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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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4

Graf Tassilo verließ den Park und wanderte auf der mondhellen Straße dem Dorf entgegen.

Nach einer Viertelstunde erreichte er den See. In weitem Kreise leuchteten die Fenster aller Villen. Auf der von Windlichtern erhellten Terrasse des Wirtshauses waren einige Tische mit Sommergästen besetzt, und am Ufer standen ein paar junge Burschen und Mädchen unter halblautem Geplauder beisammen. Sie verstummten bei Tassilos Ankunft; einer der Burschen rannte davon, verschwand in der Schiffshütte, und man hörte das Klirren einer Kette und das Gepolter eines Bootes, das aus der schwarzen Hütte tauchte und am mondhellen Ufer anlegte: ein zierlicher Nachen, die Bänke mit Polstern belegt, der Steuersitz von einem geschnitzten Geländer umgeben. Der Knecht stieg aus, und Graf Tassilo übernahm das Ruder.

Die weite Seebucht quer durchschneidend, glitt der Nachen einer Villa entgegen, aus deren Garten sich eine weiße Steintreppe zum Wasser senkte. Als der Kahn sich näherte, klang eine leise Stimme: »Tassilo? Du?«

»Ja, Kind!«

Der Nachen legte an, und Graf Tassilo erhob sich, um die schlanke Gestalt des Mädchens zu umfangen, das ihn auf der Treppe erwartet hatte.

»Anna?« fragte eine andere Frauenstimme von der Villa her. »Willst du nicht den Mantel nehmen?«

»Nein. Die Luft ist so lind und warm wie in der Sonne!« Von Tassilo gestützt, bestieg das Mädchen den Nachen, ließ sich im Spiegel nieder, schob das Boot von der Mauer ab und faßte die Schnüre des Steuers.

Von kräftigen Ruderschlägen getrieben, rauschte der Kahn dem tieferen See entgegen; im Mondlicht funkelten die Tropfen, die von den Rudern fielen, und hinter dem Steuer verblieb im dunklen Wasser eine leuchtende Furche.

Eine Weile schwiegen die beiden; dann sagte Tassilo: »Verzeih' mir, daß ich dich warten ließ! Bist du nicht ungeduldig geworden?«

»Ich habe schon gefürchtet, daß ich dich heute nicht mehr sehen würde. Aber nun bist du ja gekommen!« Die warme melodische Stimme klang in der Nachtstille wie leiser Gesang.

»Ich war nicht Herr meiner Zeit. Seit gestern ist meine Schwester in Hubertus.«

Die Antwort zögerte. »Ich weiß –«

»Das macht dir Sorge? Nein, Anna, sei ruhig! Wie alles andere kommt, ich weiß es nicht. Aber meine Schwester wirst du im Sturm gewinnen. Sie schwärmt für dich. Und sie soll auch die erste sein, die es erfährt. Endlich muß ja doch gesprochen werden, die Entscheidung ist nicht länger aufzuschieben. Ich will nicht, daß man im Dorfe anfängt, über dich zu klatschen.«

Eine Hand legte sich auf die seine. »Ich danke dir.«

»Aber Kind!« Er küßte die weißen Finger und faßte die Ruder wieder. »Ich liebe dich und will, daß auch die andern dich ehren, wie du es verdienst. Deshalb muß diese schiefe Stellung ein Ende nehmen. Ich habe einen Entschluß gefaßt. Dieser Tage kommen meine Brüder für eine Woche nach Hubertus, und ich vermute, daß uns Papa, um sich das Wiedersehen zu erleichtern, in die Jagdhütte bestellen wird. Diese Gelegenheit will ich benützen. Wie Robert und Willy sich dazu stellen werden, weiß ich nicht. Aber mit ihnen werde ich rasch ins klare kommen. Mein Vater freilich –«

»Du fürchtest?«

»Furcht?« Er beugte sich über die Ruder und sah mit glücklichem Lächeln in das schöne Mädchengesicht. »Nein, Anna! Aber bang ist mir. Nicht vor den Kämpfen, die meiner warten, denn ich weiß, daß ich sie überstehen werde. Mir ist nur bang vor dem unverdienten Glück, das über mich herfallen wird.« Eine Hand schloß ihm die Lippen.

Es wurde still im Boot, die Ruder schleiften, und mit sachtem Plätschern glitt der Nachen an einer steil aus dem Wasser ragenden Felswand vorüber. Der Kessel der Berge öffnete sich, einer riesenhaften Grotte vergleichbar und überflutet von allem Zauber der sommerlichen Mondnacht. Nun der schwebende Anschlag einer wunderbaren Altstimme. Wie der klingende Traum einer Glocke, so zitterte die Fülle dieser herrlichen Töne hinaus in das Schweigen der Nacht – Schumanns »Lied der Braut«. Und wie dieses Lied gesungen wurde, das war mehr als nur die Gabe einer vollendeten Künstlerin; es war Gesang, in dem sich alles Denken und Fühlen, die ganze Seele eines liebenden Weibes erschöpfte.

»Laß mich ihm am Busen hangen,
Mutter, Mutter, laß das Bangen,
Frage nicht: Wie soll sich's wenden?
Frage nicht: Wie soll das enden?
Enden? Enden soll es nie!
Wenden? Noch nicht weiß ich, wie!
Laß mich ihm am Busen hangen!
Laß mich!«

Wie ein verlorener Klang aus weiter Ferne hallte das Echo der letzten Worte von den steinernen Wänden der Berge. Dann tiefes Schweigen. Und jetzt, über den See herüber, ein schriller, langgezogener Ruf, ein zweiter und wieder einer.

Tassilo richtete sich auf. »Das ist bei der Klause. Wahrscheinlich ein Tourist, der sich auf dem Heimweg verspätet hat. Wir müssen ihn holen, wenn der Arme nicht bis zum Morgen da drüben in dem Steinwinkel sitzen soll!« Er faßte die Ruder und begann mit aller Kraft zu ziehen. Noch ehe sich das Boot der Mündung des Wetterbaches näherte, konnte Tassilo im Mondlicht schon die wartende Gestalt unterscheiden. Unter dem Nachen knirschte der Sand, und vom Ufer ließ sich mit verlegener Heiterkeit eine Stimme vernehmen: »Ich danke Ihnen, daß Sie sich meiner erbarmen. Sonst hätte ich mit einem nicht sehr behaglichen Nachtlager vorliebnehmen müssen.« Der Fremde trat an das Boot heran, und im klaren Mondschein erkannte Tassilo den jungen Künstler, dem er im vergangenen Winter bei den gemütlichen Abenden der Münchener Allotria häufig und immer gern begegnet war.

»Forbeck? Sie?«

»Graf Egge!«

Lachend reichten sie sich die Hände.

»Wahrhaftig, eine liebe Überraschung! Sagen Sie mir nur, Forbeck, wie kommen Sie plötzlich hierher? Oder wohnen Sie schon länger am See?«

»Seit vierzehn Tagen.«

»Und das erfahr' ich erst heut? Wie schade! Wir wollen das Versäumte nachholen, nicht wahr? Und nun sagen Sie mir, welcher Zufall hat Sie hier festgenagelt wie den seligen Robinson auf seiner Insel?«

»Ich habe den ganzen Tag bei der Klause gearbeitet und hatte mir für sieben Uhr abends ein Schiff bestellt. Der Seewirt scheint vergessen zu haben, oder –«

»Und da hat mich die Vorsehung zu Ihrer Erlösung auserwählt? Also vorwärts, reichen Sie mir Ihre Siebensachen! So! Und nun kommen Sie!« Als Forbeck den Nachen bestiegen hatte, hielt Graf Egge den Arm um die Schulter des jungen Mannes gelegt und wandte sich an seine Begleiterin. »Erlaube mir, Anna, hier stelle ich dir, bei allerdings mangelhafter Beleuchtung, meinen jungen Freund Hans Forbeck vor.« Tassilo zögerte, bevor er den Namen der jungen Dame nannte: »Fräulein Herwegh.«

Ein leiser Laut der Überraschung war die einzige Antwort, die Forbeck zu finden wußte; auch die stumme Verbeugung mißglückte in dem schwankenden Boot, das sich aus dem Sand zu lösen begann. In gerader Fahrt ging es den Villen entgegen. Kein Wort wurde gesprochen. Graf Egge ruderte ungestüm, und Fräulein Herwegh saß über das Geländer geneigt und ließ die Fingerspitzen über das dunkle Wasser streifen. Sie schien es wie eine Erlösung zu begrüßen, als der Nachen endlich vor der Steintreppe der Villa hielt. Hastig erhob sie sich, und von Forbeck mit raschem Gruß sich verabschiedend, verließ sie das Boot. Tassilo folgte und reichte ihr den Arm. Im schwarzen Schatten der Bäume verschwanden sie, und Forbeck hörte ihre leisen Stimmen. An der Villa ging eine Tür, und Graf Egge erschien wieder bei der Landungstreppe. »Wo wohnen Sie, lieber Forbeck?«

»Dort drüben hinter den Villen, in einem Bauernhäuschen, wo ich eine Stube mit gutem Licht gefunden habe. Aber wenn Sie gestatten steige ich beim Seewirt ab.«

Tassilo stieß das Boot von der Mauer. »Hoffentlich finden wir beim Seewirt noch offen, und wenn es Ihnen recht ist, leiste ich Ihnen noch ein Stündchen Gesellschaft.«

»Aber ich bitte, Herr Graf!«

»Keine Förmlichkeiten! Wenn es schon ein Titel sein muß, sagen Sie: Doktor!«

Forbeck lächelte. »Das geht mir auch leichter von der Zunge.«

Das Ufer war erreicht. Auf der Terrasse des Wirtshauses brannten noch einige Lichter; die Tische standen leer; ein letzter Gast schäkerte zum Abschied mit der drallen Kellnerin.

Tassilo und Forbeck schritten über den mondhellen Landeplatz der Treppe zu. Plötzlich verhielt Graf Egge den Fuß. »Herr Forbeck! Diese unerwartete Begegnung mit Fräulein Herwegh scheint Sie überrascht zu haben. Ich möchte jeder Mißdeutung vorbeugen.«

»Sie kränken mich!« erwiderte Forbeck ernst. »Ich kenne Sie, Herr Doktor, und weiß, daß Fräulein Herwegh nicht nur eine gefeierte Künstlerin ist, sondern auch eine Dame, die keine Mißdeutung zu befürchten hat.«

»Ich danke Ihnen für dieses Wort. Und nun hab' ich doppelte Ursache zu sprechen, obwohl ich Sie aus zwingenden Gründen um Ihr Schweigen bitten muß. Sie sind der erste, der es erfährt. Fräulein Herwegh ist meine Braut.«

In herzlicher Bewegung streckte Forbeck die Hand. »So darf ich auch der erste sein, der Sie beglückwünscht.«

»Glück! Ja, Forbeck! Was sich ein Menschenherz an Glück nur träumen kann, das hab' ich gefunden. Und ich danke für Ihren Wunsch, denn ich weiß, er kommt aus ehrlichem Herzen. Es hat mich immer zu Ihnen hingezogen, Sie sind ein tüchtiger Mensch, und ich möchte den glücklichen Zufall festhalten, der uns heute zusammenführte. Wir wollen gute Freunde sein!«

Mit festem Druck umspannten sich ihre Hände; dann betraten sie die Terrasse.

Margaret, die Kellnerin, begrüßte wohl den »gnä Herrn Grafen« mit aller Dienstbeflissenheit, aber ihrem müden Gesicht war es anzumerken, daß ihr die beiden verspäteten Gäste keine Freude bereiteten. Die Auskunft, die sie zu geben wußte, war wenig tröstlich: die Küche geschlossen, das Faß auf der Neige. Forbeck mußte sich mit kaltem Braten begnügen, aber dazu fand sich eine gute Flasche Rheinwein. Das Gähnen überwindend, stäubte Margaret die Brotkrumen vom Tischtuch und zog sich in einen dunklen Winkel der Terrasse zurück, wo sie nach wenigen Minuten in unbequemer Stellung die bleischweren Lider schloß.

Über See und Ufer flimmerte der Mondschein, sacht rauschten die Bäume im lauen Wind, und mit dem Gewisper des Laubes mischte sich das leise Geplätscher des Wassers, das gegen die Pfähle der Schiffshütten schwankte und die angeketteten Boote bewegte.

Forbeck erzählte von dem Ergebnis seiner vierzehntägigen Studien. »Dieser Bergwinkel ist die reine Goldgrube. Und jetzt liegen noch zwei Wochen vor mir. Professor Werner soll Augen machen, wenn er meine Mappe sieht.«

»Ich wundere mich nur, daß er Ihnen so lange Urlaub gab!« sagte Tassilo lächelnd. »Er hängt an Ihnen wie der Baum an seinem besten Ast.«

Forbecks Augen leuchteten. »Werner liebt mich, mit dem Herzen des Künstlers, weil er an meine Begabung glaubt, weil er hofft, daß ein Teil seines Könnens in mir weiterleben wird. Das ist für mich ein glühender Sporn. Aber es bedrückt mich auch manchmal mit Angst. Wenn er sich täuschte in mir!«

»Aber Forbeck! Wie kommen Sie auf solche Gedanken? Gerade das Vertrauen, das Werner auf Sie gesetzt hat, sollte Ihnen Selbstbewußtsein geben. Er hat scharfe Augen für alles, was Talent heißt. Bei Ihnen ist er seiner Sache sicher.«

»Das halte ich mir manchmal vor und habe dann wieder Mut und Kraft. Aber jeder von uns, der es ernst meint mit seiner Kunst, kämpft den ewigen Kampf mit dem Drachen des quälenden Zweifels. Wenn meine Zweifel recht behielten, das wäre ein Unglück auch um Werners willen. Das wäre ein Riß in seinem Leben, ich beginge damit ein Verbrechen an ihm, noch schlimmer als Verrat und Undank eines Kindes. Er ist mir doch wirklich wie ein Vater. Was ich kann, was ich bin, alles verdanke ich ihm! Als ich noch Eltern hatte, war ich ein verlorenes Geschöpf. Unter seinen Händen bin ich ein neues Menschenkind geworden. Er darf und soll sich in mir nicht täuschen!«

»Da glaub' ich schon eher, daß Sie noch mehr erfüllen werden, als Werner sich von Ihnen verspricht!« Mit Wohlgefallen ruhte Tassilos Blick auf dem jungen Manne. »Aber er hätte Sie jetzt nicht von seiner Seite lassen sollen! In Ihnen sprudelt die Gärung. Ich kenne das. Ich hab' es jahrelang durchgemacht, bis ich die Ruhe fand. Aber ich war immer gewöhnt, allein mit allem fertig zu werden. Das ist bei Ihnen nicht der Fall. Sie hatten immer den erfahrenen, treuen Freund bei der Hand. Da mag jetzt in der Einsamkeit etwas in Ihnen erwacht sein, etwas Neues, halb noch Unbewußtes –«

»Etwas Neues?« Nachdenklich schüttelte Forbeck den Kopf.

»Es ist so. Das rumort jetzt in Ihnen, und unwillkürlich fühlen Sie, daß Ihnen Werner fehlt mit seinem Rat und seinem beruhigenden Lächeln.«

»Sie kennen dieses Lächeln? Nicht wahr, das ist merkwürdig! Wenn er so lächelt, das redet wie ein Buch.«

»Eine Kunst, die sich bitter lernt! Es war gewiß keine heitere Geschichte, hinter der ihm nichts anderes verblieb als dieses Lächeln. Werner ist Junggeselle geblieben, er muß eine schwere Enttäuschung erlebt haben.«

Forbeck lehnte sich tief atmend zurück. »Nein, das glaube ich nicht. Er ist völlig aufgegangen in seiner Kunst. Hätte er geliebt – ein Mann wie er wäre nicht getäuscht worden. Er ist einer von jenen Seltenen, die man lieben muß, heiß und treu!«

Eine Pause entstand.

»Wo ist Werner jetzt?« fragte Tassilo.

»In München. Er macht die letzten Striche an seinem Bild für die Berliner Ausstellung. Herrgott, wird das wieder eine Arbeit! Ich glaube, er hat mich nur fortgeschickt, weil ich ganz verzagt wurde, sooft ich vor dieser Leinwand stand. Gestern schrieb er mir. Er hofft in vierzehn Tagen fertig zu sein. Dann kommt er, und wir reisen.«

»Wohin?«

»Italien!« Es war aus Forbecks Augen zu lesen, was er mit diesem einen Worte sagen wollte.

Tassilo lächelte. »Sie kennen Italien noch nicht?«

»Nein! Und wenn ich mir denke, daß ich in vier Wochen dort unten sitze – sehen Sie mich nur an: ich muß die Fäuste auf die Rippen drücken, denn ich glaube, mir geht bei diesem Gedanken die ganze Bude da drin aus dem Leim. Und ich weiß nicht – es kommt mir vor, als hätte ich diese brennende Erwartung noch nie so gewalttätig empfunden wie heute, gerade jetzt!« Er sah hinaus in das Geflimmer der stillen Mondnacht. »Es ist doch möglich, daß Sie recht haben: mit dem Neuen! Für unsereinen ist so was immer wie ein großes Ereignis, wie eine Offenbarung: ich habe heute ein Bild gefunden! Keine Studie, kein Motiv, nein, ein Bild!« Er griff mit den Händen in die Luft und schloß die Finger, als wollte er gewaltsam fassen, was ihm vor der Seele stand. »Ein Bild! Unglaublich schön! Wenn ich das fertigbringe, wie ich es sehe, dann wir Werner mich küssen. Das hat er noch nie getan. Über ein ›Brav, mein Junge!‹ oder über einen Klaps auf die Schulter ist er in seiner Anerkennung noch nie hinausgekommen. Aber wenn ich das fertigbringe, das! Dann, ja!«

»Sie machen mich neugierig. Wo haben Sie den Vorwurf gefunden?«

»Da drüben, wo Sie mich in Ihr Boot nahmen, bei der Klause. Schon die Felswand mit dieser stein- und holzgewordenen Romanze! Das allein ist schon eine Hochzeit von Farbe und Stimmung.« Forbeck gewahrte in seinem Eifer der Schatten nicht, der über Tassilos Züge ging. »Und dazu dieser ganze Rahmen, diese Luft, die Natur in einem Augenblick, in dem sie sich mit ihren stärksten Mitteln in Szene setzt! Aber ich kann Ihnen nicht schildern, was ich meine. Dazu reichen Worte nicht aus. Es war wie ein Wunder. Schon als das Gewitter begann – dieses nervöse Gezitter von Licht und Schatten, halb noch blendender Glanz, halb schon ein stumpfes Erlöschen aller Farben. Und nun mitten hinein in dieses ängstliche Gefunkel aller Töne der erste Windstoß und der erste Regenguß, zerrissen in graue flatternde Schleier und Bänder – ein Bild, ein Bild! Und dazu fällt mir noch die einzig mögliche Staffage wie vom Himmel herunter. Das heißt, was ich gesehen habe, reicht für sich allein nicht aus, so schön es war! Es wäre für sich allein nicht verständlich. Aber ich weiß bereits, was ich dazuwerfe.«

Mit beiden Händen machte Forbeck freien Platz vor such und begann mit dem Finger unsichtbare Linien auf das Tischtuch zu zeichnen. »Hier, zwischen der Klause und dem Wetterbach, den ich näher gegen die Klause rücke, damit der Baum, der sich über den Bach geworfen, die Mitte des Bildes bekommt – hier also, hier auf dem Rasen – wissen Sie, Doktor, so ein saftiges Grün, aus dem jede andere Farbe herausspringt wie ein Licht – hier auf dem Rasen denk' ich mir ein konfuses Häuflein Menschen, Sommergäste und Schiffer, mitten im lustigen Picknick. Und da kommt nun das Gewitter, plötzlich! Wie das alles aufspringt, rennt und stolpert, um die Klause zu gewinnen, halb in Lustigkeit und halb in Angst! Wie da die Farben und Linien durcheinanderwirbeln! Und drüben über dem Wetterbach kommt eine kleine Touristengesellschaft über den steilen Weg heruntergehastet, Männer und Frauen –«

»Ich sehe das Bild!« fiel Tassilo ein, »wie es lebt und redet!«

»Ein paar von den Leuten stehen schon am Ufer des Wildbaches, ratlos – nirgends eine Brücke, nur dieser einzige Baum! Es fängt schon zu gießen an. Nur hinüber! Aber wie! Und sehen Sie, Doktor, hier ist der Baum, und da hab' ich einen Jäger, eine Figur, wie vom Gott am Sonntag geschaffen. Das ist der einzige, der Hilfe weiß, freilich nur Hilfe für eine einzige: für ein junges Mädchen. Und dieses Mädchen, Doktor! Das ist Jugend, Frühling! Und das wird der Kern in meinem Bild: hier, auf dem schwankenden Baum mein Jäger, bei jedem Schritt mit dem Stürzen kämpfend und auf seinem Arm das Mädchen, das zwischen Lachen und Angst den Hals des Jägers umklammert – ein Bild, Doktor, ein Bild! Aber das sehen Sie nicht aus meinen Worten, das muß ich Ihnen zeigen –«

Forbeck zerrte die Lederriemen auf, mit denen seine Malgeräte zusammengeschnürt waren, und legte das Skizzenbuch aufgeschlagen vor Tassilo hin.

»Sehen Sie! Nur ein paar Linien für mein Gedächtnis – aber man fühlt doch, was da an malerischem Reiz herauszuholen ist. Und das setz ich mitten in mein Bild. Sehen Sie, dieses Köpfchen, dieser zarte Schwung in der Halslinie! Und wie dieses Kleidchen fließt, ganz weiß! Das wird in meinem Bild das stärkste Licht. Die Hauptsache.«

Lächelnd hob Tassilo die Augen zu dem glühenden Gesicht des jungen Künstlers. »Und das haben Sie heut gesehen? Das da?« Er tippte mit dem Finger auf das Blatt.

»Wahrhaftig! Und da begreifen Sie doch, daß sich das entzückende Bild dieser beiden Menschen an meine Seele hängen mußte wie mit Klammern! Ich seh es noch immer! Freilich, wenn erst die richtige Arbeit beginnt, wird es mit meinem Gedächtnis nicht mehr klappen. Ich muß die beiden wiederhaben, wenn auch nur für einige Stunden! Der Jäger ist mir sicher. Aber dieses Mädchen –« Forbeck zögerte. »Es muß mit diesem Mädchen eine merkwürdige Bewandtnis haben. Ich verstehe verschiedenes nicht.« Nachdenklich strich er mit der Hand über die Stirne und sprach dann hastig weiter. »Aber vielleicht können Sie mir raten. Sie müssen doch das Dorf und seine Leute kennen, also auch dieses Mädchen?«

»Ich glaube fast.«

»Ihr Vater ist hier ansässig, ein Förster oder Waldaufseher.«

Tassilo lachte. »Waldaufseher?«

»Ich hab' ihn irgendwo da droben kennengelernt. Ein Typus! Ein ganz origineller Kauz!« Forbeck blätterte im Skizzenbuch. »Sehen Sie, das ist er!«

Tassilo betrachtete das Blatt. »Ja! Aufs Haar getroffen!« Dann hob er die Augen. »Mein Vater!«

»Ihr Vater auch!« stotterte Forbeck. »Der Mann in dieser abgeschabten, geflickten Joppe hat doch ausgesehen wie –«

»Mein Vater findet ein Vergnügen daran, auf der Jagd so echt auszusehen wie der ärmste seiner schlecht bezahlten Jäger.«

Forbeck griff sich an den Kopf. »Das muß ein Irrtum sein! Ich hab' ihn doch auch sprechen hören. Den da! Und er hat auch den Taler genommen, den ich ihm für die Sitzung gab.«

»Das sieht ihm ähnlich! – Ja, Forbeck, daran ist nichts zu ändern, das ist mein Vater. Ihr Jäger ist unser braver Hornegger-Franzl. Und das ›starke Licht‹, die ›Hauptsache‹ – nicht wahr, so sagten Sie doch? – das ist meine Schwester Kitty.«

Forbeck griff nach der Stuhllehne, Bestürzung in Blick und Zügen.

»Weshalb erschrecken Sie?« fragte Tassilo verwundert. »Ach so, ich verstehe! Sie denken an Ihr Bild und fürchten, daß Ihnen meine Schwester einen Strich durch Ihre schönen Pläne machen könnte? Vorerst keine unnütze Sorge, lieber Freund! Ich kann Ihnen zwar keine Zusage geben, aber ich will mit meiner Schwester sprechen. Ihr Bild muß gemalt werden, Professor Werner soll seine Freude haben.« Tassilo erhob sich. »Margaret!« Er wandte sich wieder an Forbeck. »Erlauben Sie, daß ich bezahle, als Revanche für den Taler. Mein Vater hat sich einen Scherz auf Ihre Kosten gemacht. Ich vermute, daß er mit Ihrem Taler seinen Büchsenspanner beglückte.«

Forbeck nickte zerstreut und schnürte mit zitternden Händen seine Geräte zusammen.

Schweigend verließen sie die Terrasse und schritten in den Mondschein hinaus.

»Warum sind Sie plötzlich so still geworden?« fragte Tassilo.

»Ich? Still? Eigentlich hab' ich Ursache, froh darüber zu sein, daß sich dieses – dieses originelle Mißverständnis auf so einfache Weise gelöst hat. Ich glaube, die Sache hätte mir zu denken gegeben. Aber jetzt – ich bitte Sie nur, mich bei Ihrer Schwester zu entschuldigen, wenn ich vor ihr vielleicht in etwas unpassender Weise über – über den Kopf in meinem Skizzenbuch gesprochen haben sollte.«

»Mein Vater hat einen Kopf, der sich mit feinen Strichen nicht schildern läßt. Auch scheint meine Schwester die Sache nicht ernst genommen zu haben, sonst hätte sie mir gegenüber nicht geschwiegen. So was gleicht man persönlich am leichtesten aus. Wollen Sie morgen in Hubertus mit uns speisen? Ohne jede Förmlichkeit. Um ein Uhr. Und nun gute Nacht für heute! Wir haben verschiedene Wege.«

Während Tassilo sich entfernte, blieb Forbeck wie angewurzelt auf der gleichen Stelle. »Was hab' ich denn nur?« Er schob den Hut zurück und wanderte langsam durch die stille Nacht. Immer hastiger wurde sein Schritt, fast wie Flucht, so daß ihm der Schweiß auf der Stirne stand, als er das Bauernhaus erreichte, in dem er wohnte. Eine Stimme weckte ihn aus seinem Brüten.

»Guten Abend, Herr!«

Von der Hausbank erhob sich die magere Gestalt eines Bauern, hemdärmelig, in kurzer Lederhose und mit nackten Füßen. Er mochte ein paar Jahre über vierzig zählen. Der Mondschein fiel über das harte, von tiefen Furchen durchrissene Gesicht, ließ im schwarzen Bart die ergrauten Haare wie silberne Fäden schimmern und gab den Augen einen scharfen Glanz.

Die offene Haustür gähnte schwarz, und nur ein matter Lichtschein drang aus den kleinen, vom vorspringenden Dach überschatteten Fenstern. Aus der Stube hörte man das Weinen eines Kindes und den Gesang einer linden Mädchenstimme:

»Schlaf, Kindchen, schlaf,
Da draußen gehn die Schaf,
Die schwarzen und die weißen,
Die tun mein Kindele beißen,
Schlaf, Kindele, schlaf,
Da draußen gehn die Schaf.«

Das Liedchen fing immer wieder von vorne an und nahm kein Ende.

»Guten Abend, Herr!« wiederholte der Bauer, als Forbeck an ihm vorüber wollte.

»Sie sind noch auf, Bruckner? So spät?«

»Ich hab auf Ihnen gwart'.«

»Auf mich? Weshalb?«

Was der Bauer sagen wollte, schien ihm schwer von der Zunge zu gehen. »Müssen S' es net verübeln! Beim Einzug is ausgmacht worden, daß die ander Hälft vom Zins am End vom Monat zahlt wird. Aber wie's halt geht. Es schaut a bißl knapp aus bei mir. Was Kranks im Haus, dös reißt am Geldsack grad so wie am Herzen. Und da möcht ich halt bitten –«

»Gerne, lieber Bruckner! Kommen Sie nur mit hinauf, dann machen wir die Sache gleich ab.«

»Vergeltsgott, Herr!«

Der Bauer schien wie verwandelt, sprang in die Haustür, und als Forbeck die Schwelle betrat, hatte Bruckner schon die Kerze angezündet, die für den Heimkehrenden auf der Treppe stand. Er nahm dem Maler den Studienkasten ab und leuchtete mit erhobener Kerze die Treppe hinauf.

Sie betraten eine geräumige, frisch geweißte Stube, deren habe Decke schräg gegen die Mauer fiel. Was Forbeck zur Wahl dieser Wohnung bewogen hatte, war nur das große Fenster gewesen, das fast die ganze Firstwand einnahm – hier hatte durch Jahre ein junger Holzschnitzer gewohnt. Neben dem Fenster stand eine Staffelei, die Forbeck vom Dorftischler hatte fertigen lassen. Ein paar Ölskizzen hingen an der Mauer, unter ihnen auch der charakteristische Kopf des Hausherrn mit tiefroten Gewandtönen um die Schultern, so daß man eine Apostelstudie zu sehen glaubte.

»Nur einen Augenblick, lieber Bruckner!« sagte Forbeck, nahm dem Bauer das Licht ab und trat in die anstoßende Kammer. Als er zurückkehrte, drückte er zwei Banknoten in Bruckners Hand.

»Aber Herr –« Der Bauer sah die Scheine an. »Da haben S' Ihnen verschaut um zwanzg Markln.«

»Das ist für den nächsten Monat. Ich bleibe. Ganz bestimmt!«

Der Bauer schloß die Faust über den knisternden Zetteln. »Das Stüberl taugt Ihnen, gelt?«

»Ja, Bruckner!«

»Seit d' Schwester daheim is, haben S' auch Ihr Sach schon in der Ordnung. D' Mali is a richtigs Leut.«

»Und wie geht es Ihrem Kind?«

Bruckners Stirn bekam dicke Runzeln. »Ich glaub', es schaut wieder besser aus! Es können doch net allweil die Dreschflegel über ein' herfallen. Ja, Herr, mei' Suppen hat saure Brocken ghabt im heurigen Sommer. Z'erst mei' gute Alte, Gott hab s' selig! Und kaum hat man d' Wachskerzen nimmer grochen im Haus, da fangt mir 's Kindl an!« Er stierte zu Boden, während er mit den Zehen einen Holzsplitter niederdrückte, der sich aus der Diele sträubte. »Nix für ungut halt! Und Vergelts Gott für alles!»Leise klappten seine nackten Sohlen, als er zur Tür ging.

Die hölzerne Treppe knarrte, und aus der Stube herauf klang das leise Weinen des Kindes und Malis singende Stimme:

»Schlaf, Kindele, schlaf,
Dein Vater is a Graf,
Dein Mutterl is im Himmelreich,
Schaut eim lieben Engel gleich,
Schlaf, Kindele, schlaf,
Dein Vater is a Graf!«

Forbeck schloß die Tür und riß das Fenster auf. Ein kühler Hauch floß in den schwülen Raum und machte die Kerze flackern.

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