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Schnaps-Anton

Guy de Maupassant: Schnaps-Anton - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleSchnaps-Anton
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume17
year1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid8d1b70bd
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Das Bett No. 29

Wenn Rittmeister Epivent auf der Straße ging, drehten sich alle Frauen um. Er war der Typus des schönen Husarenoffiziers. Er bummelte auch immer auf dem Strich, blähte sich wie ein Pfau, stolz, seine Schenkel zu zeigen, seine Taille, seinen Schnurrbart. Übrigens waren Schenkel, Taille und Schnurrbart ganz wundervoll. Der Bart war blond, stark, fiel martialisch schön gewellt über die Lippen wie reifes Korn, aber dabei war er fein, sorgfältig gedreht, und lief auf beiden Seiten des Mundes in zwei kecken Spitzen aus. Die Taille war schmal und eng, als trüge er ein Korsett, während der mächtige Brustkorb stark und gewölbt darüber hervortrat. Seine Schenkel waren wundervoll modelliert, das Bein eines Turners und Tänzers, dessen Muskeln sich bei jeder Bewegung unter dem anliegenden roten Beinkleid strafften.

Er ging, Beine und Arme ein bißchen abspreizend, in dem etwas wiegenden Gang der Reiter, einem Gang, der sehr geeignet ist, Beine und Rumpf hervortreten zu lassen, und der in Uniform etwas Siegesgewisses hat, während er in Civil fast gemein wirkt.

Wie sehr viele Offiziere, wußte sich Rittmeister Epivent in Civil nicht recht anzuziehen. Wenn er einmal einen grauen oder schwarzen Anzug trug, sah er kaum anders aus, als ein Ladenschwengel. Aber in Uniform war das was anderes. Übrigens hatte er ein hübsches Gesicht, eine feine gebogene Nase, blaue Augen und eine schmale Stirn. Aber er war kahlköpfig, ohne daß er jemals begreifen konnte, weshalb sein Haar ausgefallen war. Er tröstete sich damit, daß zu starkem Schnurrbart ein etwas kahler Kopf nicht übel aussieht.

Im allgemeinen verachtete er alle Welt, aber es gab doch Abstufungen in seiner Verachtung.

Vor allen Dingen existierte für ihn der Bürger nicht. Er war für ihn dasselbe, wie irgend ein Tier, und er beachtete ihn nicht mehr, als etwa einen Spatz oder ein Huhn. Für ihn fing der Mensch erst beim Offizier an. Aber er beachtete nicht einmal alle Offiziere. Eigentlich schätzte er nur die schönen Kerls, denn ein stattliches Äußere sei das einzig wirklich Militärische, meinte er. Für ihn war der Soldat ein Kerl nur für Krieg und Liebe gemacht. Ein Mensch mit Muskeln, Schnurrbart und starken Lenden, nichts anderes. Die Generäle der französischen Armee beurteilte er nach ihrem Äußeren, ihrer Haltung und der Größe ihres Bartes. Bourbaki war daher für ihn der größte Kriegsmann der Neuzeit.

Über die Kameraden von der Linie, dicke kleine Kerls, denen der Atem ausging, lachte er bloß. Vor allem hatte er eine große Mißachtung für die armen Schlucker, die aus der polytechnischen Schule hervorgingen; jene kleinen bebrillten, ungeschickten, linkischen Leute, die zur Uniform paßten, wie ein Kaninchen zum Messe lesen, wie er sich ausdrückte. Er war empört, daß man in der Armee diese armen Schlucker duldete mit ihren dünnen Spinnen-Beinchen, die nichts trinken, wenig essen und das studieren mehr lieben als schöne Mädchen.

Rittmeister Epivent hatte Riesenankratz bei dem schönen Geschlecht.

Jedesmal, wenn er mit einer Frau soupierte, war es für ihn ausgemachte Sache, daß er die Nacht mit ihr auf gleichem Kopfkissen verbringen würde. Und wenn unüberwindliche Hindernisse es den Abend selbst unmöglich machten, so war er wenigstens für den nächsten Tag seines Sieges gewiß. Die Kameraden liebten es nicht, wenn er ihren Geliebten begegnete, und die Kaufleute in den Läden, die eine hübsche Frau hinterm Ladentisch hatten, fürchteten und haßten ihn sogar.

Wenn er vorüberging, wechselte unwillkürlich die Kaufmannsfrau einen Blick mit ihm durch das Schaufenster. Einen jener Blicke, die mehr sagen, als zärtliche Worte, die Frage und Antwort enthalten, Wunsch und Zusage. Und der Mann, instinktiv gewarnt, wendete sich plötzlich herum, warf einen wütenden Blick auf die stolze, geschniegelte Gestalt des Offiziers. Wenn der Rittmeister vorüber war, lächelnd und mit seinem Erfolge zufrieden, schob dann wohl der Kaufmann nervös die Gegenstände im Laden hin und her und sagte:

– So ein alter Truthahn. Wann wird das nur endlich mal aufhören, daß man diese Nichtsthuer, die ihre Blechsäbel durch die Stadt klirren lassen, auf öffentliche Kosten ernährt. Mir ist ein Fleischer lieber, wie ein Soldat. Wenn seine Schürze blutig ist, so ist es Tierblut, und er ist zu etwas nütze und hat sein Messer nicht, um Menschen umzubringen. Ich begreife gar nicht, daß es nicht verboten ist, daß diese öffentlichen Mordbuben ihre Todeswerkzeuge auf der Straße herumschleppen lassen. Ich weiß schon, daß sie notwendig sind, aber man soll die Kerls doch versteckt halten und sie nicht mit roten Hosen und blauen Röcken als Fatzke anziehen. Dem Henker zieht man doch für alle Tage auch nicht Uniform an. Na also.

Die Frau pflegte dann nicht zu antworten, sondern zuckte die Achseln, während der Mann, der die Bewegung, ohne sie zu sehen, erriet, ausrief:

– Die Kerls sind nur für die Dummen!

Übrigens war Rittmeister Epivent in der ganzen französischen Armee als Mädchenjäger bekannt.


Da kam im Jahre 1868 sein Regiment, die 102. Husaren, nach Rouen in Garnison.

Bald war er in der ganzen Stadt bekannt. Jeden Abend gegen 5 Uhr erschien er auf dem Cours Boieldieu, um im Theatercafé einen Absinth zu trinken. Aber ehe er in das Restaurant trat, bummelte er noch auf dem Strich, um Beine, Taille, Schnurrbart zu zeigen.

Die Kaufleute von Rouen, die, die Hände auf dem Rücken, über ihre Geschäfte redend, über Hausse und Baisse, auch auf und ab spazierten, warfen ihm ab und zu einen Blick zu und murmelten:

– Donnerwetter ist das ein schöner Kerl. – Und wenn sie ihn kannten:

– Ah, Rittmeister Epivent. Der Kerl sieht doch famos aus.

Wenn Frauen ihm begegneten, wendeten sie auf ganz eigene Weise den Kopf, und Schauer der Scham überrannen sie, als ob sie sich ihm gegenüber schwach oder wie nackt fühlten. Sie senkten ein wenig den Kopf, und ein Lächeln glitt über ihre Lippen: der Wunsch zu gefallen und einen Blick zu erhalten. Wenn er mit einem Kameraden spazieren ging, sagte der andere jedesmal mit neidischer Eifersucht, sobald sich das Manöver wiederholte:

– Der Kerl hat aber Schwein.

Unter den öffentlichen Mädchen der Stadt brach geradezu ein Wettstreit aus, ein Rennen, wer ihn kriegen würde. Um 5 Uhr, zur selben Stunde wie die Offiziere, kamen sie alle auf den Cours Boieldieu und strolchten, zu zwei und zwei, mit fegenden Schleppen von einem Ende bis zum anderen auf und nieder, während, auch zu zwei und zwei, Leutnants, Rittmeister und Stabsoffiziere ihre Säbel auf dem Trottoir klirren ließen, ehe sie ins Café gingen.

Da ließ eines Abends die schöne Irma, von der man behauptete, sie sei die Geliebte des reichen Fabrikanten Templier-Papon, ihren Wagen gegenüber dem Theater halten, stieg aus und that, als wollte sie Papier kaufen oder Visitenkarten bestellen beim Graveur Paulard. Aber sie that es nur, um am Offiziertisch vorüberzukommen und dem Rittmeister Epivent einen Blick zuzuwerfen, der zu sagen schien:

»Wenn Du willst – jederzeit.«

Und das war so auffallend, daß der Oberst Prune, der einen grünen Schnaps mit seinem Oberstleutnant trank, nicht anders konnte, als zu brummen:

– Sieh mal an, hat der Kerl Glück!

Der Ausspruch des Obersten wurde weitergetragen, und Rittmeister Epivent war freudig bewegt von diesem Lob aus dem Munde seines Vorgesetzten. Er ging infolgedessen am nächsten Tag in großem Dienstanzuge mehrmals unter den Fenstern der Schönen spazieren.

Sie sah ihn, zeigte sich, lächelte.

Noch am selben Abend ward er ihr Geliebter.

Sie zeigten sich, kompromittierten sich gegenseitig, waren alle beide stolz aufeinander.

In der ganzen Stadt war von nichts anderem die Rede, als vom Verhältnis der schönen Irma mit dem Offizier. Nur Herr Templier-Papon that nicht desgleichen.

Rittmeister Epivent strahlte vor Stolz und sagte alle Augenblicke:

– Die Nacht sagte mir Irma ..... Als ich gestern mit Irma aß .....

Länger denn ein Jahr renommierte er und zeigte sich in Rouen mit seiner Liebe, wie mit einer dem Feinde abgenommenen Fahne. Durch diese Eroberung fühlte er sich bedeutend größer, beneidet, die Zukunft schien ihm sicher, wie das Kreuz der Ehrenlegion, das er ersehnte. Alle Welt richtete die Augen auf ihn, und wenn man die allgemeine Aufmerksamkeit erregt hat, kann man nicht wieder vergessen werden.


Aber da brach der Krieg aus, und das Regiment des Rittmeisters wurde als eines der ersten an die Grenze geschickt. Der Abschied war entsetzlich, er dauerte die ganze Nacht hindurch.

Der Säbel, die rote Hose, das Käppi, der Dolman fielen vom Stuhl und lagen auf dem Boden; Kleider und Röcke, Seidenstrümpfe trieben sich zwischen den Uniformstücken herum, trostlos auf dem Teppich, das ganze Zimmer war umgewühlt. Irma hing verzweifelt mit aufgelösten Haaren am Hals des Offiziers, umarmte ihn, ließ ihn los, stürzte auf die Erde, warf Stühle um, riß Fransen von einem Lehnstuhle ab, biß in der Verzweiflung in die Stuhlbeine, während der Kapitän, sehr bewegt aber keinen Trost findend, immerfort sagte:

– Irma, meine arme Irma, es muß nun mal sein.

Und hier und da wischte er mit der Fingerspitze eine Thräne ab, die im Augenwinkel erschien.

Als der Tag anbrach, trennten sie sich. Bis zum ersten Quartier folgte sie ihrem Geliebten im Wagen, und im Augenblick der Trennung küßte sie ihn beinah vor dem ganzen Regiment. Man fand das sogar sehr nett, sehr rührend, sehr würdig. Und die Kameraden drückten dem Rittmeister die Hand und sagten:

– Na alter Glückspinsel, die Kleine hat doch Herz gehabt.

Man sah darin wirklich eine patriotische That.


Das Regiment hatte im Feldzuge schwere Verluste. Der Rittmeister focht wie ein Held und erhielt endlich das Kreuz. Als dann der Krieg zu Ende war, kehrte er in seine Garnison Rouen zurück.

Sofort fragte er nach Irma. Aber niemand konnte ihm Auskunft geben.

Die einen meinten, sie habe sich mit dem preußischen Stabe eingelassen.

Die anderen, sie sei zu ihren Eltern gegangen, Bauern aus der Nähe von Yvetot.

Er schickte sogar seinen Burschen aufs Rathaus, um die Sterberegister durchzusehen. Der Name seiner Geliebten fand sich nicht darin.

Er war sehr traurig und zeigte das auch. Er schob sogar sein Unglück dem Feinde in die Schuhe behauptete, die, Preußen, die Rouen besetzt, seien an ihrem Verschwinden schuld. Und dann sagte er:

– Die sollen mirs aber im nächsten Krieg bezahlen.

Da eines Tages, als er zum Frühstück ins Kasino kam, erschien ein Dienstmann, ein alter Mann in Bluse mit einer Wachstuchmütze, und gab ihm einen Brief. Er öffnete und las:

Mein Liebling!

Ich liege im Hospital, bin krank, sehr krank. Willst Du mich besuchen? Das würde mich sehr glücklich machen.

Irma.

Der Rittmeister ward bleich und erklärte voll Mitleid:

– Gott verdamm mich! Das arme Mädel. Ich gehe gleich nach dem Frühstück hin.

Und die ganze Zeit über erzählte er am Offizierstisch, daß Irma im Hospital läge.

Aber zum Teufel nochmal, er wollte sie schon herausholen. Die verdammten Preußen waren daran wieder schuld. Sie war wahrscheinlich allein gewesen, hatte kein Geld gehabt, in tiefstem Elend, denn man hatte offenbar ihre Wohnung geplündert. – Diese Schweinehunde!

Alles hörte ihn bewegt an.

Kaum hatte er die Serviette in den Ring gesteckt, so stand er auf, nahm seinen Säbel vom Kleiderständer, blies die Brust auf, um die Taille eng zu machen, schloß die Schnalle, und ging dann beschleunigten Schrittes in das städtische Krankenhaus.

Aber der Eintritt in das Hospital, den er meinte, sofort bekommen zu können, ward ihm strengstens versagt, und er mußte zuerst zum Oberst gehen, ihm die Sache auseinandersetzen, um eine Empfehlung an den Chefarzt zu bekommen.

Der gab ihm endlich, nachdem er den schönen Rittmeister eine Weile im Vorzimmer hatte warten lassen, die Erlaubnis mit kühlem und nicht besonders zuvorkommendem Gruß.

Sobald er eingetreten war, fühlte er sich in diesem Asyl des Elends, des Leides und des Todes ungemütlich. Eine Wärterin führte ihn.

Er ging auf den Fußspitzen, um keinen Lärm zu machen, die langen Korridore hin, durch die ein fader Fäulnisgeruch und Duft von Krankheit und Arzneimitteln zog. Nur ab und zu unterbrachen leise Stimmen das große Schweigen des Hospitals.

Ab und zu sah der Rittmeister durch die offene Thür einen Saal mit einer großen Reihe von Betten, unter denen sich Körper abzeichneten. Die Reconvalescenten saßen auf Stühlen am Fußende ihrer Lager, alle mit dem gleichen Anzug aus grauer Leinwand bekleidet, eine weiße Mütze auf dem Kopf.

Seine Führerin hielt plötzlich vor einem mit Kranken vollbesetzten Saal. Über der Thür stand in großen Buchstaben: Syphilitische. Der Rittmeister zuckte zusammen. Er fühlte, daß er rot ward. Eine Wärterin bereitete ein Mittel auf einem kleinen hölzernen Tisch am Eingang.

– Ich werde Sie hinbringen! sagte sie. Es ist das Bett No. 29.

Und sie ging voraus. Dann zeigte sie auf ein Lager:

– Hier ist's.

Man sah nur einen Haufen Decken, sogar der Kopf war unter der Decke versteckt.

Überall tauchten Gesichter auf, bleiche, erstaunte Frauenaugen, die die Uniform anstarrten, junge Frauen, alte Frauen, aber alle häßlich in der allgemeinen Krankenuniform.

Der Rittmeister war verlegen, hielt den Säbel mit einer Hand und trug die Mütze in der anderen. Dann rief er:

– Irma!

Es bewegte sich im Bett, und das Gesicht seiner Geliebten erschien, aber so verändert, so müde, so mager, daß er es nicht erkannte.

Sie rang nach Atem und stammelte durch ihre Gemütsbewegung:

– Albert, Albert, Du bist's. Oh das ist gut ... das ist gut.

Und Thränen entströmten ihren Augen.

Die Wärterin brachte einen Stuhl:

– Bitte nehmen Sie Platz, mein Herr.

Er setzte sich und blickte in das bleiche elend dreinschauende Gesicht dieses Mädchens, das er so schön und frisch verlassen.

Er fragte:

– Was hat Dir gefehlt?

Weinend antwortete sie:

– Du hast's ja gelesen. Es steht über der Thür.

Und sie versteckte ihre Augen unter der Decke.

Er sagte verzweifelt und in Scham:

– Wie hast Du denn das bekommen, armes Ding.

Sie flüsterte:

– Von den Schmierfinken den Preußen. Sie haben mich vergewaltigt und angesteckt.

Er wußte nicht, was er sagen sollte. Er blickte sie an und drehte die Mütze in der Hand.

Die anderen Kranken starrten ihn an, und er meinte, ein Geruch von Fäulnis, von verdorbenem Fleisch, von Schande ströme ihm aus diesem Schlafsaal entgegen, voll von Mädchen, alle von der gräßlichen entsetzlichen Krankheit erfaßt.

Sie flüsterte:

– Ich glaube, mit mir geht's zu Ende. Der Arzt sagt, es ist sehr schlimm.

Als sie dann den Orden auf der Brust des Offiziers sah, rief sie:

– O Du hast was bekommen. Das freut mich aber, das freut mich. Ach, wenn ich Dich küssen könnte.

Ein Schauer der Angst und des Ekels überlief den Rittmeister beim Gedanken an diesen Kuß. Er wäre am liebsten fortgelaufen, um frische Luft zu schöpfen und dieses Weib nicht mehr zu sehen. Aber er blieb. Er wußte nicht, wie er fortgehen sollte, wie Lebewohl sagen. Und er stammelte nur:

– Hast Du Dich denn nicht gepflegt?

Es leuchtete in Irmas Augen:

– Nein, ich wollte mich rächen. Und wenn es mir das Leben gekostet hätte. Und ich habe sie auch alle vergiftet, alle, so viele ich nur gekonnt. Alle, die in Rouen gewesen sind. Ich habe nichts zu meiner Heilung gethan.

Er erklärte etwas verlegen, während verstohlene Heiterkeit in ihm aufstieg:

– Na, das hast Du ja gut gemacht.

Und sie sagte, lebhaft werdend, und ihre Wangen röteten sich:

– Ja, ja. Ich werde mehr als einen ins Grab gebracht haben. Ich sage Dir, ich habe mich gerächt!

Er antwortete bloß!

– Desto besser.

Dann erhob er sich:

– Ich muß fort. Ich muß um vier Uhr beim Obersten sein.

Sie war erschrocken:

– Du willst schon fort? Aber Du bist doch eben erst gekommen.

Doch er wollte fort um jeden Preis.

– Du siehst ja, ich bin sofort gekommen. Aber ich muß durchaus um vier beim Oberst sein.

Sie fragte:

– Ist's immer noch Oberst Prune?

– Ja immer noch. Er ist zwei Mal verwundet worden.

Sie fragte:

– Sind von Deinen Kameraden welche gefallen?

– Ja. Saint Timon, Savagnat, Poli, Sapreval, Robert, de Courson, Pasafil, Santal, Caravan, Poivrin sind tot. Sahel ist der Arm abgeschossen worden und Courvoisin das eine Bein zerschmettert, Daquet verlor das rechte Auge.

Sie hörte voll Interesse zu. Dann stammelte sie plötzlich:

– Küsse mich, ehe Du fortgehst. Frau Langlois ist nicht da.

Und trotz des Ekels, der ihm auf die Lippen stieg, drückte er seinen Mund auf die fahle Stirn, während sie die Arme um ihn schlang und verzweifelt das blaue Tuch seiner Uniform küßte.

Sie sagte immer wieder:

– Du kommst wieder, nicht wahr, Du kommst wieder? Versprich mir, daß Du wiederkommst!

– Ja, ich verspreche Dir's.

– Wann? Kannst Du Donnerstag?

– Ja, Donnnerstag.

– Donnerstag um zwei?

– Ja, Donnerstag um zwei.

– Versprichst Du mir's?

– Ich verspreche Dir's.

– Adieu mein Liebling!

– Adieu!

Und ganz verstört ging er davon. Die Blicke des ganzen Saales folgten ihm, und er hielt seine hohe Gestalt gebeugt, als wollte er sich klein machen. Als er dann auf der Straße stand, atmete er tief auf.


An dem Abend fragten ihn seine Kameraden: – Nun und Irma?

Er antwortete etwas verlegen:

– Sie hat eine Lungenentzündung gehabt. Es geht ihr sehr schlecht.

Aber ein kleiner Leutnant witterte etwas, zog Erkundigungen ein, und als am nächsten Tag der Rittmeister ins Kasino kam, empfing ihn höllisches Gelächter und allerlei Scherze. Das war endlich die Vergeltung.

Dazu erfuhr man, daß Irma es ganz tüchtig mit den Preußen gehalten hatte und zu Pferd mit einem Obersten von den blauen Husaren durchs Land gezogen war und noch mit vielen anderen, so daß man sie in Rouen nur noch die Preußendirne genannt hatte.

Acht Tage lang war der Rittmeister die Zielscheibe der Späße des Regiments. Durch die Post bekam er allerlei gute Ratschläge, Rezepte von Spezialisten, sogar Arzeneien, deren spezifische Heilindikation auf dem Paket stand.

Und der Oberst, der davon erfuhr, sagte in ernstem Ton:

– Der Rittmeister hatte da ja eine nette Bekanntschaft. Ich werde ihm meinen Glückwunsch aussprechen.

Nach etwa zwölf Tagen rief ihn ein Brief Irmas. Er zerriß ihn wütend und antwortete nicht.

Acht Tage darauf schrieb sie ihm abermals, es ginge ihr ganz schlecht, und sie möchte Abschied von ihm nehmen.

Er antwortete nicht.

Wiederum nach einigen Tagen bekam er den Besuch des Geistlichen des Hospitals.

Ein gewisse Irma Pavolin beschwöre ihn auf dem Totenbette, sie doch noch einmal zu besuchen.

Er wagte nicht, es dem Priester abzuschlagen. Aber voll böser Rachegedanken, voll verletzter Eitelkeit und gekränkten Stolzes trat er ein.

Er fand sie kaum verändert und meinte, sie mache sich über ihn lustig.

– Was willst Du denn von mir? fragte er.

– Ich wollte Dir Lebewohl sagen. Mit mir ist's aus.

Er glaubte ihr nicht:

– Hör mal, Du machst mich lächerlich vor dem ganzen Regiment. Das muß ein Ende nehmen.

Sie fragte:

– Was habe ich Dir gethan?

Er ärgerte sich, keine Antwort zu finden:

– Glaube nur nicht, daß ich hierher komme, um mich vor aller Welt zu blamieren.

Sie blickte ihn mit halb erschrockenen Augen, aus denen die Wut leuchtete, an und meinte:

– Was habe ich Dir gethan? Bin ich etwa nicht nett gegen Dich gewesen? Habe ich von Dir je etwas haben wollen? Wenn Du nicht gewesen wärst, wäre ich bei Templier-Papon geblieben und läge jetzt nicht hier. Nein, wenn jemand mir etwas vorwerfen darf, so bist Du's jedenfalls nicht.

Er sagte, und seine Stimme zitterte:

– Ich habe Dir keine Vorwürfe gemacht. Aber ich kann nicht weiter hierherkommen. Denn Deine Aufführung mit den Preußen ist ein allgemeiner Skandal gewesen.

Sie setzte sich heftig im Bett auf:

– Meine Aufführung mit den Preußen? Aber ich sage Dir, sie haben mich vergewaltigt und angesteckt. Und ich habe Dir doch gesagt, daß ich mich nicht heilen ließ, denn ich wollte sie alle vergiften. Wenn ich mich hätte kurieren lassen wollen, das wäre nicht weiter schwer gewesen. Aber ich wollte sie töten. Und ich habe sie getötet, Verstehst Du?

Er blieb stehen:

– Schmachvoll ist's auf jeden Fall.

Sie erstickte beinah und rief:

– Was ist schmachvoll? Daß ich in den Tod gehe, um sie zu vernichten? Nun so hast Du nicht geredet, als Du zu mir in die Rue Jeanne d'Arc kamst. Ah, schmachvoll ist es! Du mit Deiner Ehrenlegion hast nicht so viel geleistet. Ich habe sie eher verdient, wie Du. Verstehst Du, eher wie Du. Ich habe mehr Preußen totgemacht, als Du.

Er blieb wie angenagelt vor ihr stehen und zitterte vor Empörung:

– Willst Du ruhig sein, weißt Du. Willst Du ruhig sein. Denn solche Dinge – weißt Du, ich – erlaube nicht, daß man daran rührt.

Aber sie hörte nicht auf ihn:

– Ihr habt ihnen nicht allzuviel zu Leide gethan. Hätte das passieren können, wenn ihr sie gehindert hättet, bis Rouen zu marschieren? Ihr mußtet sie aufhalten, verstehst Du? Und ich habe ihnen mehr Böses zugefügt, als Du. Ich, jawohl, mehr Böses. Denn ich muß sterben, während Du renommierst ... Du ... und auf den Strich läufst, um Weiber zu fangen.

In jedem Bett hatte sich ein Kopf erhoben, und alle Augen starrten den Mann in Uniform an, der da stammelte:

– Schweig! Hörst Du, schweig!

Aber sie schwieg nicht. Sie rief:

– Oh, Du bist mir ein netter Fatzke! Ich kenne Dich, ich kenne Dich, mein Junge! Ich sage Dir, ich habe ihnen mehr Böses gethan, als Du. Ich habe mehr tot gemacht, als Dein ganzes Regiment zusammen. Mach, daß Du fortkommst. Du ... trauriger Kerl.

Und er ging wirklich. Er floh mit langen Schritten zwischen den beiden Bettreihen hin, in denen die Kranken lagen. Und er hörte immer noch die pfeifende, röchelnde Stimme Irmas, die ihn verfolgte:

– Mehr als Du. Jawohl, ich habe mehr getötet als Du ...

Vier Stufen auf einmal nahm er die Treppe hinab, lief nach Haus und schloß sich ein.

Am anderen Tag bekam er die Nachricht von ihrem Tode.

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