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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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11

Seit zwei Tagen hatte Forbeck von der ersten Helle des Morgens bis zum Einbruch der Dämmerung mit glühendem Eifer gearbeitet. Am dritten Abend war der Entwurf des großen, figurenreichen Bildes in Zeichnung und Farbe schon so weit gediehen, daß Tassilo, als er für ein paar Worte bei dem Freunde vorsprach, das Werk dieser beiden Tage mit Staunen betrachtete: »Ich hätte dieser Leinwand gegenüber auf drei Wochen fleißiger Arbeit geraten. Wie das schon redet!«

»Daran hat mein Fleiß keinen Anteil,« sagte Forbeck, während in seinen Augen doch die Freude glänzte. »Ich hab's gesehen, und das arbeitet nun in mir und springt heraus. Ich komme mir dabei vor wie eine willenlose Maschine. Meine Hand bewegt sich und findet die Linien und Farben, oft weiß ich selber nicht wie!«

Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter. »Echte Kunst hat noch keiner ›gemacht‹. Sie erschafft sich selbst. Aber man sieht es Ihnen an: die Maschine ist warm gelaufen. Ich habe noch eine Stunde Zeit, wir wollen bummeln.«

Als sei ein paar Minuten später über die steile Treppe hinunterstiegen, hörten sie aus der Stube die Stimme Malis, die mit den Kindern spielte:

»Müller Müller Sacki,
Is der Müller net im Haus?
Schloß vor, Riegel vor,
Werfen wir 's Sackerl hinters Tor!«

Zwei Kinderkehlen jauchzten in Freude, und dazwischen klang das Lallen eines dünnen Stimmchens.

Als es dunkler Abend geworden war, trennten sich Tassilo und Forbeck vor dem Seehof.

»Also morgen!« sagte Tassilo. »Und Ihrem Bild zuliebe hoff' ich, daß meine Schwester eine feste Portion Geduld zur Sitzung mitbringen wird. Sie war heute ein wenig ärgerlich.«

»Doch nicht über mich?«

Tassilo lachte. »Ja. Und ich weiß gar nicht, wieso der lustige Spatz plötzlich so zeremoniös geworden ist. Kitty hat es Ihnen übelgenommen, daß Sie nach dem Diner zwei Tage vergehen ließen, ohne Ihre Karte abzugeben.«

»Aber ich muß doch arbeiten über Hals und Kopf, um den Entwurf so weit zu bringen, daß die Sitzung für mein Bild von Nutzen sein kann.«

»Arbeit geht allem vor. Ich habe Sie selbstverständlich mit Wärme verteidigt, und Fräulein Kleesberg hat mir dabei geholfen. Sie haben an Tante Gundi eine Eroberung gemacht. Nützen Sie das nur gehörig aus, denn die Zahl der Sitzungen hängt weder von Ihrem künstlerischen Bedürfnis noch von der wechselnden Laune meiner Schwester ab, sondern von der Protektion, die Fräulein von Kleesberg Ihrem Werke angedeihen läßt. Aber da kommt mein Boot. Also morgen auf Wiedersehen!«

Tassilo ging zum Ufer, und Forbeck stieg auf die Terrasse des Gasthofes, um sich seitwärts von den besetzten Tischen ein einsames Plätzchen zu suchen. Der Gedanke an Kittys Ungnade verließ ihn nicht mehr; er trug ihn mit nach Hause und nahm ihn hinüber in die wirren Träume seines nach aller Arbeit müden Schlafes.

Am anderen Morgen gegen neun Uhr kam der alte Moser in das Brucknerhaus. Tante Gundi hatte ihn geschickt, um die »Malersachen« zu holen. Forbeck übergab ihm die Stafelei und den Farbenkasten; die Leinwand trug er selbst, um die noch feuchten Farben vor Schaden zu bewahren. Auf dem Wege nach Schloß Hubertus schwatzte Moser unermüdlich und erzählte auf von der glücklichen Treibjagd, die Graf Egge am verwichenen Tage abgehalten; drei gute Gamsböcke und zwei Hirsche hätte man von der Hütte heruntergebracht. »Dös is net schlecht für den ersten Tag. Aber hätt er mich droben ghabt, so hätt er noch mehr gschossen.« Weitschweifig berichtete der Alte von den unglaublichen Jagderfolgen, die sein Herr ihm zu verdanken hätte.

Als sie das Schloß erreichten, stand Kitty am Teich und fütterte die Forellen; sie war gekleidet wie an jenem Nachmittag, an dem das Gewitter sie überrascht hatte. Lächelnd warf sie, als Forbeck näher kam, den Rest des Brotes in Wasser und klopfte die Brosamen von den Handschuhen. Forbeck lehnte achtsam die Leinwand an einen Baum und trat auf Kitty zu, das weiße Hütchen in der Hand. Er grüßte befangen. »Ich habe die Tage her gearbeitet, um mit dem Entwurf meines Bildes vorwärtszukommen. Verzeihen Sie mir, wenn ich eine Unhöflichkeit begangen habe.«

Sie verstand nicht gleich; dann wurde sie rot und lachte: »Ach so? Tas hat wohl ausgeplaudert, daß ich mich über Sie geärgert habe? Stimmt! Aber sehen Sie mich nur nicht so erschrocken an! Eigentlich hab' ich das vor Tas nur gesagt, weil ich mir dachte, er würde Ihnen bei Gelegenheit einen freundschaftlichen Wink geben. Ich nehme solche Dinge nicht sehr genau, aber wissen Sie –« Dabei nahm sie eine ernste Gönnermiene an. »Ich sage das um Ihretwillen. Tante Gundi ist ungemein peinlich in allem, was Form heißt. Und wenn Sie oft und lange hier malen wollen, müssen wir sie bei guter Laune erhalten. Nicht wahr, das begreifen Sie doch?«

»Aber natürlich!« stammelte Forbeck, erleichtert aufatmend; und als er im gleichen Augenblick Fräulein von Kleesberg auf der Veranda erscheinen sah, eilte er ihr entgegen und küßte ihre runde, rote Hand mit feierlicher Huldigung.

Tante Gundi schien verwirrt und glücklich; dabei war sie auch neugierig; durch Tassilo hatte sie bereits von den erstaunlichen Fortschritten des Bildes gehört. Forbeck holte die Leinwand und stellte sie auf den Stufen der Veranda in gutes Licht. Fräulein von Kleesberg brach in laute Bewunderung aus, und Kitty stand schweigend, die großen Augen bald auf das Bild, bald auf den jungen Künstler gerichtet. Um ihre Kunstkennerschaft war es mager bestellt. Dennoch empfand sie das Ursprüngliche und Hinreißende der jungen Kraft, die aus diesem Wirbel leuchtender Farben, aus diesem Durcheinanderstürmen kühner Linien redete. Zögernd deutete sie auf ein in der Mitte des Bildes angedeutetes Figurenpaar. »Das soll ich und unser Franzl werden?« Langsam blickte sie zu Forbeck auf, der schweigend nickte. Da legte sich die Hand auf seinen Arm. »Kommen Sie, wir wollen gleich anfangen.«

Tassilo erschien, und nun wanderten sie miteinander durch den Park, damit Forbeck für die Sitzung im Freien einen Platz mit geeigneter Beleuchtung wählen könnte. Neben einem der Kieswege fand sich ein kleiner Rasenfleck, von Buchen und Linden umstanden, der grüne Grund überwebt von Licht und Schatten. Hier wurde die Staffelei aufgestellt und für Tante Gundi eine Gartenbank herbeigetragen. Einige Schwierigkeiten bereitete es, für Kitty einen etwas erhöhten Sitz zu errichten, auf dem sie ohne Unbequemlichkeit die für das Bild nötige Stellung einzunehmen vermochte. Auch dafür wurde Rat geschaffen; Tassilo brachte den großen Lehnstuhl aus der Kruckenstube in Vorschlag, dessen Seitenstütze den tragenden Arm ersetzen sollte. Als Kitty ihr Plätzchen eingenommen hatte, kehrte Tassilo zu seiner Arbeit zurück, und die Sitzung begann. Mit scheuer Achtsamkeit ordnete Forbeck an Kittys Kleid die Falten, dann trat er vor die im Schatten einer Linde stehende Leinwand, während Tante Gundi ihren Heyse aufschlug. Aber der Dichter kam bei ihr nicht zu seinem Rechte. Immer wieder sah sie über das Buch, hing prüfend an den ihr halb zugewendeten Zügen des jungen Künstlers, verlor sich in Gedanken, erwachte und versuchte wieder zu lesen.

Ein leises Flüstern ging durch das dem Welken schon nahe Laub der Bäume, vom Schlosse ließ sich gedämpft das Plätschern der Fontäne hören, und durch die sanft atmende Sommerstille klang manchmal von der Ulmenallee der harte Schrei eines Adlers.

Kitty schwieg. Auch Forbeck sprach nur selten ein paar Worte, wenn er eine kleine Änderung in der Haltung wünschte, oder fragte, ob Kitty ermüdet wäre. Lächelnd schüttelte sie immer das Köpfchen. Sie hatte die Wange auf der Lehne des Sessels liegen, so daß ihre Augen gerade auf Forbeck gerichtet waren. Mit wachsendem Interesse beobachtete sie jede seiner Bewegungen, wenn er von der Leinwand zurücktrat, um die Arbeit zu prüfen, und dann wieder näher trat und die flink schaffende Hand erhob. Er schien bei der Arbeit ein anderer zu sein als sonst; alles Verlegene, Unsichere war von ihm abgestreift, ruhige Sicherheit lag in seinem ganzen Wesen, und sein schmales, streng geschnittenes Gesicht war verschönt. Und wenn er den Blick hob, um zu schauen, war etwas Strahlendes in seinen dunklen Augen. Je häufiger Kitty diesem trinkenden Künstlerblick begegnete, desto heißer wurden ihre Wangen.

Wohl begann auf die Dauer ihr Körper zu ermüden. Dennoch wurde sie fast unwillig, als Tante Gundi endlich die Sitzung unterbrach, um für Kitty ein paar Minuten Erholung zu erwirken. Man machte einen Schlendergang durch den Park und blieb in der Ulmenallee vor dem Adlerkäfig stehen. Kitty erzählte, wie ihr Vater einen dieser Vögel unter Flügelschlägen und Klauenhieben des den Horst verteidigenden Weibchens aus dem Nest herunterholte – und dabei merkte sie, daß Forbeck nicht zuhörte, obwohl sein Blick immer an ihren Lippen, an ihren Augen hing. »Sie sind wohl schon wieder bei Ihrem Bild?« fragte sie lächelnd, mitten in der Erzählung abbrechend. »Kommen Sie! Ich habe schon genug geruht.«

Wieder vergingen zwei stille Stunden, und die Sitzung wurde erst abgebrochen, als auf dem Dach des Schlosses die Mittagsglocke läutete.

»Ich darf Sie doch bitten, mit uns zu speisen?« sagte Tante Gundi. Und Kitty fiel ein: »Natürlich, Sie müssen bleiben.«

Forbeck wurde verlegen. Seine Hand war nicht müde, er wollte die gute Stimmung und den Rest des Tages benützen, um auch mit den anderen Partien des Bildes vorwärtszukommen. Das brachte er stockend vor. Kitty schmollte. Es hatte sich auch verdrossen, daß er sie nach Schluß der Sitzung keinen Blick auf die Leinwand werfen ließ. »Sie sollen das Halbe nicht sehen!« hatte er gesagt.

Um so gnädiger wurde Forbeck von Tante Gundi entlassen, und als er mit Moser in der Ulmenallee verschwand, sagte sie: »Das gefällt mir. Ein Mensch mit guter Kinderstube. Er hat von Aufdringlichkeit keine Spur an sich. Au wie er an seiner Arbeit hängt! Ich sage dir, Kind, aus diesem jungen Menschen wird noch was, gib acht, was Großes! Er sieht nicht umsonst –« Was sie weiter noch sagen wollte, verschwieg sie und streifte Kitty mit ängstlichem Blick.

Schon in der Alle hatte Forbeck einen so stürmischen Schritt angeschlagen, daß Moser sich nur mühsam an seiner Seite zu halten vermochte. Als sie das Brucknerhaus erreichten und Mali den Farbenkasten und die Staffelei übernahm, um sie über die Treppe hinaufzutragen, wischte sich der Alte den Schweiß vom Gesicht und brummte: »Der hat aber an guten Schritt! Sakra! Hinter dem möcht ich net als Büchsenspanner auf die Berg umanand steigen!« Aber seine Erschöpfung schien jäh verschwunden, als er draußen auf der Straße das »feine Lieserl« vorübergehen sah. »He! Schatzerl!« rief er und humpelte hastig zum Gatter. »Wart a bißl auf dein alten Spezi!«

Lachend verhielt das Mädel den Schritt. »Wo brennt's denn? Hast was Neus?«

»Natürlich! Mei' alte Lieb! Die is allweil wieder neu, so oft ich dich anschau!«

»Geh, du alter Narrenseppl!«

Moser hängte sich vertraulich in den Arm des Mädels ein und kicherte: »Lieserl! Jetzt kommen unsere jungen Grafen bald.«

»Alle zwei?« huschte es mit flinker Frage von ihren roten Lippen.

»Alle zwei? Wart, wart, wart! Du bist mir aber eine!« Moser kniff mit Behagen in den runden Arm. »Wenn der Herr Graf Robert allein kommen möcht, mir scheint, dös tät dir net völlig taugen? Was?« Wieder rührte er die Finger, und diesmal so derb, daß Lieserl kreischte.

»Au! Du verfluchter Kerl! Hör doch auf mit deiner Zwickerei!«

Es gelang dem Alten schwer, die Zürnende zu versöhnen. Schließlich lachte sie aber doch wieder zu seinen Späßen. Und als sie das Haus ihres Vaters erreichte, schieden die beiden als gute Freunde.

So aufgeputzt wie Lieserl, so schmuck und proper war das Haus, das sie ihre Heimat nannte. In einem wohlgepflegten Gärtchen lag es einsam an der nach Schloß Hubertus führenden Straße. Rings um den Zaun dehnten sich die Wiesen, jenseits der Straße rauschte in tiefer Schlucht der Seebach, und drüben begann der gegen die Berge ansteigende Wald.

Die Hauswand, die von der Tür durchbrochen war, schimmerte in weißem Anstrich, während die Giebelseite bis unter das Dach hinauf von dichtem Weinspalier überwachsen war, aus dem die kleinen Fenster hervorlugten wie Augen aus einem bärtigen Gesicht. Zwischen dem wirren Blätterwerk ein rotes Schild mit der verblaßten Inschrift: »Sebastian Zauner, Sattlermeister und Tapezierer.«

Zu ebener Erde der Flur mit der schmalen, steilen Treppe, die Küche, das Wohnzimmer und die kleine Werkstätte, im oberen Stock die beiden Schlafstuben und eine Lederkammer.

Als Lieserl in den Flur trat, verzog sie das Näschen. Der scharfe Beizgeruch, der alle Räume erfüllte, war ihr ein Greuel. Um ihn nicht auch am eigenen Körper zu spüren, hatte sie gelernt, sich mit allen möglichen Wohlgerüchen, mit Rosen-, Nelken- und Veilchengeist zu parfümieren; auf dem Fensterbrett ihrer Schlafkammer standen die Gläser, in denen die Blüten mit verdünntem Spiritus der »Sonnendestallazion« ausgesetzt waren.

Die Wohnstube, die das Lieserl betrat, verriet in ihrer ganzen Ausstattung, daß der Zaunerwastl neben seinem Handwerk auch freie Künste trieb. Spiegel, Geschirr, Nähmaschine und Schwarzwälderuhr ausgenommen, war alles zwischen diesen Wänden ein Werk von Wastls Händen, sogar der »altdeutsche« Kachelofen. Natürlich war die Stube »tapeziert« und hatte statt der üblichen Wandbank und den dreibeinigen Stühlen hochgepolsterte Möbel von unterschiedlicher Stilart. Neben der Tür stand ein geschnitzter Schrank. An der Wand hing eine Gitarre und eine Violine zwischen geschnitzten Photographierähmchen und ausgestopften Vögeln auf Postamenten aus Laubsägearbeit. In jedem der beiden Fenster hingen vier Vogelkäfige, der eine wie ein Schloß geformt, der andere wie eine Sennhütte, der nächste wie ein Schweizerhaus. In diesen Käfigen befanden sich die merkwürdigsten Maschinerien, Treträder, Schaukeltreppen, Flaschenzüge, mit denen die Vögel schwierige Kunststücke ausführen mußten, wenn sie zu Trank und Futter gelangen wollten. Auf der Plattform des Kachelofens stand ein Spielwerk neben dem andern: die Schlange am Kreuz, der Schmied beim Amboß, der Scherenschleifer mit seinem Stein, der Kapuziner auf der Kanzel. Jetzt im Sommer standen diese Spielwerke still; aber im Winter, wenn vom geheizten Ofen die Wärme in die Höhe strömte, dann ringelte sich die Schlange um das Kreuz, der Schmied hämmerte, der Scherenschleifer drehte den Stein, und der Kapuziner schlug mit den Fäusten auf die Kanzel wie bei der Osterpredigt.

Inmitten der schreienden Unruhe dieser Stube saß die Zaunerin am Tisch, massig in die Breite gewachsen, das einzig Feste in diesem Raum, behaglich ihren Kaffee verschluckend.

»Grüß Gott, Mutter!«

Die Zaunerin nickte, und ihre fettumpolsterten Augen hingen mit zärtlichem Wohlgefallen an dem Mädel, das zum Tisch trat und neugierig den Deckel der Kaffeekanne hob.

»Komm, Herzerl, setz dich her, ich schenk dir gleich ein.«

Lieserl zog einen Lehnstuhl zum Tisch.

»Hast du die Stadtleut antroffen? Hast die Hemden abgliefert? Bist gleich zahlt worden?«

»Alles in Ordnung. Es is leider bloß d' Frau daheim gwesen. Die handelt allweil. Statt vierzehn Mark hat s' mir bloß zwölfe geben. Wenn ich mit'm Herrn hätt reden können, hätt ich achtzehn oder zwanzig kriegt.« Das Lieserl lachte. »Mit die Herrn versteh ich mich aufs Reden.«

»Ja, Schatzerl, halt dich nur an d' Mannsbilder, dös tragt allweil mehr!« Die Zaunerin gab einen Zuckerbrocken, wie ein Kinderfäustchen so groß, in Lieserls Schale. »Aber lang bist ausblieben.«

»Ja, der Pointner-Andreas, was sagst, der hat mir den Weg wieder abpaßt und hat Augen gmacht wie a gstochener Gockel! Ich sag dir's, Mutter, wann so a Trumm Bauernlackel verliebt wird, dös is zum Lachen!«

»Bist aber doch freundlich gwesen?«

»Ordentlich abfahren hab ich ihn lassen!«

»Aber Herzerl!« Die Zaunerin schüttelte mißbilligend den klugen Kopf. »Der Andres is freilich a Trumm. Aber der einzige Sohn, und der Vater hat 's schönste Anwesen im Ort.«

Lieserl leerte die Tasse. »Mutter! Für so an gscherten Bauernlümmel bin ich mir z'gut!«

»Stimmt, Herzerl! Du bist für was Bessers geboren. Aber man weiß net, wie's geht in der Welt. Drum sollst dir den Andres warm halten für den Fall, Gott bhüt, daß nix Bessers kommt.«

Lieserl lachte. »Wird schon kommen. Wer weiß, vielleicht recht bald. Und was viel Bessers!«

Das war so geheimnisvoll gesprochen, daß die Zaunerin neugierig wurde. So red doch, Herzerl! Deiner Mutter kannst dich anvertrauen!«

»Na!« Lieserl trat vor den Spiegel und zupfte an dem roten Seidenband, das um ihre Halskrause geschlungen war. »Wenn's einmal Zeit is zum Reden, wird d' Mutter Augen machen!«

Die Zaunerin brannte vor Neugier; doch sie hörte vor dem Haus einen schweren Schritt. »Der Vater!« Flink trug sie das Kaffeegeschirr hinter den Ofen, während Lieserl sich an die Nähmaschine setzte.

Die Tür wurde aufgestoßen, und Meister Zauner trat in die Stube, eine nicht allzu behäbige Gestalt, mit einem gescheiten und gutmütigen Gesicht, das aber jetzt auf übel Wetter zeigte. Ein paar Jährlein mochte er schon über die Fünfzig haben. Die klobigen Daumen und die von der Lederbeize violett gefärbten Fingerspitzen verrieten sein Handwerk. Im übrigen eine Figur, so ähnlich, wie auf kleinen Theatern der verkommene Künstler geschildert wird: mit karierter Tuchhose, in blusenartigem Janker, eine langgedröselte Seidenbinde um den Hemdkragen und mit einem breitkrempigen Filzhut, der noch schwarz zu nennen war, aber schon in alle Farben hinüberschillerte. Bei Meister Zauner war dieses Äußere ein Widerspruch zum inneren Menschen. Trotz der Genialität, mit der er fast ein Dutzend brotloser Künste betrieb, war er ein tüchtiger, fleißiger Handwerker, ein braver Kerl, der nur den einen Kardinalfehler hatte, daß er mehr als zulässig unter dem Pantoffel stand – nicht unter dem schweren Schlappschuh seiner Frau, sondern unter dem kleinen Pantöffelchen seiner einzigen Tochter.

Zuweilen suchte er gegen diese niedliche Macht anzukämpfen. Auch jetzt ließ er deutlich merken, daß die Kanone seines Zornes schwer geladen und auf Lieserl gerichtet war. Mutter und Tochter tauschten den verständnisvollen Blick der zu Schutz und Trutz Alliierten. »Grüß Gott, Herr Vater!« sagte Lieserl und setzte die Nähmaschine in Gang, deren hurtiges Geklapper das wirre Gezwitscher der Vögel übertönte.

Meister Zauner warf seiner zwar nicht besseren, aber unleugbar gewichtigeren Ehehälfte einen wütenden Blick zu und schleuderte seinen Hut auf das Fenstergesims, daß die vier Vögel dieser Nische erschreckt in alle Winkel ihrer Käfige flatterten und sämtliche Maschinen in Bewegung setzten. Dann ging er auf den leeren Tisch zu. Als säße der Gegenstand seines Zornes hier vor ihm, so bohrte er den gestreckten Zeigefinger gegen die Platte und schrie: »Ich sag's zum letztenmal. Wenn die Gschicht net bald an End nimmt, gibt's an ordentlichen Spitakel! Ich bin a guter Kerl. Jung sein und lustig, dös laß ich mir gfallen. Aber was ich alles hören muß, is nimmer schön! Wenn ich schon glauben will, daß d' Hälft davon erlogen is – es muß mir vor der andern Hälft noch grausen. Wie steh ich denn da, wenn so was ins Schloß eini tragen wird? Ich müßt vor der gnädigen Herrschaft in Boden versinken vor lauter Schand! Da schieb ich an Riegel für! Die Gschichten hören auf! Oder es gibt an Spitakl! Himmelherrgottsakrament!« Meister Zauner schlug die Faust auf die Tischplatte, trat zum Fenster, legte die Hände hinter den Rücken und starrte auf die Straße hinaus.

Lieserl hatte die Nähmaschine gestellt, und Stille war in der Stube. Nur einer der Vögel wagte ein schüchternes Gezwitscher. Kopfschüttelnd blickte das Mädel auf die Mutter. »Was hat denn der Herr Vater?«

»Was weiß denn ich?« seufzte die Zaunerin auf der Ofenbank.

Lieserl erhob sich. »Aber Herr Vater? Was is denn?«

»Du wirst schon wissen, was los is!« schrie Meister Zauner, ohne das Gesicht zu wenden.

»Ich?« fragte das Mädel staunend. »Der Herr Vater hat doch net am End mich gmeint? Da müßt ich aber bitten –«

Gereizt fuhr Wastl Zauner auf die Tochter zu und hob ihr die Faust vor das nette Näschen. »Lieserl, tu dich net föppeln mit mir!«

»Jesses Maria!« kreischte die Meisterin und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Wie kann sich denn a Mensch so aufführen gegen sein einzigs Kind!«

»Du sei still, gelt! Du bist schuld an allem. Mit deiner ewigen Schöntuerei! Da muß sich 's Madl freilich was einbilden und muß glauben, sie kann treiben, was ihr taugt! Du bist schuld, ja, du, wenn sich 's Madl auf d' leichte Seiten legt und unsern guten Nam in alle Mäuler bringt!«

»Jetzt sag ich dir aber, Wastl –«

»Sei stad, Mutter!« Lieserl stellte sich kampfbereit zwischen Vater und Mutter. »Jetzt muß ich selber fragen, was der Herr Vater eigentlich haben will von mir?«

»So?« schrie Meister Zauner in die Stubenecke. »Was is denn nachher dös schon wieder mit dem jungen Stadtherrn, der im Seehof loschiert?«

»Mit wem?« Lieserl zog die Brauen in die Höhe. »Ich weiß ja gar net, wen der Herr Vater meint?«

»So? Was hast denn mit ihm am Berg droben gmacht?«

»Ich? Am Berg droben? Bsinnt sich der Herr Vater auf gar nicht mehr? Wer hat mir denn gsagt: ›Schau, Lieserl, vierzehn Tag bist bei der Arbeit gsessen, schnauf dich a bißl aus!‹«

»No ja, es is ja alles recht! Aber muß man die sanitäre Rekerazion zu solchene Sachen benützen?«

»Solchene Sachen? Was kann ich denn dafür, daß mit der junge Springer nachgstiegen is?«

»Was kann denn 's Madl dafür?« fiel die Zaunerin ein. »Sie hat halt 's Gfrett mit die Mannsbilder. Hättst ihr an anders Gsicht verschafft. Wenn einer 's Madl anschaut, gfallt's ihm halt.«

Meister Zauner warf einen halb wütenden, halb scheuen Blick auf das appetitliche Figürchen seiner Tochter. Das Argument seines Weibes schien ihm einzuleuchten, und er brummte ein paar unverständliche Worte.

»Und weil wir grad schon reden,« dozierte die Zaunerin, »für was is dann a Madl auf der Welt? Die guten Heiraten tragt man heutigentags nimmer in der Butten umanand. Da muß sich a Madl umschauen. Wenn's dir nachging, könnt 's Lieserl hinterm Ofen hocken und sitzenbleiben!«

»Sitzenbleiben!« grollte Meister Zauner. »Deswegen braucht s' net alle Tag a Gspusi anfangen, daß d' Leut rebellisch werden. Und wenn's ihr ums Heiraten is – der Pointner-Andres nimmt 's Madl auf der Stell!«

Lachend drückte Lieserl den Kopf in den Nacken und setzte sich zur Nähmaschine.

Als Meister Zauner den Rücken seiner Tochter sah, wuchs ihm wieder der Zorn. Hinter Lieserls Stuhl mit dem Finger drohend, überschrie er das Geklapper der Maschine. »Du! Lachen tust mir net über 'n Andres! Dös is kein Mensch, mit dem man seine Spassetteln macht! Jede andre wär in d' Haut eini froh, wenn s' den Andres kriegen könnt.«

»Wenn ihn s' Lieserl aber net mag!« fuhr die Zaunerin dazwischen.

»Net mögen! An Anwesen, wie der Pointnerhof, der seine hunderttausend Markln wert is? So was soll man net mögen? Meinst net, es wär gscheiter, wenn dei' Tochter die Bäuerin auf der Point droben heißt, als wenn d' Leut von ihr sagen: ›'s feine Lieserl‹? Himmelkreuzteufel noch amal! Da könnt einer aus der Haut fahren!« Meister Zauner stapfte in seine Werkstatt hinaus und schmetterte hinter sich die Tür zu, daß unter den Tapeten der Mörtel bröselte.

»Fein benimmt sich der Herr Vater!« sprach Lieserl lächelnd auf den Hemdärmel nieder, den sie durch die Maschine gleiten ließ.

Die Zaunerin beugte sich über die Schulter ihres hübschen Kindes und flüsterte mit Vorsicht: »Was den Andres betrifft, hat er net so unrecht, weißt.«

»Jetzt erst recht net! Grad mit Fleiß! Jetzt leg ich alles drauf an, daß mit meine heimlichen Gedanken nausgehn! Glück hab ich noch allweil ghabt. Und kommt's, wie ich denk – da wird's erst recht was z'reden geben im Ort! Da freu ich mich drauf!« Unter vergnügtem Kichern beugte sich die Lieserl über die Arbeit.

Das Mutterherz der Zaunerin fieberte vor Neugier. »Schatzerl, wie kannst denn so zruckhalterisch sein vor der Mutter! Hast doch kei' bessere Freundin im Leben! Geh, sag mir, was los is?«

Lieserl schüttelte das Köpfl, ließ die Maschine klappern und gab keine weitere Audienz.

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