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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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14

Unter den Windstößen klapperten in der finsteren Parkallee die Äste der Ulmen gegeneinander – wie die Stangen kämpfender Hirsche, meinte Graf Egge, der das eiserne Gitter hinter sich zuwarf.

Fritz machte große Augen, als er seinen Herrn bei Nacht so unerwartet im Schloß erscheinen sah, mit Sturmzeichen im Gesicht. Graf Egge hatte die Tage her mit vier Jägern vom Morgen bis zum Abend in seinem Gemsrevier alle Felswände abgesucht, ohne den Adlerhorst zu finden.

Mit jedem resultatlos verbrachten Tag war seine Mißlaune gewachsen und hatte den Jägern üble Stunden bereitet. Und am Mittag – weil er vom Föhn einen Wetterumschlag befürchtete, bei dem man das Suchen nach dem Horste einstellen mußte und keinen Auerhahn mehr hörte – war er wütend aus der Jagdhütte davongerannt.

Heulende Windstöße umsausten das Schloß, während Fritz mit erhobener Lampe im Flur umherleuchtete und Graf Egge die unter die Trophäen eingereihten Elchgeweihe musterte, die kaum noch Platz gefunden hatten.

Er ließ sich die Lampe in die Kruckenstube tragen. Auf die Frage des Dieners, was Erlaucht zu speisen wünsche, sagte er: »Milchsuppe. Einen Schmarren bringt ihr nicht fertig.«

Eine halbe Stunde später saß er im Speisezimmer. Gespensterhaft bewegten sich in der aufsteigenden Lampenwärme die an der Decke hängenden Adler, während draußen der Föhnsturm ungestüm an allen Fenstern rüttelte, als wollte er Einlaß begehren für den Frühling.

Graf Egge hatte das Gedeck beiseitegeschoben und löffelte die Milchsuppe aus der Schüssel. Er war mit seinem Mahl noch nicht zu Ende, als Moser eine Depesche brachte: »Wohlbehalten in Genua eingetroffen, dampfen mit ›Bismarck‹ nach Neapel und sind morgen abend in Capri. Haben herrliches Wetter, Komtesse Kitty sichtlich erquickt. Grüße in ihrem Namen. Gundi.«

Verdrossen betrachtete Graf Egge das Blatt. Außer den vielen überflüssigen Wörtern schien ihm noch etwas anderes gegen den Strich zu gehen. »Herrliches Wetter?« brummte er und legte die Depesche fort. »Unsinn! Wäre sie zu mir gekommen! Schmarren und Bergluft hätten ihr besser geholfen als das wälische Gesäusel da drunten.« Er steckte seine kurze Pfeife in Brand und las die Depesche wieder. »Die Alte, natürlich! Das ist wieder was für ihren romantischen Haubenstock. Die wird in Wonne schwimmen. Auf meine Kosten!« Seufzend erhob er sich. »Und dieser Unsinn! Mit dem kranken Mädel die Reise so zu überstürzen! Als fände die Schmalgeiß da drunten ihre Gesundheit über Nacht! Wie ein Wunder!« Mißmutig setzte er sich in einem dunklen Winkel auf die gepolsterte Wandbank und sog an der Pfeife. Sie schien ihm nicht zu schmecken. Er stand wieder auf, tappte im Zimmer umher, ließ den Blick über alle Wände irren und bewegte mit einem Gefühl des Unbehagens die Schultern unter der Joppe. Er fühlte sich einsam.

Während Moser den Tisch räumte, preßte Graf Egge stöhnend die Faust in den Rücken. »Zum Teufel auch! Was ist denn mit meinen Knochen?«

»Herr Graf,« sagte Moser vorwurfsvoll, »es wäre kein Wunder! Den ganzen Winter eine Strapaz um die ander und nach der weiten Heimreis wieder am Berg auffi! Sie verlangen a bißl z'viel von Ihrem Alter.«

»Alter? Du Rindvieh! Ich hoffe noch meine zwanzig Jahr' zu jagen! Und wenn ich steif und krumm werde, laß ich mich tragen auf die Jagd. Wenn nur die Augen aushalten! Die Hand ist Nebensache. Wackelt beim Zielen das Korn aus dem Hirsch heraus, so kann's auch wieder hineinwackeln. Das Aug' macht es. Und meine Augen sind gut. Die haben noch Falkenblick! – Aber müd bin ich.«

Die ganze Nacht tobte der Föhnsturm. Als der Morgen graute, begann das Rauschend es Windes langsam zu verstummen. Bei lachender Sonne und blauem Himmel stieg ein linder Frühlingstag von den Bergen herunter. Die Felsenzinnen, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, schimmerten wie frischer Silberguß, das tiefe Grün der Fichtenwälder schien erneut in seiner Farbe, an den Hecken im Dorf und an allen Laubbäumen waren die Knospen gesprungen, und die warme Luft war erfüllt von würzigem Geruch, als hätte der Föhn den Blumenduft des Südens über die Berge in das Tal getragen.

In allen Menschen war Freude. Nur Graf Egge – wegen des versäumten Pirschmorgens, der ihm ein paar Auerhähne hätte bescheren können – fluchte wie ein Berserker.

Um seine Schauerlaune ein bißchen aufzubessern, setzte er sich in der Kruckenstube vor den eisernen Schrank und begann die Edelsteine, die er von der Reise mitgebracht hatte, in seine Sammlung einzureihen. Als er in eines der Fächer griff, geriet ihm eine Münze zwischen die Finger; er zog sie hervor und betrachtete sie; es war ein Taler, ein gewöhnlicher Taler, ohne irgendwelchen Wert für den Sammler; dennoch schien die Münze für Graf Egge besonderen Wert zu besitzen; er lächelte, nickte in Gedanken vor sich hin und legte den Taler wieder in das Fach zurück. Während er dann Lade um Lade aufzog und die Etuis mit den funkelnden Steinen auf dem eisernen Klapptisch vor sich ausbreitete, ging draußen vor dem Fenster der alte Büchsenspanner vorüber, der den Adlern das Futter zum Käfig trug.

Als Moser den Käfig erreichte, öffnete er das Futtertürchen und warf den Inhalt der Schüssel hinter das Gitter. Vier Adler hüpften mit geöffneten Schwingen von den Stangen herunter und rauften sich gierig um die blutigen Brocken. Der fünfte blieb regungslos mit aufgeblähtem Gefieder in seinem Winkel sitzen und hielt wie im Schlaf die gelben Lider über die Augen gezogen.

»Der macht's nimmer lang. Jetzt muß ich reden, oder es bleibt an mir sitzen!«

Er wollte schon den Rückweg antreten. Da hörte er, daß ein Wagen vor dem Parktor hielt. Das eiserne Gitter klirrte. Ein Offizier, in den umgehängten Mantel gewickelt, kam hastig durch die Ulmenallee gegangen.

Moser riß die Augen auf. »Meiner Seel, da kommt der Graf Robert!« Er stellte die blutige Schüssel nieder und säuberte die Hände an der Lederhose. »Grüß Ihnen Gott, Herr Graf! Die Freud, die der gnädig Herr haben wird!«

Roberts Gesicht war welk wie nach einer durchwachten Nacht. Er übersah die Hand, die ihm der alte Jäger bot, nickte wortlos und schritt vorüber. Auf der Veranda nahm er den Mantel ab. Als er im Flur die spiegelblanke Büchse und den verwitterten Filzhut seines Vaters am Gewehrrechen hängen sah, atmete er erleichtert auf. Mit zitternden Händen schnallte er den Säbel ab und hängte ihn neben die Büchse; dann ging er auf die Tür der Kruckenstube zu und pochte.

»Herein!«

Graf Egge machte bei Roberts Anblick einen Ruck, daß sich der Lehnstuhl drehte. Der Klapptisch des eisernen Schrankes zitterte, und die Hunderte von bunten Edelsteinen, die vor Graf Egge in Reihen geordnet lagen, blitzten und funkelten in gesteigertem Feuer.

»Du?«

Der harte Klang dieses Wortes und der mißtrauische Blick, mit dem der Vater den Sohn vom Kopf bis zu den Füßen musterte, ließ erraten, daß Graf Egge sich von dem unerwarteten Besuch nichts Gutes versprach.

Robert hatte die Tür zugedrückt. Ein paar Augenblicke war es still im Zimmer. Graf Egge lehnte sich in den Sessel zurück und zog die Hand durch den Bart.

»Guten Tag, Papa!« Mit diesem Gruß, der etwas unsicher klang, ging Robert auf den Vater zu. Doch gewahrte er die Verwüstung, die der Winter in diesem Gesicht angerichtet hatte. »Bist du nicht wohl, Papa?«

»Ich? Warum?«

»Ich fürchte, diese letzte Jagdreise hat dich über deine Kräfte angestrengt. Du siehst leidend aus, und ich mache mir ernste Sorge.«

Graf Egge lachte trocken und machte eine abweisende Bewegung mit der Hand. »Fürs erste: Ich bin nicht krank. Im Gegenteil. Ich hoffe noch lange zu leben. Länger vielleicht, als manchem lieb ist. Und zweitens: Die Sentimentalität kannst du dir sparen! Sag' lieber offen heraus, weshalb du gekommen bist. Dein Besuch hat doch einen Zweck? Oder nicht?« Er begann die mit verblichenem Samt überspannten Platten, auf denen die blitzenden Steine in kleinen Vertiefungen dicht nebeneinanderlagen, sehr flink in die eisernen Schubfächer einzuräumen. »Also? Was willst du?«

Robert nagte an der Lippe.

Graf Egge legte eine Platte mit Saphiren in den Schrank und hob das Gesicht. »Hast du meine Frage nicht gehört? Was suchst du bei mir?«

»Hilfe!«

Das Wort klang wie ein erstickter Schrei.

Graf Egge erhob sich, steinerne Härte im Gesicht, in den Augen das Gefunkel des aufsteigenden Zorns. »Du hast wieder gespielt? Und verloren? Zu antworten brauchst du nicht. Man sieht dir's an, daß dir das Wasser bis an den Hals geht. Du stehst vor mir wie der menschgewordene Katzenjammer. Und den Weg zu mir hast du umsonst gemacht. Oder hoffst du was? Nein, Herr Sohn, damit hat's ein Ende. Das hab' ich dir schon im Sommer gesagt. Aber wenn du vielleicht zur Jagd dableiben willst – da kannst du mir ein paar Auerhähne vor der Nase wegschießen, wie damals die beiden Gamsböck'.«

»Ich bitte dich, Vater, rede nicht so mit mir! Ich weiß, wie sehr ich im Unrecht bin. Aber es steht für mach alles auf dem Spiel. Mein Name, meine Ehre –«

»Und das Leben! Ich kenne diese Litanei zur Genüge. Und hab' es endlich satt, dazu das klingende Amen sagen zu müssen. Hilf dir, wie du kannst! Ich lasse dich fallen!«

»Vater!«

»Ich lasse dich fallen. Unerbittlich!« Mit zorniger Wucht betonte Graf Egge jede Silbe. »Und willst du drohen, daß dir nichts anderes mehr übrigbleibt als die Kugel, so sag' ich: Du bist den Schuß Pulver nicht wert, ohne den die Sache sich nicht erledigen läßt.«

Das Gesicht von Blässe überronnen, klammerte Robert die zitternden Hände um die Stuhllehne. »Vater! Was aus dir redet gegen mich, ist mehr als Zorn und Ärger. Das ist Haß!«

»Ja, Robert! Haß!« Langsam den Körper vorbeugend, mit brennenden Flecken auf den Wangen, stützte Graf Egge die schwere Faust auf den eisernen Tisch. »Bis heute hab' ich es nicht gewußt. Jetzt hat mir's dein eigenes Wort gesagt. Alle meine Kinder lieb' ich. Auch den einen, der sich von mir gelöst und mich in der letzten Stunde beleidigt hat bis ins Innerste. Aber bei allem Zorn, den ich gegen ihn trage, hat er mir Achtung abgezwungen durch den redlichen Ernst seines Willens, durch seine Begabung und seine sichere Kraft. Und wenn ich ihn immer gefrozzelt habe in meiner lümmelhaften Manier? Weißt du, was es waar? Nur der Ärger meiner Erkenntnis, daß der Bub mehr ist als sein Vater – wenn auch ein Jäger, daß Gott erbarm'! Und hol' mich der Teufel, ich hätt' ihm diese verwünschte Heirat noch verzeihen können. Ich hab's von aller Welt zu hören bekommen, welch ein blaues Wunder dieses Frauenzimmer sein soll! Und eine Künstlerin! Ich verstehe zwar von Kunst soviel wie der Ochs vom Zitherspiel. Aber es muß am Ende doch was Rechtes dahinterstecken, sonst würde nicht alle Welt dazu ihren Kratzfuß machen. Weiß Gott, ich würde ihm diese Heirat verziehen haben, hätt' er mir in jener letzten Stunde über meine Jagd nicht Dinge ins Gesicht gesagt, über die ich nicht mehr wegkomme, auch nicht in meiner Todesstunde. Gott soll sie mir unberufen noch lang ersparen!«

Graf Egge, der diese Worte mit versinkendem Klang vor sich hingeredet hatte, hob das Gesicht, und seine Stimme bekam wieder ihre schneidende Schärfe.

»Ja, Robert! Alle meine Kinder hab' ich geliebt. Dich hasse ich, als wäre in dir kein Tropfen meines Blutes. Ich rechne dir nicht deinen Leichtsinn an, nicht deine bodenlose Verschwendungssucht, die mir Tausende aus dem Sack gerissen. Da hab' ich bei allem sehr ausgiebig mitgeholfen. Jetzt seh' ich es ein. Ich habe mich zuwenig um euch gekümmert. Aber die anderen sind geraten aus eigenem Kern. Du hast dich ausgewachsen, so, wie du vor mir stehst. Deine Brüder haben mich verlassen, der eine im Tod, der andre im Leben. Zur Hälfte ging auch schon die kleine liebe Geiß von mir. Nur du bist mir geblieben.«

Er mußte sich räuspern, als wäre ihm was in den Hals geraten.

»Immer hast du bei mir ausgehalten. Hast immer meine Partei genommen. Jede meiner Launen geschluckt. Jede meiner Roheiten hast du eingesteckt, ohne mit einer Miene zu zucken. Aus kindlicher Liebe? Aus Respekt vor dem Vater? Gott bewahre! Nur, weil dein alter Herr für dich die Hosentasche war, aus der du schöpfen konntest wie der Bauer aus seinem Jauchentümpel. Wenn ich jetzt verlassen stehe von den Kindern, die mir lieb waren, so trag ich selbst die Schuld. Das fühl' ich jetzt. Aber du hast mitgeholfen! Jene gottverwünschte Szene mit deinem Bruder vor der Hütte droben wäre nicht so gekommen, nicht so verlaufen, hättest nicht du mich Jahr um Jahr gegen ihn gereizt mit kalter Berechnung! Und hätt' ich nicht in jenen Tagen, als mein lieber Bub auf dem schwarzen Schragen schlief, den kochenden Zorn über dich in mir herumgetragen, ich hätte der armen Geiß nicht so harte Worte gegeben, daß sie vor mir stand erschrocken und bis zur Stummheit verschüchtert, während ich dürstete nach einem Wort ihrer Liebe. Und was meinem Gefühl für dich den Rest gegeben hat? Weißt du das?«

Ein heiseres, zorniges Lachen.

»Aber du hast dich ja selbst nicht gesehen, wie du vor der Leiche deines Bruders standest! Herzlos, kalt und unbewegt wie eine Wachsfigur. Mit deiner Nähe und mit dem schwarz geränderten Schwindel, den du in Szene setztest, hast du mir meinen Schmerz um den armen Buben besudelt und abgestumpft. Seit damals bin ich fertig mit dir. Und wenn ich dich ansehe, bedaure ich nur noch eines: die Uniform, die du trägst! Das ist ein Rock, der hinter seinem Futter einen Mann und Menschen haben will. Und du bist keins von beiden.«

Graf Egge fuhr mit dem Ärmel über den Mund und zerrte keuchend die Joppe zurecht.

»Gott sei Dank! Jetzt hab' ich es mir endlich von der Leber geredet. Geh deiner Wege! Ich will Ruhe haben.« Er fiel in den Lehnstuhl und preßte die Hand in den Nacken.

Robert stand mit verzerrtem Gesicht. »Ich habe dich schweigend angehört. Auch jetzt hab' ich auf die unqualifizierbaren Dinge, die ich zu hören kam, kein Wort zu erwidern.« Seine Stimme klang tonlos, aber mit gemessener Ruhe, wie bei einem dienstlichen Rapport. »Du hast für mich einen Strich durch den Namen Vater gemacht. So hab' ich auch als Sohn keine Forderung mehr an dich zu stellen, weder jetzt noch später. Ich bedaure sogar, daß meine gegenwärtige Lage mich zwingt, die Ausfolgung meines mütterlichen Erbteils von dir verlangen zu müssen.«

»Ich habe mit dem Geld deiner Mutter nichts zu schaffen!« fuhr Graf Egge auf. »Es liegt für euch in der Bank.«

»Zur Ausfolgung des mir zukommenden Anteils bedarf es deiner Zustimmung. Es ist das ohnehin nur eine versäumte Formalität, da ich bei meinem Alter das Verfügungsrecht über mein Eigentum nach dem Gesetz bereits besitze. Ich wiederhole meine Forderung.«

»Und ich verweigere sie. Diese dreimalhunderttausend Mark würden flinke Füße bei dir bekommen.«

»Wohl möglich! Mehr als die Hälfte dieser Summe muß ich zwischen heut und zwei Tagen im Klub erlegen, um die Spielschuld der letzten Nacht zu begleichen. Du siehst also, daß ich gezwungen bin, meine Forderung zu wiederholen. Ich ersuche um deine Antwort.«

Graf Egges Gesicht färbte sich dunkelrot. »Meine Antwort ist die Kuratel, die ich über dich verhängen lasse. Dann tu, was du willst! Entweder zieh den Rock des Königs aus, in den du nicht mehr gehörst, oder mache mit dir –« Graf Egge verstummte.

Draußen im Flur ließ sich Lärm vernehmen, und klappernde Schritte näherten sich, während die Stimme des alten Büchsenspanners kreischte: »Herr Graf! Herr Graf! Herr Graf!«

Die Tür wurde aufgerissen, und Moser stolperte in die Stube: »Herr Graf! Der Schipper is da! Draußen hockt er und hat kein Schnaufer nimmer – so is er grennt! Den Horst hat er gfunden! Den Hort, Herr Graf. Den Horst!«

»Gott sei Dank! Das kommt mir wie eine Erlösung. Schipper, Schipper!« Graf Egge sprang zur Tür hinaus, und Moser humpelte lachend hinter ihm her.

Robert starrte dem Vater nach und stand wie betäubt. Er zog sein Tuch hervor, dessen starkes Parfüm die ganze Stube durchhauchte und den Fettgeruch der geschmierten Schuhe verschwinden ließ. Schwer auf die Stuhllehne gestützt, wischte er mit dem Tuch über die Stirn, auf der ihm der kalte Schweiß in dünnen Tropfen stand. Stumpf und gläsern, als wären alle Gedanken in ihm erloschen, sah er auf den eisernen Klapptisch. Hier lag noch eine Tablette mit fünfzig Rubinen, nach der Größe geordnet, vom winzigen Stein, dessen Wert nur in der kunstvollen Facettierung bestand, bis zu einem in schiefen Rauten geschliffenen Stück von Walnußgröße. Ohne zu wissen, was er tat, griff Robert nach der Tablette und besah gedankenlos die Steine, die in blutrotem Feuer leuchteten.

»Schipper, Schipper!« klang im Flur die Stimme Graf Egges.

Der Jäger saß auf einer Bank der Veranda, erschöpft, nach Atem ringend; er hatte den Weg von seinem Bezirk nach Hubertus in kaum zwei Stunden zurückgelegt.

»Schipper!« Graf Egge erschien, vor Erregung zitternd. »Du hast ihn gefunden? Wirklich?«

Der Jäger konnte nicht sprechen; er nickte nur.

»Zum Teufel, so red' doch! Wo liegt der Horst?«

Mühsam brachte Schipper die paar Worte heraus: »Droben – hinter der Hochalm – in der Hangenden Wand!«

»Unsinn! Ich hab' doch die Wand mit dem Glas an die hundertmal abgesucht!«

»Der Horst liegt so versteckt – wenn ich den Adler heut in der Fruh net zufällig einistreichen sieh, so findt ihn kein Mensch net!«

»Brav, Schipper!« Du hast mir eine Freude gebracht, auf die ich warte seit einem halben Jahr. Ich will dir deine Botschaft gut bezahlen.« Graf Egge verstummte; ein Gedanke, der ihn vor Schreck erblassen machte, war ihm durch den Kopf gefahren. »Herrgott! Der offene Kasten! Meine Steine!« Er rannte ins Haus zurück, als hätte er einen Brand zu löschen.

Von der Schwelle der Kruckenstube sah er Robert vor dem eisernen Klapptisch, sah die Tablette mit den Rubinen in seiner Hand. »Richtig!« So flink, daß seine Joppe flatterte, sprang er auf Robert zu und schlug ihm mit eisernem Griff die Faust um das Handgelenk. »Laß du meine Steine in Ruh'!« Der große Rubin kollerte über den Samt und rollte zu Boden. Während Graf Egge sich bückte, um ihn aufzuheben, taumelte Robert mit aschfahlem Gesicht zurück.

»Vater! Bist du von Sinnen?«

Verdrossen hob Graf Egge die Augen; er schien zu fühlen, daß er in seinem Mißtrauen zu weit gegangen war; doch er suchte nach keinem einlenkenden Wort, zuckte nur die Schultern, blies den Staub von dem Rubin und legte ihn wieder in die Vertiefung der Tablette.

Robert machte einen Schritt gegen den Vater. »Jedem anderen würde ich nach diesem Auftritt vor meine Pistole fordern. Dir bin ich, was ich jetzt bedaure, mein Leben schuldig. Das schlägt mir die Waffe aus der Hand. Aber zwischen uns beiden ist alles erledigt!«

Er verbeugte sich wir vor einem Fremden und ging zur Tür.

Graf Egge lachte heiser. »Willst du nicht doch ein bißchen mit dir reden lassen? Nur über Geschäfte. Ich lege der Auszahlung deines mütterlichen Erbteils kein Hindernis mehr in den Weg. Wenn du dich einen Augenblick gedulden willst, so kannst du die Vollmacht –«

»Ich muß ersuchen, diese Angelegenheit durch deinen Anwalt zu erledigen.«

»Gut! Und was deinen Pflichtteil an meinem eigenen Besitz betrifft –«

»Ich verzichte.«

»Aaaah? Wirklich? Eine halbe Million. Und du verzichtest?« Graf Egge lachte in Hohn und Zorn. »Da bin ich neugierig, wann die gekränkte Leberwurst bei dir auf den Zipfel kommt? Vermutlich, wenn die andere Hälfte deines Mütterlichen auch verspielt ist?«

Robert konnte das letzte Wort seines Vaters nicht mehr hören. Er hatte die Kruckenstube bereits verlassen.

Graf Egge sah die Tür an, als erschiene ihm dieser Abschied nicht völlig glaubhaft; aber die Tür blieb geschlossen, und draußen im Flur verhallte Roberts Schritt. Die Tablette mit den Rubinen zitterte in Graf Egges Händen; er legte sie in den Schrank zurück, stieß die Lade zu und lauschte gegen die Tür. »Richtig, er geht!« Ein paarmal wanderte er, mit den Fäusten hinter dem Rücken, in der Stube auf und ab, blieb vor dem eisernen Schranke stehen und brummte: »Das war zu grob von mir!« Er ging zur Tür und rief in den Flur hinaus: »Fritz! Papier und Tinte!«

Mit fahrigen Kritzelzeichen schrieb er den Auftrag zur »Ausfolgung von 300 000 (mit Worten: dreimalhunderttausend) Mark an Robert Graf Egge-Sennefeld« – und siegelte den Brief.

»Fritz, laß einspannen! Fahr mit diesem Brief zur Bahn! Er soll mit dem nächsten Zug abgehen, expreß!«

»Sofort, Erlaucht! Soll Moser bei Tisch servieren?«

»Laß mich in Ruh'! Mich hungert nicht!« Graf Egge ging in den Flur, nahm Hut und Büchse, schulterte den Bergstock und trat auf die Veranda. »Komm, Schipper! Flink! Ich will den Horst heut noch sehen. Ich muß!«

Während sie Seite an Seite durch die Ulmenallee davonwanderten, begann der Büchsenspanner seinen ausführlichen Bericht über die Lage des Horstes, den die Adler so geschützt und sicher in die unwegsame Felswand eingebaut hatten, daß Graf Egge sich wohl oder übel mit dem Abschuß des alten Paares begnügen müßte, da das Ausheben der Jungen ein Ding der Unmöglichkeit wäre.

»Unmöglich?« Graf Egge lachte. »Der Horst soll liegen, wie er mag. Ich muß hinauf!«

Sie verließen den Park und hörten den dumpfen Klatsch nicht mehr, der sich hinter ihnen vernehmen ließ.

Im Adlerkäfig war der kranke Raubvogel von der Stange gefallen.

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