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Schriften für Deutschland

Paul de Lagarde: Schriften für Deutschland - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
authorPaul de Lagarde
titleSchriften für Deutschland
publisherAlfred Kröner Verlag
editorAugust Messer
year933
correctorJosef Muehlgassner
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Deutsche Erziehung

Ich werde nicht müde werden zu wiederholen, daß alles Gute, das dem Menschen zuteil wird, ihm nur vom Menschen kommt. Auch der Trieb zum ersten Lernen scheint mir lediglich aus der Liebe der Kinder zu ihren Lehrern herzuleiten zu sein. Das Kind findet sich wohltätig dadurch berührt, daß ihm Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ist diese Aufmerksamkeit eine regelmäßige, Tag für Tag wiederkehrende, so faßt es Vertrauen und Zuneigung, und durch diese allein wird es zum Lernen gebracht. Daß das Lernen förderlich ist, daß es Fertigkeiten verschafft – von Kenntnissen ist zunächst gar nicht die Rede –, Fertigkeiten, welche man früher nicht besessen, das kommt erst in zweiter Linie zum Bewußtsein. Das erste ist stets das Gefühl hingebenden Vertrauens gegen den Mann oder die Frau, welche auf die den teuren Eltern oft so gründlich lästigen abgesetzten Spielzeuge – denn das werden Kinder bei unfrommen Menschen sehr bald – Zeit, Mühe, Liebe verwenden.

Bei längerer Dauer des Verhältnisses zwischen Lehrer und Schüler wird eine Gemeinschaft hergestellt, welche dem Lehrer oft Rechte weit über Vaterrechte hinaus gibt, und diese Gemeinschaft, das Bewußtsein zusammenzugehören, bewirkt die Förderung der jungen Seelen, welche an ihr teilhaben: ich darf hinzufügen, auch die Förderung des Lehrers, welcher ihr Mittelpunkt ist.

Die Vorstellung von einem Zwecke dieses Zustandes hat der Knabe nicht. Es hat sie anders als in theoretisierenden Augenblicken auch der gute Lehrer nicht, der trauert, wenn seine Jugend ihm entwächst, und der durch diese Trauer zu erkennen gibt, wie wenig sein Herz sich dessen bewußt war, daß sie ihm zu entwachsen bestimmt ist, daß er sie von sich weg erziehen, zu den Dingen und den harten Pflichten des Lebens hin erziehen soll. Jede Klasse ist ein Ganzes, dessen Herz und Haupt der Lehrer ist, und das durch den Zusammenhang mit diesem Herzen und Haupte wächst, wird, gedeiht, und das nur als Wachsendes, Werdendes, Gedeihendes lernt, weil ja irgend welcher Gedankenstoff als Mittel des Wachsens, Werdens, Gedeihens verwandt werden muß.

Mögen Hunderte von guten Lehrern sich nicht klar über den Sachverhalt sein: er ist so, wie ich ihn dargestellt habe.

Nun kommt aber der preußische Staat, und wirft in diesen grünen stillen Garten den Begriff Vorteil.

Er verspricht –.

Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist sofort getrübt, so wie die Berechnung auf den Nutzen des zu lernenden in die junge Seele tritt.

Damit ist die Lern- und Werdefähigkeit des Schülers ebenso beeinträchtigt, wie die Lehr- und Werdelust des Lehrers.

Die behandelten Gegenstände werden aus Material zum gemeinsamen Leben von Lehrer und Schüler zu den Stufen einer Treppe, welche tatsächlich gar nirgend andershin münden kann, als in die ekelhafte Plutokratie unserer Tage.

Latein, Griechisch, Englisch, Französisch, Mathematik, Geschichte haben von nun an in Preußen Geldwert – ein Rechner mag austifteln, wieviel es der Familie bringt, wenn der Sohn nur ein Jahr zu dienen braucht –: haben aber Latein, Griechisch, Englisch, Französisch, Mathematik, Geschichte Geldwert, so haben sie für den Geist gar keinen Wert: denn der Geist trägt kein Portemonnaie.

Und was hat nun der grüne Tisch für den Zweck erreicht, der ihm vorzugsweise vor Augen stand, die Popularisierung des Inhaltes unserer letzten klassischen Literaturperiode?

Es liegt infolge der getroffenen Maßregeln über unserem Vaterlande ein zäher, widerlicher Schleim von Bildungsbarbarei, der Gottes Licht und Luft von uns abhält, der abgetan werden muß, ehe von einer Gesundheit und Selbstentwickelung der Nation (bislang ist die Nation Subjekt eines passiven Satzes gewesen) die Rede sein darf: hingegen das Wesentliche jener oft genannten Literaturperiode wirkt auf das Volk gar nicht: wirkte es, so würde das Volk anders aussehen, als es aussieht.

 

Da die Unterrichtsanstalten trotz ihrer großen Zahl sehr überfüllt sind, können selbst geborene Lehrer die Massen nicht, oder nur solange ihre Kräfte noch völlig frisch sind, durchdringen. Alles Individualisieren beim Unterrichte hört auf, und damit das eigentliche Unterrichten selbst: man individualisiert in jedem Aquarium und jedem zoologischen Garten, aber nicht in einer preußischen Schule, welche in Berechtigungen macht. Alle Versuche, einen Klassen- und Schulgeist hervorzurufen, müssen scheitern, wenn die größere Hälfte der in der Klasse und Schule vorhandenen Schüler von vorneherein unverwandt nach der Ausgangstüre blickt. Lehrer sein, und in die Schule gehn, ist jetzt ein Geschäft.

Ich sehe nur Einen Weg der Rettung. Der Staat und die Nation müssen aus allen den soeben aufgeführten Erwägungen ausdrücklich und mit vollem Bewußtsein aufgeben, dem Phantome einer allgemeinen Bildung, noch dazu dem Phantome einer verlebten Epochen angehörigen Bildung nachzujagen, und sie müssen den Mut haben, den öffentlichen Unterricht, soweit er nicht lediglich auf persönlicher Liebe ruhender Elementarunterricht ist, auf das Prinzip zu gründen, auf dem allein alles öffentliche Leben ruht, auf das Prinzip der Pflicht.

Unsere jetzigen Gymnasiasten und Realschüler haben keine Pflicht. Mit der Redensart, es sei ihre Pflicht, allgemeine Bildung zu erwerben, zwingt man sie nicht, und die Tagesaufgaben werden, wo nicht die Person eines Lehrers höher weist, gegenwärtig nur nach ihrem Verhältnisse zu dem erstrebten Zwecke des Schulbesuches beurteilt.

Der künftige Lebensberuf dieser jungen Leute steht mit dem, was sie auf der Schule zu treiben haben, direkt in gar keiner Beziehung.

Vergesse man nicht, daß es der Magister Wagner ist, den Goethe von sich rühmen läßt, zwar wisse er viel, doch möchte er alles wissen: daß hingegen Faust am Wissen nicht satt wird, und überlege man sich, wem von den beiden man seine Söhne nachartend wünschen will.

Richtet man Fachschulen ein, so stellt man die Jugend ohne weiteres in die Perspektive ihrer dereinstigen Lebensaufgabe, und so gewiß im Leben nicht am wenigsten der Lebensberuf erzieht, so gewiß erzieht auch die ernst genommene Aussicht auf ihn. So gewiß die Idee überhaupt erzieht, so gewiß erzieht die Idee des Standes, welchem man ein Leben lang anzugehören vorhat. Wenn man ihr den Platz anweist, den sie verdient, wird das Volk in einiger Zeit aufhören aus Urwählern zu bestehn, und damit wird alles gewonnen sein: denn nur in Leichen herrscht Gleichheit aller Teile: in lebendigen Wesen ist Auge, Hirn und Herz mehr wert, als ein kleiner Zeh. Es wird die grauenhafte Überhebung der unteren und mittleren Klassen, und bei den höheren das Bestreben ein Ende nehmen, dem jedesmal üppigsten Miturwähler auch dann nachzutun, wann darüber Weib und Kind zugrunde gehn: man wird den Stolz seines Standes wieder finden, der im politischen Leben ebenso nötig ist, wie der persönliche Stolz.

Fachschulen haben einen Mittelpunkt, und durch diesen eine Sicherheit der Entscheidung darüber, was sie treiben, und wieviel sie fordern müssen. Zurzeit ist nicht zu begreifen, warum namentlich in den oberen Klassen eines Gymnasiums und einer Realschule nicht noch mehr gelehrt wird, als schon geschieht. Nachdem man die Naturwissenschaften, juristische und philosophische Propädeutik, an manchen Anstalten die Anfangsgründe der Integral- und Differenzialrechnung in den Lehrplan aufgenommen, nachdem die Familie sich angewöhnt hat, Klavierspielen als unumgänglich zu betrachten, ist die Jugend allerdings bereits so überbürdet, daß man von Rechts wegen schon einen heilsamen Schrecken vor der allgemeinen Bildung hätte bekommen können, die, von allem anderen abgesehen, gesundheitswidrig ist, und die jedenfalls die meisten Jünglinge dahin bringt, sowie sie die Schule hinter sich haben, je nach ihrem Temperamente entweder das ihnen angeklebte Wissen in stummer Verachtung trocken werden und abfallen zu lassen, oder sich geflissentlich seiner zu entledigen. Aber die Kultur hat in ihren geräumigen Speichern noch mehr Bildungsstoff, aus welchem man die Kunstgeschichte und was weiß ich noch sonst, mit Vergnügen zu weiterer Abtötung der Individualitäten hervorholen dürfte, sowie einmal irgend ein Phrasenmacher die öffentliche Meinung beredet haben wird, dies nötig zu finden. Man wird sich vergegenwärtigen müssen, daß der Mittelpunkt des menschlichen Lebens die Berufspflicht ist, und daß darum die Schulen auf diese Berufspflicht vorbereiten, und selbst das Leckerste beiseite lassen sollen, wenn es mit dieser dereinstigen Hauptsache des Lebens ihrer Schüler nicht in unmittelbarem, deutlich erkennbarem Zusammenhange steht.

Dies Verfahren ist sehr verschieden von dem zurzeit angewandten. Gegenwärtig entbindet man die jungen Leute von der Verpflichtung, sich über ihre Geschicklichkeit zu ihrem Berufe besonders und ausdrücklich auszuweisen: nach meinem Vorschlage richtet man ihre ganze Unterweisung und Erziehung von vorneherein darauf ein, sie zu ihrem Berufe tauglich zu machen. Jetzt bietet man ihnen für den Schein gewisser Leistungen eine Erleichterung an: nach meinem Vorschlage weist man schon die Knaben darauf hin, daß sie Männer werden, und daß sie Pflichten haben werden, für deren Erfüllung sie beizeiten sich üben müssen.

Berechtigungen dürfen, wenn sie überhaupt geduldet werden können, nur an der wirklichen Beendigung des Kursus einer solchen Fachschule hangen, nie an dem Erreichen irgend welcher mittleren Stufe derselben. Ich habe diesen Satz von jeher, und 1872 auch öffentlich verfochten: ein Mitglied der 1873 im Unterrichtsministerium tagenden Versammlung von Sachverständigen hat ihn dort vorgebracht, und ich will die Zuversicht aussprechen, daß er über kurz oder lang Gesetz werden wird. Welche Berechtigungen welchen Schulen zustehn, kann der Staat ohne Mühe feststellen.

Das Gesundeste was wir in Deutschland haben, das Heer, wird sozusagen nur in Fachschulen erzogen. Es lernt, was es braucht, ohne irgend welche allgemeine Redensarten: und es muß lernen, was es braucht: wer in ihm das nicht leisten will, was er zum Besten des Vaterlandes leisten muß, wird rücksichtslos beseitigt.

Wir erhalten dadurch allerdings einseitige Menschen, die aber wirkliche Menschen, nicht Ständer sind, an denen man den Trödel früherer Jahrhunderte aufgehängt hat, und die, falls sie einmal irgend warum das Bedürfnis nach weiterer Bildung und die Fähigkeit sie zu erwerben fühlen, diese Bildung sich schon zu verschaffen pflegen, und sie sich leicht verschaffen können, da sie auf eigenen Füßen stehn und in eigenen Schuhen gehn und darum zum Ziele zu kommen wissen.

Sind doch auch unsere Universitäten, soweit sie überhaupt noch eine Wirksamkeit haben, tatsächlich nur Fachschulen.

Ist auf diese Weise die Möglichkeit einer Gesundung unserer Zustände angebahnt, dann wird in den gesunden Menschen, die es dann wieder geben kann, auch die Idealität wieder erwachen, welche jetzt fehlt, die Idealität, welche nicht über den Dingen schwebt, sondern in den Dingen ist: mit ihr wird uns ein nationales Ideal aufgehn, das wir jetzt nicht haben, und irgendwie im Zusammenhange damit eine nationale Religion, die wir noch nicht schmerzlich genug vermissen, zu der wir die Vorbedingungen noch gar nicht besitzen, und die wir darum entbehren, ja deren Notwendigkeit nur erst ganz einzelne unter uns begreifen.

 

Ich bin der Ansicht, daß es mehr tauge, aus der Kenntnis der Sachen das Wort für die Sachen zu finden, als durch die Kenntnis des Worts das Verständnis der Sache einzubüßen.

 

Der Wert der Promotion beschränkt sich darauf, Personen, welche Leiter von chemischen Fabriken werden wollen, den Zutritt zum Vertrauen der Kapitalisten zu erleichtern, und den Frauen der Promovierten den in kleinen Städten so dringend gewünschten Titel zu verschaffen. Eine wirkliche Ehre könnte der Doktortitel nur dann heißen, wenn alle Welt überzeugt wäre, daß er durchaus nur wirklichen Gelehrten verliehen wird, während jetzt alle Welt behauptet, daß er wenigstens an ein paar Universitäten jedem zufällt, der einige Formalitäten über sich nimmt, und das leistet, was man auf finanziellem Gebiete von ihm verlangt. Ein Berliner oder sonst nach anständiger Herkunft bezeichneter Doktor der Philosophie gilt: Doktor der Philosophie ohne Kommentar ist fast eine Beleidigung, weil jedem bei diesen Worten der Gedanke an Simonie oder geradezu an Fälschung kommen darf.

Eine Notwendigkeit für das Leben der Nation scheint mir danach das Promotionsrecht der Universitäten nicht zu sein.

 

Es ist die höchste Zeit, dem unglaublich peinlichen und oft geradezu widerlichen Zerren und Feilschen um ein paar hundert Mark ein Ende zu setzen, welches jetzt bei Berufungen zwischen Minister und Kandidaten getrieben wird. Wir Professoren haben keinen Preis: wir sind alle unbezahlbar, denn wir selbst zahlen nicht mit dem, was wir leisten, sondern mit dem, was wir sind. Darum darf uns gegenüber von Geld so wenig wie möglich die Rede sein. Überdies ist es nicht vornehm, sich in Eine Linie mit Tänzerinnen, Rennpferden und Majolika stellen zu lassen, welche einen Phantasiepreis bedingen: ein Gelehrter mit einer Pepitaeinnahme ist eine Blasphemie. Wir sollen existieren können, und dürfen für unsere Witwen und Waisen durch Gesellschaftskassen gesorgt wissen wollen: höher hinaus zu leben überlassen wir den Herren von der Börse.

 

Wozu sind Stipendien da? Ganz gewiß dazu, jungen Männern, welche für das allgemeine Beste nützliche Studien irgend welcher Art vorhaben, die Mittel zum Betreiben dieser Studien zu gewähren. Damit ist unbedingt ausgeschlossen, daß Personen, welche das übliche Kneipenleben mitmachen, Tabak rauchen, Hunde halten und ähnlichen sogenannten Vergnügungen nachgehn, auch nur einen roten Heller an Stipendiengeldern empfangen dürfen: jede Verleihung an derartige Personen ist stiftungs- und zweckwidrig, und die Verleihenden sollten durch ein den Staatsanwälten besonders ans Herz zu legendes Gesetz gezwungen werden, in jedem Falle, in welchem sie die ihnen zur Förderung von Studien anvertrauten Mittel zur Förderung des üblichen Studentenlebens mißbrauchen, das von ihnen rechtswidrig verausgabte Geld aus eigner Tasche zu ersetzen. Freilich ist es auch ganz abgesehen von dem eben angedeuteten Gesichtspunkte ein erstes Bedürfnis der Nation, über das, was zum Leben nötig ist, und das, was das Leben beschmutzt, klar zu sehen. Als die Stadt Göttingen den Reichskanzler zum Ehrenbürger ernannte, hat sie kein Bedenken getragen, auf das über die Ernennung sprechende Diplom, angeblich um den Gefeierten an seine fröhliche Studentenzeit zu erinnern, die Insignien des Katzenjammers, Zwiebeln und Häringe, malen zu lassen, und sie hat dies Diplom nicht mit Protest zurückerhalten. Ich weiß also von vorneherein, daß viele Leute meine Forderung, die Zigarre und die Kneipe nicht als Lebensbedürfnisse anzusehen, zu weit gehend nennen werden. Allein ich muß nicht nur bei ihr beharren, sondern sogar erklären, daß ich das Wirtshaus und die Zigarre für Verwilderungsmittel von solcher Leistungsfähigkeit erachte, daß alle radikalen Theorien der Welt zusammengenommen mit ihnen an entsittlichender Kraft nicht verglichen werden können, und daß ich daher nicht allein verlange, daß Stipendien denen, welche jene für zum Leben notwendig halten, nicht gegeben werden, sondern sogar, daß diejenigen, welche Stipendien nachsuchen, jenen ausdrücklich und für immer entsagen müssen. Ernste und patriotische Ärzte wie Virchow mögen auseinandersetzen, wie die Magenleiden und die Kurzsichtigkeit unserer Zeitgenossen mit Tabak und Bier zusammenhängen, und wie in diesem Falle, wie in so vielen anderen, die Kinder die Sünden der Väter zu büßen haben. Ich lasse auch die finanzielle Seite der Frage auf sich beruhen: wobei ich die Überzeugung nicht zurückhalten will, daß ein so bettelarmes Land wie Deutschland weit besser tun würde, die Hunderte Millionen Mark, welche es in die Luft bläst, in die Lebensversicherungskassen zu tragen, um endlich einen trotz aller amtlichen Beteuerungen nicht vorhandenen Nationalwohlstand zu begründen. Mich beschäftigt hier nur die Wirkung von Wirtshaus und Tabak auf das ethische Leben der Nation. Kein Mann wird einen Jüngling verdammen, wenn er fehl tritt: denn jeder Mann wird sich erinnern, daß auch er Fehler und dumme Streiche begangen, daß er, wenn er sie nicht oder in geringerer Anzahl begangen, dafür wenigstens oft nur einem günstigen Geschicke und den Umständen, nicht seinem Willen zu danken hat: er wird wissen, daß aus den zutage tretenden Handlungen einen Schluß auf das Herz zu machen bedenklich ist, daß die kalten Naturen meistens viel weniger wert sind als die enthusiastischen, welche von sich und dem Augenblicke zu von von ihnen selbst bald verleugneten Handlungen fortgerissen werden können. Aber das wird ein Mann unbedingt verdammen, daß der jetzt gang und gäbe zynisch uniformierte Epikureismus so vieler junger und alter Menschen als das zu Recht bestehende Lebenssystem angesehen werde. Die meisten männlichen Deutschen sind Sklaven des Tabaks und des Wirtshauses. Als in einer von dem eigenen Werte sehr günstig denkenden bekannten Universitätsstadt die hundertjährige Wiederkehr des Tages gefeiert wurde, an welchem die Königin Luise von Preußen, gewiß eine tragische und eine für die Geschichte Deutschlands wichtige Frau, geboren war, da konnte man in dem Saale vor Tabaksrauch den Redner nicht erkennen, und die dort Versammelten hatten nicht einmal eine Ahnung von der Unbildung, welche sie betätigten. Wer jeden seiner Tage in stinkenden Nebelhöhlen beschließen muß, um sich wohl zu fühlen, der mag liberal sein, frei ist er nicht, wie er bald durch den Versuch merken wird, einmal auf zweimal vierundzwanzig Stunden den ihm zur Gewohnheit gewordenen sogenannten Genüssen und der gedankenlosen Gemütlichkeit, welche uns zum Gespötte der Nachbarn macht, zu entsagen. Und gerade weil er diese Entsagung nicht zu üben vermag, muß er sie üben. Wenn Deutschland noch ein neues Leben beginnen kann, wird das Symbol desselben der Mut und der rücksichtslos durchgeführte Entschluß sein, diesem Strychnin- und Nikotindusel den Rücken zu kehren, und wann eine nennenswerte Anzahl von Deutschen diesen Mut gefunden, diesen Entschluß durchgeführt haben wird, dann werden wir einen größeren Sieg erfochten haben, als wenn wir zehn Sedanschlachten auf einmal gewonnen hätten. Der Mangel an Sauberkeit und Anstandsgefühl wird aufhören, die Anschauung, daß fortwährend genossen werden müsse, die maßlose Vergeudung von Zeit und Geld wird ein Ende haben, und die aus solchen Narkosen und aus jeder Hingabe an Gewohnheiten notwendig herfließende Einschläferung der Energie wird dem Wunsche Platz machen, weil man Herr über sich ist, und keine unnützen und schädlichen Bedürfnisse hat, auch Herr in seinem Hause zu werden, wirkliche Bedürfnisse wirklich und voll zu befriedigen, frei zu sein. Auch bitte ich zu bedenken, daß einem nicht naturnotwendigen Bedürfnisse nachgeben nichts anderes bedeutet als es steigern. Täusche man sich ja nicht: eine auf einer schiefen Ebene rollende Kugel hält nicht von selbst an: sie muß angehalten werden.

Es ist mir nicht zweifelhaft, daß wenn wir erst so weit sein werden, in Deutschland, in welchem der Natur der Dinge nach allerdings nur Deutsche leben sollten, das deutsche Wesen wenigstens durch eine deutsche Partei vertreten zu sehen, das Meiden des Tabaks, des Wirtshauses, der Mode und der Schulden das äußere Erkennungszeichen der dieser als Gemeinde lebenden und wirkenden Partei Angehörigen sein wird. Es ist vielleicht sogar einem Liberalen eine unvollziehbare Vorstellung, den Kürenberger, Wolfram von Eschenbach, Erwin, Sebastian Bach, Mozart, Goethe in einer Kneipe mit der Zigarre im Munde hinter einem Glase Dividendenjauche zu denken: ist es das aber, so möchte man die im großen Publikum zur Schau getragene Bewunderung jener Heroen lieber nicht mit Worten, sondern durch ein den Daseinsformen jener entsprechendes Leben ausgedrückt wünschen: was für die Bewunderten schlechthin unmöglich war, sollte auch für die Bewundernden, welche doch eben als entfernte Geistesverwandte jener bewundern, schlechthin unmöglich sein.

 

Soll der Staat gar die Aufsicht darüber führen, daß die Unterrichtenden ihren Schülern nichts dem Vaterlande, den Sitten, der Religion Schädliches beibringen? Sowie derartiges vor- und der Behörde zu Ohren kommt, wird es durch den Staatsanwalt zur Strafe gezogen werden müssen, wenn es rechtlich strafbar ist: über die moralische Strafbarkeit zu urteilen ist der Staat nicht befugt: über diese entscheidet die Gesellschaft.

Zudem, was ist dem Vaterlande, den Sitten, der Religion schädlich?

Angenommen, der Staat besitze das Recht, zu überwachen, durch wen soll er dies Recht ausüben als durch die Schüler? In Gegenwart der Direktoren und Ordinarien wird ja ein Lehrer so leicht nicht sündigen. Pfui dem Staate, der unanständig genug wäre, seine Jugend zum Denunzieren ihrer Lehrer anzuhalten. Das fehlte uns noch zu unserem Glücke, daß Religion, Sitte, Vaterland auf die Petzereien von Schulknaben gegründet würden.

 

Es ist notwendig, die Lehrer den Felsenkellern und Kasinos, den Lesemuseen und Bildungsvereinen zu entziehen. Lehrer sollen weiter arbeiten, und in der Natur und in ihrer Familie leben, um frisch zu bleiben, nicht aber mit dem Janhagel einer politischen Partei in Kneipen umherliegen. Niemand, der andere unterweisen soll, kann anders leben als in der Einsamkeit. Er muß schon so viel sprechen und sein Wesen preisgeben, daß er völlig verlumpt, wenn er außerhalb der Schule etwas anderes tut als arbeiten und schweigen. Darum wird jeder wirkliche Lehrer die Städte fliehen, und den Frieden des Dorfes oder Waldes suchen. Ein Lehrer, dem dieser Frieden nicht paßt, mag nur so schnell wie möglich Gerichtsvogt oder Bierwirt werden.

 

Daß aller Unterricht in der Religion aus den Lehrerseminaren zu entfernen ist, versteht sich ebenso von selbst, wie daß niemand, der nicht fromm ist und über die Religion nach Maßgabe seines Herzens- und Verstandesvermögens Bescheid weiß, Lehrer des Volks sein darf.

 

Ohne Gott keine Erziehung, weil ohne Ideal, ohne ewiges Leben, ohne Verantwortung vor dem letzten Richter keine Erziehung. Liegt es aber im Wesen des modernen Staates, die Religion, welche sich in viele Bekenntnisse gespalten hat, nicht in den Bereich seiner Tätigkeit ziehen zu können, da er eben nur das allen Gemeinsame zu behandeln hat, so sind die Schulen des Staates nach den Bekenntnissen zu ordnen, wenn durch die Priester und Prediger ein wirklicher Einfluß auf die Jugend soll geübt werden. Die Bekenntniskirchen müssen mithin in völlig konkreter Gestalt vorhanden sein, ehe der Staat seine Schüler in Schulen einweisen kann, welche, an sich ohne Religion, die Schüler nach dem Bekenntnisse zusammengeordnet, nur von Lehrern ihres Bekenntnisses unterrichtet, und darum leicht den Dienern und Lehrern ihrer Religion zugänglich enthalten.

 

Da die Gelehrsamkeit nur durch Bücher fortgepflanzt und erweitert wird, Bücher zu drucken aber Geld kostet, ist allerdings notwendig, daß man in Deutschland Bücher zu kaufen sich entschließe, weil nur dadurch das Bücherdrucken auf die Dauer möglich bleiben wird. Der deutsche Gelehrte kauft in seiner Mehrheit nichts: er irrt in weitaus den meisten Fällen, wenn er behauptet es nicht zu können. Weil er nicht kauft, bettelt er Verleger und Autoren gar nicht selten um Rezensionsexemplare an – ich habe eine schöne Sammlung solcher Gesuche –, und verlumpt infolge der eingegangenen Verpflichtungen: er lobt entweder aus Dankgefühl was nicht zu loben ist, oder er tadelt, um sich zu rächen, wann er abschlägig beschieden worden, oder er leistet nicht was er verheißen, und haßt die Geber, mögen diese ihn mahnen oder nicht mahnen.

Kaufte der Gelehrte Bücher, so wäre der unzurechnungsfähige Parteimensch in recht vielen Fällen nicht mehr imstande, so ungescheut und maßlos in Rezensionen und Klarstellungen zu lügen, zu verdrehen, zu verleumden, wie jetzt geschieht, weil er wüßte, daß seine Äußerungen von Leuten gelesen werden, welche den Gegenstand seiner Wut aus eigener Anschauung kennen. Auch das Totschweigen unbequemer Bücher und Menschen würde nicht mehr helfen, wenn die Deutschen Bücher kauften: und die totgeschwiegenen Bücher sind meistens die nützlichsten.

Sollte sich nicht empfehlen, die deutschen Gelehrten – Lehrer an Schulen und Universitäten wie Akademiker – von Staats wegen mit fünf Prozent ihrer Bruttoeinnahme zum Besten der ihnen nächsten öffentlichen Bibliothek zu besteuern, wenn sie nicht nachweisen können – nicht für Schulbücher ihrer Kinder und Goldschnittliteratur, sondern für Werke der Wissenschaft – diese fünf Prozent einem Buchhändler zugeführt zu haben? Bei einem Einkommen von sechstausend Mark würde dreihundert Mark im Jahre für die eigene Bibliothek zu verwenden durchaus in der Ordnung sein: der Buchhandel würde unmittelbar, die Wissenschaft und die Gelehrten würden mittelbar den Nutzen von der Einrichtung haben.

Die öffentlichen Bibliotheken werden die Werke zu kaufen haben, welche für Privatpersonen unerschwinglich teuer sind: Lehrer des Griechischen, welche die Speziallexika zum Homer und Sophokles und ähnliches nicht selbst besäßen, und analog ihre Kollegen, die analog handelten, sollten der öffentlichen Verachtung preisgegeben werden, welche ja die Wirte der Stammkneipen und die Tabaksgeschäfte nicht mit zu leisten brauchten.

 

Der wirklich Gebildete hat an seinem Vaterlande mehr als derjenige, der sich nie Rechenschaft darüber zu geben vermag, weshalb sein Vaterland der Liebe und der Opfer wert ist. Wer Bach, Mozart, Beethoven, Erwin, Holbein, Goethe, Grimm verstehn kann, liebt Deutschland anders, als wer in Deutschland nur den ihm gewohnten und darum bequemen Schauplatz seines Alltagslebens erblickt.

 

Regieren bedeutet dienen:

Für die Frommen ist die Religion kein Glaubensbekenntnis, sondern ein Leben, ein Umgang mit Gott; dieses Leben aber wurzelt nicht in irgendwelcher Bildung, sondern jede Bildung wurzelt in diesem Leben.

 

In meinem Sinne gebildet ist, wer in seinem Vaterlande und über die für dies Vaterland bedeutsamen Tatsachen der Natur und der Geschichte, so weit sie ihn seinem Stande und Berufe nach etwas angehn, Bescheid weiß. Auf den höheren Schulen werden die Knaben unterrichtet, die dereinst im engeren Sinne des Wortes irgendwie regieren sollen: diese Schulen würden, wenn es nach mir ginge, ihre Schüler die Fertigkeiten lehren, ohne welche die in engerem Sinne des Wortes Regierenden die ihnen zum Regieren nötige Ausbildung nicht erwerben können.

Ich leugne, daß Anstalten, deren Schüler noch unter der Aufsicht anderer stehn, geeignet seien, höhere Bildung zu verschaffen. Höhere Bildung ist nur den Menschen zugänglich, die das Recht sich selbst zu bestimmen besitzen und vertragen, also Menschen, die aus der Aufsicht des Elternhauses entlassen sind, zunächst Studenten. Nur denen, die selbst die Verantwortung für sich übernehmen. Bildung wird nie verschafft, sondern stets erworben. Die von »heranwachsenden Knaben« besuchte Schule dient dazu, die für einen späteren Erwerb irgendwelcher Bildung dem Menschen nötigen Artigkeiten mitzuteilen; sie bildet nicht, sie bereitet die Bildung vor.

 

Ich habe als Lehrer in der Konfliktszeit die patriotischen Chargen beförderungssüchtiger Possenreißer zu hören Gelegenheit gehabt; die Politik verwandelt unser Vaterland zu den Zeiten der Wahlen in ein an einer Kloake gebautes Tollhaus; ich will keine Pflege der Vaterlandsliebe in den Schulen, so wenig ich in den Schulen bewiesen wissen will, daß die Sonne leuchtet und wärmt, und das Wasser tränkt und erquickt. Wenn »der Geschichtsunterricht« »heranwachsenden Knaben« (mit solchen hat es Güßfeldts Schule zu tun) von den, wie die Verhältnisse liegen, in dreitausend Exemplaren zu beschaffenden »Geschichtslehrern« in der von Güßfeldt empfohlenen Weise erteilt wird, so werden wir die Hurracanaille erziehen, durch welche Frankreich entnervt ist, jenes jedem Erfolge zujauchzende Gesindel, das heute auf Napoleon schwört, morgen Trochu und übermorgen Boulanger zujubeln wird.

Da für jeden, der in der Geschichte zu unterrichten hat, nie rastendes Quellenstudium, unbestechbare Unabhängigkeit des Urteils, Reife des Charakters, Kenntnis des Lebens in dessen Höhen und Tiefen unentbehrlich ist, so sollen die Deutschen Gott auf den Knieen danken, wenn sie für jede ihrer Universitäten das nötige Material an Lehrern der Geschichte finden; für die rund anderthalb tausend »höhere Lehranstalten« solche Lehrer zu beschaffen, wird sich niemand anheischig machen, der den Auftrag, bei der Reorganisation unsres Schulwesens mitzuwirken, verdient.

 

Für mich ist die Forderung, daß junge Männer der höheren Stände Griechisch, Lateinisch, Französisch, Englisch gelernt haben müssen, darum selbstverständlich, weil die wasserreichsten Quellen unseres geistigen Lebens in Hellas, Rom, Frankreich und England entsprungen sind, und ich verlangen muß, daß gebildete Männer zu ermessen verstehn, welche die Voraussetzungen des geistigen Lebens unserer Zeit sind. Unsere Kunst und unsere Literatur, unser Recht und unsere Anschauungen über den Staat können nur von denen begriffen werden, welche die Geschichte und Literatur Griechenlands, Roms, Frankreichs und Englands kennen. Darum ist die Kenntnis jener vier Sprachen die Voraussetzung wirklicher Bildung, und darum müssen junge Männer der höheren Stände sie beherrschen: ich sage beherrschen.

 

Harmonische Bildung der Individuen ist ertragbar und ist möglich nur, wenn auch in dem die Individuen umfassenden Volke, Staate, Reiche die Harmonie wenn nicht herrscht, so doch erstrebt wird. Aber selbst rücksichtslosesten Egoismus des »harmonisch Gebildeten« vorausgesetzt, wird sich dieser Glückliche in dem heutigen Deutschland dem Bewußtsein nicht entziehen können, daß die Signatur dieses Landes Disharmonie ist. Wir leben mitten im Bürgerkriege, der nur vorläufig noch ohne Pulver und Blei, aber dafür mit der größesten Gemeinheit, durch Schweigen und Verleumden, seinen Verlauf nimmt.

 

Man erläßt den Ukas: »Richtschnur für alle Maßnahmen bleibt der Grundsatz: Entwickelung der kräftigen Individuen, nicht Erhaltung der schwächlichen«. Dieses Edikt paßt vielleicht für die Gestüte von Trakehnen und Graditz oder den Hundepark in Zahna, aber nicht für Menschen, und wir wollen vorläufig auf schwächliche Individuen von der Art Friedrich Schleiermachers noch nicht verzichten.

Heutzutage ist alles brutal, aber die Brutalität – mit Fuge ist das Wort ein Fremdwort – wird dadurch nicht zu deutscher Sitte, daß man sie Schneidigkeit nennt.

 

Je mehr Schulen ein Staat unterhält, desto gewisser ist sein Lehrerpersonal Durchschnittsware. Und über Preußen ist ein wahrer Platzregen von Schulen niedergegangen. Es ist nicht wahr, daß diese Schulen gegründet worden sind, um Bildung zu verbreiten; sie sollen den Söhnen der Bemittelteren Berechtigungen abwerfen. Keinem der rund sechstausend an »höheren Schulen« beschäftigten Lehrer Preußens wird abverlangt, daß er ein Gelehrter von Fach oder gar ein hervorragender Gelehrter sein solle; aber jeder von ihnen ist gehalten, irgendwie – man verstehe mich: irgendwie – mehr zu sein als ein Durchschnittsmensch. Der Staat aber ist bei der Ehre und Pflicht seiner maßgebenden Beamten verbunden, niemanden lehren zu lassen, der nicht irgendwie mehr als ein Durchschnittsmensch ist. Durchschnittsware – was man zu Diderots Zeiten in Frankreich espèce hieß – ist für die Jugend, der das Beste nur eben gut genug wäre, Gift.

 

Die Lehrer der philosophischen Fakultäten sind in der einzig glücklichen Lage, ihr Leben lang Diener und Propheten des Ideals zu sein. Die Theologen werden auf symbolische Bücher verpflichtet, sind also nicht Diener der Wissenschaft und des Gewissens. Zur Zeit sind wir das Gewissen der Nation.

Wir warten unsres Amts frei, und das deutsche Volk hat, die Kulturvölker Europas alle vier haben uns durch Tränen und Blut die Freiheit des Forschens und Lehrens erkämpft, deren wir genießen.

An uns ist, für so hohes Gut zu danken. Und wir können nur dadurch danken, daß wir dem Ideale, zu dessen Priestern und Propheten man uns berufen hat, ohne Menschenfurcht, aber in Gottesfurcht, rücksichtslos treu sind.

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