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Schnaps-Anton

Guy de Maupassant: Schnaps-Anton - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleSchnaps-Anton
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume17
year1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid8d1b70bd
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Die Mitgift

Niemand wunderte sich über die Heirat des Advokaten Simon Lebrument mit Fräulein Johanna Cordier. Der Advokat hatte eben das Notariat seines Kollegen Papillon gekauft. Natürlich brauchte er Geld, um es zu bezahlen, und Fräulein Johanna Cordier besaß ein disponibles Vermögen von dreihunderttausend Franken in Banknoten und Papieren.

Der Advokat Lebrument war ein hübscher Kerl. Er hatte Chik, Advokatenchik, Provinzchik – aber doch Chik. Und das war immerhin in Boutigny-le-Rebours eine Seltenheit.

Fräulein Cordier hatte Grazie und Frische, eine etwas linkische Grazie, eine etwas derbe Frische; aber im Ganzen war es ein hübsches Mädchen, begehrenswert und begehrt.

Die Hochzeit stellte ganz Boutigny-le-Rebours auf den Kopf.

Man bewunderte das junge Paar sehr, das sein Glück gleich in der ehelichen Wohnung zu bergen ging, da es sich vorgenommen, ganz einfach eine kleine Reise nach Paris erst nach ein paar Tagen des ungestörten Beisammenseins zu unternehmen.

Diese paar Tage waren reizend. Der Advokat verstand es bei seinen ersten Annäherungen an seine Gattin ein bemerkenswertes Feingefühl, Takt und Zartheit zu zeigen. Sein Grundsatz war: Wer zu warten versteht, dem fällt alles in den Schoß. Er wußte zugleich geduldig und energisch zu sein. Der Erfolg war schnell und vollkommen.

Nach vier Tagen betete Frau Lebrument ihren Mann an. Sie konnte nicht mehr ohne ihn sein. Den ganzen Tag mußte sie ihn bei sich haben, ihn küssen, ihn herzen, ihn liebkosen, seine Hände streicheln, seinen Bart, seine Nase und so weiter.

Sie setzte sich ihm auf die Kniee, zupfte ihn an den Ohren und sagte:

– Mach mal den Mund auf und die Augen zu. – Er öffnete vertrauensvoll den Mund, schloß die Augen halb und bekam lange zärtliche Küsse, daß es ihm über den Rücken lief. Und auch er fand nicht genug Zärtlichkeit, hatte nicht Lippen und Hände genug, um seine Frau zu liebkosen vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen.

 

Als die erste Woche vorüber war, sagte er zu seiner jungen Lebensgefährtin:

– Wenn Dir's recht ist, fahren wir nächsten Dienstag nach Paris. Wir wollen es genau so machen, wie ein Liebespaar, das nicht verheiratet ist, wollen in die Restaurants gehen, ins Theater in die Varietes, überallhin, überallhin.

Sie hüpfte vor Freude:

– Ja, ja. Wir wollen so schnell fort wie möglich.

Er sagte:

– Und dann, um nichts zu vergessen, sag doch Deinem Vater, daß er die Mitgift bereit hält. Ich nehme sie mit und werde bei der Gelegenheit den Kollegen Papillon bezahlen.

Sie antwortete:

– Ich werde es ihm morgen früh sagen.

Und dann nahm er sie in den Arm, um das Spiel der Zärtlichkeit, das sie seit acht Tagen so lieb gewonnen, zu wiederholen.

Am nächsten Dienstag brachten der Schwiegervater und die Schwiegermutter ihre Tochter und den Schwiegersohn, die nach der Hauptstadt reisen wollten, auf den Bahnhof.

Der Schwiegervater sagte:

– Hör mal, es ist aber furchtbar unvorsichtig, so viel Geld in der Tasche mit sich zu schleppen.

Der junge Advokat lächelte:

– O Papa, Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja so was gewöhnt. Weißt Du, mein Beruf bringt es mit sich, manchmal beinah eine Million bei mir zu haben. So entgehen wir wenigstens einer Menge von Formalitäten und Sachen, die uns aufhalten. Du brauchst keine Angst zu haben.

Der Schaffner rief:

– Einsteigen nach Paris!

Sie stürzten in einen Waggon, in dem zwei alte Damen saßen.

Lebrument flüsterte seiner Frau ins Ohr:

– Das ist dumm, jetzt kann ich nicht rauchen.

Sie antwortete leise:

– Ich finde es auch dumm, aber nicht wegen Deiner Cigarre.

Der Zug pfiff und fuhr davon. Die Fahrt dauerte eine Stunde. Unterwegs redeten sie nicht viel, denn die beiden alten Damen schliefen nicht.

Sobald sie in den Bahnhof Saint-Lazare einfuhren, sagte der Advokat zu seiner Frau:

– Wenn Dir's recht ist, mein Kind, gehen wir jetzt zum Frühstück, irgendwo auf dem Boulevard. Und dann kehren wir ruhig zurück und holen unsern Koffer ab, um ihn ins Hotel zu bringen.

Sie war sofort einverstanden:

– Ja, ja. Wir gehen frühstücken ins Restaurant. Ist das weit?

Er meinte:

– Ja, ein bißchen weit ist es schon. Aber wir nehmen den Omnibus.

Sie war erstaunt:

– Warum nehmen wir keine Droschke?

Er schalt sie lächelnd:

– So willst Du sparsam sein? Eine Droschke für fünf Minuten Weg. Das macht für jede Minute sechs Sous, Du läßt Dir nichts abgehen!

– Das ist wahr! sagte sie verlegen.

Ein großer Omnibus, den drei Pferde zogen, fuhr vorbei. Lebrument rief:

– Kondukteur! Kondukteur!

Der Wagen hielt, und der junge Notar schob seine Frau hinein und sagte eilig:

– Setz Dich hinein. Ich klettere oben hinauf, um wenigstens noch vor dem Frühstück eine Cigarette zu rauchen.

Sie hatte garnicht Zeit zu antworten. Der Kondukteur hatte ihren Arm genommen, um ihr zu helfen, schob sie in den Wagen, und sie fiel ganz verstört auf den Sitz, indem sie entsetzt durch die hintere Scheibe die Füße ihres Mannes sah, der die Treppe zum Verdeck hinaufstieg.

Und nun blieb sie unbeweglich zwischen einem dicken Herrn, der nach Tabak roch und einer alten Frau, die nach Hund stank, sitzen.

Alle anderen Mitfahrenden saßen in einer Reihe stumm da: ein Konditorlehring, eine kleine Arbeiterin, ein Infanteriesergeant, ein Herr mit goldener Brille, der einen Seidenhut trug mit riesigen Krempen, die wie ein paar Dachrinnen aufgerollt waren, zwei Damen, die unangenehm und hochmütig aussahen, als wollten sie sagen: wir sitzen zwar hier, aber wir sind mehr wie ihr alle! Zwei Nonnen, ein kleines Mädchen in langem Haar und ein Leichenträger.

Das sah aus wie eine ganze Sammlung von Karrikaturen aus einem Museum, eine Auswahl von komischen Figuren, von lächerlichen Gesichtern, wie eine Reihe von Holzpuppen in den Schießbuden der Jahrmärkte, die man der Reihe nach herunterknallt.

Das Gerassel und Schwanken des Wagen ließ ihre Köpfe hin und hernicken, daß die schlaffe Haut der Backen zitterte. Und bei dem Lärm der Räder schienen sie eingeschlafen und wie Idioten dazusitzen.

Die junge Frau begriff nicht.

Warum ist er nur nicht mit mir hereingekommen? fragte sie sich, und eine unbestimmte Traurigkeit überkam sie. Diese Cigarette hätte er sich wirklich schenken können.

Die Nonnen gaben das Zeichen zum halten, dann stiegen sie, eine nach der anderen, aus und ließen einen faden Geruch von alten Kleidern zurück.

Man fuhr weiter. Dann wurde wieder gehalten. Eine Köchin stieg ein, rot, außer Atem, setzte sich und stellte einen Marktkorb auf die Kniee; nun verbreitete sich ein starker Geruch von Aufwaschwasser in dem Omnibus.

Es dauert doch länger als ich dachte! sagte sich Johanna.

Der Leichenträger stieg aus, statt dessen stieg ein Kutscher ein, der nach Stall roch. Das Mädchen im langen Haar ward von einem Dienstmann abgelöst, dessen Füße vom langem Gehen dufteten.

Der Advokatenfrau wurde beinah übel; sie hätte am liebsten geweint, sie wußte nicht warum.

Andere Personen stiegen aus, wieder andere ein. Der Omnibus fuhr immer weiter durch endlose Straßen, blieb auf den Stationen halten, setzte sich wieder in Bewegung.

– Herrgott ist das weit! sagte sich Johanna. Wenn er es nur nicht verpaßt hat oder etwa eingeschlafen ist. Er war recht müde die letzten Tage.

Allmählich stiegen alle aus. Sie blieb allein, ganz allein. Der Kondukteur rief:

– Vaugirard!

Da sie sich garnicht bewegte, wiederholte er:

– Vaugirard!

Sie blickte ihn an. Sie begriff, daß dies Wort ihr galt, da niemand anderes mehr da war. Und nun sagte der Mann zum dritten Mal:

– Vaugirard!

Er fragte sie: Sie fragte ihn:

– Wo sind wir denn?

Er antwortete schlechter Laune:

– Donnerwetter, wir sind in Vaugirard! Ich habe es schon zwanzig Mal gerufen.

– Ist das weit vom Boulevard? fragte sie.

– Welcher Boulevard?

– Nun Boulevard des Italiens.

– Der ist langst vorbei.

– O bitte, rufen Sie doch meinen Mann.

– Welcher Mann? Wo denn?

– Aber oben auf dem Verdeck.

– Auf dem Verdeck da sitzt schon längst niemand mehr.

Sie bekam einen furchtbaren Schreck:

– Was denn? Das ist doch garnicht möglich! Er ist doch mit mir eingestiegen. Sehen Sie mal nach, er muß oben sitzen.

Der Kondukteur wurde grob:

– Na Kleine, nu ist's genug geredet ! Für den kriegen Sie zehne wieder. Nu steigen Sie mal aus, nu ist's gut. Sie werden schon bald einen wiederfinden.

Die Thränen stiegen ihr in die Augen. Sie flehte:

– Aber Sie irren sich wirklich, wirklich, Sie irren sich. Er hatte eine große Mappe unter dem Arm.

Der Beamte begann zu lachen:

– Eine große Mappe? Ah! Ja, ja, der ist an der Madeleine ausgestiegen. Na, jedenfalls hat er Sie versetzt. Haha! haha!

Der Wagen hatte gehalten. Sie stieg aus und blickte nun selbst mit instinktiver Bewegung nach dem Dach des Omnibus. Es war ganz leer. Da begann sie ganz laut zu weinen, ohne sich zu überlegen, daß man zuhörte und sie sah, und rief:

– Was soll ich denn anfangen!

Der Inspektor des Omnibusbureau trat heran:

– Was haben Sie denn?

Der Kondukteur antwortete:

– Die Dame ist von ihrem Mann unterwegs verlassen worden.

Der andere rief:

– Gut. Erledigt! Kümmern Sie sich um den Dienst.

Und er wendete ihr den Rücken.

Da begann sie die Straße hinunterzulaufen, zu erschrocken, zu entsetzt, um zu ahnen, was mit ihr geschehen war. Wo sollte sie hin? Was sollte sie thun? Was war ihm denn passiert? Woher kam denn ein solcher Irrtum, eine solche Vergeßlichkeit? Eine so unglaubliche Zerstreutheit?

Sie hatte gerade zwei Francs bei sich. An wen sollte sie sich wenden? Und plötzlich kam ihr die Erinnerung an ihren Vetter Varral, der Beamter war im Marineministerium.

Sie hatte gerade Geld genug um die Droschke zu bezahlen, und ließ sich zu ihm fahren. Sie traf ihn, wie er sich eben anschickte, ins Ministerium zu gehen. Genau wie Lebrument trug er eine große Mappe unter dem Arm.

Sie sprang aus dem Wagen:

– Heinrich! – rief sie.

Ganz erschrocken blieb er stehen.

– Johanna! Hier! Ganz allein. Was machst Du denn hier? Wo kommst Du denn her?

Sie stammelte, Thränen in den Augen:

– Mein Mann ist eben verloren gegangen.

– Verloren? Wo denn?

– Auf dem Omnibus. Oh!

Und sie erzählte ihm weinend, was geschehen.

Er hörte zu, dachte nach und fragte:

– War er denn ganz vernünftig heute früh?

– Jawohl.

– Gut. Hatte er viel Geld bei sich?

– Ja. Meine Mitgift.

– Deine Mitgift? Die ganze Mitgift?

– Die ganze Mitgift, um nachher das Notariat zu bezahlen.

– Nun mein liebes Cousinchen, da wird Dein Mann wohl gerade jetzt nach Belgien fahren.

Sie begriff noch nicht und stammelte:

– Mein Mann? Was sagst Du?

– Ich meine, er hat Dein ... Dein Kapital geraubt ... und ... weiter nichts !

Sie blieb außer Atem stehen und flüsterte:

– Dann ist es ... dann ist es ... ein Schuft!

Darauf ward sie vor Erregung schwach und sank schluchzend ihrem Vetter an die Weste.

Da die Leute stehenblieben, ihnen zuzusehen, schob er sie ganz sanft in den Flur seines Hauses, faßte sie um die Taille, führte sie die Treppe hinauf, und als das erschrockene Mädchen die Thür öffnete, befahl er:

– Sofie, gehen Sie gleich mal ins Restaurant und holen Sie ein Frühstück für zwei Personen. Ich gehe heute nicht ins Ministerium.

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