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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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3

Langsam glitt der Nachen über den stillen See, der unter den sinkenden Schatten des Abends in tiefgrünen Farben spielte. Hinter dem Schifflein lagen die den halben See umziehenden Berge mit ihren schwarzen Fichtenwäldern, mit den grauen Wänden und den grünen Almen in der Höhe, auf denen noch helle Sonne lag. Am Ufer, dem der Nachen entgegensteuerte, sah man einen belebten Gasthof und eine Reihe weißer Villen, aus deren einer die Solfeggien einer herrlichen Altstimme und die Töne eines Flügels erklangen. Hinter den roten Dächern der Villen dehnte sich ein welliges Gelände mit den zerstreuten Häuschen und Gehöften des Dorfes. An ihre Gärten schloß sich, von einer roten Mauer umzogen, ein weitgedehnter Park, über dessen kugelige Ulmenwipfel sich das Dach und die Türmchen von Schluß Hubertus erhoben.

Von den Insassen des Nachens achtete niemand der Schönheit dieses Bildes, das nach dem reinigenden Gewitterregen in seinen Farben so frisch und so neu erschien, als wäre es eben jetzt aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen. Der alte Schiffer führte, im Spiegel des Bootes stehend, in gleichmäßigem Takt das Ruder; Franzl, der auf dem Schnabel des Schiffes ein nicht sehr bequemes Plätzchen gefunden, wischte mit dem Ärmel die Rostflecken von dem Lauf seiner Büchse; und Kitty saß, dem Stiftsfräulein den Rücken kehrend, in schmollendes Brüten versunken. Plötzlich erwachte sie. Franzl hatte sie leis auf das Knie getippt und flüsterte: »Schauen S' das alte Fräuln an!« Kitty blickte über die Schulter zurück und erschrak vor dem kummervollen Anblick, den Tante Gundi bot. Breit lag ihr das rote Doppelkinn auf dem schwer atmenden Busen, tiefe Furchen kreuzten die Mundwinkel, und über die welken Wangen, von denen auch die letzte Spur der Schminke geschwunden war, kollerten dicke Perlen. Waren es Schweißtropfen oder Tränen? Wohl beides zugleich. Aus dem zerfallenen Gesichte redete die Sprache eines tiefen, bedrückenden Schmerzes.

Das fühlte Kitty, und im Augenblick war ihr Groll vergessen. Hurtig schwang sie die Füßchen über das Brett und faßte die Hände des Fräuleins. »Tante Gundi! Was hast du?«

Die Kleesberg sah mit verstörten Augen auf, als hätte man sie bei einer bösen Tat ertappt. »Laß mich, du –« Sie wandte mit einem übelgelungenen Versuch von Würde das Gesicht und blickte krampfhaft ins Wasser, um ihre Tränen zu verbergen.

Kitty schwieg. Mit scheuer Sorge hingen ihre Augen an Tante Gundi, und im stillen begann sie sich Vorwürfe zu machen. Sie wußte sich freilich keiner anderen Sünde zu zeihen als der einzigen, daß sie in der begreiflichen Ungeduld, nach langer Trennung den Vater um eine Stunde früher zu sehen, die erste Ursache zu dem für Gundi Kleesberg so übel verlaufenen Abenteuer gegeben hatte. An allem anderen war sie schuldlos. Alles andere war gekommen – sie wußte selbst nicht wie!

Knirschend fuhr der Nachen an das Ufer. Kaum hatte die Kleesberg festen Fuß unter sich, und kaum gewahrte sie die Gruppen der Schiffer und Sommergäste, da hatte sie ihre verlorene Fassung wiedergefunden. Der Seewirt, der die zum Schloß Hubertus gehörige Fischerei in Pacht hatte, kam gerannt, um den »gnädigen Damen« seine Aufwartung zu machen. Kitty reichte ihm freundlich die Hand, Gundi Kleesberg rauschte an ihm vorüber, mit dem Aplomb einer Königin, deren Würde mehr in die Breite ging als in die Höhe.

Franzl schwang die Büchse auf den Rücken und wanderte davon. Bald verstummte hinter ihm der Lärm des belebten Ufers, und zwischen Haselnußstauden ging sein Weg über stille Wiesen. Ein paar hundert Schritte trennten ihn noch von seinem Haus. Nun führte der Fußweg gegen einen hohen Zaun, bei dem ein paar rohgezimmerte Stufen den Überstieg erleichterten; und drüben lag ein schmaler, von zwei tischhohen Bretterplanken eingefaßter Pfad.

Da hörte Franzl über den Zaun her eine Männerstimme – sie redete jene zweifelhafte Bauernsprache, die der Jäger manchmal in den Sennhütten von jungen Touristen zu hören bekam – und ihr erwiderte eine zornige Mädchenstimme: »Aus'm Weg, du!«

Neugierig drückte Franzl die Haselnußzweige auseinander und gewahrte einen kniemageren Touristen, dessen Rucksack, Joppe und Lederhose an diesem Tage wohl zum erstenmal die Berge erblickt hatten; quer in den Händen hielt er einen wahren Baum von Bergstock, mit dem er einem jungen, schmucken Mädel den schmalen Pfad verlegte.

»'s Zollheben is 'n alter Brauch,« erklärte der kühne Wegelagerer in seinem zweifelhaften Dialekt, »und drum so i dir, du saubers Diandl, du kommst mir nit ummi, eh du nit dein Zoll zahlt hast.«

»Gehst aus'm Weg?«

»Nit um die Welt. Da müßt ich woltern erscht von dein süßen Göscherl mein Bussarl haben! Und wann du's nit gern gibst –«

Da griff das Mädel mit zwei gesunden Fäusten zu. »Wart, dir gib ich a Bußl, du Zibebenkramer!« Zuerst machte der Bergstock einen Purzelbaum, dann sein Besitzer; die morsche Bretterplanke krachte, und hinter ihr verschwand der besiegte Ritter, daß für eine kurze Weile nur noch seine frisch genagelten Schuhe zu sehen waren.

Das Mädel wischte die Hände über die Hüften, näherte sich dem Überstieg, hörte das Gelächter des Jägers und gewahrte über dem Zaunrand sein braunes Gesicht mit den lustigen Augen, die in Wohlgefallen an ihr hingen.

Franzl erkannte sie nicht, sie mußte eine Auswärtige sein. Das gestrickte braune Leibchen, das die Brust und die runden Arme knapp umschloß, und die weiße Halskrause – das war fremde Tracht. Aber woher auch immer, sie war in einer Luft gewachsen, die gesund und sauber macht. Und wie gut der halbverrauchte Zorn zu ihrem frischen, sonnverbrannten Gesichte stand, zu den blaugrauen Augen und der festen Stirn, über der die blonde Haarkrone sich so bedenklich verschoben hatte, daß die schweren Zöpfe zu fallen drohten.

Der erste Blick, den sie auf den Jäger geworfen, war kein sonderlich freundlicher gewesen. Sie schien eine neue Wegsperre zu befürchten. Doch sein Lachen wirkte ansteckend, und sie lachte mit.

»Madl! Den hast bös auszahlt.«

»Wie's ihm ghört hat! So a Grashupfer! Aber z'erst, da bin ich aber bißl erschrocken.«

»Hättst kein Kummer net haben brauchen. Wann's gfehlt hätt, wär schon ich bei der Hand gwesen.«

Sie nickte ihm freundlich zu. »Vergeltsgott! Aber es hat's net braucht. Der hat net amal 's Schneidergewicht. Den muß man mit Schmalz einreiben, daß er fett wird. Wo is er denn?« Sie guckte über die Schulter; als sie den Pfad noch immer leer sah, meinte sie besorgt: »Er wird doch nit ungut gfallen sein?«

»Gott bewahr! Grad rappelt er sich in d' Höh!«

Hinter der geknickten Bretterplanke erschien der grasgrüne Spitzhut mit der trauernden Hahnenfeder.

»No also!« Mit diesem Wort schien die Sache für sie erledigt. An dem Gezweig eine Stütze suchend, stieg sie auf die Kante des Zaunes, faßte die Hand, die ihr der Jäger reichte, und sprang zu Boden.

»Bhüt dich Gott, Jager!« grüßte sie lächelnd.

»Bhüt dich Gott auch!«

Sie schritt davon, und Franzl sah ihr betroffen nach. Nun plötzlich, an ihrem Lächeln, war ihm etwas aufgefallen; er mußte sie schon einmal gesehen haben.

Nach wenigen Schritten blieb sie stehen und sah sich um. Die Augen der beiden trafen sich, und eines schien dem andern sagen zu wollen: »Mir scheint, ich müßt dich kennen!«

Aber sie schwiegen, und das Mädel ging; hinter den Haselnußstauden verschwand es; nur ein paarmal leuchtete zwischen dem Grün noch die weiße Schürze.

Franzl schob von hinten den Hut in die Stirn; das tat er immer, wenn er zu denken hatte. Dann stieg er über den Zaun und folgte dem eingeplankten Pfad. Hinter den Brettern sah er den traurigen Ritter stehen, der ratlos einen handbreiten Riß in seiner neuen Lederhose musterte. Lachend streckte Franzl die Hand über die Planke und klopfte ihm auf die Schulter. »Ja, Mannderl, bei uns kosten die Busserln Hosenfleck! In der Stadt sind s' billiger.«

Nach kurzem Weg erreichte der Jäger sein Heimwesen, ein freundliches Haus mit frisch geweißter Mauer und grünen Fensterläden, Hofraum und Garten mit Sorgfalt gepflegt, der ganze Besitz von einem hohen Staketenzaun umschlossen. Als Franzl das Pförtchen öffnete, erhob sich von einem der Gartenbeete eine alte Frau mit stillen Augen und weißem Faltengesicht, das von dem grauen, tief in die Schläfe gekämmten Haar wie von einer verblaßten Haube umrahmt war.

»Grüß dich Gott, Bub!«

»Grüß Gott, Mutter! Wie geht's allweil?«

»Es tut's. Und dir? Is dir's allweil gut gangen am Berg?«

»Am Berg? Da droben geht's eim allweil gut!« lachte Franzl.

Seine Mutter schien ein feines Ohr zu haben. Dieses Lachen klang nicht wie sonst. Und die Liebe in Menschen, die Unglück erfuhren, ist immer furchtsam. Forschend hingen die Augen der Försterin an ihrem Sohn. »Franzl? Hat der Herr Graf wieder gscholten? Oder fangt der Schipper seine scheinheiligen Gschichten wieder an?«

»Gott bewahr! Nix, gar nix! Mußt dir denn allweil Sorgen machen, wo keine sind?« Er faßte die Hand der Mutter und streichelte die welken Finger. »Geh, du Sorgenhaferl, du alts!«

Die Horneggerin, wenn einmal eine Sorge in ihr wach geworden, war so leicht nicht wieder zu beruhigen. »Warum kommst denn heim? Mitten unter der Woch?«

»Treiber muß ich bstellen, der Herr Graf will riegeln. Und was ich fragen will, Mutter – is bei uns net grad a Madl vobeigangen?«

»Ja. Warum fragst? Hast es nimmer kennt? Bist doch mir ihr in d' Schul gangen! Die Bruckner-Mali!«

»Die Maaali?« Der Name hing ihm an der Zunge wie ein zehnsilbiges Wort. Daß er aber auch die Mali nicht gleich erkannt hatte! Als Kinder waren sie unzertrennlich gewesen, bis im Försterhaus das blutige Unglück Einkehr hielt, vor vierzehn Jahren. Da war der Bub durch Wochen nicht von der Seite der Mutter gewichen; und als er eines Abends die kleine Freundin wieder suchte, war sie verschwunden. Eine ältere Schwester, die in eine weit entfernte Ortschaft geheiratet, hatte das Mädel zu sich genommen. Und jetzt war die Mali wieder heimgekehrt? Sie hatte sich sauber ausgewachsen! Und weshalb sie gekommen war, das meinte Franzl zu erraten. Dem Bruckner, ihrem Bruder, war das Weib gestorben, er hatte drei Kinder, Not und Krankheit in der Stube. Da waren ihm zwei gesunde Arme zur Hilfe mehr als nötig. Und daß die Mali zwei feste Arme besaß, davon hatte Franzl sich vor einem Viertelstündchen zur Genüge überzeugt – er und noch ein anderer!

»Die Mali! Jetzt is dös gar die Mali gwesen!« Mit vergnügtem Schmunzeln schüttelte Franzl den Kopf und folgte der Mutter ins Haus.

Der Abend sank, und aus den Wiesen begann ein dünner Nebel zu dampfen, der sich gleich einem weißen Schleier über die Haselnußstauden aller Pfade legte. –

Noch vor Einbruch der Dämmerung hatten auch Kitty und Tante Gundi das Parktor von Schloß Hubertus erreicht. Auf dem ganzen Wege hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Als aber Gundi Kleesberg die Hand nach der Torklinke streckte, verstellte ihr Kitty den Weg.

»Tante Gundi? Bist du mir böse?«

»Ach, Kind!« Die Kleesberg umschlang mit beiden Armen das Mädchen und küßte ihm die Wange so zärtlich, wie nur eine bekümmerte Mutter ihr Kind zu küssen vermag. »Wie kann ich dir böse sein? Ich hab' dich lieb. Und habe nur dich. Wir beide brauchen uns. Ich bin deine Mutter, du bist mein Kind!«

Sie betraten den Park, und klirrend fiel hinter ihnen das hohe, schmiedeeiserne Tor ins Schloß. Es hallte unter den Bäumen, und ein ungestümes Flattern und Gerüttel ließ sich vernehmen.

Eine breite Allee, von alten Ulmen halb überdacht, führte in gerader Linie zum Schlosse. Blumenduft und Heugeruch erfüllten die Luft. Inmitten der Allee weitete sich ein großes Kiesrondell, auf dem sich ein mächtiger, aus Eisenstangen und grobem Drahtgeflecht gebildeter Käfig erhob. Er barg die sieben Steinadler, die Graf Egge im Laufe mehrere Jahre als halbflügge Vögel aus ihren Nestern gehoben. Während Kitty und Tante Gundi vorüberschritten, begann im Käfig ein grauenhaftes Spektakel. Gleich schwarzen Schatten huschten in der Dämmerung die aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Adler durcheinander; fauchend und mit gellenden Schreien warfen sie sich gegen das Drahtgeflecht und rüttelten an ihrem Kerker; unter dem Klatschen der Flügelschläge hörte man das Knirschen des Drahtes, wenn die scharfen Fänge in das Flechtwerk griffen.

Tante Gundi beeilte sich, an dem Käfig vorüberzukommen. »Eine merkwürdige Liebhaberei, das!« grollte sie. »Dieser Aasgeruch, mitten zwischen den Rosenbeeten! Pfui!«

Kitty schwieg; diese Vögel waren eine Freude ihres Vaters, eine lebendige Trophäe seines kühnen Jägermutes.

Aus dem Schlosse fiel schon der Lichtschein einzelner Fenster in die Allee. Nun zeigte sich ein weiter, fein besandeter Platz mit Blumenbeeten, exotischen Gewächsen und einer plätschernden Fontäne, von deren hohem, gleich mattem Silber leuchtenden Strahl ein feiner Staubregen gegen die finsteren Bäume dampfte. In der Tiefe des Platzes erhob sich Schloß Hubertus, eine Mischung von gotischem Kastell und moderner Villa. Man sah es auf den ersten Blick: hier wohnte ein großer Jäger vor dem Herrn. Über jedem Fenster war ein mächtiges Hirschgeweih an der Mauer befestigt – eine Sammlung, anzusehen wie eine riesige, die Geweihbildung aller Hirschgattungen demonstrierende Wandtafel; hier hing der konfuse Hauptschmuck des lappländischen Renntiers, die wuchtige Schaufel des schwedischen Elchs, der stämmige Schlag der böhmischen Wälder, das Zentnergeweih des amerikanischen Wapiti, der Urhirsch aus der Bukowina, das massige Kronengeweih des Bakonyerwaldes, die gefingerte Schaufel des Dambockes, der weichlich gezeichnete Hauptschmuck des gefütterten Parkwildes und das schlanke, schön verästelte Geweih des stolzen Edelhirsches der deutschen Berge. Jede dieser Trophäen hatte Graf Egge auf seinen Jagdreisen mit der eigenen Kugel gewonnen, unter jedem der Geweihe war ein weißes Täfelchen angebracht, auf dem die Heimat des Hirsches und der Tag verzeichnet standen, an dem das Wild gefallen.

Jetzt verschleierte tiefe Dämmerung diese stolze Jägerchronik, und wie ein Gewirr von dürren Ästen starrten die hundert Enden aus der Mauer.

Lichtschein fiel aus der offenen Tür über die steinerne, von wildem Wein und Jerichorosen umrankte Veranda, zu der drei breite Stufen emporführten.

Als Kitty und Tante Gundi die Veranda betraten, kam ihnen ein junger Diener entgegen, der sich besorgt erkundigte, ob die Damen nicht ins Gewitter geraten wären.

»Nein, Fritz,« sagte Kitty, »wir kommen trocken nach Hause. Wo ist mein Bruder?«

»Der Herr Graf arbeiten in seinem Zimmer.«

Durch einen breiten Flur, dessen Wände von den Steinfliesen bis zur Decke mit Jagdtrophäen aus aller Welt bedeckt waren, eilte Kitty zur Treppe. Auch hier im Treppenhaus wie in den Korridoren des oberen Stockes hing Geweih neben Geweih an allen Wänden.

Kitty öffnete eine Tür und schob das Köpfchen durch den Spalt. »Stört man nicht?«

»Komm nur!« erwiderte eine ruhige Männerstimme.

Das matte Licht einer mit chinesischem Schirm bedeckten Studierlampe füllte den nicht allzu großen, einfach möblierten Raum. Bücher, Zeitungen und Broschüren lagen, da es an Schränken fehlte, überall umher, auf dem Tisch, auf allen Stühlen. Der große Schreibtisch war von einem Ringwall dicker Bände umzogen, so daß für Lampe, Tintenzeug und Aktenmappe nur ein kleiner Raum verblieb. Man glaubte sich in dem Zimmerchen eines fleißigen Studenten zu befinden, der vor dem Examen steht. Aber Graf Tassilo, Kitty ältester Bruder, hatte die Schuljahre längst hinter sich.

Er nahm den Schirm von der Lampe und erhob sich: eine schlanke, vornehme Gestalt mit einem energischen Kopf, einem scharfgeschnittenen Gesicht und einem Knebelbart, wie König Ludwig II. ihn zu tragen pflegte. Die Härte der Züge, die Tassilo vom Vater hatte, wurde gemildert durch den ruhigen Glanz der Augen, die den Augen der Schwester glichen. Man konnte lesen in diesem Gesicht und Blick: da steht ein Mensch, der mit sich im klaren ist und weiß, was er will; eine starke, zähe, an Arbeit und Selbstbeherrschung gewöhnte Natur mit warm fühlendem Herzen. Aber es mochten schwere Kämpfe gewesen sein, in denen er das sichere Gleichgewicht des Lebens gewonnen; das verriet die tief eingeschnittene Furche zwischen den Brauen. Graf Tassilo stand im dreißigsten Jahr, doch hätte man ihn wohl um einige Jahre älter geschätzt.

Herzliches Wohlgefallen leuchtete beim Anblick der Schwester aus seinen Augen. Wie das lichte Figürchen auf ihn zugeflattert kam, das war auch, als wehte ein frischer Frühlingshauch in die ernste Stube. Kitty umschlang den Bruder. »Guten Abend, Tas!«

Lächelnd hielt er sie fest und streichelte ihr Haar. »Nun? Ist Papa gekommen?«

Sie hob wie in unbehaglichem Empfinden die Schultern.

Ein Schatten ging über das Gesicht des Bruders. Er gab die Schwester frei und ließ sich nieder. »Ich hätt' es dir voraussagen können. Aber ich wollte deine Freude nicht stören. Möglich wär' es ja doch gewesen –«

»Nein, ganz unmöglich!« fiel Kitty ein, als hätte sie das Bedürfnis, ihren Vater zu verteidigen. »Er konnte nicht kommen, absolut nicht! Franzl hat es mir gesagt. Weißt du, Tas, da droben steht irgendwo ein ganz fabelhafter Gemsbock. Papa muß ihn haben!«

»Natürlich! Ein Gemsbock!« Als wollte er über das Thema wegkommen, sagte er mit veränderter Stimme: »Ich habe mich gesorgt um dich. Wo wart ihr, als das Wetter kam?«

»Droben im Wald, trocken und sicher, in der Wildscheune.« Sie begann zu erzählen und fand ihre Laune wieder. Drollig schilderte sie Tante Gundis Verzweiflung, das Erscheinen des Jägers und ihren Niederstieg zum Wetterbach – »ganz à la Paul et Virginie!« Dann verstummte sie, als wäre das Abenteuer zu Ende. Lächelnd beugte sie sich über den Schreibtisch und begann in den aufgeschlagenen Akten zu blättern. »Und du, Tas? Du hast natürlich wieder mit den Ellbogen zwei Löcher in deinen Schreibtisch gebohrt und den herrlichen Abend versäumt. Über was grübelst du schon wieder?«

»Ich sammle das Material zu einer Verteidigung.«

»Wohl ein sehr interessanter Fall?«

»Für mich, gewiß.«

»Um was handelt es sich? Um einen Unschuldigen?«

»Nein, Kind, um einen Gewohnheitsdieb.«

»Aber Tas!« Erschrocken hingen Kittys Augen an dem ernsten Gesicht des Bruders. »Wie kannst du dich mit einem solchen Menschen befassen? Du! Mit einem gemeinen Verbrecher!«

»Ein Verbrecher? Ja. Aber noch mehr ein Kranker. Ich hoffe, daß er zu heilen ist.«

»Davon laß nur Papa nichts merken.«

»Er sorgt dafür, daß mir die Gelegenheit fehlt.«

»Wenn er es aber doch erfährt, was wirst du ihm sagen?«

Tassilo streifte mit der Hand über Kittys Scheitel. »Nichts.«

»Ja, Tas, das wird wohl das beste sein. Widerspruch verträgt er nicht. Und ich bin überzeugt, daß er dir die letzte Geschichte vom Frühjahr noch immer nicht vergessen hat. Es war aber auch ein netter Streich!«

»Meinst du?«

»Ein Graf Egge-Sennefeld! Und verteidigt einen auf frischer Tat ertappten Wilddieb! Na, erlaube mir, Tas –«

Er klopfte sie mit beiden Händen auf die Wangen und sagte, wie man zu einem Kinde spricht: »Dir erlaube ich alles.«

Ein Diener erschien in der Tür: der Tee stünde bereit.

Tassilo nahm einige Zeitungen vom Schreibtisch und reichte seiner Schwester den Arm.

Das Speisezimmer lag zu ebener Erde; ein großer, wenig behaglicher Raum, dem es anzumerken war, daß er die längste Zeit des Jahres leer stand. In der Mitte der lange Tisch, mit grünem Tuch überspannt und nur zur Hälfte weiß gedeckt. Auf jeder Seite der Flurtür stand eine altertümliche Kredenz, und geschnitzte Holzbänke mit verblaßten Kissen zogen sich rings um die Mauern. Wände und Decke waren mit gebräuntem Lärchenholz getäfelt. Die Luft des Zimmers hatte einen leisen Geruch, der an die Apotheke erinnerte; er ging von den hundert präparierten Vögeln aus, die den Schmuck der Wände bildeten; dazwischen abnorme Rehgehörne und in silberne Zwingen gefaßte Eberzähne; an der Decke hingen, mit ausgebreiteten Schwingen, gegen zwanzig Adler, die sich sacht bewegten: von den zwei großen Moderateurlampen, die auf der Tafel standen, stieg die erhitzte Luft in die Höhe und staute sich unter den Flügeln. Eine offene Seitentür ließ in ein finsteres Zimmer blicken, darin die polierte Brüstung eines Billards funkelte.

Als Kitty auf der Tafel nur zwei Gedecke sah, fragte sie: »Fritz, wo ist Tante Gundi?«

»Das gnädige Fräulein haben sich zurückgezogen und haben Siphon und Eispillen verlangt.«

»Auch du Barmherziger! Jetzt hat sie wieder ihre Migräne!« Kitty lief davon.

Als sie nach ein paar Minuten zurückkehrte, berichtete sie kleinlaut: »Sie hat sich eingesperrt. Die Arme!«

Tassilo schien nicht zu hören; er hatte sich bereits bedient, und während er mit der Rechten in langsamen Pausen den Teelöffel oder die Gabel führte, hielt er mit der Linken die Zeitung unter die näher gerückte Lampe. Erst als Kittys Teller klapperte, schien er die Rückkehr der Schwester zu bemerken und wollte die Zeitung aus der Hand legen.

»Lies nur, Tas!«

»Wenn du erlaubst, ich finde untertags keine Zeit dafür.« Eifrig vertiefte er sich wieder in den unterbrochenen Artikel.

Eine stille Viertelstunde verrann. Kitty erhob sich. »Du arbeitest wohl nach Tisch?«

Tassilo zögerte mit der Antwort, und eine feine Röte erschien auf seiner Stirn. »Später, ja! Und du?«

»Was soll ich machen? Du hast Arbeit und Tante Gundi Migräne. Ich krieche ins Nest. Gute Nacht, Tas!« Sie küßte ihn, blieb vor ihm stehen und sagte seufzend: Tas, du bist alt geworden.«

»Meinst du?« Er lächelte, seltsam verträumt. »Ich bin der Meinung, daß meine Jugend erst begonnen hätte.«

Kitty lachte gezwungen. »Das ist riesig komisch! Jugend hat Rosengeruch. Du riechst nach Akten. Armer Tas! Na, gute Nacht!«

Sie wollte gehen; der Bruder faßte ihre Hand und hielt sie fest; seine Augen hatten Glanz, und ein bekennendes Wort schien auf seiner Zunge zu liegen; doch er lächelte wieder. »Gute Nacht – du Kind!«

Kitty schlich davon, bummelte durch den Flur, an dessen Wänden die wirren Schatten der vielen Geweihe leise zuckten, und stieg über die Treppe hinauf. Seufzend öffnete sie die Tür ihres Zimmerchens, tappte in die Finsternis und machte Licht. Der kleine Raum hatte ein freundliches Ansehen, ohne zu verraten, daß hier die Tochter eines Edelmannes wohnte, dessen Besitz nach Millionen zu zählen war. Graf Egge, der auf seinen Jagdreisen und Pirschgängen, wenn es eine seltene Beute zu machen galt, das Nachtlager auf blanker Erde nicht scheute, hatte auch seine Kinder nie verwöhnt; nur zur Hälfte aus Überzeugung, zur andern Hälfte aus einer Eigenschaft, für welche Sparsamkeit das mildeste Wort ist. Er knauserte in allen Dingen, die nicht die Jagd betrafen; seine drei Söhne hatten knapp bemessene Apanagen, aber seine Hirsche Winterfutter in Hülle und Fülle: aus Franken ließ er das saftigste Kleeheu kommen, aus Ungarn den besten Mais, aus der Maingegend die fettesten Kastanien.

Die billigen Stoffe für Kittys Stübchen, das man im vergangenen Sommer für den flügg gewordenen Klostervogel eingerichtet hatte, waren wohl aus der nächsten Stadt verschrieben; aber die Möbelgestelle hatte der Boottischler des Seewirtes angefertigt; und der Zauner-Wastl, der Dorfsattler – der übrigens den Ruf eines Universalgenies genoß und im Schloß Hubertus als eine Art Faktotum verkehrte – hatte die Polsterung übernommen. Die Sache war gar nicht so übel ausgefallen. Der weiße Leinenplüsch mit den mattblauen Streifen machte sich gut zu dem farblos polierten Lindenholz; dazu die lichte Tapete; das Stübchen sah aus wie frisch aus der Wäsche gekommen. Die Dielen waren blank, ohne Teppich; nur vor dem Bett lag eine graue Hirschdecke. Der Tisch, die Kommode, zwei Etageren und alle sonstigen verfügbaren Plätzchen waren dicht angeräumt mit zierlichem Kram, mit Kolonnen von Photographien in blinkenden Rähmchen, über die das größere, mit französischer Widmung beschriebene Bild der Soeur supérieure hinausragte wie die Hirtin über die kleine Herde.

Kitty wollte das offene Fester schließen. Draußen plätscherte die Fontäne, und das steigende Mondlicht fiel schon über die Baumwipfel. Sinnend blickte Kitty hinaus in dieses Gewirr von finsteren Schatten und dämmerigem Licht; statt das Fenster zu schließen, ließ sie sich auf einen Sessel sinken und lehnte sich mit beiden Armen über das Gesimse. Vor ihren träumenden Augen spann sich der Mondschein immer weiter, die Konturen des Laubwerkes mit einem schleierhaften Dunst überziehend. Die Nähe verschmolz mit der nebeligen Ferne in einen einzigen blaßgrauen Ton, so daß die weite Fläche der Wipfel mit den an den Park sich anschließenden Wiesen und Wäldern fast anzusehen war wie eine von mattem Zwielicht überwobene unabsehbare Heide.

Vor Kittys Gedanken belebte sich das Bild: verschwommen hob sich aus der Dämmerung ein verschlungener Pfad, rauh von Steinen, umwachsen von niederem Dorngestrüpp; und zwischen den Dornen lag entkräftet die Gestalt einer Genie, mit schmerzvollen Zügen, in Lumpen gehüllt und mit zerzausten Schwingen.

»Wie traurig!« zitterte es leis von Kittys Lippen. Sie war so tief in diese Erinnerung versunken, daß sie den Schritt nicht hörte, der unter ihrem Fenster langsam über den Kiesgrund ging und in der Ulmenallee verklang.

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