Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Ganghofer >

Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
Schließen

Navigation:

8

Nach dem Diner wurde auf der offenen Veranda der Kaffee eingenommen. Die Blätterschatten der Jerichorosen und wilden Reben, deren Laub sich schon zu röten begann, zitterten über dem weißen Tisch, und draußen plauderte die Fontäne mit funkelndem Tropfenfall. Während Gundi Kleesberg die Schalen füllte, bot Tassilo seinem Gast die Zigarrenkiste und bediente sich selbst; dann ließ er sich in den geflochtenen Stuhl fallen, ohne seiner täglichen Gewohnheit zu folgen und nach den Zeitungen zu greifen, die Fritz auf den üblichen Platz gelegt hatte. Das gewahrte Kitty und sprang auf. »Kommen Sie, Herr Forbeck, ich zeige Ihnen was, das müssen Sie sehen.« Sie gingen zum Teich, und Forbeck folgte. »Sehen Sie, die riesigen Forellen! Die jüngeren wurden erst heuer eingesetzt, aber die größeren haben wir schon vier Jahre. Sehen Sie die ganz große hier: Die kennt mich, weil ich sie füttere. Sehen Sie nur, jetzt kommt sie schon!« Lockend streckte sei die Hand und flüsterte, ohne Forbeck anzusehen: »Ich bitte, sagen Sie meinem Bruder ein Wort, er ist unglücklich, wenn er seine Zeitungen nicht lesen kann.«

Forbeck nickte lächelnd und beugte sich über den Rand des Teiches; im grünlichen Wasser, zwischen Blättern und Algen, sah er ein schimmerndes Spiegelbild, ein sonniges Gesichtchen, das der vorfallende Rand der weißen Mütze bis über die Augen beschattete.

»Sehen Sie nur, wie die Große die Kleinen verjagt!« lachte Kitty mit lauter Stimme und flüsterte wieder: »Wenn Tas seine Zeitung hat, kommt Tante Gundi auch dazu, mit Ihnen zu plaudern. Bei Tisch waren Sie ja nur für Tas vorhanden. Das hat Tante Gundi nervös gemacht. Ja, Sie haben auch Tante Gundi stark vernachlässigt.«

»Verzeihen Sie!« flüsterte Forbeck und blickte in die Augen des Spiegelbildes, das unter dem Fall verirrter Tropfen verschwamm, um gleich wieder aufzuleuchten.

»Verzeihen? Erst müssen Sie Ihre Sünde wieder gutmachen. Und sprechen Sie mit Tante Gundi über Professor Werner, sie schwärmt für ihn.« Die Stimme hebend, schritt sie am Rand des Teiches entlang. »Nein, wie das komisch ist! Sehen Sie doch, da schwimmt sie mir richtig nach!« Sie gewahrte, daß die Kleesberg auf der Veranda erschien. »Ja, Tantchen, wir kommen schon!«

Forbeck erwies sich als folgsam. Als sie wieder um den Tisch saßen, löste er seine erste Aufgabe mit Erfolg; Tassilo sträubte sich nicht lange, und während er eines der Blätter entfaltete, machte Forbeck sich an seine zweite Aufgabe und fragte Fräulein von Kleesberg, ob sie die Ausstellung im Münchener Glaspalaste besucht hätte.

»Gewiß!« nickte Tante Gundi, ohne von der Stickerei aufzublicken, an der sie zu arbeiten begonnen.

»Wir waren nur zwei Tage in München,« fiel Kitty ein, »und da waren wir dreimal im Glaspalast. Tante Gundi konnte sich nicht satt sehen. Sie versteht sehr, sehr viel von Kunst.«

»Aber Kind!«

»Das ist doch die Wahrheit!« Kitty wandte sich an Forbeck. »Gegen Mittag kamen wir in München an, von Würzburg. Wir waren seit dem Frühjahr bei Onkel Benno auf Eggeberg zu Besuch. Um halb ein Uhr waren wir daheim in München, um zwei Uhr schon im Glaspalast. Tante Gundi konnte es kaum erwarten.«

Noch tiefer beugte die Kleesberg das Gesicht über die Stickerei. »Ich habe viele Jahre im Stift gelebt. Und das war nach langer Zeit wieder die erste Ausstellung, die mir zu sehen vergönnt war.«

»Darf ich fragen, was Ihnen am besten gefiel?«

Tante Gundi zählte die Stiche; dabei zitterte die Nadel in ihrer Hand. »Das ist schwer zu sagen. Wir haben eine große Menge herrlicher Bilder gesehen –«

Kitty fuhr mit einer Frage dazwischen. »War in der Ausstellung auch ein Bild von Ihnen, Herr Forbeck?«

»Ja.«

»Ach, wie schade! Das müssen wir übersehen haben.«

Gundi Kleesberg warf ihr einen mißbilligenden Blick zu und sagte entschuldigend: »Es hing wohl in einem der Säle, für die uns keine Zeit mehr blieb. Ich bedaure wirklich –«

Forbeck lächelte. »Da haben Sie nicht viel verloren.«

»Na, nur nicht so bescheiden,« fiel Tassilo ein, »Ihr Bildchen ist eine famose Arbeit. Sogar Werner war zufrieden, und das will viel sagen.«

Die Kleesberg zerrte an dem Seidenfaden, der sich im Stoff verfangen hatte. »Professor Werner ist Ihr Lehrer, Herr Forbeck?«

»Ja, gnädiges Fräulein! Und sein Bild, das die Perle der Ausstellung ist, haben Sie doch gewiß gesehen?«

Die Antwort zögerte. »Ich glaube mich zu erinnern.«

»Aber Tante Gundi! Wie kühl! Vor dem Bild warst du Feuer und Flamme, so bewegt, so ergriffen! Und jetzt kannst du sagen: Ich glaube mich zu erinnern.«

Herzlich hingen Forbecks Augen an der Kleesberg. »Ich verstehe Sie, gnädiges Fräulein! Was man in weihevoller Stunde empfand, verschließt man wie einen kostbaren Schatz. Es hat mir Freude gemacht, von der Wirkung zu hören, die Werners Bild auf Sie übte. Er hat Tausende von Verehrern. Aber es ist für mich immer ein Feiertag, wenn ich Menschen kennenlerne, die ihn ganz verstehen. Das macht uns Werner nicht immer leicht. Nun gar dieser ›Spätherbst‹, den Sie in München gesehen haben! Das ist für die Menge ein versiegeltes Buch. Nur ein stilles, landschaftliches Motiv. Aber was redet aus diesen Farben!«

Tante Gundi hatte die Arbeit sinken lassen und blickte lauschend vor sich hin.

»Ich hab' es an mir selbst empfunden, wie dieses Bild zu ergreifen vermag mit seinem Ernst und seiner träumenden Schwermut. Es war eine von Werners Lieblingsarbeiten. Er hat das Bild ohne Vorlage der Natur gemalt. Und doch diese überzeugende Wahrheit! In früheren Jahren muß er dieses Motiv einmal in Wirklichkeit gesehen haben. Solche Natur erfindet man nicht. Und ich glaube, daß sich für ihn an diese landschaftliche Szenerie eine teure Erinnerung knüpft. Er hat eine Vorliebe für dieses Motiv, das sich mit veränderten Zügen auf verschiedenen seiner Bilder findet.«

Gundi Kleesberg rührte die Nadel wieder, mit den Augen so nahe bei der Arbeit, als wäre sie kurzsichtig.

»Eines seiner ältesten Bilder hat mit dem ›Spätherbst‹ eine auffallende Ähnlichkeit. Und doch, welcher Unterschied! Damals der heiße, leidenschaftliche Kampf mit dem Vorwurf, auch noch die unsichere Hand, die unter dem Sturm der Seele zittert, ihn nicht in Linien zu bannen vermag. Und jetzt die abgeklärte Ruhe, die freie Beherrschung des Stoffes, der sich äußerlich kaum veränderte. Aber nach innen ist alles vertieft, alles klingt zusammen in Harmonie. Das ist Wirklichkeit, zum Kunstwerk erhoben. Und die Entwicklung dieses Motivs, von jenem ersten Versuch bis heute – ich möchte fast sagen: das ist wie eine Biographie Werners.« Forbecks Stimme wurde warm. »Was einmal lebt in ihm, das hat festen Halt. Sein Herz ist wie eine bessere Welt. Da gibt es kein Vergehen, nur immer ein schöneres Werden. Das gilt nicht nur von ihm als Künstler. So ist er auch als Mensch. Wer das Glück hat, ihn kennenzulernen, muß in Liebe zu ihm aufblicken.«

Aus den Augen der Kleesberg fielen zwei schwere Tropfen auf die Arbeit. Schweigen trat ein, und man hörte nur das Plätschern der Fontäne. Diese plötzliche Stille weckte Tassilo aus seiner Lektüre; er blickte verwundert auf und ließ die Zeitung sinken. Kitty atmete tief, als wäre mit Forbecks Schweigen ein fesselnder Bann von ihr gewichen; und nun bemerkte sie die nassen Augen der Kleesberg. »Tante Gundi?«

»Was ist denn los?« fragte Tassilo.

Gundi Kleesberg hob das Gesicht; durch den weißen Puder liefen zwei dunkle Furchen. Sie sagte leis: »Das hat mich sehr ergriffen. Wie Herr Forbeck an seinem Lehrer hängt, das ist schön.« Ihre scheuen Augen streiften den jungen Künstler; auch noch zwei andere Augen hingen an ihm, groß und glänzend.

Forbeck wurde verlegen. »Sie setzen auf meine Rechnung, was nur ein Verdienst Werners ist. Wenn Sie ihn kennen würden –«

»Hast du ihn noch nie gesehen?« fragte Kitty.

»Nein!« Und zögernd, während sie ihre Arbeit wieder aufnahm, fügte Gundi Kleesberg hinzu: »Ich gestehe – da ich ihn als Künstler sosehr verehre, würde es mich lebhaft interessieren –«

»Ach so? Ihr habt wohl die ganze Zeit von Werner gesprochen?« sagte Tassilo, streifte den langen Aschenstengel von der Zigarre und wandte sich an Tante Gundi. »Wenn Sie neugierig sind: stellen Sie sich Herrn Forbeck um fünfundzwanzig Jahre älter vor, und Sie haben ungefähr einen Begriff, wie Werner aussieht.«

»Diese Ähnlichkeit ist auch Ihnen aufgefallen?« fragte Forbeck, erfreut über Tassilos Worte.

»Schon damals, als ich Sie kennenlernte. Ich hab' auch schon mit Werner darüber gesprochen. Das ist eine merkwürdige physiologische Erscheinung.«

Gundi Kleesberg hob den ängstlichen Blick. »Sie sind mit Professor Werner verwandt?«

Tassilo lachte. »Aber dann wäre ja die Sache sehr einfach und natürlich.«

Nun wurde auch Kitty neugierig. »Das ist aber doch ein seltsamer Zufall.«

»Es ist kein Zufall!« sagte Forbeck. »Vor Jahren bestand diese Ähnlichkeit nicht. Sie hat sich erst während meines Zusammenlebens mit Werner ausgebildet. Wir haben Nachforschungen angestellt, ob nicht doch unsere Familien irgendwie in verwandtschaftlicher Beziehung stünden. Aber nicht die geringste Spur war zu entdecken, obwohl wir die Kirchenbücher seiner und meiner Heimat bis zurück in die Zeit unserer Urgroßväter durchstöberten. Werner ist Oberfranke, ich bin Allgäuer Schwabe. Von unseren Familien saß jede in ihrem heimatlichen Dorf, mit einer Verwandtschaft, die über fünf Stunden im Umkreis nicht hinausreichte. Nein. Diese Ähnlichkeit hat andere Gründe.«

In Forbecks Augen war ein träumendes Leuchten.

»Ein Zufall hat ich in Werners Weg geführt, er glaubte Begabung in mir zu erkennen und nahm sich meiner an. Nun darf ich seit Jahren mit ihm leben wie der jüngere Bruder mit dem älteren. Werner hat mein Können gebildet, mein Denken und Empfinden geweckt. Er hat in geistigem Sinne aus mir ein Stück seiner selbst gemacht. Bei diesem jahrelangen, innigen Zusammenleben mußte es doch so kommen, daß ich auch äußerlich von ihm annahm, und daß mein völliges Aufgehen in ihm, mein Anschmiegen an seine geistige Überlegenheit und der Ehrgeiz, mit dem ich ihm nachstrebe, sich auch in meinen Zügen ausprägen mußte.«

Kitty schüttelte das Köpfchen. »Ist denn so was möglich?«

»Gewiß!« erklärte Tassilo. »Du hast den lebendigen Beweis vor dir. Unser äußerlicher Mensch in seiner Entwicklung ist nicht nur von dem Rindfleisch abhängig, das wir zu Mittag verspeisen. Auch von allem, was uns durch Kopf und Herz geht. Diese Erscheinung zeigt sich häufig bei Mann und Frau, die in glücklicher Ehe leben. Sie beginnen auch äußerlich einander ähnlich zu werden, wie Bruder und Schwester fast.«

»Aber Tas! Soll das ein Beweis sein? Herr Forbeck ist mit Professor Werner doch nicht verheiratet!«

Nun lachten sie alle. Sogar Tante Gundi konnte bei dem drolligen Ernst, mit welchem Kitty das herausgeplaudert hatte, ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Während sie noch lachten, brachte Fritz einen Brief für Tassilo. Er schien die Schrift der Adresse zu erkennen und öffnete hastig; als er las, wurde er wieder ruhig. »Der Bote soll warten, ich will Antwort schreiben.« Er legte die Hand auf Forbecks Schulter. »Sie verzeihen –«

Kitty erhob sich. »Tas? Du hast doch hoffentlich keine unangenehme Nachricht bekommen?«

»Nein.« Tassilo vermied den Blick der Schwester. »Einer meiner Klienten, der im Seehof abgestiegen ist, fragt mich in einem –in einer Prozeßangelegenheit um Rat. Entschuldige!« Er trat ins Haus.

Auch Gundi Kleesberg hatte sich erhoben und schlug einen Spaziergang durch den Park vor. Kitty hatte andere Pläne, die sie auch durchzusetzen wußte. Wenige Minuten später war auf dem geschorenen Rasen das Netz gespannt, und während Tante Gundi mit ihrer Arbeit im Schatten einer Ulme saß, flogen auf der Wiese die weißen Bälle. Forbeck zeigte dabei so zweifelhafte Fähigkeiten, daß ihm Kitty lachend zurief: »Na, hören Sie, Herr Forbeck, hoffentlich malen Sie sehr viel besser, als Sie Tennis spielen. Sonst sieht es mit der Unsterblichkeit schlecht aus.« Es war aber auch zuviel verlangt, daß er seine Augen bei Ball und Stellung haben sollte, während drüben über dem Netz das sonnige Figürchen flatterte, lachend, von jungem Leben sprühend, glühend von der Freude am Spiel, Liebreiz in jeder Bewegung. Neben aller Anmut verriet sich in dem behenden Mädchenkörper auch eine gesunde Kraft. Scharf und sicher spähten die Augen, wenn der Ball geflogen kam. Die geschulte Hand führte den Schlag, wenn auch mit scheinbarer Leichtigkeit, doch mit so ausgiebigem Druck, daß der Ball flinker zurückflog, als er gekommen war. Der Verlust auf Forbecks Seite wuchs und wuchs, während mit jedem Fehlschlag, den er machte, Kittys Vergnügen am Spiel sich steigerte. Fast schien es ihr ein grausames Behagen zu bereiten, den minder geschulten Partner alle Schikanen und Finten des Spiels empfinden zu lassen. Sie machte ihn springen, daß ihm der Atem zu versagen drohte. Das Erscheinen des Dieners, der mit einem Brief für Kitty kam, unterbrach das Spiel.

»Für mich?« staunte sie und streifte die zerzausten Löckchen aus der heißen Stirn. »Schreibt denn heute die ganze Welt an uns? Zuerst an Tas und jetzt an mich?«

»Den Brief hat der alte Moser gebracht.«

»Von Papa?« Das Racket schwirrte ins Gras, und Kitty flog auf den Diener zu. Während sie den Brief erbrach, ging Fritz zu Fräulein von Kleesberg: Moser wäre mit Aufträgen vom Herrn Grafen gekommen und hätte mit ihr zu sprechen. Tante Gundi eilte ins Haus – ein Auftrag Graf Egges war für ihren Kopf immer ein Wirbel von Schreck und Ängstlichkeit.

Kitty hatte den Brief, der in den groben Zügen einer schweren Hand geschrieben war, schnell zu Ende gelesen – was Graf Egge seiner Tochter nach langer Trennung zu sagen hatte, erledigte sich in wenigen Zeilen. Sie mußte sich abwenden, um vor Forbeck ihre Enttäuschung zu verbergen. Aber er hatte ihre schmerzliche Bewegung gewahrt und folgte ihr zur Bank.

Während sie den zerknüllten Brief in der Tasche begrub, verstand sie die sorgende Frage in Forbecks Augen. »Ach, gar nichts von Bedeutung. Ich hatte mich nur sosehr auf Papa gefreut. Er hat noch immer keine Zeit für mich.« Seufzend ließ sie sich auf die Bank sinken und bohrte die Fußspitze in den weißen Kies.

In Forbeck erwachte die Erinnerung an alles, was er in Graf Egges Kruckenstube gehört und empfunden hatte, und wieder fühlte er jenes beklemmende Frösteln. Während dieses Schweigens tönte von den Bergen ein murmelndes Rollen, wie schwacher Donner aus meilenweiter Ferne – es war er verschwommene Widerhall der Schüsse, die Graf Egge auf die Gemsen abgegeben hatte. Kitty hob die feuchten Augen und spähte hinauf ins Blau. »Das war geschossen! Vielleicht hat er ihn jetzt?« Sie sprang auf und drückte die Hände über die Schläfen, als möchte sie ihre Unruhe gewaltsam bezwingen. Sogar ein Lachen versuchte sie. »Kommen Sie, Herr Forbeck, wir beide wollen uns nicht stören lassen. Spielen wir weiter!« Sie wollte zum Tennisplatz; als sie an Forbeck vorüberhuschte, verfing sich die Leinenspitze ihrer flatternden Schärpe an einem Knopf seines Ärmels. Es knackte.»Ach Gott!«

Forbeck wollte die Gefangene befreien, doch seine Hand zitterte, und statt die Fadenschlinge zu lösen, verwirrte er sie noch mehr. Eine Weile ließ ihn Kitty lächelnd gewähren; endlich schob sie seine Hand beiseite. »Sie entwickeln eine Geschicklichkeit, daß es rührend ist. Lassen Sie mich machen, Sie haben ja auch nur eine Hand frei. Aber bitte, stillhalten!« Sie begann mit ihren schlanken, rosigen Fingerchen an den Fäden zu nesteln, aber die Sache ging nicht so leicht. Um genauer zu sehen, neigte sie das Gesicht, und Forbeck fühlte auf seiner Hand ihren warmen Atem. »Das ist aber doch –« Nun wurde sie ungeduldig. »Ich soll wohl gar nicht mehr von Ihnen loskommen?« Sie hob den Kopf, um die Löckchen zurückzustreichen, die ihr über die Augen gefallen waren, und da sah sie den schwermütigen Ernst seiner Züge und begegnete seinem Blick. Sie lachte wie verwundert, aber es flog ihr auch eine brennende Röte über die Wangen. Hastig faßte sie mit der einen Hand die Spitze, mit der anderen Forbecks Ärmel, und was in Güte nicht hatte gelingen wollen, gelang mit Gewalt. »Na also!« Sie eilte hinter das Netz und hob ihr Racket aus dem Gras. Schon nach wenigen Schlägen schüttelte sie den Kopf. »Es freut mich nicht mehr. Kommen Sie, Herr Forbeck, ich zeige Ihnen lieber den Park.« Während sie an seiner Seite dem weißen Kiesweg folgte, brach sie eine Gerte und zupfte die Blätter davon. »Erzählen Sie mir etwas! Was Sie wollen! Von Professor Werner. Oder von Ihnen selbst. Haben Sie denn schon einmal so ein ganz großes Bild gemalt?«

Forbeck mußte lächeln; aber kein anderes Thema wäre ihm willkommener gewesen. Es währte nicht lange, und er war im besten Fahrwasser und steuerte geradeswegs auf die Gewährung des Wunsches zu, der ihm seit Stunden auf der Zunge brannte. Seine Wangen bekamen Farbe, die Worte sprudelten ihm von den Lippen. Was am verwichenen Abend vor Tassilo aus der erregten Künstlerseele herausgewirbelt war, wohl schon beseelt und lebendig, doch wirr und noch schwankend in den Formen, das hatte während der ruhelosen Nacht und bei der am Morgen mit heißem Eifer begonnenen Arbeit an Klarheit und festem Willen gewonnen. Vor der Seele des lauschenden Mädchens entstand das Bild, wie Forbeck es zu schildern wußte, in farbiger Schönheit. Solange er von seinem Werke sprach, war Feuer in seinen Worten. Alles an ihm redete mit, die Augen, die Hände, der ganze Mensch in seiner Glut, und die Lauschende fühlte sich erfaßt von dieser reinen und schönen Flamme. Als es aber darauf ankam, daß Forbeck seine Bitte aussprechen sollte, versagte ihm die Stimme.

Kitty verstand. Strahlend blickte sie zu ihm auf und legte die Hand auf seinen Arm. »Und Tas, sagen Sie, weiß schon davon? Und er ist einverstanden?«

Forbeck nickte.

»Und Sie glauben wirklich, daß das so eine ganz riesige Sache wird – so was sehr, sehr Schönes?«

»Glauben? Der Glaube wäre Hochmut. Aber ich fühl' es in mir.«

»Und ohne mich geht es absolut nicht?«

Er schüttelte den Kopf.

»Aber dann muß ich doch! Wann wollen wir denn anfangen?«

Durch die Bäume hörte man Gundis angstvolle Stimme. »Kind? Kind? Wo bist du denn?«

»Hier!« klang der helle Gegenruf. »Kommen Sie! Jetzt besprechen wir die Sache gleich mit Tante Gundi.« Auf der Suche nach ihr kamen sie zum Schloß; als Kitty am Zimmer ihres Bruders das Fenster offen sah, rief sie hinauf: »Tas? Bist du noch immer nicht fertig?«

Tassilo erschien am Fenster, die Feder in der Hand. »Ein paar Minuten noch.«

»Eil' dich! Wir haben etwas sehr, sehr Wichtiges miteinander zu besprechen.« Da war sie schon um die Ecke verschwunden.

Tassilo setzte sich wieder an den Schreibtisch. Als er nach einer Weile den Brief beendet hatte und über die Treppe herunter kam, erhob sich im Flut der wartende Bote von einer Bank. Tassilo übergab ihm die Antwort und sagte leis: »Meinen Gruß an die Damen. Und sagen Sie, wenn ich es ermöglichen kann, so komm ich noch früher.« Er trat auf die Veranda und umschritt das Haus. Auf dem Rasen sah er Kitty und Forbeck in eifrigem Spiel, heiter und lachend. Auf der Bank saß Gundi Kleesberg, die sich ungestüm erhob, als Tassilo um die Hausecke tauchte; erregt rauschte sie auf ihn zu, umklammerte seinen Arm und zog ihn gegen die Veranda. »Helfen Sie mir, ich bitte Sie um Gottes willen, Sie müssen mir helfen!«

»Was ist denn geschehen?«

»Ich kann es mir gar nicht erklären, wie es möglich war,« stammelte sie, »aber denken Sie, ich habe eingewilligt, daß er sie malen soll.«

Tassilo lachte. »Aber Tante Gundi!«

Sie blickte kummervoll zu ihm auf. »Er war so glücklich, so begeistert.«

»Das sind zwei Gründe, die Sie heute mittag nicht gelten lassen wollten. Und jetzt –«

»Jetzt müssen Sie es verhindern! Sie müssen!«

»Ich? Meine Zusage hat er seit gestern schon. Die kann ich nicht zurücknehmen. Ich hatte mich ganz auf Sie verlassen. Na, Tantchen, Sie sind ein netter Held! Wo bleibt denn der Löwenmut, mit dem Sie Kitty verteidigen wollten?«

»Ich weiß nicht!« stammelte sie hilflos. »Aber das darf nicht geschehen, unter keiner Bedingung! Sie müssen ein Machtwort sprechen! Sie müssen! So hören Sie doch: wie sie zusammen lachen und sich freuen! Es hat sie alle beide schon gepackt – wie ein Rausch.«

Tassilo wurde ernst. »Wenn es so wäre, dann käme jedes Machtwort zu spät, und gerade ich hätte das letzte Recht, ein solches zu sprechen.«

»Das versteh' ich nicht.«

»Haben Sie noch ein paar Tage Geduld, und Sie werden verstehen, was ich meine.«

Sie schüttelte in Verzweiflung seinen Arm. »Aber wenn nun wirklich geschieht, was ich fürchte – und seit ich ihn heute kennenlernte, zweifle ich überhaupt nicht mehr – sie muß sich in ihn verlieben! Sie muß! Was dann? Und wenn ich schon nicht von ihm spreche – der arme Mensch rennt doch auch mit Siebenmeilenstiefeln in sein Unglück hinein – aber Kitty! Ihre Schwester! Was dann?«

»Dann wird sie vor eine Wahl gestellt sein, die dem einen leicht und dem anderen schwer wird: Mut und Glück oder Feigheit und Elend.« Er schritt dem Rasen zu, von welchem Kitty dem Bruder in übermütiger Laune den Ball entgegenschleuderte.

Gundi Kleesberg stand wie versteinert.

Eine Stunde später wanderte Tassilo mit Forbeck dem Dorf entgegen; Kitty hatte ihnen bis zum Parktor das Geleit gegeben und war dann, ein Liedchen summend, im Schatten der Ulmen zurückgewandert. Eine Weile folgten die beiden schweigend der Straße. Dann sagte Tassilo: »Das ist ein bedeutungsvoller Tag für uns beide. Sie kommen zu Ihrem Bilde, das dem Klang Ihres Namens Flügel geben soll, und ich habe heut die Würfel fallen lassen, die über meine Zukunft entscheiden. Sie haben wohl in den Zeitungen gelesen, daß Fräulein Herweghs Vertrag mit dem ersten September zu Ende geht. Seit einem halben Jahr bemüht sich die Intendanz um die Verlängerung des Vertrages. Anna schob die Entscheidung hinaus. Nun hat man ihr heut die Pistole eines dringenden Telegramms auf die Brust gesetzt, und Anna muß Farbe bekennen, daß sie den Vertrag nicht mehr zu erneuern gedenkt. Morgen wird es schon in allen Zeitungen stehen, und mein liebes München wird etwas zu raten haben.«

»Fräulein Herwegh wird der Bühne entsagen?« fragte Forbeck mit dem Ton ehrlichen Bedauerns. »Eigentlich ist es ja selbstverständlich. Aber es ist für die Kunst ein schwerer Verlust.«

»Ein um so größerer Gewinn für mein Glück. Anna ist eine echte Künstlerin. Hätte sie ohne die Bühne nicht leben können, ich hätte auch in das gewilligt, obwohl mit schwerem Herzen. Aber sie hat mir das große Opfer aus freier Entscheidung gebracht. Ich will es ihr danken mein Leben lang. Am ersten September ist Anna frei. Einen Tag später soll sie schon wieder gebunden sein. An mich!« Tassilo blieb stehen. »Dann hab' ich keinen Wunsch mehr an das Leben.« Er lächelte. »Nur an den Zufall hätt' ich noch eine Bitte: daß er meinem Vater am Morgen des Tages, an dem ich mit ihm sprechen will, eine Strecke von zehn oder zwölf Gemsböcken bescheren möchte. Das könnte meinen Vater in eine Laune bringen, in der er mir alles zu verzeihen imstande wäre. Hat er schlechte Jagd, so steht mir eine böse Stunde bevor.«

Sein ruhiger Blick suchte die Felsgipfel der Berge, die in der sinkenden Sonne mit rotem Glanz übergossen waren.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.