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Christian Friedrich Hebbel: Schnock - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMerkwürdige Geschichten
authorFriedrich Hebbel
noteEtwa 1935 erschienen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchnock
pages216-270
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1850
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Es war ein heitrer Sonntagnachmittag, und ich ging mit Vinckel über den Marktplatz, wo die Bude stand. Der niederträchtige Tierführer trat eben heraus und verkündigte mit lauter Stimme, die Bestien sollten gefüttert werden, wer es sehen wolle, möge eintreten. Nun hatt' ich unglücklicherweise am Tage zuvor mit meinem Begleiter über jene Tiere gesprochen und ihm, um ihm von meiner Herzhaftigkeit eine gute Meinung beizubringen, gesagt, ich gedächte sie nächstens in Augenschein zu nehmen. »Hörst du,« rief er mir zu, »die Tiere werden gefüttert, laß uns hineingehen, es kostet ja nur einen Groschen.« – »Ei, was,« versetzte ich, »morgen ist auch ein Tag, und ob ich sie fressen sehe oder nicht, das ist mir ganz einerlei. Ohnehin hat man sie hier alle ausgestopft auf dem Museum!« Leider hatte der Tierführer, wie denn ein solches Gesindel immer mäusescharf hört, unser Gespräch belauscht; er trat auf uns zu und sagte: »Meine Herren, morgen mit dem frühsten reis' ich ab, wollen Sie also dies wirklich sehenswürdige Kabinett mit Ihrer Gegenwart beehren, so schieben Sie es nicht auf.« Komm, komm, drängte mein Begleiter und zeigte auf das Aushängeschild, es sind, wie du siehst, zwei Tiger darin, ein Löwe –« – »Die Riesenschlange, das seltene Exemplar eines weißen Bären, die Hyäne und die köstlichen Affenarten nicht zu vergessen!« unterbrach ihn der Tierführer. Der dumme Schlingel glaubte, mich durch Aufzählung all der Scheusale, die in der Höllenbude ihr Unwesen trieben, zum Eintritt reizen zu können, während ich an den beiden Tigern und dem Löwen, deren mein Gefährte erwähnte, schon mehr als genug hatte. »Die Tiger sind wohl noch jung?« fragte ich. »Den Teufel auch,« antwortete der Esel, »völlig ausgewachsen, und feurig, wie in Afrika.« Mich schauderte. »Jedenfalls ist diese Boaschlange klein wie ein Regenwurm und wird hinter dreifachem Eisengitter verwahrt?« – »Umgekehrt, lang wie ein Schiffsankertau«, versetzte jener. »Sie ist in Europa noch niemals größer gesehen worden, und die Kunst besteht gerade darin, daß ich sie mit den Händen aus ihrem Kasten herausnehme und frei hinlege. Treten Sie nur ein, es wird Sie nicht gereuen.« Mir war, als ständ' ich vor meinem Grabe. Ganz kleinlaut fragt' ich: »Wie steht's denn mit der Hyäne? Auch so groß, wie ein Pferd?« Dummstolz lächelnd erwiderte der Kerl: »Sehen Sie jenen alten, grauen, lahmen Hund, der die Straße heraufwatschelt? Größer ist die Hyäne nie und sieht so unbeholfen aus wie der.« – »Was fragst du lange,« sagte mein Begleiter, »wir können das alles ja sehen.« Ich ließ mich nicht stören. »Es sind doch wohl oft schon Unglücksfälle in Ihrer Bude passiert?« fuhr ich fort, »der Löwe hat sich losgerissen, die Schlange hat Menschen erdrückt? Es kann nicht anders sein. Ich habe im Wochenblatt davon gelesen!« – »Sie sind sehr furchtsam!« versetzte der Tierführer frech. »Gar nicht furchtsam, durchaus nicht furchtsam,« fuhr ich hitzig auf, »aber bekannt genug ist's, daß – – Löwen und Schlangen nach Menschenfleisch lüstern sind,« hatt' ich sagen wollen, doch der Tierführer unterbrach mich. »Kommen Sie herein, meine Herren,« sagte er, »ich darf mit der Fütterung nicht länger zögern, die Tiere sind hungrig.« – »Hungrig!« rief ich entsetzt; dann flüsterte ich meinem Begleiter ins Ohr: »Hörtest du das? Die Beester sind hungrig!« – »Um so interessanter wird's sein,« gab der unverständige Mensch zur Antwort, »komm nur!« Er zog mich mit sich fort, und wenn ich keinen Skandal machen wollte, mußt' ich folgen. Ein widriges Geräusch der unangenehmsten Stimmen drang uns entgegen, ein Gebrüll, Gequäke, Geschnatter, Gepiepse zum Umfallen. Anfänglich macht' ich die Augen zu, bloß um mich an die Ungeheuer zu gewöhnen. Doch bald bedachte ich, daß ich mich gerade dadurch den größten Gefahren aussetzen und in die Nähe der schauderhaften Schlange, die ich am meisten fürchtete, geraten könne, und öffnete sie wieder. Mein erster Blick fiel auf die greuliche Kropfgans, die in wenigen Sekunden einen halben Kessel voll Fisch verschluckte und dann in ihren Käfig zurückkehrte. Hu! Solchen Tiere sollten billig erst vierundzwanzig Stunden vor dem Jüngsten Tag geschaffen worden sein! Wer würde sich dann aus dem Untergang der Welt noch was gemacht haben! Jetzt wurde ich den Löwen gewahr, der entsetzlich brüllte; schnell wandte ich den Blick, allein nun sah ich die beiden blutdürstigen Tiger, die in ewiger Unruhe in ihren Käfigen auf und nieder rannten und mit den Schweifen an die Stäbe schlugen, daß sie erbebten. Die bunten Farbenringe, die diesen Scheusalen um den Leib laufen, kamen mir, besonders wenn ich blinzelte, wie aufgerollte Schlangen vor, die auch wohl herunterspringen können; dabei macht' ich die wenig beruhigende Entdeckung, daß sämtliche Käfige aus Holz gezimmert waren. Auf einmal entstand hinter mir ein grausiger Spektakel; als ich mich umsah, erblickte ich die hohläugige, grinsende Hyäne, die sich vergebens anstrengte, ein Stück Fleisch, welches der Wärter ihr vorhielt, zu erhaschen. Ich beschwor den Menschen, das Tier um Gottes willen nicht zu necken; in frevelhaftem Mutwillen versetzte er aber: »Nur unbesorgt, ich und Bunku verstehen uns!« Zugleich hielt er seinen Mund an das Gitter und rief: »Bunku, einen Kuß!« Schnell wandt' ich das Gesicht ab und erwartete, im Augenblick Jammertöne und Geschrei, des zerfleischten Menschen nämlich, zu vernehmen. Ich vernahm nichts; statt dessen hörte ich ein sonderbares Geplapper und Geplärr gerade über meinem Kopf, und als ich emporschaute, sah ich eine Menge häßlicher Affen mit ungestalteten Gliedmaßen und weiten Mäulern, die die Zähne fletschten und mich mit Unrat bewarfen. Diese vergnügten mich einigermaßen, da sie klein waren und possierliche Grimassen schnitten; sie wurden mit Äpfeln gefüttert, und ich mußte lachen, so wenig ich auch sonst zum Lachen aufgelegt war, als ich bemerkte, daß einige sich in ihrer Gefräßigkeit das Maul so voll stopften, als ob es eine Vorratskammer wäre. Wie ward mir aber zumut, als ich mich zufällig umkehrte und auf einer Kiste, an die ich mich mit dem Rücken gelehnt hatte, die entsetzliche Boaschlange, keine zehn Zoll von mir entfernt, erblickte. Da lag sie, lang hingestreckt, die greuliche, blutsaugende Bewohnerin der Waldungen eines fremden Weltteils – ein Sprung, und sie umwand mich, sie zermalmte meine Knochen, sie mästete sich von meinem Mark. Sie zog sich zusammen, ich tat einen lauten Schrei und sprang zur Tür. Langhalsige Vögel, Strauße nannte sie der Tierführer, reckten mir hier, als hätten sie's auf meine Augen abgesehen, aus einem Käfig, über den ihre Köpfe hoch hinausragten, die spitzigen Schnäbel entgegen. Ich gab nicht viel um die Nachbarschaft dieser Riesenvögel und näherte mich der Schlange wieder um einen Schritt; kaum aber stand ich still, als mich ein Geklapper ängstigte, welches sich über mir vernehmen ließ. Himmel, gerade über meinem Haupte hing ein Käfig mit einer Klapperschlange. Ich kann es gar nicht beschreiben, wie furchtbar mir dies zwei Fuß lange Tier mit seiner ekelhaft-bunten Haut und mit den abscheulichen Tönen, die es von sich gab, vorkam. Starr blickt' ich zu ihr auf; plötzlich klopfte mein Begleiter mich auf die Schulter und sagte: »Was ist denn an dem kleinen bunten Ding zu sehen? Gib nun acht, die große Schlange wird nun sogleich ein Kaninchen verzehren, der Wärter bringt es schon.« Obwohl mich ohne Unterlaß kalte Schauder überliefen, konnt' ich mich doch bei diesen Worten eines leichten Lächelns nicht erwehren; der Mensch glaubte, ich betrachtete die Klapperschlange, während ich doch bloß ihren Käfig untersuchte, um mich zu vergewissern, daß sie nirgends durchschlüpfen könne. Als ich mich hiermit noch beschäftigte, gab die Klapperschlange, wie es mir – ich kann mich irren – wenigstens vorkam, ein feines Gezisch von sich; eine weiße Masse fiel mir auf den Rock, und da ich glauben mußte, diese weiße Masse rühre von ihr her, schrie ich laut auf: »Hilfe! Gift! Gift!« Erschreckt sprangen mehrere der Anwesenden auf mich zu; ich, keines Wortes mächtig, zeigte auf den weißen Fleck auf meinem Rock, alle standen mit offenem Munde. Der Tierführer kam gleichfalls herbei; kaum aber hatte dieser meinen Rock angesehen, als er laut auflachte und sagte: »Das Gift kommt von dem unartigen Papagei, der dort oben hängt!« Jetzt wurde das Gelächter allgemein; ich besichtigte die weiße Masse näher und lachte dann selbst von ganzem Herzen mit. »Du bist ja ein wahres Kind,« rief mein Begleiter mir zu, »da will ich dir was anderes zeigen.« Der Waghals trat zur Boaschlange heran, die eben mit entsetzlicher Wollust, welche ihr sichtlich durch den langen häßlichen Körper zuckte, dem armen Kaninchen das Blut aussog, und berührte sie mit der Hand. Doch sie fuhr zusammen, als würde sie mit Nadeln gestochen, und Vinckel, der Held, flog so schnell zur Tür wie ich; ich nahm übrigens diese Gelegenheit wahr, ihn, bevor er wieder zur Besinnung kommen konnte, mit herauszuziehen. Als ich mich wieder in der freien Luft sah, verdroß mich's doch, daß ich den Bären gar nicht gesehen hatte; ich hätt's um denselben Preis gehabt.

Das war der Besuch. Es war keine Kunst, ihn im Zimmer hinter dem Ofen, wenn man von brüllenden Löwen und zähnefletschenden Tigern so weit, wie von Afrika und Amerika, entfernt war, zu verdrehen und dabei zum Beweis der eigenen Herzhaftigkeit dem unter dem Tisch auf den Knochenabfall harrenden armen Haushund einen Tritt zu versetzen. Es war noch weniger ein Wunder, daß mich das verdroß. Als Vinckel es eines Abends wieder getan hatte und ich im Finstern mit ihm und einigen anderen zu Hause ging, gab ich ihm endlich einmal, wie ein gärender Bierkrug, den Pfropfen abstoßend, einen Derben hinter die Ohren. So wenig hielt er mich trotz der mir zugefügten Beleidigung der Rache fähig, daß er ausrief: »Schnock, man schlug mich, wer war's?« Als ich kurz antwortete: »Kann ich's wissen, wenn du's selbst nicht weißt!?« versetzte er: »Nun gut, so tritt du nur beiseite, denn du hast's gewiß nicht getan!« Ich folgte, heimlich lachend, seiner Weisung, dann rief er: »Wenn einer was erhält, der's nicht verdient hat, so bitt' ich im Voraus um Verzeihung!« Nun drosch er auf die übrigen, die verdutzt stehengeblieben waren, wie ein Unsinniger los und bekam natürlich, was er austeilte, mit Zinsen zurück, so daß ich, der ich gelassen, wie die Unschuld selbst, dabei stand, die vollkommenste Satisfaktion erhielt. Aber die Sache blieb bei alledem wie sie war; denn wenn ihm den nächsten Tag auch ein Zahn fehlte: er ahnte nicht, daß er ihn noch haben würde, wenn er seine Zunge im Zaum gehalten hätte, und ich mußte mich entschließen, das im Dunkeln begonnene Werk bei Licht zu Ende zu bringen, da seine Späße, was ich freilich voraus hätte wissen sollen, auch jetzt noch nicht aufhörten. Ich schleppte ihn daher eines Sonntagabends ins Wirtshaus, machte ihn betrunken – ich selbst war's schon vorher – stellte eine Menge Gläser vor ihn hin, von denen ich glaubte, daß sie ihn am schnellen Hervorkommen hinter dem Tisch hindern würden, schloß ihn zum Überfluß auch noch mit Stühlen ein und sagte dann zum Pächter Niernhäutl: »Es wird hier noch etwas geben!« Er sah mich an und antwortete: »Mit wem denn?« – »Mit dem da!« sagt' ich und warf einen vernichtenden Blick auf Vinckel. »Wer hat denn was mit dem Knirps?« fragte der Pächter, der die Menschen, wie ein Werbeoffizier, nach ihrer Leibeslänge abzuschätzen pflegte, und lachte. »Ratet einmal!« versetzt' ich. Er riet hin und her, es verdroß mich, daß er immer so greulich vorbeischoß, und ich kehrte ihm unwillig den Rücken. Er gab mir einen Klaps an einer unanständigen Stelle; ich zeigte ihm meine geballte Faust und rief: »Meint Ihr, daß in der allein keine Kopfnüsse wachsen? Wieviel verwettet Ihr auf eine, die in einer Viertelstunde reif sein muß?« Durch Wetten hab' ich mich nämlich oft in die Courage hineingehetzt, aber Niernhäutl ließ sich auf nichts ein, sondern sagte bloß: »Wir werden sehen!« – »Gewiß!« versetzt' ich und trat an den Schenktisch. Ich forderte mir ein Glas Punsch, ich ließ noch ein zweites einschenken, und trat damit zu meinem Widersacher, der den Kopf ermüdet auf den Tisch lehnte, heran. Er lag völlig schlaggerecht und ich ging mit mir zu Rate, was ich tun, ob ich die Gelegenheit benutzen, oder noch einige Minuten verstreichen lassen solle. »Des Grimms«, dacht' ich, »kannst du heut abend nicht genug entwickeln, laß dir Zeit und denk an alles, was er dir getan hat!« Da sah ich, daß Niernhäutl verächtlich die Achseln zuckte und seinen Hut suchte. Der mußte Zeuge sein, ich stürzte das zweite Glas Punsch herunter, die Knie schlotterten mir, aber mit lauter, donnerähnlicher Stimme rief ich, während ich zugleich mit geballter Faust auf den Tisch schlug: »Heda!« Vinckel hatte einen Totenschlaf, er merkte nichts von Ruf und Schlag, und zu meinem Verdruß kam ein einfältiger Aufwärter herbei und fragte, was ich befehle. Der Flegel hatte meine Herausforderung zum Kampfe für ein Zeichen, das ihm gelte, angesehen. Dies alles brachte meine Wut aufs höchste; ich nahm alle meine Kraft zusammen, schlug noch einmal, indem ich zugleich die beiden leeren Punschgläser beiseite schob, auf den Tisch und rief: »Heda!« Jetzt erwachte Vinckel, gähnte unanständig und fragte mich: »Ist's Zeit zu Hause?« Ich suchte ihm durch Blicke verständlich zu machen, wie er mit mir daran sei, als dies aber nichts half, und er Miene machte, wieder einzunicken, schrie ich ihm laut entgegen: »Wie steht's mit der Klapperschlange?« Ich meinte jene in der Bierbude. Niernhäutl versicherte mir hinterher, ich sei hiebei zur Leiche erblaßt, ich glaub's ihm herzlich gern, mir war, als läg ich im Fieber! Vinckel glotzte mich merkwürdig verdutzt an; ich aber, noch kühner werdend, wiederholte meine Frage: »Wie steht's mit der Klapperschlange?« – »Sie ist längst verreckt und ausgestopft, sei ohne Sorgen!« war die Antwort, die mich, da ich nun einmal so weit gegangen war, nicht begütigen konnte. Sowie nun Vinckel die auf mich gerichteten Augen nur wieder abgewandt hatte, versetzte ich ihm, mich über den Tisch lehnend, die ihm zugedachte Ohrfeige; dann zog ich mich eilends zurück, griff nach meinem vor dem Fenster stehenden Hut und lief, so schnell es ging – daß ich angetrunken war, sagt' ich schon – der Tür zu. Er aber schrie überlaut: »Was? was ist das?« und ohne sich an das Zerbrechen der Gläser im geringsten zu kehren, warf er den Tisch um und stürzte mir nach. Ich gestehe, das lag außer meiner Erwartung und Berechnung, ich stand starr und machte keine Anstalten, dem Verfolger zu entfliehen. Er faßte mich bei den Haaren und warf mich zu Boden; einige Fußtritte, die ich erhielt, schienen mir ein bloßes Vorspiel des Hauptangriffs. Ich blieb ruhig liegen, und wenn ich an etwas dachte, so war's meine Frau, der das Unglück ja nicht verborgen bleiben konnte. Endlich wollten der Wirt und der Pächter Niernhäutl mich aufrichten, ich sträubte mich aber aus Leibeskräften dagegen, und gar nicht, wie sie glaubten mochten, aus Eigensinn, sondern nur, um Vinckel, dessen Toben und Fluchen nachzulassen schien, vielleicht, weil er mich für tot hielt, nicht durch Aufstehen zu reizen. Doch ihre vereinten Kräfte überstiegen die meinigen, und ich befand mich früher wieder auf den Beinen, als ich befürchtet hatte. Mein erster Blick fiel in einen mir gerade gegenüber hängenden Spiegel. Ich sah, daß ich stark blutete, ich war nämlich beim Niederschlagen auf eine scharfe Kante des Tischfußes gefallen und hatte mich verletzt; schnell wischte ich mir das Blut übers ganze Gesicht und erhielt dadurch ein herzbrechendes Ansehen. In diesem Augenblick wurde Vinckel mich gewahr, und ich ihn; er kam auf mich zu, mich übermannte die Furcht und ich eilte in schnellen Sprüngen aus der Tür. Hier aber glitschte ich aus und fiel abermals zu Boden; das Weinen war mir nahe, doch Vinckel rief mir zu: »Ei, warum läufst du so vor mir, ich komme ja bloß, um mich wieder mit dir zu vertragen; denn wenn ich's näher bedenke, so hast du so großes Unrecht nicht gehabt, und mich freut's, daß du's endlich fühlst!« Dabei gab er mir die Hand, und richtete mich auf, ich konnte kein Wort hervorbringen, er aber zog mich an den Schenktisch, und wir tranken Vertrag miteinander, was ich gerne tat, ob ich gleich dem Frieden wenig traute. »Es tut mir leid,« sagte er, »daß du dir das schändliche Loch in den Kopf gefallen hast!« – »Das heilt schon wieder!« versetzte ich höflich und nahm meinen Hut, um mich in der Stille davonzuschleichen. Schon war ich glücklich bis an die Haustür gekommen, als er mir nachrief: »Willst du zu Haus? Wart, ich begleite dich!« Die Begleitung eines wilden Tieres, eines Freundes aus der Bremer Bude, wär' mir ebenso lieb gewesen; aber, was war da zu machen? In wenigen Sekunden stand er bei mir und nahm meinen Arm. Ich konnte mir nicht viel Gutes versprechen, zu meinem Glück schien der Mond recht hell, auch blies der Nachtwächter schon in den Straßen. Ich faßte Mut, besonders, als es mir gelang, Vinckeln meinen Arm wieder auf sanfte Weise zu entwinden. Ich war meinem Hause bereits nah, da fragt' er mich: »Wie kam dir die Rachsucht aber so plötzlich?« Konnt' ich was darauf antworten? Ich schwieg still und erwartete das Weitere. Er aber – so unausstehlich der Mensch ist, so liegt doch mehr Gutmütigkeit, als man denken sollte, in seiner Natur – er sagte: »Nu, nu, wir wollen nicht weiter davon sprechen«, gab mir die Hand und schied von mir vor meiner Haustür. Nun galt's. Ich zögerte die Tür aufzumachen, und ließ langsam mein Wasser. Der Stellmacher kam die Straße wieder herunter; er hatte vielleicht im Wirtshaus etwas vergessen, mir konnt' es aber nicht wünschenswert erscheinen, nochmals mit ihm zusammenzutreffen, und ich trat schnell in mein Haus. »Ist's geraten,« dacht' ich, »sogleich auszuglitschen, etwa über eine Kartoffel, die dort liegt, und dich zu stellen, als ob du in deinem eigenen Hause den Kopf zerschlagen hast, oder –« Doch, meine Frau, die das Klingeln der Haustür nie überhört, trat schon aus der Stube, und ich mußte auf etwas Haltbareres sinnen. »Mein Gott, wie siehst du aus?« rief sie mir überlaut entgegen und fügte noch manches hinzu, was ich vergessen haben will. »Wer dich beschimpft, der hat's mit mir zu tun,« versetzt' ich trotzig, »hast du eine Tasse Tee für mich? Ich bin stark angegriffen!« Damit wollt' ich in die Stube treten, meine Frau gab's aber nicht zu. »Es ist jemand darin,« erwiderte sie, »und du –« Sie trieb mich in die Küche, wo ich mich waschen und abtrocknen und ihr erzählen mußte, was sich zugetragen habe. Ich log entsetzlich; denn es galt eine ruhige Nacht. »Eine Sau«, sagt' ich, »hat er dich genannt!« – »Wer? wer denn?« unterbrach sie mich heftig. »Hast du's nicht gehört?« versetzte ich, »wer anders, als der da am Markt, der Stellmacher.« – »Der Schelm, der schieläugige Hund, der Nichtsnutz!« schrie sie so laut, daß es mich erschreckte; konnt' ich doch gewiß sein, daß die Nachbarn das alles auf mich beziehen würden, obgleich ich keineswegs schiele. Dann ballte sie die Hand und rief: »Wart! sein Weib ist drinnen, und er wird sie abholen; kommt er, so soll ihn –« In diesem Augenblick ging die Haustür, und an den raschen Fußtritten erkannte ich Vinckel auf der Stelle. »Da ist er schon!« kreischte sie und wollte ihm entgegenstürzen. Ich vertrat ihr den Weg und sagte: »Lene, soll's Straßenlärm geben? Bedenke, daß es spät ist, und daß sich morgen auch etwas abmachen läßt!« – »Laß mich los, laß mich los, oder –« Sie ergänzte ihre Rede durch einen Stoß auf die Brust, den sie mir beibrachte. Ich aber, ich hatt' ihre Hand gefaßt, hielt sie, kaum wissend, was ich tat, fest. »Ich hab' dich ja schon gerächt,« stotterte ich, »er hat Abbitte getan, und ich hab' ihm vergeben.« – »Was? Was hat du getan? Ihm vergeben?« Sie vergaß sich so weit, mir einen Schlag ins Gesicht zu versetzen; ich verfluchte meine Lüge, und doch konnt' ich mich nicht überwinden, sie zu widerrufen. »Ich bitte dich, Weib, tu mir zum erstenmal einen Gefallen –« Meine Bitten halfen nichts, sie riß sich los und stürzte in die Stube hinein. Ich stieg zu Boden und stellte mich hinter den Schornstein. Droben konnt' ich denn alles deutlich hören. Erst ein mörderisches Schimpfen; dann kam's zur Balgerei, und Vinckel – wer an meiner Stelle hätt' einige Schadenfreude unterdrückt? – schrie mehr als einmal: »Kratzt mir nur kein Auge aus, ich hab' nur zwei!« Endlich flogen fast zugleich Stuben- und Haustüre auf, und Vinckel, samt seiner Frau, die sich unkluger- obgleich natürlicherweise mit in den Handel gemischt hatte, hinaus. Ich hatte alle Ursache, mit meiner Lene zufrieden zu sein; denn in der Wut hatte sie Vinckels Frage, was er ihr getan, zu meiner unsäglichsten Freude mit einem spöttischen »er wiss' es wohl selbst« beantwortet. »Der glaubt sicher,« dacht' ich, als ich wieder vom Boden herunterstieg, »es ist aus purer ehelicher Liebe, wegen deiner Kopfwunde, geschehen; das schadet nicht!« Übrigens hat Vinckel die Tierbuden-Geschichte seit jenem Abend wirklich niemals wieder aufgerührt, und es ist schwer zu sagen, ob er das aus Respekt vor meiner Lene oder vor mir selbst unterläßt. Freilich kam dabei für mich nicht viel heraus; denn die Schulkinder wußten sie schon auswendig, aber, das muß ich doch zu seiner Ehre anführen, wenn man ihn jetzt zum Zeugen aufruft, so antwortet er mit einem Schlag!

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