Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Ganghofer >

Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
Schließen

Navigation:

3

Die Nachricht, daß Graf Egge den Hornegger-Franzl davongejagt hätte, machte im Dorf die Runde von Haus zu Haus – Schipper hatte dafür gesorgt, daß die Sache nicht verschwiegen blieb. Und weil man über die Ursache was Näheres nicht erfahren konnte, zerbrach man sich den Kopf mit der Frage, durch welches Verschulden Franzl die harte Strafe über sich heraufbeschworen hätte. Zu gleicher Zeit verbreitete sich auch die Nachricht, daß ein reicher Bauernsohn aus einem über der Grenze liegenden Dorf, der Mühltaler-Sepp von Bernbichl, spurlos verschwunden wäre. Und da brachte man diese beiden Ereignisse miteinander in mysteriösen Zusammenhang. Man wußte, daß der Sepp »gegangen« war. Und schließlich trug es eine Nachbarin der anderen über den Zaun: der Hornegger-Franzl wäre mit dem Mühltaler-Sepp im Einverständnis gewesen, Graf Egge wäre hinter die Geschichte gekommen, und so hätte Franzl sein Bündel schnüren müssen, und der Mühltaler-Sepp wäre entweder verduftet, oder – bei diesem »oder« verstummte man und schielte gegen die Berge hinauf.

Das dunkle Gerede gewann noch an Nahrung, als am Vormittag des 1. September ein alter weißhaariger Bauer im Dorf erschien und sich mit auffälliger Scheu nach dem Haus des Hornegger-Franzl erkundigte.

Die kummervollen Augen zu Boden gesenkt, wanderte der Alte über die Wiesen. Am Jägerhaus fand er die Tür geschlossen. Erst nach längerem Klopfen öffnete ihm die Horneggerin. Sie hatte verweinte Augen und musterte mißtrauisch den Bauer, den sie nicht kannte. Auch der Alte sah scheu zu ihr auf. »Ich hätt a bißl ebbes z'reden mit dem Herrn Jager. Is er daheim?«

»Na!« erwiderte die Horneggerin erregt. »Was wollts denn von ihm?«

Forschend sag der Alte in das Gesicht des Weibes, als möchte er die Wirkung seines Namens beobachten. »Ich bin der Mühltaler aus Bernbichl.«

»So?«

»Haben S' mein' Nam noch nie net ghört?«

»Na!«

»Und Ihr Sohn hat nie net gredt mit Ihnen vom meinigen?«

»Na! Nie net! Und mein Bub is net daheim. Pfüet Ihnen Gott!«

Die Horneggerin wollte die Tür schließen, doch der Alte setzte den Fuß über die Schwelle. »Frau! Lassen S' reden mit Ihnen. Schauen S' mich an in meiner Kümmernis!« Tränen kugelten ihm über die furchigen Backen.

»Mar' und Josef, Mensch, was haben S' denn?« fragte die Horneggerin erschrocken und zog den Alten in den Flur. Kopfschüttelnd verschloß sie die Haustür, warf einen Sorgenblick über die Treppe hinauf und ging dem Mühltaler voran in die Stube.

Hier saßen sie fast eine Stunde lang. Und als der Bauer das Haus verließ, begleitete ihn die Horneggerin bis zum Zaun. Ihre Hände zitterten, ihr Gesicht war weiß. Der Mühltaler sah sie an und seufzte. »Jetzt hab ich Ihnen Verdruß gmacht, gelt? Aber wie mir zutragen worden is, was d' Leut im Seedorf reden, hab ich mir halt denkt: Machst den Weg, vielleicht hörst ebbes über dein' Buben. Müssen S' mir net harb sein!«

Die Horneggerin schüttelte den Kopf. »Ihnen kann ich nix verübeln. Aber d' Leut! Zwanzg Jahr lang haben s' mit angsehen, wie mein Franzl is. Und jetzt, jetzt springen s' auf ihm rum mit die gnagelten Schuh und trauen ihm die Schlechtigkeit zu, er könnt Kameradschaft halten mit –« Sie verstummte.

Der Mühltaler ließ den Kopf sinken. »Halten S' Ihnen net zruck! Ich kann' net leugnen, mein Bub is keiner von die Brävern gwesen. Allweil hab ich schelten müssen. Aber gern ghabt hab ich ihn doch. Is mein einziger gwesen! So ebbes is hart, Frau Förstnerin! Aber nix für ungut! Such ich halt weiter!«

Als die Horneggerin in das Haus zurückkehrte, klang es über die Treppe herunter: »Mutter?« Auf der obersten Stufe stand Franzl, in Hemdärmeln und ohne Schuhe. »Wer war denn da?«

»Einer von die Nachbarsleut.«

»Hat er ebbes gredt? Von mir?«

»Net an einzigs Wörtl. Hab doch a bißl Verstand! D' Leut schauen die Sach net so gfahrlich an wie du! Und kommt der Brief vom Grafen Tassilo, so is doch eh wieder alles in Ordnung.«

Die Horneggerin ging in die Küche, um für Mittag zu kochen. Aber es ließ ihr bei der Arbeit keine Ruhe, sie mußte hinauf zu ihrem Buben.

Eine kleine, weiß getünchte Stube; die Dielen gescheuert und mit einem Leinwandläufer belegt; ein Kruzifix, ein paar Heiligenbilder, vier Farbendrucke, welche Jagdszenen darstellten, ein Zapfenbrett mit der Ausrüstung des Jägers und ein Dutzend Geweihe. Am Fenster stand ein Werktisch mit einem Schraubstock, vor welchem Franzl saß; er feilte an einem Gewehrhahn, um ihn der zu Schaden gekommenen Büchse anzupassen, und war anzusehen wie nach schwerer Krankheit, die Wangen eingefallen, die Augen von bläulichen Ringen umzogen. Seufzend öffnete er den Schraubstock und drückte den Hahn über den Zapfen der Büchse. »Jetzt paßt er! 's Büchsl wär wieder in Ordnung! Aber ich?«

Die Mutter zog seinen Kopf an ihre Brust, streichelte ihm das Haar und kramte allen Trost wieder aus, den sie ihm schon zu dutzend Malen vorgeredet hatte.

Er hörte sie schweigend an und nickte ein paarmal vor sich hin.

Vorsichtig begann die Horneggerin von Bernbichl zu reden, von einem Bauernsohn. »Mühltaler heißt er. Kennst ihn vielleicht?« Als Franzl gleichgültig den Kopf schüttelte, atmete sie erleichtert auf, war aber noch immer nicht ganz beruhigt. »Bub? Sag mir's ehrlich: hast mir nix verschwiegen?«

»Ich? Verschwiegen?« stotterte Franzl, während es ihm heiß über die hageren Wangen fuhr.

Die alte Frau erschrak. »Schau, Bub, ich kenn dich doch! Der Pfarr liest net besser im Meßbuch als ich in deine Augen. Ich merk dir's an: es druckt dich noch ebbes.«

Ein dumpfes Pochen. Die Horneggerin hörte es nicht. »So red doch, Bub, ich vergeh ja vor lauter Sorg!«

Es pochte wieder, und Franzl erhob sich. »An der Haustür klopft einer.«

»Ich geh net, eh mir net gsagt hast –«

»No ja, wenn's dich beruhigen kann! Heut am Abend verzähl ich dir alles. Täuscht hab ich mich halt – in einer, auf die ich gschworen hätt!«

»O du grundgütiger Heiland!« jammerte die Horneggerin. »Zu allem Unglück noch a Binkel traurige Liebsgschichten! Dös is uns grad noch abgangen!« Drunten an der Haustür wurde wo geklopft. »Ja, ja, ich komm schon! Dem pressiert's aber!« Sie strich mit der Schürze über die Augen und verließ die Stube.

Als sie die Haustür öffnete und Pattscheider vor ihr stand, war sie noch zu sehr mit ihrem Buben beschäftigt, um die flackernde Unruhe zu gewahren, die in den Augen des Jägers brannte. »Grüß Gott!« sagte sie und ging ihm voran in die Stube.

Pattscheider legte das Gewehr auf die Wandbank. »Was macht er denn?«

Die Horneggerin schüttete ihr bekümmertes Herz aus. Der Jäger saß mit bleichem Gesicht, und als die Försterin auf das üble Leutgerede zu sprechen kam, ballten sich Pattscheiders Hände zu zitternden Fäusten. »Hab schon ghört davon,« sagte er heiser, »und grad hat im Wirtshaus einer von die Schiffknecht a Wörtl fallen lassen. Den hab ich hindruckt an d' Wand. Der wird 's Maul halten jetzt! Aber weil wir schon reden davon – d' Leut sagen, daß der alte Mühltaler grad bei enk da gwesen is?«

Die Försterin nickte.

Im Gesicht des Jägers verschärfte sich jeder Zug. »Was hat er denn wollen?«

»Sein' Buben sucht er. Und völlig erbarmt hat er mich! Grad auf deim Platz, da is er gsessen.«

Der Jäger rückte rasch auf die Seite und guckte das Brett mit scheuen Augen an.

»Es is sein einziger gwesen. So ebbes is hart, Pattscheider!«

»Ja, Försterin, hart!« Schweißtropfen standen auf der Stirn des Jägers. »Meint der Bauer, man hätt ihm sein' Buben erschossen? Ghört hab ich nix, daß bei uns in der Gegend a Malör passiert wär. Aber gwildert hat er – wie d' Leut sagen. Freilich, der Vater!« Pattscheiders Stimme schwankte. »Da muß man sich halt in d' Haut vom Jager einidenken! Kann sein, er hat Weib und Kind. Und da muß er halt sagen: der ander oder ich. Dös hat keine von unsere Weiber gern, wenn man ihr den Mann auf'm Schragen in d' Stuben bringt – weil der ander der Gschwinder war!«

Seufzend drückte die Horneggerin die zitternden Hände an die Schläfen und sah die Tür an, durch die man ihr vor Jahren den Mann hereingetragen hatte mit der Kugel des Wildschützen im Herzen.

»Und hat der Jager 's Glück, daß er davonkommt – da is er net z'neiden! Hundertmal in der Nacht kann er sich sagen: Dienst und Pflicht! Ja freilich! Es frißt ihm halt doch an der Seel und druckt ihn am Hals, daß ihm der Schnaufer schier vergeht!« Pattscheider sprang auf. »Lassen wir's gut sein! Reden wir lieber vom Franzl! Er soll sich kein' Kummer net machen, weil er fortkommt von uns! Mit'm Grafen is net gut hausen. Ich mit mei'm Haufen Kinder, ich bin anbunden und muß mir alles gfallen lassen. Aber der Franzl hat ledige Füß. Einer wie der Franzl macht überall sein' Weg. Der Herr Graf wird schon merken, was er verliert an ihm. Es reut ihn heut schon, daß er so hitzig war. An Hamur hat er die ganzen Tag her, schauderhaft! Die jungen Herrn Grafen haben schlechte Zeiten in der Hütten droben. Und der Schipper! Der Herr Schipper! Der kann ihm gleich gar nix mehr recht machen! Den ganzen Tag schimpft der Herr Graf –« Pattscheider verstummte und sah nach der Tür.

Der Postbote trat in die Stube. »An eingschriebnen Brief hätt ich, Frau Horneggerin!«

Der Försterin fuhr die Aufregung in alle Glieder. Und Pattscheider rannte in den Flur und schrie über die Treppe hinauf: »Franzl! Franzl! Gschwind, komm! Der Brief is da!« Als Franzl auf der Treppe erschien, sprang ihm der Jäger über die Hälfte der Stufen entgegen. Der Brief is da! Der Brief is da!«

»Grüß Gott, Pattscheider! Und Vergelts Gott, daß d' soviel Anteil nimmst!«

In der Stube kam ihnen die Horneggerin mit dem Brief entgegen. Während ihn Franzl mit zitternden Händen öffnete und zu lesen begann, hingen die beiden gespannt an seinem Gesicht.

Franzls hagere Wangen waren heiß, als er der Mutter den Brief reichte. »Da, lies! A guter Herr, der Graf Tassilo! So ein' gibt's bald nimmer.«

Mit beiden Händen griff die Horneggerin zu, und Pattscheider fragte erregt: »Hat er an Platz für dich?«

Franzl nickte.

»An guten?«

»Es wär kein schlechter.«

»Gott sei Dank!«

»Aber die Sach hat an Hakten!«

Die Horneggerin brach vor Freude in Tränen aus. »So a Glück! Was sagst, Pattscheider! Den besten Posten hat er! Zweihundert Mark mehr im Jahr! Und bleiben können wir und müssen d' Heimat net aufgeben und 's Haus net verkaufen. Alles bleibt, wie's war. Bloß a paar Stündl hat der Franzl weiter ins Revier.«

Pattscheider stutzte. »Was? Kommt er zu dem reichen Fabrikherrn, der mit seiner Jagd an die unser grenzt?«

»Ja! An andern Herrn kriegt er halt, sonst bleibt alles beim alten.«

»So, Mutter? Alles?« Franzls Stimme war rauh. »Hast net gsehen, wie der Pattscheider erschrocken is? Es wird ihm halt eingfallen sein, wie der Herr Graf auf den Jagdherrn z'sprechen is, der ihm die schöne Grenzjagd vor der Nasen wegpacht hat. Die ganze Zeit her war der Verdruß an der Grenz, allweil hat's Streit geben zwischen unserm Personal und dem von drüben. Und jetzt soll ich mit denen da drüben Freund und Bruder sein? Und gegen meine alten Kameraden und gegen unseren Herrn Grafen soll ich mich auf d' Füß stellen? Na, Mutter! Den Posten kann ich net annehmen. Lieber 's Haus verkaufen und fort! In Gotts Namen!«

Pattscheider riß Mund und Augen auf, während die Horneggerin wie eine Salzsäule stand. Erst nach einer Weile fand sie die Sprache und stotterte: »Jesus, Jesus, was wird der Graf Tassilo sagen! Jetzt hat er sich bemüht. Und du –«

»Der junge Graf hat sich nie um unsere Jagdgeschichten kümmert. Wann ich ihm alles erzählen tät, müßt er selber sagen: ›Na, Franzl, dös geht net!‹ – Wann ich den Posten annimm, dös müßt ja rein ausschauen, als ob ich uns unserem Herrn Grafen im Zorn an Possen spielen möcht!«

»Aaah, du Narr, du Narr!« platzte Pattscheider los. »Ich glaub, der Graf hat sich bei dir kei Rücksicht net verdient!« Er ging auf Franzl zu und rüttelte ihn an der Schulter. »Greif zu, Franzl! Überall is's besser als bei uns!« Seine Lippen verzerrten sich. »Sei froh, daß dein' Laufpaß hast! Wer weiß, was er dir erspart hat mit dem Fußtritt, den er dir geben hat!« Ein heiseres Lachen. »Lieber davongjagt als aufbessert im Ghalt! Unserem Grafen seine Gnaden sind hart zum tragen. Greif zu, sag ich dir! Greif zu!«

Franzl schien nicht zu hören. Sein Gesicht hatte sich verfärbt, als er den Bauern sah, der draußen vor dem Fenster vorüberschritt.

Es war der Bruckner, der von einer Holzarbeit kam, denn er trug die Axt über die Schultern. Und als hätte er gefühlt, daß unter dem Dach des Jägerhauses zwei brennende Augen auf ihn gerichtet waren, streifte er mit scheuem Blick die Fenster und beschleunigte den Schritt. Als ihm das Haus hinter den dichten Büschen des Weges verschwand, atmete er auf. Die Lippe zerbeißend, ging er an den Höfen und Menschen vorüber. Zu Hause angelangt, warf er die Axt in einen Winkel des Flurs und wollte in die Stube treten, aus der die Stimmen seiner spielenden Kinder klangen.

Da rief es in der Küche: »Lenzi!«

Er furchte die Stirn, und langsam trat er unter die Tür.

Mit einer dampfenden Pfanne stand Mali vor dem Herd, dessen Flackerfeuer ihr abgehärmtes Gesicht mit grellem Schein übergoß.

»Was willst?«

Mali stellte die Pfanne über den Dreifuß und drückte hinter dem Bruder die Tür zu. »Seit unser Stadtherr fort is, treibt's dich jeden Abend ins Wirtshaus ummi. Da mußt doch lang schon ebbes ghört haben davon, was d' Leut übern Franzl reden?«

Bruckner schwieg.

»Da hättst mir schon aus Fürsicht a Wörtl sagen sollen! Jetzt hab ich's von der Nachbarin hören müssen. Dagstanden bin ich, daß mich dös Weib nur allweil so angschaut hat. Was ich hören hab müssen, is mehr, als ich verbeißen kann. Wann keiner net eintritt für den unschuldigen Menschen, so weiß vielleicht ich den richtigen Weg.«

»Aber Mali!« stammelte der Bauer. »Bist denn verruckt?«

»Meinst vielleicht, ich kann mir net denken, wer dös gottvergessene Gred in Umlauf bringt? Und wer beim Grafen allweil ghetzt hat, bis er im Zorn nimmer gwußt hat, was er tut? Natürlich! Und kann's begreifen, daß der ander kein ruhigs Stündl nimmer gfunden hat, bis der Franzl net draußen war. Viel Gwissen hat er net, der ander! Aber a bißl ebbes muß sich doch rühren in ihm. Da kann ich mir denken, was er für Zeiten ghabt hat die ganzen Jahr her: Tag für Tag mit'm Franzl bei der Schüssel sitzen müssen, neben ihm liegen in jeder Nacht, allweil dös Gsicht vor Augen haben, dös er am liebsten vergessen möcht!«

Mali verstummte und sah den Bruder an, der mit schlaff hängenden Armen an der Mauer lehnte und ins Feuer starrte.

Schwer atmend wandte das Mädel sich ab. »Den andern hab ich gmeint. Und dich hab ich troffen. Ich sieh's ja ein: Mein Glück muß an End haben, noch eh's an Anfang ghabt hat. Was liegt an mir! Aber er, Lenzi! Den unschuldigen Menschen därf man doch net z' Grund gehn lassen unterm Schipper seine Händ! Dös mußt dir doch selber sagen: daß da was gschehen muß! Unser Herrgott wird wohl so viel Verstand haben, daß er mir an Rat schickt!« Sie fuhr sich mit den Fäusten über die Augen, trat zum Herd und faßte den Stiel der Pfanne, aus der mit dickem Dampf ein verdächtiger Brandgeruch herausquoll. »Jetzt geh in d' Stuben eini zu die Kinder! Ich bring dir 's Essen.«

Langsam richtete der Bauer sich auf und sagte mit erloschener Stimme: »Mir is der Appetit vergangen.« Er griff nach der Türklinke. »Wann dir ebbes einfallt, was dem Franzl helfen kann – ich leg dir kein Hindernis in Weg. Soll's ausfallen, wie's mag! Mehr als z' Grund gehn kann ich net. Hätt ich gschwiegen und alles laufen lasse! Es wär besser gwesen. Dir hab ich 's Leben verpatzt, und in mir is, seit ich gredt hab, der Teufel wieder lebendig, der mein guts Weib selig durch soviel Jahr fest anbunden hat mit eiserne Strick! Ich spür's, jetzt frißt er mich auf mit Haut und Haar!«

Schweren Schrittes ging Bruckner aus der Küche; vor der Stubentür strich er mit dem Ärmel über das Gesicht, als möchte er von seiner Stirn löschen, was die Augen seiner Kinde nicht sehen sollten. Als er eintrat, sprangen ihm sein Bub und sein kleines Mädel jubelnd entgegen, während das Netterl, das im Schlitzhemdl auf der Erde saß, lallend die Ärmchen nach ihm streckte.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.