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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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19

Am gleichen Morgen, an dem der Draht Graf Egges spät erwachte Sehnsucht nach Amalfi, Sorrent und Capri meldete, trafen Kitty und Gundi Kleesberg mit Hans Forbeck und Professor Werner in München ein.

Bei der Einfahrt in den Bahnhof beugte Kitty sich aus dem Kupee und stammelte in Freude: »Tas und Anna sind da, sie erwarten uns!« Mit beiden Händen winkend, rief sie, die Stimme erstickt von Tränen: »Anna! Tas!«

Sie standen Seite an Seite, ein schönes, stolzes Paar – wer die beiden sah, mußte fühlen: das sind glückliche Menschen.

Der Zug war noch im Gang, als Kitty schon die Klappe der Kupeetür öffnete. Vor Freude schluchzend, flog sie dem Bruder an den Hals. Er nahm ihr zuckendes Gesichtchen zwischen die Hände und sagte lächelnd: »Sieh mir in die Augen und lies die Antwort auf deinen Brief aus Ravello! Ich wünsche dir Glück, mein lieber Spatz! Du hast gut gewählt.« Er wandte sich an Forbeck, umschlang ihn und küßte ihn auf die Wange.

»Tas! Mein guter, guter Tas! Wie lieb du bist! Wie herzensgut!« Und vom Bruder flog Kitty in seligem Sturm auf Anna zu.

Tassilo begrüßte die Kleesberg. Und es war ein seltsamer Blick, mit dem er sich von Gundi zu Werner wandte. Wortlos bot er ihm die beiden Hände. Auch Werner schwieg, während er Tassilos Händedruck erwiderte.

Vor dem Bahnhof wartete die Equipage, in der die Damen Platz nahmen. Die Herren folgten in einem Mietwagen; wohl gab sich der Kutscher alle Mühe, hinter dem vorauseilenden Gefährt zu bleiben, doch als er vor dem Ziel die Pferde parierte, hatten Kitty und Gräfin Anna schon die im ersten Stock gelegene Wohnung betreten; nur Tante Gundi stand noch auf der Treppe und kämpfte mit ihrem versagenden Atem.

Forbeck sprang über die Stufen hinauf und reichte der Kleesberg den Arm.

Diesen Augenblick benützte Werner, um an Tassilo die flüsternde Frage zu richten: »Wann haben Sie meinen Brief erhalten?«

»Zugleich mit dem Brief meiner Schwester. Wie tief sein Inhalt mich bewegte, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Ich kann Ihnen auch die Gründe nachfühlen, die Sie veranlaßten, diesen verhüllten Wert Ihres Lebens vor mir zu öffnen. Ich danke Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens. Dennoch kann ich Ihnen einen Vorwurf nicht ersparen. Werner? Lieber Freund?« Tassilo legte die Hand auf Werners Schulter. »Haben Sie mich so wenig kennengelernt, um in mir einen Menschen von törichten Vorurteilen vermuten zu dürfen?«

»Aber Doktor!« stammelte Werner. »Wie können Sie nur auf einen solchen Gedanken kommen?«

»Sie haben ihn mir aufgezwungen durch Ihre Sorge. Soll mir der Bräutigam meiner Schwester minder willkommen sein, weil sein Vater nicht der im Elend untergegangene Trunkenbold ist, dessen Namen er trägt und zu Glanz erhebt, sondern ein Mann, den ich als Künstler verehre und als seltenen Menschen liebe? Blut von Ihrem Blut, Werner! Das ist mir eine neue Sicherheit für das Glück meiner Schwester.«

Werner faßte Tassilos Hand. »Ich danke Ihnen für dieses Wort. Und billigen Sie auch mein Verhalten gegen Hans? Daß ich mein Schweigen ihm gegenüber für immer bewahren will?«

»Ja, Werner! Sie bringen Ihrem Sohn ein Opfer, wie es nur die tiefe, uneigennützige Liebe eines Vaters bringen kann. Hans liebt Sie als seinen geistigen Vater. Er dankt Ihnen alles, Charakter, Bildung und Können. Soll er das Recht eines Wortes mit dem Umsturz seines ganzen Innern bezahlen, mit einer schiefen Stellung vor der Welt? Nein! Sie müssen schweigen, nicht nur ihm zuliebe, auch aus Barmherzigkeit für eine andere! Wie stünde sie vor ihrem Sohn? Bedrückt von Scham, belastet mit einer Tragik, die hart ans Lächerliche streift!«

»Während dieses Gespräches waren sie über die Treppe hinaufgestiegen. Aus dem offenen Korridor klang die Stimme der Kleesberg, die sich bei ihrem »lieben Hans« für den »freundlichen Ritterdienst« bedankte.

Tassilo fragte leis: »Sie hat keine Ahnung?«

»Keine! Daß er mein Sohn ist, erriet sie auf den ersten Blick. Mehr kann sie nicht ahnen. Wie soll sie denken, daß der eigene Vater sie belog? Daß er, um sie von dem ›obskuren Tagdieb‹ loszureißen, der mit dem Fieber kämpfenden Tochter das herzlose Märchen vom Tod ihres Kindes vorgaukelte? Ich habe doch auch an diese Lüge geglaubt! Noch heute wär' ich ein einsamer Mensch, wenn ich nicht die Sehnsucht empfunden hätte, das einzige zu suchen, was hinter meinem vernichteten Glück noch übrig war: dieses kleine Grab! Es wollte sich nicht finden lassen. Dennoch hab' ich jahrelang gebraucht, bis der erste Zweifel in mir erwachte, und bis die halb erloschene Spur, der ich hartnäckig folgte, mich meinen Jungen finden ließ. Und wie hab' ich ihn gefunden! Ich wollte, daß ich dieses Bild vergessen könnte!«

Da klangen heitere Stimmen, rasche Tritte, das Rauschen eines Kleides. Arm in Arm erschienen Kitty und Forbeck unter der Tür. Während Werner das junge Paar betrachtete, streifte Tassilo zärtlich die Hand über das Haar der Schwester. Im Speisezimmer, dessen Tisch zum Frühstück gedeckt und mit Blumen geschmückt war, fanden sie Gräfin Anne und die Kleesberg. Und da wollte nun Kitty, die das Heim ihres Bruders an diesem Morgen zum erstenmal betrat, vor allem sehen, »wie das Glück wohnt!«

Es wohnte schön – in Räumen, welche Zeugnis gaben von vornehmem Kunstsinn und erlesenem Geschmack. Kitty faßte ihr Entzücken in das Urteil: »Das ist keine Wohnung, die man eingerichtet hat. Das kommt mir vor, als wäre das gewachsen, ganz von selbst, wie ein Baum, wie eine Blume. Ihr beide müßt so wohnen! Ich kann es mir gar nicht anders denken.« Nur im Zimmer der Gräfin vermißte sie etwas – das Allerwichtigste. »Anna? Wo ist dein Flügel?«

»Der steht, wo sein Platz ist,« fiel Tassilo lächelnd ein, »in meinem Zimmer! Komm! Da sollst du auch noch was anderes sehen.« Er öffnete die Tür des anstoßenden Raumes.

Ein leiser Schrei glücklichster Überraschung.

An der Wand, in vollem Licht der beiden Fenster, hing ein großes Gemälde: aus dem schimmernden Farbenzauber der Leinwand leuchtete eine weiße Mädchengestalt heraus; die Schatten des nahenden Sturmes umdrohten sie, doch sicher und lächelnd, von Sonne umschmeichelt, ruht sie auf den starken Mannesarmen, die sie fahrlos hinübertragen über den Steg des tobenden Wildbaches.

»Hans!« stammelte Kitty. »Und das hast du mir verschwiegen! Oder hast du selbst nicht gewußt –« Ihre Augen suchten den Bruder. »Tas? Wie kamst du zu diesem Bild?«

»Durch gütige Vermittlung der Post. Und dann kam aus Capri ein Brief, in dem ein gewisser Hans Forbeck sich entschuldigte, daß sein Hochzeitsgeschenk den Umweg über Berlin genommen hätte.«

»Hans!« jubelte Kitty. Und dann stand sie stumm an seine Schulter gelehnt und trank mit glänzenden Augen den Zauber dieser Farben. Immer heißer glühten ihre Wangen. »Hans!« Sie schlang die Arme um seinen Hals. »Ich bin stolz auf den Namen, den ich tragen werde!« Dann flog sie auf die Gräfin zu. »Eine Bitte, Anna! Die mußt du mir erfüllen! Sing mir das Lied vom Jasminstrauch!«

Gräfin Anna öffnete den Flügel. Eine Flut von Tönen rauschte durch den Raum, und die herrliche Stimme klang.

Grün ist der Jasminenstrauch
Abends eingeschlafen.
Als ihn mit des Morgens Hauch
Sonennlichter trafen,
Ist er schneeweiß aufgewacht.
Was geschah nur über Nacht?
Seht, so geht es Bäumen,
Die im Frühling träumen.

Als Gräfin Anna die schlanken weißen Hände in den Schoß sinken ließ, war es lange still im Zimmer. –

Und einige Stunden später das wirre Getriebe des Bahnhofes, das Pfeifen der Lokomotive, das dumpfe Schlagen der Räder, die sich unter dem gleitenden Wagen drehten, immer schneller und schneller.

Kitty und Gundi Kleesberg reisten nach Hubertus. Wohl hatte Tante Gundi, die »das Äußerste« gern noch verschoben hätte, eine »Ruhepause« von einigen Tagen gewünscht. Aber Kitty wußte die Weiterreise durchzusetzen – sie wollte ihr Glück entschieden wissen, und Tassilo hatte ihr beigestimmt. Eine Depesche meldete nach Hubertus, daß die Damen mit dem letzten Zug eintreffen würden, und daß der Wagen sie bei der Station erwarten sollte.

Für Kitty wurde die Reise zu einem fliegenden Traum. Sie kam sich vor wie ein Kind, dem eine Flüsterstimme zärtliche Märchen erzählt. Und immer sah sie farbig schimmernde Bilder vor den geschlossenen Augen. Wie sonderbar! Daß sie an Märchen denken konnte! Jetzt, vor dieser Begegnung mit dem Vater! Aber war nicht alles, was sie in diesen Tagen erlebt hatte, das echte, rechte Märchen? Der Flug dieser Heimreise? Das blühende Wunder von Ravello? Ihre Liebe und ihr Glück?«

Immer spähte sie nach den von Wolken umlagerten Bergen, die näher und näher rückten und mit jeder Minute wuchsen. Diese Wolken, die sich dunkel herwälzten über die noch mit Schnee gesprenkelten Gipfel, trugen schweren Regen in sich, vielleicht ein Ungewitter.

Im Bahnwagen brannte die Lampe schon, und draußen sank die Dämmerung. Die schwermütigen Torfmoore hatten gelblichen Schein; in tiefer Schwärze stiegen die Bergwälder auf, und durch das blaugraue Gewölk, wenn die treibenden Massen sich zuweilen klüfteten, leuchtete ein Fetzen Himmel gleich einer rot brennenden Fackel.

In Kitty erwachte eine beklemmende Erinnerung. Ein ähnlicher Abend war es gewesen, als sie von der versäumten Hochzeit ihres Bruders nach Hause fuhr!

Tiefer und tiefer sank die Dämmerung; dann ein Pfiff der Lokomotive, und das Ziel war erreicht. Vor dem Bahnhof stand die Kalesche. Der Kutscher war einsilbig und musterte die Damen mit scheuem Blick.

Es wurde finster, bis der Wagen durch das Parktor von Hubertus lenkte. In der Tiefe der Allee stand eine funkelnde Säule: die von den Laternen der Veranda beleuchtete Fontäne. Im Adlerkäfig kein Laut, nicht das leiseste Geflatter. »Seltsam!« murmelte Kitty. »Wie still sie heute sind!«

Der Wagen hielt, und Fritz, mit der Lampe in der Hand, trat zum Schlag. Er sprach nicht, sein Gesicht war blaß, und die Lampe klirrte. Verwundert sah ihn Kitty an und wollte sprechen. Da gewahrte sie noch einen anderen. Auf den Stufen der Veranda stand der Pfarrer.

»Hochwürden?« stammelte Kitty.

»Man hat mich gerufen, um Sie zu empfangen, gnädiges Fräulein!«

Der Ton dieser Worte nahm ihr die Sprache.

»Kommen Sie, mein gutes Kind! Ich will Ihnen Stütze sein beim Eintritt in das väterliche Haus, auf das der Herr in unerforschlichem Ratschluß seine schwere Hand gelegt hat.«

Kitty zitterte, als der Pfarrer sie führte. Im Billardzimmer hatte sie ein Gefühl, als versänken die Wände. Dazu hörte sie immer Wort, Worte. Es war schon ausgesprochen, das Furchtbare – und sie konnte es nicht fassen. Dann streckte sie unter schluchzendem Laut die Hände und stürzte aus dem Zimmer, durch den Flur – zur Kruckenstube.

Eine Hängelampe erleuchtete die getünchten Mauern, auf denen sich die Gemsgehörne durch ihre Schatten verdoppelten. Die Beine von einer Wildschur umwickelt, saß Graf Egge im Lehnstuhl, das graue Haupt mit dem steinernen Gesicht und den toten Augen ein wenig zurückgeneigt.

Kein Laut kam über Kittys Lippen. Einen Schritt nur tat sie und stand wieder wie gelähmt.

Kaum merklich bewegte sich Graf Egge; seine Finger zogen sich ein, und zwischen den schmal geöffneten Lippen blinkten die Zähne.

»Geißlein?« Das klang wie aus weiter Ferne.

Da schrie sie, als hätte man ihr einen glühenden Stahl ins Herz gebohrt, stürzte auf den Vater zu, umschlang ihn, brach in die Knie und drückte schluchzend das Gesicht in seinen Schoß.

Ein Schüttern ging durch den Körper des Blinden. Mit beiden Händen tappte er, bis er das zuckende Haupt seines Kindes fand.

»Sei gut, Geißlein! Mach' keinen Unsinn! Es ist nun einmal so. Ich hab' ausgejagt. Das ist nimmer zu ändern. Hoffentlich hat dir's der Pfarrer löffelweis eingegeben.«

Sie schluchzte.

Er streichelte das weiche Haar und befühlte ihre kleinen Ohren. »Eine harte Sache, Geißlein! Die Lichter hin. Alles schwarz vor den Augen. Kein Berg und kein Wald. Nimmer Grün und nimmer Blau. Nur Schwarz! Und dich lieb' ich auch. Und soll dich nimmer sehen. Und es seht mich nach deinem Anblick. Hat dir die Sonne da drunten wohlgetan? Bist du gesund geworden? Hast du rote Wangen? Laß mir die Kleesberg kommen! Die soll mir sagen –« Er verstummte. Wie in Schmerz verzog er den Mund, während er den rechten Arm streckte und die Finger bewegte, als empfände er eine Spannung an der Hand.

Kitty fuhr auf. Sie konnte den Anblick nicht ertragen – die welken Züge, die starren, vorgequollenen Augen mit dem roten Kreis um jeden Apfel. Stöhnen barg sie wieder das Gesicht. Alles zu Ende. Auch ihr Glück, ihre Liebe! Alles vernichtet, versunken! Sie war gekommen, mit dem Vater zu ringen um ihr Glück – wenn es sein müßte, ihn zu verlassen! Und da lag sie zu seinen Füßen, an ihn geschmiedet mit allen Banden einer Kinderseele! Nur noch die Liebe zu ihm, alles Jammer, der sie erschütterte, alles Erbarmen, das ihr das Herz zerreißt! Und das andere zu Ende – das schöne, selige Märchen, verklungen, versunken! Nur dieser Blinde noch, nur diese starren, toten Augen, die trocken waren, ohne Glanz und ohne Tränen – – –

Es pochte an die Fenster; schwere Tropfen schlugen gegen die Scheiben. Dann ein Sausen, das von weit her tönte und im nächsten Augenblick schon alle Mauern von Hubertus umringte, ein helles Geprassel, wachsend zu einem dröhnenden Geknatter. Die Fenster wurden weiß, es trommelte auf dem Dach und brauste durch alle Wipfel des Parkes nieder auf die Erde. Der echte, wilde, zügellose Frühlingsregen der Berge, der alle faulen Zweige von den Bäumen schlägt, die Täler und Höhen säubert, den letzten Schnee ersäuft und die Felsen befruchtet!

Ein fahler Blitz, ein matt verrollender Donner, dann wieder Finsternis und Ströme über Ströme.

Bäche rannen auf allen Straßen des Dorfes, der See überstieg die Ufer, und in das Geprassel des Regens mischte sich immer mächtiger das Rauschen der Ache und der schwellenden Wildbäche.

An allen Häusern waren die Fenster hell. Über die roten Scheiben huschten die schwarzen Schatten der Weiber, die mit Lumpen alle Lücken der Fensterrahmen verstopften. Und hinter den Flurtüren das Geschrei der Mägde, die das eingedrungene Wasser von den Dielen schöpften.

Ein einziges Haus war öd und finster. Das Brucknerhaus. Und doch belebt: die beiden Kühe brüllten im Stall und zerrten an den Ketten. Sie hungerten.

Im Seehof kreischender Stimmenlärm; die Schifferschwemme mit Gästen angefüllt; kein Lied, kein Zitherklang; nur das Gewirr der lauten, erregten Stimmen; und die erleuchteten Fenster von Qualm verschleiert.

Auf der gedeckten Terrasse stand der Seewirt; die Fensterhelle warf seinen Schatten lang auf die überschwemmte Lände hinaus.

Jetzt Stimmen vom Waldsaum her, und das Geplätscher watender Schritte. Vier Holzknechte betraten die Terrasse, schüttelten die triefenden Wettermäntel und schleuderten das Wasser von den schwammigen Hüten.

»Was is?« fragte der Seewirt. »Gschieht in der Nacht noch was?«

»Nix mehr! Die Bscherung droben muß liegenbleiben, hat der Schandari gsagt, bis morgen die Grichtsleut alles gsehen haben. Aber dös arme Madl werden s' in der Nacht noch runterbringen. Wie der Regen angfangt hat, sind s' mit der Tragbahr in der Almhütt untergstanden.«

Die Holzknechte suchten ins Trockene zu kommen. Als die Tür der Schwemme geöffnet wurde, quoll der dicke Pfeifenqualm heraus.

Der Seewirt faßte einen der Knechte am Lodenzipfel. »Geh, Steffel, mach den Sprung zur Förstnerin aussi! Sie weiß schon, daß ihrem Buben nix gschehen is, aber dös arme Weibl tut wie verruckt. Geh, mach dös Katzensprüngl! Ich zahl dir a paar Maß Bier.«

»Meintwegen!« Der Knecht stapfte durch die Pfützen und verschwand im Grau des strömenden Regens.

Stunde um Stunde verrann. Um Mitternacht machte der Seewirt Kehraus in der Schwemme. Laut schwatzend torkelten die Letzten nach Hause.

Der Regen war dünner geworden und ging in feines Geriesel über; das hatte keinen Laut mehr; und das Rauschen der Bäche wurde eintönig.

Droben im Bergwald gaukelten die Lichter zweier Fackeln; sie verschwanden, um auf dem tieferen Gehäng wieder aufzublitzen.

Durch die hängende Wolkendecke stahl sich das erste Grau; aus den Wäldern dampften bleiche Nebel und schwebten unruhig hin und her, jedem Wechsel des Windes folgend. Ein starker Geruch von zerriebenem Laub und aufgewühlter Erde füllte die Luft. Er tropfte von den Bäumen; die hatten ihre Blättchen in dieser Nacht zu Blättern ausgeschoben. Ein junger Apfelbaum, der hinter dem Zaun eines stillen, öden Gehöftes stand, hatte weißen Blütenschimmer. Und eine Drossel schlug. Das war der erste Laut dieses Morgens. Dann klirrende Schritte auf dem Steig, der vom Waldhang gegen die Lände führte.

Zwei Holzknechte erschienen unter den triefenden Bäumen; der eine schob mit dem Bergstock das Fallholz und die Steine aus dem Weg, der andere trug die Büchse und den Hüttensack eines Jägers; ihnen folgten zwei Männer mit einer Reisigbahre: die Stangen am Fußende trug ein alter Bauer, während die Traghölzer zu Häupten der Bahre in Franzls Händen lagen. Sein Gang war mühsam, seine Arme zitterten. Die drei anderen hatte sich von Stunde zu Stunde abgelöst; nur Franzl hatte immer den Kopf geschüttelt, wenn einer der Knechte ihm die Stangen aus den Händen nehmen wollte. Das nasse Gewand klatschte an seinem Körper. Tastend suchte sein Schritt den Weg, während seine Augen an dem Mädchen hingen, das auf dem Reisig der Bahre gebettet lag, mit Franzls Wettermantel unter dem Kopf, mit zerschnittenem Mieder und gelöstem Haar. Malis Augen standen offen und hatten flackernden Glanz; bald schrie sie mit heiseren Lauten, bald wieder raunte sie ein Gewirr sinnloser Worte vor sich hin; dabei zupften ihre Finger ruhelos an den Haaren der triefenden Lodendecke, die den Körper der Fieberkranken bis zur Brust umhüllte.

Die Bahrenträger schritten am Brucknerhaus vorüber und den Wiesen zu.

Auf dem Sträßlein stand die alte Horneggerin. »Franzl!« schrie sie. Und rannte.

Nun war es mit Franzls Beherrschung zu Ende. »Da schau, Mutter! Gibt's an Unglück mit'm Madl, so kannst mich gleich mit eingraben!«

Alle Freude der Horneggerin, daß sie ihren Buben heil nach Hause kommen sah, verwandelte sich in Jammer. »Jesus Maria!« Sie eilte den Trägern voraus, um Zaun und Tür vor ihnen zu öffnen. »Nur eini, Leut! Mein Bett soll s' haben, und wenn ich am Boden liegen müßt!«

Als Franzl die Fiebernde in die Kammer trug, schlug sie mit den Händen um sich und schrie.

Der Doktor kam, und die Horneggerin schob ihren Buben zur Tür hinaus. In der Stube fiel er auf die Ofenbank, und seine Knie begannen zu zittern, daß die genagelten Absätze laut auf den Dielen trommelten.

Mit verweintem Gesicht kam die Horneggerin aus der Kammer geschlichen und legte den Arm um den Hals ihres Buben. »Sei gscheit Franzl! Solang eins am Leben is, darf man d' Hoffnung net verlieren!«

Franzl umklammerte die Mutter. »Dös Madl is mir alles! Mein Glück und Leben! Wenn unser Herrgott dem Madl nimmer helfen mag – da wär's mir lieber, dem Bruckner sei' Kugel hätt net den andern troffen, sondern mich!«

»Jesus! Bub!« stotterte die Försterin. »Wie kannst dich denn so versündigen!«

»Recht hast! Ich hab an dich vergessen. Gott verzeih mir's!« Franzl hob das bleiche Gesicht; seine Augen brannten. »Mutter! Jetzt hat der Vater d' Ruh im Grab. Der ihm die Kugel durchs Herz gjagt hat am blutigen Johannistag – jetzt liegt er droben in die Latschen, mit der Kugel am gleichen Fleck.«

Jähe Blässe rann über das Furchengesicht der alten Frau. »Der Bruckner?«

Der Jäger schüttelte den Kopf. Leis begann er zu erzählen, während seine verstörten Augen immer wieder die Kammertür suchten. Die ganze Leidensgeschichte seines Herzens sprudelte aus ihm heraus, von der ersten Begegnung mit Mali bis zu ihrem warnenden Wort vor der Dippelhütte: »Nimm dich vorm Schipper in acht!« Er schilderte jedes Erlebnis mit dem grauen Kameraden, bis zum letzten Morgen unter der Hangenden Wand.

»Gleich hat mir die Gschicht mit seine zwei Lumpen net taugt. Aber mit dem Wörtl vom Schwarzbartigen, der den Vater am Gwissen hätt, da hat er mir Fuier ins Blut gossen. Und wie ich einisteig übern Schneelahner, sitzt er schon da vor mir, der Schwarzbartig, mit'm Gsicht voll Ruß! Siedheiß geht's mir in Kopf, und ich fahr gleich auf mit der Büchs. Allweil sitzt er und rühr sich net. Der Spielhahn is ihm vor die Füß glegen, 's Gwehr hat er zwischen die Knie ghabt, und allweil schaut er in Boden eini. Und gahlings schlagt er d' Händ vors Gsicht und fangt zum heulen an wie a wehleidigs Kindl. Dös hat mich packt, ich weiß net wie. Die Büchs hab ich aus'm Anschlag gnommen, bin auf ihn zu in aller Ruh und sag: ›Gib dich, Lump!‹ Da schaut er mich an. Nachher schnauft er und sagt: ›Da hast mich!‹ Eiskalt geht's mir übern Buckel. Gleich fallt mir d' Schwester ein. ›Jesus! Bruckner? Du!‹ Mehr hab ich net aussibracht. ›Ja,‹ sagt er, ›ich!‹ Und steht auf, will mir 's Gwehr hinbieten und sagt: ›Gegen dich gibt's für mich kein Wehren net!‹ Da kracht's übern Lahner her. Und jetzt erst fallt mir wieder der zweite ein, von dem der Schipper verzählt hat. Ich mach an Sprung auf d' Seiten. Drüben fliegt 's Pulverwölkl auf, und zwischen die Latschen blitzt der Lauf kerzengrad gegen mich her –«

»Jesus!« keuchte die Horneggerin und bedeckte die Augen.

»Aber ich war mit der Büchs noch net im Gsicht, da fallt neben meiner der zweite Schuß. In die Latschen drin überschlagt sich einer, sei' Büchs kugelt aussi über d' Wand, und neben meiner sagt der Bruckner: ›Für dein' Vater, Franzl! Heut is Zahltag gwesen!‹ Da greift er mit der Hand an d' Seiten, und 's Blut rinnt ihm übern Schenkel. Sei' Büchs, die noch graucht hat, fallt ihm aus der Faust. Und wie der Baum im letzten Hieb, so schlagt er auf d' Steiner nieder. Ich spring ihm z' Hilf. ›Fehlt's weit?‹ frag ich. ›Ja,‹ sagt er, ›wird wohl Zeit sein, daß ich beicht – 's Heutige druckt mich net, aber 's Alte möcht ich mir vom Gwissen laden!‹ – Mutter, Mutter, was hab ich hören müssen!«

Mit langsamen, hölzernen Worten wiederholte Franzl, was ihm der Sterbende gebeichtet hatte.

»Schier hat er nimmer reden können. ›Verzeihst mir?‹ hat er noch gfragt. ›Ja,‹ sag ich, ›derbarmen tust mich!‹ Da schaut er mich an und hat sich gstreckt. Und ›Netterl, mein Netterl!‹ Und aus und gar is gwesen. Und beten hab ich müssen. Und hab net glauben können, daß er der Schuldig is! Zwei Kugeln sind geflogen am Johannistag, eine bloß hat troffen. Mutter, da leg ich d' Hand ins Fuier: es war dem Schipper die seinig! Die ganzen Jahr her hab ich's gspürt in mir und hab's net verstanden. Es war sein Gwissen, dös sich gwehrt hat gegen mich! Und die letzte Lug am gestrigen Weg? Und wie er mich ghetzt hat, daß ihn mei' Kugel vom andern erlösen sollt! Und wie sich der Bruckner gutwillig geben will, schießt er ihm hinterrucks die Kugel auffi. Warum denn? Weil er gforchten hat, der Bruckner könnt reden. Und die ander Kugel hätt er mir durch'n Schädel gjagt, daß ich kein Zeugen mach. Er hat sich verrechnet. Und der Bruckner hat zahlt für mich. Wie ich einigstiegn bin in d' Latschen, und der Schipper is daglegen, mit die Fäust in der Luft und im käsigen Gsicht noch allweil sein giftiges Lachen – Mutter, da hat's bei mir kei Frag nimmer braucht. Jetzt leg ich d' Hand ins Fuier: der Schipper war's!«

Von Grauen geschüttelt, bekreuzigte sich die Försterin. »Unser Herrgott soll ihm gnädig sein! Ich hab verziehen.« Sie umklammerte den Sohn. »Sie christlich, Bub! Vergib!«

Franzl schüttelte den Kopf, und seine Stimme war hart wie Eisen. »Ich bin a guter Christ. Aber da drin liegt d' Mali. Ich hab bloß an einzigs Denken: daß mich unser Herrgott die Stund erleben laßt, in der ich dem Madl sagen kann: ›Tu dich trösten, der Schipper war's, und deim Bruder verdank ich mein Leben‹.«

Der Doktor kam aus der Kammer. »Kopf hoch, lieber Hornegger!« Er winkte der Försterin und trat mit ihr vor das Haus. »Ihnen muß ich die Wahrheit sagen. Nervenfieber und schwere Lungenentzündung. Das kann Bäume werfen.«

Die Horneggerin mußte sich erst in der Küche ausweinen, ehe sie die Kammer wieder betreten konnte.

Franzl saß zu Füßen des Bettes und hielt die glühenden Hände der Kranken umklammert, die regungslos in den geblumten Kissen lag, mit dunklen Rosen auf den Wangen.

»Mutter?« Das klang wie ein Hauch. »Meinst net, sie schaut schon besser aus?«

»Aber ja! Gwiß! Viel besser!«

Franzl atmete auf und erhob sich. »Es kommt mich hart an – aber ich muß Rapport machen. Bleibst bei ihr?«

»Tag und Nacht!«

»Und tust alles, was der Doktor gsagt hat?«

»Alles! Verlaß dich auf mich! Aber zieh dich um, tropfst ja am ganzen Leib!«

»Dös kühlt mich grad.« Scheu rührte er mit den Fingerspitzen an Malis glühende Wange; dann schlich er zur Tür. »Was ich sagen will – am Heimweg könnt ich 's Brucknerhaus absperren und 's Netterl mit heimbringen? Is dir's recht?«

Die Horneggerin zögerte mit der Antwort.

»Mutter! Weißt es nimmer? ›Netterl!‹ hat er gsagt und hat mich angschaut im letzten Schnaufer.«

»Aber Franzl! Ich hab ja nix dagegen. Freilich! Freilich! Aber wenn ich nur wüßt – d' Mali wird mich brauchen, Franzl – ganz!«

»Ganz und doppelt! Da muß a tüchtigs Weibsbild zur Hilf haben! Die könnt mit'm Netterl in mein Stübl auffiziehen. Ich leg mich auf'n Heuboden, 's Heu bin ich gwohnt.«

Er wartete die Antwort nimmer ab. Als er den Hof betrat, läutete man zur Messe. Ein blauer Streif des Himmels schimmerte durch die Wolken. Noch war die Sonne nicht zusehen, doch fern im See war ein funkelndes Glanzband hingegossen über den grünen Spiegel.

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