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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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20

In der Kruckenstube stand das Fenster offen. Die Frische des Morgens hauchte herein in den kleinen Raum, in dem die Stimme Kittys klang, eintönig und müde.

Sie saß neben dem Lehnstuhl und las ihrem Vater aus seinem Lieblingsbuche vor – aus Kobells Wildanger:

»In der Falzzeit ist der Auerhahn zuweilen sehr zerstreut, welches einige auch verrückt nennen, und manchmal kann man sich ihm am hellen Tage nähern und ihn mit aller Bequemlichkeit vom Baum schießen; ob aber die Zerstreutheit so weit geht, daß er, wie Fälle erzählt werden, auch ohne zu falzen, nach einem Fehlschuß aushalte und gleichsam auch sich »fleckeln« lasse, darüber kann ich nicht urteilen; bei den bayerischen Auerhähnen ist dergleichen meines Wissens nicht gebräuchlich.«

Graf Egge lachte mit verzerrtem Mund. »Recht hat er! Solchen Unsinn haben die Sonntagsjäger aufgebracht, die man hinauskarwatschen sollte aus Wald und Bergen.« Er scheuerte die rechte Hand an der Kante der Armlehne und spannte die Finger auseinander. Die ganze Zeit über, seit Kitty zu lesen begonnen, hatte Graf Egge immer mit dieser Hand zu schaffen; bald befühlte er mit der Linken das Gelenk und kratzte; bald schüttelte er die Hand, als wäre sie von Fliegen belästigt; bald schob er sie unter die Wildschur, um sie gleich wieder hervorzuziehen, als wäre ihm die Wärme unbehaglich.

»Was hast du, Papa? Fühlst du Schmerzen an deiner Hand?«

»Schmerzen? Ach, Unsinn! Nur so ein komisches Jucken. Lies weiter!«

Kitty nahm das Buch wieder auf. Immer matter klang ihre Stimme, und die Buchstaben schwammen ihr vor den Augen, so daß sie häufig stockte.

»Bist du müde, Geißlein?« fragte Graf Egge endlich.

»Nein, Papa!«

»Doch! Ich hör' es! Lege das Buch weg und geh ein bißchen in die Luft hinaus.«

»Laß mich bei dir bleiben!«

Graf Egge fühlte ihr Haupt an seiner Schulter, und wie ein Schimmer von Behagen ging es über seine zerfallenen Züge. »So bleibe! Es ist mir auch lieber, ich hab' dich bei mir. Aber das Buch leg' weg! Erzähl' mir ein bißchen von deiner Reise! Habt ihr Bekannte getroffen?«

Glühend flog es über Kittys bleiche Wangen. Durfte sie lügen? Ihre Stimme zitterte. »In Ravello trafen wir mit Professor Werner zusammen.«

»Wer ist das?«

»Ein Jugendfreund Tante Gundis.«

»Was soll mich der interessieren? Sonst habt ihr niemand gesehen?«

»Ja, Papa. In Professor Werners Begleitung war ein junger Künstler, der heuer in Berlin die goldene Medaille bekam. – Hans Forbeck –« Den Atem verhaltend, sah Kitty zu ihrem Vater auf.

»Forbeck? Forbeck?« Graf Egge runzelte die Stirn, als hätte er Mühe sich zu besinnen. »Den Namen muß ich doch schon gehört haben?«

»Du kennst ihn auch!« stammelte Kitty. »Im vergangenen Sommer trafst du ihn auf der Hochalm. Er hat dich gezeichnet.«

»Ach so? Der? Ein schlanker, netter Kerl mit gescheiten Augen? Den kenn' ich freilich!« Graf Egge nickte lächelnd vor sich hin. »Die Geschichte macht mir heut noch Vergnügen. Weiß er jetzt, wen er zeichnete? Damals hielt er mich für einen richtigen Jäger und hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ja, Geiß, in dem steckt was! Der hat einen Blick für das Echte. Und jetzt hat er die goldene Medaille bekommen? Das bedeutet wohl für einen Künstler soviel wie für einen Jäger der Blattschuß auf den Tiger? Was? Na, das gönn' ich ihm! Er war damals Feuer und Flamme für meine Joppe, für mein ganzes Gestell und für meinen ›wuchtigen Raßkopf‹, wie er sagte!« Graf Egge lachte. »Er ließ mir keine Ruh', ich mußte ihm sitzen. Und ich hab's auch gern getan. Ich sag' dir, Geiß, er hat meinen Kopf aufs Blatt geschmissen, daß ich dachte: Herrgott, der zeichnet, wie ich schieße. Und denk' dir: nach der Sitzung hat er mir einen Taler gegeben. Für so echt hat er mich genommen. Den Taler hab' ich heut noch. Da drin liegt er im Kasten. Und er freut mich doppelt: weil er das einzige Geld ist, das ich verdiente in meinem Leben, und weil er mich an diesen prächtigen Jungen erinnert. Ja, Geißlein, dem hab' ich gefallen. Und er mir auch!«

Kittys Atem flog. Wie ein Rausch der Hoffnung hatte es ihr Herz befallen. Das war die Stunde, in der sie sprechen durfte, sprechen mußte! »Vater – Vater –«

Betroffen hob Graf Egge das Gesicht und machte eine Wendung im Lehnstuhl; dabei stieß er mit der rechten Hand an den Knauf der Lehne. Unter stöhnendem Laut zog er den Arm zurück. »Herrgott! Das ist mir durch die Schulter bis ins Herz gegangen! Was ist denn nur das mit dieser verwünschten Pranke?« Er rieb an der Hand. »Sieh doch einmal her, Geißlein – hier am Gelenk muß es sein! Gestern hat mich das halb verendete Biest noch gekratzt. Die Klaue muß tiefer gegangen sein, als ich dachte.«

Aus allem Taumel ihrer Hoffnung gerissen, beugte Kitty das erblaßte Gesicht über die Hand des Vaters.

Alle Gelenke waren geschwollen. Auf der von der Spannung schimmernden Haut zeigten sich kleine blasige Flecken. Zwischen dem Knöchel und der Pulsader sickerte ein dunkler Tropfen, und als ihn Kitty mit ihrem Tuch sacht entfernt hatte, gewahrte sie eine winzige, schwärzlich geränderte Wunde, wie vom Stich einer tintigen Feder.

Kitty war über das Aussehen der Hand erschrocken; doch die Entdeckung dieser unscheinbaren Verletzung beruhigte sie wieder. Das sagte sie dem Vater und erhob sich. »Ich will zu Doktor Eisler schicken.«

Als sie in den Flur hinaustrat, hatte sie einen Anfall von Schwindel und mußte sich an die Mauer stützen. Fritz brachte ihr frisches Wasser, und sie leerte mit dürstenden Zügen das Glas. Dann schickte sie den Diener ins Dorf: er sollte sich eilen und dem Arzte sagen, daß es sich um eine Rißwunde handle – Doktor Eisler möchte mitbringen, was zum Verbande nötig wäre.

Schon wollte sie wieder zum Vater zurückkehren, als der Postbote eine Depesche brachte – die Antwort auf das Telegramm, das Kitty in der Nacht ohne Wissen des Vaters an den Bruder geschickt hatte. Mit zitternden Händen öffnete sie das Blatt. »Komme elf Uhr zwanzig – Tas.«

Eine Viertelstunde später betrat Doktor Eisler die Kruckenstube. Graf Egge hob sich ein wenig aus den Polstern und versuchte einen scherzenden Ton: »Na also, Dokterl, da hätten wir wieder miteinander zu schaffen! Die kleine, ängstliche Geiß will's nicht anders. Aber diesmal wird' ohne Konsilium gehen. Also los! Sehen Sie meine Hand an, und dann sagen Sie vor allem der armen Geiß da, daß sie sich beruhigen soll. Und schicken Sie das Mädel an die frische Luft hinaus!«

Mit besorgtem Blick musterte der Doktor Kittys erschöpftes Gesicht. »Ja, Komtesse, Ihr Herr Vater hat recht. Soweit mir Fritz die Verletzung schildern konnte, scheint die Sache ja wirklich ganz unbedeutend. Sie aber scheinen dringend einer Erholung bedürftig. Machen Sie eine kleine Spazierfahrt!«

»Eine ausgiebige!« fiel Graf Egge ein. »Komme mir unter drei Stunden nicht nach Hause!«

Kitty zögerte; es widerstrebte ihr, den Kranken zu verlassen; aber bei dem Gedanken an Tassilo war es ihr doch willkommen, daß der Vater auf seinem Willen bestand – zwei Stunden schon genügten ihr, um den Bruder von der Bahn zu holen, ihn auf alles vorzubereiten, was seiner in Hubertus wartete. Zärtlich küßte sie den Vater auf die Stirn und streichelte ihm das graue Haar; ihre Augen schwammen, als sie die Stube verließ.

Der Doktor atmete auf; schon der erste flüchtige Blick, den er auf die verletzte Hand geworfen, hatte ihn wünschen lassen, mit Graf Egge allein zu sein. Nun sollte ihm Moser helfen, den Oberkörper des Kranken zu entblößen.

»Wozu das?« murrte Graf Egge.

»Es ist nötig, Erlaucht.«

Der rechte Ärmel der Joppe umspannte die Schwellung des Ellbogens so fest, daß er sich nicht mehr abstreifen ließ; man mußte ihn der Länge nach entzweischneiden.

Vor dem Fenster rollte der Wagen vorüber und fuhr in jagendem Trab durch die Ulmenallee. Kitty saß in ihren Mantel gewickelt und trieb zuweilen mit einem stammelnden Wort den Kutscher zur Eile an. Was ihr Herz erfüllte mit zehrender Sorge, redete aus ihren verstörten und erschöpften Zügen. Doch wie die strahlende Frühlingssonne immer wieder durch die grau ziehenden Wolken brach, wie in den klatschenden Tropfenfall der Bäume sich das süße Gezwitscher der Vögel mischte, so klang in allen Sorgensturm ihrer Seele immer wieder das Wort des Vaters: »Geißlein! Dem hab' ich gefallen. Und er mir auch!«

Der frische Lufthauch, der bei der raschen Fahrt ihre Wangen umfächelte, linderte ihre Erschöpfung und betäubte sie zugleich; das Gerüttel und Gerassel des Wagens lullte ihre Sinne ein; die warme Sonne, die immer seltener hinter den sich zerteilenden Nebeln verschwand, umkoste sie und legte sich wie mit linder Hand auf ihre müden Lider. –

Als Kitty aus dem Schlummer aufschreckte, der sie wider Willen befallen hatte, hielt der Wagen vor der Station. Da fuhr auch der Zug schon in den Bahnhof ein. Ein paar Dutzend Leute stiegen aus. Mit angstvollem Blick überflog Kitty die Menschen, die an ihr vorübergingen. Den einen, den sie suchte, wollten ihre Augen nicht finden.

Schon standen alle Wagen leer, und die Lokomotive dampfte in die Remise.

Tassilo war nicht gekommen. Hatte er den Zug versäumt, oder –? Neuer Schreck umklammerte Kittys Herz. Und was sollte sie tun? Den nächsten Zug erwarten? Drei Stunden? Die Sorge um den Bruder hielt sie fest, die Sorge um den Vater trieb sie nach Hause. In der Amtsstube des Stationsvorstehers warf sie mit zitternder Hand einige Zeilen nieder und bat den Beamten, das Blatt ihrem Bruder zu übergeben, wenn er mit dem nächsten Zug käme. Den Wagen ließ Kitty warten und fuhr mit einem gemieteten Einspänner nah Hubertus zurück.

Der Beamte konnte sich seines Auftrages entledigen: Graf Tassilo traf um zwei Uhr nachmittags ein. Sein ernstes Gesicht wurde, als er Kittys Zeilen las, noch um einen Schatten blässer. Er reichte dem Beamten die Hand, und seine Stimme schwankte: »Ich danke Ihnen!« Dann eilte er zum Wagen und mahnte den Kutscher: »Treiben Sie die Pferde!«

Und während er bei jagender Fahrt an das Unglück des Vaters dachte, an die Begegnung mit ihm, an den Kummer der Schwester und an ihre Zukunft, stand vor seinen Augen noch immer das Erlebnis, das ihn den Frühzug hatte versäumen lassen.

Um vier Uhr morgens hatte er Kittys Depesche erhalten. Diese halbe, in ihrer hilflosen Fassung doch so deutlich redende Nachricht legte sich mit eisiger Hand um sein Herz. Und neben der erschütternden Sorge quälte ihn die Frage: ob der Vater um diese Mitteilung wußte, um diesen verzweifelten Hilfeschrei, mit dem die Schwester den Bruder rief? Aber durfte er noch überlegen? Er mußte reisen. Auch auf die Gefahr, daß er vor dem Parktor von Hubertus wieder einen wehrenden Arm finden und eine Beleidigung erfahren würde, wie damals an jenem schwarzen Morgen! Der Vater in seinem Unglück und die Schwester in ihrem Kummer bedurften seiner. Er mußte reisen. Wann ging der erste Zug? In einer Stunde. Noch genügende Zeit! Und Anna? Durfte er sie mit dieser Sorge belasten? Mußte in ihr – deren schlummerloser Wunsch die Aussöhnung ihres Gatten mit dem Vater war – durch diese Reise nicht auch eine Hoffnung erweckt werden, die mit Enttäuschung enden konnte? Nein, Anna durfte den Grund dieser Reise nicht erfahren, ehe nicht alles geklärt, nicht jeder Schatten zerstreut wäre. Ein Telegramm hätte ihn in dienstlicher Angelegenheit unerwartet abgerufen – so instruierte er den Diener und traf in Hast die Vorbereitungen für die Reise.

Der Morgen graute, als er auf die stille Straße trat; dünner Regen rieselte, und fahl brannten die Laternenflammen in der trüben Dämmerung. Schon wollte Tassilo in den Wagen steigen. Da hörte er das Klirren eines Schleppsäbels. Ein Offizier kam auf ihn zugegangen.

»Graf Egge?«

»Baron Dörwall?«

»Ich wollte Sie soeben in Ihrer Morgenruhe stören. Eine mehr als peinliche Sache –«

»Verzeihen Sie, Baron! Eine Reise, die keinen Aufschub duldet – ich bitte Sie herzlich, zu entschuldigen –«

»So muß ich Ihnen hier auf der Straße sagen, um was es sich handelt. Um Ehre und Leben Ihres Bruders.«

Tassilo erbleichte. »Ich bitte –« Er ging zur Tür und ließ Baron Dörwall eintreten.

Schweigend stiegen sie die Treppe hinauf. In Tassilos Zimmer brannte noch die Lampe, und ihre rötliche Helle kämpfte mit dem grauen Frühlicht, das durch die Fenster quoll.

Baron Dörwall warf den nassen Mantel ab, setzte sich und legte die Mütze über den Säbelkorb. »Da Ihre Minuten kostbar sind, und Umschweife den Vorfall nicht mildern, vermeide ich jedes überflüssige Wort. Ihr Bruder hat heute nacht gespielt, mit zäherem Pech als je. Er wollte eine günstige Chance erzwingen und steigerte die Einsätze in einer Weise, daß die Kameraden sich vom Spiel zurückzogen. Sein einziger Gegner blieb Marchese d'Alanto, der die Bank hielt und jeden Einsatz annahm. Robert doublierte Karte um Karte, aber die Blätter sprachen mit einer Hartnäckigkeit gegen den armen Jungen, daß er sich schließlich in seiner Erregung zu einer mehr als unvorsichtigen Äußerung hinreißen ließ. Marchese d'Alanto warf ihm die Karten ins Gesicht. Und jetzt –« Baron Dörwall verstummte; er schien auf ein entgegenkommendes Wort zu hoffen.

Tassilo schwieg.

»Die Sache ist leider von einer Art, daß ihre Ordnung keinen Aufschub duldet. Vor jedem anderen Schritt muß diese Spielschuld aus der Welt geschafft werden. Der arme Junge ist in böser Klemme. Wir können ihm nicht helfen, die Summe geht über unsere Kräfte. Das Arrangement der Sache durch ein Geschäft würde Zeit verlangen. So bleiben nur zwei Wege: eine offene Depesche an seinen Vater –«

»Unmöglich!« Tassilos Stimme bebte. »Mein Vater ist leidend, und ich möchte ihm diese Erregung um jeden Preis erspart wissen!«

»Also der andere Weg: Ihre Hilfe!«

Tassilo erhob sich. »Mein Bruder weiß um Ihren Besuch?«

Dörwall wurde verlegen. »Dieser Weg war mein Vorschlag. Ihr Bruder wies ihn allerdings energisch zurück, aber – er hinderte mich nicht, zu gehen.«

»Und die nötige Summe?«

Baron Dörwall zögerte. »Vierhundertzwanzigtausend.«

Tassilo ging zum Schreibtisch und nahm das Scheckbuch aus einer Lade. Mit ruhiger Hand füllte er das Blatt aus und unterschrieb. Er verfügte mit diesem Federstrich fast über alles, was er besaß, über sein mütterliches Erbe und über die Hälfte dessen, was er im Laufe der vergangenen Jahre durch Arbeit erworben hatte.

Als Tassilo die Feder hinlegte, sagte Dörwall: »Ich danke Ihnen, Graf, im Namen Ihres Bruders.«

»Ich kann auf Dank keinen Anspruch erheben, da ich an meine Hilfe eine Bedingung knüpfen muß. Ich ermächtige Sie, Baron, diesen Scheck meinem Bruder auszufolgen – gegen einen Revers, in dem sich Robert verpflichtet, sofort nach Ordnung dieser Sache um seinen Abschied einzukommen.«

»Graf Egge! Diese Bedingung ist hart.«

»Diese Bedingung ist geboten durch die Rücksicht auf meinen Vater und ist eine Forderung des Degens, den Robert bisher getragen. Oder wollen Sie, Baron Dörwall, die Garantie übernehmen, daß mein Bruder mit dem heutigen Tag von seiner unglückseligen Leidenschaft geheilt ist? Und daß er sich für die Zukunft von Konflikten fernzuhalten weiß, die unerträglich sind mit der keinen Makel duldenden Ehre eines Offiziers?«

Dörwall schwieg.

»So bedaure ich, in Würdigung des Rockes, den Sie tragen, Baron, diese Bedingung aufrechterhalten zu müssen.«

»Er ist gezwungen, sie anzunehmen. Und ehrlich gesprochen, ich muß Ihnen recht geben. Nun verzeihen Sie mir die unbehagliche Stunde –«

»Sie war nicht unbehaglich, nur ernst.«

Baron Dörwall warf den Mantel um die Schultern.

Tassilos Stimme verlor ihren ruhigen Klang. »Ich darf Sie wohl bitten, mir über den Verlauf dieses Tages Nachricht zu geben?«

»Wohin?«

»Nach Hubertus.«

»Hoffentlich kann ich Ihnen Gutes melden, die Sache wird ja wohl glimpflich verlaufen.«

»Das gebe der Himmel! Und wenn alles erledigt ist, nicht früher, bitte ich, Robert mitzuteilen, daß sein Vater schwer leidend ist.«

Als Tassilo allein war, zog er die Uhr. »Noch zwölf Minuten. Es wäre möglich!« Sein Blick haftete an dem Bild seiner Frau, das auf dem Schreibtisch stand. Er hatte sie arm gemacht, aber er wußte, sie würde lächeln dazu! Diese Stunde hatte das häßliche Wort beglichen, das Robert gegen Anna gesprochen – nun hatte sie ihm geholfen!

Durch die Fenster brach der helle Tag. Das Frühlicht hatte roten Schein.

Tassilos Pferde jagten zum Bahnhof. Der Zug hatte die Halle schon verlassen. Drei volle Stunden bis zum nächsten Zug.

Um die Zeit zu verbringen und mit sich allein zu sein, fuhr Tassilo mit dem Wagen bis zur zweiten Station.

Und nun lag das Ziel vor ihm! Was sollte ihn in Hubertus erwarten? Welche Nachricht sollte der Abend aus München bringen? Drei Uhr schon! Vielleicht waren in jenem häßlichen Spiel die bleiernen Würfel bereits gefallen? Wie hatten sie entschieden? Eine dumpfe Angst wühlte in ihm – sie galt dem Vater und galt dem Bruder.

In der Tiefe der Waldstraße tauchte die Parkmauer von Hubertus auf, und eine gellende Stimme klang: »Tas! Tas!« Umflattert von den Falten des schwarzen Kleides, eilte Kitty dem Bruder entgegen. Ehe die Pferde halten konnten, sprang sie in den Wagen und hing an Tassilos Hals. Sie fand nicht viel Worte, um ihn vorzubereiten. Ihr Schmerz redete eine kurze, deutliche Sprache. Stumm hielt Tassilo die Weinende umschlungen, während der Wagen in der Ulmenallee am leeren Adlerkäfig vorüberrollte. Als zwischen den Bäumen das Schloß erschien, fragte Tassilo: »Weiß er, daß ich komme?«

»Nein. Ich habe versucht, die Rede auf dich zu bringen. Er ließ mich nicht weitersprechen. Dann wurde er unruhig – ich glaube, er fürchtet, daß ich dir Nachricht schickte.«

Der Wagen hielt, Doktor Eisler erwartete ihn.

»Ihr Vater verlangt nach Ihnen,« sagte der Arzt zu Kitty, »aber bitte, beherrschen Sie sich! Jede Äußerung Ihres Schmerzes bedrückt ihn. Seine Augen sehen nicht, aber sein Gehör empfindet doppelt scharf.«

Kitty trocknete die Wangen. »Er soll keinen Laut von mir hören.« Sie sah zu ihrem Bruder auf. »Und du?«

»Ich komme.«

Während Kitty zum Vater ging, wanderte Tassilo mit Doktor Eisler in den Park hinaus. Er las es schon aus dem Blick des Arztes, daß er Schweres hören sollte.

»Was sagte Ihnen Ihre Schwester?« fragte der Doktor.

»Daß das Leben meines Vaters in Gefahr steht.«

»Das mußte ich ihr sagen. Aber verschwiegen hab' ich ihr, wie nah diese Gefahr ist. Ihnen gegenüber, und wenn ich Ihnen auch Kummer verursache, muß ich wahr sein. Machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt! Ihr Vater ist verloren. Blutvergiftung. Das Wort ist unerbittlich.«

Bleich fiel Tassilo auf eine Gartenbank und bedeckte das Gesicht. Es währte lange, bis er zu sprechen vermochte.

»Blind? Und jetzt der Tod? Unerbittlich?«

»Der Prozeß nimmt einen rapiden Verlauf. Bei der ersten Untersuchung, vormittags um zehn Uhr, hoffte ich, daß eine Ablösung der Hand noch Rettung bringen könnte. Ich lief nach Hause, um alles vorzubereiten. Als ich kam, um Ihrem Vater die Wahrheit zu sagen und seine Einwilligung zu erwirken, sah ich, daß auch eine Wegnahme des ganzen Armes nicht mehr gefruchtet hätte. Nun schwieg ich. Hätt' ich den Kranken nutzlos quälen sollen? Ich linderte seine Schmerzen. Nun ist sein Zustand ein erträglicher.«

»Und ahnt mein Vater –?«

»Das kann ich nicht sicher beantworten. Er beherrscht sich, seiner Tochter zuliebe. Aber er macht sich wohl seine Gedanken – wenigstens hat er selbst die Frage gefunden: Gift im Blut? Ich habe natürlich verneint.«

»Und wie lange –« Tassilos Stimme versagte, »wie lange geben Sie ihm noch Frist?«

»Bis morgen. Mit dem Abend, fürchte ich, werden die stillen Delirien und die Schlafsucht beginnen. Das ist der Vorbote des Äußersten.«

Tassilo schwieg.

Doktor Eisler sagte: »Es ist mir schwer geworden, Ihnen das mitzuteilen. Es geht mir auch selbst zu Herzen. Gerade jetzt. Ich habe böse Zeiten. Der To schlägt um sich wie zur Faschingszeit der Hanswurst mit seiner Peitsche. Und überall versagt mein Bröselchen Wissen. Ihr Vater ist ein Greis, dessen Zeit gemessen war. Ihm kommt die letzte Stunde wie eine Erlösung aus dunkler Qual. Aber andere! Liebe Kinder und blühende Jugend! Ich habe harte Zeiten.« Die Augen des alten Mannes wurden feucht. »Darf ich gehen, Herr Graf? Auf mich wartet ein gutes, liebes Mädel, das mit dem Tode ringt. Ein freundliches Menschenglück droht mit diesem Leben zu versinken. Dort bin ich nötig. Hier kann ich nichts mehr helfen. Darf ich gehen? In einer Stunde könnte ich wiederkommen.«

»Gehen Sie!« stammelte Tassilo und drückte die Hand des Arztes. Sie schieden, und während Doktor Eisler sich rasch entfernte, trat Tassilo in das Schloß. Im Flur schrieb er eine Depesche an Forbeck: »Kommen Sie morgen mit dem ersten Zug. Kitty bedarf eines Trostes. Mein Vater der Auflösung nahe. Bitte Sie, Anna schonend vorzubereiten.«

Nun kam für ihn das Schwere – dieses Wiedersehen mit dem Vater!

Moser trug eine Flasche mit frischem Wasser in die Kruckenstube, aus welcher Kittys eintönige Stimme klang. Hinter dem alten Jäger trat Tassilo lautlos über die Schwelle.

Kitty saß neben dem Bett des Vaters in einem niedrigen Fauteuil, Kobells »Wildanger« auf dem Schoß. Als sie den Bruder eintreten sah, stockte ihre Stimme für einen Augenblick. Dann las sie weiter: »Wer den lustigen Spielhahn in seiner hochzeitlichen Freude kennenlernen will, muß ihn auf dem Platz belauschen, wo er am frühen Tag seinen Tanz beginnt. Das ist ein Springen und Laufen im Reigen und ein Blasen und Gurgeln in munterem Wechsel. Während der Auerhahn nur der verschwiegenen Nacht seine Klagen vertrauen will und zeitweise in überschwenglicher Liebesphantasie den Kopf verliert, zeigt sich der Spielhahn aufgeweckt, fröhlich und herausfordernd. Kommt ihm ein anderer Hahn zu nahe, so geht es gerne an ein heftiges, erbostes Raufen; sie schreiten mit halb gehobenen Flügeln und gesträubten Federn aufeinander los, wobei sie sich oft beim Angriff gegenseitig umwerfen und auf dem Rücken liegen, daß man über dem komischen Anblick das Schießen vergißt –«

Ein mattes Lachen brach von Graf Egges bläulichen Lippen.

Erschüttert bis ins Innerste, stand Tassilo neben der Tür. Was war aus diesem Riesen an wilder Kraft und eiserner Gesundheit geworden, wie er seit jener letzten Szene vor der Dippelhütte in Tassilos Erinnerung lebte: starr und unbeugsam, mit dem zornflammenden Gesicht und den blitzenden Falkenaugen! Was hatte sein Dämon aus ihm gemacht! War das noch der gleiche Mensch? Dieser welke, gebrochene Greis, der in den zerwühlten Kissen des Bettes lag, die Züge entstellt, die Augen glanzlos und erblindet, die Glieder abgezehrt, den Arm, in dessen Adern der Tod schon nach dem Sitz des Lebens rollte, von dicken Leinwandbändern umschlungen? Und das sein Vater? An dem das Herz des Sohnes, obwohl es den Stoß dieser knöchernen Faust empfunden, mit allen Fibern hing! Das hatte Tassilo in keiner Stunde seines Lebens tiefer empfunden als in dieser Stunde des Wiedersehens, die das Scheiden für immer brachte.

Eine Schwäche fiel ihm in die Knie, und während Moser die Stube verließ, ging Tassilo auf den Lehnstuhl zu und ließ sich niedersinken.

Hastig erhob Graf Egge den Kopf, und seine Züge spannten sich. Er machte mit der Linken eine Bewegung gegen Kitty, daß sie schweigen sollte.

»Wer ist hier gegangen?«

Keine Antwort kam.

»Wer ist hier gegangen, frag' ich?«

»Moser!« stammelte Kitty. »Moser war hier. Er brachte Wasser und hat in diesem Augenblick das Zimmer verlassen.«

»Moser? So? Moser? Wirklich?« Graf Egge ließ den Kopf zurücksinken. »Mir war, als hätt' ich noch einen anderen gehört. Einen anderen –« Seine Stimme versank.

»Was meinst du, Papa?«

»Schon gut! Ich will mich geirrt haben.«

Kitty tauschte einen bekümmerten Blick mit dem Bruder und fragte lispelnd: »Soll ich weiterlesen, Papa?«

»Nein Geißlein! Ruh' dich aus! Ich danke dir. Bist ein guter Kerl!«

Schweigen war im Zimmer; die Tränen rollten über Kittys Wangen, währen Tassilos Augen am Vater hingen, der regungslos in den Kissen lag und zuweilen den Atem anhielt, als lauschte er.

So verging eine Stunde.

»Geißlein?«

»Ja, Papa?«

»Lies mir wieder! Deine Stimme tut mir wohl. Willst du?«

»Gerne, Papa.«

Während Kitty las, wurde Graf Egge unruhig; dann plötzlich griff er mit der Linken unter stöhnendem Laut nach seiner kranken Schulter. »Herrrr, da fängt es schon wieder an! Das ist nicht mehr auszuhalten. Den Doktor! Er soll mir wieder eine Ration verabreichen wie vorhin. Das hat geholfen.«

Erschrocken eilte Kitty aus der Stube. Tassilo war aufgesprungen.

Als Graf Egge hörte, daß die Tür geschlossen wurde, hob er sich aus den Kissen und tastete mit der Linken an sich herum. Dann saß er regungslos, das zitternde Kinn auf der Brust, und starrte mit den toten Augen vor sich hin. Und raunte: »Pfui! – Pfui! – In mir fliegen die Raben – scheint mir! – Raben?« Sein Mund verzerrte sich. »Unsinn! Raben? Ich bin Adlerfraß! Zuerst die Augen. Dann alles andere. Das ist so ihre Art. Ich kenne sie.«

Tassilo griff nach der Lehne des Sessels, und das alte Möbel ächzte.

Lauschend hob Graf Egge das Gesicht. »Ist jemand da?«

Kitty erschien in der Tür. »Doktor Eisler ist hier, Papa! Da kommt er schon –«

Der Arzt trat in die Stube und zum Bett. »Guten Abend, Erlaucht! Wie fühlen Sie sich?«

Graf Egge schwieg eine Weile. Dann sagte er mit umflorter Stimme: »Geißlein, laß mich allein mit ihm!«

»Ja, Papa.« Sie ging aus der Stube.

»Doktor? Sind wir jetzt allein?«

Ein flehender Blick Tassilos traf den Arzt.

»Ja, Erlaucht.«

»Dann wollen wir offen sein. Unter uns. Doktor, ich spür's – zu mir will einer kommen, der Mangel an Fleisch und Überfluß an Knochen hat. Rücken Sie ehrlich heraus mit der Sprache! Diese drei Buchstaben werde ich auch noch verdauen können! Tod? Es hört sich übel an. Aber einmal muß es kommen hinter allem Leben, wie hinter jedem Schuß der Brand. Und besser die große Nacht als diese kleine vor meinen Lichtern. Ehrlich, Doktor? Das Biest mit seiner Aasklaue hat mir den Rest gegeben? Auch ein Jägertod. Aber kein schöner! – So reden Sie doch!«

»Aber liebe Erlaucht –« stammelte der Arzt.

»Ach so, Sie werden zärtlich? Na, dann weiß ich, daß es um die letzte Patrone geht. Dann bestellen Sie mir den Pfarrer! Ich will rechtzeitig mit dem Himmel auf gleich kommen, oder ich gerate da drüben in schlechtes Revier. Und sagen Sie –« Graf Egge unterbrach sich, und seine Stimme bekam anderen Klang. »Wer atmet hier? Ich hör' ihn. Ganz deutlich. Und der hat ein schweres Herz!« Graf Egge lauschte. Er hörte den Schritt des Doktors, der die Stube verließ. Als die Tür geschlossen war, tastete Graf Egge mit der Linken ins Leere und murmelte: »Komm her, Tas! Ich weiß, du bist es.«

»Vater!«

Tassilo stürzte vor dem Bett auf die Knie und bedeckte die welke Hand mit Küssen. Graf Egge hob ihn auf und rückte an die Wand. »Zu mir! Komm! Setz' dich zu mir! Wir wollen kurze Rechnung machen. Einen Strich unter alles! Sag' mir eines: Bist du glücklich?«

»Ja, Vater! Und was mir noch fehlte, halt' ich jetzt in meiner Hand.«

»Hast du deine Frau bei dir? Nicht? So laß sie kommen! Oder nein! Lieber nicht! Ich hörte, sie ist eine Dame von Geschmack. Ich würde ihr übel gefallen.« Graf Egge sank in die Kissen zurück, und seine Stimme wurde matt. »Bös hat die Jagd mich zugerichtet. Es kam, wie du sagtest, Tas! Meine Kinder hat sie mir genommen, meine Kraft, meine Augen, meine Hand, und jetzt frißt sie mich auf mit Haut und Haaren. Aber schadet nichts. Ich liebe sie doch. Und glaube mir, Tas, sie ist eine edle Freude. Es gab eine Zeit, in der ich sie so genossen habe. Aber ich war ein Nimmersatt und hab' ihr schönes Bild zum Scheusal gemacht. Laß dich nicht abschrecken durch mein Beispiel! Du bist wohl ein Jäger, daß Gott erbarm'. Aber du bist auch ein Mann, der kann, was er will. Wenn du dir Mühe geben möchtest, könnte aus dir noch ein prächtiger Jäger werden Tu es mir zuliebe, Tas! Ich könnte mich nicht ruhig zum letzten Schnapper hinlegen, wenn ich denken müßte, daß mein schönes Revier zerfällt und verwüstet wird. Versprich mir, Tas, daß du meine Jagd in gutem Stand halten willst.«

»Ja, Vater!«

»Dein Wort?«

»Mein adeliges Wort!«

»Jetzt verlang', was du willst, jetzt kannst du alles von mir haben!« Die Worte klangen schleppend, kaum noch verständlich. »Was – willst – du?«

»Nichts für mich. Daß ich Friede habe mit dir, ist alles, was ich mir wünsche. Aber eine weiß ich, Vater, die hätte eine große Bitte an dich auf dem Herzen. Die Bitte um das Glück ihres Lebens!«

»Meinst du – die kleine – Schmalgeiß?« Graf Egge nickte mühsam. »Was – will sie?«

In Hast, tief und schmerzvoll bewegt, redete Tassilo dem Glück seiner Schwester das Wort. Während er schilderte, wie Kitty und Forbeck sich kennenlernten, während er von dem redlichen Charakter des jungen Künstlers sprach, von seiner reichen Begabung, von seiner schönen Zukunft, hatten Graf Egges Züge einen Ausdruck, der verriet, daß er lauschte und verstand. Allmählich aber fühlte Tassilo, wie der Druck der dürren, heißen Finger, die er mit beiden Händen umschlossen hielt, sich linderte und löste. Erschrocken verstummte er und spähte in das Gesicht des Vaters. Graf Egge lag ruhig, mit schweren Atemzügen; die geröteten Lider waren halb über die starren Augen gesunken, und wie ein versteinertes Lächeln lag es um den welken Mund.

»Vater?«

Keine Miene zuckte in dem müden Antlitz. Graf Egge schlief.

Es rieselte kalt durch Tassilos Herz. Er wußte, was dieser Schlaf bedeutete. Er wußte, daß das Ende begann, und in den Schmerz, der ihn um den Vater erfüllte, mischte sich die bedrückende Erkenntnis, daß keine Stunde mehr kommen würde, in der Graf Egge mit klaren Sinnen über die Zukunft seiner Tochter entscheiden könnte. Tassilo preßte die zitternden Hände an seine Stirn. Sollte über den Lebensweg seiner Schwester der Schatten des Gedankens fallen, daß sie ein Glück genoß, das die Zustimmung des Vaters nicht gefunden? Tassilo erhob sich. Er fand die Schwester im Flur. Leise weinend saß sie neben der Tür. Moser stand bei ihr und tröstete sie mit stotternden Worten. Als sie den Bruder sah, taumelte sie in seine Arme. »Tas? Ich habe deine Stimme gehört – und die seine?«

Er umschlang sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Wir sind versöhnt. Und ich habe mit ihm gesprochen von dir und deinem Hans! Der Vater nickte und lächelte. Sprechen konnte er nimmer.«

Aufschluchzend streckte Kitty die Arme nach der Tür. Tassilo hielt sie zurück. »Er schläft. Weck' ihn nicht! Der Schlummer lindert seine Schmerzen.«

Lautlos traten sie ein. Unter Tränen, zärtlich drückte Kitty ihre Lippen auf die regungslose, glühende Hand des Vaters. Tassilo zog die Schwester auf seinen Schoß. So saßen sie zu Füßen des Lagers.

Schweigende Stunden verrannen. Manchmal murmelte Graf Egge im Schlaf. Das Licht des Abends leuchtete rot in die Stube und wurde grau. Moser brachte die Lampe, und Gundi Kleesberg kam, mit dem nassen Bund um die Stirn; vor Migräne vermochte sie kaum die Augen zu öffnen, aber sie ließ sich nicht wieder fortschicken.

Immer lauter klangen die Worte, die Graf Egge im Schlummer lallte. Er redete wirr. Von Jagd und Jagd. Ärgerlich zankte er mit einem Jäger, staunte über das abnorme Gehörn eines Bockes, wähnte unter dem Adlerhorst zu stehen und befahl, die Leiter aufzuziehen. Dann wollte er mit mattem Stöhnen mit beiden Händen nach seinen Augen greifen. Der kranke Arm versagte. Ein schmerzliches Zucken fuhr durch seinen Körper, und Graf Egge richtete sich auf. »Tas? Was wollt' ich sagen? – Richtig, ja, daß du heuer den Abschuß beschränken mußt! Im letzten Jahr hab' ich toll gewirtschaftet. Das mußt du wieder einholen, oder die Jagd leidet! – Wer kommt?«

Moser hatte die Stube betreten, deutete mit dem Daumen hinter sich und machte ein Kreuz in die Luft.

»Vater! Der hochwürdige Herr ist hier,« sagte Tassilo, »bist du bereit, ihn zu empfangen?«

»Ja!« Graf Egges Stimme klang ruhig und klar. »Aber nicht so, wie ich hier liege. Moser! Rufe den Fritz, er soll dir helfen, mich anzukleiden. Und bring' mir von meinem Jagdzeug das Allerbeste: die gute Sommerjoppe – sie hat weite Ärmel – meine neue Lederhose und die grüne Weste mit den schwarzen Hirschgranen! Den lieben Herrgott muß man in Gala empfangen. Und man darf ihn nicht warten lassen. Flink!«

»Vater!« stammelte Tassilo. »Ich bitte dich, deine Kräfte zu schonen! Dein frommer Wille hat Feiertagsgewand –«

»Widersprich nicht, Tas! Ich will es.« Es war ein Ton, der an vergangene Zeiten erinnerte. »Gundi? Sind Sie hier? Führen Sie die kleine Geiß hinüber! Oder ich steige vor euch beiden aus dem Bett. Das dürfte kein vergnüglicher Anblick sein. Flink, Moser!«

Sie mußten ihm den Willen tun.

Als der Geistliche die Kruckenstube betrat, im Chorhemd und mit dem Ziborium, saß Graf Egge völlig angekleidet und mit starrer Haltung im Lehnstuhl und bekreuzte sich mit der Linken.

Kitty und Gundi Kleesberg knieten vor der Tür im Flur.

Tassilo war abgerufen worden. Die gerichtliche Kommission, die im »Fall Bruckner-Schipper« amtierte und den Tatort in Augenschein genommen hatte, war in Hubertus erschienen, um den Jagdherrn zu vernehmen. Erschrocken hörte Tassilo von der blutigen Tragödie, die sich auf den Bergen abgespielt hatte. Als die Beamten erfuhren, in welchem Zustand sich Graf Egge befände, verzichteten sie auf die Einvernahme und entfernten sich. Am Ausgang der Ulmenallee begegnete ihnen der Postbote und grüßte: »Recht guten Abend!«

Tassilo, der in das Schloß zurückkehren wollte, hörte die Stimme und rief in das sinkende Dunkel hinaus: »Bringen Sie eine Depesche?«

»Ja, Herr Graf!«

Tassilos Hände zitterten, als er auf der Veranda im Schein der Laterne das Blatt öffnete. Er las – und Blässe rann ihm über das Gesicht. »Sie spielen – und beschimpfen sich – und der eine streicht den Gewinn ein und jagte dem andern das Blei durchs Herz! Und das heißt ›Ehre‹ bei ihnen!« Da tönten Schritte aus dem Flur, wirres Geräusch und ein schluchzender Schrei. Die Depesche verbergend, stürzte Tassilo ins Haus.

Graf Egge war ohnmächtig geworden, kaum daß er die heilige Wegzehrung empfangen hatte. Mühsam entkleidete man den Bewußtlosen und brachte ihn zu Bett. Seine Ohnmacht ging in Schlummer über, in stille Delirien. Das währte die ganze Nacht. Gegen Morgen kam er zur Besinnung und wischte sich mit der Linken den Schweiß vom Gesicht

»Wer ist bei mir?«

Tassilo faßte seine Hand. »Ich, Vater, deine kleine Geiß und die Gundi Kleesberg.«

»Einer fehlt. Und ich weiß, er kommt nicht mehr. Tas! Nimm du dich seiner an! Aber ich fürchte, daß ihm nicht mehr zu helfen ist.« Ein schwerer Seufzer löste sich aus der Brust des Kranken. »Ist das deine Hand, Tas, die ich halte?«

»Ja, Vater!« Tassilos Stimme war tonlos.

»Und du, Geißlein? Komm! Leg' deine Hand dazu! Tas wird dir den Vater ersetzen, und die Kleesberg wird dir eine Mutter sein – freilich eine etwas rapplige –, nichts für ungut, Sie guter alter Haubenstock! Die beiden, liebe Schmalgeiß, werden sorgen für dein Glück –«

»Vater! Vater!« Schluchzend schmiegte Kitty ihre Wange an die Schulter des Vaters.

»Was machst du da für Geschichten, kleine Geiß! Nimm dich zusammen! Sei meine Tochter! Stark! – Gundi! Nehmen Sie das Kind! – Und du, Tas, laß unsere Leute kommen! Und die Jäger! Meinen braven Franzl! Der hat fest zu mir gehalten. Jetzt soll er mir auch Weidmanns Heil wünschen zur Pirsch über alle Berge. Den halte dir warm, Tas! Das ist ein feiner Kerl. Sei auch den anderen ein guter Jagdherr! Sie verdienen es. Nur einer nicht!« Graf Egges Stimme klang heiser, und zwischen den verzerrten Lippen blinkten die Zähne. »Tas! Ich warne dich vor ihm. Der Schuft hat Aasgeruch an sich wie der Horst in der Hangenden Wand. Und Fänge hat er wie mein letzter Adler. Das zuckt nur ein bißchen – du merkst es nicht – und bist vergiftet! Setz' ihn hinter Schloß und Riegel! In den Käfig! Nein, Tas – den Käfig – reiß den verfluchten Käfig nieder – er stinkt! Ich hab' den Geruch in der Nase – zum Henker auch, so macht doch das Fenster zu! Der Käfig stinkt! Das Fenster zu!«

»Aber es ist ja geschlossen!« stammelte Gundi Kleesberg.

Graf Egge schien nicht zu hören; immer wirrer wurden seine Reden, und seine Stimme versank in neubeginnendem Taumel. Eine Stunde lag er still, in dumpfem Schlaf. Als die Dämmerung des erwachenden Tages durch die Fenster graute, wurde er unruhig, und wieder begann das Raunen und Gemurmel: Jagd, Jagd, immer Jagd – und Willys Name. Während die Kirchenglocke ihren Morgensegen in die wachsende Helle sang, hob Graf Egge sich ächzend auf und griff mit der Linken unter die Kissen. Er zog einen Schlüssel hervor und drückte ihn in Tassilos Hand. »Nimm, mein guter Junge, nimm! Sperr' den Schrank auf! Deine Hand ist sicher. Sperr' auf und bring' mir die Rubinen! Links in der Lade liegen sie obenauf. So tu es doch! Hörst du nicht, was ich sage? Die Rubinen bring' mir!«

Tassilo erfüllte den Willen des Vaters, obwohl er sah, daß das Fieber aus ihm redete.

Graf Egge, als die Tablette mit den blutrot funkelnden Juwelen auf seinem Schoße lag, tastete mit zuckenden Fingern von Stein zu Stein und raunte: »Stimmt! Stimmt! Alle. Nur einer fehlt. Den hab' ich dir geschenkt. Komm, mein guter Junge, nimm den da auch noch! Es ist mein schönster. Ich schenk' ihn dir. Aber zeig' mir nicht dieses weiße, wächserne Gesicht. Oder willst du jagen? Komm, ich weiß für dich einen Kapitalhirsch. Meinen besten. Komm, ich führe dich. Und meine Büchse laß ich daheim. – Ich kenne mich. Du sollst ihn haben! Du! Hast du Patronen? Gut! Alles gut. Aber dreh' den blauen Rock um – die goldenen Knöpfe blinken – und wirf diese dummen Blumen weg, sie verpesten mir den Wald. Leiser! Leiser! Nimm die Schuhe besser in acht –« Graf Egges Züge verschärften sich, seine Nase wurde spitz und veränderte die Farbe; sein Oberkörper schrumpfte in sich zusammen, und die starren Augäpfel quollen aus den Lidern. »Siehst du ihn? Dort, im Lager! Flink! Er verhofft schon –« Keuchend ging der Atem des Sterbenden. »Her mit der Büchse! Du fehlst ihn ja doch!« Eine zuckende Bewegung des Armes, ein Laut wie ein Jauchzer, der in mattem Stöhnen erlosch – und Graf Egge fiel schwer zurück. »Die Kugel sitzt. Da liegt er –« Seine Glieder streckten sich.

Die Tablette mit den Rubinen glitt zu Boden, und kollernd hüpften die funkelnden Steine nach allen Seiten über die Dielen.

Von Jammer und Grauen erfüllt und den Ernst des Augenblickes ahnend, starrte Kitty zu ihrem Bruder auf. Als er die Arme nach ihr streckte, verstand sie, daß sie den Vater verloren hatte.

Jetzt, in diesem fassungslosen Schmerz der ersten Trauerstunde, konnte sie leichter hören, was ihr Tassilo nicht länger verschweigen durfte: daß der Tod mit diesem Tag zwiefach in Schloß Hubertus eingezogen war.

Die Lampe, die noch im Zimmer brannte, warf ihren trüben Schein über den Toten und über die Geschwister, die sich umschlungen hielten.

Und draußen erwachte der Frühlingsmorgen mit reinem Blau, mit Duft und leuchtenden Farben. Strahlend ging die Sonne über die Berge, alle Zinnen in Feuer tauchend.

Immer schöner wuchs der Tag, während vom Kirchturm das Zügenglöcklein mit seinen dünnen, abgehackten Klängen über alle Dächer rief: »Betet, Leut – betet, Leut – betet, Leut –«

Einer der erste, den die im Dorf umlaufende Kunde von Graf Egges Ableben erreichte, war Franzl. Atemlos kam er ins Schloß gerannt und stand erschüttert vor seinem still gewordenen Herrn. Als er hörte, mit welchen Worten Graf Egge in der letzten Stunde noch seiner gedacht hatte, fuhr ihm vor weher Freude das Blut ins Gesicht. »Moser, schau, er hat seine Mucken und Marotten ghabt, aber 's Herz, ganz einwendig, 's Herz is gut gwesen. Und a Jager! Moser, so a Jager kommt nimmer! Dös is noch einer gwesen aus der alten, guten Zeit. Oft hat er über d' Schnur ghaut – 's Jagerblut hat halt seine gachen Hitzen. Aber wenn's golten hat, is er gstanden wie a Baum. Und kein Unrecht hat er leiden können, gar keins! Dös weiß ich, dös hab ich erlebt. Moser, Moser, so einer kommt so bald nimmer! Weinen könnt ich um ihn, grad weinen!« Franzl sagte das in der Bedingungsform – er schien nicht zu wissen, daß ihm der Bart von den Zähren tropfte.

Die Veranda begann sich mit Leuten zu füllen. Das halbe Dorf kam gelaufen – die einen aus Pflicht oder Teilnahme, die andern aus Neugier.

Zu Mittag kehrte der Wagen von der Bahn zurück. Gräfin Anna kam mit Hans Forbeck und Professor Werner. In wortloser Bewegung zog Tassilo die geliebte Frau in seine Arme, und Kitty klammerte sich schluchzend an ihren Verlobten: »Hans! Wir dürfen glücklich werden! Tas hat ihm alles gesagt. Und er hat genickt und gelächelt – sprechen konnte er immer. Er war dir gut, Hans! Du hast ihm gefallen. Das hat er mir selbst gesagt. Und daß er deinen Taler noch immer hätte – als Erinnerung an dich!«

Während die beiden Paare im Sterbezimmer vor dem schlummernden Vater standen, fiel die Sonne durch das offene Fenster. Draußen im Frühlingslaub der Bäume pisperten die Meisen und Finken.

Bevor es Abend wurde, fingen die Glocken zu läuten an. Zwei Schläfer wurden in einem Grab zur Ruhe bestattet, der Jäger neben dem Wildschützen – Jochl Schipper neben dem Bruckner-Lenzi. Jener Pirschgang vor vielen Jahren, am Morgen des Johannistages, hatte sie zu Kameraden für die Ewigkeit gemacht. Nach dieser stillen Feier im Kirchhof gab es keinen »Gsturitrunk« beim Seewirt. Die Leute, die der Bestattung beigewohnt hatten, zechten wohl bis spät in die Nacht, aber auf eigene Kosten. Die Ereignisse der letzten Tage wurden auf der Bierbank unter endlosem Disput erörtert, man erinnerte sich der »Grafenleich« vom vergangenen Herbst und sah der Wiederholung des Schauspiels mit Spannung entgegen. Diese Neugier blieb ungestillt.

In der folgenden Nacht verließ ein stiller Kondukt den Park von Hubertus und nahm den Weg zur Bahn. Der Sarg wurde nach München gebracht, um in der Familiengruft der Egge seinen Platz zu finden, Seiten an Seite mit einem anderen.

Ein ruhiger Tag kam über Schloß Hubertus. Gräfin Anna, Kitty und die Kleesberg waren mit Hans und Werner schon am Morgen nach München abgereist. Tassilo blieb noch bis zum Abend, um alles Nötige zu ordnen. Für den Nachmittag waren die Jäger bestellt, um sich mit Handschlag ihrem neuen Jagdherrn zu verpflichten; es stand auf ihren gebräunten, wetterharten Gesichtern zu lesen, daß sie unter dem neuen Herrn sich gute Zeiten versprachen; ein ausgiebiges Teil ihrer Hoffnungen erfüllte sich schon beim ersten Rapport; Tassilo erhöhte ihre Bezüge, und um den strengen Dienst zu erleichtern, den sie bisher zu leisten hatten, sollten zwei neue Jäger aufgenommen werden.

»Der eine wird in den nächsten Tagen aus München kommen. Er ist ein abgestrafter Wilddieb, aber ich weiß, er wird ein braver Mensch und verläßlicher Jäger werden. Und ich erwarte, daß ihm keiner von euch aus seiner Vergangenheit einen Vorwurf machen wird. Nehmt ihn als guten Kameraden auf, er hat aus Leidenschaft gefehlt, und das ist verzeihlich. In diesem milderen Sinne will ich in meinen Revieren auch den Schutz geführt wissen. Tretet jedem ungesetzlichen Eingriff mit Strenge entgegen, aber erspart euch und mir die Folgen jähzorniger Übereilung. Ich will edles Weidwerk pflegen und in meinen Revieren den Boden grün erhalten. Und was den zweiten Jäger betrifft – Hornegger? Glauben Sie, daß mit Pattscheider zu reden wäre? Der Mann war tüchtig, ich möcht' ihn gerne wiedergewinnen.«

»Mar' und Joseph, Herr Graf,« stotterte Franzl in Freude, »an einzigs Wörtl, und der Michl springt wie narrisch. Ich weiß, er hat Heimweh.«

»Gut, sprechen Sie mit ihm, Sie haben freie Hand, Hornegger! Und nicht nur in dieser Frage. Sie sind von heut an mein Förster, der Leiter meiner Jagd. Es war der letzte Wille meines Vaters, seine Jagd in bestem Stand zu erhalten. Für die streng weidmännische Erfüllung dieses Wunsches weiß ich mir keinen Besseren als Sie, lieber Hornegger! Sie haben mein volles Vertrauen, und Ihr Wort hat den Jägern zu gelten wie das meine. Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!«

Tassilo empfing den festen Druck dieser braunen Fäuste; dann gingen die Jäger; nur Franzl blieb noch; er stand wie angewurzelt, drehte den Hut zwischen den Händen und rang nach Worten. »Herr Graf – Herr Graf –« Mehr brachte er nicht heraus.

»Schon gut, Franzl!« Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter. »Und wie steht's daheim?«

In Franzls Augen wurde die Freude zu Wasser. »Allweil im gleichen. Noch allweil net besser. Der Herr Doktor macht schieche Augen an dös gute Madl hin!«

»Jetzt nicht mehr!« klang eine Stimme von der Tür. Doktor Eisler war eingetreten. »Ich komme gerade zu gutem Trost, wie mir scheint! Munter, lieber Hornegger! Das Mädel hat's überklettert, das Fieber sinkt!« Er fügte bei, daß es noch ein paar Tage dauern könnte, bis die Kranke aus der Bewußtlosigkeit erwachen würde. Aber das hörte Franzl nimmer. Mit stammelndem Laut hatte er einen Sprung zur Tür gemacht; den Abschied von seinem Herrn und den schicklichen Dank für die gute Botschaft des Doktors vergessend, stürzte er in den Flur hinaus, stieß mit der Schulter an eine Säule der Veranda, daß er taumelte, sprang über die Stufen hinunter und rannte – und rannte – –

Doktor Eisler blieb bis zu Tassilos Abfahrt. Was sie miteinander zu reden hatten, betraf den »guten Jungen«, der nicht einsam und getrennt vom Vater im Friedhof des Dorfes schlummern sollte. Auch er sollte die Heimkehr finden in die Erbgruft seines Geschlechtes.

Der Abend war lau, und sanftes Geflüster ging durch das Laub der Ulmen, als Tassilo sich von Doktor Eisler verabschiedete und in den Wagen stieg. Seine Augen glitten über die stillen Fenster des Schlosses, über den weiten Park und zu den Bergen hinauf, deren Höhen vom Goldglanz des Abends so klar beleuchtet waren, daß man jeden Baum und jeden einzelnen Felsblock unterscheiden konnte. In reiner Schönheit zeichneten sich die schimmernden Grate vom tiefen Blau des Himmels ab, und ihre Schatten milderten sich im Duft der farbigen Lüfte.

Zwei Tage später wurde im Friedhof ein grün überwachsenes Grab geöffnet. Und während hier die Tragödie des Schlosses ihre letzte Szene fand, nahm an anderer Stelle ein Satyrspiel der Bauernstube seinen Anfang.

Im Steinbruch stand der Pointner-Andres vor dem mit Quadern beladenen Wagen; er wollte mit der Ladung zur Bahn fahren, hatte die Pferde zur Deichsel geführt und entwirrte gerade den ledernen Leitstrang, um den Riemen in die Zäume einzuschnallen. Da ging eine junge Dirn vorüber; sie lächelte ganz merkwürdig, als sie den Pointner gewahrte, der mit verdrossenem Gesicht an den Schlingen des Riemens nestelte; ein paarmal guckte sie kichernd über die Schulter, und an der Waldecke blieb sie stehen und rief dem Pointner lachend zu: »Du, Andresl, mir scheint, du hast was Schöns mit der Post kriegt. Ja! Grad hab ich den Biamtn bei dir daheim einkehren sehen – der hat a blaus Röckerl an!« Kichernd verschwand sie.

Eine Weile stand der Pointner regungslos, den Kopf mit dem Stiernacken vorgestreckt, die Augen funkelnd; dann drehte er dem Gespann den Rücken, und mit dem verschlungenen Riemen in der zitternden Faust ging er langen Schrittes dem Dorf zu. Als er sich seinem Gehöfte durch die Gärten näherte, gewahrte er, daß eine Magd sein Kommen bemerkt hatte und erschrocken in das Haus rannte. Er änderte die Richtung seines Weges, und statt die Haustür zu suchen, lief er um den Stall herum zu dem Hintertürchen, das aus der Küche ins Freie führte. Da hörte er schon das Gewisper einer Stimme und das Klirren des Riegels. Die Tür wurde aufgerissen, und einer im »blauen Röckerl« wollte das Weite suchen. Aber der Pointner hatte schon die Faust geschwungen. Die Riemen pfiffen. Und auf dem Gesicht des Herrn Postpraktikanten, der halb bewußtlos gegen den Düngerhaufen taumelte, brannten drei dunkelrote Striemen. Was weiter mit dem Gezeichneten geschah, schien den Pointner-Andres nicht zu kümmern. Er hatte in der dunklen Küche einen kreischenden Laut gehört und war mit einem Sprung über der Schwelle.

Zwei Türen krachten ins Schloß, ein Gepolter und Geklirr ließ sich vernehmen, als wäre ein Tisch umgefallen und ein Haufen Geschirr zu Boden gestürzt. Und trotz der geschlossenen Fenster klangen aus der Stube des Pointnerhofes zeternde Schmerzensschreie so laut in den Hofraum und auf die Straße, daß die Dienstboten zusammenliefen und die Nachbarsleute aus den Häusern sprangen. Nach einer Weile wurde es in der Stube des Pointners still, ganz still. Mit rotem Gesicht trat der Bauer aus der Haustür. Er schien die Dienstboten nicht zu sehen, die sich in Stall und Scheune verzogen. Schmunzelnd hob er die Faust, betrachtete den Riemen und atmete erleichtert auf: »Mein lieber Herrgott, ich dank dir, daß ich bloß den Riem in der Hand ghabt hab! Und net die Brechstang! Jetzt hätt ich nimmer gfragt, mit was ich zuschlag.« Er blies die Backen auf und ging zur Straße.

Vor dem Zaun des Försterhauses stand die Horneggerin, mit dem Netterl auf dem Arm. »Aber Andres! Andres!« rief sie den Bauer an. »Du wirst doch um Gotts willen dein Weib net prügelt haben?«

»Und ghörig auch noch!« lautete die ruhige Antwort. »Sie hat's verdient. Und gsunde Schläg, dös is noch 's einzige, was ihr Mores beibringt. Ihr Vater hat's versäumt. Jetzt hab ich's wieder eingholt. Heut hat s' Respekt vor mir! Heut hat s' betteln können: Verzeih mir's, Andres, verzeih mir's, lieber Andres! Jaaa, ›lieber‹ hat s' gsagt! Paß auf, Nachbarin, aus der mach ich noch die Brävste. Jetzt weiß ich, was hilft bei ihr. Paß auf, die kriegt mich noch gern!«

Der Pointner ging seiner Wege und lachte. Dieses Lachen kam ihm freilich nicht ganz von Herzen. Es war aber doch ein Lachen, aus dem es wie Hoffnung klang.

Kopfschüttelnd sah die Horneggerin dem Bauern nach und kehrte zur Haustür zurück, das kraushaarige Köpfchen des Kindes streichelnd, das im Halbschlaf an ihrer Schulter lag, mit roten Pausbacken und rund gepolsterten Händchen. Noch hatte die Försterin die Tür nicht erreicht, als Franzl mit brennendem Gesicht aus dem Flur geschossen kam.

»Mutter! Gib mir 's Kindl her! D' Mali wacht auf. Sie muß uns alle gleich im ersten Augenblick sehen, uns alle miteinander! Komm, Mutter, komm!«

Er hatte der Mutter das Netterl vom Arm gerissen und rannte ins Haus zurück. Vor der Kammertür blieb er stehen und atmete tief. Lautlos trat er ein, und das Kind umschlungen haltend, ließ er sich auf den Sessel nieder, der zu Füßen des Bettes stand.

Ruhig schlummerte Mali in den geblumten Kissen; die schmal gewordenen Wangen waren überhaucht von einer matten Röte, die noch die letzte Glut des weichenden Fiebers und schon der erste Schimmer der wiederkehrenden Gesundheit war. Fast glich das Gesicht der Kranken einem schmächtigen Knabengesicht, umrahmt von kurzgeschnittenem Haar – auf den Rat des Arztes waren die dicken, schweren Flechten der Schere zum Opfer gefallen.

Manchmal regten sich die weißen Finger auf der roten Decke, und unter einem tieferen Atemzug bewegte die Schlummernde den Kopf.

Jetzt schlug sie die Augen auf.

Es war ein freundliches Bild, das ihr erster Blick umfaßte: Franzl mit lachendem Gesicht, auf seinen Armen das Netterl, das große Augen machte, und hinter den beiden die vergnügte Försterin.

Ein Lächeln – und Mali schloß unter tiefem Seufzer die Augen wieder.

»'s Madl meint, sie träumt!« lispelte die Horneggerin ihrem Buben zu.

So flüsternd das gesprochen war – es hatte doch den Weg zum Ohr der Erwachenden gefunden.

Ihre Lider hoben sich, die Augen schienen zu wachsen, und ein Zittern rann durch ihre Arme.

Mit zärtlicher Scheu legte Franzl seine braune Hand auf diese blassen Finger; da fuhr die Erwachte aus den Kissen auf, ein feiner, wunderlicher Laut erschütterte ihre Brust, und wie in Bangen, daß zu Luft zerrinnen könnte, was ihre Blicke schauten, umklammerte sie die Hand des Jägers.

Durch die kleine weiße Stube ging auf leisen Sohlen der Engel eines großen Glückes.

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