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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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2.

Kitty vermochte noch immer kein Wort zu sprechen; die Hände im Schoß und ohne Bewegung saß sie auf der Steinbank und sah dem Jäger nach, der den Wetterbach schon wieder überschritten hatte.

Auch der junge Fremde schwieg. Er stand neben der Bank und betrachtete forschend den gesenkten Mädchenkopf, als möchte er diese feingeschwungenen Linien und die schimmernden Töne des gewellten Haares in sein Gedächtnis prägen. Hätte nicht der Feldstuhl, die zusammengeklappte Staffelei und der Malkasten, der an der Mauer im Trockenen lag, den Beruf des jungen Mannes bezeichnet – schon dieser prüfend gleitende Blick und die schlanken Hände hätten den Künstler verraten. Er mochte einige Jahre über zwanzig zählen; seiner Jugend widersprach die stille Schwermut der dunklen Augen und der gereifte Ernst des schmalen, herb geschnittenen Gesichtes; glatt legte sich das kurze Braunhaar über die Stirn und mischte sich an den Schläfen mit dem schattigen Flaum des jungen Bartes, der sich um Wangen und Lippen kräuselte. Dieser Mund mit dem strengen Zug, in dem sich Kraft und Entschlossenheit verriet, war doch sanft geschwellt und hatte ein mildes, verträumtes Lächeln. Das Gesicht war nicht schön zu nennen, aber dieser Mund und diese Augen fesselten. Der hager aufgeschossene Körper war unausgeglichen, jugendlich eckig; dazu eine leicht vorgeneigte Haltung, wie sie nachdenklichen Naturen eigen ist; dennoch war die Gestalt nicht übel anzusehen; der leichte graue Sommeranzug, so bequem er saß, hatte modischen Schnitt, die Wäsche war wie Schnee, die weiße Seidenkrawatte tadellos geknüpft. Man merkte an ihm keine Spur von jener bei jungen Künstlern häufigen Vorliebe für das Nachlässige, aber auch keinen Zug vom Stutzer; er schien für seine äußere Erscheinung zu sorgen, weil es die Art eines wohlerzogenen Menschen ist, sich gut zu kleiden.

Je länger er niederblickte auf das liebliche Bild des Mädchens, desto wärmer wurde der Glanz seiner Augen; er schien eine Freude zu genießen: die Freude des Künstlers an jener Schönheit, die noch unberührt ist von der rauhen Hand des Lebens und einer Blütenknospe vom Morgen gleicht.

Als hätte Kitty diesen Blick empfunden, so hob sie plötzlich die Augen. Das fremde Gesicht verwirrte sie, und dennoch hielt die stumme Sprache dieser Züge ihren Blick gefangen; das war eines von jenen Gesichtern, die auch ohne Worte von trüber Zeit erzählen.

Ihre Verwirrung schien ansteckend zu wirken. Verlegen suchte der junge Künstler nach Worten, und endlich brachte er die Frage heraus, ob sie den Schreck des kleinen Abenteuers völlig überstanden hätte.

Da fand sie ihre heitere Laune; lachend nickte sie und reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen! Sie haben mich vor einem unangenehmen Bad behütet. Der Wetterbach hat heut seine böse Stunde. Das hätte übel für mich ausfallen können.« Sie rührte die Schulter, als empfände sie ein leises Grauen; doch gleich wieder lachte sie und erzählte vom Gewitter, vom Unterschlupf in der Wildscheune und von dem glücklichen Zufall, der »unsern guten Franzl« als Retter in der Not geschickt. Drollig schilderte sie den »kopflosen Schreck«, der sie befallen, als der Jäger den schwankenden Baum betrat. »Und ich hätte mir doch sagen müssen, daß ich sicher bin! Ich kenne doch unseren Franzl!« Sie unterbrach sich und blickte auf. »Wie waren Sie denn eigentlich so flink bei der Hand?«

»Das hab' ich meinem Fleiß zu denken. Ich bin schon seit dem Morgen hier und habe gearbeitet.«

»Gearbeitet?« Sie schien den Sinn dieses Wortes nicht zu verstehen. Da gewahrte sie die Geräte des Künstlers. »Ach, Sie malen!« Dem respektvollen Staunen, mit dem sie ihren jungen Retter betrachtete, war es anzumerken, daß vor ihren Augen ein lebendiger Künstler nicht viel geringer wog als einst in vergangenen Zeiten vor dem Blick des Burgfräuleins der tapfere Ritter, der den Drachen überwand. Neugierig spähte sie nach dem Leinwandrahmen, der gegen die Mauer gelehnt stand.

Der junge Maler schien nicht eitel zu sein; sonst hätte er diesen Blick zu deuten gewußt. »Auch mich hat das Gewitter überrascht, mitten in der besten Arbeit,« erzählte er, »und ich mußte eine Stunde hier unter der Tür sitzen. Aber es war herrlich, so hineinzuschauen in den Zorn der Natur. Sie ist immer schön, ob sie lächelt oder grollt, fast schöner noch in ihrem Zorn als in ihrem Frieden. Wenn ich sie so toben sehe, fühl' ich auch, daß ich ihr in solchen Augenblicken näher komme als in sonniger Stunde. In der Sonne steht sie vor mir wie ein Geheimnis in bunten Kleidern. Im Sturme seh' ich die Riesin, wie sie vor meinem Blick die Hülle zerreißt. Ich spähe ihr in das wildpochende Herz, und mir ist, als flösse in mich etwas über von ihrer Kraft.« Er sagte das ruhig, wie man selbstverständliche Dinge äußert.

Kitty blickte zu ihm auf mit großen Augen.

Er begegnete diesem Blick, und leichte Röte schlich über seine schmächtigen Wangen. »Als es vorüber war, hörte ich den Wildbach kommen. Und da lief ich hinunter. Es war prachtvoll anzusehen, wie das harmlose Wasserschlänglein in wenigen Minuten sich zum brüllenden Ungeheuer auswuchs. Und wie ich so stehe, seh' ich Sie plötzlich drüben aus dem Wald hervorkommen, auf dem Arm des Jägers. Das war ein so köstliches Bild, daß ich es mit ein paar Strichen zu fassen suchte.« Er griff an seine Taschen. »Wo hab' ich denn nur –?« Nun erschrak er. »Ach du lieber Himmel!« und mit langen Beinen sprang er zum Wildbach hinunter.

Verblüfft sah im Kitty nach; kaum war er zwischen den Bäumen verschwunden, da huschte sie auf den Leinwandrahmen zu, hob ihn von der Erde und machte sonderbare Augen, als sie die begonnene Studie sah. Etwas Außerordentliches hatte sie zu entdecken erwartet. Statt dessen sah sie ein Wirrsal noch nasser Farbenflecke, die sich flimmern durcheinanderschlangen und den Vorwurf des Bildes kaum erkennen ließen: die Felswand in greller Sonne und zu ihren Füßen die Klause, übergossen von den Lichtern, die durch das Gezweig der Bäume fielen. Ein Kennerauge hätte gestaunt über die Kraft und Kühnheit, die sich in diesem raschen Erfassen eines malerischen Stimmung verriet. Kitty aber stellte sehr enttäuscht die Leinwand wieder gegen die Wand. Zu ihrem weiteren Ärger gewahrte sie noch, daß sie mit den behandschuhten Fingern in die nasse Farbe geraten war. »Pfui!« murrte sie und säuberte die Fingerspitzen an der Balkenwand.

Kaum saß sie wieder auf der Steinbank, als er vom Ufer heraufgestiegen kam, in der Hand ein graues Buch, das er mit dem Taschentuch abwischte. »Es ist glücklicherweise sehr günstig gefallen, als ich es fortwarf, um die Hände frei zu bekommen!« sagte er lächelnd. Dann schlug er das Buch auf und reichte es ihr.

Ein Laut freudiger Überraschung glitt beim Anblick des Blattes von Kittys Lippen. Wohl waren die beiden Figuren nur mit flüchtigen Strichen gezeichnet, aber jede Linie saß, und das kleine Bildchen hatte warmes Leben und bestrickenden Reiz.

Glücklich blickte Kitty zu dem Künstler auf. »Ist das wirklich so hübsch gewesen – wie hier?«

Er sah sie an. »Das da, das ist ja gar nichts. Das ist Asche. Was ich gesehen habe, war Licht, Farbe, etwas ganz unbeschreiblich Schönes.« Die Augen schließend, rührte er mit den Fingern an die durchsichtigen Lider. »Aber hier sitzt es, fest! Und ich weiß, ich bring' es heraus.«

Rauschend kam der Abendwind über die Felsen niedergezogen; die Äste der Bäume schwankten und schüttelten die Regentropfen ab.

Erschrocken deckte Kitty den Arm über das Skizzenbuch, denn ein paar große Tropfen, wie Tränen, waren auf das Blatt gefallen. Und als der Wind die Bäume wieder zauste, sprang Kitty auf und flüchtete mit dem Buch in die Klause.

Der junge Mann folgte ihr, und da saß sie schon an dem roh gezimmerten Tisch und tupfte achtsam mit dem Handschuh die auf das Papier gefallenen Tropfen fort. »Es hat nichts geschadet!« versicherte sie lachend und hielt das Buch schief gegen das Licht des Fensters. »Man sieht nur noch ein wenig die feuchten Flecke.« Wieder vertiefte sie sich in die Betrachtung des Bildchens; dann begann sie im Skizzenbuch zurückzublättern; ein paar Studien hatte sie bestaunt, als sie plötzlich aufblickte und verlegen fragte: »Darf ich denn?«

Er nickte lächelnd und trat an ihre Seite. Das Licht, das durch Tür und Fenster fiel, hatte in dem geschlossenen Raum schon einen Schleier der beginnenden Dämmerung.

Eine seltsame Stimmung webte zwischen den Mauern und erzählte von erlöschenden Erinnerungen. Neben dem Tische standen nur zwei plumpe Holzbänke in dem kahlen Raum; doch es war ihm anzumerken, daß er in vergangener Zeit einen freundlicheren Anblick geboten hatte. Die Decke war noch von einer zart geblumten Tapete bedeckt; aber das Regenwasser, das durch die Lücken des Daches gedrungen, hatte häßliche Flecken gebildet. Auch an den Wänden hingen noch Streifen der Tapete, mit Hunderten von Namen bedeckt. Wer hier im Lauf der Jahre vor Sonne oder Regen Schutz gesucht, Sommergäste, Touristen, Jäger, Sennerinnen, Almbauern und Schiffer, alle hatten den Drang empfunden, ihre Namen an diesen geduldigen Wänden zu verewigen. Viele Namen standen paarweise, von einer Herzlinie umschlungen. Hatten die Träume, die aus diesem Zeichen redeten, sich erfüllt? Oder war das Leben über sie hinweggerollt wie die glättende Eisenwalze über den Kies der Straße? Von manchem, der vor Jahr und Tag seinen Namen an diese Wand geschrieben, mochte nichts anderes mehr übrig sein als nur der Name.

Inmitten dieser toten Vergangenheiten klang Kittys helle Stimme, ihr Lachen und die Freude, mit der sie jede Skizze begrüßte, deren Modell sie erkannte. Bald fand sie eines ihrer Lieblingsplätzchen am See, eine Straße oder ein Häuschen des Dorfes, bald wieder Köpfe und Gestalten, die einen fremd, die anderen ihr wohlbekannt. Mehrere der Skizzen waren mit dem Namen des Künstlers gezeichnet: Hans Forbeck. Kitty blätterte weiter. Flüchtige Wolkenstudien, Baumschläge und Gebirgsveduten wechselten mit Skizzen, deren wirre Linien sie nicht verstand: Bilderideen, mit ein paar hastigen Strichen festgehalten.

Wieder wandte Kitty eines der Blätter. Und erschrocken stammelte sie: »Wie traurig!«

»Die Stubenarbeit eines Regentages!« sagte er leise, fast entschuldigend.

Die Zeichnung des Blattes war sorgfältiger als die der anderen Skizzen, die graue Arbeit des Stiftes mit zarten Farbtönen überhaucht. Eine öde, fast unübersehbare Heide, dürr und kahl; der Himmel ist mit schwerem Gewölk bedeckt, durch dessen spärliche Klüfte kaum eine matte Helle quillt, wie eine Ahnung des verschleierten Lichtes. Über die Heide führt ein rauher Steinpfad, von niederem Dorngestrüpp umwachsen. Und auf dem Pfad liegt, halb zur Erde gesunken, mit aufgestütztem Arm und das entkräftete Haupt gegen die Schulter geneigt, die Gestalt einer Genie, todmüde und schmerzverloren, in Lumpen gehüllt, mit zerzausten Schwingen.

Kitty hob die Augen. »Herr Forbeck?« Schüchtern sprach sie seinen Namen aus. »Was soll das vorstellen? Das Unglück?«

»Nein.« Er zögerte. »Meine Kindheit.«

Nun verstand sie, was aus seinem Gesicht beim ersten Anblick zu ihr gesprochen hatte. Ein leises Zucken ging um ihren Mund. Sie mußte der eigenen Kindheit denken. Auch ihrer Kindheit hatte die Liebe gefehlt, die Liebe der Mutter. Vor dreizehn Jahren war ihre Mutter in der Fremde gestorben – auf einer Reise, hatte man ihr gesagt.

Sie senkte die Augen auf das Blatt. »Wie traurig das ist!« Zwei Tränen rannen ihr langsam über die Wangen.

Mit unbehilflichem Lächeln wandte Forbeck sich ab und trat unter die offene Tür.

Leise schwankten die Zweige der Bäume; der Fall der Tropfen, der von ihnen niederging, begann schon zu versiegen. Auch das Rauschen des Wetterbaches schien sich bereits zu dämpfen; aber der Lärm seiner Wellen war noch immer laut genug, um die beiden Stimmen zu übertäuben, die vom jenseitigen Ufer herüberklangen.

Franzl hatte die Kleesberg glücklich durch den Wald heruntergebracht. Das war ein hartes Stück Arbeit gewesen, um so härter, da Franzl zur Stütze für seinen jammernden Schützling nur den einen Arm frei hatte; unter dem andern Arm schleifte er ein schweres Brett, das er von der Wildscheune losgerissen hatte, um über den von Felsblöcken durchsetzten Wildbach einen Steg zu bauen. Während Gundi Kleesberg in Verzweiflung die Hände rang, ließ er das Brett vom Ufer gegen den nächsten Felsblock fallen. Er trat auf den improvisierten Steg hinaus und schaukelte sich, um die Festigkeit des Brettes zu prüfen und Tante Gundis Mut zu erwecken. »So, Fräuln, kommen S' nur!« lachte er. »Da schauen S' her!« Er schaukelte sich, daß das schwingende Brett die schießenden Wellen fast berührte. »Dös Brettl, dös tragt Ihnen leicht, da dürften S' noch a paar gute Pfündln mehr haben!«

»Nein, nein, nicht um die Welt!« kreischte Gundi Kleesberg und streckte wehrend die Arme, als sollte sie mit Gewalt in den sicheren Tod geschleift werden. »Lieber bleib ich die ganze Nacht!« Während ihr die Tränen der Angst über die Schlotterwangen kollerten, schrillte ihre Stimme: »Kitty! Kitty! Du Ungeheuer!« Zu allem Jammer erwachte in ihr noch ein neuer. »Wo ist sie denn? Ich sehe sie nicht!«

»Sie wird halt mit dem jungen Herrn Maler im Kapuzinerhäusl sein.« Franzl streckte die Hände. »Also weiter, Fräuln, kommen S'!«

Er hatte Tante Gundi beruhigen wollen. Aber der Schreck, den ihr seine Worte einjagten, sprach aus ihren weit aufgerissenen Augen. Keuchend rang sie nach Luft. »In der Klause? Mit einem –« Da ging ihr schon wieder der Atem aus. Aber ihre Angst hatte plötzlich alle Komik verloren. »In der Klause? Das ist gerade der richtige Platz! Als hätten wir nicht schon genug an jenem ersten –« Versagte ihr die Stimme, oder verschluckte sie ein Wort, das nicht über ihre Lippen kommen durfte? »Nein! Nein! Und wenn es mein Leben kostet! Das will ich verhindern!«

Tante Gundi richtete sich auf wie eine Löwin, die ihr Junges verteidigt. Und als wäre die stille, friedliche Klause ein Abgrund der Gefahr, aus dem sie das ihrer Obhut anvertraute Mädchen erlösen mußte, so stürzte sie auf das Ufer zu und klammerte sich an die Hand des Jägers. Kaum hatte sie das Brett betreten, kaum fühlte sie dieses bedenkliche Schaukeln, kaum sah sie unter ihren Füßen das schießende Wasser, da war es wieder vorbei mit ihrem Löwenmut. Aber Franzl hielt fest. Da gab es kein Zurück mehr. Ihre Seele mit einem Stoßgebetlein dem Herrn empfehlend, stieß Tante Gundi einen klagenden Schrei aus und schloß in Schwindel die Augen.

Trotz des rauschenden Lärmes, den der tobende Bach erhob, klang dieser Schrei bis zur Klause.

Forbeck lauschte. Aber da hörte er hinter sich einen Ausruf fröhlicher Überraschung. »Köstlich! Jeder Zug! Dieser Mund! Dieses Zwinkern im Auge! Als stünde er vor mir, wirklich und wahrhaftig!« So sprudelten Kittys Worte. »Herr Forbeck! Wie kommen Sie zu diesem Bild?«

Was Kittys Jubel erweckt hatte, war das Brustbild eines alten Jägers mit geflickter Joppe und mürbem Filzhut, auf dem eine geknickte Spielhahnfeder saß.

»Nicht wahr, ein famoser Kerl, dieser alte Waldbär!« sagte Forbeck, der Kittys Freude nicht völlig zu begreifen schien. »Ein Typus von Jäger und Bauer! Echter Volksschlag. Sehen Sie nur diese knochige Stirn an, diesen Falkenblick im Auge, diese Adlernase und den gewalttätigen Mund! Was da in jeder Linie liegt an Kraft und rücksichtsloser Derbheit! Und dieser zausige weiße Bart! Das ist unglaublich charakteristisch. Der Alte muß einen Zorn haben wie der Sturmwind, und dann fährt er wohl mit seinen schwieligen, sonnverbrannten Fingern in diesen Bart und zerrt –« Forbeck verstummte. Die Sache mochte ihm nun doch etwas sonderbar erscheinen, denn Kitty lachte, daß ihr die Tränen kamen.

»Köstlich! Aber wie sind Sie denn zu diesem Bild gekommen?«

»Ich machte vor einigen Tagen eine Bergpartie, und da ist mir der Alte in der Nähe einer Sennhütte in den Weg gelaufen. Er stach mir gleich in die Augen, und so bat ich ihn, mir eine Stunde zu sitzen.«

»Und das hat er getan?«

»Natürlich! Er schien riesig geschmeichelt, als ich ihn ›Herr Förster‹ titulierte. Und er wußte wohl auch, daß ich es nicht umsonst verlangte.«

Kitty schien von einer Ekstase heiterer Laune befallen. »Und Sie wissen nicht, wer das ist? Wirklich nicht?« Vor Lachen vermochte sie kaum weiterzusprechen. »Das ist doch mein Papa!«

Forbeck trat verblüfft zurück. Er begriff nicht. Wie kam dieser alte »Waldbär« – vielleicht war er doch kein gewöhnlicher Waldaufseher, wie sein Äußeres vermuten ließ, sondern wirklich ein wohlbestallter Förster – aber wie kam ein schlichter Förster zu einer solchen Tochter mit diesem zierlichen Wuchs und diesem holden Gesichtchen – und noch mehr: zu einer Tochter in so vornehm gewählter Kleidung, mit schwedischen Handschuhen und dem eleganten Schuhwerk. Dieses Kleid und was dazu gehörte – das wog den halben Jahresverdienst eines Försters auf! Da schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: eine Theaterprinzessin? Er wußte nicht, warum er diesen Gedanken so unangenehm empfand, fast wie einen Schmerz. Aber nein! Er durfte nur in diese strahlenden Augen blicken, auf diesen kindlichen Mund, um den sinnlosen Einfall wieder zu verwerfen. Dadurch wurde die Sache für ihn noch unbegreiflicher. Der alte »Waldbär«, den er dort oben gefunden – der war echt! An dem war nicht zu zweifeln! Das Rätsel war dieses Mädchen.

Schon wollte Forbeck eine Frage stellen, da ließen sich vor der Klause hastige Schritte vernehmen. Es wurde finster in der Tür, und Gundi Kleesberg stolperte über die Schwelle. »Kitty –« Nun sah sie den jungen Maler – das Licht des Fensters fiel hell auf sein Gesicht – und Gundi Kleesberg taumelte an die Wand, erschrocken wie vor dem Anblick eines Gespenstes.

Verwundert blickte Forbeck auf die ihm fremde Dame, und Kitty stellte ihr Lachen ein. »Tantchen? Was ist dir?«

Gundi Kleesberg schien sich zu erholen.

»Aber so sprich doch! Was ist dir?«

»Nichts, nichts! Wer ist – dieser Herr?«

»Herr Maler Forbeck!« stammelte Kitty, während der junge Mann sich verbeugte. Um über den unbehaglichen Augenblick hinüberzukommen, faßte Kitty das Skizzenbuch. »Tante Gundi, ich muß dir was zeigen, was Herr Forbeck gezeichnet hat, du wirst Augen machen –«

Die Kleesberg hatte beim Klang dieses Namens, den sie noch nie in ihrem Leben gehört hatte, erleichtert aufgeatmet. Scheu ließ sie die Augen an dem jungen Mann emporgleiten und schüttelte den Kopf.

»Tantchen, sieh doch!«

Beim Klang dieser Stimme war Gundi Kleesberg plötzlich ihrer Stimme mächtig. Mit dem Zorn einer Furie schoß sie auf Kitty zu, umklammerte ihre Hand und schüttelte sie, daß das Skizzenbuch zu Boden fiel. »Laß das! Und komm! Das ist kein Ort für dich!«

Über Forbecks Gesicht flog brennende Röte. Dann hob er schweigend das Buch von der Erde.

»Aber Tante?« stammelte Kitty verlegen.

»Komm!« In ungestümer Hast zog die Kleesberg das junge Mädchen zur Tür hinaus.

Kitty Lippen zuckten. »Aber Tante Gundi! Herr Forbeck –«

»Komm!« Gundi Kleesberg hielt fest und suchte so schnell als möglich aus der Nähe der Klause zu kommen.

»Aber Tante, ich bitte dich! Herr Forbeck hat mich doch gerettet! Was muß er denken von mir!«

»Komm nur!« Tante Gundi schlug einen bei ihrer Schwerfälligkeit überraschenden Sturmschritt an. Das Staunen machte Kitty verstummen. Seit jenem Tag, an welchem Adelgunde von Kleesberg aus dem Stift gekommen war, um sich in eine sehr weitschichtige »Tante« zu verwandeln und die Obhut über das junge mutterlose Mädchen zu übernehmen – seit jenem Tage bis zu dieser Stunde hätte Kitty niemals ahnen mögen, daß in diesem »fleischgewordenen Schaukelstuhl« – wie Graf Egge das alte Fräulein getauft hatte – eine so wieselflinke Beweglichkeit verborgen läge. Kitty meinte ein Wunder zu sehen. Halb schmollend, halb lachend, ließ sie sich von Tante Gundi weiterziehen. Einmal blickte sie wohl über die Schulter zurück, aber die Klause was schon hinter der Felswand verschwunden.

Da kam auch Franzl vom Seeufer hergelaufen und rief: »Ich hab a Schiffl!«

»Gott sei Dank!« Gundi Kleesberg verhielt den stürmischen Schritt. Ihre Kräfte waren zu Ende.

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