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Schnaps-Anton

Guy de Maupassant: Schnaps-Anton - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGuy de Maupassant
titleSchnaps-Anton
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume17
year1911
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid8d1b70bd
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Der Schrank

Man redete nach Tisch von Weibern. Was sollen Herren unter sich anders sprechen.

Einer von uns sagte:

– Hört mal, mir ist mal 'ne komische Geschichte passiert.

Und er erzählte:

Letzten Winter packte mich eines Abends eine jener Verzweiflungsstimmungen, wie sie ab und zu über Seele und Leib kommen. Ich saß ganz allein zu Haus und fühlte, daß, wenn ich dableiben würde, ich einen entsetzlichen Anfall von Schwermut kriegen müßte. Eine jener traurigen Stimmungen, die einen vielleicht zum Selbstmord bringen, wenn sie öfters wiederkehren.

Ich zog meinen Überzieher an, und ohne daß ich eigentlich wußte, was ich vornehmen wollte, ging ich aus. Ich war bis an die Boulevards gegangen und irrte nun an den beinah leeren Cafés hin, denn es regnete. Einer jener fortwährend niederrieselnden Regen hatte eingesetzt, die, man möchte sagen, den Geist ebenso nässen, wie den Körper. Kein anständiger Wolkenbruch, der in Sturzseen niederbraust, daß gleich alles außer Atem in Hausfluren Schutz sucht, sondern ein so feiner Regen, daß man ihn gar nicht fühlt. Eine Art Feuchtigkeit, die unausgesetzt an einem unfaßbare Tropfen niederschlägt, und bald die ganzen Kleider wie mit Eiswasser überzieht.

Was sollte ich anfangen? Ich ging auf und ab, überlegte, wie ich zwei Stunden totschlagen könnte und entdeckte zum ersten Mal, daß es in ganz Paris abends keinen Ort giebt, wo man sich wirklich zerstreuen kann. Endlich entschloß ich mich, in die Folies Bergères zu gehen, dies spaßige Mädchenlokal.

In dem großen Saal waren wenig Menschen. Der lang sich in Hufeisengestalt hinziehende Gang war nur von wenigen Herren belebt, die etwas fürchterlich Gemeines hatten im Gang, in der Kleidung, in der Art, Bart und Haar zu tragen, in Hut und Aussehen. Man bemerkte kaum von Zeit zu Zeit jemand, von dem man überzeugt war, daß er sich gewaschen habe, ich meine sorgfältig gewaschen, und dessen Kleidung zu einander stimmte. Die Mädchen waren immer die gleichen. Die entsetzlichen Weiber, die wir alle kennen: häßlich, ermüdet, wie auf Raub lauernd, hin und her schleichend, mit jenem thörichten, verachtungsvollen Ausdruck, den sie alle annehmen, ich weiß nicht warum.

Ich sagte mir, daß wirklich keine einzige dieser auseinandergegangenen Kreaturen, die mehr aufgeschwemmt als fett waren, hier dick und dort mager, krumm- oder stelzbeinige Weiber, das eine Goldstück wert seien, das sie mit Mühe und Not herausschinden, nachdem sie zuerst fünf verlangt.

Plötzlich aber bemerkte ich eine kleine, die mir einen sehr netten Eindruck machte. Nicht ganz jung mehr, aber frisch, drollig und etwas herausfordernd. Ich hielt sie an, und in meiner Dummheit, ohne weiter nachzudenken, schloß ich mit ihr ab. Ich wollte nicht allein nach Haus gehen, ganz allein. Da war mir die Gesellschaft und der Kuß dieses Mädels doch lieber.

Ich ging also mit ihr. Sie wohnte in einem großen hohen Haus Rue des Martyrs. Auf der Treppe brannte kein Gas mehr. Ich stieg langsam hinauf und steckte immer ab und zu ein Wachszündhölzchen an, stieß mich an den Stufen, tastete unzufrieden hin hinter dem Mädel, dessen Rauschen ich vor mir hörte.

Im vierten Stock machte sie Halt, und nachdem sie die Entreethür geöffnet hatte, fragte sie:

– Du bleibst also bis morgen?

– Gewiß. Du weißt doch, daß wir das ausgemacht haben.

– Gut, Kleiner. Ich wollt's bloß wissen. Warte mal eine Minute, ich komme sofort wieder.

Sie ließ mich in der Dunkelheit zurück. Ich hörte, daß sie zwei Thüren öffnete und schloß. Dann war es mir, als ob sie spräche. Ich war überrascht und etwas beunruhigt. Der Gedanke an einen Zuhälter kam mir. Aber ich habe ein paar gute Fäuste und dachte: Na, wir werden mal sehen.

Ich lauschte angespannt. Es bewegte sich etwas, ging hin und her, ganz leise mit größter Vorsicht. Dann ward eine Thür geöffnet, und mir war, als hörte ich wiederum sprechen, aber ganz leise.

Sie kehrte zurück mit dem brennenden Licht.

– Du kannst 'reinkommen! sagte sie.

Dieses Duzen bedeutet so die Besitzergreifung. Ich trat also ein. Nachdem ich durch ein Eßzimmer gegangen, dessen Aussehen verriet, daß hier niemals gegessen wurde, kam ich in ein Zimmer, wie es alle die Mädchen haben. Das echte möblierte Zimmer mit Ripsgardinen und einem Federbett aus hochroter Seide mit verdächtigen Flecken.

Sie sagte: – Mach Dir's bequem, Kleiner.

Etwas vorsichtig sah ich mich um. Aber ich bemerkte nichts Außergewöhnliches.

Sie zog sich so schnell aus, daß sie schon im Bett lag, ehe ich mich meines Überziehers entledigt hatte. Und sie begann zu lachen:

– Nun was hast Du denn? Du bist ja Salzsäule geworden. Nun mach man schnell.

Ich beeilte mich und folgte ihr.

Fünf Minuten darauf fühlte ich eine wahnsinnige Lust, mich wieder anzuziehen und fortzugehen. Aber dieselbe entsetzliche Mattigkeit und Langeweile, die mich zu Haus gepackt, hielt mich zurück, nahm mir alle Entschlußkraft, und ich blieb trotz des Ekels, der mich in diesem öffentlichen Bett erfaßte. Der sinnliche Reiz, den ich gemeint hatte unter den Kronleuchtern des Theaters in dieser Kreatur zu sehen, war in meinen Armen vollkommen von ihr gewichen. Und ich fühlte nur an meiner Seite, Leib an Leib, die gewöhnliche Dirne, von denen eine wie die andere ist, deren gleichgiltige, entgegenkommende Zärtlichkeit einen Nachgeschmack von Knoblauch hatte.

Ich begann mit ihr zu schwatzen:

– Wohnst Du schon lange hier?

– Am fünfzehnten Juli ist's ein halbes Jahr.

– Wo warst Du denn früher?

– Rue Claucel. Aber die Portiersfrau machte Schwierigkeiten, und da habe ich gekündigt.

Nun begann sie mir eine endlose Geschichte zu erzählen von dem Weib, das Klatsch gemacht.

Aber plötzlich bewegte sich etwas ganz nahe von uns. Es war zuerst wie ein Seufzer gewesen, dann ein leises Geräusch, aber ganz deutlich zu unterscheiden, als ob jemand mit seinem Stuhl gerückt wäre.

Ich fuhr im Bett auf und fragte:

– Was ist das für ein Geräusch?

Sie antwortete ruhig und bestimmt:

– Ach, beunruhige Dich nur nicht, Kleiner. Es ist die Nachbarin. Die Wand ist so dünn, daß man durchhört, als ob's hier im Zimmer wäre. So 'ne dreckige Bauerei. Die Wände sind das reine Papier.

Ich war so faul, daß ich mich wieder ins Bett verkroch. Und wir begannen abermals zu sprechen.

Und nun packte mich jene dumme Neugier der Männer, diese Geschöpfe über ihr erstes Abenteuer auszuforschen, den Schleier von ihrem Fall lüften zu wollen, wie um in ihnen einen fernen Rest von Unschuld zu entdecken, um vielleicht etwas Liebenswertes an ihnen zu finden durch die plötzliche Erinnerung an ihre Frische und einstige Jungfräulichkeit.

Ich fragte sie also nach ihrem ersten Geliebten. Ich wußte ganz genau, daß sie lügen würde. Aber was schadete das. Vielleicht hörte ich doch, aus all ihren Lügen etwas Aufrichtiges und Rührendes heraus.

– Na nun sag mal, wer war es denn?

– Es war ein Rudersportsman, Kleiner.

– O das mußt Du mir erzählen. Wo war denn das?

– In Argenteuil.

– Was machtest du denn da?

– Ich war Kellnerin in einem Restaurant.

– Welches Restaurant?

– »Zur Binnenschifffahrt.« Kennst Du das?

– Na ja natürlich, bei Bonanfan.

– Ja, stimmt.

– Nun, wie hat's denn der Ruderer mit Dir angefangen?

– Ich mußte sein Bett machen, da hat er mich vergewaltigt.

Aber plötzlich erinnerte ich mich an das, was ein Arzt, den ich kannte, mir erzählt. Ein Arzt, der Beobachter war und Philosoph und den langjährige Thätigkeit in einem großen Hospital in tägliche Berührung bringt mit öffentlichen Mädchen und Jungfern-Müttern, mit aller Schmach und allem Elend des Weibes, armen Weibern, die die bejammernswerte Beute der Männer geworden, denen Geld in der Tasche klingt.

Der hatte mir gesagt: Ein Mädchen wird immer verführt durch einen Mann ihres Standes und ihrer Lebensbedingungen. Ich habe darüber ganze Bände voll Beobachtungen gemacht. Die reichen Klassen werden gewöhnlich angeklagt, daß sie die unschuldigen Mädchen des Volkes verführen. Das ist ganz unrichtig. Die Reichen zahlen gepflückte Blumen. Sie pflücken auch welche, aber nur die zweite Blüte. Die erste schneiden sie nie.

Ich wendete mich zu meiner Gefährtin und begann zu lachen:

– Na hör mal, die Geschichten die kennen wir. Der Ruderer war nicht der erste.

– O doch, Kleiner. Ich schwöre es Dir.

– Kind Du lügst!

– Nein ich schwöre Dir's.

– Du lügst. Jetzt gesteh mir mal die Wahrheit.

Sie war erstaunt und zögerte. Ich fuhr fort:

– Kind, ich bin Hexenmeister. Ich bin Hypnotiseur. Wenn Du mir die Wahrheit nicht sagst, schläfre ich Dich ein und erfahre es doch.

Sie hatte Angst, denn sie war so dumm, wie sie alle sind.

– Wie hast Du das geraten?

Ich fuhr fort:

– Also nun vorwärts, rede!

– O das erste Mal, das war beinah nichts. Es war großer Festtag draußen und da hatte man einen Koch kommen lassen, Herrn Alexander. Sobald er da war, machte er alles, was er wollte im Haus. Er befahl allen. Dem Herrn, der Frau, als ob er König wäre. Er war ein großer, schöner Kerl, der nicht einen Augenblick an seinem Herd still blieb. Er rief immer: »Vorwärts, Butter her, – Eier, – Madeira.« Und alles das mußte man ihm bringen, gleich, oder er wurde wütend und sagte einem Sachen, daß man rot wurde bis unter die Kleider.

Als der Tag vorbei war, saß er vor der Thür und rauchte seine Pfeife. Und wie ich mit einem Haufen Teller bei ihm vorbei kam, sagte er mir so:

»Na Mädel komm mal mit mir ans Wasser. Du kannst mir mal die Gegend zeigen. Ich ging mit. Es war zu dumm. Und kaum saßen wir am Ufer, hatte er mich so schnell untergekriegt daß ich garnicht wußte, was er eigentlich machte. Und mit dem Neunuhrzuge fuhr er fort. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Ich fragte:

– Ist das alles?

Sie stammelte:

– Ja! Ich glaube auch, Florentin ist von ihm!

– Wer ist das, Florentin?

– Mein Junge.

– Ach das ist famos. Und Du hast dem Ruderer wohl eingeredet, daß er der Vater wäre. Nichtwahr?

– Na ja.

– Hatte denn der Ruderer Geld?

– Ja, er hat mir für den Florentin dreihundert Francs jährlich geben müssen.

Jetzt begann die Geschichte mir Spaß zu machen, und ich fuhr fort:

– Das ist ausgezeichnet, liebes Kind. Ausgezeichnet! Ihr seid doch nicht so dumm, wie man denkt. Wie alt ist denn jetzt der Florentin?

Sie sagte:

– Er ist zwölf Jahr. Zu Ostern wird er eingesegnet.

– Ausgezeichnet. Und seitdem treibst Du Dein Geschäft in aller Ruhe.

Sie seufzte resigniert.

– Ja, jeder thut so, was er kann.

Aber jetzt begann plötzlich im Zimmer ein Riesenlärm, daß ich mit einem Satz aus dem Bett sprang. Man hörte das Geräusch eines Körpers, der fällt, wieder aufsteht und an der Mauer hintastet.

Ich hatte das Licht genommen, blickte mich um, verstört und wütend. Sie war auch aufgestanden, versuchte mich zurückzuhalten und flüsterte mir zu:

– Es ist nichts, Kleiner. Ich versichere Dich, es ist nichts.

Aber ich hatte gemerkt, woher dieses seltsame Geräusch kam, ging geradenwegs auf eine Thür zu am Kopfende des Bettes und öffnete sie mit einem Ruck. Und ich sah zitternd vor mir einen kleinen mageren Jungen, der mich mit erschrockenen, glänzenden Augen ansah und neben einem großen Rohrstuhl hockte, von dem er eben heruntergefallen war.

Sobald der mich erblickte, fing er an zu heulen und streckte seiner Mutter die Arme entgegen:

– Ich kann nichts dafür, Mama. Ich kann nichts dafür. Ich war eingeschlafen und 'runtergefallen. Sei nicht böse, ich kann nichts dafür.

Ich kehrte zu dem Mädchen zurück und fragte:

– Was soll denn das bedeuten?

Sie war verlegen, außer sich und stammelte:

– Ach, was soll ich anfangen? Ich verdiene nicht genug, um eine Pension für ihn zu bezahlen. Da muß ich ihn schon behalten. Und ich kann mir nicht noch ein Zimmer mehr leisten, weiß der Teufel. Und wenn keiner da ist, dann schläft der Junge bei mir. Wenn einer so eine oder zwei Stunden kommt, die hält er schon im Schranke aus. Er sitzt ganz ruhig. Der ist's schon gewöhnt. Wenn einer die ganze Nacht bleibt wie Du, da geht's ihm über den Buckel, – so die ganze Nacht auf dem Stuhle schlafen, das Kind, der Junge. Da kann er nischt dafür. Ich möchte Dich mal sehen, so auf dem Stuhl die ganze Nacht im Schranke. Möchte Dich mal sehen, was Du dann sagst.

Sie wurde wütend, ganz erregt und schrie.

Das Kind weinte immerfort. Ein armer, verlegener, verhungerter Knabe. Dies Kind, das im Schranke schlief, im kalten, dunklen Schrank und nur von Zeit zu Zeit kam, um sich im Bett zu wärmen, wenn es ein paar Augenblicke unbenutzt blieb.

Mir war wirklich auch wie Weinen zu Mute.

Und ich ging nach Hause.

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