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Schloß Kostenitz

Ferdinand von Saar: Schloß Kostenitz - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand von Saar
titleSchloß Kostenitz
publisherGeorg Weiß Verlag in Heidelberg
firstpub1893
senderwww.gaga.net
created20050614
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III.

Dem nächtlichen Gewitter war kein heiterer Morgen gefolgt. Ein rauher Nordwind sauste noch immer durch die Wipfel und trieb am Himmel düstere Wolken vorüber, die sich in heftigen Güssen entluden. So ließ sich denn der Tag für die Erwachenden keineswegs freundlich an, und in schweigender Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, wurde das Frühstück eingenommen. Die Reiter, so hieß es, würden schon um zehn Uhr in den Ort einrücken, und diesem Augenblick sah die Dienerschaft keineswegs so unfroh entgegen, wie die Herrschaft: denn mit den Soldaten kam ja Leben und Abwechslung in die öde Stille und Einsamkeit des Schlosses herauf. Besonders der weibliche Theil gab eine sehr auffallende Erregung kund. Schon als die Kammerzofe des Morgens das Zimmer der Freifrau betrat, konnte diese wahrnehmen, daß sich das Mädchen viel zierlicher als sonst gekleidet hatte; aber auch in der Küche erschienen die Mägde in ihrer Weise herausgeputzt und liefen in unnützer Geschäftigkeit hin und her, während selbst die betagte wohlbeleibte Köchin eine frische Haube mit bunten Bändern aufgesetzt hatte. Nur der Kammerdiener bewahrte unerschütterlich seine vornehme Ruhe, und der Kutscher des Freiherrn, ein hagerer, ziemlich steifer Rosselenker, machte sogar ein etwas verdrießliches Gesicht, da ihm nunmehr eine bedenkliche Schmälerung seiner Hoheitsrechte im Stalle bevorzustehen schien.

So kam die zehnte Stunde allmälig näher. Der Himmel hatte sich inzwischen ein wenig aufgeklärt und die Gatten traten auf den Altan hinaus. Von dort hatte man ja die Landstraße in Sicht, die sich, soweit das Auge reichte, in mehrfachen Krümmungen durch die Fluren hinzog, und auf welcher nunmehr die Reiter heranrücken mußten. Und wirklich: dort in äußerster Ferne funkelte es mit einem Male wie Feuer auf. Das waren die Helme, welche die hervorbrechenden Sonnenstrahlen auffingen und widerspiegelten. Und schon kam die Truppe mit ihren weißen Mänteln znm Vorschein, gleich einer seltsamen, hell gleißenden Riesenschlange sich näher und näher windend. Schon konnte man die einzelnen Pferde, konnte die Officiere von der Mannschaft unterscheiden; konnte die Standarte wahrnehmen, die in ihrem Ueberzuge von schwarzem Wachstuch in die Luft ragte. Und nun ein Helles Trompetensignal. Commandorufe ertönten; die Säbel fuhren blitzend aus den Scheiden – und in geschlossenen Reihen, unter langgezogenen Fanfaren zogen die Schwadronen in den Marktflecken ein, von welchem aus bereits eine Menge Volks entgegen gelaufen war.

»Da sind sie,« sagte der Freiherr und trat mit Clotilde in den Salon zurück. »Es wird noch eine Weile dauern, bis wir unseren Theil zu Gesicht bekommen.«

»Wir wollen es abwarten,« entgegnete sie, den Shawl, den sie über ihren Morgenanzug geworfen hatte, fröstelnd über der Brust zusammenziehend. Dann ging sie, um sich für den Tag anzukleiden.

Er aber setzte sich an ein Fenster und blickte erwartungsvoll hinaus.

Es zeigte sich lange nichts; nur der Regen fiel in Strömen auf die Pfade der Avenue. Die Dragoner hatten offenbar unten auf dem Marktplatze Aufstellung genommen, und die Bequartierung ging jetzt allmälig vor sich. Von Zeit zu Zeit klang ein Trompetensignal durch die Stille.

Jetzt aber wurden Hufschläge vernehmbar, und es dauerte nicht lange, so kam ein kleiner Trupp in raschem Trabe die Avenue heraufgeritten. Die Pferde über und über mit Koth bespritzt, triefend von Nässe. Voran ein Officier auf einem schlankfüßigen Rappen, den Mantelkragen empor gestülpt, so daß unter dem Helm nur eine kühn geschwungene Nase und zwei dunkle Augen zum Vorschein kamen, welch letztere er rasch und flüchtig nach den Schloßfenstern aufschlug. Ein Reitknecht mit zwei in Decken gehüllten Handpferden folgte; ganz zuletzt kam ein leichter Fourgon nachgefahren.

Der Verwalter, der den Auftrag erhalten hatte, die Ankömmlinge zu empfangen, war ihnen schon entgegengeeilt und lenkte sie jetzt seitwärts um das Schloß herum nach dem Hofe, wo sich die Ställe und das Amtshaus befanden.

Nach einiger Zeit erschien er bei dem Freiherrn, der mittlerweile sein Zimmer aufgesucht hatte, mit der Meldung, daß Alles auf's beste untergebracht sei. Nur ein Officier sei gekommen, und zwar ein Rittmeister, dessen Lieutenant krank in der letzten Station zurückgeblieben. Die betreffende Wohnung habe man dem Wachtmeister eingeräumt, der wahrscheinlich seine Stelle vertrete.

Als der Verwalter sich entfernt hatte, trat bald darauf der Kammerdiener ein und überreichte eine Karte. Der Freiherr nahm sie und las: »Rittmeister Graf Poiga-Reuhoff.«

Der Herr Graf, berichtete der Kammerdiener, habe durch seinen Reitknecht anfragen lassen, ob er noch im Laufe des Vormittags die Ehre haben könne, Seiner Excellenz aufzuwarten, was der Freiherr in verbindlichster Weise bejahte. Hierauf begab er sich in das erste Stockwerk hinunter, um Clotilde in Kenntniß zu setzen. Sie befand sich in ihrem Ankleidezimmer, und er klopfte leise an die Thür. »Bist Du allein?« fragte er.

»Ja. Ich bin im nächsten Augenblick bereit –«

Er setzte sich, die Karte in der Hand, auf einen Stuhl.

Clotilde erschien bald. Sie sah etwas bleich, aber wundervoll aus in einem hochgeschlossenen Kleide aus braunem Foulard mit mattem Goldglanz. Eine durchsichtig weiße Halskrause hob den Schmelz ihres Antlitzes.

Der Freiherr betrachtete sie unwillkürlich mit Bewunderung, sagte jedoch nichts und überreichte ihr bloß die Karte.

Sie warf einen Blick darauf: »Ein Graf?« sagte sie dann.

»Wie vorausgesehen. Wenn ich nicht irre, sind die Poiga in Böhmen – in der Nähe Prags begütert. Er will uns sofort einen Besuch machen.«

»Uns? Muß ich dabei sein?«

»Gewiß. Man müßte sonst eine Ausrede ersinnen. Und wozu – da Du ihn doch einmal wirst kennen lernen müssen.«

»Es ist wahr,« erwiderte sie gefaßt. »Wir sind eigentlich recht thöricht. Ich habe inzwischen darüber nachgedacht und gefunden, daß wir allzuviel Gewicht auf diese Einquartierung legen.«

»Du hast Recht,« erwiderte er mit zustimmendem Lächeln, »wir benehmen uns, als hätten wir niemals im Leben mit Menschen verkehrt.«

Sie begaben sich in den Salon. Auf einem Tische lagen Zeitungen und Briefe, die mit der Post gekommen waren. Auch ein Brief an Clotilde fand sich vor, bei dessen Anblick sie ausrief: »Von Tante Lotti!«

Sie setzte sich und begann das ziemlich umfangreiche Schreiben zu lesen, während der Freiherr die Zeitungen durchblätterte.

Jetzt rief sie: »Wie schade! Lotti schreibt mir, daß sie vor halbem August nicht bei uns eintreffen kann; es sind wichtige Angelegenheiten, die sie bis dahin in Wien zurückhalten. Und gerade jetzt wäre sie uns von großem Nutzen!«

»Allerdings,« erwiderte der Freiherr. »Sie ist eine praktische Frau, die nicht viele Umstände macht.«

So ging die Zeit hin und die Thurmuhr holte gerade aus, die zwölfte Stunde zu schlagen, als vom Corridor herein Tritte und Sporengeklirr vernehmbar wurden.

»Man kommt,« sagte der Freiherr, indem er sich erhob und dem nunmehr Eintretenden, welchem der Kammerdiener die Thür geöffnet hatte, entgegen ging.

Auch Clotilde stand auf und richtete die Augen scheu auf die hohe, männlich schlanke Gestalt, die der knapp anliegende Weiße Uniformrock sehr vortheilhaft hervorhob.

»Gestatten Sie, Excellenz,« begann der Graf, in dem er sich leicht verbeugte und die schöne Frau mit einem raschen Blick streifte, »gestatten Sie, daß ich mich persönlich vorstelle. Es hat sich nun einmal gefügt, daß wir in Ihren Burgfrieden einbrechen mußten, und es braucht wohl keiner Versicherung, daß ich selbst an dieser unliebsamen Störung keine Schuld trage.«

Der Freiherr erwiderte einige verbindliche Worte und bat den Grafen, Platz zu nehmen.

»O ich weiß,« sagte dieser, während er sich in einem Fauteuil niederließ und Clotilde, die sich auf das Sopha gesetzt hatte, ganz und voll in's Auge faßte, »ich weiß und begreife sehr wohl, daß derlei Ueberfälle höchst lästig sind. Aber was will man thun? Man muß sie eben wohl oder übel hinnehmen. Sie dürften übrigens,« fuhr er, den Kopf hochmüthig zurückwerfend, fort, »nicht allzuviel zu leiden haben. Meine Dragoner sind ehrliche Mährer, also im ganzen stille und zurückhaltende Leute, die mit ihren heimischen Mehlklößen zufrieden sind. Und was meine Person betrifft, so bitte ich, auf dieselbe nicht die geringste Rücksicht zu nehmen. Ich habe nur sehr wenige Bedürfnisse und führe das Notwendigste, wenn es nur einigermaßen angeht, stets mit mir. Speisen werde ich unten an der Wirthstafel mit den Offizieren. Sie sehen also,« schloß er stolz ablehnend, »daß ich außer der höchst angenehmen Wohnung, die Sie mir zur Verfügung gestellt, auf Gastfreundschaft durchaus keinen Anspruch mache.«

Eine Pause trat ein, die der Freiherr mit der Frage unterbrach, woher das Regiment komme?

»Aus Italien, wo wir so ziemlich unnütz waren, da die Cavallerie in den sumpfigen Reisfeldern keine rechte Verwendung finden konnte.

Nun, Papa Radetzky ist trotzdem mit den Italienern fertig geworden. Wir sollten hierauf mit anderen Truppen unter Haynau nach Ungarn marschieren. Unterwegs aber erhielt das Regiment Ordre, hierher zu rücken. Es bereitet sich wohl Etwas gegen Preußen vor; der alte Hegemoniekitzel scheint sich dort wieder zu regen.«

»Der König von Preußen hat die deutsche Kaiserkrone abgelehnt,« sagte der Freiherr im Tone leiser Zurechtweisung.

»Weil sie ihm vom Frankfurter Parlament angeboten wurde,« entgegnete der Graf mit unterdrückter Heftigkeit. »Es wäre Unsinn gewesen, sie von solcher Seite anzunehmen. Die Schwäche Österreichs ist eine weit bessere Chance, und da Kossuth und Görgei noch immer obenauf sind, glaubt man auch damit rechnen zu können. Aber das russische Bündniß wird den Dingen eine ganz andere Wendung geben. Eure Excellenz wissen doch bereits – –?«

»Ich habe von diesem Bündnisse in den Zeitungen gelesen,« sagte der Freiherr ruhig.

»Der Zaar ist mächtig,« fuhr der Graf mit blitzenden Augen fort, und es kann der Welt gar nicht schaden, wenn sie nach all dem tollen Freiheitsschwindel wieder einmal tüchtig die Knute zu spüren bekommt.«

Der Freiherr erwiderte nichts und suchte das Gespräch auf andere, näher liegende Dinge zu lenken, wobei nun auch Clotilde Gelegenheit fand, einige Worte mit einzuflechten. Aber der Graf erhob sich bald.

»Ich darf die Herrschaften nicht länger stören,« sagte er, sich beim Abschiede mit herablassender Förmlichkeit verbeugend. »Auch werde ich unten erwartet. Noch Eines will ich sagen. Sollten sich wider Vermuthen meine Leute Unzukömmlichkeiten erlauben, so bitte ich, sich sofort an mich zu wenden. Für Störungen, welche mit der Handhabung des Dienstes verbunden sind, kann ich natürlich nur um Entschuldigung bitten, und die Schloßherrin« – er wandte sich dabei an Clotilde – »wird es mir hoffentlich nicht allzu schwer anrechnen, wenn sie durch unvermeidliche Trompetensignale – oder durch das Wiehern und Stampfen der Pferde aus süßen Morgenträumen aufgeschreckt wird.«

Als er sich entfernt hatte, herrschte längeres Schweigen. Endlich sagte der Freiherr: »Hab' ich es nicht vorhergesagt? Es ist wirklich ein Glück, daß wir uns um ihn nicht zu kümmern brauchen. – Wie findest Du ihn?« setzte er nach einer Weile, sie nicht ohne Besorgniß anblickend, hinzu.

Sie zuckte leicht die Achseln.

»Der richtige Aristokrat, fuhr der Freiherr, mehr zu sich selbst sprechend, fort. »Welche Anschauungen! Aber er hat ja Recht,« schloß er mit bitterem Lächeln. »Diesen Herren gehört jetzt wieder die Welt.«

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