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Christian Friedrich Hebbel: Schnock - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMerkwürdige Geschichten
authorFriedrich Hebbel
noteEtwa 1935 erschienen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchnock
pages216-270
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1850
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Aus Leckerei entschloß ich mich eines Abends, mich selbst, meinen eigenen Haushalt, zu bestehlen. Wir hatten nämlich unser Schwein eingeschlachtet, und es waren treffliche Würste gemacht worden. Von diesen Würsten erhielt ich so viel als nötig war, um in mir den unbändigsten Wunsch noch mehr zu erregen; dann mußte ich selbst sie in die Speisekammer tragen und sie dort so hoch aufhängen, als ob sie niemals wieder heruntergenommen werden sollten. Das Fenster der Speisekammer ging auf die Straße hinaus, unvermerkt klinkte ich es auf, ohne noch selbst zu wissen, weshalb. Die Nacht brach herein, und eine Pfanne voll magerer Kartoffeln, die mir vorgesetzt wurde, als ich zum Essen in die Stube kam, machte mich vollends desperat. »Der Teufel soll sie holen!« brauste ich auf, ich meinte die Kartoffeln. »Wen denn?« fragte Lene, ihren langen Gänsehals hinter dem Ofen hervorstreckend. »Die Zahnschmerzen!« versetzte ich, legte meine Gabel nieder und drückte ein Tuch an die Backen. Bald darauf stahl ich mich aus der Tür und umschlich leise und behutsam mein Haus. Es war finster genug, dicke Regenwolken verschluckten das sparsame Licht des Mondes, der verdrießlich hin und wieder aufdämmerte. Kaum hörte ich das Spinnrad meines Weibes schwirren, da stieß ich das Fenster der Speisekammer von außen auf und schwang mich mit einer Geschicklichkeit, als ob ich seit dreißig Jahren praktizierender Dieb gewesen wäre – Angst vor Ertappung gab sie mir – hinein. »Guten Abend!« ruft mir auf einmal mit hohler Stimme einer nach. »Still, still, um's Himmels will, still!« wisperte ich. »Sei unbesorgt, Kamerad,« wird mir geantwortet, »aber hilf mir, daß ich auch hineingelange, das Fenster ist verdammt hoch.« Was sollte ich tun? Sollte ich Lärm machen und mich von Kindern und Erwachsenen als einen Menschen, der bei sich selbst auf Diebereien ausgeht, verspotten lassen? Oder sollt' ich den Unbekannten, wie er's verlangte, zu mir hereinziehen, um ihn dann im Finstern durch gütliche Vorstellungen zu bewegen, wieder hinauszusteigen? Ich weiß noch nicht, was ich hätte tun sollen; meine Hand war eilfertiger als mein Kopf, sie ergriff, ohne auf höhere Order zu warten, instinktmäßig die Faust, die sich ihr entgegenstreckte, und zog den Kerl, dem dieselbe angehörte, herein. »Merkwürdiges Zusammentreffen!« sagte dieser und tappte herum. »Allerdings!« erwiderte ich mit einem Seufzer. »Ich hatte dem dicken Schnock auch einen Besuch zugedacht,« fährt er fort, »und wollte nur erst das Auslöschen des Lichts abwarten, da sah ich dich das Fenster öffnen. Wie konntest du dies nur bewerkstelligen, ohne vorher eine Scheibe zu knicken?« – »Das ist ein Geheimnis!« versetzte ich zähneklappernd. »Was du mir mitteilen mußt,« fällt er rasch ein, »ich will dir dafür eine neue Art Handschellen zu zerbrechen lehren. Wo hast du studiert?« – »Studiert?« frage ich. »Ja, auf welcher Ohnversität, in welchem Zuchthaus, meine ich?« – »Ich saß noch nicht in Zuchthäusern!« antworte ich. »Unglückseliger!« versetzt er, »so bist du noch nicht ein einziges Mal absolviert, schleppst dich noch mit allen deinen Sünden herum? Mich hat die Justiz schon dreimal rein gewaschen und neu frisiert. Was hast du denn alles auf'm Herzen? Ist etwas von Erheblichkeit, ein Mord, oder so was, darunter? Oder hast du deine Tugend für nichts und wieder nichts hingegeben?« – »Mensch, du sprichst, als ob du der Teufel selbst wärst!« stoß' ich vor Entsetzen hervor. »Wer sagt dir, daß ich's nicht bin?« sagt er mit einem Ernst, der mich im ersten Augenblick schaudern macht, »wahrlich, ich sage dir, ich bin der Teufel und ich will dir etwas vertrauen. Vor drei Monaten –« Mir wird bei diesen lästerlichen Redensarten gräßlich zumut, in der Ferne höre ich den Nachtwächter, auch klärt der Himmel sich auf, so daß der erste Vorübergehende das Offenstehen des Fensters bemerken muß; rasch, ehe der unheimliche Mensch sich dessen versieht, springe ich hinaus, beim Sprung kommt mir aber die Zunge zwischen die Zähne und ich zerbeiße sie dermaßen, daß Blut läuft und ich mich vor Schmerz nicht zu lassen weiß. Ich reiße die Tür auf und stürze mit dem lauten Geschrei: »Diebe, Diebe in der Speisekammer!« in mein Haus. Meine Frau, nebst meinem Gesellen – es war der größte, den ich jemals hatte, ein Mensch, der sich, wie er sagte, vor niemand fürchtete als vor sich selbst, vor seiner eigenen Wut nämlich – eilen schlaftrunken mit einem Licht auf die Speisekammer zu, ich – der Spitzbube, der sich für den Teufel ausgab, konnte in mir unmöglich den Konsorten erkennen, weil wir ja nur in der dicksten Finsternis Vertraute geworden waren – folgte ihnen mit einem Besenstiel. Wir finden nichts drinnen, keinen Dieb, aber auch keine Würste; Lene taumelt mir ohnmächtig in die Arme – nur Ohnmachten trieben sie noch zuweilen hinein – mein Gesell nimmt, dir fürchterlichsten Flüche ausstoßend, die allgemeine Verwirrung wahr und bringt ein Stück Speck auf die Seite, was mir freilich nicht entging, was ich dem Riesen jedoch hingehen ließ. Was geschieht am andern Morgen? Ein Knurren, Bellen und Beißen wie von zwanzig Hunden treibt mich vor der Zeit aus dem Bett; ich öffne das Fenster und sehe, daß sämtliche Würste, zu einer Art von Kranz ineinander verschränkt, vor unserer Tür aufgehängt sind, und daß die durch den leckeren Geruch herbeigelockten Köter, springend und einer den andern giftig beim Schwanz zurückzerrend, sich umsonst bemühen, eine oder einige davon zu erlangen. Ein solcher Ausgang war nun zwar erfreulich, aber noch mehr unbegreiflich. Ein paar Tage später erfuhr ich indes, daß ein Übeltäter aus unserem Ort wegen Wahnsinns aus dem Zuchthaus in die Irrenanstalt abgeführt, seinen Wächtern unterwegs entsprungen und erst nach längerer Zeit wieder eingefangen worden sei. Ohne Zweifel hatte ich die Bekanntschaft dieses Verrückten in meiner Speisekammer gemacht.

Drittel Kapitel

Zum Schluß

Der Morgen war angebrochen, der Wagen stand vor der Tür, reisefertig trat ich in das Gastzimmer, um von Schnock, der schon des Frühtrunks wegen gekommen war, Abschied zu nehmen. Schnock saß am Tisch und hatte mehrere leere und noch mehr volle Flaschen, sowie ein derbes Gabelfrühstück vor sich stehen; ihm gegenüber saß mein Wirt, der lange, dürre Postmeister, sich auffallend beeifernd, seinen Gast durch Anekdoten und muntere Geschichten zu ergötzen. Da war kein Jägerstückchen, kein Witzwort vom kleinen Korporal oder vom alten Fritz, das nicht vorgebracht wurde, ja, der Postmeister begnügte sich nicht, bloß sein Gedächtnis zu martern, er war unbarmherzig genug gegen sich selbst, seine eigene Phantasie Peitsche und Sporen kosten zu lassen, um ihr dies oder jenes Geistreiche abzujagen. Aber Schnock, der sonst so leicht und so gern lachte, verzog diesmal keine Miene und gab keinen Laut von sich; er schüttelte nur zuweilen, wenn der Postmeister recht ansetzte, verächtlich den Kopf, oder stieß einen Seufzer aus, und wenn er den Mund auftat, so geschah es einzig und allein, um ein Stück Fleisch oder etwas Ähnliches hineinzustecken. »Trinkt doch, trinkt!« sagte der Postmeister hitzig, »und dann knöpft die Ohren auf, jetzt will ich Euch eine Schnurre erzählen, die noch von meinem Großvater herrührt. Nicht darüber lachen, heißt den seligen Mann noch im Grab beleidigen; ich möchte der Schlingel nicht sein, der das täte; denn mein Großvater verdient Achtung, er war Schulmeister, und wenn einer von uns rechnen und schreiben kann, so hat er's von ihm gelernt.« Die Schnurre war wirklich lustig, dennoch hielt Schnock an sich, obgleich sein Gesicht bersten wollte. »Schämt Ihr Euch nicht?« sagte der Postmeister; »für den Herrn Dr.«, er deutete auf mich, »war das Ding gut genug, um darüber zu lachen, und Ihr sitzt wie ein Klotz? Der Teufel soll mich holen, wo ich mit Euch wieder eine Wette eingehe!« – »Worin besteht denn die Wette?« fragte ich neugierig. »Werdet Ihr so unhöflich sein, die Frage des Herrn Dr. unbeantwortet zu lassen?« sagte der Postmeister lebhaft zu Schnock; dieser aber sah mich an, legte den Finger auf den Mund und verharrte in Stillschweigen. »Nun,« versetzte ich gleichgültig, »in Geheimnisse will ich nicht eindringen, lebt wohl, Meister Schnock!« Schnock stand auf und ergriff meine ihm dargebotene Hand, sie herzhaft drückend; dann nahm er das Stück Kreide, dessen sich die Billardspieler zu bedienen pflegten, und schrieb damit auf den Tisch, daß er mir eine glückliche Reise wünsche. »Ist der Mann stumm geworden?« fragte ich, aus der Tür tretend, den mich begleitenden Postmeister. »Nichts weniger als das, purer Egoismus!« erwiderte der Postmeister. »Wieso?« fragte ich stutzend. »Er will umsonst bei mir essen und trinken,« gab der Postmeister zur Antwort, »darum spielt er den Stummen. Ich muß ihm heute nämlich, so haben wir gestern zur Nacht im Rausch gewettet, das beste aus Küche und Keller so lange unentgeltlich aufsetzen, bis er sich zum Lachen oder Sprechen hinreißen läßt. Lacht er oder spricht er ein Wort, so muß er – hierin liegt mein Vorteil – alles doppelt bezahlen; hält er an sich, nun freilich, dann weiß ich, wer sich noch heut Abend Haare aus dem Kopf reißt und mit dem Schädel gegen die Wand rennt. Aber, er mag sich hüten! Ich erlaube mir gegen ihn, was mir einfällt, und an Kniffen und Ränken fehlt's keinem aus meiner Familie. Ich will ihn schimpfen, bis er vor Ärger braun und blau wird, wie ein Kapaun; ich will dritte Personen herbeirufen und Schandgeschichten von ihm erzählen, denen er Widerspruch entgegensetzen muß, wenn er nicht will, daß alle Welt sie glauben soll; ich will Pistolen hinter seinem Rücken abfeuern; ich will seiner Frau, die wohl von der Wette nichts weiß, anzeigen, daß er bei mir schlemmt, damit ihm diese über den Hals komme, ich will mich stellen, als ob ich mich umbringen wollte; ich will – –«

Mein Wagen fuhr ab.

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