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Schriften für Deutschland

Paul de Lagarde: Schriften für Deutschland - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
authorPaul de Lagarde
titleSchriften für Deutschland
publisherAlfred Kröner Verlag
editorAugust Messer
year933
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Deutsche Frömmigkeit

Religion entsteht überall da, wo Menschenherzen fähig sind, eine Seite des Lebens Gottes zu erfassen. Gott wird nicht offenbart, sondern seines Daseins irgend welcher Strahl leuchtet ein, und er tut das, weil die Menschen gerade nach der Richtung gewendet sind, in welcher stehend man ihn fassen kann. Der Fromme freut sich an Welt und Geschichte, weil er in beiden etwas erblickt, was nicht Welt und Geschichte ist.

Religion entsteht weiter da, wo Menschenherzen von irgend welchem sie Ängstigenden und Quälenden frei werden wollen. Gott wird nicht offenbart, sondern irgend etwas Ungöttliches in der Welt treibt, nach dem Gegenteile des Ungöttlichen zu greifen, und das ist Gott. Der Mensch flüchtet vor Welt und Geschichte zu Gott, weil er in beiden etwas erblickt, was nicht zu ihm selbst stimmt.

So ist Religion erstens Freude an Gott und an seinem Tun, so ist sie zweitens der vollendetste Ausdruck des Freiheitsbedürfnisses des Menschen.

Armer Schleiermacher, wo bleibt der erste Paragraph deiner Dogmatik?

Verhält sich die Sache, wie ich behauptet, so wird Religion bei uns erstens aus der Anerkennung irgend welchen göttlichen Lebens, so wird sie zweitens aus der Flucht und dem Ekel vor Ungöttlichem erwachsen können.

Ich denke, die beiden Seiten der Sache fallen in unseren Tagen so nahe zusammen wie nur möglich.

Wenn irgend etwas für unsere Zeit charakteristisch ist, so ist es die brutale Tyrannei des Allgemeinen, dessen, was die alte Kirche Welt nennt, mag diese Welt sich als Gewohnheit, Mode, Sitte, Kultur, Gesellschaft, Staat, Kirche verkleiden. Alle anderen Leiden sind verschwindend gering gegen den Schmerz ein Helot zu sein, nie im Leben auch nur eine halbe Minute lang sich selbst gehören zu dürfen.

Wenn irgend etwas in unserer Zeit erquickend und befreiend wirkt, so ist es das Dasein – selten genug ist dies Dasein – origineller, ganz ihren eigenen Weg gehender, von Grund ihres Herzens mutiger und frommer Menschen, welche nur um Gottes willen handeln und leben. Wo sonst heutzutage in Deutschland Freude zu finden wäre, wüßte ich nicht.

Die Natur ist ein Gegenstand der Wissenschaft geworden: die Götter und Gott sind aus ihr gewichen, und haben ihr Reich an die Gesetze abgetreten.

Niemand glaubt noch, daß das höchste Wesen Befehle vom Himmel gesandt, Anweisungen gegeben habe, wie das Leben einzurichten sei, wenn es Gott wohlgefällig sein solle.

Die Schönheit gilt nicht mehr, seit der häßliche Sokrates zeigte, daß der Mensch wertvoller ist als der schöne Mensch: seit das Evangelium das harte Wort Sünde in die Welt warf, und von Wiedergeburt und dem Reiche Gottes geredet wurde.

Eines ist noch da. Der Wiedergeborene, welcher um Gottes willen Schande und Elend trägt, Ehre und Wohlleben verachtet, den Tod nicht fürchtet, und zuversichtlich genug ist, ein ewiges Leben ertragen zu wollen.

In ihm ist Gott: an ihm ist Freude und Befreiung. Er ist der lebendige unter uns wandelnde Beweis des Daseins der Ewigkeit, des Wirkens der Mächte der Ewigkeit, und zwar, wie das jedem stille lauschenden Herzen klar werdende Walten einer die einzelnen Menschen völlig individuell erziehenden Liebe der einzige Beweis für die Unsterblichkeit der Seele, so ist das Dasein des Wiedergeborenen, dieser persönlichen Erziehung sich hingebenden Menschen der allereinzigste Beweis für das Dasein eines persönlichen Gottes. Nehmet diese Menschen aus der Welt, so ist alles dunkel in ihr.

Wie die Sachen weiter sich entwickeln werden, wer will es sagen? Das ist unumstößlich gewiß, daß die Zukunft der irdischen Geschichte, die Zukunft Deutschlands an den einzelnen Menschen hängt, nicht an der Schulung der Massen, welche schließlich ja doch nur aus einzelnen Menschen bestehn, nicht am Staate, nicht an der Verfassung, nicht am Papste, nicht an irgend etwas, was nicht unmittelbar aus Gottes Hand gekommen ist. Alles liegt an den Menschen, und an nichts hat Deutschland so großen Mangel wie an Menschen, und keinem Dinge ist Deutschland mit seiner Anbetung des Staats, der öffentlichen Meinung, der Kultur, des Erfolges so feindlich wie dem, wodurch allein es Leben und Ehre erlangen kann, dem einzelnen Menschen.

 

Die Wissenschaft sucht, die Kirche hat.

 

Der Protestantismus hat den Versuch gemacht, einen kranken Organismus durch Subtraktion zu heilen: der Altkatholizismus wiederholt diesen Versuch, und wird kein besseres Glück mit ihm haben als sein Vorgänger. Kann man von politisch gebildeten Männern verlangen, daß sie aus der Geschichte die Erfolglosigkeit dieser Heilmethode erfahrungsmäßig kennen, daß sie wissen, daß man nie durch Nein, sondern immer nur durch Ja erfolgreich verneint, so muß man von allen, denen über dem hastigen Treiben unserer Tage noch nicht die Fähigkeit abhanden gekommen ist, das theoretisch auch von ihnen angenommene Evangelium ruhig reden zu lassen und seinen Worten nachzudenken, fordern, daß sie den großen Satz Jesu von der Wiedergeburt nicht bezweifeln, welche allein imstande sei, in das Reich Gottes zu bringen. Dieser Satz ist Gläubigen wie Ungläubigen, die seine Wahrheit nicht an sich selbst erfahren haben, heute noch eben so unverständlich, wie er es vor fast zweitausend Jahren dem Nikodemus war: nichtsdestoweniger ist er vollständig richtig. Nur daß ein neues Leben angefangen wird – ich sage nicht: daß man ein neues Leben anfängt –, nur darin liegt die Heilung der Krankheit, nicht darin, daß man ein angeblich allein krankes Glied abschneidet, und ein anderes, das nur beim Mechanikus zu beschaffen sein würde, dafür einsetzt. Geistige Leiden sind niemals chirurgischer Natur. Das, was Deutschland braucht, ist nicht ein Katholizismus minus des Papstes und einiger anderen, dem Katholizismus eigenen Dinge, nicht ein Christentum minus einer bald höher, bald niedriger gegriffenen Zahl von Dogmen, sondern ein neues Leben, welches die absterbenden Reste alten, kranken Lebens totlebt: was wir bedürfen, ist ein Frühling, der frisches Laub und junge Blüten treibt, nicht ein Borstwisch zum Abkehren der vorjährigen Blätter, welche vor jenem Frühlinge von selbst fallen würden.

 

Sowie die christliche Theologie, nicht in der Theorie (an dieser fehlt es auch jetzt nicht), sondern tatsächlich, dem Grundsatze huldigen wird, daß sie genau dieselben Prinzipien der Erkenntnis und dieselben Methoden der Untersuchung hat, welche auf den übrigen Gebieten der Geschichtswissenschaft gelten, so wird sie anerkannte Resultate haben, und infolge davon als Wissenschaft anerkannt werden. Dann, aber auch nur dann, wird der Staat von dem Studium der christlichen Theologie für die Nation einen Nutzen zu erwarten berechtigt sein. Dem Glauben aber entsage man doch ja, daß solche mit dem Suchen nach Wahrheit rücksichtslos ernstmachende Theologie jemals Geistliche für eine der jetzt bestehenden Kirchen liefern werde. Wir haben allerdings erlebt, daß ein Führer des Protestantenvereins auf die Frage der Behörde, wie er jeden Sonntag vor dem Altare das apostolische Glaubensbekenntnis bekennen könne, wenn er es nicht glaube, ohne bei seiner Partei Anstoß zu erregen, die armselige Antwort geben durfte, er bekenne es auch nicht, er lese es nur vor (man sollte meinen, wenn so etwas gestattet sei, dürfe auch ein Meineidiger sagen, er habe den bemängelten Eid gar nicht geschworen, sondern nur nachgesprochen): allein niemand, der je mit wirklicher Wissenschaft in Berührung gestanden hat, wirft sich zu solchem Benehmen weg: darum wird aber auch ein wirklicher Theologe nie Geistlicher der jetzt bestehenden, auf bestimmten, auch in der stärksten Abschwächung unhaltbaren Bekenntnissen beruhenden Kirchen werden.

 

Was ist uns Adam und Eva? was Abraham, Isaak, Jakob? was Moses und David? Fremde sind sie uns: sie gehn unser Empfinden nichts an.

Sie sind Schlimmeres als nur gleichgültig. An Adam und Eva hängt die Erbsünde, hängt die Versöhnungslehre, an Abraham der Glaube, an Moses das Gesetz, an David der Messias und das Erfüllungssystem, welches alle Wissenschaft vom Alten und Neuen Testamente bisher unmöglich gemacht hat. Wollt ihr die orthodoxen Satzungen und Anschauungen nicht, ihr deutschen Väter, so schafft euch zunächst die biblische Geschichte des Alten Testaments vom Halse, aber so gründlich, daß ihre Namen in Gegenwart eurer Kinder nie genannt werden dürfen.

Um so mehr so, als was an Sage – denn an die Geschichtlichkeit der Darstellungen wird doch kein Mensch mehr denken – als was an Sage um Abraham und dessen Genossen geschlungen ist, mit verschwindenden Ausnahmen die Jugend nicht anders erzieht, als indem es sie mit Widerwillen erfüllt. Denke man die Erzählungen von den hebräischen Patriarchen und von David ohne vorgefaßte Meinungen durch: man wird gestehn, daß man sich freuen muß, wenn die Kinder sich daran ärgern. Abraham, der dem Könige von Ägypten sein Eheweib als Schwester vorstellt, und Jahwe, der den arglos jene Schwester zur Frau Begehrenden für dies nach unsern Begriffen völlig erlaubte Begehren züchtigt. Isaak dies Spiel des Vaters wiederholend. Jakob und Rebekka gemeinsam den blinden Isaak betrügend. Jakob vor Esau. David mit dem Brautgeschenke für Michal (nach jüdisch-protestantischer Zitierungsweise erste Samuelis Kapitel 18), und so vieles andere. In den Sagen des Alten Testaments, in der biblischen Geschichte des Alten Testaments ist von der noch heute als geltend anzuerkennenden Seite der israelitischen Religion äußerst wenig zu spüren.

Die biblische Geschichte des Neuen Testaments ist mir genießbar unter der Voraussetzung, daß der Jesus, um welchen es sich in ihr handelt, der Sohn Gottes sei, für welchen ihn die Kirche ausgibt: der Rabbiner von Nazareth ist des Höchsten langweilig. Teilt die Mehrzahl der bei uns zur Gesetzgebung berufenen, sowohl der in der Regierung wie der im Landtage sitzenden Männer den Glauben der Kirche in betreff Jesu nicht, so wird sie nur wohl tun, wenn sie die biblische Geschichte des Neuen Testaments aus den Schulen entfernt. Es ist verständiger Leute doch kaum würdig, in Kinder das hineinlehren zu lassen, was sie von Knaben bereits mit Mißtrauen angesehen, von Jünglingen so verworfen wissen wollen, wie sie selbst es verwerfen.

Das wird man nicht behaupten mögen, daß jene Geschichte für Kinder gut sei, und nur für Erwachsene den Reiz und die Verbindlichkeit verliere. So wenig ein kerfefressender Vogel in höheren Jahren zu einem körnerfressenden wird, so wenig darf ein Knabe als Knabe mit wesentlich anderer geistiger Kost genährt werden als mit der, welche er – in weiterem Umfange – als Mann genießen wird.

 

Der Mensch ist, weil fortdauernder Entwickelung fähig, weil unsterblich, weil ein Gedanke des göttlichen Geistes, nur in der Entwicklung, also nur in der Geschichte, Mensch.

 

Über die Religion der ältesten Menschen vermögen wir uns nur durch die Sprachwissenschaft einigermaßen zu orientieren.

 

Ihre Fremdheit betonen die Juden, welche trotz ihrer den Deutschen gleichgestellt zu werden wünschen, durch den Stil ihrer Synagogen alle Tage selbst auf die auffälligste Weise. Was soll es bedeuten, Ansprüche auf den Ehrennamen eines Deutschen zu erheben, und die heiligsten Stätten, die man hat, in maurischem Stile zu bauen, um nur ja nicht vergessen zu lassen, daß man Semit, Asiat, Fremdling ist?

Das einzige, was die Juden mit den der christlichen Kirche angehörenden Deutschen gemeinsam haben, das Alte Testament, macht die Verschiedenheit der beiden Nationen nur fühlbarer. Da die Wissenschaft vom Alten Testamente noch in den allerersten Anfängen liegt, ist kein Tribunal da, die weit auseinanderlaufenden Ansichten der beiden Religionsparteien über das von ihnen verehrte Werk abzuurteilen: von hüben und drüben nimmt man in den Untersuchungen über dasselbe voneinander längst keine Notiz mehr.

Wie fremd den Juden die Deutschen sind, erhellt auch daraus, daß jeder ausländische Jude dem Empfinden der in Deutschland angesessenen Juden näher steht als jeder Deutsche, dem sie sich doch gleichgestellt und gleichbehandelt zu sehen wünschen.

Nur ganz individuelles, ganz persönliches Leben kann uns aus dem Schlamme erretten, in welchen wir durch die Überbürdung der Geschichte mit Kulturballast und Zivilisationsquarke, durch die Schablonisierung der Empfindungen und der Urteile, durch den Despotismus der vielen kleinen und großen Selbstsuchten von Tag zu Tag tiefer versinken. Dies individuelle, persönliche Leben kann nur durch Beziehung des Menschen auf Gott emporflammen und brennend bleiben: wer die Welt in und um sich überwinden will, der muß Gott zum Helfer und zum Ziele haben, sonst wird ihn die Welt recht bald zu gewaltig dünken, und seine Hände werden lässig und verzweifelnd in den Schoß fallen.

Also nur vorwärts mit der Freiheit zu lehren und zu erziehen für alle, welche das Bürgerliche Gesetzbuch nicht verletzen.

Da wandert über die Berge, durch die einsame Heide, der Glaubensbote zu seines Glaubens Genossen, spendet Trost und Sakrament den Bekümmerten, welche auf die Hilfe von oben und den Kuß Gottes warten, der ihre Seelen hinaufziehen wird: Heimstätten haben diese hier und da, weit weg vom eigenen Herde, ihre Kinder darin zuzubereiten für das große Vaterland oben, Heimstätten, an welchen ihr Herz hängt: der Genosse unsres Friedens und unsrer Hoffnung, wie ist er willkommen, wann er an die Türe klopft, der sichere Mann, verschworen wie wir, durch Sein und Leiden, durch Kampf und Gebet in diesem geliebten Vaterlande der Zukunft eine Wohnung zu richten.

Wem es nicht ein Genuß ist, einer Minderheit anzugehören, welche die Wahrheit verficht und für die Wahrheit leidet, der verdient nie zu siegen. Deutschland ist moralisch feige geworden, seit man der Majorität zu folgen zum Staatsprinzipe erhoben hat. Die Sektenkirchen sind das notwendige Heilmittel gegen das erschlaffende, uns zum Untergange hindrängende Stimmviehgetreibe unsrer öffentlichen Versammlungen: sie sind solange nötig, als nicht Deutschland ein freier Bund selbständiger Stämme, und seine Stämme nicht ein Bund selbständiger Männer geworden, und als nicht eine nationale Religion alle Deutschen eint und bindet.

Nehmet jeden Schein weltlicher Hilfe von der Religion hinweg, aber rührt nicht an sie, wann sie da ist, lasset sie gewähren: sie allein kann uns helfen. Kinderseelen schütten nach dem deutschen Glauben den Tau nachts auf Baum, Gras und Blume: Kinderseelen werden den Tau auch unserm Volke herbeitragen, wenn ihr die Kinder behandelt als aus Gottes Hand euch geschenktes, ursprüngliches, unentweihtes Leben, das für Den zu erhalten und zu bilden ist, der es euch geschenkt hat, wenn ihr nichts an sie bringt, nichts um sie her leidet, als was echt, was ursprünglich, was das Vollkommenste ist. Das kann kein Staat tun und keine Staatsschule: denn der Staat erzieht nur um seines und seiner Auftraggeber weltlichen Vorteils halber: er lohnt durch Geld, und handelt für Geld. Die Kirchen müssen die vollen reinen Herzen ihrer besten Söhne und Töchter an das Werk setzen, Herzen, denen alle irdischen Wünsche erfüllt sind, wenn sie hoffen dürfen, daß einmal noch nach langen Jahren an ihrem Grabe neben Lilie und Rose und dem verfallenden Kreuze Greise und Greisinnen stehn werden, welche dem Schläfer da unten für die Wegweisung zum ewigen Leben danken möchten.

Jawohl, unbequem sind wir, aber ihr lebt durch uns, und wenn wir unbequemen Einsiedler und Sonderlinge einmal nicht mehr wären, so würdet auch ihr bald aufhören zu sein.

 

Machen wir die Religionsgemeinschaften völlig frei, so können sie Kirchen werden, so können sie – was dasselbe ist – mit dem Bewußtsein auftreten, daß sie Zahlen, und die, zu denen sie reden, Nullen sind, welche erst durch die kirchliche Erziehung zum Dasein gelangen. Eine Religionsgemeinschaft von Staates Gnaden und im Auftrage, unter der Leitung des Staates, handelnd und lehrend, ist keine Sonne, sondern der Trabant eines Mondes. Aber nur Sonnenlicht und Sonnenwärme machen wachsen und gedeihen. Kirchen werden mit Dezimalen multiplizieren, und die Nation dadurch um Zehner, Hunderter, Tausender bereichern.

 

Es darf hier wohl noch in Kürze darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Sätze des apostolischen Glaubensbekenntnisses »empfangen vom heiligen Geiste, geboren von der Jungfrau Maria«, man mag dieselben orthodox oder heterodox fassen, unbedingt ablehnen, die Existenz und das Wesen Jesu im jüdischen Volke wurzeln zu lassen.

 

Die christliche Kirche auf Erden kennt nur ein Göttliches, die Menschenseele. Alles Treiben der Erde hat nur den Zweck, die einzelnen Menschenseelen für ein höheres Leben auszureifen, für ein Leben, welches wir doch darum nicht leugnen werden, weil wir es uns nicht vorstellen können, welches wir uns nicht dürfen vorstellen können, damit wir nicht um des Lohnes willen streben, nach dessen Heile wir streben, weil wir aus dem auf ein Ziel deutenden, ersichtlich von einer erziehenden Hand gelenkten Erdenleben es hervorwachsen fühlen.

Wir Konservativen wollen Kräfte erhalten: alle anderen Kräfte aber sind an der Menschenseele oder um der Menschenseele willen da: nur die Seelen sind ihr eigener Zweck. So faßt sich die Tätigkeit der konservativen Partei schließlich in die eine Formel zusammen, sie wolle jedem Menschen das Recht und, soweit dies in ihrer Hand liegt, die Möglichkeit verschaffen, das, was Gott ihn von Anfang her hat werden wollen, wirklich auch zu werden. Wir sind – gegen die Modephilosophie des Tages – überzeugt, daß die Welt ein zum Ziele geordnetes Ganze, und ihre Unordnung nur ein Mittel unserer Erziehung ist: überzeugt, daß jeder Mensch, schlechthin jeder, in ihr seinen ihm, und nur ihm, bestimmten Platz hat: überzeugt, daß alle Menschen einig sein werden, wenn jeder von ihnen das, und nur das, tut was er soll, da der große Musikmeister Septimen und Nonen gebraucht haben wird, um in neue Tonarten überzuführen, und da darum, weil Septimen und Nonen dies tun, auch sie in dem Stücke vorkommen müssen.

Es fragt sich, ob auch den Elementen der Schöpfung – das Wort Element im Sinne der Chemiker verstanden –, den Seelen, im wesentlichen die Erhaltung durch die Arbeit kommt.

Gewiß tut sie das, nur nicht in dem Sinne tagebuchschreibender, pietistischer Selbstquäler, welche Abend um Abend verzeichnen wollen, wie herrlich weit sie es am vergangenen Tage gebracht, und deren Selbstanklagen sehr selten etwas anderes als maskierte Selbstgefälligkeit sind. Nicht durch Arbeit an sich selbst werden die Seelen etwas, denn sie haben nicht die Idee der Statue vor sich, wenn sie immerfort nur den Marmorblock anstarren.

Auch nicht durch eine Kirche, nicht durch eine Philosophie werden sie es.

Die Welt geht in sichern Geleisen nur darum, weil Großes und Kleines in ihr nebeneinander da ist, so da ist, daß das Große nicht groß genug, das Kleine zu verschlucken, das Kleine groß genug ist, sich gegen das Große zu wehren. Ungleichheit des zu Erhaltenden ist die Vorbedingung aller Erhaltung und alles Gedeihens.

Aber nicht das Selbstseinwollen der Monaden ordnet diese Welt, die angeborene Gebundenheit der Monaden, welche die überherrschenden Gewalten nicht los werden können, ordnet sie.

Alles Leben gravitiert nach der Zentralsonne: alles Leben lebt, weil es nach der Zentralsonne gravitiert, und doch nicht in ihr versinkt, sondern sie umkreist.

Das Dasein Gottes lehren, und nicht zugleich lehren, daß alles geschaffene Leben nur in Gott Halt und Ruhe und Lebekraft findet, nur auf ihn bezogen ist, heißt das Dasein Gottes leugnen. Der Mensch hat in Wahrheit nur eine Pflicht, die gegen Gott, von dessen Willen er Leben und So-Leben empfangen hat: die Idee seiner Persönlichkeit ist eine Idee nur, soferne Gott sie gedacht hat. Darum ist alles Ethos Gottesdienst, das Gebundensein an die alleinige Gewalt des Schöpfers der Geister, des Vaters der Seelen.

Die Jahrhunderte haben sich gemüht, die rechte Weise zu finden, um diesen Gott zu loben: war eine Weise gefunden, es zu tun, so haben Jahrhunderte die Weise gesungen, bis sie abgesungen war, und niemand mehr sie hören mochte. Aber die Jahrhunderte alle haben den Menschen gedacht als neben Gott stehend, als fremder Mittel bedürftig, um Gott zu nahen. Es gibt aber kein Mittel, Gott zu sehen, als das, ihn in seinen Kindern zu suchen.

Es gibt darum nur Einen Gottesdienst auf Erden, den, den Kindern Gottes zu dienen: den ungeborenen, den nicht erwachten, den unfertigen, den kranken, den verlorenen: denen, auf deren Stirnen die Klarheit des Himmels leuchtet, und in deren Herzen Gottes Blut fühlbar warm rollt, wie den scheuen, schwer lebenden, in denen das Licht nur selten aufblinkt: den in Vergnügen und Selbstsucht versunkenen, sogar den am schwersten von allen zu ertragenden, den Tugendhaften, den Weisen, den Korrekten.

Alles Leben auf Erden ist darum Gottesdienst, weil alles, was existiert, durch Gott existiert, Gott also die einzige endgültige Kraft des Daseienden ist: und aller Gottesdienst auf Erden ist Dienst der Kinder Gottes, welche man liebt, weil man dem Vater zeigen will, wie sehr man ihn lieben möchte, wenn er sich offenbaren wollte, welche man liebt, weil in ihren Augen seine Augen blicken, glänzen, lieben.

Alle Kraft der Erde liegt in den Kindern Gottes, das heißt, in den Menschen. Die Menschen als Kinder Gottes erhalten, heißt konservativ im höchsten Sinne sein.

 

Der Teufel ist ein kluger Mann; er weiß, daß durch die Erbauung von Kathedralen ihm ein Abbruch nicht geschieht; darum hindert er den Bau nicht, über dem man das Wesentliche mit großem Geschicke vergißt. Denn dies Wesentliche würde unbequem sein; amtlich, glaube ich, hieße es »lästig«. Aber ein Stab, der nicht Widerstand leistet, stützt mich nicht. Staatskirchen sind wie Hofhunde von Porzellan.

 

Die Kirche Roms hat durch die Einführung des Weihnachtsfestes das Christentum gerettet.

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