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Schnaps-Anton

Guy de Maupassant: Schnaps-Anton - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleSchnaps-Anton
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume17
year1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid8d1b70bd
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Der alte Mongilet

Im Bureau galt der alte Mongilet für ein Original. Er war ein alter Beamter, ein guter Kerl, der nur ein einziges Mal in seinem Leben aus Paris herausgekommen war.

Es war Ende Juli, und jeder von uns fuhr Sonntags hinaus, um im Grase zu liegen oder in der Umgegend von Paris irgendwo sich auf dem Wasser herumzutreiben: Asnières, Argenteuil, Chatou, Bougival, Maisons, Poissy – jedes hatte seine Stammgäste, die leidenschaftlich die Vorzüge und Schönheiten jedes dieser berühmten, allen Pariser Beamten theuren Orte diskutierten.

Der alte Mongilet erklärte:

– Ihr alten Schafsköppe, was habt ihr nur von eurem Lande?

Wir fragten ihn:

– Nun Mongilet, machen Sie denn keinen Ausflug?

– O ja. Ich fahre im Omnibus spazieren; wenn ich gut gefrühstückt habe in der Weinstube unten, ohne mich weiter zu beeilen, mache ich eine Reise mit einem Plan von Paris und dem Kursbuch in der Hand. Ich klettere nämlich ans das Verdeck meines Omnibus, spanne den Sonnenschirm auf, und dann sehe ich Sachen, ich sage euch, mehr als ihr alle zusammen! Ich komme in ein anderes Stadtviertel, das ist, als reiste ich durch die ganze Welt, so anders ist die Bevölkerung von einer Straße zur anderen. Ich kenne Paris besser als irgend jemand. Und dann giebt es nichts Amüsanteres, als die Zwischenstockwerke. Was man da alles zu sehen bekommt, mit einem Blick, das ist unglaublich! Man errät häusliche Scenen, wenn man nur das Maul eines Mannes sieht, der schreit; man lacht, wenn man beim Coiffeur vorüberfährt, und der Bartkratzer die Nase eines Herrn losläßt, noch ganz weiß von Seife, um auf die Straße zu gucken; man kokettiert mit den Nähmädchen, und das ist furchtbar komisch, denn man hat ja gar nicht Zeit abzusteigen. Ah, ich sage euch, was man da zu sehen bekommt!

Das ist eine Welt! Das ist wirklich das reine Theater. Ein Naturtheater beim Trabe von zwei Pferden. Ich sage euch, ich würde meine Omnibusfahrten nicht aufgeben für eure dummen Ausflüge in die Nachbarschaft.

Man sagte ihm:

– Kommen Sie doch mit, Mongilet. Versuchen Sie es mal, nur zum Spaß.

Er antwortete:

– Ein einziges Mal habe ich es gethan. Zwanzig Jahre ist's schon her. Soll mir aber nicht wieder passieren.

– Das müssen Sie uns erzählen, Mongilet!

– Soviel ihr wollt. Also hört zu. Ihr kanntet doch Boivin, den alten Buchhalter, den wir Boileau nannten.

– Ja, gewiß!

– Der war mein Kamerad auf dem Bureau. Der Kerl besaß ein Haus in Colombes, und lud mich immer ein, ich sollte ihn mal Sonntags besuchen. Er sagte mir:

– Komm doch Maculotte – er nannte mich spaßeshalber so – wir wollen mal einen schönen Spaziergang machen.

Ich ließ mich fangen, wie ein Fisch an der Angel, und fuhr eines Morgens mit dem Achtuhrzuge hinaus. Ich kam in eine Art Stadt, eine ländliche Stadt, wo man nichts sieht. Endlich fand ich in einer Sackgasse zwischen zwei Mauern eine alte Holzthür mit eisernem Klingelzug.

Ich klingelte. Ich wartete lange, bis mir geöffnet wurde. Und wer machte mir auf? Ich wußte es zuerst nicht, war es eine Frau oder ein Mann. Es war etwas Altes, Häßliches, in ein paar alten Tüchern, dreckig, bösartig; Hühnerfedern flogen ihr in den Haaren herum, sie sah aus, als wollte sie mich auffressen.

Sie fragte:

– Was wünschen Sie?

– Herr Boivin ....

– Was wollen Sie von Herrn Boivin?

Mir war unangenehm zu Mute bei dieser Ausfragerei der alten hexe, und ich brummte:

– Er erwartet mich.

Sie meinte:

– Ach, Sie sollen zum Frühstück kommen? Ich sagte zitternd ja.

Da wendete sie sich zum Haus um und rief wütend:

– Boivin! Da ist Dein Mann.

Es war also meines Freundes Frau. Der kleine alte Boivin erschien sofort an der Schwelle einer Wellblechbude, die aussah wie eine Wärmflasche. Er hatte eine weiße Hose an voll Flecken und einen fettigen Strohhut auf.

Nachdem er mir die Hand gedrückt, führte er mich in das, was er seinen Garten nannte. Es war ein Stück Corridor, von riesigen Wänden umgeben, ein kleines, viereckiges Stück Erde, so groß, wie ein Taschentuch und von so hohen Mauern umstanden, daß es nur zwei oder drei Stunden täglich Sonne bekam. Veilchen, Nelken, ein paar Rosenstöcke wuchsen sterbend in diesem dunklen Loch ohne Luft, das wie ein Ofen geheizt ward durch, die Ausstrahlung der Dächer.

– Bäume habe ich nicht! sagte Boivin, – aber die Nachbarmauern thun dasselbe. Hier ist Schatten wie in einem Walde.

Dann nahm er mich am Rockknopf und flüsterte mir leise zu:

– Du kannst mir einen großen Dienst leisten. Hast Du meine Frau gesehen? Sie ist ein bißchen schwierig. Na und heute, weil ich Dich eingeladen, habe, da hat sie mir 'ne eklige Scene gemacht. Aber wenn ich mich daran kehre, ist alles verloren. Weißt Du was, Du bist gekommen, um meine Pflanzen begießen zu helfen.

Ich willigte ein, zog meinen Rock aus, krempelte die Ärmel in die Höhe und begann eine Pumpe mit Mühe in Bewegung zu setzen; sie pfiff, schnarchte, röchelte wie ein Lungenkranker, um einen ganz kleinen winzigen Strahl auszuspeien. Wir brauchten zehn Minuten, eine Gießkanne zu füllen. Mir lief der Schweiß nur so runter. Nun ging Boivin mit mir:

– So – diese Pflanze – noch ein bißchen – so, genug – nun hier –

Die Gießkanne hatte ein Loch, lief, und ich begoß meine Füße mehr wie die Blumen. Der untere nasse Teil meiner Hose ward über und über schmutzig. Zwanzig Mal nacheinander ging dieselbe Geschichte wieder los: ich begoß unausgesetzt meine Füße und füllte dann die Gießkanne, indem ich langsam den Pumpenschwengel hin und her bewegte. Wenn ich, vollkommen erschöpft, aufhören wollte, sagte der alte Boivin flehend zu mir, indem er mich beim Arm nahm:

– Noch eine Gießkanne, eine einzige! Dann ist's aus.

Alsdann schenkte er mir eine Rose, eine große Rose. Aber kaum saß sie in meinem Knopfloch, so fielen in einem Augenblick sämtliche Blätter ab und als Ordensauszeichnung blieb nur ein einziger grüner kleiner Punkt übrig, hart wie ein Stein. Ich war erstaunt, sagte aber nichts.

Von weitem hörte man Frau Boivins Stimme:

– Kommt ihr nun eigentlich! Ich habe doch längst gesagt, daß das Essen fertig ist.

Und wir gingen zur Wärmflasche.

Wenn der Garten sich im Schatten befand, so lag das Haus dagegen in der Sonnenglut, und ein Hochofen war nichts gegen meines Freundes Eßzimmer.

Auf einem Tisch von gelbem Holz standen drei Teller, ein zinnernes schlecht gewaschenes Besteck daneben. In der Mitte stand eine Schüssel mit Rindfleisch und Kartoffeln. Wir begannen zu essen.

Eine große Karaffe mit einen ganz leicht-rötlichen Wasser fiel mir ins Auge. Boivin sagte zu seiner Frau:

– Sag mal, liebes Kind, könntest Du uns nicht vielleicht für heute etwas Wein geben?

Sie blickte ihn wütend an:

– Daß ihr euch betrinkt alle beide, nichtwahr? Und dann sitzt ihr den ganzen Tag hier und gröhlt. Nee, ich danke schön.

Er schwieg. Nach dieser Speise kam eine andere: Kartoffeln mit Speck. Nachdem wir das neue Gericht schweigend gegessen hatten, sagte sie:

– So, nun ist's aus. Nun macht, daß ihr 'rauskommt.

Boivin sah sie erschrocken an:

– Aber die Taube. Du hast doch heute früh eine Taube gerupft.

Sie stemmte die Arme ein:

– Ihr habt wohl nicht genug? Du schleppst Leute her, aber das ist doch noch lange kein Grund, um alles aufzuessen, was wir im Haus haben. Was soll ich denn heute abend essen?

Wir standen auf. Boivin flüsterte mir ins Ohr:

– Warte eine Minute auf mich, und dann drücken wir uns.

Er ging in die Küche, in die seine Frau zurückgekehrt war, und ich hörte:

– Gieb mir doch mal zwanzig Sous, liebes Kind.

– Was willst Du mit zwanzig Sous anfangen?

– Man weiß doch nicht, was geschehen kann. Es ist immer gut, Geld bei sich zu haben.

Sie brüllte, damit ich es hören sollte:

– Nee, Du kriegst nichts. Du hast den Mann da eingeladen, na da kann er Dich doch mindestens als Revanche einladen.

Der alte Boivin kehrte zurück und holte mich ab. Ich wollte höflich sein und machte der Frau des Hauses eine Verbeugung, indem ich stammelte:

– Ich danke Ihnen vielmals für den liebenswürdigen Empfang.

Sie antwortete:

– Gut. Aber daß Sie ihn mir nicht betrunken wiederbringen, sonst kriegen Sie's mit mir zu thun.

Wir gingen. Wir mußten in heller Sonnenglut über eine schutzlose Ebene. Ich wollte etwas pflücken am Wegrand, aber ich stieß einen Schmerzensschrei aus, das Ding hatte mir schauderhaft weh gethan. Es waren Brennesseln. Und dann stank es überall nach Mist, stank, daß einem gleich schlecht werden konnte.

Boivin sagte zu mir:

– Nur ein bißchen Geduld, wir kommen gleich an den Fluß.

In der That, wir kamen an den Fluß. Dort stank es nach gestandenem Wasser und Abdeckerei, und die Sonne glühte so schauderhaft, daß sie mir fast die Augen ausgebrannt hätte.

Ich bat Boivin, irgendwo einzukehren. Wir gingen in eine Art Loch, wo eine Menge Leute saßen, eine Kneipe für Süßwasser-Mastrosen. Und er sagte zu mir:

– Es sieht hier zwar nicht besonders aus, ist aber sehr gut.

Ich hatte Hunger und ließ mir ein Omelette geben. Aber da hatte nach dem zweiten Glas Wein der Kerl, der Boivin, schon einen sitzen. Und nun wußte ich, warum ihn seine Frau so kurz hielt.

Er redete, stand auf, wollte Kraftstücke machen, mischte sich, um sie zu versöhnen, in den Streit von zwei Besoffenen, die sich prügelten, und ohne das Dazwischentreten des Wirts wären wir sicher alle beide noch ermordet worden.

Ich schleppte ihn fort, hielt ihn, wie man die Trunkenen hält, führte ihn bis ans erste Gebüsch. Dort ließ ich ihn nieder, und dann legte ich mich selbst daneben und bin wahrscheinlich eingeschlafen.

Wir hatten offenbar sehr lange geschlafen, denn als ich aufwachte, war es schon Nacht. Boivin schnarchte neben mir. Ich schüttelte ihn. Er stand auf, war aber noch immer betrunken, wenn auch etwas weniger.

Nun gingen wir in der Dunkelheit über die Ebene zurück. Boivin behauptete, er fände den Weg. Wir gingen links, dann rechts, dann wieder links. Man sah nichts, weder vom Himmel noch von der Erde, und wir waren verloren in einer Art Wald von Pfählen, die uns bis an die Nase reichten.

Es war offenbar ein Weinberg. Nirgends war eine Gaslaterne zu sehen. Ein oder zwei Stunden irrten wir da drin herum, machten Bogen, schlängelten uns hier hin dort hin, streckten ganz toll geworden die Arme aus, tasteten uns fort, ohne den Ausgang zu finden, und kamen immer wieder auf dieselbe Stelle zurück.

Endlich fiel Boivin auf einen Stock, der ihm die Wange aufriß und blieb dann bewegungslos am Boden sitzen, indem er mit lauter Stimme brüllte, lang und wiederhallend brüllte:

– Au, au! Au, au! Au, au!

Ich schrie um Hilfe, so laut ich konnte, steckte meine Fünfminutenbrenner an, um die Retter auf unsere Spur zu bringen und mir selbst Mut zu machen.

Endlich hörte uns ein spät nach Haus kommender Bauer und brachte uns auf den Weg.

Ich geleitete Boivin nach Haus. Aber als ich mich anschickte, ihn an der Eingangsschwelle zu verlassen, öffnete sich plötzlich die Thür, die Frau erschien mit einem Licht, daß mir der Schreck durch alle Glieder fuhr.

Sobald sie dann ihren Mann gesehen, den sie seit der Dämmerung schon erwartet, schrie sie und stürzte auf mich los:

– Sie elender Mensch! Ich wußte doch, daß Sie ihn besoffen nach Haus bringen würden.

Weiß der Teufel, ich riß aus, was ich nur konnte, lief an den Bahnhof, und da ich dachte, daß das wütende Weib mich verfolgte, schloß ich mich im Klosett ein, denn der nächste Zug ging erst eine halbe Stunde später.

So. Deswegen habe ich nie geheiratet, und deswegen gehe ich nie wieder aus Paris heraus.

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