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Schnaps-Anton

Guy de Maupassant: Schnaps-Anton - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleSchnaps-Anton
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume17
year1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid8d1b70bd
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Schnaps-Anton

I

Auf zehn Meilen in der Runde kannte man ihn, den alten Toni, den dicken Toni, den feinen Toni, Anton Mâcheblé, genannt Brûlot, den Gastwirt von Tournevent.

Er hatte den kleinen Ort berühmt gemacht, der in einer Bodensenkung des Thales lag, das sich zum Meer herabzog, ein armseliges Dorf, nur aus zehn normannischen Häusern bestehend, von Gräben und Bäumen umhegt.

Die Häuser lagen da, mitten in Gras und Ginster, an einem Thalknick, der dem Ort den Namen Tournevent eingetragen hatte. Es war, als hätten sie in dem Loch Schutz gesucht, wie Vögel, die sich an Sturmtagen in Ackerfurchen verstecken, Schutz gesucht gegen den gewaltigen Orkan, der vom Meer herabbläst, gegen den salzigen, schweren Wind, der frißt und brennt wie Feuer, austrocknet und alles vernichtet, wie der Frost im Winter.

Aber das ganze kleine Nest schien dem Toni Mâcheblé, genannt Brûlot, allein zu gehören. Man nannte ihn auch einfach Toni, oder der feine Toni, wegen einer Redewendung, die er unausgesetzt im Munde führte:

– So was wie meinen Feinen giebts in ganz Frankreich nicht wieder.

Sein ,Feiner' war nämlich sein Cognac.

Seit zwanzig Jahren tränkte er das Land mit seinem Feinen und seinem Brûlot: denn jedesmal, wenn man ihn fragte: - Na geht's gut, Vater Toni?

Antwortete er:

– Unbedingt ein Brûlot, Schwiegersohn, putzt den Rachen und macht den Kopp rein. Was Besseres giebts nicht für den elenden Leichnam.

Er hatte sich angewöhnt, jeden Menschen »Schwiegersohn« zu nennen, obgleich er niemals eine verheiratete Tochter gehabt oder eine, die er hätte verheiraten können.

Oh, man kannte ihn wohl, den Toni Brûlot, den Dickwanst, in der ganzen Gegend, sogar in der ganzen Provinz. Sein kleines Haus schien wirklich zu eng und zu niedrig, um ihn zu beherbergen. Wenn man ihn in der Thür stehen sah, wo er den ganzen Tag stand, fragte man sich, wie er es fertig brächte, wieder herein zu kommen. Jedesmal ging er hinein, wenn ein Gast kam. Denn der feine Toni ward immer, wenn jemand bei ihm etwas genoß, mit eingeladen.

Das Schild seines Hauses lautete: ›Rendezvous der Freunde‹, und Toni war mit aller Welt befreundet. Aus Fecamp und Montivilliers kamen die Leute, ihn zu sehen und über ihn zu lachen, denn der dicke Kerl hätte ein steinernes Grabmal zum Lachen gebracht. Er hatte eine Manier, die Leute aufzuziehen, ohne daß sie böse wurden, ein Auge zuzukneifen, um Sachen anzudeuten, die er gar nicht sagte, und sich bei seinen Heiterkeitsausbrüchen aufs Bein zu schlagen, daß einem das Lachen ankam, ob man nun wollte oder nicht. Und dann war es wirklich um Entree zu zahlen, den Kerl saufen zu sehen. Er soff, was man ihm vorsetzte und alles mit glückstrahlendem Blick, einem Blick, der sein doppeltes Wohlsein bezeugte, einmal etwas zu sich zu nehmen und dann den Verdienst zu haben von dem, was er selber trank.

Und dann mußte man nur einmal hören, wenn er sich mit seiner Frau zankte. Das war die reine Komödie. Seit dreißig Jahren waren sie verheiratet, und jeden Tag gab es Krakehl. Der Unterschied lag nur darin, daß Toni lachte, während seine Alte vor Ärger grün wurde. Sie war ein großes Bauernweib, das mit langen Stelzschritten ging; auf ihrem mageren platten Körper saß ein Kopf wie der einer Katze wenns donnert. Sie beschäftigte sich damit, in einem kleinen Hof, der hinter der Schenke lag, Hühner zu ziehen, und war berühmt für die Art und Weise, wie sie das Geflügel zu mästen verstand.

Wenn es bei gut situierten Leuten in Fécamp ein Diner gab, schien eines der Produkte der Zucht Mutter Tonis unentbehrlich.

Aber sie war von Geburt schlechter Laune und ihr ganzes Leben hindurch unzufrieden gewesen. Sie ärgerte sich über alle Welt, vor allen Dingen über ihren Mann. Sie war wütend über seine Fröhlichkeit, über seinen Ruf, seine Gesundheit und seine Dicke. Sie behandelte ihn wie einen Nichtsnutz, weil er Geld verdiente, ohne irgend etwas zu thun, weil er aß und trank wie ein Vielfraß, weil er fraß und soff für zehn. Und kein Tag ging vorüber, ohne daß sie empört gerufen hätte:

– So ein dickes Luder sollte lieber im Stall liegen bei den Schweinen! Es wird einem ja schlecht, so fett bist Du.

Sie brüllte ihm ins Gesicht:

– Paß mal auf, paß mal auf, Du platzt noch wie ein Sack Hafer.

Toni lachte dröhnend, schlug sich auf den Bauch und rief:

– Ho! Ho! Du altes Plättbrett. Sieh nur zu, daß Deine Hühner so fett werden wie ich. Sieh nur zu!

Er krempelte den Hemdärmel auf seinem Riesenarm auf und schrie:

– Das ist ein Trommelstock! Sieh mal her, was?

Und die Gäste schlugen mit der Faust auf den Tisch, wälzten sich vor Freude, trampelten auf den Boden und spuckten vor übergroßer Heiterkeit.

Die empörte Alte rief:

– Paß nur mal auf, paß nur mal auf, wenn Dir's passiert. Du platzt wie ein Sack!

Und wütend lief sie unter dem Gelächter der Trinker davon.

Allerdings war Toni seltsam anzusehen, so fett und dick und rot und kurzatmig war er geworden. Er war einer jener Kolosse, über die der Tod sich lustig zu machen scheint mit allerlei Hinterlist, Heiterkeit und Niedertracht, indem er seine langsam zerstörende Arbeit unendlich komisch gestaltet. Statt sich wie bei anderen durch Weißwerden, durch Magerkeit, durch Runzeln, durch wachsende Schwäche anzukündigen, sodaß man sagen kann: ›Herr Gott, hat der sich verändert!‹ war es, als ob es dem Tode im Gegenteil Spaß machte, den Kerl immer fetter werden zu lassen, zu einem komischen Monstrum, ihn rot und blau anzumalen und ihm den Anschein übermenschlicher Gesundheit zu verleihen. Alles das, womit er andere Wesen traurig entstellt, ward bei ihm lächerlich, unterhaltend und spaßhaft.

II

Da begab es sich, daß Toni einen Schlaganfall bekam. Man legte den Koloß in das kleine Hinterzimmer hinter der Schenke, damit er alles hören könnte, was man daneben sprach, und sich mit seinen Freunden unterhalten; denn sein Kopf war frei, nur sein Leib, sein Riesenleib war gelähmt, sodaß er ihn nicht bewegen und nicht aufrichten konnte. Zuerst hoffte man, daß die dicken Beine wieder Kraft bekommen würden, aber bald mußte man die Hoffnung schwinden lassen. Und der ›feine Toni‹ brachte Tag und Nacht im Bett zu, das nur einmal wöchentlich gemacht wurde mit Hilfe von vier Nachbarn, die während man den Strohsack umwendete, den Fettwanst in die Höhe hielten.

Und doch blieb er heiter. Eine etwas andere Fröhlichkeit, etwas weniger aufdringlich und ruhiger, in kindischer Furcht vor seiner Frau, die den ganzen Tag rief:

– Da liegt er nun, der dicke Nichtsnutz, der fette Lump, der alte Säufer! Das ist eine nette Schweinerei! Eine nette Schweinerei!

Er antwortete nicht mehr. Hinter dem Rücken der Alten blinzelte er bloß mit den Augen, drehte sich etwas herum auf seinem Lager, die einzige Bewegung, die er machen konnte. Das nannte er Nordrichtung und Südrichtung einnehmen.

Jetzt bestand seine größte Zerstreuung darin, die Unterhaltung in der Schenke mit anzuhören und von nebenan, wenn er Freundesstimmen erkannte, mitzureden. Dann rief er:

– Schwiegersohn, bist Du's Cölestin? Und Cölestin Maloiselle antwortete:

– Ja, ich bins, Vater Toni. Läufst Du denn wieder 'rum?

Der feine Toni antwortete:

– Trab loofen kann ich noch nich. Aber ich bin nich mager geworden, meine Trommel is noch da.

Bald ließ er die Intimsten in sein Zimmer kommen, und man leistete ihm Gesellschaft, obgleich er verzweifelt darüber war, daß man ohne ihn, trank. Dann sagte er:

– Weißt Du, Schwiegersohn, mir thut's nur leid, daß ich meinen Feinen nicht mehr saufen kann. Gottverdammich nochmal! Mit der Neige spüle ich mir den Rachen aus. Aber richtig saufen kann ich nicht mehr, und das thut mir weh.

Der Katerkopf der Mutter Toni erschien am Fenster. Sie rief:

– Ärgert ihn nur, ärgert ihn nur, den dicken Lump, den man hier durchfüttern muß, den man waschen muß wie ein Schwein.

Und sobald die Alte verschwunden war, flatterte ab und zu ein Hahn mit roten Federn aufs Fensterbrett, sah mit seinen runden, neugierigen Augen ins Zimmer und begann dann laut zu krähen. Dann wieder flogen einmal ein paar Hühner bis ans Fußende des Bettes und pickten Krumen vom Boden auf.

Die Freunde des feinen Toni setzten sich bald gar nicht mehr in die Wirtsstube, sondern kamen jeden Nachmittag ans Bett, um mit dem Dicken zu schwatzen. Obgleich er unbeweglich dalag, machte der alte Witzbold, der Toni, ihnen doch Spaß. Der Kerl hätte den Teufel selbst zum Lachen gebracht. Drei erschienen täglich: Cölestin Maloiselle, ein großer, hagerer Mann, sich etwas krumm haltend wie ein alter Äpfelbaumstamm, Prosper Horslaville, ein kleiner, vertrockneter Kerl mit Stumpfnase, boshaft, listig wie ein Fuchs, und Cäsar Paumelle, der niemals etwas sagte, aber trotzdem über alles lachte.

Ein Brett wurde aus dem Hof gebracht, am Bettrand befestigt und nun wurde Domino gespielt, ununterbrochen von zwei Uhr bis um sechs.

Aber Mutter Toni wurde bald unausstehlich. Sie konnte es nicht ertragen, daß ihr dicker Nichtsnutz von Mann sich immerfort gut unterhielt und im Bett Domino spielte. Sobald sie sah, daß eine Partie begann, stürzte sie sich wütend auf die Spieler, warf das Brett um, nahm das Spiel, trug es in die Wirtsstube und erklärte, diesen alten, schwatzenden, dicken Kerl zu unterhalten, genügte vollkommen; der Nichtsthuer brauche sich nicht noch zu zerstreuen, während die andere arme Menschheit den ganzen Tag über schuften müßte.

Cölestin Maloiselle und Cäsar Paumelle senkten den Kopf, aber Prosper Horslaville stachelte die Alte noch an: ihre Wut machte ihm Spaß.

Als er sie eines Tages noch mehr außer sich sah als gewöhnlich, sagte er:

– Na, Alte, wissen Sie, was ich machen würde, wenn ich Sie wäre?

Sie wartete seine Erklärung ab und blickte ihn mit Nachteulenaugen an.

Er meinte:

– Ihr Alter glüht wie 'n Backofen, und aus dem Bett kommt er nie 'raus. Da würde ich ihn doch Eier ausbrüten lassen.

Sie war baff. Sie dachte, er wollte sich über sie lustig machen und blickte in das schmale, schlaue Gesicht des Bauern, der fortfuhr zu sprechen:

– Ich würde ihm fünf unter einen Arm und fünf unter den anderen legen am selben Tag, wo Sie der Henne welche unterlegen. Die kommen dann zur selben Zeit. Und wenn sie ausgekrochen sind, würde ich der Henne dem Alten seine Küken bringen, daß sie sie groß ziehen soll. Da könnten Sie aber was an Hühnerzucht erleben.

Die Alte fragte ganz erschrocken:

– Geht denn das?

Der Mann sagte:

– Gewiß geht's. Warum soll's denn nicht gehen? Ebensogut wie man die Eier in heißem Kästen auskriechen läßt, kann man sie doch auch ins Bett stecken.

Der Gedanke leuchtete ihr ein, und nachdenklich, und beunruhigt ging sie davon.

Acht Tage darauf trat sie in Tonis Zimmer, die ganze Schürze voll Eier, und sagte:

– Ich habe das gelbe Huhn ins Nest gesetzt auf zehn Eier. Da hast Du auch zehne. Aber daß Du keins kaput schlägst.

Toni war ganz erschrocken und fragte:

– Was soll ich denn damit?

– Du sollst sie ausbrüten, Du alter Nichtsnutz!

Zuerst lachte er. Da sie aber darauf bestand, ward er wütend, wehrte sich und weigerte sich unter allen Umständen, unter seine dicken Arme die zukünftigen Hühnerchen legen zu lassen, daß seine Körperwärme sie ausbrüten sollte.

Aber die Alte wurde wütend und rief:

– Wenn Du sie nicht nimmst, kriegst Du nichts zu fressen! Du sollst mal sehen was passiert.

Toni ward unruhig und antwortete nichts.

Als es Mittag schlug, rief er:

– He, is die Suppe fertig?

Die Alte schrie aus der Küche:

– Für Dich is keene da, du dicker Nichtsnutz! Er meinte, sie scherze nur und wartete. Dann bat er, flehte, fluchte, absolvierte ein paar Nord- und Südlagen, donnerte in aller Verzweiflung mit der Faust gegen die Wand. Aber er mußte es sich gefallen lassen, daß fünf Eier an seine linke Seite gelegt wurden, dann erst bekam er seine Suppe.

Als seine Freunde kamen, meinten sie, es ginge ihm ganz schlecht, so komisch war er anzusehen und so benahm er sich.

Dann wurde die Partie Domino gespielt wie täglich. Aber sie schien Toni gar keinen Spaß zu machen, und er streckte nur ganz langsam mit äußerster Vorsicht die Hände aus.

– Dein Arm is wohl angebunden? fragte Horslaville.

Toni antwortete:

– Mir is so ein schweres Gefühl in der Schulter.

Plötzlich trat jemand in die Wirtsstube, und die Spieler schwiegen.

Es war der Ortsvorsteher mit seinem Schreiber. Sie ließen sich zwei Glaser von dem Feinen geben und begannen von ihren Angelegenheiten zu reden. Da sie leise sprachen, wollte Toni Brûlot das Ohr gegen die Wand legen. Er vergaß die Eier, nahm mit einem Ruck die Nordlage ein und lag im selben Moment auf einem Omelette.

Bei seinem Fluchen stürzte Mutter Toni herbei, erriet das Unglück, und zog die Bettdecke mit einem Ruck herunter. Zuerst stand sie unbeweglich, da, empört, es schnitt ihr den Atem ab; angesichts des gelben Pflasters auf dem Leib ihres Mannes konnte sie nicht sprechen.

Dann stürzte sie sich wutzitternd auf den Gelähmten und begann ihn zu bearbeiten, als wenn sie Wäsche wüsche. Mit dumpfem Lärm fielen ihre Fäuste nieder, eine nach der anderen in kurzen Absätzen, wie die Sprünge eines Kaninchens, das mit den Läufen aufschlägt.

Die drei Freunde Tonis lachten, daß sie beinah erstickten, husteten, niesten, stießen Schreie aus. Und der dicke erschrockene Mann suchte die Angriffe seiner Frau vorsichtig abzuwehren, um nicht noch die anderen fünf Eier auf der anderen Seite zu zerbrechen.

III

Tom war besiegt: er mußte brüten, mußte seine Dominopartie aufgeben, durfte keine Bewegung, mehr machen, denn die Alte entzog ihm jedesmal, strengstens jede Nahrung, sobald er ein Ei zerbrochen hatte.

Er blieb auf dem Rücken liegen, starrte unbeweglich zur Decke, die Arme leicht gehoben wie ein paar Flügel, indem er die Hühnerkeime in den weißen Schalen an sich wärmte.

Er sprach nur noch leise, als wäre Geräusch ebenso gefährlich wie jede Bewegung und ward ganz erregt über das gelbe Huhn, das im Hühnerstall die gleiche Arbeit that, wie er.

Er fragte seine Frau:

– Hat die Gelbe schon zu essen bekommen?

Und die Alte lief von den Hühnern zu ihrem Mann und von ihrem Mann zu den Hühnern, immer nur im Gedanken mit den kleinen Küken beschäftigt, die im Bett und im Nest heranreiften.

Die Leute aus der Nachbarschaft, die von der Geschichte gehört hatten, kamen neugierig, die Gesichter in ernste Falten, um sich nach Toni zu erkundigen. Auf den Fußspitzen schlichen sie sich heran, wie zu einem Kranken, und fragten mit Interesse:

– Na, wird's denn?

Toni antwortete:

– Gehen thut's schon. Aber eine Hitze ist da drin, furchtbar. Mir läuft's nur so über die Haut.

Da trat eines Morgens seine Frau ganz aufgeregt ein und sagte:

– Die Gelbe hat sieben Küken, drei Eier sind faul.

Toni fühlte sein Herz klopfen. Wieviel würde er ausbrüten?

Er fragte:

– Wird's denn gehen? – wie eine Frau, die im Begriffe steht, Mutter zu werden.

Die Alte antwortete wütend, denn die Möglichkeit, daß es nicht glücken könnte, quälte sie:

– Das globe ich!

Sie warteten. Die Freunde wurden benachrichtigt, daß der Augenblick gekommen sei, und alle kamen an, auch ganz aufgeregt.

In allen Häusern wurde davon gesprochen, und an den Nachbarthüren erkundigte man sich, wie weit es wäre.

Gegen drei Uhr schlief Toni ein. Er schlief jetzt die Hälfte des Tages. Plötzlich wurde er wach durch ein ungewohntes Krabbeln unter dem rechten Arm. Er faßte mit der linken Hand dorthin und fühlte ein kleines Tier mit gelbem Flaum bedeckt, das in seinen Fingern zappelte.

Er war so bewegt, daß er laut anfing zu brüllen, und das kleine Hühnchen los ließ, das auf seiner Brust umherlief. Die Wirtsstube war voll Menschen. Die Trinker stürzten herbei, erfüllten das ganze Zimmer, standen um ihn herum, wie um einen Seiltänzer. Und nachdem die Alte auch dazu gekommen war, nahm sie vorsichtig das Tierchen fort, das sich unter den Bart ihres Mannes verkrochen hatte.

Kein Mensch sprach mehr ein Wort. Es war an einem warmen Apriltag. Durch das Fenster hörte man draußen die gelbe Henne glucksen, um ihre Neugeborenen zusammenzurufen.

Toni, der vor innerer Bewegung, Unruhe und Beklemmung schwitzte, flüsterte:

– Mir krabbelt noch eins unterm linken Arm.

Seine Frau streckte die große magere Hand unter die Decke und zog ein zweites Küken hervor, behutsam wie eine Hebamme.

Die Nachbarn wollten es sehen. Es wurde von Hand zu Hand gegeben und aufmerksam betrachtet wie ein Phänomen.

Zwanzig Minuten lang kam keins mehr. Dann verließen vier zu gleicher Zeit ihre Schalen.

Es gab eine große Bewegung unter den Zuschauern. Toni lächelte, glücklich über seinen Erfolg, und begann stolz zu werden auf diese seltsame Vaterschaft. Sowas war doch noch nicht dagewesen! Teufel nochmal! er war doch ein verfluchter Kerl.

Er sagte:

– Jetzt sind's sechs. Gottverdammmich das wird eine Generaltaufe!

Und das Publikum begann laut zu lachen. Andere Leute traten in die Wirtsstube, man hörte noch welche vor der Thür, und man fragte sich:

– Wieviel sind's denn?

– Jetzt sind's sechs!

Mutter Toni brachte die neue Familie der Henne. Und das Huhn gluckste ganz verzweifelt, sträubte die Federn, öffnete weit die Flügel um die immer wachsende Schaar der Kleinen zu begrüßen.

– Ich habe noch eins gekriegt! rief Toni.

Er hatte sich getäuscht, es waren drei. Nun war aber der Triumph groß. Das letzte durchpickte seine Schale um sieben Uhr abends. Alle Eier waren gut. Und Toni war glückselig, stolz entbunden, küßte das zarte Tierchen auf den Rücken und hätte es beinah mit den Lippen erstickt. Das letzte wollte er im Bett behalten bis zum anderen Tag, indem ihn plötzlich mütterliche Zärtlichkeit überkam für dieses winzige kleine Tierchen, dem er das Leben gegeben. Aber die Alte nahm es ihm fort wie die anderen, ohne auf seine Bitten zu achten.

Die Zuschauer gingen befriedigt davon, sprachen über das Ereignis, und Horslaville, der als letzter geblieben, fragte:

– Toni, aber du ladest mich ein, wenn das erste gefressen wird. Nichtwahr?

Bei dem Gedanken an das Essen ging ein Leuchten über Tonis Gesicht, und der dicke Kerl sagte:

– Nu, das versteht sich, Schwiegersohn!

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