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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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6

Über dem Park von Schloß Hubertus schlummerte die schöne Nacht. Im Adlerkäfig herrschte friedliche Stille. Auch die Fontäne schien entschlafen und plauderte nur leise, wie im Traum.

Ohne Lichtschein lag das Haus inmitten der schweigsamen Finsternis. Unter seinem Dache fanden in dieser Nacht zwei Augen keinen Schlaf, und in heißer Erwartung pochte ein junges Herz dem Morgen entgegen.

Als es drei Uhr schlug, erhob sich Kitty lautlos, um sich für die Reise anzukleiden. Der gepackte Koffer stand schon seit dem Abend neben der Tür. Auf dem Tische, für den ersten suchenden Blick berechnet, lag ein Brief an Gundi Kleesberg. Nach einem halben Stündchen war Kitty reisefertig. Sie löschte das Licht und setzte sich in Hut und Mantel am das offene Fenster. Die dreißig Minuten fieberhaften Wartens wurden ihr länger, als ihr die ganze Nacht erschienen war. Endlich klangen die vier ersehnten Schläge. Kitty huschte zur Tür. Mit jedem Augenblick hoffte sie Willys leisen Schritt zu hören. Minute um Minute verrann, und draußen im Korridor blieb alles still. »Er hat verschlafen!« Sie schlich in das Zimmer des Bruders. »Willy!« rief sie leise in den dunklen Raum. Kein Laut. Sie tastete sich zum Bett, um den Siebenschläfer aufzurütteln. Ihre Hände griffen in leere Kissen. Erschrocken machte sie Licht. Das Zimmer war leer. Eine dunkle Angst umklammerte ihr das Herz. Dann fiel ihr ein, wie energisch Willy sich am vergangenen Abend ihrem Plan zuerst widersetzt hatte. Und nun mußte sie denken, daß sein Versprechen nur eine Ausflucht war: er wollte die Schwester beruhigen, um ungestört seine Absicht auszuführen und noch in der Nacht die Reise nach München anzutreten – allein!

Kitty stand eine Weile ratlos. Dann nickte sie entschlossen vor sich hin und löschte das Licht. Mit lautloser Hast kehrte sie in ihr Zimmer zurück und griff nach dem kleinen Lederkoffer, an dem sie so schwer zu tragen hatte, daß ihre Kräfte schon versagen wollten, noch ehe sie die Ulmenallee erreichte.

Der Morgen begann zu dämmern, und leise zwitscherten die Meisen und Finken. Auch im Adlerkäfig war es schon lebendig; emsig putzten die fünf Raubvögel ihr Gefieder. Als Kitty, mühsam atmend unter der Last des Koffers, an dem Käfig vorüberkam, streckten die Adler ihre Hälse.

Ein Zufall führte auf der Straße einen Holzknecht vorüber, der seiner Arbeit nachging. Auf Kittys Bitte trug er den Koffer bis zum Mooshof. Hier mußte sie lange an die Fenster pochen. Endlich erschien der Mooshofer, der sein Räuschlein erst zur Hälfte ausgeschlafen hatte. Ein Schimmel wurde vor das Bernerwägelchen gespannt, und während Kitty zum Sitzbrett hinaufkletterte, tönte von den Bergen herab, aus weiter Ferne, der verwehte Hall eines Schusses. Kitty überhörte den rollenden Laut, ihre Aufmerksamkeit war mit dem Schimmel beschäftigt, der einen zweifelhaften Trab entwickelte. Im Verlaufe der Fahrt hatte sie Mühe, den Mooshofer, dem immer wieder die Augen zufielen, munter zu erhalten. Schließlich nahm sie selbst die Zügel und schwang die Peitsche. Aber der Schimmel hatte eine geduldige Haut und ließ sich in seiner Gemütsruhe nicht stören.

Die Station war kaum in Sicht, da hörte man schon die Lokomotive zum Abschied pfeifen.

Vier Stunden bis zum nächsten Zug! Und seine Ankunft in München: drei Uhr nachmittags! In Verzweiflung debattierte Kitty mit dem Stationsvorstand, dessen von »strengen Vorschriften« umpanzertes Herz sie endlich erweichte. Auf einer Draisine ließ er Kitty bis zur Kreuzungsstation der Hauptbahn befördern, damit sie einen Zug erreichen konnte, der kurz vor ein Uhr in München eintreffen mußte.

Die Sache glückte. Kitty nahm ein Kupee erster Klasse für sich allein und ließ die Tür versperren. Der Kondukteur machte große Augen, als er in München das Kupee wieder aufschloß und an Stelle des staubgrauen Falter, der zwei Stunden früher hier untergeschlüpft war, einen weißen Schmetterling ausfliegen sah.

Kittys Erscheinen erregte Aufsehen. Im Sturmschritt eilte sie zum Ausgang und rief nach einer Droschke. »Zur Frauenkirche! Schnell!« Sie sprang in den Wagen und fiel erschöpft in die Kissen. »Zwanzig Minuten nach ein Uhr!« jammerte sie und trommelte an das vordere Fenster des Wagens. »Schneller! Schneller!«

Nun kam die letzte Häuserecke, und in der Tiefe einer schmalen, zum Domplatz führenden Gasse tauchten die altersgrauen, gewaltigen Türme der Frauenkirche auf. »Endlich!« stammelte Kitty und nahm für den Kutscher ein Geldstück aus der Börse. Die Ungeduld kam ihn in die Füße, und in dem schaukelnden Wagen von einer Wand an die andere taumelnd, streckte sie bald rechts, bald links das Köpfchen zum Fenster hinaus. Nun lenkte die Droschke auf den Domplatz ein, und kaum hatte Kitty einen Blick nach dem Portal der Kirche geworfen, da erschrak sie, daß ihr das Blut aus den Wangen wich.

Die Trauung mußte schon vorüber sein. Eine Reihe von drei Kutschen fuhr in raschem Trab gegen die innere Stadt. Ein letzter Wagen hielt noch vor dem Dom, und neben dem offenen Wagenschlag standen zwei Herren, die sich mit einem Händedruck voneinander verabschiedeten. Der ältere verschwand um die Ecke der Kirche – Professor Werner. Der jüngere gab dem Kutscher eine Weisung. Da hörte er seinen Namen rufen und zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen. »Herr Forbeck!« Als er sich wandte, sah er Kitty aus der Droschke springen. Von den Falten des weißen Kreppkleides umflattert, die weiten Ärmel des duftigen Schwanenpelzes aufgebläht gleich einem schimmernden Flügelpaar, so kam sie auf ihn zugelaufen und streckte die Hände.

Das Wort erstarb ihm, doch seine Augen hingen an ihr, leuchtend, mit trinkendem Blick.

Kitty fand zuerst die Sprache. »Gott sei Dank!« Das klang so freudig, als wäre alle Erregung, Unruhe und Erschöpfung von ihr gewichen.

»Komtesse Kitty!« stammelte er. »Und allein? Wie kommen Sie nach München?«

»Das können Sie fragen? Und stehen vor mir in Frack und weißer Binde! Glauben Sie denn, ich hätt' es über mich gebracht, meinen Tas heut ohne die Schwester zu lassen?«

»Aber die Trauung ist schon vorüber!«

»Das merk' ich! Und kränke mich namenlos!« Es zuckte bei dieser Beteuerung um den rosigen Mund, aber der Glanz der Augen harmonierte nicht mit dem klagenden Stoßseufzer. »Wohin sind die anderen Wagen gefahren?«

»Die anderen? Zu Frau Herwegh.«

»Kommen Sie! Schnell! Ich fahre mit Ihnen!« Sie eilte auf den geschlossenen Wagen zu, der einsam vor dem Portal der Kirche zurückgeblieben war. Forbeck zögerte, aber Kitty drängte: »Schnell! Nur schnell!« Im Wagen zog sie die Falten ihres Kleides an sich und rückte in die Ecke, um Platz für ihn zu machen. Schaukelnd rollte die Kutsche über das Pflaster. »Erzählen Sie! Wie war es in der Kirche?«

»Eine stille, kurze Feier, schön und ergreifend! Wir zehn Menschen, ganz allein in dem gewaltigen, ernsten Bau! Es war wie ein heiliges Geheimnis. Ich hatte ein Gefühl, als sähe ich vor meinen Augen ein Wunder werden.«

»Ein Wunder?«

»Gibt es ein Wunder, das schöner wäre als das Glück zweier Menschen, die von der Natur füreinander geschaffen wurden wie das Licht für den Tag? Sie hätten das sehen müssen: wie sie die Ringe tauschten und die Hände verschlangen, als wollten sie sich nimmer, nimmer lassen. Zwei Menschen, die eins geworden für das Leben!«

»Wie schön!« Kittys Augen träumten ins Leere, und ein sehnsüchtiges Lächeln spielte um den halb geöffneten Mund. »Und das hab' ich versäumen müssen! Aber nun bin ich da! Wie ich mich freue auf Tas und Anna! Ich will mich satt sehen an ihrem Glück!«

»Sie hoffen Ihren Bruder noch hier zu finden?« stammelte Forbeck erschrocken. »Sie wissen nicht –«

»Was?«

»Das junge Paar ist von der Trauung zur Bahn gefahren.«

In Entsetzen schlug Kitty die Hände zusammen.

»Sie reisen an den Rhein und fahren heute bis Stuttgart, mit dem Zug um zwei Uhr zehn.« Als Forbeck die ratlose Bestürzung sah, die aus Kittys Augen redete, zerrte er die Uhr hervor. »Es wäre möglich –« Er riß das Fenster auf und schrie: »Zum Bahnhof! Schnell! Nur schnell!«

Während der jähen Schwenkung, die der Wagen machte, jammerte Kitty: »Wir müssen zurechtkommen! Ich kann doch diese Reise nicht gemacht und Papas Unwetter über mich heraufbeschworen haben, ohne Tas und Anna zu sehen!«

»Bitte, Komtesse, beruhigen Sie sich!« tröstete Forbeck, mit der Uhr in der Hand. »Wir haben noch zwanzig Minuten Zeit!« Er öffnete die Kupeetür; den einen Fuß im Wagen, den anderen auf dem Trittbrett, debattierte er mit dem Kutscher. Ein knallender Peitschenschlag, die Pferde fielen in Galopp.

»Gott sei Dank!« stammelte Kitty. »Und wer hat Tas und Anna zur Bahn begleitet? Willy? Oder sind sie allein gefahren?«

»Allein.«

»Und Willy? Wo ist Willy?«

Forbeck verstand die Frage nicht.

»Willy! Mein Bruder Willy! Sie müssen ihn doch heute kennengelernt haben! Bei der Trauung!«

»Nein, Komtesse! Ihr Herr Bruder war bei der Trauung nicht zugegen.«

Kitty erschrak, daß ihre Wangen sich verfärbten. »Das ist doch ganz unmöglich! Er ist doch eigens hergefahren, damit Tas am heutigen Tag nicht allein wäre!« In jagenden Worten erzählte sie von der Verabredung, die sie mit Willy getroffen hatte, von seinem vermeintlichen Wortbruch, von ihrer Vermutung, daß er in der Nacht gefahren wäre, allein, um ihr den Unwillen des Vaters zu ersparen. »Und nun ist er nicht hier! Und nicht daheim! Wie soll ich denn das begreifen?«

Forbeck versuchte sie zu beruhigen; dabei empfand er eine Sorge, die ihm die Worte durcheinanderwirrte. Das bemerkte Kitty, und nun begann sie selbst nach einer Möglichkeit zu suchen, die Willys Abwesenheit erklären konnte. Vielleicht hatte er in der Eile einen falschen Zug bestiegen und die Versäumnis nicht wieder einholen können? »Da machen wir uns das Herz schwer,« sagte sie, »und mein Bruder Leichtfuß sitzt, der Himmel mag wissen, wo, und ist kreuzfidel! Wenn ich wieder daheim bin, wird sich alles aufklären! Wir beide wollen miteinander noch lachen über die Sorge, die wir uns gemacht haben. Wann kommen Sie wieder nach Hubertus? Ihr Bild dürfen Sie nicht warten lassen. Nun haben Sie meinen Bruder Tas den Freundschaftsdienst geleistet, um den er Sie gebeten hat, nun sind Sie wieder Herr Ihrer Zeit. Wann kommen Sie?«

Erschrocken sah Forbeck zu ihr auf; er schien sprechen zu wollen und brachte keinen Laut heraus. Jedes Wort war auch überflüssig; die ratlose Pein, die ihm das Herz bedrückte, redete deutlich aus seinen Augen.

Kitty wurde von einem ihr ganzes Wesen verstörenden Schreck befallen. »Herr Forbeck?« stammelte sie. »Warum geben Sie mir keine Antwort? Sie sind doch nur gegangen, weil Tas sie darum gebeten hat?« Sie wurde heftig. »So sagen Sie doch ja! Oder ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich denken soll.«

Er versuchte zu lächeln, wollte sich zu einer Ausflucht zwingen und konnte nicht lügen. Durch Kittys angstvollen Blick um den letzten Rest seiner Fassung gebracht, schlug er die Hände vor das Gesicht.

Bestürzt, an allen Gliedern zitternd, saß sie in er Ecke des schaukelnden Wagens.

Sie hatte verstanden.

Der Wagen machte eine jähe Kurve und hielt. Lachend öffnete der Kutscher den Schlag. »So bin ich schon lang nimmer gfahren. Drei Schandarm haben mich aufgschrieben!«

Die beiden im Wagen erwachten, als hätte eine derbe Faust sie aufgerüttelt. Forbeck stammelte: »Noch fünf Minuten. Wir müssen den Zug noch im Bahnhof finden!« Er sprang aus dem Wagen und reichte Kitty die Hand. Dankend nickte sie, stieg aus und eilte über die Stufen des Portals hinauf. Als sie die riesige, von Menschen, von Geschrei und rollendem Getös belebte Bahnhalle betrat, blieb sie stehen und sah zu Forbeck auf; ihre Wangen glühten, doch keine Spur von Verwirrung oder Scheu war an ihr zu bemerken. »Nicht wahr,« sagte sie mit strengem Ernst, »zu Tas und Anna kein Wort wegen Willy! Das ist nicht die Stunde, um ihnen Sorge zu machen. Was mich betrifft, da muß ich eben lügen, wenn ich Tas nicht die Freude verderben will. Und Ihnen muß ich Mühe verursachen, Herr Forbeck! Bitte, sehen Sie auf dem Fahrplan nach, welchen Zug ich zur Heimfahrt benützen könnte. Bitte – genau! Ich bin keine Freundin von Irrtümern.«

Ohne seine Antwort abzuwarten, huschte sie davon; ein Schaffner führte sie zu dem Geleis, auf dem der Kurierzug stand. In einem schon geschlossenen Wagen erster Klasse gewahrte sie den Bruder. »Tas! Lieber Tas!« Sie riß die Kupeetür auf und sprang in den Wagen.

Ehe Tassilo ein Wort fand, hing sie schon an seinem Hals unter Küssen und sprudelnden Glückwünschen. Und sie gab den Bruder nur frei, um diese stürmische Zärtlichkeit bei Anna zu wiederholen.

»Kind! Kind!« stammelte Tassilo. »Was hast du da für einen Streich gemacht!«

Kitty fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Streich? Na also, in Gotts Namen! Aber du, Anna? Nicht wahr? Du freust dich mit mir?«

Die junge Frau umschlang das Mädchen. »Im stillen hab' ich es gehofft. Nun hast du es wahr gemacht. Ich danke dir!«

Tassilo, dem ein froher Strahl aus den Augen glänzte, nahm das Köpfchen der Schwester zwischen die Hände.»Kleiner Spatz, du bist ein lieber, lieber Kerl! Aber das hättest du nicht tun sollen! Ich kann mir doch unmöglich denken, daß Papa –«

»Ob er weiß? Natürlich nicht! Sonst säß' ich hinter Schloß und Riege. Aber mach' dir keine Sorge! Mit Papa komm ich schon wieder auf gleich.«

»Mit wem bist du denn gereist? Doch nicht allein?«

»Gott bewahre! Tante Gundi war natürlich einverstanden. Sie hat mir die Beschließerin mitgegeben.«

»Wo ist sie?«

Mit gut gespieltem Erstaunen guckte Kitty zur Kupeetür hinaus. »Weiß der Himmel, wo sie herumwimmelt! Ich bin natürlich wie ein Windhund vorausgerannt, und die Alte hat langsame Beine.« Um über das bedenkliche Thema wegzukommen, war sie sich wieder an Annas Hals. »Wie schön du bist! Ich kann mich nicht satt sehen an dir! Und wie ich mich freue an eurem Glück! Das ist ein Tag für mich –« Wie in seliger Trunkenheit preßte sie die Hände auf die Brust. »In mir ist alles aus den Fugen gegangen! Das ist so schön, so groß – es hat nimmer Platz in mir! Ich möchte schreien, grad' hinausschreien!« Da fühlte sie die Perlen unter ihren Fingern. »Allmächtiger! Jetzt hätt ich fast vergessen –« Mit zitternden Händen löste sie die Schnur. »Nimm, Anna! Das hab' ich dir mitgebracht. Mein Bestes! Diese Perlen hat meine Mutter getragen. Nimm, Anna! Das gibt dir meine Mutter. Das wird dir Glück bringen. Dir und meinem Tas!«

Das wurde die Kupeetür zugeschlagen. »Fertig!« rief eine laute Stimme, und ein gellender Pfiff durchschrillte die Halle. Erschrocken öffnete Tassilo die Tür wieder. »Schnell! Nur schnell!« Er sprang auf den Perron, hob die Schwester aus dem Wagen und küßte sie. Zwei Kondukteure kamen gelaufen, Leute drängten sich herbei, Köpfe tauchten aus den Wagenfenstern. Tassilo hielt mit der einen Hand die Griffstange des langsam in Gang kommenden Wagens umklammert, mit der anderen hielt er die Schwester fest. »Wo ist Rosa?« Er meinte die Beschließerin. »Wo ist Rosa? Ich lasse dich nicht allein.«

»Aber Tas! Um Gottes willen!« stotterte Kitty. »Dort ist sie ja!«

»Wo?«

»Dort! Dort!« Sie deutete nach irgendeiner Richtung.

Die Kondukteure schimpften; der eine wollte die Wagentür schließen, der andere Tassilos Hand von der Stange lösen. Hinter den Leuten tauchte die rote Mütze eines Bahnbeamten auf, während Forbeck mit stoßenden Ellbogen die dichte Menschengruppe zu durchbrechen suchte.

»Aber Tas! Tas!« jammerte Kitty. »Steige doch ein! Deine Frau ist im Wagen –«

Anna war in der Tür erschienen und griff mit beiden Händen nach Tassilos Arm.

»Zurück, Anna! Du fällst!« stammelte Tassilo, und um die junge Frau vor dem drohenden Sturz zu bewahren, gab er die Hand der Schwester frei und schwang sich auf das Trittbrett. Die Kondukteure drängten ihn in das Kupee, der eine schlug, am rollenden Wagen hängend, die Tür zu, und der andere schloß die Messingklappe.

Kitty sah dem rascher und rascher gleitenden Zuge nach. »Da reisen sie jetzt! Mit ihnen das Glück. Weil sie den Mut hatten, ihr Glück zu erkämpfen.«

»Mut?« sagte Forbeck mit bebender Stimme. »Wenn das Herz nach Glück verlangt, ist der Mut eine billige Sache. Wer Mut zeigen und ein Glück erkämpfen will, braucht noch ein besseres Recht als nur das Recht der Sehnsucht. Ihr Bruder hatte dieses Recht. Er nahm, indem er gab, und opferte, um zu gewinnen.«

In Erregung schüttelte sie das Köpfchen. »Das ist mir zu hoch, das versteh' ich nicht.« Sie sah die brennende Röte, die ihm über Stirn und Wangen schlug, und wurde verlegen. »Ich habe Sie doch nicht verletzt? Was ich sagte, war kein Vorwurf für Sie – eher für mich!« Die Augen senkend, zog sie den Schwanenpelz enger um die Schultern und begann am Geleise entlang zu gehen. Wortlos ging Forbeck neben ihr her. Da sagte sie leis: »Bitte! Erklären Sie mir, was Sie gemeint haben.«

»Denken Sie: Ihr Bruder wäre nicht gewesen, was er ist, der Träger eines adligen Namens, reich, unabhängig, ein Mann, der seine Zukunft in festen Händen hält – sondern ein junger Mensch ohne Namen, ohne Vermögen, ohne Familie, mit der Heimat auf der Straße. Und denken Sie: Eine grausame Laune des Schicksals hätte es gewollt, daß er sein Herz an ein Mädchen verlor, von dem alles ihn schied, was in der Meinung der Welt als Schranke gilt. Glauben Sie, Ihr Bruder hätte auch dann den Mut gehabt, sein Glück zu erzwingen?«

»Gewiß! Dann erst recht!«

»Nein, Komtesse! Und sicher nicht, wenn seine Neigung von jener Art gewesen wäre, die jede Lebensfaser bewegt wie eine rein klingende Saite und den ganzen Menschen erhebt, auch wenn sie jede Hoffnung ihn ihm zerdrückt. Wie hätte er das lachende Spiel mißbrauchen dürfen, mit dem sich Jugend zu Jugend findet? Und wenn ein Schimmer von Neigung im Herzen jenes Mädchens für ihn erwachte? Hätte er diesen Funken mit einem Sturmhauch der Leidenschaft zum Feuer anfachen sollen, das auflodert, um wieder zu erlöschen, wenn die Ernüchterung kommt? Hätte er versuchen sollen, im ersten Rausch die Geliebte an sich zu reißen? Hätte er sie bereden sollen, ihm Namen und Rang zu opfern, die sorglose Behaglichkeit im Elternhaus und die Liebe des Vaters, der einer solchen Verbindung seine Zusage nie erteilt hätte? Und was hätte er zum Tausch für dieses Opfer bieten können? Den seligen Taumel einer kurzen Zeit. Und hinter den rosigen Wochen eine Reihe von Jahren, voll von jenem bitteren Kampf, der die beginnende Laufbahn jedes ernsthaft strebenden Künstlers erfüllt! Es führt nicht jeder Kampf zum Siege. Wenn ihm vor der Zeit die Kraft versagte? Wenn in diesem aufreibenden Kampf sein Talent in Stücke fiele? Wenn das einzige unterginge, was er der Geliebten als Dank für alle Opfer gern geboten hätte: den Stolz auf das Können ihres Mannes, den Glauben an ihn, die Hoffnung auf eine Zukunft in Ruhm und Ehre? Was dann? Über die Geliebte die Möglichkeit eines solchen Glückes heraufzubeschwören – nein, Komtesse, das ist nicht ›Mut der Liebe‹, das wäre der Mut eines Diebes!«

Die Wangen in heißer Glut, jeden Zug gespannt in lauschender Erregung, war Kitty neben Forbeck hergegangen. Nun hob sie den Blick. »Ja, Herr Forbeck! Jetzt versteh' ich! Alles!« Ihre Stimme schwankte. »Aber dann? Das ist doch kein Ende? Ich will wissen, was mit ihm geschieht?«

»Sein Leben wird hart sein, nicht häßlich.« Er vermied ihre Augen. »Liebe ist ein Glück, auch wenn sie einsam bleibt. Er hat den Trost seiner Arbeit, seiner Kunst. Vielleicht erfüllt sie ihm doch eine Hoffnung seines Lebens und trägt ihn auf stolze Höhe, so daß er nach Jahren von sich sagen kann: Ich habe den Kampf nicht gescheut, in dem nur ich allein verlieren konnte, ich hatte den Mut auch für den steilsten Weg, und in diesen Jahren der Wandlung ist in mir nur eines sich gleichgeblieben.«

Kitty nickte. »So wird es kommen. Mit ihm! Das weiß ich. Aber was soll mir ihr geschehen? Das ist doch verzeihliche Neugier? Nicht? Also! Sie haben doch selbst den Fall gesetzt, daß sie ihm gut war – wenn Sie auch vermuten, daß es nur so ein kleines, winziges Feuerchen wäre?«

»Die Zeit wird es löschen. Sie wird vergessen.«

»Vergessen? So? Das wäre allerdings bequem! Da hätte die Geschichte freilich ein Ende!«

Die Bahnuhr schlug die halbe Stunde, und tönend schwammen die beiden Klänge durch die weite Halle.

Erschrocken sah Forbeck auf. »Verzeihen Sie, Komtesse, ich habe vergessen – Sie schickten mich doch, um nach dem Fahrplan zu sehen. Wir müssen eilen, wenn Sie noch zurechtkommen wollen. Da drüben, ganz am Ende der Halle, steht Ihr Zug, er geht in wenigen Minuten.«

»Ich weiß. Zwei Uhr achtunddreißig!« sagte Kitty und beschleunigte ihren Gang.

»Sie wissen?«

»Natürlich! Es war doch nur ein Vorwand, als ich Sie wegschickte. Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel. Aber Tas, und wir beide zusammen, das hätte doch Veranlassung gegeben zu allerlei unbequemen Fragen. Und da wäre doch jetzt nicht die Zeit gewesen, um das aufzuklären. Nicht wahr?« Sie blieb stehen und bot ihm die Hand. »So! Jetzt ist alles klar zwischen uns. Jetzt flink, oder ich versäume den Zug!«

Rasch durcheilten sie die Breite der Halle. Das zweite Zeichen war schon gegeben, als sie den Zug erreichten. Der Schaffner, mit welchem Kitty vor einer Stunde in München angekommen war, begleitete auch den Zug, mit dem sie die Rückreise antrat; er erkannte sie und lief, um einen Wagen erster Klasse zu öffnen.

Forbeck war in nervöser Erregung. »Es wird Nacht, bis Sie in Hubertus ankommen, und es macht mir Sorge, daß Sie allein reisen.«

Sie lächelte, halb erfreut, halb verlegen. »Ich muß allein reisen, gerade jetzt. Und was sollte mir zustoßen? Fünf Stunden sitz' ich ruhig im Kupee, dann nehm' ich mir einen Einspänner und kutschiere gemütlich nach Hause.«

Forbeck schien nicht beruhigt. »Wenn Sie gestatten wollten, daß ich in einem anderen Kupee –«

»Ach, Unsinn! Das am allerwenigsten! Das wäre noch unbehaglicher. Aber ich danke Ihnen!« Sie wollte ihm die Hand reichen.

Der Schaffner mahnte: »Höchste Zeit, gnädiges Fräulein!«

Kitty sprang so flink in den Wagen, daß die jähe Trennung fast den Anschein einer Flucht gewann. Forbeck benützte diesen Moment, um dem Kondukteur ein Goldstück in die Hand zu drücken: »Bitte, nehmen Sie sich der jungen Dame an und sorgen Sie dafür, daß sie niemand stört!«

Der Schaffner machte eine tiefe Reverenz und schloß mit auserlesener Vorsicht die Wagentür.

In der einen Hand den Hut, mit der andern an der Uhrkette nestelnd, sagte Forbeck tonlos: »Darf ich bitten, Fräulein von Kleesberg zu grüßen und ihr zu sagen, daß ich die viele Freundlichkeit, die sie mir erwiesen, nie vergessen werde!«

»Ja, Herr Forbeck, das sag' ich ihr! Und das wird ihr Freude machen. Tante Gundi hat Sie sehr liebgewonnen, sehr! Für Ihren Gruß wird sie sich persönlich bei Ihnen bedanken, sobald wir nach München kommen, in drei bis vier Wochen.« Kitty verschwand, erschien aber gleich wieder am Fenster mit dem Jammerschrei: »Um Gottes willen! Wo ist denn mein Koffer?« Als sie das fassungslose Entsetzen gewahrte, von welchem Forbeck befallen wurde, fing sie herzlich zu lachen an: »Na also, da haben Sie jetzt ein bißchen Arbeit! Das wird Sie wohltuend zerstreuen!«

Der Pfiff der Lokomotive und ein rasselnd durch die Wagenreihe zuckender Stoß unterbrachen ihre Worte. In jäher Bestürzung streckte sie die Hand aus dem Fenster. »Herr Forbeck!« Das klang wie verzehrende Angst. »Auf Wiedersehen!«

Er brachte kein Wort heraus, als er hastig ihre Hand erfaßte; Kittys Finger klammerten sich um die seinen, und während er neben dem rollenden Wagen herlief, hing sein dürstender Blick an ihrem verstörten Gesicht.

Der Wagen bekam es eilig, die beiden Hände mußten sich lassen.

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