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Schriften für Deutschland

Paul de Lagarde: Schriften für Deutschland - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorPaul de Lagarde
titleSchriften für Deutschland
publisherAlfred Kröner Verlag
editorAugust Messer
year933
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Über die Klage, daß der deutschen Jugend der Idealismus fehle

1885

Unter den vielen Klagen, welche in Deutschland wie eine Epidemie umgehn, hört man nicht am seltensten die, mit dem Idealismus sei es, wenigstens für unsere jungen Leute, vorbei, und darum sei von Deutschland im Ernste nichts mehr zu erwarten.

Es verlohnt sich, wie andere Klagen, so auch diese einmal darauf zu prüfen, ob sie begründet ist.

Freilich wird den über das Verschwinden des Idealismus Klagenden gegenüber vor allen Dingen auszusprechen sein, daß sie sehr Unrecht tun, ihre Klage mit dem Tone des Vorwurfes gegen die Jugend vorzubringen.

Wenn ein Kind ungezogen ist, tragen die Eltern die Schuld, niemals trägt sie das Kind: die Gezogenheit setzt jemanden voraus, der zieht: wenn ein solcher dem Kinde gefehlt hat, ist nicht das Kind dafür verantwortlich, daß es aus einem Zustande nicht herausgekommen ist, aus welchem es ohne Hilfe herauszukommen gar nicht vermochte. Man wird ja doch nicht der Meinung sein, daß der Idealismus, welchen man als das höchste Gut zwar nicht bezeichnet, aber tatsächlich ansieht – über das Wort selbst spreche ich später – der Jugend ohne weiteres zufallen könne: er ist, gerade wenn er das höchste Gut ist, ein ethischer Besitz, und darum niemandem angeboren. Lernt die Jugend Gehorsam, Reinlichkeit, Wahrhaftigkeit, Pflichttreue, so wird sie wohl auch den Idealismus lernen müssen, und falls sie ihn nicht besitzt, nicht die Lehrer oder nicht die Gelegenheit gehabt haben, ihn sich anzueignen. Dann aber lieber nicht den gekränkten Biedermann spielen, nicht den Vorwurf an eine falsche Adresse richten, die der Jugend, sondern an die Adresse, welcher er zukommt, das eigene klagende Selbst: denn zu handeln, zu bessern, sind jetzt noch wir Älteren berufen, nicht unsere Nachkommen.

Sollte aber der Idealismus etwas sein, was sich wie die Rose zum Rosenstocke verhielte, etwas, das aus der Natur des Menschen von selbst aufblühte, so wäre vollends der Mangel an Idealismus den Naturen nicht vorzuwerfen, welche den Idealismus nicht mehr hervorbringen. Die Pflanze hätte das Alter nicht mehr, zu blühen: sie wäre in die Jahre gekommen und müßte dem Absterben entgegenharren: oder aber die Pflanze fände in der Erde, in welcher sie steht, nicht die nötige Nahrung, die Sonne hätte ihr gefehlt und die Luft, die Deckung im Winter, der erforderliche Schatten im Sommer: alles Dinge, welche die Pflanze sich nicht selbst besorgt, sondern welche ihr von ihren Gönnern und Freunden beschafft werden müssen, und in nicht kleinem Maße auch beschafft werden können. Wo dann abermals der Mangel, falls er vorhanden wäre, auf unserer Rechnung stünde, nicht auf derjenigen der Jugend.

Sodann wird den Klagenden gegenüber auszusprechen sein, daß Männer einen Schaden nicht beklagen, sondern abstellen, und wenn sie dazu nicht imstande sind, schweigend dulden: und daß es wenig schön ist, wenn Väter, doch immer etwas mit der Miene des Pharisäers, dem lieben Gotte, meistens noch dazu auf der Bierbank, zu danken sich anschicken, daß sie, die Idealisten, nicht sind wie ihre Söhne, die Materialisten.

Wenn man sich Klarheit über die Behauptung verschaffen will, der Idealismus habe in der deutschen Jugend abgenommen, oder sei ihr ganz und gar verloren gegangen, so wird man zu allererst festzustellen haben, was man – ich werde nachher vorschlagen, Idealismus und Idealität zu unterscheiden – unter Idealismus versteht.

Darüber wird man ohne weiteres einig sein, den Idealismus für die Anhänglichkeit an das Ideal zu erklären.

Das, worüber man ohne weiteres einig ist, wiegt entweder sehr schwer oder sehr leicht. In unserem Falle wiegt es sehr leicht. Denn wir müssen, um in jener Erklärung einen wirklichen Wert in der Hand zu halten, wissen, was das Ideal ist.

Sind wir dahin gelangt, die Vielheit der Ideale als denkbar und vielleicht sogar als vorhanden anzuerkennen, so folgt mit Notwendigkeit weiter, daß es viele Idealismen gibt. Es wäre dann aber, ehe man über Mangel an Idealismus sich aufregte, erforderlich, sich darüber zu entscheiden, welches das wahre Ideal wäre, denn nur durch diese Entscheidung kämen wir zu der Einsicht, was der wahre Idealismus ist: daß der falsche Idealismus fehlte, wäre ja kein Schaden. Dabei ist immer schon wieder etwas stillschweigend angenommen: daß nur ein einziges wahres Ideal existiert: denn möglich wäre auch, daß die Vielheit der Ideale, also die Vielheit der Idealismen, ein von Gott Gewolltes sei.

Wer klagt nun darüber, daß unserer Jugend der Idealismus fehle? Einmal, die, welche die Ideale derjenigen Periode, in welcher sie selbst sich entwickelt haben, von ihren Söhnen und Enkeln nicht verehrt, oder nicht lebhaft genug verehrt finden: weiter einige von denen, welche, in einer kommenden oder nicht kommenden Zukunft lebend, die Gedanken der Zukunft, obwohl diese von der Menge doch heuer gar nicht gedacht werden können, schon heuer als Gemeingut der Nation anerkannt wünschen.

Wie Unrecht haben beide.

Diejenigen, welche imstande sind, schon jetzt die Gedanken der Zukunft zu denken, klagen nicht, daß die Jugend unideal sei. Es mag Leute geben, welche sich einen Stachelbeerstrauch vorzustellen vermögen und zu besitzen wünschen, welcher Kokosnüsse oder Ziegenlämmer trägt: solchen wäre alles zuzutrauen, auch die unbilligste Klage. Es gibt aber gewiß Leute, welche aus dem Keime die Pflanze ahnen können. Mehr noch, es gibt Leute, welche selbst Wurzeln der Zukunft sind, nicht über eine möglichst gute, aber mit ihnen nicht zusammenhängende Welt träumen. Diese wahren Idealisten sind geduldig: sie schelten nicht, sie warten. Frage das Weizenkorn, woher es die Kraft nimmt, eine Ähre zu werden: es weiß es nicht. Mute ihm zu, zur Eiche zu erwachsen: es gehorcht dir nicht. Es wächst, und seine innere, in ihm verborgene Gestalt entfaltet sich zur äußeren Gestalt, welche jeder sieht, und jeder als die allein mögliche, weil als die wahre, weil als die vorgesehene, anerkennt: diese Gestalt erkennen schließlich sogar diejenigen an, welche eigentlich etwas ganz anderes gewachsen haben wollten. Unser Vaterland, jedes Vaterland ist da, wo seine Zukunft ist. Die Zukunft aber kommt: durch uns kommt sie, aus uns kommt sie, und sie tut dies, weil sie in dem Weltenplane Gottes vorgesehen ist. Unser Genie ist die Geduld und die Kraft zu leben. Wir klagen nicht.

Wo unsere Jugend nur von ferne Zukunft in der Gegenwart ahnt, da dient sie dieser Zukunft. Sie dient unsichtbaren, ungreifbaren, unerweisbaren Mächten: sie glaubt, sie hat ein Ideal. Tausende von Jünglingen sind 1870 in den Krieg gezogen, mit leuchtenden Augen, mit flammenden Herzen, von Vater und Mutter, von Geschwistern und der Hoffnung eigenen Herdes weggezogen, und diejenigen, welche nicht mitgekonnt haben in den grausigen Tod, in den schönen Tod, die haben im Stillen ihre bitteren Tränen geweint, daß sie zu Hause bleiben mußten. Was für Opfer bringt auch schon der junge Gelehrte: wie viele Entsagungen legt er sich auf: wie setzt er Leben und Gesundheit ein, um Wahrheit zu finden, Wahrheit, die leuchte, Wahrheit, die nütze. Das Gewissen der Jugend, wie haarscharf wägt es Ehre und Schande, Fehler gegen Laster: wie will diese Jugend durchaus wahrhaftig, ehrlich, echt sein, auch da, wo es ihr Vorteil wäre zu lügen, zu heucheln, zu scheinen.

Es kann auch gar nicht anders sein. Das Wesen des Menschen besteht darin, ideal zu empfinden: nur dadurch, daß er dies tut, unterscheidet er sich vom Tiere. Unsere öffentliche Meinung ist nur zu unduldsam: sie will das, was sie nicht sowohl selbst als Ideal besitzt, als vielmehr als Ideal zu rühmen für geboten hält, als das einzige denkbare Ideal anerkannt wissen: sie überlegt nicht, daß Idealismus überall da vorhanden ist, wo der Mensch aus innerem Bedürfnisse wider seinen eigenen Vorteil, wider seine Bequemlichkeit, wider die ihn umgebende Welt handelt. Und weiter bedenkt diese öffentliche Meinung nicht, daß Idealismus nicht ein Zustand, sondern eine Fähigkeit ist, eine Fähigkeit, welche dem Menschen niemals und nirgends verloren geht: diese Fähigkeit wird aber zur Wirklichkeit nur durch das Ideal selbst. Dies muß erscheinen, es muß erkennbar sein: sowie es das ist, gibt es auch sofort Idealisten: die Eigenschaft des Idealisten, durch welche, den Zustand, in welchem er Idealist ist, schlage ich vor, Idealität zu nennen.

Ist also die Klage, welche ich jetzt genauer formuliere, als sie gewöhnlich formuliert wird, ganz oder bis zu einem gewissen Grade begründet, daß es unserer Jugend an Idealität (nicht an Idealismus) fehle, so ist durch diese Klage ausgesprochen, daß es unserer Zeit an Idealen mangle.

Und an diesen mangelt es ihr in der Tat.

Erstens mangelt es ihr an Idealen, weil sie zu viele Ideale hat, und darum das eine durch das andere unmöglich gemacht wird.

Ihr habt einen Kehricht von Idealen zusammengefegt, und ihr mutet der Jugend zu, wie ein Lumpensammler in diesem Kehricht nach dem zu suchen, was sie brauchen kann.

Das Ideal läßt sich nicht inventarisieren, wie es in dem Unterrichtsplane der königlich preußischen und infolge davon aller deutschen Schulen inventarisiert ist. Das Ideal liegt in demjenigen Menschen, der das heute ist, was er heute sein soll. Der auf der Höhe seiner Aufgabe stehende Mensch ist der Erbe, der Inbegriff, die reife Frucht alles dessen, was vor ihm war, und darum der Ahne, die Wurzel der Zukunft, und darum, weil er Erbe und Ahne zu gleicher Zeit ist, ist er ein Ideal. Abstrakte Ideale gibt es nicht.

Ihr, die ihr klagt, der Jugend fehle der Idealismus, seid sehr ungerecht, gerade das der Jugend vorzuenthalten, was allein ihren Idealismus zur Tat und Wahrheit werden lassen kann, den Sohn Gottes, den Idealmenschen. Es soll Menschwerdungen Gottes so viele geben, wie es Menschen gibt, und ihr habt, die einen diesen, die anderen jenen Menschen ausgesucht, den ihr als non plus ultra von ganzer oder halber oder sonstwie geteilter Gottmenschlichkeit anpreist, und nach diesem wünscht ihr unsere Jugend zu modeln. Schablonen verkauft ihr: ihr unterlasset, die Probe auf eurer Forderungen Durchführbarkeit zu machen, denn ihr unterlasset, selbst Gottmenschen irgend welcher, auch nur eurer, Art zu sein. Die Ideale der Jugend sind aber zunächst Männer, aus denen eine Idee leuchtet und kämpft.

Ihr habt nicht einmal durch diejenige Idealität, welche euch vielleicht bekannt und geläufig ist, über das Wesen der Idealität überhaupt euch einen Aufschluß zu verschaffen gewußt. Die Redensart wird oft gebraucht, ein Mädchen sehe in einem Manne, ein Mann in einem Mädchen sein Ideal. Vortrefflich: die Sprache lügt nicht. Aber dann ist das Ideal, wie ich eben ausführte, eine Menschwerdung. Dann ist es für jedes Ehepaar einzig in seiner Art. Dann ist es ausschließend. Dann ist sein Quell die unbedingte Wahrhaftigkeit. Denn wodurch ist die Ehe – auf eine Ehe laufen ja jene Idealverhältnisse hinaus, falls sie etwas taugen – wodurch ist die Ehe die Wurzel der Geschichte? Dadurch, daß in ihr zwei Menschen unbedingt wahr gegeneinander sind: sie sind gezwungen, es zu sein, denn jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Regung des einen ist dem andern auch ohne deutendes Wort bekannt, wird als Äußerung des Wesens betrachtet, dient als Anlaß zur Erfüllung einer Pflicht. Wodurch wirkt die Ehe? Dadurch, daß sie ein ausschließendes Verhältnis ist, und darum den Ernst der Verbannung in sich trägt, welcher als das sicherste Zeichen der einzigartigsten Ausschließlichkeit gelten darf: Eheleute gehören nur einander. Wodurch ist die Ehe einzig in ihrer Art? Dadurch, daß sie als Träger von Idealen Individuen zusammenbringt, wie sie so, wie sie sind, kein anderes Mal sich finden: Individuen, welche von vorneherein nur einmal existieren, und welche danach durch ihre gemeinsame Geschichte jeden Tag origineller werden, welche nur als suissimi generis Eltern eines genus, einer gens, sogar einer Nation werden können.

Was von diesem allen hat das Ideal unserer Alten an sich? Es ist nicht ehehaft, dieses Ideal, und darum ist es kein Ideal. Nicht umsonst ist das Verhältnis Israels zu Jahwe, der Gemeinde zu Christus, das Verhältnis der minnenden Seele zu Gott von Israeliten, Christen, Persern unter dem Bilde einer Ehe betrachtet und empfunden worden. Es würde zu weit führen, die Kritik des Ideals unserer Alten nach dem Leitfaden der soeben ausgesprochenen Sätze zu üben: auch ist unnötig, es zu tun, da jeder aufmerksame Leser es von selbst tun kann, und ich meinen Ideen nicht dadurch schaden mag, daß ich meinen Lesern durch mein Vordenken den Genuß eigenen Nachdenkens raube.

Hat das Ideal, welches zu verehren unsrer Jugend zugemutet wird, nicht den Charakter höchster Persönlichkeit, so hat es weiter auch nicht den Charakter, Institution eines Reiches Gottes zu sein.

Was unternehmen unsere Alten, wenn sie ein unvermitteltes, unerklärtes, auf ihrem Standpunkte unerklärbares Nebeneinander des jüdischen, griechischen, römischen, deutschen, romantischen Ideals empfehlen?

Gutschmecker vermögen ein Essen zu komponieren, bei welchem ein Gericht das andere ergänzt und hebt: vor Jahren hat Jakob Moleschott nachgewiesen, daß lange, ehe die Gesetze der Ernährung bekannt waren, der Instinkt die Menschen dahin gebracht hat, zusammen zu verzehren, was die dem Magen nötigen Stoffe erst in der Verbindung bietet. So könnte auch Ideal neben Ideal aufgetragen werden, aber nur von einem Sachverständigen der Idealität. Die Menge kann es hier nicht bringen.

Was unsere sogenannte Erziehung der Jugend als Ideal bietet, ist die volle Barbarei unserer Museen, nur mit der Verschärfung, daß in den Museen die äußere Not des Raummangels zwingt, in benachbarte Zimmer, sekundenweit voneinander, zu verstauen, was sich innerlich ausschließt, während in der Erziehung, sagen wir einmal Plato, allein dienen könnte, da wenigstens Plato selbst trotz der Lehrer, welche er gehabt, niemanden zu seiner eigenen Erziehung bedurft hat als den eigenen Genius. Unsere Erziehung ist die volle Barbarei unsrer Museen, nur mit der Verschärfung, daß gebildete Menschen dem gebildeten Vieh überlassen können, alles in den Museen aufgespeicherte Futter Halm für Halm abzuweiden, und selbst, was sie genießen wollen, wählen dürfen, während unsere Jugend von Krippe zu Krippe getrieben, um acht Uhr Religion, um neun Uhr Sophokles, um zehn Cicero, um elf Shakespeare, um Zwölf den alten Fritz niederwürgt.

Jede Eigenart hat ihre Ergänzung, weil sie im Reiche Gottes ihrer bedarf, aber im Raume und in der Zeit hat sie sie. Geschichte der Menschheit ist Geschichte der Eigenarten der Menschen unter dem Gesichtspunkte der Entwickelung zu einem Ziele. Auf Hellas folgt Rom, auf Rom folgen die Germanen, aber nicht in drei Stunden eines Vormittags, sondern in fast zwei Jahrtausenden. Hellas, Rom, Germanien, ein Stück Morgenland, Goethe, Beethoven nebeneinander sind nicht Durchführung eines Themas in verschiedenen Formen und Umkehrungen und Tonarten, sondern die Übung eines bezahlten Orchesters, sind nicht ein polyphoner Satz, sondern ein Charivari. Vor jenem Üben, vor diesem Charivari flieht jeder, der nicht um einer außer ihm liegenden Ursache willen standhalten muß.

Unsere Jugend lehnt, ohne zu wissen warum, euer Ideal ab, weil es ihr zu buntscheckig ist, und darum unschön vorkommt. Eines nach dem andern, eines als die von Gott geordnete Entwickelung des andern, und am letzten Ende, wenn eines die Vorstufe des andern, doch keines von den gewesenen allen, sondern das letzte, neueste, unser Ideal: die Türe zum Tempel, der Tempel vielleicht, vielleicht sogar das Allerheiligste des Tempels, nicht die Treppe, welche zur Türe und zu dem, was hinter der Türe folgt, führen sollte und führt.

Ihr wollt erziehen, ohne erziehen gelernt, ohne es von dem gelernt zu haben, der nicht nur die einzelnen, sondern sogar unser ganzes Geschlecht erzieht. Er gibt tropfenweise und Bissen für Bissen: ihr verlangt, daß man das Gemisch eines reichen Weinkellers auf einmal trinke, ein ganzes Proviantmagazin auf einmal leer esse.

Das Ideal ist der Operationsplan für die gerade fälligen Pflichten. Diese Pflichten zu erkennen, sind wir vorbereitet durch die früheren Epochen unserer Geschichte: aber mit dem Erkennen ist es nicht genug. Pflichten sind nicht dazu da, gewußt, sondern dazu da, getan zu werden. Pflicht aber wird allemal im Gegensatze zu irgend etwas getan: sie ist ein Kampf. Gegen uns, gegen die Welt neben uns, gegen die Reste der Welt unserer Vorfahren. Wir dürfen es Rekruten – und die Jugend besteht aus Rekruten – nicht verdenken, wenn sie nur unter der Bedingung marschieren, daß sie siegen sehen. Und bei uns sieht die Jugend nicht einmal kämpfen.

Es ist bei uns nicht erkannt, daß das Ideal nicht aus Büchern, sondern in Personen erfaßt wird, aus Büchern nur, soferne diese inspiriert, das heißt der Ausdruck einer Persönlichkeit sind. Es ist bei uns nicht erkannt, daß das Ideal nicht ein Nebeneinander verschiedener mehr oder weniger netter oder gar notwendiger Dinge, sondern ein System, ein Reich von Idealen ist. Es ist drittens auch nicht erkannt, daß das Ideal nicht dazu da ist, schön gefunden zu werden, sondern dazu da, die Welt zu überwinden, das heißt, die Menschheit zu erlösen. Über diesen dritten Punkt habe ich mich jetzt in der gebotenen Kürze zu äußern.

Deutschland ist – so sagt man wenigstens – einig: diese Einigkeit aber ist nur ein negatives Gut. Richtig würde man sagen, Deutschland sei nicht uneinig. Aber auch das Deutschland, das nicht uneinig ist, sind nur die deutschen Regierungen. Ist ein Volk etwa einig, welches Katholiken von zweierlei, Protestanten von viererlei, nicht stammverwandte Juden von ich weiß nicht wie vielerlei Art in sich faßt? Wäre da nicht zu fordern, daß alles, was diese verschiedenen Arten Gutes besitzen, jedem Deutschen eigene, daß das, was jede von ihnen Unhaltbares mit sich schleppt, ihr abgewöhnt, und so allen Deutschen ein für allemal erspart würde? Deutschland ahnt gar nicht einmal, wie es sich durch seinen Harem von Idealen dem Spotte preisgibt: und der Teufel hat die Forderung der Toleranz erfunden, um die Pflicht, aus vielen ein religiöses Ideal zu bilden, das sich nur in den Personen, nicht in Systemen differenzierte, in Vergessenheit zu bringen.

Deutschland hat – so sagt man wenigstens – gute Gesetze. Können wir aber irgend einen Beamten, hohen oder niederen Ranges, beseitigen, welcher lügt, brutalisiert, Wahlbeeinflussungen treibt, sich mit Aktenlesen begnügt? irgend einen Abgeordneten beseitigen, welcher den Landtag, in dem er sitzt, zur Camorra macht? Trotz aller guten Gesetze können wir es nicht. Wäre da nicht zu fordern, daß das Ideal einmal ein bißchen lebhaft würde, und solche Beseitigungen ermöglichte?

Deutschland ist – so sagt man wenigstens – ein Land, in welchem die Wahrheit über alles gilt. Dabei sitzt in jeder Pfütze, in jedem Teiche, in jedem Bache, in jedem Flusse ein Reptil, eigens angestellt zu lügen, wann vorteilhaft befunden wird, lügen zu lassen: bezahlt aus den Steuern des Volkes oder aus den Kassen der Parteien, bezahlt um zu lügen durch Reden und durch Schweigen. Wäre da nicht zu verlangen, daß das Ideal einen Herakles riefe, der dies Gezücht und seine Auftraggeber samt und sonders dahin förderte, wohin sie gehören, zu Brutus und Judas in die unterste Hölle?

Das wären Ideale, an deren Durchführung der Idealismus der Jugend sich zur Idealität entzünden würde. Ich finde nicht, daß sie gelten: ich muß sogar besorgen, daß sie zu zeichnen nicht opportun dünken werde, und fühle mich verpflichtet, ausdrücklich auszusprechen, daß ich noch genug andere Forderungen stellen könnte.

Marschiert Deutschland für Schleswig-Holstein, für Elsaß-Lothringen, für – ich sage hier nicht, wofür noch –, stumpfe Naturen werden sofort schneidig, schlaffe sofort spannkräftig. Eine große Zeit erweist sich dadurch, daß die Blinden zu sehen, die Tauben zu hören, die Lahmen zu gehn anheben. Marschiert nur einmal gegen die Vielerleiheit der Ideale, die sich untereinander auffressen möchten, und nur aus Haß, Selbstsucht und dem Instinkte ihres eigenen Unwerts heraus Toleranz üben: marschiert gegen Beamtenwillkür, gegen Reptilismus, gegen die offenkundige Verleugnung derer, welche bis 1866 unserm Volke angehörten, und auch nach 1866 ihm noch angehören, was gilt es, ihr werdet Soldaten, das heißt Idealisten, genug haben. Aber der Krieg muß da sein, die Fahnen müssen wehen, die Trompeten geblasen werden. Ihr Alten sucht für ein abstraktes Ideal Bedienten, denen ihr eine Livree oder den schwarzen Kammerdienerfrack mit weißer Halsbinde und baumwollenen Handschuhen verheißt. Dafür kommt die Jugend nicht. Sie will Krieg für ein konkretes Ideal führen, sie will Gefahr, Wagnis, Wunden, Tod, will nicht das Einerlei wiederkäuen, das ihre Großväter bereits gekaut haben. Die Jugend besteht aus Personen, und will Persönliches, nicht Kompendiumsparagraphen in Hosen, und mehr bietet ihr nicht, denn ihr habt nicht mehr. Die Jugend wird die Zukunft erleben, deshalb kann sie nur von der Zukunft leben.

Ich klage nicht, daß unserer Jugend Idealität mangele: ich klage an: die Männer, vor allem die Staatsmänner klage ich an, welche der Jugend die Ideale nicht bieten, an denen allein der überall vorhandene Idealismus der Jugend zur Idealität zu werden vermag.

Deutschland ist unter dem Banne der Überzeugung, daß der Staat die höchste Form des Menschenlebens sei.

Infolge dieser – römischen – Anschauung vom Staate ist Deutschland zurückgegangen: es mußte in demselben Maße sinken, in welchem das Ansehen und die tyrannische Macht eines durch und durch widerdeutschen Prinzips stieg.

Habe ich recht mit dem Glauben, daß das Ideal lebendig nur in Personen existiert, so muß der Glaube, daß es im Staate verkörpert sei, das Ideal brach legen: denn der Staat ist das unpersönlichste Ding, das es gibt, und da er auf das Einexerzieren von Massen ausgeht, sind ihm Mittelmäßigkeiten, wenn nicht das Liebste, so doch das Geläufigste.

Habe ich recht mit dem Glauben, daß das Ideal als Programm der Pflichten von Jahr zu Jahr wechselt, weil unsere Pflichten eine nach der anderen erledigt werden, und nach der Erledigung der einen jedesmal sofort eine andere sich meldet, so kann der Staat nicht seine Geltung behalten, der, so wie er jetzt uns belastet, das Bleibende, den status quo, in einer Weise betont, daß er dem Zukünftigen, dem Werdenden, nicht gerecht werden kann.

Habe ich recht mit dem Glauben, daß das Ideal nicht die Inventarisierung der Träume, Gedanken, Erwerbungen der Vergangenheit ist, sondern das auf der Vergangenheit erwachsene wahre, der Zukunft, der Ewigkeit zustrebende Leben der Gegenwart, niemals eine Summe, sondern stets ein Quotient, so muß ich den Schaden der Zeit darin suchen, daß das Nebeneinander von Resten der Arbeit alter Tage – deren jeder doch seine eigene, jetzt abgetane Aufgabe gehabt hat – für uns nichts ist als Schutt, welcher uns am Fortschreiten hindert, oft geradezu zum Straucheln oder Fallen bringt.

Das Ideal, ich habe das meinen Schülern seit mehr als einem Vierteljahrhunderte immer aufs neue eingeschärft, ist nicht über den Dingen, sondern in den Dingen: wie Gott nicht bloß Sonntags von neun bis elf in der Kirche, sondern jederzeit und überall ist und gefunden werden kann. Das Ideal ist kein Leckerbissen, sondern tägliches Brot. Daraus ergibt sich für mich die Folgerung, daß die Idealität aus den Dingen des alltäglichen Lebens erwachsen muß.

In unserer, einer anerkannten Form der Frömmigkeit noch entbehrenden Zeit ermöglicht nur diese Anschauung auch denjenigen Menschen, welche die Berechtigung für die schwarzweißen oder weißblauen oder irgendwie anders zusammengedrehten Achselschnüre nicht erworben haben, ein Ideal zu besitzen. Und wir wollen doch nicht etwa die Idealität nur den Gebildeten zuschreiben?

Ich glaube an die Jugend, ich glaube an die Zukunft unseres Vaterlandes: aber ich glaube nicht an die Befugtheit des jetzt herrschenden Systemes, nicht an die Berufenheit der Männer, welche der Sehnsucht und den Bedürfnissen ihrer Söhne und Enkel mit dem Trödel genügen wollen, der als Rest des Besitzes früherer Tage in ihrer, der Alten, Händen geblieben ist.

In Deutschland, schrieb ich oben, gehn die Klagen wie eine Epidemie um. Der Reichskanzler hat einmal im Reichstage vorwurfsvoll gefragt, ob schon jemals jemand einen zufriedenen Deutschen gesehen habe. Ich hoffe, es wird niemals jemand einen zufriedenen Deutschen sehen. Daß wir klagen, ist der sicherste Erweis, daß wir leben, wenn anders Leben darin besteht, aus Unzufriedenheit mit der Gegenwart in die Zukunft hineinzuwachsen. Faust verfällt dem Teufel nur dann, wann er zum Augenblicke sagt: Verweile doch, du bist so schön. Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Streben, und wer immer – das heißt jeder, der – strebend sich bemüht, der ist nicht erlöst, den können wir, die himmlischen Mächte, erlösen.

Alle Welt weiß, daß das ältere Geschlecht in nicht geringem Grade mit der Jugend unzufrieden ist: ich habe, obwohl mir Haar und Bart weiß sind, in diesem Aufsatze der Jugend zum Worte gegen die Alten verholfen, zu einem Worte, welches die Jugend weder hätte finden können, noch, falls sie es ja gefunden, hätte aussprechen dürfen. So ist die Unzufriedenheit allgemein. Die Luft drückt: bald wird der Wind stoßen, der Staub wirbeln, das Gewitter grollen, und nach ihm wird der ruhig strömende Regen kommen, welcher Fluren und Wälder und Herzen erquicken soll.

Und es bleibt bei der Bitte: Unser Brot für morgen gib uns heute: gib uns die dereinstigen Besitzens in Freuden sichere, ehrfürchtige Hoffnung auf eines neuen, noch nie dagewesenen Tages Licht und Arbeit.

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