treue haltenden Gemeinde hauptsächlich an.

Finden sich die Menschen für diesen Versuch in Deutschland nicht, und nicht bald, so können wir nur auf die Zukunft unseres Vaterlandes verzichten: Deutschland wird dann noch eine Weile existieren, zu leben wird es bald genug aufhören.

Ich wende mich zu der germanischen Naturanlage, welche in der Kirche der Zukunft sich geltend machen muß.

Es war ein zu rasches Vorgehn, als Jesus das Menschentum als das Wesentliche im irdischen Dasein bezeichnete. Das ethische Leben schreitet nicht in Sprüngen fort: jeder, der es sprungweise sich entwickeln lassen will, schadet ihm. Soviel Unheil an dem Glauben der Welt an das Dogma von dem eingeborenen Sohne Gottes hängt, der Fleisch geworden – das Richtige wäre das Bewußtsein gewesen, daß die Idee der Menschheit ein unmittelbarer Gedanke des Schöpfers ist –, so viel Nutzen hat er insoferne geschafft, als er den Irrtum verdeckt und dadurch unschädlich gemacht hat, daß Jesus unter Beseitigung der Mittelglieder vom palästinensischen Juden sofort beim Menschen angekommen ist. Es war gewiß begreiflich, daß ein mit dem Instinkte des Ewigen begabter Mann vor den ihn umgebenden Juden als Masse nichts anderes als Abscheu empfand: die Griechen und Römer unter Ptolemäern und Cäsaren hatten sogar, ohne jenen Instinkt zu besitzen, keine anderen Gefühle für die Palästinenser als die äußerster Verachtung und gründlichster Abneigung: man bedenke nur, was so ernste Leute wie Tacitus und Juvenal über den Gegenstand gesagt: der Ausdruck odium generis humani ist dem Tacitus sicher nicht von religiösem Vorurteile eingegeben. Israel hat, so viel wir wissen, eine Antipathie nicht eingeflößt: woher der Unterschied zwischen ihm und Judäa? Daher, daß Israel ein naives Volk wie alle andern Völker, Judäa ein Kunstprodukt war. Durch Esdras und die Pharisäer waren die Nachkommen des alten Israel abgerichtet worden Juden zu sein: darin, daß infolge dieser Abrichtung alle die unangenehmen Eigenschaften des israelitischen Nationalcharakters mit dem Anspruche auftraten, als ein Gottgewolltes zu gelten, lag das Empörende. Nun ist Jesus bei Matthäus 19, 8 ganz wie Paulus an die Römer 5, 20 darüber klar, daß das Gesetz ein Ursprüngliches nicht ist: aber er hat nicht gesehen, daß die Seele der jüdischen Nation eben dieses unursprüngliche Gesetz war, und daß jeder, der ein nicht Originales als Lebensmittelpunkt verwendet, dadurch zum Zerrbilde wird. Jesus hat eine Nation im eigentlichen Begriffe des Wortes gar nicht gekannt, und darum hat er den Sprung aus der ihn anwidernden Homunkulität seiner Umgebung – dabei lebte er noch in dem verhältnismäßig gesunden Galiläa! – in das Menschentum gewagt und wagen müssen, statt allmählich über Geschlecht, Stamm und Volk zu diesem Menschentume fortzuschreiten.

Zur weiteren Erläuterung des Gesagten verweise ich auf den Jesuitismus. Auch er ist ein Kunstprodukt, und die fanatische Abneigung gegen ihn ruht darauf, daß er dies ist. Diese Abneigung ist so stark, daß sie sonst nüchterne und gerechte Menschen übersehen läßt, wieviel ethische Kraft im Jesuitismus steckt, wie nahe er der Kirche steht, und wieviel Segen er infolge davon zu bringen vermag: man empfindet (von Einsicht ist ja nirgends die Rede) lediglich die Dressur, und man sieht infolge dieser Dressur jeden Jesuiten als unwahrhaftig an.

Jesus hat dem einzelnen Juden gegenüber mit vollendeter Genialität die Notwendigkeit der neuen Geburt betont, welche wie zur alten Natur, so auch zur Dressur sich feindlich verhält: sollte er sich klar darüber gewesen sein, daß die jüdische Nation gar nicht neu geboren werden könne? daß nur ihre einzelnen Mitglieder, nicht aber die Gesamtheit als solche, die Manieren des geistigen Exerzierplatzes los zu werden vermöchten?

Wende ich nun das Gewonnene auf unser Vaterland an, so muß ich auch von diesem Gesichtspunkte aus meinen geflissentlichen Gegensatz gegen die Politik seiner leitenden Staatsmänner aussprechen, und aufs Neue die dieser Politik allein gründlich ein Ende machende Anerkennung fordern, daß die deutsche Nationalität nicht in den gebildeten, sondern in den ungebildeten Untertanen des Deutschen Reiches, in den gebildeten nur liegt, soferne sie über den wirklichen Tatbestand völlig klar Bescheid wissen.

In früheren Zeiten haben unsere Nachbaren uns keine grundsätzliche Abneigung entgegengetragen. Der Deutsche war linkisch und pedantisch: darüber lachte man. Er aß und trank entsetzlich viel, er spielte: das fand man nicht schön. Aber sonst verkehrte man mit ihm, wie man überhaupt mit Menschen verkehrt: man duldet Mißfälliges, weil man mehr oder weniger genau weiß, daß man des andern Mißfallenden selbst genug an sich trage. Man hebt die Unbequemlichkeiten gegeneinander, und behält einen anerkannten und erfreuenden Wert von ziemlichem Belange übrig.

Jetzt ist die Sache anders. Die Deutschen sind die am lebhaftesten gehaßte Nation Europas: sie stehn mit Juden und Jesuiten auf Einer Stufe der Wertschätzung. Der beste Mann Deutschlands, der Feldmarschall Moltke, hat die Tatsache, daß uns niemand in Europa liebt, von der Rednerbühne des Reichstages zugegeben.

Die Lösung des Rätsels ist einfach. Das, was jetzt Deutsch heißt, ist ebenso ein Kunstprodukt wie Judentum und Jesuitismus: den wirklichen Deutschen kennt das Ausland gar nicht, da er nicht reist, als in gottlob seltenen Fällen mit dem Gewehre auf der Schulter, und da das sich in Deutschlands Gasthäusern aufhaltende Ausland ihn auch in Deutschland nie zu Gesichte bekommt.

Die Lösung wird durch einen bekannten Umstand auch von einer anderen Seite her als richtig erwiesen. Jedermann weiß, daß in Baiern und Württemberg der Preuße des höchsten unbeliebt ist. Der Reichskanzler hat am 16. April 1869 öffentlich erklärt, daß Preußen dem deutschen Süden zu national, zu liberal, zu nationalliberal sei. Was ist die norddeutsche sogenannte Nationalität, was ist der Liberalismus anderes, als Homunkulität? Vor allem die Baiern haben eine Naturwüchsigkeit, mit welcher jeder wirkliche Deutsche, auch wenn er in der Mark oder am Solling geboren ist, vortrefflich, jeder liberale Deutsche niemals fertig wird: unsere sogenannten gemeinen Soldaten haben weder über die Baiern, noch haben die Baiern über sie geklagt, weil sie wie jene und jene wie sie Deutsche sind, während die norddeutschen Wohlgeboren, jene Bourgeoisie (das deutsche Wort Bürgerschaft wäre schlecht am Platze), mit welcher nach einer am 22. November 1876 in einem offiziösen Blatte abgegebenen Erklärung der Fürst von Bismarck sein Werk gemacht hat, und auf welche er sein Werk noch jetzt stützt, von deutschem Wesen allein den Namen und einige, nur durch hohe Wärme der Ereignisse an den Tag zu lockende, verschüttete Reste haben.

Auf der Oberfläche des neuen Deutschen Reiches schwimmt der Literat, und zwar der offen und der heimlich von irgend einem Parteihaupte geleitete Literat. Diese Wasserpest muß aus unseren Flüssen und Seen ausgerottet, das politische System muß vernichtet werden, welches ohne sie nicht existieren kann: der reine Spiegel wird alle Blumen des Ufers und alle Sterne des Himmels zurückstrahlen, die alten Götter werden aus den Fluten tauchen, und niemand wird uns weiter gram sein.

Das neue Deutschland ist seinem Inhalte nach, soweit derselbe amtlich anerkannt und vermehrt wird, nicht deutsch. Unsere klassische Literatur des vorigen Jahrhunderts – ich habe schon früher einmal darauf hingewiesen – ist in den Personen einzelner ihrer Träger, aber nicht als Literatur, deutsch: sie ist kosmopolitisch einerseits, sie strebt andererseits nach griechischen und römischen Idealen.

Der Inhalt dieser Literatur ist von Hegel mit charakteristischer Übergehung gerade ihrer besten Teile scholastisiert, und dieser Scholastizismus Hegels mit seinem kosmopolitischen, undeutschen, ja widerdeutschen Inhalte ist von Preußen in die Schulen getragen, ist durch den Freiherrn vom Altenstein und seinen als Knappen verkleideten spiritus rector Johannes Schulze zum Gedanken- und Gefühlsinhalte nicht einer Nation, sondern der sich für die allein Berechtigten ansehenden Menschen gemacht worden, durch welche die jetzt herrschende Partei ihre Anhänger leiten läßt. Das alte Deutschland ist mit nichten tot: aber es liegt viel tiefer und viel höher, als wo es der jetzige Reichskanzler und seine Freunde suchen. Was als klingendes Metall in den Glockenguß der Zukunft hineingeworfen werden wird, hat mit der Presse, und vollends mit einer Regierungspresse, nichts zu tun: hinter dem Pfluge und im Walde, am Amboß der einsamen Schmiede ist es zu finden: es schlägt unsere Schlachten und baut unser Korn.

1835 erschien ein Buch, das zu den Epochemachendsten gehört, die je gedruckt worden sind, Jakob Grimms deutsche Mythologie: geschrieben ist es mit der vollen Empfindung deutschen Wesens und deutscher Poesie. Wieviele leben, die es so genossen haben und genießen, wie sein Verfasser es gemacht? Die unschuldig herben Sonnen deutschen Rechts sind unsern Zeitgenossen so tot, wie die alten Sagen und Bräuche unserer Nation.

So beharrt die deutsche Art in den Gewohnheiten des ethischen Lebens?

Gewiß beharrt sie da, und es ist unser Trost, daß sie es tut. Aber sie wird zu begreifen haben, daß sie Herrin im deutschen Hause sein, und das deutsch redende Gezücht zertreten muß, das in diesem Hause umherkeist und -giftet und fremden Göttern dient. Sie zu schildern wie sie beanspruchen darf geschildert zu werden, wird ernsten Fleiß kosten, und kann dieser Zeilen Aufgabe nicht sein, wie es die Kräfte ihres Verfassers weit übersteigt. Hier genügt es auf zwei Urteile über das Wesen der Deutschen hinzuweisen. Beide sind vor dem traurigen 1819 geschrieben, in dem Jakob Grimm klagte, daß von so vielem, was in früherer Zeit geblüht, nichts mehr übrig geblieben sei.

Johann Gottlieb Fichte sagt in seiner siebenten Rede an die deutsche Nation: So trete denn endlich in seiner vollendeten Klarheit heraus, was wir in unsrer bisherigen Schilderung unter Deutschen verstanden haben. Der eigentliche Unterscheidungsgrund liegt darin, ob man an ein absolut Erstes und Ursprüngliches im Menschen selber, an Freiheit, an unendliche Verbesserlichkeit, an ewiges Fortschreiten unseres Geschlechts glaube, oder ob man an alles dieses nicht glaube, ja wohl deutlich einzusehen und zu begreifen vermeine, daß das Gegenteil von diesem allen stattfinde. Alle, die entweder selbst, schöpferisch, und hervorbringend das Neue, leben, oder die, falls ihnen dies nicht zuteil geworden wäre, das Nichtige wenigstens entschieden fallen lassen, und aufmerkend dastehn, ob irgendwo der Fluß ursprünglichen Lebens sie ergreifen werde, oder die, falls sie auch nicht so weit wären, die Freiheit wenigstens ahnen, und sie nicht hassen, oder vor ihr erschrecken, sondern sie lieben: alle diese sind ursprüngliche Menschen, sie sind, wenn sie als ein Volk betrachtet werden, ein Urvolk, das Volk schlechtweg, Deutsche.

Frau von Stael schreibt in ihrem Buche über Deutschland, nachdem sie sehr einsichtig über französisches Wesen geurteilt, die Überlegenheit der Deutschen bestehe in drei Eigenschaften, der Unabhängigkeit des Geistes, der Liebe zur Einsamkeit, der Eigenartigkeit der einzelnen Menschen.

Wer die Signatur des neuen Deutschen Reichs kennt, wird, wenn er dies gelesen, mit Tränen im Auge wissen, wie deutsch dieses Reich ist.

Unabhängigkeit ist nicht allein fast ein Verbrechen in einem Lande, in welchem die öffentliche Meinung so geflissentlich gepflegt und so sehr gefälscht wird wie jetzt bei uns, sondern sie ist da fast unmöglich, wo es so schwer gemacht ist, auf eigenen Füßen zu stehn wie in unserm Vaterlande.

Liebe zur Einsamkeit: vergleiche die Wirtshäuser und den Wirkungskreis des Zeitworts amüsieren.

So leicht wird niemand leugnen, daß keine Titel jetzt häufiger gehört werden, als die eines liebenswürdigen Gesellschafters, eines bequemen Kollegen, eines korrekten Beamten. Was sagen aber diese Titel anderes aus, als den vollständigen Mangel an Ursprünglichkeit? Den Mangel dessen, was Goethe das Anonyme im Menschen genannt hat, auf welchem allein der Wert der Persönlichkeit beruht? Niemand wird Unliebenswürdigkeit, Unbequemheit, unkorrektes Wesen für einen Vorzug, ja auch nur für erträglich halten: aber daraus folgt nicht, daß die von den Zeitgenossen so ausschließlich betonten Eigenschaften das Nationale des Geistes, und nun gar des deutschen Geistes, erschöpfen.

Die Eigenartigkeit des einzelnen Menschen wird verfolgt, wo sie sich irgend an die Öffentlichkeit wagt. Natürlich: wo die allgemeine Meinung Staatsinstitution ist, darf die individuelle Originalität nicht gelten. Der Reichskanzler hat am 28. März 1867 seinen Glauben ausgesprochen, daß das allgemeine Stimmrecht bedeutendere Kapazitäten in den Reichstag bringen werde als jedes andere Wahlrecht, weil man, um mittelst dieses Stimmrechts gewählt zu werden, in weiteren Kreisen, nicht bloß in den Gevatterschaften, ein Ansehen besitzen müsse. Ich kann nicht zugestehn, daß die Tatsachen seine Erwartung erfüllt haben. Es gibt im heutigen Deutschland, und zwar in dem offiziellen wie in dem oppositionellen, keine größere Sünde als Originalität, welche weder in der Presse besprochen, noch in die gesetzgebenden Versammlungen gewählt, noch zu einem Einflusse auch nur in kleineren Kreisen verstattet werden darf. Die mit Prokura für die Parteiprinzipien betrauten Oligarchien sehen es überall, vom Niemen bis zum Bodensee, als persönliche Beleidigung, mindestens als eine Unart an, wenn nach ihnen jemand auch nur eine Meinung äußern, geschweige denn, wenn er ein Urteil begründen will. Ein Leitfaden des jetzt in Deutschland geltenden Faustrechts wird kurz sein: dies Faustrecht tritt in den Formen des parlamentarischen Rechtsstaats auf. Der Ruf nach Schluß der Debatte ersetzt alle Gründe in durchaus unblutiger, also der Zivilisation völlig gemäßer Weise.

Vergesse man übrigens nicht: wenn Fichte das Ursprüngliche, wenn Frau von Stael Unabhängigkeit des Geistes, Liebe zur Einsamkeit und Eigenartigkeit des Einzelmenschen für das den Deutschen Charakteristische erklärt, so ist damit wenig mehr als ein Formale gewonnen: den positiven Inhalt des Deutschtums müssen wir anderswoher erkennen als aus den Verneinungen, daß der Deutsche nicht abgeleitet, nicht abhängig, nicht anderer bedürftig, nicht einer wie alle ist. Mindestens in der Originalität der Individuen wird es eine Grenze geben, weil sonst ein Nationaldeutsches gar nicht vorhanden sein könnte.

Das Deutschland, welches wir lieben und zu sehen begehren, hat nie existiert, und wird vielleicht nie existieren. Das Ideal ist eben etwas, das zugleich ist und nicht ist. Es ist die im tiefsten Herzen der Menschen leuchtende Sonne, um welche unsere Gedanken und Kräfte; um welche auch alle die Mittelpunkte schwingen, welche unser Leben umkreist, eine Sonne, deren Schein fahl und bleich wird, wenn sie aus den Tiefen der Seelen an das Tageslicht emportaucht. Die Blumen und Bäume freuen sich an Hyperions Strahlen, die Menschen gedeihen nur an der geheimnisvollen Wärme eines nie gesehenen Sternes. Die deutsche Nationalität ist wie jede andere Nationalität eine Kraft, welche nicht gewogen, geschaut, geleitet, beschrieben werden kann, welche da ist, wann sie wirkt, welche überall da ist, wo in Deutschland etwas wächst und gedeiht.

Es wird daher wohl bei dem sein Bewenden behalten, was ich früher auseinandergesetzt. Je mehr einzelne Deutsche, welche das auf den letzten Seiten dieser Abhandlung Gesagte anerkennen, sich zu bilden, das heißt, das in dem ihnen durch Geburt und Anlage gegebenen Materiale schlummernde Gottesbild herauszuarbeiten bemüht sind, desto klarer wird uns unser Wesen werden. Originalität ist überhaupt, weil und wenn ein ethisches Gut, nichts Angeborenes, sondern etwas Erworbenes: die Forderung besteht überall, nicht bloß in Deutschland, daß die menschliche Gesellschaft nur aus Originalen sich zusammensetze, weil Gott denselben Gedanken nicht zweimal denkt, also jeder von Gott gewollte Mensch anders sein muß als sein Nebenmensch. Deutschland würde gegründet werden, indem wir gegen die jetzt gültigen; aus dem Vorhergehenden deutlich genug zu erkennenden Laster ersichtlich undeutsch beeinflußter Zeit uns verneinend verhielten, indem wir zur Abwehr und Bekämpfung dieser Laster einen offenen Bund schlössen, welcher der äußerlichen Kennzeichen und Symbole so wenig entbehren dürfte wie der strengsten Zucht, indem weiter jedes einzelne Glied dieses Bundes den treuherzigsten Haß gegen seine eigenen Fehler und eine bescheidene, scheue, aber warme Liebe für alles hegte, was ihm – ich sage nicht gut, sondern etwas anderes, wie mich deucht, völlig Deutsches –, was ihm echt zu sein schiene, und sich als echt erprobte.

Eine Aufgabe von Jahrhunderten! Aber nur auf dem Wege zum ewigen Leben liegt ein Vaterland, so wahr auch im ewigen Leben, wie jeder anderen Nation Genossen als solche, so auch der Deutsche als Deutscher noch wird zu erkennen sein, und so wahr ihn nicht bloß als Ich und als Menschen, sondern auch als Deutschen Gott und alle Seligen lieben.

Der Weg zur Religion ist selbst Religion: ihn gehn die einzelnen Menschen, Nationen nur durch die einzelnen Menschen. Darum die Bahn frei für diese! Alles fort, was die Dutzendbildung befördert! Kein Versuch mehr, von oben her künstlich zu fabrizieren, was aus der Tiefe in vollster Freiheit wachsen muß! Regieren würde heißen dürfen, der Nation die Ziele zeigen, ihr die Hindernisse auf dem Wege zu diesen Zielen wegräumen, vorweg leben: aber solche Deutung ihrer Aufgabe erwartet man von den Regierungen längst nicht mehr. So müssen wir uns begnügen Technikern als Technikern die Verwaltung unserer gemeinsamen Angelegenheiten in die Hände zu geben, soweit wir diese Angelegenheiten nicht selbst besorgen können, und selbst Mann für Mann das eigentlich Wesentliche zu tun.

Es wird sich nun zuletzt fragen, ob in unserm Deutschland Aussicht ist, daß die hier geforderte Arbeit in Angriff genommen werden werde.

Die Antwort lautet: Nein. Einmal nicht, weil die Einzelpersönlichkeit durch die Fülle des vorhandenen Kulturmaterials durchzudringen außerstande, und dadurch für sie die Möglichkeit zu voller Entfaltung ihres Wesens zu gelangen, fast ganz verschwunden ist: wir sind allgemach vor lauter wirklichem und eingebildetem Reichtume bettelarm geworden. Zweitens nicht, weil man amtlich das Kulturmaterial für die Ordnung der Geschichte so benutzt hat, daß nur besonders fein empfindenden Gemütern, nur den wenigen, welche einsehen, daß man nichts besitzt als das, was man selbst erwirbt, eine Arbeit überhaupt noch nötig scheint: weil das Leben des einzelnen so bis ins kleinste von Amts wegen bestimmt ist, und mehr und mehr noch genauer bestimmt werden wird, daß so leicht niemand über die Vizegötter, den Staat und die Kultur, und das Walten dieser beiden hinweg die erziehende Hand des lebendigen Gottes spüren kann, während das Geheimnis der Frömmigkeit eben in dem zugleich Sehen und Nichtsehen der persönlich Personen erziehenden Vorsehung, nicht in dem sich Beugen unter den unpersönlichen Zwang der Massen auf Massen besteht. Drittens nicht, weil die leitenden Gewalten müde, eigenwillig und ohne energischen Zusammenhang mit dem alten Deutschland sind, und darum alles nach Kräften hintanhalten, was die freie Persönlichkeit befördern würde: weil man die Meinung hegt, daß, wenn die Sache oder das Wort für die Sache da ist, nichts zum Glücke notwendiges fehle.

Ich vermag, wenn Regierung und Volk nicht von jetzt ab ganz andere Wege einschlagen, von der irdischen Zukunft Deutschlands nichts zu erwarten als Welt im Gewande des Himmels, Despotismus, der als Freiheit auftritt, die Verwandlung der Erde in einen großen Speicher von Gütern, welche zu genießen und zur Schaffung neuer Werte zu verwenden niemand da sein wird, also keine neue, am allerwenigsten eine deutsche Religion: denn das, woraus alle Zukunft wächst, der einzelne Mensch, wird von der Regierung und den Parteien geflissentlich zurückgeschoben, ja verfolgt.

Es mag ein letztes, das schon Auseinandergesetzte in etwas anderer Form wiederholendes Wort zur Aufklärung und Verständigung vielleicht nicht ganz verloren sein.

Die Revolution von 1789 ist in einer Hinsicht in nichts von der sogenannten Reformation von 1518, von dem deutschen Reichsdeputationshauptschlusse, von den schwächlichen Bestrebungen des Jahres 1848 verschieden: sie ist wie jene, in erster Linie eine Umwälzung der Eigentumsverhältnisse: das Gut des Adels, der Kirche, der Fürsten wird frank und frei in andere Hände geschoben. Aber man hängt dem Vorgange den Mantel philosophischer Erwägung um, setzt ihm die Flitterkrone des Naturrechts auf das Haupt. Diese Seite der Sache ist vorläufig überwunden: die Aneigner besitzen jetzt ihren Erwerb als rechtmäßiges Eigentum, und werden nicht unterlassen, zu dieses sonderbaren Eigentumes Schutz vorkommendenfalls die bewaffnete Macht, zu seiner Begründung neben philosophischer Erwägung auch das geschriebene Recht anzurufen, bis auch ihren Nachkommen einmal das Stündlein irgend welcher Errungenschaften schlägt. In einer Hinsicht also hatte die Revolution mit Prinzipien nichts zu schaffen: sie entfloß der nackten Begehrlichkeit der nicht Besitzenden.

Die sogenannten Prinzipien von 1789, welche für die Verrückung des Besitzes den Vorwand abgeben mußten, und denen man noch heute allgemeine Bewunderung widmet, sind vorwiegend negativen, nicht positiven Charakters. Man wandte sich 1789 gegen Mißbräuche, welche unbedingt zu beseitigen waren, gegen Unfug und Ehrlosigkeit, welche kein anständiger Mann dulden durfte, und welche nur zu lange geduldet worden waren. Mit dem Nein hatte man damals in Frankreich nahezu völlig recht: nur waren die meisten derer, welche das Nein aussprachen, sittlich gar nicht befugt mitzusprechen. Die positiven Prinzipien von 1789 waren Theoreme. Während man den Plan des alten Gebäudes hätte studieren sollen, um aus seiner Kenntnis zu ermessen, wo er verderbt worden war, während man mit dem Hammer jeden Stein hätte beklopfen müssen, um zu hören, ob er noch gesund sei und noch zu tragen vermöge, oder durch einen frischen zu ersetzen stehe, riß man im Vertrauen auf die eigene Einsicht und Kraft alles nieder, und hub an neu zu bauen, nicht für Bedürfnisse, sondern nach Idealen, und zwar nach den Idealen der durch jene Jahrhunderte alten Mißbräuche krank und einseitig gemachten, leidenschaftlich erregten, also zum Neuordnen großer Verhältnisse mindestens nur bedingungsweise befähigten Menschen. Der Rückschlag gegen dies Treiben blieb nicht aus. Napoleon rettete die Gesellschaft vor der Fortsetzung des Unternehmens, sie zum Versuchsfelde für politische Seminare zu machen: seine Rettung gelang ihm, weil die Gesellschaft gerade so weit war, die Änderung der Eigentumsverhältnisse durch eine Buchung legalisieren zu wollen. Die Restauration strebte die geschichtlichen Grundlagen Frankreichs als Fundamente eines neuen Baus zu verwenden: sie hatte soviel Erfolg wie Napoleon, weil die nach 1789 Beraubten in den alten Besitz, wenigstens soweit es möglich, wieder eingesetzt zu werden wünschten. Im Grunde scheiterten Napoleon und die Restauration: denn sie handelten nicht als Politiker, sondern unter dem Mantel hoher Politik als ganz gemeine Egoisten, ohne Ideen, nur von dem Gesichtspunkte aus, die Macht für bestimmte Hände zu sichern. Das System Louis-Philippes ist der durch den Überdruß und die Unfähigkeit angestellte Versuch einer Aussöhnung zweier unversöhnbarer Feinde, der Revolution und der Geschichte, ein Versuch, welcher beide fälschte, und welcher überdies nicht minder egoistisch war als Napoleon und die Restauration. Louis-Philippe schuf sich eine Partei durch Förderung der materiellen Interessen und durch die Verbreitung eines gleißnerischen Scheines von idealem Besitze: er stützte sich nicht auf die innere Anlage der französischen Nation: er mühte sich nicht, ihre Fehler zu beseitigen, ihre Tugenden zu erziehen, sondern er benutzte jene, wo es ihm sein Geschäft zu heben schien, er zertrat diese, wo sie ihm unbequem waren: er war, trotzdem er so hieß, nicht der König der Franzosen, sondern der König der Epiciers, der Bourgeois und der zahllosen politischen Streber, welche aus den Kreisen dieser Bourgeois hervorgingen: Frankreich war ein Land dreifach gemischter Bevölkerung, Louis-Philippe akzentuierte das Keltische in ihm, und wunderte sich später, als der Gallier ihn wegjagte.

Die Prinzipien von 1789 sind nach Deutschland verpflanzt worden, und ihre Vertreter nennt man Liberale. Bei uns praktisch geworden sind diese Prinzipien nur in der Gestalt, welche sie 1831 angenommen: sie leiden auf Deutschland natürlich noch weniger Anwendung als auf Frankreich. Denn wenn sie überhaupt aus der Theorie, nicht aus dem Bedürfnisse und der Wahrheit stammen, wenn sie die rücksichtslose Ehrlichkeit ihrer aus Überzeugung schwärmenden, mordenden und sterbenden Väter schon unter Louis-Philippe eingebüßt haben, so haben sie nirgends auf der Welt mehr ein Recht Prinzipien zu sein: durch den spezifisch und sehr originell keltischen Beigeschmack, welchen sie aus dem Paris von 1789 mitgebracht, wurden sie für Deutschland weder genießbarer noch berechtigter, das, von Hause aus aristokratisch veranlagt, durch die keltische Gleichmacherei nur undeutscher und eben darum unglücklicher werden konnte. Die Antwort der deutschen Regierungen auf diese undeutschen Gelüste wurde nicht aus der deutschen Geschichte genommen: vielmehr haben sich die deutschen Regierungen jener Gelüste durch Mittel erwehrt, wie sie Macchiavelli nicht verschlagener und nichtsnutziger hätte ersinnen können: sie haben zugegeben, was sie verweigern mußten, und haben nach 1819 und 1848 hinten herum die Möglichkeit strammer Regierung dadurch festgehalten, daß sie eine Partei schufen, welche unter wechselnden und beliebig zu kombinierenden Titeln jenen Epiciers und Bourgeois der Orléans entsprach, die Gebildeten, die Liberalen, die Nationalen. Die Regierungspartei besteht im heutigen Deutschland aus den Personen, welche amtlich mit Wohlgeboren angeredet werden: und dieser Partei wird weisgemacht, daß sie das deutsche Volk sei. Das ist die Wurzel unsres Unglücks. Das Volk, mit dem doch allein die Regierung zu tun haben sollte, und das zum Glücke für uns in die Städte und in die Kreise jener amtlich Wohlgeborenen noch vielfach tief hineinreicht, bleibt gänzlich außer Betracht. Dies wirkliche Volk trägt die Spuren unsres Jahrhunderte langen Mißgeschicks, aber es ist so willig und tüchtig, daß niemand ein besseres zu wünschen braucht, und dies Volk ist es, auf welches in allen schweren Zeiten auch die Regierungen als auf den Hauptfaktor zurückgreifen müssen. Ich verlange, daß in Deutschland der Wahrheit ihr Recht werde, das heißt, daß man eingestehe, das Volk sei nur da, wo man es in Tagen dar Not ohne Besinnen selbst sucht, daß man nicht den Schein des Schwerpunkts dahin lege, wo der Schwerpunkt selbst gar nicht liegt, in die jetzt sogenannten Gebildeten: daß man erkenne, durch fortwährende Vergrößerung des Kreises jener falschen Bildung vergrößere man nur das Unglück des Vaterlandes, und erschwere seine Heilung: daß man offen gestehe, es gebe in Deutschland zurzeit die Möglichkeit der Freiheit und der Selbstverwaltung noch nicht, es gebe zurzeit nur Regierung: daß man aber, indem man mit wirklicher Bildung für wenige, nicht nach der Geburt, sondern nach der ethischen und intellektuellen Befähigung ausgewählte Menschen Ernst macht, sich eine Klasse schaffe, welche als beamtet von diesem Volke, und für dieses Volk arbeitend, und um dieser freiwilligen Arbeit willen angesehen, sich frei aus der Tiefe ergänzend, dereinst die Selbstverwaltung in die Hand nehmen könne: ich verlange, daß man das Vermögen des Landes so vermehre, daß eine solche Klasse auch die äußeren, sie unabhängigenden Mittel besitze, ohne welche die Selbstverwaltung ein lächerliches Possenspiel oder ein Martyrium ist: daß man dem Reden und Stimmen machtloser und das Volk nicht vertretender, sondern auf Kommando der Propheten ausländischer Götter, des Liberalismus und des Ultramontanismus, gewählter Parlamente ein Ende mache: daß man Religion, Wissenschaft, Kunst auf eigene Füße stelle, weil diese alle nur, wenn sie auf eigenen Füßen stehn, überhaupt wirklich existieren. Wir wollen Freiheit, aber nicht Liberalismus: Deutschland, aber nicht jüdisch-keltische Theoreme über Deutschland: Frömmigkeit, aber nicht Dogmatik mit einem sie am Beißen hindernden Maulkorbe, zu welchem die Regierungen den Schlüssel in der Tasche haben: ein Reich, das nur soweit Staat ist, als die Nation den Staat nicht entbehren kann: wir wollen die Anerkennung, Erziehung, Verklärung unserer eigenen Natur, wir wollen aber nicht von einem russischen Kutscher an einer französischen Leine gefahren, und mit einer jüdischen Geißel geschlagen werden.

Will man in Deutschland Religion haben, so muß man, weil Religion zur unumgänglichen Vorbedingung ihrer Existenz Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit hat, alle den fremden Plunder abtun, in welchen Deutschland vermummt ist, und durch welchen es mehr als durch individuelle Selbsttäuschungen vor seiner eigensten Seele zum Lügner wird. Palästina und Belgien, 1518 und 1789 und 1848 gehn uns schlechterdings nichts an. Wir sind endlich stark genug, vor Fremden die Türe des Hauses zuzuhalten: werfen wir auch einmal das Fremde hinaus, welches wir innerhalb unseres Hauses haben. Ist das geschehen, so kann die eigentliche Arbeit beginnen. Gesetzmacherei ist zum Überdrusse getrieben, eine Gesetzmacherei, welche überall die Oberfläche kräuselte und tünchte, und dem wirklichen Ernste des Lebens und der Lage, vor allem den lebendigen Menschen, sorgfältig aus dem Wege ging, höchstens den besten Freunden deutschen Wesens in die Seele schnitt. Wir ziehen jetzt Industrie, Kunst, Wissenschaft, Bildung, Freiheit, Frömmigkeit in Blumentöpfen hinter den Glasscheiben eines Warmhauses, und haben darum Dekorationspflanzen, aber keine Waldbäume und keine Gartenblumen. Was uns freuen und unserm Gemüte gedeihen soll, das muß auf freiem Lande, in Gottes bald rauher, bald milder Luft wachsen. Nur Ein Gesetz ist allem von Gott Geschaffenen gemeinsam: es kann nichts auf der Welt etwas anderes werden als was es werden soll, was in seiner Bestimmung begründet ist. Darum heißt Regieren die Hindernisse wegräumen, welche dieser Bestimmung der Nationen und der Individuen im Wege stehn, die Bedingungen schaffen und erhalten, unter denen das Leben sich zu entwickeln vermag. Frömmigkeit ist, wie für die einzelnen Menschen so auch für ein Volk, das Bewußtsein zu gedeihen, in Sturm und Wind wie in Sonnenschein und mildem Tau, und durch dies alles auszureifen zur Vollkommenheit, zu dem Ziele, das Gott der Nation und den einzelnen gesteckt: Frömmigkeit ist das Bewußtsein höchster Gesundheit. Nur Eines Mannes großer, fester, reiner Wille kann uns helfen, eines Königs Wille, nicht Parlamente, nicht Gesetze, nicht das Streben machtloser einzelner. Dieser Mann fehlt uns nicht nur, sondern die Gewohnheiten eines auf oberflächliche Glättung von Massen berechneten Systems hindern, daß er jemals erstehe, weil Männer überhaupt mehr und mehr unmöglich werden, und mehr und mehr nur noch regimentierte und gedrillte Dutzendmenschen denkbar sind.

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