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Schnaps-Anton

Guy de Maupassant: Schnaps-Anton - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleSchnaps-Anton
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume17
year1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid8d1b70bd
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Freund Patience

– Weißt Du, was aus Leremy geworden ist?

– Er steht als Rittmeister bei den sechsten Dragonern.

– Und Pinson?

– Unterpräfekt.

– Und Racollet?

– Tot.

Wir suchten nach anderen Namen, die uns an die jungen Gesichter erinnerten mit dem Käppi auf dem Kopf und den goldenen Tressen am Kragen. Nach einiger Zeit hatten wir ein paar der Kameraden wiedergefunden: bärtig, kahlköpfig, verheiratet, mehrfach Väter. Das erweckte in uns unangenehme Gedanken über die Kürze des Lebens, über die Vergänglichkeit und den Wechsel des Daseins.

Mein Freund fragte:

– Und Patience, der dicke Patience?

Ich lachte laut auf, ja ich brüllte fast:

– Oh der! Na, hör' mal zu. Ich hatte vor vier oder fünf Jahren eine Inspektionsreise zu machen nach Limoges und wartete gerade die Essensstunde ab vor dem großen Café auf dem Theaterplatz. Ich langweilte mich schauderhaft. Die Geschäftsleute kamen und gingen zu zweit, zu dritt, zu viert, tranken Absinth oder Vermouth, sprachen laut von ihren Geschäften, von denen anderer, lachten oder ließen die Stimmen sinken, um sich irgend etwas Wichtiges oder Geheimnisvolles mitzuteilen.

Ich fragte mich: was soll ich nach Tisch thun? Und ich dachte an den langen Abend, der mir in der kleinen Provinzstadt bevorstand, an den langen traurigen Gang durch unbekannte Straßen, an die niederdrückende Gemütsstimmung, die sich des einsamen Reisenden bemächtigt beim Anblick dieser Leute, die da vorübergehen und einem alle fremd sind, alle. Fremd in jeder Kleinigkeit: durch den provinzialen Schnitt ihres Rockes, des Hutes, der Hose, durch alle ihre Gewohnheiten, durch lokale Ausdrücke. Eine entsetzliche Traurigkeit, die ebenso die Häuser ausströmen, die Läden, die Wagen mit den eigentümlichen Formen, irgend welcher gewöhnliche Lärm, den man nicht gewöhnt ist, – eine quälende Traurigkeit, die einen dazu bringt, daß man allmählich schneller geht, als ob man in gefährlicher Gegend sich verirrt hätte, die einem die Sehnsucht aufzwingt nach dem Hotel, nach dem gräßlichen Hotel, dessen Zimmer tausend verdächtige Gerüche bewahrt, in dessen Bett sich zu legen man zögert, in dessen Waschgeschirr noch, im Staub am Boden der Waschschale, irgend ein Haar klebt.

An all das dachte ich, während ich die Gaslaternen anzünden sah. Und wie das Dunkel hereinsank, wurde mein Einsamkeitsgefühl immer stärker. Was sollte ich nach Tisch thun? Ich war allein, ganz allein. Entsetzlich traurig.

Da setzte sich ein dicker Kerl an den Nebentisch, und bestellte mit lauter Stimme:

– Kellner, meinen Bittern!

Das »mein« klang aus dem Satz heraus wie ein Kanonenschuß. Und sofort merkte ich, daß alles ihm gehörte, ihm, in seiner ganzen Existenz, und um Gotteswillen keinem anderen. Er hatte seinen Charakter, Donnerwetter nochmal! Seinen Appetit, seine Hose, sein ... ich weiß nicht was. Alles war aber ganz sein. Ich weiß nicht, was alles.

Dann blickte er sich um mit zufriedener Miene. Man brachte ihm seinen Bitteren, und er rief:

– Meine Zeitung!

Ich fragte mich: Nun bin ich doch neugierig, was seine Zeitung ist?

Aus dem Namen würde ich sicher seine Meinung, seine Theorieen, seine Grundsätze, seine thörichten. Ideen herauslesen.

Der Kellner brachte den ›Temps‹. Ich war erstaunt, warum gerade den Temps, dieses ernste, traurige, gewichtige, belehrende Blatt. Ich dachte:

– Also er ist doch ein vernünftiger Mann mit ernsten Grundsätzen, regelmäßigen Gewohnheiten, – kurz, ein guter Bürger.

Er setzte sich eine goldene Brille auf, lehnte sich zurück und, ehe er zu lesen begann, warf er wieder einen Blick in die Runde. Er sah mich und begann mich sofort auf etwas peinlich scharfe Art zu fixieren. Ich wollte ihn schon fragen, ob er etwas wünsche, als er mir von seinem Platz aus zurief:

– Gottverdammmich! Du bist doch Bertrand Lardois!

Ich antwortete:

– Gewiß, Sie täuschen sich nicht.

Da stand er plötzlich auf, kam zu mir herüber, streckte mir die Hände entgegen:

– Na, Alter, wie geht's Dir denn?

Ich war etwas verlegen, denn ich kannte ihn wirklich nicht. Und ich stammelte:

– Ach ganz gut ... und ... und Sie ....

Er begann zu lachen:

– Ich glaube gar, Du erkennst mich nicht!

– Nein, nicht ganz. Mir ist so ... aber ....

Er klopfte mich auf die Schulter:

– Nun mach doch keine Geschichten. Ich bin Patience, Robert Patience, Dein alter Kamerad.

Jetzt erkannte ich ihn. Jawohl Robert Patience, mit dem ich auf der Schulbank gesessen. Ich drückte ihm die Hand, die er mir entgegenstreckte.

– Na, wie geht Dir's denn?

– Mir? Wundervoll.

Er lächelte triumphierend und fragte:

– Was machst Du denn hier?

Ich sagte ihm, ich sei auf einer Dienstreise.

Er sagte und deutete auf mein Ordensband im Knopfloch:

– Oh, Dir scheint's ja gut gegangen zu sein.

Ich antwortete:

– Nicht übel. Und Dir?

– Oh, mir ausgezeichnet!

– Was machst Du denn?

– Ich bin Kaufmann.

– Hast Du Geld verdient.

– Oh viel. Ich bin sehr reich. Aber hole mich doch morgen zum Frühstück ab. Morgen früh. Ich wohne Krähhahnstraße No. 17. Du mußt mal meine Einrichtung sehen.

Er schien einen Augenblick zu zögern. Dann fuhr er fort:

– Bist Du immer noch der alte gute Kerl wie früher?

– Na, ich hoffe!

– Du bist doch nicht verheiratet?

– Nein.

– Desto besser. Und Du verstehst doch noch einen Spaß?

Mir schien er unsäglich gemein, aber ich antwortete trotzdem:

– Gewiß!

– Und nette Mädel?

– Na, das natürlich!

Er begann zufrieden zu lachen:

– Desto besser! Desto besser! Weißt Du noch den Ulk, den wir in Bordeaux losließen, wie wir bei Roupie das Weiberfest hatten? Da haben wir doch was angestellt!

Allerdings erinnerte ich mich an dies Weiberfest. Die Erinnerung daran stimmte mich heiter, alles mögliche andere fiel mir noch ein, und ich sagte:

– Weißt Du noch, wie wir unsern Studienaufseher in den Keller eingesperrt hatten?

Er lachte, schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte:

– Ja, ja, ja! Und die Schnauze, die Professor Marin – weißt Du noch, der Geographie gab, – die der machte, als wir einen Schwärmer losließen, gerade als er über die Thätigkeit der Vulkane sprach?

Aber plötzlich fragte ich ihn:

– Bist Du denn verheiratet?

Er rief:

– Seit zehn Jahren schon, mein Alter! Und habe vier Kinder. Großartige Würmer! Aber wirst sie morgen sehen und ihre Mutter auch.

Wir sprachen sehr laut. Nachbarn drehten sich herum und sahen uns erstaunt an. Plötzlich blickte mein Freund auf die Uhr, einen Taschenchronometer, dick wie ein Kürbis, und rief:

– Donnerwetter, das ist dumm! Ich muß fort. Abends kann ich nich.

Er stand auf, nahm meine beiden Hände, schüttelte sie, als wollte er mir die Arme ausreißen und sagte:

– Also morgen mittag, wenn Dir's paßt!

– Morgen mittag!

 

Den Morgen über hatte ich beim Generalzahlmeister zu thun. Er wollte mich zum Frühstück dabehalten, aber ich sagte ihm, daß ich mich schon mit einem Freund verabredet hätte.

Da er sowieso ausgehen wollte, begleitete er mich.

Ich fragte ihn: – Wissen Sie, wo die Krähhahnstraße liegt?

Er antwortete: – Gewiß. Fünf Minuten von hier. Ich will Sie hinführen, ich habe nichts vor. – Und wir gingen.

Bald kam ich zur bezeichneten Straße. Sie war breit, ganz hübsch, gerade an der Grenze zwischen Stadt und freiem Feld. Ich sah nach den Hausnummern und entdeckte die siebzehn. Es war ein großes Gebäude mit einem Garten dahinter. Die nach italienischer Art bemalte Fa[c,]ade erschien mir ziemlich geschmacklos. Göttinnen waren da gepinselt mit großen Urnen und andere wieder, deren geheime Schönheiten durch eine Wolke verdeckt wurden. Zwei steinerne Amoretten hielten die Nummer.

Ich sagte zum Generalzahlmeister:

– Hierher wollte ich.

Und ich gab ihm die Hand zum Abschied. Er machte eine seltsame, kurze Bewegung, sagte aber nichts und drückte mir die Hand, die ich ihm bot.

Ich klingelte. Ein Mädchen erschien. Ich fragte:

– Herr Patience zu Haus?

Sie antwortete:

– Jawohl. Wollen Sie ihn selbst sprechen?

– Gewiß.

Der Vorsaal war gleichfalls von irgend einem Maler aus dem Städtchen beschmiert. Paul und Virginie umarmten sich unter, von rosa Licht bestrahlten, Palmen, eine geschmacklose, orientalische Laterne hing an der Decke, mehrere der Thüren waren grell bemalt.

Aber was mir vor allem auffiel, war der Geruch. Ein parfümierter Geruch, daß einem übel werden konnte, ein Gemisch von Puder und schimmligem Keller. Und unerklärlicher Dunst, eine schwere Luft, lähmend wie im Dampfbad. Ich folgte dem Mädchen eine Marmortreppe hinauf, die mit einem orientalischen Teppich belegt war, und man führte mich in einen großen Salon.

Ich blieb allein und blickte mich um.

Der Raum war reich möbliert, aber mit der Aufdringlichkeit eines ekelhaften Protzen. Stiche aus dem vorigen Jahrhundert – übrigens ganz schöne – stellten Frauen dar, mit hoher gepuderter Frisur. Sie waren halb nackt und wurden durch Herren in interessanten Stellungen überrascht. Auf einem anderen Bild lag eine Dame in einem Riesenbett, einen Hund darauf, ganz in den Kissen vergraben. Eine Dritte wehrte sich halb gegen ihren Liebhaber, dessen Hand sich unter die Röcke verirrt. Auf einer Zeichnung sah man vier Füße, deren dazugehörige Körper man hinter einem Vorhang erraten konnte. Der große Raum war von schwellenden Diwans umgeben und ganz durchtränkt von jenem faden, entnervenden Geruch, der mir schon aufgefallen war. Alles, die Wände, die Stoffe, der übermäßige Luxus hatte etwas Verdächtiges.

Ich trat ans Fenster, um in den Garten zu sehen, dessen Bäume ich bemerkt. Er war sehr groß, schattig, prachtvoll. Ein breiter Weg lief um einen Rasenplatz, auf dem ein Springbrunnen plätscherte. Dann führte der Weg weiter unter die Bäume, und ein Stück entfernt trat er wieder aus dem Schatten heraus. Plötzlich sah ich ganz in der Ferne zwischen ein paar hohen Büschen drei Frauen. Sie gingen langsam, Arm in Arm, trugen lange weiße Morgenröcke mit Spitzen besät. Zwei waren blond, eine dunkel. Nun verschwanden sie wieder unter den Bäumen. Mich packte diese kurze reizende Erscheinung, die eine ganze Welt von Poesie in mir aufthat. Sie hatten sich kaum gezeigt in dem halben Licht, das gerade hell genug war für diesen stimmungsvollen Blätterrahmen, diesen köstlichen, stillen Park. Mir war es, als hätte ich mit einem Blick die schönen Damen des vergangenen Jahrhunderts gesehen, die sich zwischen grünen Laubwänden ergingen. Diese schönen Damen, deren galante Bilder an den Wänden an ihre leichten Liebesabenteuer erinnerten. Und ich dachte an die glückliche Zeit, wo man geistreich und zärtlich unter Rosen tändelte, die Zeit der lockeren Sitten, der schnell gefälligen Lippen.

Da klang eine gewaltige Stimme, und ich fuhr zusammen. Patience war eingetreten. Strahlend, lächelnd streckte er mir die Hand entgegen.

Er blickte mir, indem er ein Auge leicht schloß, ins Gesicht, mit einer Miene, wie man jemandem eine Liebesgeschichte anvertraut, machte eine großartige umfassende Bewegung, eine wahre Napoleonsbewegung, deutete auf seinen großen Salon, seinen Park und die drei Frauen, die im Hintergrunde wieder erschienen, und dann sagte er triumphierend, in einem Ton, aus dem der Stolz klang:

– Und mit nichts habe ich angefangen ... mit meiner Frau und meiner Schwägerin.

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