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Christian Friedrich Hebbel: Schnock - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMerkwürdige Geschichten
authorFriedrich Hebbel
noteEtwa 1935 erschienen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchnock
pages216-270
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1850
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Sollte sich's ein Christenmensch vorstellen, daß ich einmal nahe daran war, aus Zaghaftigkeit, die mich abhielt, zur rechten Zeit mit einer ablehnenden Erklärung einzuspringen, ein Mörder und schnöder Giftmischer zu werden? Ich sitze eines Abends im »Goldenen Schaf« hinter dem Tisch und denk' an nichts Arges, an gar nichts nämlich; da tritt ein Fremder, wunderlich, sonst gut gekleidet, herein, fordert sich Wein und setzt sich zu mir. Er begrüßt mich und sieht mich mit einem Blick an, als ob er mich gut kenne. »Das ist«, denk' ich, »wieder ein Bekannter und Herzensfreund, dessen Gesichtszüge und Namen nichtswürdigerweise deinem Gedächtnisse entfallen sind; lächle wenigstens und stell' dich erfreut übers glückliche Zusammentreffen.« Ich tu's, und wirklich ist bald zwischen uns ein Gespräch im Gange, wie zwischen alten Bekannten, obwohl wir's, wie ich denn doch merke, nicht sind. Wir sprechen über allerlei Unglücksfälle, wie sie sich zutragen; ich erzähl' ihm von einigen, die sich im letzten Jahr erhenkten und sonst entleibten; dann kommen wir aufs Einschlagen des Blitzes bei Gewittern und darauf, daß solch ein Feuer gar nicht zu löschen ist. »Ja,« seufz' ich, »die Welt ist ein Jammertal, man muß sich wundern, daß man bei all dem Elend doch über die Vierzig hinauskommt.« – »Leute wie Ihr,« entgegnet er, »können's wohl aushalten; denn, wie das Schäfchen auch sei, ist's nur ins Trockne gebracht, so gibt's Milch und Wolle, aber unsereiner – –« Nichts ist mir verdrießlicher, als wenn man mich für einen Glückspilz hält, für ein Sonntagskind, dem jeder Wind in die Segel weht; unmutig unterbrech' ich den Fremden durch die Frage, wer und was er denn sei. »Ich bin Kammerjäger,« versetzt er mit unbeschreiblicher Aufrichtigkeit, »und also in jetzigen Zeiten, wo das Ungeziefer so schläfrig und langsam heckt, als ob sich's erst trauen lassen müßte, wie verliebte Menschen, von Haus aus ein geschlagener Mann.« Auf Kammerjäger hab' ich von jeher wenig gehalten, zumal auf solche, die, wenn sie einem anständigen Bürger begegnen, statt die Augen demütig niederzuschlagen, ihn frech anstieren und wohl gar grüßen, ja, einen Diskurs anknüpfen, ich hab' sie eigentlich mehr verachtet, als Bettelvögte; solch eine Antwort, die ein Prinz, der sich zu erkennen gibt, nicht zuversichtlicher hätte vorbringen können, mußte mich also billig befremden. »Wagen sich Leute der Art ins »Goldenen Schaf?« denk' ich und werfe auf den Fremden, der ruhig, als ob noch alles zwischen uns beim alten wäre, seine Pfeife ausklopft, einen Blick, wie etwa unser Amtmann auf mich, wenn er an mir vorbeireitet. Doch sag' ich zu mir selbst: »Laß den Menschen heut abend den Standesunterschied nicht empfinden; morgen, wenn er die Rattenjagd anstellt, weiß er sich ohnehin zu bescheiden.« – »Nun, was sagt Ihr zu meinem Metier?« fragt er dann. »Beneidenswert ist's wohl nicht,« erwidere ich, »aber vermutlich hat's Euch am Heiraten verhindert, und das ist doch auch für etwas anzuschlagen.« – »Drückt Euch der Schuh da,« versetzt er höhnisch, »nun, das ist das Schicksal in Mausgestalt.« – »Narr!« hätt' ich ihm gern grob geantwortet, »versuch's erst einmal, wie ich, dreiundzwanzig Jahre, dann reiß' elende Witze!« Doch unterlass' ich's; denn man muß sich gegen Fremde nie zu weit herauswagen. »Wenigstens denk' ich,« fährt er fort, »ein Unglück, das den Menschen zum Kapaun herausfüttert, kann so groß nicht sein.« Dabei streicht er mir mit unangenehmer Zudringlichkeit über den Bauch. Gereizt versetz' ich: »Eben darin kann das Unglück liegen; meint Ihr, daß ein Mann, der durch Schläge fett wird, sich über seine niederträchtige Natur freut? Zum Teufel! ist's denn unverschämt, wenn man für ewiges Plagen, für Ärger und Verdruß ohn' Ende, ein sieches, Mitleid erregendes Gesicht und einen baufälligen Körper verlangt, der einen nicht durch hämische Dicke Lügen straft, sobald man einmal das Herz ausschütten will? Ich frage noch einmal, ist's unverschämt?« – »Ist Euch das Weib zuwider,« gibt er zur Antwort, »so schafft's ab. Pa!« Dabei jagt er den Dampf durch die Pfeife, daß er bald mit seinen gelben Katzenaugen dasitzt, wie ein Hexenmeister, wenn er den Bösen beschwört. Ich entgegnete: »Wenn Euer Hund da« – ich zeigte auf seinen großen, schwarzen, mit langen Zottelhaaren, der sich mir mit einer Frechheit, als ob er auch Kammerjäger wäre, gerade vor die Füße gelegt hatte – »bissig ist, so könnt ihr ihn fortjagen, aufhängen, ersäufen; so ist's aber in Christenlanden nicht mit Ehefrauen.« – »Hört, lieber Mann,« sagt er mit geheimnisvollem Gesicht und greift nach meiner Hand, die ich unglücklicherweise aus der Tasche gezogen, »Euch ist zu helfen, nämlich, wenn Ihr Mut habt.« Der Teufel hat Mut genug, einzugestehen, daß er keinen hat. Ich bejah' es nicht direkt, aber ich werfe mich in die Brust, trommle auf den Tisch und zwinge mir einige verwegene Blicke ab. »An gewissen grauen Pulvern, die ich bei mir führe,« flüstert er mir nun mit schrecklicher Stimme ins Ohr, »verrecken nicht bloß Ratten.« Er nickt mir zu und drückt mir, als ob sich jetzt alles andere von selbst verstände, die Hand; weniger aus Verwirrung, als aus Angst vor dem furchtbaren Menschen, nick' ich auch und erwidere den Druck. »Wir sind also einig,« sagte er dann, »nun aber auch keine Silbe mehr, Meister Schnock!« leider hatt' ich ihm meinen Namen vorher schon verraten; »solche Geschäfte«, entsetzlich klang mir das Wort, und der greuliche Mensch lachte dabei, als hätte er nicht einen Vergiftungsplan, sondern einen Spaß gemacht, »lassen sich nicht in Wirtshäusern weitläufig besprechen, morgen in der Frühe komm' ich zu Euch. Gute Nacht!« Er steht auf und taumelt. »Gott im Himmel!« denk' ich, »besoffen ist der Kerl auch –« allerdings war's kein Wunder; denn solange er neben mir saß, hatte er ununterbrochen getrunken – »noch ein Glas –« eben bemerk' ich, daß er sich's einschenken läßt – »so läuft's über, dann hat er, im Rausch geht's nicht anders, gerade so viel Freunde um sich, als Menschen, und das erste, was er ausschwatzt, ist der Vergiftungsplan.« Richtig gerät er gleich mit dem Wirt in ein Gespräch; mich schaudert. Er läßt was fallen von Krepieren; eiskalt überläuft's mich. Der Wirt schiebt sich die Nachtmütze weiter ins Gesicht und spricht von Gefahr; »nun ist's heraus!« denk' ich und spüre schon was von Kopfabschlagen im Nacken. Plötzlich klingen Himmelstöne durch von Ratten und von Speisekammer; da wird's mir klar, daß bis jetzt nicht von meiner Lene, sondern vom Ungeziefer des »Goldenen Schafs« die Rede gewesen ist; unwillkürlich falt' ich die Hände, aber gleich darauf fordre ich gebieterisch ein Glas Wein, um die verfänglichen Konferenzen zwischen dem Wirt und dem Fremden durch einen Gewaltstreich abzubrechen. Der Wirt bringt mir hurtig den Wein: tierisch voll taumelt der Fremde, ungeschickt mit dem Arm gegen den Türpfosten rennend, fort, ohne sich, als ob er mich schon völlig vergessen hätte, nach mir umzusehen. Er hatte mich vergessen; denn am andern Morgen kam er nicht, und schon am Mittag ward er zu meiner Satisfaktion wegen seiner miserablen Hantierung und wegen Mangels an Paß und aller sonstigen Legitimation, die unsere Polizei mit Recht von Kammerjägern fordert, aus dem Ort gebracht. Übrigens hätt' ich, wenn er auch nicht ausgeblieben wäre, meiner stillschweigenden Zusage ungeachtet, nimmermehr zur Mordtat die Hand geboten, und ihm das zu verstehen gegeben; wer wird denn auch seine Frau umbringen, bloß, weil er es einem Rattenfänger versprochen hat!

Ich habe es nicht gesagt, weil es sich von selbst versteht, daß die Sparsamkeit meines Weibes mit den Jahren zunahm, so daß sie zuletzt in jenen Geiz, der sich sein eigenes Fett nicht gönnt, ausartete. Der Wendepunkt trat ein, als sie, die immer gern geputzt ging, mir zum erstenmal das Anschaffen eines neuen Oberrocks, den ich ihr sonst regelmäßig zu Weihnachten verehren mußte, verbot. »Du kannst mir eine andere Weihnachtsfreude machen,« sagte sie heimtückisch, »dadurch nämlich, daß du mir die kleine Pfeife schenkst, deren du dich in der Werkstatt bedienst.« Will sie zu rauchen anfangen? dachte ich zuerst, und freute mich schon, in ihr einen Konsorten zu gewinnen; konnte sie doch mein Rauchvergnügen nicht mehr unnütze Verschwendung schelten, wenn sie selbst es teilte. Doch kam mir dies bald unwahrscheinlich vor, da mir ihre durch Keifen und Schmälen ruinierten Lungen einfielen, sie auch niemals, ausgenommen bei Zahnweh, mit Pfeife und Tabak in Verbindung getreten war. »Was kann sie denn mit der alten, halb zerbrochnen Pfeife wollen?« fragte ich mich, »wär's noch die mit dem Meerschaumkopf und dem Silberbeschlag, die du Sonntags trägst, aber dies elende Ding – –« Ich schäme mich, zu gestehen, welch törichter Einfall jetzt plötzlich meine Gedanken unterbrach. »Ei, ei,« dachte ich, »sie ist doch wahrhaftig nicht so ganz übel, deine Frau; wer hätte ihr solche Aufmerksamkeit zugetraut!« Ich glaubte alles Ernstes – wie war's möglich? frag' ich mich selbst, indem ich's erzähle, und schabe mir Rübchen – daß sie mir auch einmal eine Freude machen und mich am Weihnachtsabend mit einer Pfeife anbinden wolle. Der heilige Abend kam heran, die beiden feierlichen Wachskerzen, die wir dem Erlöser zu Ehren zu verbrennen pflegten, wurden angesteckt, der Rosinenpudding, nebst dem mit Lorbeerblättern aufgeputzten Schweinekopf, ward auf den Tisch gestellt; im Hintergrund drohte schon die große, unhöfliche, dick mit Eisen und Messing beschlagene Postille, die mir einmal, als ich noch ein Kind war, fast den Kopf zerschmettert hätte, indem das Ungetüm ungeschlacht vom Schrank herunterplumpte, und aus der Lene mir jetzt an hohen Festtagen gerne vorlas, teils um mich am Ausgehen zu verhindern, mehr aber noch, um Gelegenheit zu haben, mir unter dem Deckmantel eines längst vermoderten geistlichen Herrn allerlei Beleidigungen und Gehässigkeiten, die keineswegs im Buche standen, zu sagen. Bevor wir uns zum Essen niedersetzten, nahm ich meine Pfeife, legte sie, einen Bogen weißes Papier unterbreitend, auf einen Teller und überreichte sie mit einigen scherzhaften Redensarten meiner Frau. »Gut!« sagte sie, zerbrach die Pfeife und ward die Stücke gelassen aus dem Fenster. Statt aber mit dem erwarteten Gegengeschenk herauszurücken, machte sie mich darauf aufmerksam, daß ich von jetzt an wöchentlich zwanzig Kreuzer an Tabak ersparen werde. »Und was sollen denn die zwanzig Kreuzer?« fragte ich giftig. »Was sie sollen?« versetzte sie, »dadurch, daß sie da sind, erfüllen sie ihren Zweck, und um so besser tun sie das, je länger sie bleiben!« – »Ich sollte also nicht mehr rauchen?« fuhr ich auf. »Nein,« erwiderte sie, »das heißt, du sollst dir nicht mutwillig die Schwindsucht zuziehen, und für den Fall, daß du sie schon hättest, wird uns über kurz oder lang deine Ersparnis trefflich zustatten kommen, dich davon heilen zu lassen. Glaubst du etwa, daß der Doktor dir die mit Dampf zerblasenen Lungen umsonst flickt?« Ich sagte nichts weiter, aber mein Entschluß war gefaßt; und hätte ebenso leicht aufs Atemholen, als aufs Rauchen Verzicht leisten können; denn für den Raucher ist die leidige frische Luft ungenießbar, er muß sich das flaue, nüchterne Element erst mit Dampf würzen, wenn es ihn nicht anekeln soll. Ich trug daher am Morgen stillschweigend meine Sonntagspfeife, die prunkend unter dem Spiegel hing, in die Werkstatt hinunter und erklärte meinem erstaunten Weibe, daß ich diese solange mit der höchsten Unbarmherzigkeit strapazieren werde, bis sie mir eine weniger kostbare Stellvertreterin anschaffe. Mitleid mit dem Silberbeschlag und den Bernsteintroddeln des Prachtstücks bewogen sie zur Nachgiebigkeit, doch gewann sie durch ihre List so viel, daß ich versprach, mich an den Wochentagen mit einer billigeren Sorte Tabak begnügen zu wollen. So war sie denn in allen Dingen. Wollte ich zum Beispiel einen Lehrjungen einstehen lassen, so ward er vorher bei uns zu Tisch gebeten, nicht, wie es schien, aus Generosität, sondern nur, um seinen Appetit auf die Probe zu stellen. Fand der junge Mensch unglücklicherweise sein Leibgericht vor, oder hatte er etwa einen Marsch gemacht und konnte für zwei Personen essen, so durfte ich ihn gewiß nicht annehmen; »wer setzt sich denn,« sagte Lene, »selbst den Krebs in sein Fleisch?« Bei solchen Gelegenheiten trug sie ihr Bestes auf und legte eifrig vor; ich dagegen, der das schlaue Manöver kannte, spielte das Mitglied eines Mäßigkeitsvereins, machte auf das Schädliche dieser oder jener Speise aufmerksam und warnte vor Überladung, so daß die Uneingeweihten sie für die Gastfreiheit selbst, mich für den Neidhard halten mußten. Das Lächerlichste aber war wohl, daß sie sogar ihre Freundschaft und Liebe streng nach dem Grade der Eßlust und des Verdauungsvermögens ihrer Freunde und Verwandten abmaß. Klagte jemand über seinen schwachen Magen, wies er alles zurück, ausgenommen ein Glas Wasser und den Fidibus, so wußte sie nicht zutulich genug zu tun; »ach,« hieß es dann, »welch ein honoriger Mensch, wie wird er doch liebenswürdiger mit jedem Tage!« War das Gegenteil der Fall, glaubte einer ein Gericht nicht besser loben zu können, als indem er zweimal davon nahm, so war er ein Subjekt ohne Lebensart, ein Kerl, der aus Schlund und Magen zusammengesetzt sei, wie andere aus Leib und Seele. Mit ihrer einzigen Jugendfreundin, einer Gärtnersfrau, die uns alle Sonntage besuchte, stand sie im Begriff, auf immer zu brechen, bloß, weil diese an der Auszehrung litt, und schüchtern, so wie ihre Krankheit zunahm, von drei Tassen Kaffee und einem Zwieback, womit sie sich anfangs begnügte, bis zu sechs Tassen Kaffee und drei Zwiebäcken aufstieg; um einen Grund zu bekommen, stellte sie sich eifersüchtig auf die lederndürre Todesbraut, eifersüchtig nämlich – ich muß dies wohl hinzufügen – wegen meiner. Die Person starb noch zur rechten Zeit, kurz vor Ausbruch des Ungewitters, das sie bedrohte, sonst würde sie's erlebt haben, daß man ihre Todesseufzer für verliebte und ihre Schwindsucht für ein Sehnsuchtsfieber ausgegeben hätte. Natürlich hatte von diesem Geiz niemand mehr zu leiden als ich, und was mich am meisten verdroß, war, daß er mit unserer Wohlhabenheit zunahm, daß das Essen, je mehr ich verdiente, um so schlechter wurde. »Wir haben nicht Kind noch Rind,« sagte ich einst, durch eine Wassersuppe aufgebracht, zu ihr, »was wir hinterlassen, kommt an wildfremde Menschen, ich begreife dein Knickern, dein Schinden und Schaben nicht.« – »Was?« versetzte sie lebhaft, »ist's denn keine Ehre für uns, wenn die Herren vom Gericht nach unserem Tode mit Verwunderung und Respekt in ihr Inventarienbuch schreiben: Der Silberschrank war so wohl versehen, daß auch kein Löffelstiel mehr hineinging, an Leinenzeug fand sich mehr vor, als die seligen Eheleute Christopher und Magdalena Schnock in dreißig Jahren hätten auftragen können, der Schornstein wollte bersten, so voll hing er von Würsten und Schinken? Ist das nicht eine Nachrede, die uns noch im Himmel freuen, ja, in der Hölle trösten muß? Oder möchtest du, daß es von dir hieße: Man kann den Hungerleider noch im Grabe pfänden, wenn man will; denn der Sarg ist nicht bezahlt, er hat sich aus der Welt gestohlen, wie ein Dieb aus dem Gefängnis, niemand kommt zu dem Seinigen, als etwa der Kirchhofwurm, wenn er sein Bankrottiererfleisch nicht verschmäht!« Sie beklagte es, daß wir nicht katholisch waren, bloß der vielen Fasttage wegen; »in dem Glauben«, sagte sie, »können Leute doch was vor sich bringen, die Religion selbst bringt das Sparen mit sich, und naseweise Gesellen dürfen sich nicht mokieren, wenn der Tisch nicht immer unter Fleisch brechen will.« Ja, sie ging zuletzt soweit, daß sie ihre ökonomischen Rücksichten auf meinen eigenen Körper ausdehnte und mir die unnütze Anstrengung desselben, wie sie sich ausdrückte, verbot, mir zum Beispiel die Erfüllung der ehelichen Pflichten nur selten verstattete; vermutlich, weil sie die Kosten einer Umarmung nach Heller und Pfennig abzuschätzen verstand und weil sie nun kalkulierte, daß ich meine Kräfte nützlicher und fruchtbringender im Handwerk anlegen könne, als in der Liebe. Es war daher gewiß kein Wunder, wenn ich sie auf alle Art zu betrügen und zu hintergehen suchte, doch glückte mir dies meistens nur bis zu dem Punkt, wo ich die Absicht nicht mehr leugnen konnte, wo mir die Frucht meiner List aber dennoch schmählich entging. Ich betrachte jedes Unglück, wovon ich höre, als einen näheren oder entfernteren Verwandten, als einen Vetter von mir, der über kurz oder lang bei mir einsprechen wird; ich habe Stunden, wo ich ordentlich darüber erstaune, daß ich noch keine greuliche Missetat begangen habe, die mich dem Halsgericht überantwortet; hat man doch Exempel, daß einer morgens unschuldig wie ein Kind aufsteht, und abends blutbespritzt wie ein bayrischer Hiesel zu Bette geht. Was hilft alle Vorsicht! Vorsicht ist der Ball, womit das Schicksal spielt. Der Teufel ist allenthalben, nur da nicht, wo man ihn sucht. Wer sollte glauben, daß ich das Ärgste, was mir bis jetzt begegnet ist, in meiner eigenen Speisekammer erleben mußte? Doch war es der Fall!

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