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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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15

Den reinen Himmel und die noch halb mit Schnee bedeckten Felszinnen in leuchtenden Schimmer tauchend, sank die Sonne hinter die Berge, als Graf Egge, vom fünfstündigen Marsch erschöpft, mit Schipper die »Hangende Wand« erreichte.

Sie verdiente mit Recht ihren Namen; breit und massig stieg sie aus dem mit Zirbelkiefern durchsetzten Latschenfeld bis zu einer Höhe von etwa hundertzwanzig Meter empor, im Anstieg die kahlen Steinplatten nach auswärts wölbend, so daß die Kuppe der Felswand über ihren Fuß hinausragte.

»So, Herr Graf, jetzt suchen S' amal den Horst!«

Graf Egge setzte sich auf einen Steinblock, schob den Hut in den Nacken und spähte gegen die Höhe der Felsen. Eine stumme Weile verrann; endlich schüttelte er ungeduldig den Kopf. »Zeit' ihn mir!«

»Hab ich's net gsagt? Wenn ich net zufällig den Adler einistreichen sieh, wird der Horst seiner Lebtag net gfunden. Schauen S' auffi, Herr Graf! Schier in der Mitten von der Wand, sechzg oder siebzg Meter in der Höh, da hängt a grüns Fleckl. Sehen Sie's?«

»Richtig!«

»Und unten dran? Sehen S' den kurzen grauen Strich?«

»Stimmt!«

»Dös is der Horst!« Schipper reichte seinem Herrn das Fernrohr.

Kaum hatte Graf Egge seinen Blick durch das Glas geworfen, als er in Erregung aufsprang. »Richtig, der Horst! Und mit zwei Jungen! Ich habe die weißen Köpfe gesehen!« Er schob das Fernrohr zusammen und spähte zur Höhe. Je länger er die Wand betrachtete, desto länger wurde sein Gesicht. »Ja, Schipper! Da spuckt's mit dem Ausheben. Aber ich muß hinauf! Und wenn es um den Hals geht!«

Den Weg zum Horst mit einer Klettertour über die Felsen zu suchen – dieses Mittel überlegte Graf Egge gar nicht. Bei dem überhängenden Bau der Wand war die Möglichkeit, den Horst klimmend zu erreichen, völlig ausgeschlossen. Also von oben nach unten? Am Seil? So hatte Graf Egge schon drei Horste ausgehoben. Freilich, da hatte das Seil immer nur den Zweck gehabt, ihn beim Einstieg in die Wand vor dem Sturz zu sichern. Aber hier? Wenn er sich, auf einem Prügel reitend, am Tau von der überhängenden Kuppe niederseilen ließe, würde er frei in der Luft schweben, ein Dutzend Meter vom Horst entfernt. Würde es ihm gelingen, sich so in Schwung zu setzen, daß er das Astwerk des Horstes mit den Händen erfassen und festen Fuß im Felsloch gewinnen könnte? Würde das Seil, auch doppelt genommen, die Reibung dieses langen Geschaukels ertragen?

Zu jedem neuen Gedanken schüttelte Graf Egge den Kopf. Er nahm den Hut ab, kraute sich in nervöser Unruhe hinter den Ohren, begann wieder zu überlegen und sagte schließlich: »Da bleibt nur ein einziger Weg. Die Leiter!«

Schipper mußte lachen. »Aber Herr Graf! Siebzg Meter Leitern! Dös kann doch net Ihr Ernst sein? So an Einfall!«

Graf Egge wurde dunkelrot im Gesicht. »Die Verantwortung über meine Einfälle überlaß du mir! Pack' zusammen und spring hinunter ins Dorf. –«

Er konnte nicht weitersprechen; Schipper hatte ihn am Arm gefaßt und in das dichte Gezweig eines Latschenbusches zurückgerissen. »Der Adler kommt!«

Gleich einem huschenden Schatten, mit regungslos ausgebreiteten Schwingen, kam der riesige Vogel hoch in den schimmernden Lüften über das Almental einhergeschossen, einen schwarzen Klumpen in den Fängen. Über der Felswand machte er eine Schwenkung. Einen Augenblick leuchtete, von der Sonne beschienen, sein Gefieder gleich mattem Gold. Dann stürzte er wie ein Pfeil aus den Lüften und verschwand im Horst. Keuchend tappte Graf Egge nach seiner Büchse. Doch bevor er die Hähne spannen und die Waffe heben konnte, hatte sich der Adler schon aus dem Horst geschwungen, warf sich mit sausendem Fall über die Felswand herunter, huschte zwischen den Zirbelkiefern dicht über die Latschen weg und hob sich außer Schußweite in die Lüfte.

Bleich vor Erregung sah Graf Egge dem entschwindenden Vogel nach. »Wart, Brüderl! Wir wachsen noch zamm miteinander! Z'erst die Alten und dann die Jungen! Alles schön der Ordnung nach!« Er wandte sich an den Jäger. »Flink! Hinunter ins Ort! Zum Zimmermann! Er soll zusammentrommeln, was sich auf Zimmermannsarbeit versteht. Vier Leitern will ich haben, jede von zwanzig Meter Länge, die erste fest und schwer, die anderen immer leichter. Die Stangen aus grünem Fichtenholz und die Sprossen von Eschen. Die Enden der Stangen sollen mit einem Falz ineinanderpassen und eiserne Seitenschienen bekommen, an denen man sie hier oben miteinander verschrauben kann. Verstehst du, wie ich es meine?«

»Jawohl, Herr Graf!«

»In acht Tagen will ich die Leitern haben. Man soll noch heut mit der Arbeit beginnen und Tag und Nacht durcharbeiten. Du bleibe dabei und überwache das Holz, das sie nehmen. An dem Holz, Schipper, hängt mein Hals.«

Schipper machte sich wegfertig. »Alles wird pünktlich bsorgt, Herr Graf. Und Weidmanns Heil! Hoffentlich kriegen S' die Alten alle zwei!« Er sprang davon.

Graf Egge wählte für die kommenden Tage, die der Beobachtung der beiden »Alten« gelten sollten, in den Latschen ein Versteck, das ihn gut verbarg und ihm doch bequemen Ausblick nach allen Seiten gewährte. Dann trat er den Weg zu der eine Stunde entfernten Dippelhütte an.

In der Nähe des Jagdhauses traf er in der grauen Dämmerung mit Franzl zusammen, der kleinlaut meldete, daß er den Horst noch immer nicht gefunden hätte.

»Du blinder Heß!« brummte Graf Egge. »Wenn ich auf dich allein angewiesen wäre, hätt' ich das Nachsehen. Den Horst hat der Schipper gefunden.«

Franzl schwieg; aber er schluckte hörbar, als hätte er im Hals einen Bissen stecken, der nicht hinunter wollte.

»Koch' mir den Schmarren,« sagte Graf Egge, als er in die Hütte trat, »ich bin zu müd, um mich selber an den Herd zu stellen. Weiß der Teufel, was das ist! Sonst hat mich eine siebzehnstündige Sommerpirsch nicht müd gemacht. Jetzt robelt mir ein Katzensprung alle Knochen im Leib durcheinander.«

Am anderen Morgen, gegen drei Uhr, weckte Franzl seinen Herrn. –

Sechs Tage vergingen. Die Auerhähne, deren Balz schon dem Ende zuneigte, war für Graf Egge eine erloschene Sache. Nur noch die Adler lebten für ihn. Täglich sah er die beiden Alten beim Aus- und Einflug, studierte ihre Gewohnheiten und ermittelte den Platz, von dem der Schuß am sichersten gelingen mußte. Fallen durften die zwei Adler erst an dem Tag, bevor man die Leitern brachte. Wären die Alten auf der Strecke, und ginge das Ausnehmen nicht glatt vonstatten, so würden die Jungen vor Hunger eingehen, ehe Graf Egge sie am Kragen fassen und aus dem Horst herauslupfen konnte.

Von diesem vierzehnstündigen Sitzen und Lauern, Tag für Tag, waren Graf Egges Kräfte so zerrieben, daß er gegen Abend des sechsten Tages die Hütte kaum noch zu erreichen vermochte. Weil er wußte, daß ihm die fiebernde Erregung keinen Schlummer vergönnen würde, nahm er einen festen Löffel voll Schlafpulver. Und da lag er von fünf Uhr abends an au dem gleichen Matratzenfleck, unbeweglich wie ein Bleiklumpen.

Jetzt kam der große Morgen. Franzl, wieder gegen die dritte Frühstunde, weckte den Grafen und vermochte ihn kaum wach zu bekommen. Endlich gelang es. Und Graf Egge sprang aus dem Bett, als hätte der zehnstündige Schlaf auch die letzte Spur der schweren Ermüdung von seinen Knochen gelöst. Aus seinem ersten Worte sprach schon die brennende Spannung, die der Gedanke an die bevorstehende Jagd in ihm entzündete. Während er das Frühstück hinunterschlang, gab er dem Jäger die Weisung: »Ich bleib allein. Zwei können nicht so ruhig sein wie einer. Daß du mir heut den ganzen Tag nicht in die Nähe der Hangenden Wand kommst! Laß dich auch sowenig als möglich auf den Almen blicken, damit du mir die Adler nicht vergrämst, wenn sie zustreichen. Geh lieber hinunter in den Wald und sieh nach den Auerhähnen. Wenn sie noch leidlich balzen, hol' ich mir ein paar, sobald ich den Horst geräumt habe.« Noch am letzten Bissen kauend, hob er den mit Proviant gefüllten Bergsack auf den Rücken, nahm die Büchse und eilte aus der Stube. Für diesen wichtigen Tag war ihm jede nötige Vorsicht so fest ins Blut gegossen, daß er bei aller Hast auch ohne Beule durch die Dippeltür kam.

Franzl, der ihm nachsah, seufzte beklommen vor sich hin: »Unser gütiger Herrgott soll's geben, daß er s' kriegt, alle zwei. Sonst macht der Zorn aus ihm an Igel, den man nimmer angreifen kann!«

Die Sterne wollten schon erlöschen, als Franzl die Hütte verließ. Im Laufschritt umkreiste er das weite Almfeld, um vor dem ersten Morgengrauen den tiefer liegenden Bergwald zu erreichen. Auf dem offenen Gehänge hoben sich schon die grauen Steine erkennbar aus dem finsteren Rasen, doch im Walde, zwischen den hohen Fichten, lag noch tiefe Nacht. Ein Käuzl huschte mit klagendem Schrei über die Bäume, in deren schwarzem Schatten Franzl den Weg zu den Balzplätzen suchte. Allmählich begann es im Walde grau zu werden, durch eine Lücke der Bäume schimmerte schon ein lichter Streif des östlichen Himmels, und bald vernahm der Jäger in der Morgenstille den klippenden Balzgesang des ersten Hahnes. Nicht weit davon balzten zwei andere Hähne. Im Bogen umging der Jäger den Platz, um die verliebten Sänger nicht zu stören, und wanderte, bis er bei vollem Erwachen der Morgendämmerung das Herz des Hahnenreviers erreichte.

Am Saum einer kleinen Blöße, die mit jungen Lärchen und dichten Heidelbeerbüschen bewachsen war, ließ Franzl sich zu Füßen einer alten Fichte nieder, legte die Büchse über den Schoß und lauschte. Fünf Hähne sangen mit heißem Eifer um ihn her, und in das Quintett dieses seltsamen Minneliedes mischte sich der Schlag und das Gezwitscher der erwachenden Drosseln und Meisen. Mit rosigem Schimmer fiel der Morgen über den Wald, eine ferne Felswand leuchtete wie reines Gold, und farbige Bänder schwammen über den Himmel hin. Bald zuckten, wie brennende Pfeile, die ersten Strahlen der Sonne über die Wipfel, in tausend Tautropfen begann ein blitzendes Gefunkel, und als hätte der erwachende Wald tief aufgeatmet, so strich mit sachtem Hauch der Morgenwind durch die Bäume.

Unbeweglich sah Franzl ringsumher, und die wundersame Schönheit dieses Frühlingsmorgens schlich ihm wie ein erquickender Trost in das müde, bedrückte Herz. Ein Gefühl hoffender Lebensfreude erwachte in ihm, er preßte die Fäuste auf die Brust, als würden ihm plötzlich alle Rippen zu eng – und dabei mußte er an Graf Egge denken, der jetzt geduckt und fröstelnd zwischen den feuchten Latschen saß und für nichts anderes Sinn und Auge hatte als für den Horst in der Wand.

»Meiner Seel, ich möcht net tauschen!«

Breit flutete ein goldiges Sonnenband über die Blöße und rückte immer weiter, bis es den Jäger erreichte. Mit schwirrendem Flügelschlag fielen drei Auerhennen in das Heidekraut, und immer neue strichen aus dem Wald hervor, als hätte sich hier die ganze Weiblichkeit des Hahnenreviers zum Frühstück Stelldichein gegeben. Der Balzgesang der Hähne, der schon ausgesetzt hatte, begann von neuem. Die Stimmen der jüngeren Hähne wurden übertönt von dem hitzigen Gesang des alten Platzhahnes. Nahe dem Jäger saß er auf einer Buche und gaukelte bei seinem Lied auf dem dürren Aste hin und her. Plötzlich schwang er sich in das Heidekraut und tanzte mit gefächertem Stoß und zitternden Schwingen zwischen den leise glucksenden Hennen seinen Hochzeitsreigen. Lautlos kamen die jüngeren Hähne der Reihe nach zugeflogen, die einen, um unter dem eifersüchtigen Zorn des gestrengen Platzherrn einen Teil ihrer Federn zu lassen, die anderen, um sich verstohlen zu den Hennen zu gesellen, die sich aus der Nähe des alten Hahnes verloren. Lächelnd sah Franzl diesem lustigen Minnetreiben des Waldes zu. »Alles liebt in der Welt, jeds Manndl hat sei' Freud am Weiberl! Kruzitürken! Wenn ich's nur auch so gut haben könnt!« Er seufzte. »Was wird jetzt d' Mali machen im Unterland?«

Er schlang die Arme um das Knie und träumte in den erwachenden Tag hinein. Die Bilder, die vor seinem sehnsüchtigen Herzen gaukelten, waren freilich himmelweit verschieden von der Wirklichkeit. In ihres Bruders Haus lag Mali auf den Knien vor dem Bettchen des kranken Dirnleins, das in Schmerzen um sein erlöschendes Leben kämpfte – und Franzls Träume sahen das Mädel weit draußen »im Unterland«, wie es in der Morgensonne unter der Haustür stand und gegen Süden blickte, wo die Berge der Heimat blauten.

Er schloß die Augen und lehnte den Kopf an den Stamm der Fichte. Mit linder Wärme umschmeichelte ihm die Frühlingssonne das Gesicht, und ohne daß er es merkte, holte sich der in der Nacht versäumte Schlummer sein gesundes Recht.

Eine Stunde hatte er geschlafen, als ihn der Hall eines Schusses weckte. Das Echo kam von der Hangenden Wand.

»Jetzt hat er an Adler! Gott sei Dank!«

Mit lärmendem Geflatter hob sich das Auerwild aus dem Heidekraut, als Franzl die Blöße überschritt.

Rastlos stieg er bis zum Abend im Wald umher und hörte, als schon die Dämmerung einbrach, wieder einen Schuß von der Hangenden Wand.

»Mein heiliger Schutzengel, jetzt kriegst a Kerzl, jetzt hat er alle zwei, jetzt kommen gute Zeiten!«

Er lachte, schrie einen Jauchzer in den glühenden Abend hinaus und fing zu rennen an.

Bei sinkender Nacht erreichte er die Dippelhütte, in deren Herrenstube die Lampe brannte. An dem hölzernen Nagel neben der Hüttentür hing ein Adler. Nur einer? Franzl guckte und guckte, ohne den zweiten zu finden.

Graf Egge lag auf dem Bett, als Franzl in die Stube trat.

»Ich gratulier, gnädiger Herr! Hab 's Manndl schon hängen sehen draußen. Wo is denn der ander?«

Mühsam, als wären ihm alle Gelenke erstarrt, richtete Graf Egge sich auf und brummte: »Das Weibchen hab' ich am Abend gefehlt. Geflucht hab' ich wie ein Türk'. Aber das ist gegangen wie der Blitz: hinein in den Horst und wieder davon. Schon nachmittags um zwei Uhr hab' ich gmeint, ich halt das Stillsitzen nimmer aus, immer mit der Büchs im Anschlag. Mit Gewalt hab' ich's erzwungen – und richtig, wie der Adler absegelt vom Horst, sind mir alle Knochen so steif gewesen, daß ich mit dem Schuß zu kurz gekommen bin. Und jetzt bin ich wie zerschlagen am ganzen Leib! Komm her und zieh mir die Hose herunter. Dann mach' die Lampe aus! Gegessen hab' ich schon. Er ließ die Füße schwer vom Bett fallen und drückte stöhnend die Hand an den Hinterkopf.

»Soll ich net an kalten Umschlag bringen?«

»Laß mich in Ruh'!« Mit krumm gezogenem Rücken schob Graf Egge sich unter die wollene Decke. »Na, ich hoff', die Geschichte morgen wird mir das verstockte Blut wieder aufmischen!«

Der Jäger drehte die Lampe ab und verließ die Stube.

Früh am Morgen brachte Schipper die Meldung: »Alles in Ordnung! Bis in zwei Stunden kommen d' Leut und bringen, was der Herr Graf bstellt haben!«

In erregter Hast wurde das Frühstück genommen und – nach Erzeugung eines neuen Dippels auf Graf Egges Stirn – der Weg zur Hangenden Wand angetreten. Schipper ging neben seinem Herrn und sah ein paarmal spöttisch auf Franzl zurück, der hinten nachtraben durfte. Als sie das weite Almfeld überschritten hatten und den Fuß der Felswand erreichten, hörten sie schon das Geschrei der Leute, die durch den Wald heraufkamen. Sechzehn Holzknechte trugen die vier mächtigen Leitern, vier andere schleppten sich mit dicken Seilrollen.

»Was schreit ihr denn wie die Jochgeier? Hier wird das Maul gehalten!« rief ihnen Graf Egge entgegen.

Die Leute bekamen rote Köpfe, aber sie sprachen kein Wort mehr.

Mit erschrockenen Augen betrachtete Franzl die Leitern, sah prüfend an der hohen Wand hinauf und schüttelte den Kopf.

Graf Egge hatte den Hut in den Nacken zurückgeschoben, denn die Beule des Morgens brannte unter dem Schweißband. Er stellte die Büchse an einen Baum, zog die Joppe aus und übernahm das Kommando.

In gerader Linie unter dem Horst, senkrecht zur Felswand, wurden die vier Leitern auf dem Latschenfeld der Länge nach aneinandergelegt. Die Enden der Stangen wurden zusammengefalzt und mit den eisernen, die Fugen stützenden Schienen fest verschraubt, so daß die vier Stücke zu einer einzigen riesigen Leiter verbunden waren. Während Franzl, dem die Sache nicht geheuer erschien, an der Leiter entlang ging und die Stangen, jede Sprosse und alle Verschraubungen einer peinlichen Prüfung unterzog, stiegen zwölf Holzknechte mit Seilen auf einem Umweg zur Zinne der Felswand empor. Eine Stunde verging, bis sie auf dem überhängenden Grat als winzige Figürchen erschienen. Von zwei Stellen, zur Rechten und zur Linken des Horstes, wurden die Seile niedergelassen. Wie endlose, sich unruhig bewegende Schlangen kamen sie Durch die Luft herabgekrochen. Aus dem Horste rieselte weißlicher Staub über die Felsen, und die jungen Adler begannen zu schreien.

»Aha, mir scheint, die merken schon, daß die Gschicht ihm ihren Kragen geht!« sagte Schipper mit Gelächter.

Die Seile erreichten den Boden, und mit einem Dutzend fester Knoten wickelte Franzl sie um das obere Ende der Leiter. Mit Pflöcken und Seilen wurde der Fuß der Leiter festgelegt, so daß er nicht mehr von der Stelle rücken konnte. Dann rief Graf Egge durch die hohlen Hände das Kommando zur Höhe: »Auf!«

Die Seile spannten sich, und langsam begann der Kopf der Leiter sich zu heben. Von der Höhe der Felswand klangen die eintönigen Rufe herab, mit denen die Holzknechte jeden Zug und Ruck begleiteten. Immer höher schwankte die Leiter, deren schwere Stangen sich ächzend bogen wie dünne Gerten. »Herr Graf,« stammelte Franzl, »die langen Hölzer haben an unsinniges Gwicht. Passen S' auf, Herr, d' Leitern halten den Druck net aus!«

»Wart' es ab!« murrte Graf Egge. »Und wenn die da brechen, laß ich andere machen. Ich muß hinauf!« Mit gespanntem Blick verfolgte er die Bewegung der riesigen Leiter, die sich fast schon zu einem Halbkreis gebogen hatte. Doch die Stangen hielten aus, langsam begannen sie sich wieder zu strecken, und bald war das Ende der Leiter schon so hoch gestiegen, daß der oberste Teil so winzig und zierlich anzusehen war wie ein Kinderspielzeug. Nun standen die Stangen senkrecht und neigten sich, als die Seile nachgelassen wurden, schwankend gegen die Felswand. Dicht unter dem Horste legte sich die letzte Sprosse an das Gestein.

»Gott sei Dank! Diesmal hab ich's aber gnau troffen!« jubelte Graf Egge, dem vor ungeduldiger Erwartung die Hände zitterten. Die »Geschichte« schien ihm wirklich das »verstockte Blut aufzumischen«. Es war an ihm keine Spur mehr von der Erschöpfung der letzten Tage zu bemerken. Die Erregung schien seinen Körper verjüngt zu haben, und als er jetzt die Hemdärmel bis zu den Schultern aufstülpte, schwollen ihm die Adern und Sehnen wie dicke Striemen aus dem hageren Fleisch der Arme.

In der Mitte der Leiter hatte man, bevor sie aufgezogen wurde, zwei lange Seile befestigt; man spannte sie nach rechts und links, so daß die Leiter, in ihrer Lage festgehalten, nicht mehr seitwärts ausweichen und nicht stürzen konnte.

»Fertig!« sagte Graf Egge, band sich die Leine um den Leib, mit der er die jungen Adler fesseln und vom Horste herunterlassen wollte, und trat zur Leiter.

Da faßte ihn Franzl am Arm. »Ich bitt, Herr Graf! Die Sach gfallt mir net. Und wenn S' schon glauben, es muß sein, lassen S' lieber mich naufsteigen!«

Lachend musterte Graf Egge den Jäger. »Du bist wohl verrückt? Soll ich heiraten, damit du die Kinder kriegst? Seit einem halben Jahr wart ich auf diesen Tag, und jetzt soll ich die Freude dir lassen?«

»Freud? Aber Herr Graf! Lassen S' Ihnen doch im guten zureden! Wenn S' die Adler schon lebendig haben müssen, ich hol s' Ihnen runter. Wenn's schief geht, was liegt an mir? Ich bin der Jager und a lediger Mensch. Sie sind der Herr Graf und haben Leut, die Ihnen brauchen.«

»Aber, Franzl, hör amal auf mit dem Weibsbildergred!« fiel Schipper ein. »Wenn du Angst hast – der Herr Graf hat keine!«

Franzl wandte sich wortlos ab; doch als er seinen Herrn den Fuß auf die erste Sprosse stellen sah, streckte er wieder die Hände nach ihm. »Sind S' gscheit, Herr Graf! Lassen S' Ihnen wenigstens anseilen! Die Leiter muß ja schauderhaft schwanken unter Ihrem Gwicht. Sie wirft Ihnen naus in d' Luft wie nix. Lassen S' Ihnen doch anseilen!«

»Meinetwegen! Damit ich endlich Ruh' habe!« brummte Graf Egge und rief in die Höhe: »Seil herunter!«

Mit einer sicher geknoteten Doppelschlinge legte Franzl das Tau, das über die Felsen herunterkam, um die Brust seines Herrn. Dabei erwachte in ihm eine neue Sorge. »Wenn nur der ander Adler net kommt! Die Jungen schreien, daß er's hören muß, wenn er in der Näh is!«

»Soll nur kommen!« Lachend fühlte Graf Egge an die Messertasche. »Dann mach' ich es ihm wie dem vor sieben Jahren und stoß ihm den Gnicker in den Hals, wenn er auf mich haßt! – Also! Fertig!« Er spuckte in die Hände und griff nach der Leiter. »Halt! Jetzt hätt' ich fast vergessen –« Langsam kniete er auf den Boden hin und sprach mit lauter Stimme ein Vaterunser. »Und jetzt hinauf!«

Während Graf Egge mit vorsichtiger Ruhe, um die Leiter nicht schwanken zu machen, langsam emporzusteigen begann, rannte Franzl eine Strecke von der Felswand zurück und rief in die Höhe: »Leut da droben! Aufpassen jetzt! Aufpassen! 's Seil darf kein' Augenblick net locker hängen! Sooft ich den Hut schwenk, muß langsam angezogen werden! Habt's verstanden?«

»Jaaa!« klang von oben die Antwort herunter.

Dann Stille. Schipper stand mit zwei Holzknechten beim Fuß der Leiter. Franzl ließ keinen Blick von seinem Herrn und regulierte durch die Zeichen, die er mit dem Hut machte, die Spannung des Notseils. Je drei Holzknechte zogen zur Rechten und Linken die in der Mitte der Leiter festgemachten Taue an, um das Schwanken der Stangen zu verhindern. Aber das wollte ihnen nicht gelingen. Je höher Graf Egge stieg, desto heftiger schaukelte die Leiter, so daß ihr Ende lose an der Felswand hin und her zu klatschen begann.

Bei diesem Anblick verlor Franzl die Ruhe wieder und rief in Sorge: »Es geht net, Herr Graf! Kehren S' um, sag ich! Kehren S' um!«

Graf Egge machte ein abwehrendes Zeichen mit der Hand und hing dann regungslos an die Sprossen geklammert, bis die Stangen wieder in Ruhe kamen. Nun stieg er weiter. Je mehr er sich der Mitte der Leiter näherte, desto mehr verstärkte sich die pendelnde Bewegung; die Leiter ging auf und nieder wie eine sausende Schaukel, und die Enden der Stangen schlugen so weit von der Felswand zurück, daß die Leiter im Aufschwung beinahe senkrecht zu stehen kam. Mit aller Kraft mußte Graf Egge sich an die Sprossen klammern, um nicht in die Luft geworfen zu werden.

Bleich wie eine Mauer, stammelte Franzl: »Um Gotts willen! Dös is ja nimmer Kuraschi, dös is Übermut.« Mit gellender Stimme schrie er: »Herr Graf! Kehren S' um! Hören S' mich net? Kreuzteufel, jetz fang ich an, wild z' werden! Runter, Herr Graf! Auf der Stell gehen S' runter! Und wenn S' schon nimmer an Ihnen selber denken, so denken S' an Ihnere Kinder! Kehren S' um, Herr Graf! Keren S' um!«

Graf Egge hörte nicht.

»Recht hat er, der Franzl!« brummte einer von den Holzknechten am Fuß der Leiter. »Dös heißt Gott versuchen!«

Graf Egge hing regungslos an die schwingende Leiter geklammert und drückte, um nicht vom Schwindel befallen zu werden, das Gesicht in die Arme. Dann stieg er wieder, hielt abermals inne, kletterte von neuem – und endlich konnte Schipper spöttisch über die Schulter zu Franzl zurückrufen: »No also, Herr von Angstmeier, jetzt is er ja droben! Hätt er dir gfolgt, so könnt er sich jetzt auslachen lassen vom ganzen Ort.«

Franzl erwiderte keine Silbe.

Da schollen laute Rufe von der Zinne der Felswand, ein Schatten huschte über die Latschen, und wie ein aus den Lüften fallender Keil stieß das Adlerweibchen auf Graf Egge nieder. Schipper und die Holzknechte schrien wirr durcheinander; sie sahen, wie Graf Egge zur Abwehr den Arm erhob, und sahen das Aufblitzen des Messers. Der Stich ging fehl. Mit einem weißen Leinwandfetzen in den Klauen machte der Adler eine Schwenkung und wollte den Stoß wiederholen. Da krachte inmitten des kreischenden Stimmenlärms ein Schuß – und während unter dem Rollen des Echos der Adler als lebloser Klumpen zu Boden stürzte, ließ Franzl, dessen Gesicht so weiß war wie Kalk, die rauchende Büchse sinken. Die Holzknechte jauchzten, und während Schipper wortlos mit den Augen zwinkerte, klang vom Horst herunter die Stimme Graf Egge: »Bravo, Hornegger! Das hat geklappt!«

Franzl atmete auf; er hörte aus diesen Worten nichts anderes, als daß sein Herr ohne Schaden davongekommen war.

Die Leute wollten nicht wieder schweigen; alle schwatzten und schrien durcheinander, während sie gespannt jede Bewegung Graf Egges verfolgten. Niemand dachte mehr an eine Gefahr; das Ausnehmen der Jungen war nun ein Kinderspiel – und hatte die Leiter beim Aufstieg ausgehalten, so hielt sie wohl auch beim Abstieg fest.

Franzl stand schweigend abseits und gab den Leuten auf der Zinne mit seinem Hut die Zeichen. Da sah er, daß Graf Egge, der auf den letzten Sprossen der ruhig gewordenen Leiter stand, mit dem Arm umhertastete, als käme er nicht mehr weiter.

»Was is denn, Herr Graf?«

»Der Horst hängt über!« klang die Antwort herunter. »Ich finde keinen Weg in das Steinloch.« Dann gleich wieder folgten die Worte: »Ja, es geht! Jetzt hab' ich einen Schlupf.«

Unten sahen sie, wieder Graf Egge mit beiden Händen in jenen kleinen grauen Strich hineingriff – in das wirr verschlungene Astwerk des Horstes. Da rieselte weißlicher Staub in dicker Menge über die Felsen nieder, und während im Horst die jungen Adler schrien, als wären sie lebendig an den Spieß gesteckt, zog Graf Egge hastig den Kopf zurück und griff nach seinem Gesicht.«

»Um Gotts willen, Herr Graf,« schrie Franzl, »was haben S' denn?«

Keine Antwort kam; unten sahen sie nur, daß Graf Egge sich mit den Händen an seinen Augen zu schaffen machte.

»Herr Graf! Herr Graf! Ums Himmels willen, so geben S' doch an!«

Wieder keine Antwort; doch mit tastenden Füßen, den einen Arm über die Augen gedrückt, begann Graf Egge langsam über die Sprossen herunterzusteigen. Die Leute am Fuß der Leiter waren stumm geworden und starrten betroffen in die Höhe.

Franzl, dem eine dunkle Angst die Kehle zuschnürte, rief mit heiserer Stimme den Leuten in der Höhe die Weisung zu, daß sie das Notseil vorsichtig nachlassen sollten, immer in Fühlung mit dem Körper, an dem es befestigt war.

Schneller und schneller glitt Graf Egge über die Sprossen nieder, ohne darauf zu achten, daß die Leiter immer heftiger zu schaukeln begann. Er hatte die Hälfte der Sprossen noch nicht zurückgelegt, da krachten plötzlich die Stangen und splitterten entzwei wie spröde Glasstäbe. in Schrei von allen Lippen, und während die Stücke der gebrochenen Leiter gegen die Felswand schlugen, baumelte Graf Egge am Seil. Noch immer hielt er mit der einen Hand die Augen bedeckt; mit der anderen tastete er über seinem Kopfe nach dem Tau, das sich im langsamen Niedersenken mit dem schwebenden Körper immer rascher zu drehen begann.

Unter wirrem Geschrei streckten sich zwanzig Hände nach Graf Egge; bevor er noch mit den Füßen die Erde berührte, fing ihn Franzl mit beiden Armen auf und führte den Taumelnden, den Schipper mit einem Messerschnitt vom Seil gelöst hatte, zu einem Steinblock. Der Griff des Adlers hatte dem Grafen das Hemd vom Nacken bis zum Gürtel entzweigerissen, über den halb entblößten Rücken zogen sich zwei bläuliche Striemen, die das Tau in die Haut gedrückt hatte, und Haar, Gesicht und Schultern waren von weißlichem Unrat bedeckt.

»Wasser! Lauf einer nach Wasser!« keuchte Graf Egge, während er mit zuckenden Händen an den Augen rieb. »Wie ich am Horst in die Prügel gegriffen habe, ist mir ein ganzer Karren voll Adlermist ins Gesicht gefallen! Das Zeug brennt wie Feuer!« Er stöhnte vor Schmerz. »Wasser! Wasser!«

Schipper und ein paar Holzknechte waren schon zu dem in der Talsohle rinnenden Wildbach gerannt, um mit ihren Hüten Wasser zu schöpfen.

Franzl zog seinem Herrn die Hände vom Gesicht und stammelte: »Tun S' doch um Gotts willen net allweil reiben, Herr Graf. Dös is schlechter als alles! Und 's Wasser kommt ja gleich!«

Graf Egge versuchte aufzublicken. Er konnte die Augen nicht öffnen. »Bist du's, Franzl? Ich danke dir für das Seil und für den prächtigen Schuß!«

»Nix zu danken, Herr Graf! Aber meiner Seel, a zweitesmal möcht ich den Schuß nimmer machen! Die Kugel muß keine drei Schuh neben Ihnen vorbeigeflogen sein! Wie ich dös fertigbracht hab, weiß der liebe Herrgott – ich net! Grad froh müssen wir sein, daß die Sach so glimpflich abgangen is. Gegen den Wehdam in Ihre Augen wird ja 's kalte Wasser hoffentlich helfen. Da kommen d' Leut schon mit die ganzen Hüt voll!«

»Schnell! Nur schnell!« stöhnte Graf Egge. »Ich halt es nimmer aus vor Schmerz!«

Hastig zerrte Franzl das Taschentuch aus Graf Egges Joppe, tauchte es in den ersten triefenden Hut, der ihm geboten wurde, und wusch seinem Herrn den weißen Unrat vom Gesicht. Aber der brennende Schmerz nicht Graf Egges Augen wollte sich nicht kühlen und stillen lassen. Die Augenränder entzündeten sich, und die Lider schwollen zu dicken, roten Wülsten an, die sich nicht mehr bewegen ließen.

»Führt mich in die Hütte!« stieß Graf Egge zwischen den übereinandergebissenen Zähnen hervor. »Und einer soll nach dem Doktor laufen!«

»Nix, Herr Graf, jetzt is's aus mit der Hütten! Jetzt müssen S' heim!« erklärte Franzl mit bebender Stimme. »Bis man den alten Herrn Doktor da auffibringt, dös tät bis morgen in der Fruh dauern! Ihnen muß heut noch gholfen werden" Er wandte sich an die Holzknechte. »Du, Kasper, spring voraus und schau, daß gleich a Schiffl und der Dokter bei der Hand is! Du, Sepp, nimm den Herrn Grafen sei' Büchs und die meinig! Und die andern sollen Ordnung machen bei der Wand!« Er schlang Graf Egges Arm unter den seinen. »Kommen S', Herr Graf, lassen S' Ihnen führen! Ich bring Ihnen schon nunter. Da fehlt nix.«

»Ja, der Franzl hat recht!« fiel Schipper ein. »Geben S' her, Herr Graf, ich pack den andern Arm!«

»Du! Rühr mich nicht an!« keuchte Graf Egge und sprang auf. »Den Horst hast du gefunden! Wie damals den abnormen Bock. Fort von mir!« Stöhnen griff er nach seinen Augen. »Führ' mich, Franzl!«

»Ja, Herr Graf, kommen S'! Und passen S' auf, da liegt a Trumm Stein im Weg.«

Trotz der Warnung stolperte Graf Egge, und Franzl hatte Mühe, ihn aufrecht zu erhalten.

Schipper sah den beiden mit kleinen Augen nach; dann zuckte er die Achseln, suchte den Adler aus den Latschen hervor, riß ihm die beiden schönsten Flaumfedern aus und steckte sie auf seinen Hut. Ein Holzknecht bot ihm zwanzig Mark dafür. Um dreißig wollte Schipper sie geben. Das war dem Knecht zuviel.

Während die Leute unter endlosem Geschwatz bei der Wand die Arbeit begannen, eilte Sepp mit den beiden Gewehren davon. Am Waldsaum holte er Franzl und den Grafen ein; sie standen am Bach; Franzl tauchte das Tuch ins Wasser und band es seinem Herrn über die Augen; dann nahm er ihn wieder am Arm und führte ihn.

Der Heimweg gestaltete sich schlimmer, als Franzl gedacht hatte. Bei jedem Wasser, zu dem sie kamen, wurde der nasse Bund gewechselt, aber der Brand, den Graf Egge in seinen verschwollenen Augen fühlte, steigerte sich von Minute zu Minute; bei aller Selbstbeherrschung konnte er den Schmerz nicht mehr verbeißen; immer wieder krampfte er die Fäuste und schrie durch die verbissenen Zähne.

Sechs Stunden brauchten sie, bis sie die Klause beim Wetterbach erreichten, wo der Doktor schon mit dem Holzknecht wartete.

Graf Egge mußte sich vor der Eremitage auf die Bank setzen. Dabei ruhten seine zitternden Füße auf den Trümmern der Marmorplatte.

Die Untersuchung des Arztes währte lang. Schließlich seufzte er und schüttelte den Kopf. »Hier kann ich nichts machen, Erlaucht! Es dämmert schon. Wir müssen sehen, daß wir Sie so rasch als möglich nach Hause bringen. Aber ich will Ihnen wenigstens die Schmerzen lindern.« Er nahm ein kleines Fläschchen mit Kokainlösung aus seiner Ledertasche und ließ einige Tropfen zwischen die geschwollenen Lider fließen.

Erleichtert atmete Graf Egge auf und ließ sich den kalten Bund wieder um die Augen legen. »Franzl, wo bist du?« fragte er und streckte die Hand. Als er die Finger des Jägers fühlte, sagte er: »Ich danke dir! Diesen Weg vergeß ich dir nimmer. Jetzt tu mir den einen Gefallen und steig wieder hinauf und hüte mir meine Auerhähne! Wenn der andere da droben merkt, daß die Balzplätze ohne Aufsicht sind, ist er imstand und schießt mir den schönsten Hahn weg, um den Stoß zu verkitschen. Und schick' mir meinen Adler herunter! Der von heute gehört dir. Übermorgen komm ich wieder hinauf.« Als Graf Egge das sagte, zuckte es seltsam über das Gesicht des Doktors. »Dann schieß ich die paar Hähne, die noch balzen.«

»Pfüe Gott, Herr Graf! Schauen S' nur, daß Ihnen bald wieder besser wird! Droben halt ich derweil schon alles in Ordnung! Aber – jetzt muß ich was bitten, Herr Graf!«

»Sprich nur! Was willst du haben?«

»Die jungen Adler droben im Horst müssen verhungern, seit die Alten weg sind. Raubvögel sind s' freilich. Deswegen muß man die armen Viecher net die schauderhafteste Marter leiden lassen. Wenn's Ihnen recht ist, Herr Graf, laß ich mich morgen mit der Büchs von der Wand abseilen und gibt ihnen den Gnadenschuß. Ich tät schön bitten, daß mir's der Herr Graf verlaubt.«

Graf Egge antwortete nicht; nur mit einer unmutigen Handbewegung stimmte er zu. Dann erhob er sich mühsam und ließ sich vom Doktor zum Boot führen.

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