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Schloß Kostenitz

Ferdinand von Saar: Schloß Kostenitz - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand von Saar
titleSchloß Kostenitz
publisherGeorg Weiß Verlag in Heidelberg
firstpub1893
senderwww.gaga.net
created20050614
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VI.

Als jetzt Clotilde, ohne zu wissen wie, bei dem Tirolerhause angelangt war, sank sie auf die Bank neben der Thür und blickte starr und ausdruckslos vor sich hin. Was war denn vorgegangen?! Sie mußte sich erst darauf besinnen – und nun schlug sie, laut aufstöhnend, die Hände vor das Antlitz. »Mein Gott! Mein Gott!« Was sie geahnt, was sie befürchtet, war eingetroffen. Eingetroffen in dem Augenblick, wo sie sich bereits gerettet und geborgen glaubte! Vollzogen hatte es sich plötzlich, ohne Widerstand von ihrer Seite! Willenlos hatte sie in den Armen des Grafen gelegen – und nur mehr eines Haares Breite hatte sie von dem Abgrund getrennt, in den sie als Ehebrecherin unrettbar versunken wäre! Und war sie es denn eigentlich nicht schon? Ein Anderer, als ihr Gatte, hatte sie verlangend an sich gezogen, hatte sie – sie schauderte auf – Du genannt, hatte mit brennenden Lippen ihrem Scheitel ein Mal aufgedrückt. Wie sollte sie jetzt dem Freiherrn entgegentreten – entweiht, gebrandmarkt! Und nicht der begehrliche Mann mit den dunklen Augen war an dem Allen schuld – nein, nur sie, sie ganz allein in ihrer entsetzlichen Schwäche und Hilflosigkeit! Jede andere Frau an ihrer Stelle und unter solchen Umständen würde den Versucher abgewiesen – ihn wenigstens zum Scheine zurückgestoßen haben! Und sie – sie hatte nicht einmal ein Wort der Zurechtweisung, geschweige denn ein gebieterisches der Abwehr gefunden! Und wenn er morgen wieder an sie herantrat, fehlte ihr gewiß wieder die Kraft! O was für ein Weib war sie!? Welch ein verächtliches Geschöpf! Welch' unerhört feige, erbärmliche Natur! Nicht werth, daß sie die Sonne beschien, deren goldige Lichter vor ihr auf der Wiese glänzten und funkelten!

Sie sprang auf und eilte in die Zimmer empor. Dort schloß sie rasch die nach dem äußeren Gang offene Thür, schloß alle Fensterläden. Nun war es dunkel um sie her; nur die Gegenstände, deren Anblick sie noch vor einer Stunde so glücklich gemacht, dämmerten in gespenstischen Umrissen auf. Auch das konnte sie nicht ertragen; sie sank auf den harten Sitz an der Wand und schloß die Augen. Nun war es finster und still wie im Grabe. O läge sie darin!

Aber wurden jetzt nicht von unten herauf Tritte vernehmbar? Klangen sie nicht schon auf der Treppe? Das war ihr Gatte! Ihr Herz stand still – und doch nicht so still, wie sie es gewünscht hätte. Der Freiherr hatte leicht an der Klinke gedrückt und fragte mit halber Stimme durch die Spalte herein: »Bist Du hier, Clotilde?«

Sie regte sich nicht.

Nun hatte er die Thür ganz geöffnet und sah bei dem Lichtschein, der von draußen hereinfiel, wie sie lang ausgestreckt dasaß, todtenbleich, mit zurückgesunkenem Haupte.

»Clotilde!« rief er, erschrocken auf sie zueilend. »Was ist Dir? Mein Gott, was ist geschehen – ?«

Sie gab noch immer keinen Laut von sich.

Er befühlte ihre Stirn, faßte ihre kalte, leblose Hand. »Clotilde«, wiederholte er, auf's äußerste beängstigt, »was ist Dir?«

»Frage mich nicht.« erwiderte sie jetzt dumpf.

»Was soll das heißen?« drängte er, indem er sich an ihrer Seite niederließ. »Sprich, rede – ich bitte Dich!«

Sie schlug die Augen auf und starrte, ohne ihn anzusehen, wie in's Leere. »Ich bin verloren,« sagte sie.

»Verloren?!« rief er aus. »Verloren –« wiederholte er tonlos, während plötzlich eine entsetzliche, unfaßbare Vermuthung in ihm aufdämmerte.

»Ja,« sagte sie.

Ihm war es, als läge er im Fieber und habe ein entsetzliches Traumgesicht. Aber nein: es war ja Wirklichkeit – etwas Entsetzliches mußte vorgefallen sein. Was immer auch: vor Allem Klarheit, vollständige Gewißheit! Er sagte daher sanft: »Laß diese rätselhaften Aussprüche, Clotilde. Sage mir, was geschehen ist. Hörst Du, Clotilde? Vertrau' es mir an – mir, Deinem Gatten, der Dich liebt – so unsäglich liebt –«

Bei dem Ton dieser Stimme, bei der Berührung seiner Hand, die jetzt mit aufmunterndem Kosen über ihre Schläfe und Wange strich, überkam sie ein so gewaltiges Weh, daß ihr die Brust zerspringen wollte. Endlich brach sie in einen Strom von Thränen aus.

Er ließ sie weinen. Dann brachte er seinen Mund dicht an ihr Ohr und sagte weich und flüsternd: »Ich will Dir zu Hilfe kommen. Sage mir: hängt Dein verzweifelter Zustand mit – mit dem –«

Er vollendete nicht; denn ein rasches Aufschluchzen Clotildens sprach deutlich genug.

Und nun, da er die Gewißheit hatte, um was es sich handelte, begann er zu forschen, allmälig, mit äußerster Vorsicht und Zartheit. Aus den leisen, kaum andeutenden Fragen, die er an sie richtete, aus halben Worten, unterdrückten Geberden, krampfhaftem Weinen erfuhr er, was sich zugetragen – und athmete auf.

»Armes Kind!« sagte er nach einer Pause, »armes Kind! – Und weiß ich jetzt Alles?« setzte er leise hinzu.

Sie bejahte mit stummem Senken des Hauptes.

»Nun dann,« fuhr er fort, die Hand auf ihren Scheitel legend, »dann sei ruhig. Denn es wird Alles wieder gut werden.«

Sie fuhr mit halbem Leibe empor und blickte ihn mit schreckhaftem Erstaunen an. »Das ist nicht möglich,« sagte sie tonlos.

»Warum nicht? Liebst Du ihn denn?«

»Nein!« rief sie, die Arme vorstreckend. »Es war nur Schwäche – entsetzliche Schwäche.«

»Nun,« erwiderte er, indem er sie jetzt mit sanfter Gewalt an sich zog, »wenn Du ihn nicht liebst, wenn Du fühlst, daß Deine Zuneigung für mich die gleiche geblieben ist, dann ist ja auch Alles wie früher.«

Sie sah ihn ausdruckslos an. »Es kann nicht wie früher sein. Denn Du mußt mich jetzt verachten – aufs tiefste verachten.«

»Verachten?« sagte er innig. »Nein, ich verachte Dich nicht, ich liebe Dich! Und daher ist es auch jetzt meine Pflicht, Dich Dir selber zurückzugeben.« Er war bei diesen Worten aufgestanden und schritt, ernst vor sich hinblickend, in dem dämmerigen Raume auf und nieder.

Sie folgte ihm mit den Augen. Es war, als habe ein Hoffnungsstrahl in ihrem verstörten Antlitz aufgeleuchtet. Plötzlich aber fragte sie zitternd: »Was willst Du thun?«

»Das ist meine Sache,« entgegnete er fest.

Sie sprang auf. Ein entsetzlicher Gedanke hatte sie durchzuckt. Es war offenbar: er trug sich mit einer Herausforderung an den Grafen! So pflegen ja die Männer mit der Ehre ihrer Frauen die eigene wieder herzustellen! Mein Gott! Er wollte mit seinem Leben für sie einstehen – für sie, die sich des Lebens nicht mehr werth fühlte!

»Nein,« rief sie, »das darfst Du nicht! Du darfst es nicht!«

Er sah sie befremdet an; denn er verstand nicht gleich, was sie sagen wollte. Erst der Ausdruck namenloser Angst, mit dem sie ihm jetzt flehend die Arme entgegenstreckte, brachte ihn darauf.

»Fürchte nichts,« entgegnete er mit ruhigem Lächeln. »Ich kämpfe nicht mit solchen Waffen. – Aber fasse Dich jetzt, Clotilde. Es ist hohe Zeit – wir müssen nach dem Schlosse zurück. In solchem Zustande darf Dich Niemand sehen.«

Sie fühlte, daß er Recht habe und daß sie ihm schuldig sei, äußere Haltung zu bewahren. Instinktiv trat sie vor einen kleinen Spiegel, der an der Wand hing, ordnete ihre Haare, benetzte ihre verweinten Augen aus einem Glase, das halb mit Wasser gefüllt neben der Staffelei stand, und frischte ihr Antlitz auf.

Er war auf sie zugetreten. »Sei guten Muthes, Clotilde,« sagte er, indem er ihr den Arm bot. Es wird bald Alles wie ein böser Traum hinter uns liegen.«

Sie versuchte ein schwaches Lächeln; dann gingen sie.

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