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Schnaps-Anton

Guy de Maupassant: Schnaps-Anton - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleSchnaps-Anton
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume17
year1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid8d1b70bd
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Rogers Mittel

Ich ging mit Roger auf dem Boulevard spazieren. Da schrie uns ein Straßenverkäufer an:

– Totsicheres Mittel, sich seiner Schwiegermutter zu entledigen. Totsicher!

Ich blieb kurz stehen und sagte zu meinem Freund:

– Hör mal, das erinnert mich an etwas, was ich Dich längst schon fragen wollte. Was bedeutet denn eigentlich »Rogers Mittel«, von dem Deine Frau immer spricht? Sie macht darüber so komische Scherze und ist so sicher, daß ich beinah glaube, es handelt sich um eine Kantharidenessenz, deren Geheimnis nur Dir bekannt ist. Jedesmal, wenn man in ihrer Gegenwart von einem müden, jungen Mann redet, sagt sie, indem sie lächelnd sich zu Dir wendet:

– Dem müßte mal Rogers Mittel beigebracht werden.

Und am allerkomischsten ist mir, daß Du dann jedesmal rot wirst.

Roger antwortete:

– Thu ich auch! Und wenn meine Frau verstünde, was sie spricht, würde sie schön den Mund halten, das kann ich Dir nur sagen. Ich werde Dir mal die Sache anvertrauen. Du weißt, ich habe eine Witwe geheiratet, in die ich riesig verliebt war. Meine Frau war mit dem Munde immer ziemlich frei, und ehe ich sie zu meinem ehelichen Gemahl erkor, hatten wir manchmal rechte stark gepfefferte Gespräche miteinander, was ja bei Witwen erlaubt ist, die noch den Geschmack des Pfeffers im Mund haben. So kleine Geschichtchen, kleine Zötchen mochte sie recht gern. Natürlich in allen Ehren. Maulwerksünden pflegen nicht ernst zu sein. Sie ist ein bißchen keck, ich etwas schüchterner Natur. Und ehe wir heirateten, machte es ihr manchmal Spaß, mich durch allerlei Fragen oder Scherze, auf die ich nicht gut antworten konnte, in Verlegenheit zu bringen. Übrigens hat mich wahrscheinlich das gerade an ihr gereizt. Verliebt war ich allerdings von oben bis unten, Leib und Seele. Und das Luderchen wußte es.

Wir waren übereingekommen, weiter keine große Hochzeit zu machen, auch keine Reise. Nach der kirchlichen Trauung wollten wir den Zeugen ein kleines Frühstück geben und dann beide allein etwas spazieren fahren und endlich in meiner Wohnung. Rue du Helder zu Mittag essen.

Als unsere Trauzeugen gegangen waren, setzten wir uns also in einen Wagen, und ich sagte dem Kutscher, er möchte uns ins Bois de Boulogne fahren. Es war gegen Ende Juni und ganz wunderbares Wetter.

Sobald wir nun allein waren, begann sie zu lachen.

– Mein lieber Roger, sagte sie, nun mußt Du nur die Cour machen. Wir wollen doch mal sehen, wie Du das anfängst.

Als sie mich so anredete, fuhr es mir in die Glieder. Ich küßte ihr die Hand und sagte: Ich liebe Dich! Ich war sogar so keck, sie zwei Mal auf den Hals zu küssen. Aber die Spaziergänger störten mich doch etwas. Sie aber sagte fortwährend in leicht herausforderndem, komischen Ton: Nun und weiter ... und weiter ....

Dieses »und weiter« machte mich nervös und brachte mich zur Verzweiflung. Ich konnte doch, nicht in einem Wagen im Bois de Boulogne, bei hellem lichten Tage .... Na, Du verstehst schon.

Sie bemerkte meine Verlegenheit, und es machte ihr Spaß. Ab und zu sagte sie wiederum:

– Wenn ich nur nicht hereingefallen bin. Die Sache mit Dir kommt mir doch etwas ängstlich vor.

Und wahrhaftig, ich wurde auch etwas ängstlich, was mich betraf. Wenn man mich verlegen macht, bin ich keinen Dreier wert.

Bei Tisch war sie reizend. Und um Mut zu gewinnen, schickte ich den Diener fort, der mich störte. O wir blieben ganz anständig. Aber weißt du, wie Verliebte nun mal komisch sind: wir tranken aus demselben Glas, aßen vom gleichen Teller, mit derselben Gabel, bissen zu gleicher Zeit eine Waffel an, daß unsere Lippen sich in der Mitte begegnen sollten.

Sie sagte zu mir:

– Ich möchte ein bißchen Champagner trinken.

Ich hatte die Flasche auf dem Büffet stehen lassen, nahm sie riß den Bindfaden ab und drückte am Pfropfen, um ihn springen zu lassen. Er sprang nicht. Gabriele begann zu lachen und sagte:

– Böse Vorbedeutung.

Ich drückte mit dem Daumen am geblähten Kopf des Korken, schob ihn nach rechts, nach links. Vergebens. Und plötzlich brach er am Rand der Flasche ab.

Gabriele seufzte:

– Mein armer Roger!

Ich nahm einen Korkzieher, bohrte ihn in das Stück Pfropfen, das noch im Flaschenhals saß. Aber ich kriegte es nicht fertig, ihn herauszuziehen. Ich mußte den Diener rufen. Nun lachte meine Frau aus vollem Halse:

– Na, na! Ich sehe schon, was ich von Dir zu erwarten habe.

Sie hatte einen kleinen Schwips, und nach dem Kaffee einen großen.

Da das Zubettbringen einer Witwe nicht all die mütterliche Vorsorge verlangt, wie bei einem jungen Mädchen, ging Gabriele ruhig in ihr Schlafzimmer und sagte zu mir:

– Du kannst noch eine Viertelstunde rauchen.

Als ich ihr folgte, fehlte mir, das muß ich mir zugestehen, jedes Selbstvertrauen. Ich fühlte mich nervös, verwirrt, schlecht aufgelegt.

Ich nahm meinen ehelichen Platz ein. Sie sagte nichts, blickte mich lächelnd an. Ich merkte, daß sie sich über mich lustig machen wollte. Diese Ironie in solchem Augenblick nahm mir völlig die Fassung und, ich muß zugestehen, machte mich ganz schlapp.

Als Gabriele meine peinliche Lage merkte, that sie nichts, um mir Mut zu machen. Im Gegenteil, sie fragte mich mit gleichgiltiger Miene:

– Hast Du immer so viel Feuer?

Ich konnte nicht anders und sagte:

– Hör mal, Du bist unerträglich.

Nun begann sie wieder zu lachen, aber unmäßig, unfein, daß es einen zur Verzweiflung bringen konnte.

Allerdings spielte ich ja eine traurige Rolle und mußte furchtbar dumm aussehen.

Ab und zu zwischen zwei furchtbaren Heiterkeitsausbrüchen sagte sie halb erstickt:

– Na, nur Mut, Mut! Etwas Energie, mein armer Freund.

Dann begann sie wieder so fürchterlich zu lachen, daß sie geradezu kreischte.

Endlich fühlte ich mich so entnervt, war so wütend auf mich und gegen sie, daß ich fühlte, wenn ich jetzt nicht fortging, würde ich sie einfach prügeln.

Ich sprang aus dem Bett, zog mich, wütend, rasend schnell an, ohne ein Wort zu sagen.

Sie war plötzlich beruhigt. Und da sie merkte, daß ich böse war, fragte sie:

– Was thust Du denn? Wo willst Du denn hin?

Ich antwortete nicht, sondern ging auf die Straße. Ich hatte Lust, irgend jemand totzuschlagen, mich zu rächen, irgend einen Wahnsinn zu begehen. Mit Riesenschritten lief ich die Straße hinunter. Plötzlich kam mir der Gedanke, ich wollte ein paar Frauenzimmer aufsuchen.

Wer weiß, das war vielleicht eine ganz gute Probe, ein Prüfstein, ein gutes Training. Unter allen Umständen aber eine Rache. Und wenn mir's je blühen sollte, von meiner Frau Hörner aufgesetzt zu kriegen, so hätte sie jedenfalls zuerst durch mich welche gehabt.

Ich zögerte nicht. Ich kannte ein Absteigequartier nicht weit von meiner Wohnung. Dort lief ich hin und stürzte mich hinein wie einer, der plötzlich ins Wasser springt, um zu versuchen, ob er noch schwimmen kann.

Ich schwamm und zwar sehr gut. Ich blieb lange dort und genoß diese heimliche raffinierte Rache. Dann stand ich in der frischen Morgenstunde, kurz ehe die Nacht endet, auf der Straße. Ich war jetzt ganz ruhig, meiner sicher, befriedigt und wie mir dünkte, noch zu jeder Schandthat bereit.

Ich ging also langsam nach Haus und öffnete vorsichtig die Thür.

Gabriele las, den Arm auf das Kopfkissen gestützt. Sie blickte auf und fragte ängstlich:

– Da bist Du wieder. Was war denn los?

Ich antwortete nicht, zog mich mit ruhiger Sicherheit aus und nahm als Sieger den Platz ein, den ich als Flüchtling verlassen.

Sie war baff und überzeugt, ich müsse irgend ein geheimes Mittel benutzt haben.

Und nun redet sie bei allen möglichen Gelegenheiten von Rogers Mittel, so wie sie etwa von einer unfehlbaren wissenschaftlichen Behandlungsweise, sprechen würde.

Aber ach, seitdem sind zehn Jahre vergangen, und heute würde, wenigstens für mich, dieselbe Probe keine große Aussicht auf Erfolg haben.

Aber solltest Du etwa irgend einen Freund wissen, der sich vor der Brautnacht fürchtet, so teile ihm meine Strategie mit, und Du kannst ihm die Versicherung geben, daß es im Alter zwischen zwanzig und fünfunddreißig ein besseres Mittel, nicht giebt.


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