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Schnaps-Anton

Guy de Maupassant: Schnaps-Anton - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleSchnaps-Anton
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume17
year1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid8d1b70bd
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Bombard

Simon Bombard war mit seinem Dasein nicht zufrieden. Begabt mit einer unbegrenzten Fähigkeit zum Nichtsthun und dem ungestillten Wunsch, diesem seinem Berufe nachzugehen, erschien ihm jede geistige oder körperliche Anstrengung, jede Bewegung, die er ausführen sollte, über seine Kräfte. Sobald er etwas von ernsten Dingen hörte, wurde er zerstreut, denn sein Geist war einer Anspannung, sogar der Aufmerksamkeit unfähig.

Er war der Sohn eines Krämers aus Caen und hatte sich es immer wohl sein lassen, bis er fünfundzwanzig Jahr alt geworden.

Aber seine Eltern waren immer näher am Bankerott als am Vermögen, und durch die Geldknappheit litt er fürchterlich.

Er war ein großer, starker, schöner Kerl mit rötlichem Backenbart, ein echter Normanne, mit gesunder Hautfarbe, blauen Augen, dumm, heiter, schon anfangend, etwas dick zu werden. Er zog sich mit der etwas auffallenden Eleganz des Provinzialen im Sonntagsstaat an. Er lachte, rief, gestikulierte bei jeder Gelegenheit und war in seiner Lustigkeit aufdringlich wie ein Handlungsreisender. Er meinte, das Leben sei einzig und allein zu Ulk und Scherz, gemacht, und sobald er seiner guten Laune Zügel anlegen mußte, verfiel er in eine Art dumpfen Halbschlaf, da er sogar einer wirklichen Traurigkeit nicht fähig war.

Sein Bedürfnis nach Geld quälte ihn unausgesetzt, und er gebrauchte immer eine Redensart, die all seinen Bekannten geläufig geworden war:

– Für zehntausend Franken Rente würde ich Henker.

Jedes Jahr ging er vierzehn Tage nach Trouville; das nannte er seine Sommerfrische.

Er wohnte dann bei Verwandten, die ihm ein Zimmer überließen, und vom Moment der Ankunft ab bis Zur Abreise ging er auf der Bretterbahn spazieren, mit dem der Sand am Strand belegt, ist.

Er lief mit sicheren Schritten auf und ab, die Hände in die Taschen versenkt oder auf dem Rücken verschränkt, immer in weiten Kleidern, mit hellen Westen, recht auffallender Kravatte, den Hut schief auf einem Ohr, eine Pfennigcigarre im Mundwinkel.

So bummelte er hin, streifte die eleganten Frauen, ließ seine Blicke über die Männer gleiten, stets bereit, mit ihnen, Händel anzufangen, und suchte, suchte – – denn er suchte. Er suchte eine Frau. Er zählte dabei auf sein Gesicht und auf sein Äußeres. Er hatte sich gesagt:

»Zum Donnerwetter nochmal! Unter dem Haufen Weiber, die dorthin kommen, muß ich doch endlich mal die finden, die für mich gewachsen ist!«

Und er schnupperte herum, wie ein Jagdhund, mit dem Instinkt des Nornannen, seiner Sache ganz gewiß, er würde sie schon finden, sie schon herauskennen, wenn er sie bloß sah: die, die ihm ein Vermögen in den Schoß werfen sollte.

 

Eines Montag Morgens brummte er: – Sieh da! Sieh da! Sieh da!

Es war wunderschönes Wetter; einer jener strahlend blauen Julitage, von denen man sagen konnte, daß es Hitze regnet. Der weite Strand war mit Menschen übersät, mit Toiletten und Farben und sah aus wie ein Frauengarten. Die, Fischerboote mit ihren braunen Segeln standen fast unbeweglich auf dem blauen Wasser, das sie umgekehrt wiederspiegelte, und schienen in der Morgensonne zu schlafen. Sie blieben dem Strand gegenüber, ein paar ganz nah, andere weiter, wieder andere sehr weit, draußen, ohne sich zu rühren, als wären sie erschöpft von dem heißen Sommertage und zu gleichgiltig, südlich die hohe See zu gewinnen oder in den Hafen zu laufen. Ganz unbestimmt sah man in der Ferne im Nebel die Küste von Le Havre mit zwei weißen Punkten an der Spitze: die Leuchttürme von Saint-Adresse.

Er hatte sich gesagt:

– Sieh da! Sieh da! Sieh da! – als er ihr zm dritten Mal begegnete und als er ihren Blick auf sich ruhen fühlte, den Blick einer reifen, erfahrenen und verwegenen Frau, die sich anbietet.

Er hatte sie schon den Tag vorher bemerkt, denn sie schien auch jemand zu suchen. Es war eine ziemlich große Engländerin, etwas mager; eine kecke Engländerin, der Reisen und Lebensumstände etwas Männliches gegeben haben. Sie war übrigens garnicht übel, trottete immer mit kurzen Schritten hin, einfach angezogen, aber ganz eigen frisiert, wie die Engländerinnen alle. Sie hatte ganz hübsche Augen, runde Wangen, ein wenig rot, etwas zu lange Zähne, die sie immer zeigte.

Als er an den Hafen kam, drehte er wieder um, um zu sehen, ob er ihr noch einmal begegnen würde. Er begegnete ihr und warf ihr einen heißen Blick zu, einen Blick, der zu sagen schien:

»Da bin ich !«

Aber wie sollte er sie anreden?

Zum fünften Male kehrte er um. Wie sie ihm wieder entgegenkam, ließ sie den Sonnenschirm fallen. Er sprang zu, hob ihn auf, gab ihn zurück:

– Erlauben Sie, gnädige Frau ...

Sie antwortete:

– Oh, Sie sein sehr liebensuürdig.

Sie blickten sich an, sie wußten nicht, was sie sagen sollten. Sie war errötet. Da faßte er Mut und meinte:

– Heute ist's aber schön!

Sie flüsterte:

– Oh, köstlich!

Und sie blieben verlegen einander gegenüber stehen, aber sie dachten nicht daran, sich zu trennen. Endlich fand sie den Mut zu fragen:

– Seien Sie lange in diese Land?

Er antwortete lächelnd:

– O, ich bleibe hier, so lange es mir paßt.

Dann schlug er ganz plötzlich vor:

– Wollen Sie nicht an den Strand mitkommen? Es ist jetzt gerade so schön dort.

Sie sagte einfach:

– Ich uill uohl.

Und Seite an Seite gingen sie davon, sie in ihrer steifen Haltung, er bummlig sich wiegend, wie ein geblähter Truthahn.

 

Drei Monate darauf bekamen die ersten Kaufleute von Caen eines Morgens eine große weiße Anzeige des Inhaltes:

»Herr und Frau Prosper Bombard geben sich die Ehre, Ihnen die vollzogene eheliche Verbindung ihres Sohnes Simon mit Frau Kate verwitwete Robertson ergebenst anzuzeigen.«

Auf der anderen Seite stand:

»Frau Kate verwitwete Robertson giebt sich die Ehre, Ihnen ihre Verehelichung mit Herrn Simon Bombard anzuzeigen.«


Sie zogen nach Paris. Das Einkommen der Braut belief sich auf ganz genau fünfzehntausend Franken Rente. Simon beanspruchte davon für seine persönlichen Ausgaben vierhundert Franken monatlich. Er mußte aber beweisen, daß seine Zärtlichkeit dieses Opfer verdiente, und das bewies er leicht, und erhielt, was er wünschte.

Zuerst ging alles gut. Die junge Frau Bombard war allerdings nicht mehr jung, und ihre Frische ließ zu wünschen übrig. Aber sie besaß eine Art, zu fordern, daß man ihr nicht gut etwas abschlagen konnte.

Sie sagte mit ihrem englischen, eigensinnig, scharfen Accent:

– Oh, Simon, uir gehen in die Bett! – sodaß Simon zu Bett ging wie ein Hund, dem man sagt: »Kusch dich!« Und sie hatte ihren eigenen Willen Tag wie Nacht, daß es keinen Widerspruch gab.

Sie ärgerte sich nicht, sie machte keine Scenen, sie schrie nie, sie war nie erregt oder beleidigt, sogar nicht einmal verletzt. Sie verstand einfach, zu sprechen, das war alles; und sie sprach, wenn es nötig war, sprach in einer Weise, die keinen Widerstand duldete.

Mehr denn einmal wollte Simon nicht, aber den befehlshaberischen kurzen Wünschen dieser wunderlichen Frau kam er schließlich doch immer nach.

Da er jedoch die eheliche Zärtlichkeit etwas monoton und nichtssagend fand, und da er das Geld in der Tasche hatte, um sich besseres zu leisten, that er das zur Genüge, aber mit großer Vorsicht.

Frau Bombard merkte es, ohne daß er ahnte wodurch. Und sie sagte eines Abends zu ihm, sie habe in Mantes ein Haus gemietet, wo sie fortan wohnen würden.

Nun hing ihm der Brotkorb höher. Er versuchte allerlei Zerstreuungen, die ihm aber doch nicht die weiblichen Eroberungen ersetzten, von denen er träumte.

Er angelte, lernte den Angelgrund für Forelle und Karpfen unterscheiden, die Flußläufe, die dieser liebte und jener und mit welchem Köder man die verschiedenen Fische fängt.

Aber während der Schwimmer seiner Angel am Faden hing, waren seine Gedanken anderwärts.

Er freundete sich mit dem Bureauchef der Unterpräfektur an und mit dem Polizeiwachtmeister und spielte abends Whist mit ihnen im Café du Commerce. Aber sein trauriges Auge entkleidete unwillkürlich die Treff- oder Careau Dame dabei, während das Problem der fehlenden Beine dieser Figur mit zwei Köpfen seine Gedanken vollständig verwirrte.

Da kam er auf eine Idee, eine echt normannische Idee. Er richtete es so ein, daß seine Frau ein Dienstmädchen nahm, das ihm paßte. Kein schönes Mädchen, keine Kokette, die sich schmückt, sondern ein derbes rotes Ding, das keinen Verdacht erregen, konnte und das er sich zu diesem Zweck erzogen.

Sie ward ihm durch den Steueraufseher empfohlen, einen gefälligen Freund, der mit ihm unter einer Decke steckte und der für sie jede Garantie leistete. Frau Bombard nahm die Perle, die ihr dargeboten ward, vertrauensvoll entgegen.

Simon war glücklich, glücklich mit größter Vorsicht, mit Furcht und mit unglaublichen Schwierigkeiten.

Er stahl der unablässigen Überwachung seiner Frau nur kurze Augenblicke ab, hier und da.

Er suchte einen Trick, irgend ein Mittel. Und endlich endeckte er das, was vollkommen genügte.

Frau Bombard hatte nichts zu thun und ging zeitig zu Bett, während Bombard, der im Café du Commerce Whist spielte, täglich pünktlich halbzehn heimkehrte. Und da ließ er Viktorine auf der Treppe in der Dunkelheit warten.

Er hatte höchstens fünf Minuten zur Verfügung denn er fürchtete immer eine Überraschung. Aber ab und zu fünf Minuten genügten seinen Wünschen. Dann ließ er ein Goldstück, – denn er war in so etwas sehr anständig – in die Hand des Mädchens gleiten, das schnell zu ihrer Kammer hinauf ging.

Und er lachte, war glückselig über seinen Triumpf und sagte sich: Siehst Du, jetzt wirst Du 'reingelegt, Alte.

Und das Glück, Frau Bombard hineinzulegen versöhnte ihn mit allem, was an seiner bezahlten Eroberung ungenügend war.


Da fand er eines Abends wie gewöhnlich Viktorine auf den Stufen der Treppe ihn erwartend. Aber es war ihm, als wäre sie lebhafter und angeregter als gewöhnlich, und das Stelldichein dauerte zehn Minuten.

Als er in das eheliche Schlafgcmach trat, war seine Frau nicht da. Es lief ihm kalt über den Rücken, und zu Tode erschrocken ließ er sich in einen Stuhl fallen.

Sie erschien, ein Licht in der Hand.

Er fragte zitternd:

– Warst Du ausgegangen?

Sie antwortete ganz ruhig:

– Ich uar in die Küche und habe Wasser getrunken.

Er bemühte sich, jeden Verdacht zu beruhigen, den sie etwa schöpfen könnte. Aber sie schien ganz Glück, Ruhe und Vertrauen zu sein, und er war seiner Sache wieder sicher.

Als sie am nächsten Tag zum Frühstück ins Eßzimmer kamen, setzte Viktorine die Cotelettes auf den Tisch.

Als sie die Hand zurückzog, ließ Frau Bombard ihr ein Goldstück hineingleiten, das sie vorsichtig zwischen zwei Fingern hielt, und sagte in ihrer ruhigen, ernsten Art:

– Hier mein Kind. Da haben Sie zwanzig Franken, die Sie durch mich entbehren mußten gestern abend. Ich gebe sie Ihnen wieder. Das erschrockene Mädchen nahm das Geldstück, und blickte es thöricht an, während Bombard seine Frau mit erschrockenen, weit aufgerissenen Augen anstarrte.

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