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Schloß Kostenitz

Ferdinand von Saar: Schloß Kostenitz - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand von Saar
titleSchloß Kostenitz
publisherGeorg Weiß Verlag in Heidelberg
firstpub1893
senderwww.gaga.net
created20050614
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VII.

Der Freiherr erschien heute allein zu Tisch. »Die Baronin ist unwohl,« bedeutete er dem Kammerdiener. Dieser schaffte sofort das aufgelegte zweite Gedeck bei Seite, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen; denn es war ihm bekannt, daß die Herrin, wenn auch selten, dann aber um so heftiger an Migräne leide und sich in solchem Falle stets gänzlich zurückziehe.

Mit der äußeren Ruhe eines Weltmannes, der im Leben jede Art von Selbstbeherrschung erlernt und geübt hatte, nahm der Freiherr das Diner ein, wenn auch flüchtiger als sonst; was ja nicht auffallen konnte, da er ohne Gesellschaft speiste. Er athmete aber befreit auf, als endlich der Kammerdiener das Kaffeebrett mit der kleinen chinesischen Tasse und dem silbernen Kännchen vor ihm niedersetzte und hierauf verschwand. Nun konnte er sich, in den Stuhl zurückgelehnt, vollständig seinen Gedanken überlassen.

Was sich da zugetragen, hatte ihn nicht ganz unerwartet getroffen. Ein Vorgefühl davon hatte auf ihm mit dumpfem Drucke gelegen seit jenem Tage, an welchem er die Zuschrift des Gemeindevorstehers erhalten. Aber nach Art erfahrener Naturen wollte er nicht vorschnell an ungewiß drohende Dinge rühren, um nicht etwa den Gang derselben zu beschleunigen; er vermied es später sogar, seine Gemahlin zu beobachten, auf daß er durch verfrühte Wahrnehmungen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werde. Da sich aber nun Alles, überraschend genug, vollzogen hatte, erkannte er auch sofort sehr deutlich, wie klar und einfach die Sache lag – und Clotilde allein war es, die er dabei unmittelbar in's Auge faßte. Er selbst kam ja gar nicht in Betracht; er war ein alter Mann, den nur getroffen hatte, was ihn früher oder später einmal treffen mußte – und Graf Poiga-Reuhoff war eben ein gewohnheitsmäßiger Roué, gegen welchen er für seine Person nicht einmal Gereiztheit empfand, den er nur mit Hinblick auf den Seelenzustand Clotildens haßte. »Armes Weib!« flüsterte er vor sich hin. »Welche Zukunft steht ihr bevor!« Aber nicht die Zukunft galt es jetzt zu bedenken, nur die Gegenwart. Und über diese mußte sie unter allen Umständen hinweg gebracht werden!

Als jetzt der Kammerdiener wieder eintrat, sagte er: »Ich möchte heute dem Herrn Rittmeister einen Besuch machen, da ich ihn das erste Mal nicht angetroffen und blos eine Karte zurückgelassen habe. Erkundigen Sie sich, ob er zu Hause ist. Lassen Sie aber nichts von meiner Absicht verlauten; vielleicht besinne ich mich noch anders.«

Er erhielt bald die Meldung: der Graf befinde sich in seiner Wohnung. Nachdem er noch eine Weile sitzen geblieben, begab er sich auf sein Zimmer, um eine Änderung in seinem Anzuge vorzunehmen. Dann griff er nach seinem Hute und schritt langsam die Treppe hinunter.

Es schlug eben vier Uhr, als er quer über den Hof dem Amtshause zuschritt. Auf einer der Stallbänke sah er den Reitknecht des Grafen sitzen, träg hingelümmelt neben dem Wachtmeister, mit welchem er in einer Unterhaltung begriffen schien. Sobald der Wachtmeister des Schloßherrn ansichtig wurde, erhob er sich und salutierte; der Reitknecht aber, ein bartloser, in der Art solcher Leute hochmüthiger Bursche, zögerte sichtlich; erst als der Freiherr gerade auf ihn zutrat, erhob er sich rasch und brachte den Stummel einer Virginia-Cigarre, den er mehr kaute, als rauchte, aus dem Munde.

Der Freiherr sagte, er wünsche den Grafen zu sprechen; wie er gehört habe, sei derselbe zu Hause.

»Ja,« erwiderte der Bursche in schwer verständlichem Deutsch; »aber er schläft. Ich habe jedoch den Befehl, ihn um vier Uhr zu wecken. Es ist jetzt gerade Zeit,« fuhr er mit einem Blicke nach der Schloßuhr fort, »und ich werde den Herrn Baron melden.«

»Thun Sie das,« versetzte der Freiherr, »ich werde einstweilen hier warten.« Und er schlug die Richtung nach dem Rondél in der Mitte des Hofes ein, wo er den kleinen Teich zu umschreiten begann.

Es dauerte ziemlich lange, bis der Andere mit der Nachricht zurückkam: der Herr Graf lasse bitten, einstweilen oben Platz zu nehmen, er werde gleich erscheinen.

Der Freiherr folgte nun dem Reitknechte, der offenbar auch die Verrichtungen eines Dieners besorgte, in das Eintrittszimmer, wo es ziemlich wüst aussah. Auf einem niederen Schranke gewahrte man, neben einer Anzahl von Gerten und Reitstöcken, die Mütze und die Handschuhe des Grafen; zwei Säbel, ein schwerer und leichter, lehnten in einer Ecke, und auf dem Tische vor dem Sofa lag bei den Resten eines Frühstücks, die jetzt der Bursche rasch entfernte, ein zur Hälfte gerauchter Tschibuk. Obgleich ein Fenster offen stand, war doch ein scharfer Geruch nach türkischem Tabak im Gemach verbreitet, der sich dem Freiherrn, welcher selbst nicht rauchte, höchst unangenehm aufdrängte. Durch die geschlossene Thür des Nebenzimmers herein klang das zornige, ab und zu herrisch beschwichtigte Gekläff eines Hundes, der den Fremden witterte; dazwischen Schritte und Geräusche, welche verriethen, daß der Graf eben im raschen Ankleiden begriffen war.

Endlich öffnete sich die Thür, durch deren Spalt sofort ein gelber, affenartiger Pintscher laut aufbellend dem Freiherrn entgegenschoß; auf einen drohenden Ruf seines Herrn kroch er unter das Sopha, wo er leise nachknurrte.

»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, Excellenz,« sagte der Graf, indem er den erst halb eingeknöpften Uniformrock vollends schloß, »ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie so lange habe warten lassen, aber ich war auf Ihren Besuch durchaus nicht vorbereitet – –.« Seine Bewegungen waren hastig, unsicher und ließen Verlegenheit erkennen.

»Vielmehr muß ich Sie, Herr Graf, um Verzeihung bitten, daß ich zu so wenig geeigneter Stunde bei Ihnen erschienen bin –.«

»O, das hat gar nichts zu sagen,« unterbrach ihn der Andere, während sich nun Beide setzten. »Wir machen jetzt größere Übungen, die einigermaßen ermüdend sind – und da habe ich eine Stunde geschlafen –.«

»Nun, es war immerhin eine Störung – aber ich habe Ihnen eine dringende Mittheilung zu machen.«

»Eine dringende Mittheilung? Welcher Art, wenn ich fragen darf?«

»Dürfte ich mir vielleicht erlauben, jenes Fenster zu schließen?« sagte der Freiherr nach einer kurzen Pause, indem er Miene machte, sich zu erheben.

»O sehr gern!« rief der Graf und sprang zuvorkommend auf. »Excellenz fürchten wahrscheinlich die Zugluft?«

»Nein. Ich fürchte nur, daß meine Mittheilung Erörterungen nach sich ziehen könnte, welche besser im Hofe nicht gehört werden.«

Der Graf zuckte zusammen. Er konnte kaum mehr im Zweifel sein, um was es sich handeln würde; jetzt aber hatte er auch sofort die vollständigste Fassung gewonnen. »Excellenz treffen sehr seltsame Vorkehrungen,« sagte er kurz.

»Sie dürften vielleicht nöthig sein. Ich mochte Sie sogar bitten, im Vorhause nachzusehen, ob nicht Jemand –«

Der Graf blitzte ihn mit seinen dunklen Augen zornig an. »Was soll das heißen? Ich bin von keinen Spionen umgeben und bitte Sie, zur Sache zu kommen.«

»Wie es Ihnen beliebt. Ich für meine Person pflege niemals sehr laut zu sprechen – und eigentlich handelt es sich ja nur um eine Bitte, die ich Ihnen vortragen werde. Wenn Sie ihr Gewährung schenken, so entfällt jede weitere Verhandlung von selbst.«

»Und was wäre das für eine Bitte?« fragte der Graf, der sich wieder gesetzt hatte und nun die Arme über der Brust verschränkte.

»Daß Sie diese Behausung so bald, wie nur irgend möglich, verlassen möchten.«

»Herr Baron!«

»Bleiben Sie ruhig, Herr Graf,« sagte der Freiherr sanft. »Betrachten Sie es wirklich nur als Bitte.« Es klang in der That ein flehender Ton durch diese Worte.

Der Andere blickte mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin. »Und aus welcher Veranlassung richten Sie diese Bitte an mich?«

»Aus Rücksicht für meine Frau.«

Eine dunkle Röthe schoß in das Antlitz des Grafen. »Sie hat Ihnen gesagt?« – fragte er halb verwundert, halb wegwerfend.

»Ja, sie hat es mir gesagt.«

»Nun also!« versetzte der Graf nach kurzem Schweigen, indem er hochmüthig den Kopf zurückbog. »Wenn Sie nicht gekommen sind, Rechenschaft von mir zu fordern, dann ist auch alles Weitere höchst gleichgültig. Denn Sie begreifen doch, daß Ihre Frau Gemahlin fortan vor mir sicher ist – ganz sicher!«

Diese Worte trafen den Freiherrn wie Peitschenhiebe; aber er zuckte nicht einmal mit den Wimpern. »Das begreife ich sehr wohl,« sagte er ruhig. »So einfach jedoch liegen die Dinge nicht. Was da vorgefallen, hat meine Frau derart angegriffen, daß eine dauernde Seelenstörung zu befürchten ist.«

»Die Baronin scheint sehr schwache Nerven zu haben!« rief der Graf höhnisch.

»Ohne Zweifel. Und deshalb sehen Sie auch ein, daß ich unter keiner Bedingung von Ihnen Genugthuung fordern darf. Ich habe vielmehr, was meine Person anbetrifft, gar kein Gewicht auf die Sache zu legen und nur zu trachten, daß meine Frau sich beruhigt. Sie muß vergessen lernen – und dazu ist vor Allem nothwendig, daß Sie nicht mehr hier sind.«

»Eine höchst eigentümliche Auffassung!«

»Gewiß, diese Auffassung ist keine alltägliche. Aber wie Sie auch darüber denken mögen, Eines werden Sie nach reiflicher Erwägung klar erkennen: daß Ihnen unter allen Umständen die Pflicht erwächst, das Geschehene möglichst ungeschehen zu machen.«

Der Graf war nachdenklich geworden. Die ruhig ernste, ergreifende Sprache des Freiherrn verfehlte offenbar nicht, Eindruck zu machen. Aber bald gewann seine Natur wieder die Oberhand.

»Nein! Nein!« rief er, sich ungestüm vom Sessel erhebend. »Ich kann mich nicht so ohne weiteres fortweisen lassen!«

»Sie werden nicht fortgewiesen. Es ist Ihr freier Entschluß, eine Änderung herbeizuführen.«

»Aber wie soll ich es anstellen?« rief der Bedrängte ärgerlich mit dem Fuße stampfend. »Kann ich denn so Knall und Fall – – ? Was würde man unten – im Kreise der Kameraden dazu sagen? Es würde Aufsehen erregen – ja man könnte sogar muthmaßen –«

»Um Muthmaßungen kümmere ich mich nicht.«

»Und jedenfalls würde man einen anderen Officier heraufsenden. Sie kämen da vielleicht nur aus dem Regen in die Traufe!«

Der Freiherr bewegte sich auf dem Sopha, aber er sagte mit eisiger Ruhe: »Das fürchte ich nicht. Wiederholungen ereignen sich nicht so rasch nacheinander.«

Der Graf sah ihn halb erstaunt, halb verächtlich an und erwiderte nichts mehr. Denn plötzlich wurden schwere, wuchtige Tritte vernehmbar, die unter Sporengeklirr die Treppe heraufkamen.

»Es ist jemand von meinen Leuten,« sagte er jetzt. Und da nun schon mit schüchterner Plumpheit an der Thür geklopft wurde: »Herein!«

Ein stattlicher Unteroffizier trat in's Zimmer, den Helm auf dem Kopfe, die Diensttasche umgehängt. Er nahm Stellung und salutierte automatisch. Dann zog er ein großes versiegeltes Schreiben hervor und überreichte es seinem Vorgesetzten, der es erbrach. Während des Lesens nahmen die Züge des Grafen einen eigenthümlichen Ausdruck an.

»Es ist gut. Sagen Sie meinem Wachtmeister, daß er die Leute zum Befehl antreten lassen soll.«

Als er mit dem Freiherrn wieder allein war, wandte er sich an diesen. »Der Zufall ist Ihnen günstig, Herr Baron. Wissen Sie was dieses Blatt enthält? Den Marschbefehl. Wir müssen sofort zur ungarischen Armee stoßen. Morgen mit dem frühesten verlassen wir das Schloß.«

Ohne eine Zeichen der Ueberraschung oder der Befriedigung erhob sich der Freiherr und sagte mit einer Verbeugung: »Dann ist unsere Unterredung zu Ende. Wäre das Blatt gestern eingetroffen, so wäre sie nicht nothwendig geworden.«

Kaum hatte er sich zum Abgehen gewendet, als auch schon der Hund unter dem Sopha hervorschoß und sich mit wüthendem Gebell an seine Fersen heftete. Ein Fußtritt seines Herrn ließ ihn schmerzvoll aufheulen. »Verdammte Bestie!« rief der Graf mit unterdrückter Stimme, während das Thier winselnd in einen Winkel flüchtete.

Allein geblieben, schritt er mit sichtlich unangenehmen Gedanken und Empfindungen im Zimmer auf und nieder. »Ach was!« sagte er endlich, schnippte mit den Fingern und schnallte seinen Säbel um.


Während dessen hatte Clotilde auf dem Ruhebette ihres durch geschlossene Jalousien verdüsterten Zimmers gelegen. »Ich muß Dich nun für einige Zeit Dir selbst überlassen,« hatte der Freiherr zu ihr gesagt, als er sich zu Tisch hinunter begab. »Vielleicht ist es Dir erwünscht. Aengstige Dich nicht, es wird Alles gut werden.«

Aber kaum allein, empfand sie sofort wieder aufs tiefste, daß es nie und nimmer gut werden könne. Einen Augenblick zwar hatte sie bei den milden, zärtlichen Tröstungen ihres Gatten aufgeathmet; einen Augenblick war das Leben, sonnenhell wie früher, aus der dunklen Nacht der Verzweiflung, die sie umgab, aufgetaucht – jetzt aber versank es wieder. Sie fühlte, daß Etwas in ihr gebrochen und vernichtet war, das nicht wieder hergestellt werden konnte. Ja, die klare Ruhe, der heitere Frieden ihrer Seele war verloren – verloren für immer. Was frommte es, daß ihr Gatte entschuldigte und verzieh, was sie sich selbst niemals würde verzeihen können? Der heutige Tag ließ sich in ihrem Gedächtnisse nicht auslöschen. Seit jeher hatte sie nur in ganz reiner Lebensluft zu athmen vermocht; die leiseste Trübung drohte sie zu ersticken. Schon von klein auf war sie so gewesen. Ein geringes Versehen, das sie sich zu Schulden kommen ließ; ein noch so sanfter Tadel ihres Vaters – die Mutter hatte sie schon sehr früh durch den Tod verloren – oder von Seiten ihrer Lehrer erfüllte sie mit solchen Gewissensbissen und Selbstvorwürfen, daß sie oft wochenlang aus kindlichem Gram und Kummer nicht herauskam. Mit welch ängstlicher Scheu war sie als Mädchen Allem aus dem Wege gegangen, was sie in Versuchung und Gefahr hätte bringen können; denn eine innere Stimme sagte ihr, daß ihr die Kraft des Widerstandes fehle – daß sie fallen würde, ohne sich wieder erheben zu können. Darum liebte sie so die Stille und Zurückgezogenheit; da konnte sie ihr Wesen frei und furchtlos entfalten, da konnte sie gedeihen; – Verwickelungen und Conflicte brachten ihr den Tod ....

Sie schauerte. Wie kalt war es im Zimmer trotz des heißen Sommertages! Sie breitete eine leichte Decke über sich und schloß die Augen. Und wie sie jetzt so dalag, überkam sie ein eigenthümlicher Zustand. Es wurde ihr so weh zu Muthe – und doch wieder so wohl. Gerade wie beim Beginn einer schweren Krankheit, wo die Welt in vagen Umrissen zu verdämmern beginnt – wo alles Nahe in immer weitere Ferne gerückt wird. Nur manchmal durchzuckte ein namenloser Schmerz ihre Brust. Denn da dachte sie ihres edlen Gatten, der glücklichen Jahre, die sie mit ihm verlebt hatte – dachte an den schönen stillen Park, an das Tirolerhaus – an ihre Landschaft – ihre geliebten Bücher ....

Sie zog die Decke höher hinauf. Ein seltsamer dumpfer Druck lastetete auf ihrer Stirn und indem sie die Augen schloß, versank sie in einen lähmenden Halbschlaf, der sie mit verworrenen Traumgesichten umgaukelte. Es war nichts Ungeheuerliches, nichts eigentlich Beängstigendes. Die verschiedenartigsten Gestalten tauchten auf und verschwanden wieder, oder gingen eine in die andre über. Sie sah ihren Vater, sah ihre Mutter, von der sie sich sonst kein recht deutliches Bild mehr machen konnte; sie sah sich selbst als ganz kleines Mädchen mit einem Geburtstagsstrauß in der Hand; ihren Gatten als ganz jungen Mann in einem grünen Frack mit gelben Knöpfen, wie er auf einer von Daffinger gemalten Miniatur dargestellt war; sah den Grafen auf einem Feuer sprühenden Pferde, ihr Kammermädchen mit dem Aussehen einer alten Magd in ihrem elterlichen Hause – einen langen Zug von Reitern auf schwarzen, seltsam beflorten Rossen....

Jetzt schrak sie auf. Ihr Gatte, der über sie gebeugt stand, hatte sie sanft auf die Stirn geküßt. »Du hast geschlummert?« fragte er leise.

»Ja – es scheint,« erwiderte sie, während ihr neuerdings die ganze Wucht ihres Elends fühlbar wurde.

Und nun theilte er ihr mit, was sich zugetragen. Er hatte gehofft, sie würde dabei immer leichter, immer freier aufathmen. Aber sie hauchte nur tonlos: »Mein Gott! Mein Gott! Dieser eine Tag!«

»Ja,« sagte er erschüttert und zugleich beruhigend, »es ist traurig, daß alles menschliche Glück und Unglück zuletzt meistens nur von solchen Schickungen abhängt. Doch tröste Dich: es ist jetzt Alles vorbei.«

Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte; aber das Herz lag ihr wie Eis in der Brust.

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