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Schriften für Deutschland

Paul de Lagarde: Schriften für Deutschland - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
authorPaul de Lagarde
titleSchriften für Deutschland
publisherAlfred Kröner Verlag
editorAugust Messer
year933
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Deutsches Vaterland

Deutschland ist kein geographischer, aber auch kein in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes Politisch politischer Begriff. Ein Vaterland gehört in die Zahl der ethischen Mächte, und darum können seine Angelegenheiten nicht vom Regierungstische aus, sondern nur durch das ethische Pathos aller seiner Kinder besorgt werden. Deutschland ist die Gesamtheit aller deutsch empfindenden, deutsch denkenden, deutsch wollenden Deutschen: jeder einzelne von uns ein Landesverräter, wenn er nicht in dieser Einsicht sich für die Existenz, das Glück, die Zukunft des Vaterlandes in jedem Augenblicke seines Lebens persönlich verantwortlich erachtet, jeder einzelne ein Held und ein Befreier, wenn er es tut.

 

Die Nation besteht nicht aus der Masse, sondern aus der Aristokratie des Geistes: die Nation lebt nicht von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft. Die Ziele der Nation werden ihr nicht von Menschen gesteckt, sondern von dem Lenker aller Geschicke im Himmel, welcher die Nationen dahin stellt, wo sie stehn sollen, nicht damit sie glücklich seien, sondern damit sie seinen Heilsgedanken dienen.

 

Kein Volk kann organischer Gliederung entraten: die mechanische Abteilung, welche der Staat zustande bringt und bedarf, ersetzt die Gliederung des natürlichen Werdens und Daseins nicht.

Da nun die Physiologie gezeigt hat, daß ein Leib eine Aneinanderreihung vieler, durch ein individuelles Lebensprinzip zusammengehaltener Zellen ist, da sie ferner gezeigt hat, daß jede Zelle durch Teilung neue Zellen erzeugt, und diese sich kraft jenes Lebensprinzips zweckmäßig gliedern, so ist einer desorganisierten Nation nichts nötiger als möglichst viele kleine Lebenszentren zu gewinnen, weil nur durch diese ein organisches neues Leben entstehn kann, und es durch sie mit Sicherheit entstehn wird.

 

Die Zelle, welche am energischsten sich ausbreitet, ist die Familie.

Wenn wir warten wollten, bis der Familiensinn von selbst wieder erwachte, wären wir Narren: der erwartete Zeitpunkt würde nie eintreten.

Die Deutschen als Nation haben Initiative für nichts: als Nation dulden sie das Gute, aber sie erzeugen es nicht. Den Familiensinn werden sie nicht anders behandeln als andre Güter.

 

Das deutsche Volk wird Parlament, Landtag, Liberalismus, Fortschritt und ein paar Hände Krönchen mit Freuden fahren lassen, wenn ihm die Gewißheit wird, daß ihm endlich einmal sein Kleid auf den Leib zugeschnitten werden soll. Alle Germanen sind, nicht trotzdem, sondern weil sie Freunde der Freiheit sind, Aristokraten im besten Sinne dieses Worts – Freiheit und Demokratie oder Liberalismus passen zu einander wie Feuer und Wasser –: sie sind, nicht trotzdem, sondern weil sie gerne wandern, die begeistertsten Anhänger des Hauses und der Heimat: sie sind, nicht trotzdem, sondern weil sie träumen, durstig nach Taten: versuche man einmal auf diese Eigenschaften des deutschen Volks als Staatsmann einen Reim zu machen: der Erfolg wird überraschend sein. In der Kirche keine Dogmatik, sondern Anbetung, Trost, Ermahnung: im Staate keine Politik, sondern selbstloser Dienst des Ethos, das heißt, die volle Durchführung des Grundsatzes, daß der Staat zur Nation in demselben Verhältnisse steht, in welchem die Hausfrau sich zum Hausherrn befindet, daß Er alle Äußerlichkeiten zu besorgen hat, damit die Nation das wirklich Wesentliche des Lebens mit ungeteilter Aufmerksamkeit ins Auge fassen und in die Hand nehmen könne: in der Regierung keine Diplomatie und keine Treue gegen verbriefte Mißbräuche, sondern ganzes Werk, welches auf einmal aufräumt, und das Volk vor einen neuen Anfang stellt. Die Nationen leben von der Arbeit; und das ist keine Arbeit, was wir jetzt tun: es ist Spielerei, ohne Ernst, ohne Zweck, ohne Nutzen. Männer sind wir, und Männer sollen wir sein: meint ihr in der Tat, es passe uns, wie Kinder mit den Fröbelschen Flechtarbeiten einer tendenziösen Wissenschaft, einer künstlichen und von Almosen lebenden Kunst, eines redseligen und charakterlosen Parlamentarismus, mit Börsengeschäftchen und einer in fortwährendem Sterben liegenden Industrie, mit einem Haufen haltloser Meinereien über Religion, Philosophie, Musik – und was weiß ich noch – abgefunden zu werden? Lieber Holz hacken, als dies nichtswürdige zivilisierte und gebildete Leben weiter leben: zu den Quellen müssen wir zurück, hoch hinauf in das einsame Gebirg, wo wir nicht Erben sind, sondern Ahnen.

 

Frankreich hat gezeigt, was der Absolutismus wirkt: die ganze Nation fällt auf Nimmerwiederaufstehn mit dem, welcher absolutes Recht für sich in Anspruch genommen.

Muß es denn immer ein König sein, der absolut herrscht? Kann nicht auch von einem Absolutismus des Staates geredet werden?

Möge Deutschland nie seine Größe und sein Glück auf anderen Grundlagen erbauen wollen, als auf der Gesamtheit aller seiner zur vollsten Ausbildung der in jedes einzelne von ihnen gelegten Anlagen und Kräfte erzogenen Kinder, also auf so vielen Grundlagen, als es Söhne und Töchter hat.

Möge Deutschland nie glauben, daß man in eine neue Periode des Lebens treten könne ohne ein neues Ideal. Möge es bedenken, daß wirkliches Leben von unten auf, nicht von oben her wächst, daß es erworben, nicht gegeben wird.

Diejenige politische Partei, welche sich mit dem allen auf einer schiefen Ebene Stehenden eigenen Zelotismus für die allein reichstreue und patriotische auszugeben liebt, diejenige, auf welche die gegenwärtige Regierung sich als auf ihre Partei stützt, sie hat anerkanntermaßen den Wahlspruch: Durch Einheit zur Freiheit. Fürst von Bismarck hat wiederholt in Abrede gestellt, je Macht über Recht haben setzen zu wollen: allein jenes Motto seiner Anhänger ist nichts als eine für einen Ausschnitt der Geschichte formulierte Umschreibung des von ihm abgelehnten Satzes. Ist Freiheit ein ideales Gut, so wird sie von evangelisch Gesinnten zum Reiche Gottes gerechnet, aber die evangelisch Gesinnten vergessen nie das Wort ihres Meisters, der Mensch müsse zuerst nach dem Reiche Gottes trachten; alles andere werde als Zugabe zu diesem kommen. Jeder, der es selbst ernst mit dem Besserwerden meint, hat das Recht seinen Brüdern vorzuhalten wo sie irren: nur muß, wer einen Fehlgehenden zurechtweisen möchte, nicht das Gehn überhaupt verbieten wollen. Die Freiheit wird auf falschem Wege, sie wird nicht ernstlich gesucht sein, wenn sie nicht zum Besitze der nach dem Evangelium am Reiche Gottes, also auch an ihr hangenden Güter geführt hat. Dies zu sagen war nicht nur erlaubt, sondern geboten, und wäre auch gesagt worden, wenn die Freiheit richtig als das Recht gefaßt worden wäre, das zu werden, was zu werden man von Gott bestimmt ist. Aus der Nutzlosigkeit ihres Surrogats, des Liberalismus, folgt nicht, daß man die wahre Freiheit erst nach der Einheit erstreben dürfe.

 

Es ist nicht wohlgetan, Sätze der Politik anders als auf dem Grunde ganz konkreter Anschauungen aufzustellen. Es gibt keine reine oder abstrakte Politik.

Das Konkrete, von welchem die deutsche Politik auszugehn hat, ist das Unideale. Darum muß in Deutschland der wahrhaft reale Politiker Idealist sein.

 

Für deutsches Empfinden versteht es sich von selbst, daß das Haus nur das erweiterte Ich des Hausherrn, die seiner Seele angepaßte Hülle seiner Seele ist. Daraus ergibt sich, daß in einem Hause nur sein Herr und dessen Familie Platz findet, daß für irgend eine Mietwohnung schlechterdings in ihm kein Raum ist. Es spricht allem deutschen Empfinden Hohn, in einer Mietkaserne mit einem Dutzend oder einem paar Dutzend andrer Urwähler zusammen untergebracht zu sein, wie das Urvieh in Noes Arche, oder die Spielsachen in einer Nürnberger Schachtel. In seinem Hause allein wohnen ist nicht, wie ich einmal aus dem Schlote eines Beamten vernommen habe, ein Luxus, sondern für einen wirklichen Deutschen eine ethische Notwendigkeit.

 

Die Gemeinden werden nötigenfalls den Luxus besteuern dürfen. Sie werden es tun, nicht der Staat, weil der Staat zu hoch über den Individuen steht, um deren Gebaren richtig erkennen zu können. Nur müssen die Gemeinden einsehen, daß sie mit der Steuer auf den Luxus nicht sowohl eine Geldeinnahme erzielen, als eine erziehende Wirkung ausüben sollen. Wird zum Beispiel von jedem in einer Stadt vorhandenen Klaviere eine – tunlichst hohe – Summe Geld erhoben, so geschieht das wesentlich, um dem Volke klar zu machen, daß so wenig jeder Mensch Anlage zur Malerei oder zur Mathematik, genau ebensowenig oder noch weniger (da man zur Musik eine Seele haben muß) jeder Mensch Anlage zur Musik hat: die zahlreichen Klapperschlangen, welche jetzt durch ihr Tastenhauen sich und ihre Umgebung quälen, werden vielleicht dadurch, daß ihr Hackbrett mit einer Steuer belegt wird, inne werden, daß sie noch hölzerner sind, als der Mahagonikasten, an welchem sie lärmen. Und so in ähnlichen Fällen. Die Finanzen gewinnen bei Luxussteuern nur in einem mitten in der Verwesung befindlichen Volke: einer noch lebenskräftigen Nation dient die Luxussteuer nur dazu, den Luxus und damit auch die Erträge der Luxussteuer zu töten.

 

Die Finanzwirtschaft eines Staates hängt auf das innigste mit seiner Politik zusammen. Die Politik des Staates muß so bemessen werden, daß sie mehr und mehr seine Finanzen entlastet.

Dies ist am schlagendsten durch Betrachtung der für das Heer aufgewandten Kosten zu beweisen.

Niemand als ein Narr leugnet, daß das Deutsche Reich ein großes und stets schlagfertiges Heer zur Verfügung haben muß. Damit ist aber – man macht sich das nur nicht klar – ausgesprochen, daß das Deutsche Reich in der Gestalt, in welcher es zurzeit existiert, nicht lebensfähig ist: kein Hausherr verwendet die Hälfte seiner Einnahme auf Riegel und Zäune. Damit ist aber weiter gesagt, daß das Deutsche Reich auf ganz andere Grundlagen gebaut werden muß, als auf die es gebaut ist.

Ich rechne es mir zur Ehre an, seit 1853 ohne Schwanken die Anschauung verfochten zu haben, daß erst die Gründung eines mitteleuropäischen Staates Europa den Frieden geben werde.

Der Gründung dieses Mittel-Europa steht zurzeit entgegen, daß der Kaiser von Österreich den Bundestag und Königgrätz, der Kaiser von Deutschland seine Beziehungen zu Rußland nicht vergessen kann, und der Kanzler des Deutschen Reichs Friedrichs von Gentz von mir oft bekämpfte, von der Entwickelung der Dinge beseitigte Anschauungen über Ungarn zu den seinigen gemacht hat. Der Kopf freilich sieht vieles ein, zu dem das Herz Nein sagt: in der Politik wirkt aber niemals der Kopf allein, sondern wirkt der Kopf, der mit einem Herzen Hand in Hand geht.

Eine Auseinandersetzung mit Rußland wird Polen und Galizien unter dem seine fünf deutschen Landschaften an Preußen abtretenden Hause Wettin, natürlich als unzertrennlichen Bundesgenossen Deutschlands und Österreichs, selbständig machen, sobald sämtliche in Polen und Galizien ansässigen Juden, dieser alte Krebs der polnischen Nation, nach Palästina abgeschafft sein werden. Diese Auseinandersetzung wird östlich von Polen bis zum Schwarzen Meere hin Land für deutsche Ansiedlungen freistellen, und auf Kleinasien die Hand für weitere deutsche Kolonien legen. Es ist nicht zu ertragen, daß die Geschichte stets westwärts gehe, während im Osten für die auf Europa schwer lastenden Sarmaten das beste, durch eine einfache Umquartierung in Besitz zu nehmende, Land brach liegt, und durch ein Rückwärtsdrängen der Moskowiter vor unsrer Türe Platz für die jetzt in Amerika verschwindenden Deutschen gefunden, und die Bahn für eine eigene, nicht russische und darum ungefährliche Entwickelung der Südslaven geschaffen werden kann.

Diese Aufgaben hat sich die deutsche Nation zu stellen, weil nur wenn sie gelöst sind, die schwere und kostspielige Rüstung überflüssig wird, welche dauernd zu tragen ihr unmöglich fällt. Nur die Germanisierung der im Osten an uns grenzenden Länder ist eine Tat der Nation, die jetzt tatenlos dahinlebt, und sich mit Rauchen und Lesen über ihre Nichtigkeit tröstet. Wir ersticken an Bildung und dem Geheimen-Rats-Liberalismus: wenn wir wieder Bauern geworden sein werden, können wir noch glücklich sein, und Bauern werden wir nur durch Rücknahme des alten Goten- und Burgundenlandes.

 

Wer keine Grundsätze, sondern nur Bewunderung und Gefolgschaftswilligkeit aufzuweisen hat, darf nicht im Ernste Mitglied einer politischen Partei heißen.

 

So unideal sind die Deutschen trotz der letzten Jahre noch immer nicht, sich der Prinzipien zu entschlagen. Wir haben weder die eine Anlage, auf eigenes Denken und Empfinden zu verzichten, noch die andere, dies Denken und Empfinden nicht an Höherem zu messen und zu orientieren: falls uns Servilität eingeimpft wird, gewöhnen wir uns nicht sowohl an das Gift, als an die Hautkrankheit, mittelst derer unsere Natur dasselbe ausstößt: sie heißt Opposition um jeden Preis.

Menschen gelten uns im öffentlichen Leben nur als Träger von Ideen. In dem Maße, in welchem ein Mann seine Person über die Ideen und Ziele, welchen er dient, hinaushebt, in demselben Maße verliert der Deutsche die Andacht zu ihm. Auf Heroenkultus sind wir nicht eingerichtet, wir sehen Götzendienst in ihm, und werden dem Heros gegenüber aus Gerechtigkeit gegen die Idee und unser freies, nur in Gott gebundenes Ich sogar (was nicht hübsch ist) ungerecht, wann des Heros Freunde uns zumuten, jenen anzubeten. Der Heros Luther genießt seine Verehrung nur, weil er dem geltenden Aberglauben zufolge das Prinzip der freien Forschung und das Recht der Individualität vertreten, also sein Heroentum nur darin bestanden hat, allen anderen das, freilich unbenutzt gebliebene, Recht selbst Heroen zu sein zu erwerben.

Wollen wir in Deutschland Parteien haben, so dürfen dieselben keine Livrée tragen, sondern müssen einer Fahne folgen.

 

Wer das Parteileben eines Volkes gesund zu sehen wünscht, wird wohl tun, Klarheit über das Gebiet zu verbreiten, auf welchem allein ein Parteileben möglich ist.

Dies Gebiet ist nicht der Staat.

Der Staat ist die Gesamtheit aller für das Leben einer Nation nötigen Einrichtungen, soferne dies Leben nicht entweder durch die einzelnen Glieder der Nation oder durch Genossenschaften einzelner Glieder gefördert und erhalten werden kann. Der Staat ist nicht der Inbegriff, sondern, soweit er nicht Notbehelf ist, nur die Form des Lebens der Nation.

Der Staat ist nicht souverän.

Die Monarchie, die Religion, die Wissenschaft, die Kunst stehn als sui generis alle über dem Staate, darum außerhalb desselben: und wenn der Staat sich unterfängt, sie nach seinem Willen zwingen zu wollen, stehn sie ihm als Feinde gegenüber.

Der Satz, daß der Staat nicht Selbstzweck ist, bedarf für niemanden eines Beweises, der das Leben dem Evangelium gemäß ansieht. Das Evangelium kennt auf Erden nur Ein Göttliches, die Menschenseele. Alles was existiert, dient der Entwickelung der Menschenseele: sobald es aufhört als in diesem Dienste stehend zu gelten, ist es ein Götze. Im ewigen Leben wird keine Spur des Staats vorhanden sein: falls Staatsanwälte, Bürgermeister, Steuerexekutoren, Minister in den Himmel kommen, kommen sie nicht als Staatsanwälte, Bürgermeister, Steuerexekutoren, Minister hinein.

Jener Satz bedarf für niemanden eines Beweises, der die Geschichte des deutschen Staats, und der auch nur oberflächlich deutsche Art kennt. Der Staat hat sich in allen germanischen Ländern von Fall zu Fall aus dem Bedürfnisse entwickelt: ohne Hilfe des Staats schaffen und leben gilt überall als das zu wünschende: das Individuum und der Individuen natürliche Gruppierung, die Familie, sind das Wertvolle, welches sich keinem Massenwillen, keiner Regimentierung, keinem Systeme unterordnet.

Aus Gründen, welche weiter unten dargelegt werden sollen, sind wir nicht gesonnen, von diesen evangelischen und germanischen Anschauungen zu lassen.

 

Hegel und was ihm folgte, sah im Staate (ich darf die bombastischen Phrasen nicht ändern) die Wirklichkeit der sittlichen Idee, den göttlichen Willen als gegenwärtigen, sich zur wirklichen Gestalt und Organisation einer Welt entfaltenden, den in der Welt sich mit Bewußtsein realisierenden Geist: er sei – es sind stets dieses getrocknet aufgewachsenen Subalternen eigene Worte – wie ein Irdisch-Göttliches zu verehren.

Zunächst würde aus Hegels Bestimmung des Begriffs folgen, daß es auf der Erde, auf welcher Philosophen wie Theologen doch nur Eine Sittlichkeit anerkennen werden, nur Einen Staat geben dürfe.

Sodann würde man sich daran erinnern, daß Kunst, Wissenschaft, Religion, von der Sittlichkeit nicht zu trennende Dinge, zwar im Staate, aber nicht Organe des Staats sind, mithin der Staat nicht das ganze Wesen des Menschengeistes in sich birgt. Kunst, Wissenschaft, Religion fließen aus eigenen Quellen, folgen ihren eigenen Gesetzen, erstreben eigene Ziele. Koppernick, Kepler fragen den Staat ebensowenig um Erlaubnis Mathematik zu verstehn, wie Raffael und Murillo bei ihm die Genehmigung zu ihren Bildern, Sebastian Bach, Palestrina die zu ihrer Musik nachsuchen, oder Jesus, Zoroaster, Konfuzius, Buddha sich von der Polizei bescheinigen lassen, daß sie als Religionsstifter konzessioniert sind. Der Staat, wann er (was nicht selten der Fall ist) dem Einflusse der im Kantönli groß gewachsenen Junkerdummheit oder des boshaftesten Gorillatums plumper Gewaltlust und Schadenfreude ausgesetzt ist, läßt den Kepler hungern, da dieser nur die Geister zu vergnügen weiß, treibt den Euler über die Grenzen deutscher Zunge hinaus, kreuzigt Jesum und verfolgt Jesu Jünger: aber trotzdem oder gerade darum liegt der Staat in wesenlosem Scheine tief unter den Füßen der Genien, und wann der Qualm seiner Maschinen zu jenen emporgetragen wird, entfalten sie die Fittiche, und fliegen höher, selbst der Erinnerung an ihn aus dem Wege.

 

Und endlich, wo bleibt das jedem Frommen über allen Widerspruch und Zweifel erhabene Bewußtsein, daß es dem Menschen nichts hülfe die ganze, auch die ausgereifte, im Sinne Hegels realisierte Welt zu gewinnen, wenn er an seiner Seele Schaden litte? wo das Bewußtsein, daß das Reich Gottes von oben nach unten regiert wird, also im Gegensatze zu diesem von unten nach oben ausreifenden Staate steht?

Wenn der Staat Mittel zu einem Zwecke ist, so unterliegt er einer Kritik nur von dem Gesichtspunkte aus, ob seine Einrichtungen zweckgemäß sind. Aber von diesem Gesichtspunkte aus unterliegt er einer Kritik ebenso gewiß und ebenso rechtmäßig, wie das Pferd eines Brauers der Kritik dahin unterliegt, ob es imstande ist, bei dem und dem Futter und dem und dem Alter die ihm abverlangte Zugkraft zu liefern, wie das Pferd eines an den Feind zu schickenden Dragoneroffiziers daraufhin geprüft wird, ob es dem Felddienste eines Dragoneroffiziers gewachsen ist.

Der Staat wird ebenso gewiß daraufhin in Obacht genommen, ob seine Räder und Schrauben, seine Kessel und Ventile, sein Kondensator, Feuerloch und Tender leistungsfähig sind, wie eine Dampfmaschine auf diese Punkte hin fortwährend unter Aufsicht steht.

Diese Aufsicht auszuüben ist weder liberal, noch ist es konservativ: es ist einfach Pflicht jedes, der sehen kann und der von der Sache etwas versteht. Je ausgedehnter der status, das heißt, der für bestimmte Leistungen zugerichtete Inventarstand ist, desto mehr Augen sind nötig, ihn zu prüfen, desto mehr Hände und Köpfe nötig, ihn gebrauchsfähig zu halten. Es ist keine Beleidigung gegen eine Lokomotive, wenn irgend wer entdeckt, daß diese und jene wichtige Schraube an ihr gerostet ist, und wenn er fordert, sie durch eine neue zu ersetzen. Es ist auch keine Beleidigung gegen die Verwaltung einer Gebirgsbahn, wenn nach Erfindung einer besonders sicher wirkenden Bremse verlangt wird, daß solche Bremsen für ihre Wagen angeschafft werden. Ob irgendwo Schienen aufgerissen, oder Brücken eingefallen sind, vermag ein Bauernjunge zu sehen und zu melden: es bedarf zu solcher Einsicht und Meldungen nicht eines Geheimen Oberregierungs-, geschweige denn eines Kanzleirats: aber der sehende und meldende Bauernjunge ist kein Feind des Staats und ist nicht liberal: er tut nur seine Schuldigkeit.

Als Führer einer Lokomotive, als Verwalter eines Bahnhofs oder eines Schienenwegs ist niemand konservativ und ist niemand liberal: jedermann ist als Beamter dieser und jeder andern Art Techniker, Sachverständiger.

Was vom einzelnen gilt, das gilt auch vom Ganzen. Sowohl von den Werkzeugen, welche der Staat benutzt, als von den Menschen, welche er anstellt, um mit jenen Werkzeugen zu arbeiten, gilt es, daß in betreff ihrer für Parteianschauungen kein Raum ist, und weil in betreff ihrer kein Raum für Parteianschauungen ist, bezieht sich der Gegensatz der Parteien nicht auf den Staat und dessen Verwaltung.

Parteien kommen im Bereiche der Maschine nicht vor, Parteien finden sich nur, wo es Leben gibt, und in dem Leben Temperament und Charakter, also in der Nation.

Die Nation hat ihr sinnliches Leben: sie muß erwerben, um Existenzmittel zu haben.

Sie will aber auch erkennen, was ihr in der Vergangenheit, was ihr in der Gegenwart gegenübersteht, sei das Gegenüberstehende Geschichte, sei es Natur.

Sie will in die Gegenwart ihres Daseins Maß, Form, Harmonie einbilden, das heißt, sie will ihr Dasein schön gestalten.

Sie will frei werden von Natur und Geschichte, will aus der schönen Welt des Sterbens in die ideale Welt des ewigen Lebens hinüber, will, müde geworden an Sonnenschein und Frühlingslust, müde der Arbeit, des Begrabens, des Wissens und Werdens, die Seelen ihrer Kinder sammeln, über den Ozean hinweg der sinkenden Sonne nach zu fliegen: das heißt, sie bedarf des Zusammenhanges mit Gott, sie bedarf der Frömmigkeit.

Auf diesen Gebieten allen werden zwei Bestrebungen nebeneinander hergehn und hergehn müssen: die einen wollen dafür sorgen, daß nichts Wertvolles sein Dasein verliere, seiner Existenzbedingungen beraubt, am freien Auswachsen seiner Kräfte gehindert werde: den andern liegt am Herzen, daß ein Sprossendes nicht darum, weil es neu ist, der Verachtung des bereits Anerkannten zum Opfer falle, daß ihm Raum, Licht, Luft, Wärme gewährt werde, sich zu erproben, daß es, wenn erprobt, eingereiht werde unter die Besitztümer der Nation.

Die Konservativen erhalten bereits vorhandene Kräfte in Kraft, die Liberalen sorgen, daß neuauftretende Kräfte sich als Kräfte frei ausweisen können. Hat sich das Neue bewährt, so geht es aus der Pflege der Liberalen in die der Konservativen über.

Von einem Erhalten alles Bestehenden ist bei den Konservativen keine Rede: sie wenden ihre Fürsorge nicht dem Arbeitsergebnisse irgend welcher Kräfte, sondern nur Kräften zu, also Dingen, welche sich selbst erhalten, woferne man ihnen die Bedingungen des Weiterlebens nicht entzieht: daß letzteres nicht geschehe, dafür sorgt die konservative Partei.

Von einem Befördern alles Neuen ist bei den Liberalen keine Rede: diese wenden ihre Fürsorge dem Neuen nur insoferne zu, als sie ihm Gelegenheit und Raum verschaffen, sich als berechtigt auszuweisen.

Die Nationalität der Deutschen – eine preußische Nation gibt es nicht – die Nationalität der Deutschen erhalten kann nur der, welcher einsieht, daß sie ganz und gar noch zu wecken ist. Wir erhalten diesen Baum nur, indem wir von den höchstens eben wieder aus der am Boden abgehauenen Wurzel ausschlagenden Schößlingen den gradesten, kräftigsten in die Höhe pflegen, und gegen das Schwarzwild wie gegen die naschenden Ziegen so einhegen, daß Gottes Sonne, Regen und Wind ungehindert ihre Säugammendienste an ihm tun können. Wir müssen abwarten was werden wird: denn das, was Deutsch heißt, ist seit Jahrhunderten die Anzucht von Pflanzenphysiologen, deren Dünger und Belichtung die Pflanze so oder so beeinflußt, das heißt, entstellt hat. Es handelt sich aber beim wirklichen Politiker darum, der Nationalität diejenige Entwickelung zu sichern, welche der in Demut zu beobachtende Wille Gottes verlangt. Um unsere werdende Nationalität im Werden zu erhalten, gibt es zwei, gleichzeitig anzuwendende Mittel: nach der Seite der Ewigkeit wie nach der Seite der Welt hin muß Deutschland vor eine Arbeit gestellt werden. Es ist, wie jetzt die Dinge liegen, Gottes Gnade, daß Deutschland als solches keine Religion, und daß es zu enge Grenzen hat: denn dadurch werden ihm die Arbeiten gewiesen, durch welche es werden kann. Der Kampf um eine ihm innerlich gemäße Form der Frömmigkeit und zweitens Kolonisation sind die Mittel, welche die noch latente Nationalität der Deutschen zum deutschen Dasein großziehen müssen.

Oft genug schon habe ich auseinandergesetzt, daß der einzige Weg, welchen Menschen zum Gewinne einer neuen Form der Frömmigkeit zu bahnen vermögen, die Theologie ist.

Keine Macht kann irgend wen zwingen, mit der Ausbildung seines inneren Menschen Ernst zu machen. Die Macht vermag nur über das in die Äußerlichkeit Tretende Bestimmungen zu treffen: sie kann fordern, und bis zu einem gewissen Grade erzwingen, daß dies und das mit leiblichen Augen Wahrzunehmende geschehe oder nicht geschehe, sie kann nun und nimmer Reinheit des Herzens heischen, oder gar sich nachgewiesen verlangen. Um nach Reinheit des Herzens mit Erfolg zu streben, muß auch die Umgebung des Strebenden reiner sein als unsere Umgebung ist, aus welcher zu fliehen im Lande der Schulpflicht, der Wehrpflicht, der Impfungspflicht, der gesellschaftlichen Höflichkeit, der Frühstückszeitungen und ähnlicher Dinge unmöglich fällt, wider welche zu streiten, mit nicht reinen, sondern nach der Reinheit nur sich ausstreckenden Händen, unter Hunderttausenden kaum einem gelingt. Die Macht könnte und sollte die Berechtigungen der Schulen, das ganze Unterrichtswesen in dessen jetzt geltender Form, den Reptilismus, die Jobberei zernichten: damit würde sie die Luft reinigen, aber keine Samenkörner für künftige Ernte streuen: solche Samenkörner besitzt sie in ihren Speichern überhaupt nicht.

 

Es gibt für den Menschen nur Eine Schuld, die, nicht er selbst zu sein: denn dadurch, daß er dieses nicht ist, lehnt er sich gegen den auf, der seine Existenz gewollt, und als eine so und so bestimmte gewollt hat, nicht die aus Fleisch und Blut geborene, sondern die wiedergeborene, die ethisch gewordene Existenz, das Sakrament, als welches jeder Mensch durch die Welt wandern soll, Geist und Leib unzertrennbar vereint, und, weil nur in dieser Unzertrennbarkeit Mensch, der Auferstehung des Leibes nach dem Tode harrend.

Was vom Menschen, das gilt auch von den Nationen.

 

Die Juden haben nie irgendwo in der Geschichte sich der Zuneigung ihrer Mitmenschen zu erfreuen gehabt. Sie selbst geben für ihre schlechten Eigenschaften dem Drucke der Christen schuld: daß auch die Araber sie gedrückt, wird, um ja dem Christentume recht viel anzuhängen, verschwiegen. Allein Griechen und Römer schildern in Zeiten, in denen das Christentum noch gar nicht vorhanden oder doch ohne Einfluß war, die Juden genau so, wie wir sie jetzt finden. Und mehr noch: die Patriarchen, von denen die Genesis berichtet, sind, mögen sie sonst sein was sie wollen, Typen der jüdischen Nationalität, und diese Typen sind unsern jetzigen Juden in guten und schlimmen Zügen so ähnlich, daß diese jetzigen Juden dem alten Maler zum Bilde gesessen zu haben scheinen. Seit Nathan dem Weisen und Moses Mendelssohn gibt es auch wieder mehr Abdrücke des Typus Joseph, jener Vorsehung in Hosen, die mit raffinierter Psychologie doch eigentlich kein andres Geschäft betreibt als das, ihre eigene Vortrefflichkeit und Weisheit nach allen Seiten in das rechte Licht zu stellen. Verderbt sind also die Juden nicht, nur in ihrer Natur erhalten.

 

Niemand läßt sich gefallen regiert zu werden, als wer selbst irgendwie regiert; nur daran, daß er selbst verantwortlich für die Leitung einer wenn auch noch so kleinen Gemeinschaft ist, gewinnt er Einsicht darein, daß es eine Regierung geben müsse, nur an seinem Regieren den Maßstab zur Beurteilung des Regierens anderer. Darum ist es nicht wohlgetan, Regierende und Regierte einander gegenüber zu stellen. Anarchisten bekehrt man, indem man sie zu regieren zwingt, Sozialisten, indem man ihnen Grundbesitz zuweist.

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