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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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8

Der Zauner-Wastl erreichte auf seinem Weg zur Jagdhütte bei Tagesanbruch die Almen. Erschöpft und keuchend ließ er sich am Wegrain auf einen Baumstock nieder und drückte die Fäuste auf seine arbeitende Brust, während er den sorgenvollen Blick über den steilen, stundenlangen Weg emporgleiten ließ, den er noch zurückzulegen hatte. Auf dem Almfeld sah er ein altes, gebücktes Bäuerlein in langem Sonntagsrocke bergwärts steigen. Wer kann das sein? Was will der fremde Bauer da droben? Es sieht fast so aus, als ginge er den gleichen Weg – da hinauf zur Jagdhütte?

Die Jagdhütte! Dieses Wort ließ den Zauner wieder an die eigenen Sorgen denken. Wie sollte er vor den gnädigen Herrn Grafen hintreten? Was sagen, um den Vater, der den Sohn verloren, nicht schon mit dem ersten Wort ins Herz treffen? Meister Wastl nahm den Kopf zwischen die Hände. Und während er darüber nachsann, wie er seine Unglücksbotschaft einleiten könnte, vernahm er aus der fernen Höhe einen rollenden Hall.

Es war das Echo eines Schusses.

Diesen Schuß hatte Graf Egge abgegeben. Und das Wild, dem der Schuß gegolten, war der »abnorme« Rehbock, dem zuliebe Graf Egge am verwichenen Morgen den Abstieg nach Hubertus unterbrochen hatte.

Schipper, der das seltsame Wild ausgespürt und seinen Herrn auf dem glücklich geratenen Pirschgang begleitet hatte, gratulierte lachend, als der Rehbock im Feuer stürzte. »No also, da liegt er! Wünsch Glück, Herr Graf! Hab ich's net gsagt: Sie bleiben net umsonst heroben! Gelt, es hat sich rentiert, daß der junge Herr Graf allein hat heimmarschieren müssen. Wären S' mit ihm abitrappt, so hätten S' den Bock net. Schauen S' ihn an! Was der für Gwichtl hat!«

Es hätte bei Graf Egge dieser Aufforderung nicht bedurft. In der Hand die rauchende Büchse, sprang er auf sein Beute zu. Als er das verendete Wild erreichte und das seltene, wertvolle Gehörn in der Nähe sah, schwang er im ersten Ungestüm seiner Jägerfreude das verwitterte Filzhütl wie ein Hüterbub, dem ein Glück vom Himmel herunter ins Herz gefallen. So groß war seine Freude, daß er den Jäger mit keiner Hand an den Rehbock rühren ließ. Er selber nahm das Messer, um den Bock »aufzubrechen« und ihn mit verschränkten Läufen in die Tragriemen einzuschnüren. Es fehlt nicht viel, so hätte Graf Egge seine Beute auch noch auf den Rücken genommen; erst nach längerer Debatte gönnte er dem Jäger die »Ehre«, den Bock zur Jagdhütte tragen zu dürfen. »Aber ich geh hinter dir drein, Schritt um Schritt,« sagte er, »sonst gschieht am End mit dem Gwichtl wieder so eine Zauberei sie selbigsmal mit der Gamskruck.«

Schipper, der den Rehbock auf den Rücken schwang, hielt es für das beste, diesen Spaß zu überhören.

Mit einem Moosbüschel säuberte Graf die roten Hände, wischte sie noch ein paarmal über die Rückseite der Lederhose, steckte sein Pfeiflein in Brand und wanderte hinter dem Jäger her. Da hatte er immer das schöne Geweih vor den Augen.

»Du, das sag' ich dir,« unterbrach er das Schweigen, »auf der Stell, wie wir in d' Hütten kommen, wird das Gwichtl runtergsägt und ausgsotten. Das kriegt kein anderer mehr in d' Händ. Das nimm ich heut selber mit nunter.«

»Wollen S' denn heut wirklich heim?« fragte Schipper, über alle Anzüglichkeit in Graf Egges Worten harmlos hinweggleitend. »'s Jagdpech is vorbei und 's Glück is wieder einzogen. Dös sollten S' ausnutzen.«

»Eigentlich hast du recht. Aber ich muß hinunter. Ich hab's dem Buben in die Hand gelobt. Jetzt hab' ich den Bock, jetzt halt ich mein Versprechen.«

»Freilich, den Grafen Willy, den haben S' halt gern! Da muß alles andre zruckstehn!«

Eine halbe Stunde waren sie gewandert, als der Graf – er wollte sich zum Räumen der ausgebrannten Pfeife einen Zweig zurechtschneiden – den Abgang seines Messers bemerkte. »Herrgott, jetzt hab' ich den Knicker am Schußplatz liegenlassen!«

»Ich kehr gleich um.«

»Nix da! Erst trag du den Bock in d' Hütten!« Graf Egge zwinkerte mit dem linken Auge. »Vor allem will ich mein Gwichtl in Numro Sicher wissen.«

Schipper mochte nun doch die moralische Verpflichtung einer Abwehr fühlen. »Aber Herr Graf! Der Franzl is ja nimmer da!« Kaum hatte er das ausgesprochen, da schien er schon zu merken, daß er eine Dummheit gemacht hatte.

Ein Schatten ging über Graf Egges Gesicht, und langsam nahm er die erkaltete Pfeife aus dem Mund. »Du! Laß du den Franzl in Ruh'! Im ersten Zorn über andere Dinge bin und ungerecht gegen den armen Kerl gewesen. Das ist vorbei und nicht mehr zu ändern. Aber du laß ihn in Ruh'! Du Feiner!« Länger hielt Graf Egges Ernst nicht an; er schmunzelte schon wieder und kehrte vom Hochdeutsch, das er gestreift hatte, zum Dialekt zurück. »Und jetzt, du Gauner, paß auf, jetzt sag ich dir was! Der Lump, der selbigsmal die Kruck hat mausen wollen, warst du! Ja, du! Und daß ich mir weiter aus der Sach nix mach, dafür kannst du dich bei der Kruck bedanken! Die hat in d' Augen gstochen!« Graf Egge strich mit der Pfeifenspitze über den Schnurrbart und lachte. »Wärst du der Jagdherr gwesen und ich der Jäger – ich glaub, ich selber wär schwach worden. Da ich so was begreif, das is die einzig Entschuldigung für dich. Und heut der abnorme Bock dazu! Die Gschicht is erledigt. In Zukunft schau ich dir besser auf d' Finger.«

Schipper zeigte das Lächeln eines Gekränkten, der keine Galle hat. »Der gnädig Herr Graf belieben seine Spassetteln z' machen. Dös muß ich mir gfallen lassen. In Gotts Namen!« Das Klirren eines Bergstockes ließ ihn talwärts blicken. »Herr Graf, da kommt der Pattscheider.«

»Der kommt grad recht! Leg den Bock ab und such mir den Knicker!«

Schweigend gehorchte Schipper und sprang davon.

Wenige Minuten später tauchte Pattscheider aus den Latschen auf; der steile Weg hatte sein müdes, bleiches Gesicht nicht zu röten vermocht. Er zog den Hut. »Guten Morgen, Herr Graf! An Schuß hab ich ghört. Ah, da liegt ja der Bock. Ich gratulier!«

»Den schau dir an!« sagte Graf Egge mit Stolz und Behagen. »Was der für a Gwichtl hat.«

Pflichtschuldig bewunderte Pattscheider das schöne Gehörn, und als ihm Graf Egge die Jagdgeschichte mit umständlicher Genauigkeit erzählte, schien es der Jäger aus irgendeinem Grunde gern zu bemerken, daß sein Herr in guter Laune war.

Sie traten den Heimweg an. Nun ging Graf Egge voraus; er schien um das Gehörn des Bockes, den Pattscheider trug, keine Sorge mehr zu haben.

Ein paar hundert Schritte waren sie gegangen; da guckte der Jäger sich vorsichtig um, und als er den Pfad hinter sich leer wußte, sagte er halblaut: »Was Neues wüßt ich, Herr Graf!«

»Schieß los!«

»Dem Franzl is aber Posten anboten worden, mit zweihundert Mark mehr im Jahr, als er bei uns ghabt hat. Und wissen S', wo? Bei dem Fabrikherrn drüben, der Ihnen die Grenzjagd weggsteigert hat.«

Graf Egges Stirn wurde dunkelrot, und seine Augen funkelten. »Der Franzl hat angenommen?«

»Gott bewahr! Abgschlagen hat er.«

»Woher weißt du das?« fragte Graf Egge verblüfft.

Pattscheider machte ein Gesicht, als brächte ihn diese Frage in Verlegenheit. »Jetzt muß ich ehrlich aussi mit der Sprach. Es is vielleicht net recht, daß ich mit'n Franzl noch verkehr, seit er bei uns gschaßt worden is. Aber schauen S', Herr Graf, viel Jahr lang haben wir Freundschaft ghalten, und erbarmt hat er mich auch, der arme Teufel! Gestern hab ich den Franzl heimgsucht. Und wie's der Zufall will, grad kommt der Brief.« Pattscheider verschwieg, daß der Brief vom Grafen Tassilo war. Alles andere erzählte er, Wort für Wort, wie die Geschichte mit dem Brief im Stübchen der Horneggerin sich abgespielt hatte. »Sei' Mutter hat gweint vor lauter Freud. Und ich selber hab gmeint, ich müßt ihm zureden.«

»So?«

»Was will er denn machen? Er kann net briwatisieren. In der Not greift einer bald nach allem. Aber der Franzl? Kasweis is er gwesen im Gsicht. Und na hat er gsagt, es müßt rein ausschauen, hat er gsagt, als ob ich unserm Herrn Grafen im Zorn an Possen spielen möcht.«

Es arbeitete in Graf Egges Zügen. »Warum erzählst du mir das?«

»Ich hab gmeint, es freut Ihnen, wann S' hören, wie der Franzl noch allweil zu Ihnen halt.«

Graf Egge legte die Hand auf die Schulter des Jägers. »Ja, Pattscheider! Ich danke dir!« Er wandte sich ab, schlug einen Sturmschritt an und wühlte mit zuckender Hand im Bart.

Schon tauchte das Dach der Jagdhütte über einen Rasenbuckel hervor. Da mußten die beiden das breite Kiesbett eines ausgetrockneten Wildbaches durchschreiten. Graf Egge bekam scharfe Steinchen in die Schuhe, und das schmerzte bei jedem Tritt. Als er ans Ufer gestiegen war, winkte er dem Jäger, vorauszugehen, und ließ sich nieder, um die Schuhe abzustreifen. Das Übel war behoben; aber noch immer blieb er sitzen, ließ die Arme übers Knie hängen und spähte hinunter ins ferne Tal.

Kräftig zog der Wind über das sonnbeglänzte Gehänge empor und trug verschwommene Klänge aus der Tiefe herauf – das Geläut der Kirchenglocke. Die Zeit der Messe war vorüber, bis Mittag waren noch lange Stunden. Warum läutete man da drunten?

Graf Egge erhob sich. »Vorwärts! Und heim! Ich hab's ihm versprochen!«

Als er vor dem »Palais Dippel« anlangte, sah er rechts neben der offenen Tür den Rehbock liegen und links auf der Hausbank ein altes gebeugtes Bäuerlein sitzen, im langen Sonntagsrock und mit vergrämtem Gesicht.

Bei Graf Egges Anblick schien den Alten eine ratlose Erregung zu befallen; scheu blickte er nach allen Seiten, erhob sich, nahm respektvoll das Hütl ab und strich das Haar in die Stirn. »Recht guten Morgen, gnädiger Herr Graf!« Seine Stimme klang, als wäre ihm die Kehle zugeschnürt.

Mißtrauisch betrachtete Graf Egge den Bauer. Seine Brauen furchten sich. »Wer bist du? Was willst du? Kommst du vielleicht wegen Wildschaden? Da kehr' nur gleich werden um! Heuer bezahl' ich keinen Knopf mehr. Dreizehntausend Mark hab' ich heuer schon geblecht. Das wird mir auf die Dauer zu dumm! Jahraus, jahrein steckt die Gemeinde den schauderhaften Jagdzins ein. Und dann kommt noch jeder von euch und will mich schröpfen bis auf den letzten Blutstropfen. Wildschaden, Wildschaden, Wildschaden! Das nimmt kein Ende mehr. Was ich an Wildschaden bezahlen soll, ist zehnmal mehr, als meine Hirsche fressen könnten, wenn jeder von ihnen zehn Mäuler hätte! Ich kenne den Schwindel. Ich weiß, wie's gemacht wird. Jeder von euch spekuliert auf den Wildschaden wie der Jud' auf die schlechte Ernte. Die miserabelsten Äcker, die am Wald liegen, stehen dreifach im Preis, weil sie sicheren Wildschaden tragen. Da wird kein Mist aufs Feld gefahren, verschimmelter Haber und fauler Klee wird ausgesät, schandenhalber ein paar Händ' voll. Und wenn der Acker leer bleibt, heißt es: Die Hirsch sind dagewesen, jetzt soll der Jagdherr schwitzen! In der Nacht holt so ein Lump die Kartoffel aus seinem Feld, drückt mit einem gestohlenen Hirschlauf den ganzen Boden voll Fährten an, und dann schreit der Schweinehund nach der Kommission! Heiratet ein Bauer seine Tochter aus, wer bezahlt ihr die Aussteuer? Der Jagdherr! Sogar ins Testament wird der Wildschaden gesetzt wie das sichere Geld im Kasten! Was meine Hirsche fressen, ist wertlos für euch. Aber was ich dafür bezahle, ist euer bester Verdienst. Ja, Bauer! Euer bester Verdienst! Was wäre denn in dem gottvergessenen Bergwinkel euer Dorf ohne mich und meine Jagd? Ein Bettelnest voll Hungerleider. Meine Jagd ist ein Luxus, gut! Ich bezahl' ihn teuer genug. Sechzigtausend Mark jedes Jahr. Und wohin verschwindet der Haufen Geld? In euren Sack! Das Dorf ist reich geworden an meiner Jagd. Aber alles hat seine Grenzen. Ich laß mir nicht die Haut über die Ohren ziehen. Endlich wird mir die Geschichte zu dumm!«

Graf Egge, der über diese Frage nicht aus ungerechtem Ärger, sondern aus wohlbegründeter Erfahrung sprach, hatte sich in heißen Zorn hineingeredet. Er lehnte Gewehr und Bergstock an die Hüttenwand und lüftete die Joppe.

»So red'! Wieviel verlangst du? Es scheint, du bist ein ehrlicher Kerl, ich seh dir's am Gesicht an, daß du wirklichen Schaden hast. In solchem Fall hab' ich mich nie geweigert, die Tasche aufzuknöpfen. Also? Wieviel?«

Der Bauer schüttelte kummervoll den weißen Kopf. »Belieben, gnädiger Herr Graf, ich komm net wegen Wildschaden!«

Graf Egge sah den Alten verwundert an. »Was willst du?«

Der Bauer schluckte. »Belieben, gnädiger Herr Graf, ich such mein Buben.«

Schweigend trat Graf Egge ein paar Schritte zurück, und zwischen seinen Brauen erschien eine tiefe Furche.»Wer bist du?«

»Wenn der gnädig Herr Graf belieben, wär ich der Mühltaler aus Bernbichl.«

Im Küchenraum der Jagdhütte klapperte eine Pfanne, die zu Boden gefallen war. Über Graf Egges Gesicht ging ein Zucken des Unbehagens, nur flüchtig. Dem Blick des Alten entging das nicht, und sein Hütl, das er zwischen den Fingern drehte, fing zu zittern an. »Der Mühltaler aus Bernbichl!« wiederholte er mit erloschener Stimme. »Der gnädig Herr Graf haben mein Namen gwiß schon ghört?«

»Nein!«

»So? So? Freilich, wenn's der gnädig Herr Graf belieben, muß man's glauben!« Langsam nickte der Bauer vor sich hin; dann hob er die umflorten Augen. »Aber an Buben hab ich ghabt – belieben, gnädiger Herr Graf – den haben S' gwiß schon gsehen amal, mein Buben?«

»Nein!«

»So? So? Aber einer von Ihnere Jager? Net? Drum tät ich halt fragen – belieben, gnädiger Herr Graf – ob ich net a Wörtl hören könnt? Bloß an einzigs Wörtl!« Dem Alten kollerten zwei Zähren über die bleichen Backen. »Die ganzen Tag her such ich schon allweil. Is a harter Weg gwesen, da auffi. Aber a Vater! Was tut a Vater net alles?«

Graf Egge bewegte die Schultern unter der Joppe. »Ich werde nicht klug aus deinem Gerede. Dir ist im Gebirg' ein Bub verunglückt?«

»Verunglück?« Der Bauer starrte zu Boden. »Wenn der gnädig Herr Graf belieben, sagen wir halt, verunglückt. Und so viel druckt's mich, daß er kei christliche Ruhstatt net haben soll.«

»Du tust mir leid, Alter! Aber ich begreife nicht, warum du zu mir kommst?«

»Nur a Wörtl! Belieben, gnädiger Herr Graf, bloß an einzigs! Von die Brävern is er keiner gwesen. Vielleicht bin ich selber schuld dran. Ich, der Vater! Weil ich's ihm net wehren hab können, wann er in der Nacht davongschlichen is, mit'm Büxl unter der Joppen. Aber so viel Straf hat er net verdient, daß ihn kein christlicher Gruß und kein Vaterunser nimmer findt!« Die Stimme des Alten erstickte. »Drum tät ich halt recht schön bitten – nur an einzigs Wörtl, belieben, gnädiger Herr Graf – daß ich mein Buben find.«

Graf Egge begann ungeduldig zu werden, bekämpfte aber noch immer seine wachsende Erregung. »Ich will nicht hart sein gegen dich. Aber du redest mir da einen Verdacht ins Gesicht, den ich mir verbitten muß. Sei vernünftig, Alter, und geh deiner Wege! Ich weiß nichts von deinem Buben.«

Der Bauer griff mit seiner Zitterhand nach Graf Egges Joppe. »Er ist mein Einziger gwesen – belieben, gnädiger Herr Graf!«

»Laß deine Hände von mir! Da klangen Schritte auf dem nahen Steig. Graf Egge sah den Zauner-Wastl auf die Hütte zukommen und fand in diesem unerwarteten Besuch eine willkommene Ausrede. »Ich will meine Leute beauftragen, daß sie Nachfrag' halten. Jetzt muß ich dich fortschicken. Da kommt einer, mit dem ich wichtige Dinge zu besprechen habe!« Er wandte sich von dem Alten ab, der noch immer die Hand streckte, einen flehentlichen Blick in den heißen Augen. »Grüß' dich Gott, Wastl!« rief Graf Egge ein bißchen unsicher. »Gut, daß du endlich kommst! Nur gleich herein in die Stube!« Da sah er den Ausdruck ratloser Angst in Meister Zauners Gesicht; er stutzte, und eine Frage schien ihm auf der Zunge zu liegen, aber mit unbehaglichem Blick streifte er den alten Bauer, schüttelten den Kopf und trat in die Hütte.

Auf dem Herd der Küchenstube, neben dem flackernden Feuer, saß Pattscheider, regungslos, die Fäuste auf den Knien. Er hörte den Grafen in die Stube treten und hörte einen anderen kommen, der an der Hüttenschwelle den Kot von seinen Schuhen stieß. Dann klang aus der Herrenstube die laute Stimme des Grafen und ein Gestammel des anderen. Graf Egges Stimme dämpfte sich, verstummte, und nur noch ein Gemurmel des anderen war zu vernehmen. In der Stube schienen Dinge verhandelt zu werden, die jedes fremde Ohr zu scheuen hatten. Pattscheider war ohne Neugier; er lauschte wohl – nicht gegen die Herrenstube, sondern gegen die Tür, die ins Freie führte. Da draußen war manchmal ein müder Seufzer zu hören, ein leises Ächzen der Bank.

Jetzt klang aus der Herrenstube ein röchelnder Schrei, das Gepolter eines fallenden Sessels und ein dumpfer Schlag, als wäre ein Mensch zu Boden gefallen. Erschrocken sprang der Jäger auf die Tür zu. Er hatte sie noch nicht erreicht, als sie von innen aufgerissen wurde und Graf Egge mit verzerrtem Gesicht und verstörten Augen über die Schwelle taumelte; wie ein Erstickender atmend, streckte er die Arme nach freier Luft; doch beim ersten Schritt, den er über die Hüttenschwelle tat, stand er wie gelähmt und stierte den Bauer an, der sich zitternd von der Hausbank erhob.

»An einzigs Wörtl – belieben, gnädiger Herr Graf! Schauen S' mich an, wie ich dasteh – a Vater, der sein' Buben sucht!«

Graf Egge machte mit der Hand eine sinnlose Bewegung. Tief gebeugt, wie unter drückender Last, wankte er in die Hütte zurück.

»Herr Graf!« stotterte Pattscheider. »Um Gotts willen, was haben S' denn?«

Ohne zu antworten, trat Graf Egge in die Stube und drückte hinter sich die Tür zu.

Im Ofenwinkel stand der Zauner-Wastl, kreidebleich. Er wagte sich nicht zu rühren, als Graf Egge auf die Holzbank fiel, die Arme über den Tisch warf und das Gesicht vergrub.

Einmal rückte Meister Zauner kaum merklich von der Stelle, und dabei streifte sein Ellbogen die Ofenkante. Graf Egge fuhr auf; seine trockenen Augen waren rot gerändert, wie von einer Entzündung; er maß den stummen Gast hinter dem Ofen, und an seinen Schläfen schwollen die Adern; dann griff er an seine Stirn, als müßte er sich auf irgend etwas besinnen, und erhob sich mühsam; nach Atem ringend, riß er den Hemdkragen auf und machte einen Gang durch die Stube. Vor dem Zauner blieb er stehen und sagte mit zerdrückter Stimme: »Es war gut so, wie du es gemacht hast. Dich trifft keine Schuld. Du bist ein treuer Kerl und hängst an mir. Jetzt geh! Ich bleibe, bis sie mich holen. Lang wird's nicht dauern. Was stehst du noch? Geh!« Dieses letzte Wort klang hart und scharf.

Der Zauner-Wastl schluckte schwer und schob sich aus der Stube.

Graf Egge ging zur Bank, mit heißen Augen ins Leere blickend. Da hörte er draußen den Meister Zauner sagen: »Pfüe Gott mitanander!« Und eine müde Greisenstimme antwortete: »Pfüet Ihnen Gott!«

»Pattscheider!« schrie Graf Egge wie ein Irrsinniger, und seine Hände schlossen sich zu zuckenden Fäusten.

Der Jäger kam.

»Schaff' mir den Menschen fort! Den da draußen!« keuchte Graf Egge. »Seine Nähe bringt mich um.«

Pattscheider nickte und ging.

Vor der Hüttentür fand er den Bauer auf der Bank, zwischen den Knien einen kurzen Stecken, den die Zitterhände umklammert hielten.

»Mühltaler –« Dem Jäger versagte die Stimme. »Mit dem Herrn Grafen is jetzt kein Reden net. Sind S' gscheit und marschieren S' in Gotts Namen.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

Pattscheider spähte gegen das Stubenfenster, faßte den Arm des Bauern und zischelte: »Bloß über's Eck ummi! Leben S' Ihnen in d' Latschen eini, daß Ihnen keiner sieht. Nachher komm ich und sag Ihnen was.« Rasch, wie um der Antwort des Bauern zu entrinnen, sprang er in die Hütte und blieb vor dem versinkenden Herdfeuer stehen. Nach einer Weile hörte er schwere Schritte, die sich entfernten. Pattscheider trat in die Stube. »Jetzt is er fort.«

Graf Egge atmete auf. Mit steinernem Gesicht, wie ein Schlafwandler, ging er in der Stube umher, drückte den Hut über das zerwühlte Haar und suchte die Büchse. Sie stand noch vor der Hütte draußen, und Pattscheider brachte sie ihm. Mechanisch, wie vor jedem Pirschgang, öffnete Graf Egge den Doppellauf der Waffe, um nachzusehen, ob sie richtig geladen wäre. Er nickte. Und taumelte aus der Stube.

»Wohin, Herr Graf?« fragte der Jäger in Unruhe.

»Heim!« Es zuckte um Graf Egges Mund wie das Lächeln eines Verrückten. »Ich hab's ihm versprochen. Das muß ich halten.«

»Die Tür, Herr Graf!«

Die Warnung kam zu spät. Mit rotem Fleck auf der bleichen Stirn, wortlos, ohne den üblichen Fluch, bückte sich Graf Egge, um den Hut aufzuheben, der ihm vom Kopf gefallen war. Er drückte den mürben Filz wieder über's Haar und ging. Sein Schritt war schleppend.

Pattscheider blieb unter der Tür stehen, bis er seinen Herrn im Latschenfelde verschwinden sah. Dann trug er den Rehbock in die Küche, löschte auf dem Herd das Feuer und sprang davon. Zwischen dichten Latschen blieb er stehen und räusperte sich. Langsam schob der Bauer sich aus den Stauden heraus. Pattscheider vermied den Blick des Alten. »Mühltaler – ich muß enk alles sagen. A Vater derbarmt ein' allweil. Aber net verraten därfen S' mich! Machen S' mei' Familli net unglücklich!«

Der Bauer nahm den Hut ab. »Jetzt weiß ich alles! – Herr Gott, gib ihm die ewige Ruh!« Er bekreuzigte sich. Und nach einer Weile fragte er: »Hat's denn sein müssen?«

»Er hat anglegt auf mich. Man hat sein Dienst und hat Weib und Kinder. Da denkt halt jeder z'erst an die eigene Haut.«

Der Bauer nickte. »Allweil hab ich's ihm gsagt, und er hat net hören mögen! Jetzt muß er büßen. Und der Vater mit!« Langsam hob er die Augen. »Wie ich gmerkt hab, tragst die Sach a bißl hart. Mensch is Mensch. Dös is halt doch was anders als a Gamsbock.«

»Ja, Mühltaler!«

Wieder standen sie eine Weile schweigend voreinander.

»Wo liegt er denn?«

»Net weit von der Grenz.«

»Hilfst mit ihn ummitragen?«

Pattscheider zögerte mit der Antwort. »A harts Stückl für uns zwei: der Vater – und ich, der Jager! Und gut zum Anschaun wird er auch nimmer sein. Aber in Gotts Namen! Daß er sein christlich Begräbnis kriegt! Unser Herrgott wird ihm ja sonst verziehen haben. Unser Herrgott is a guter Mann.«

Eine Strecke waren sie schon gegangen, als der Alte vor sich hinmurmelte: »Net an einzigs Wörtl hat er mir gsagt, der gnädig Herr Graf.«

»Weil er nix weiß davon. Ich hab kei Meldung gmacht.«

»So? Kei Meldung? Bist der richtige Jager, der auf seim Herrn nix sitzen laßt!«

Pattscheider zog den Bauer in den Schatten eines Latschenbusches. »Da drunten geht er grad über d' Lichtung. Wann er umschaut, muß er mich sehen. Und wann er mich sieht, bin ich um mein Dienst.«

Die Sorge des Jägers war unbegründet.

Graf Egge ging seiner Wege, ohne sich umzusehen. Als er den Saum der Almen erreichte, setzte er sich zu Füßen einer Felswand auf das rauhe Geröll, legte die Büchse über den Schoß und spähte hinunter gegen den Wald, aus dem sich der vom Seedorf kommende Pfad gleich einer feinen, weißen Linie hervorschlängelte.

Hier mußte er sie von weitem gewahren, wenn sie kamen, um ihn heimzuholen.

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