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Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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10

Graf Egge und Schipper waren schon längst in den Latschen verschwunden, und noch immer stand Franzl auf dem gleichen Fleck, totenbleich, an allen Gliedern zitternd. Verstört betrachtete er die starre Wildleiche, aus deren zerhacktem Haupt die blutumronnenen Augäpfel hervorhingen; dann hob er die Büchse vom Geröll und faßte den Bergstock. Kaum hatte er sich durch die ersten Büsche gewunden, da hörte er ein leises Winseln und fand im Schatten einer Latsche den Schweißhund, der an einer blutenden Schenkelwunde leckte. »Richtig, jetzt hat dös arme Hundl auch sein Treff dabei kriegen müssen!« Der Zorn ballte ihm die Fäuste. »Dös is ja nimmer Jagd, dös is ja Metzgerei!«

Der Hund hatte den Kopf gehoben. Franzl ließ sich nieder und wollte die Verletzung untersuchen; da schnappte der Hund nach seiner Hand, doch e biß nicht, sondern hielt nur mit den Zähnen die Finger des Jägers fest. Franzl zog die Hand nicht zurück und streichelte mit der anderen den Kopf und Nacken des Hundes. »Aber Hirschmanndl, geh, wie magst denn schnappen nach mir! Schau, Alterl, wir zwei, wir sind heut gleich schlecht wegkommen, du und ich!« Da gab Hirschmann die Hand des Jägers frei und schüttelte die Ohren. Willig ließ er an seine Wunde rühren und stieß nur, wenn die fühlenden Hände seine Schmerzen mehrten, die Nase winselnd an den Arm des Jägers. Die Wunde war tief gerissen und zog sich über den ganzen Schenkel. Mit dieser Verletzung hatte der Hund noch seine Pflicht erfüllt und das tote Wild verbellt. Zärtlich kraulte Franzl ihm die Ohren. »Ja, Hirschmanndl, hast schon recht! Man muß oft Unrecht leiden. Aber sei' Sach muß man in Ordnung machen, sonst is man um kein Granl besser als die andern!« Er nahm den Hund auf die Arme und tat ein paar Schritte, als wollte er den Weg zur Jagdhütte suchen. Kopfschüttelnd hielt er inne. »Na! Jetzt net! Ich könnt mich net zruckhalten. Z'erst muß ich mich auslaufen, daß mir der Zorn vergeht.« Er schlug den Weg nach der eine halbe Stunde entfernten Hochalm ein.

Unter dem Gesicht des Hundes waren ihm die Arme steif geworden, als er die Hütte erreichte. In der Kammer wurde Hirschmann auf den Kreister gebettet, und die Sennerin brachte dem Jäger, was er nötig hatte, um die Wunde zu vernähen und ein Heftpflaster aufzulegen. Während Franzl schor und nähte und kleisterte, hielt die Sennerin unter endlosem Geschwatz den Kopf des Hundes fest. Zum Schluß der nicht sonderlich kunstvollen Operation wurde die Außenseite des Pflasters noch mit Pfeffer eingerieben. Das hatte seinen Zweck; denn kaum war Hirschmann aus den Händen der Sennerin erlöst, da wollte er sein gewohntes, schmerzstillendes Heilmittel versuchen und an der Wunde lecken; die Sache hatte ihre Bitternis; verdrossen schüttelte er den Kopf und schlenkerte die brennende Zunge. Das war drollig anzusehen; die Sennerin kreischte vor Vergnügen, und sogar Franzl brachte ein müdes Lächeln zuwege. Er streichelte den Hund, reichte der Sennerin die Hand und ging. Winselnd hob Hirschmann den Kopf, als er den Jäger verschwinden sah. Vor der Hütte nahm Franzl seine Büchse von der Bank und gewahrte mit Schreck den Schaden, den sie gelitten hatte, als er sie auf das Geröll geworfen. Ein echter Jäger, pflegte er seine Waffe in tadellosem Zustand zu halten. Und wie sah sie nun aus! Der polierte Schaft von splitterigen Rissen durchzogen, die sonst so spiegelblanken Läufe fleckig und zerkratzt, und von einem der beiden Hähne war der Hammer abgebrochen. »Der Hund, mein Büchsl und ich! Gut schauen wir aus alle miteinander!«

Über die offenen Almen schritt er dem Bergwald zu. Stunde um Stunde rannte er umher, von dem unklaren Wirrsal seiner Gedanken und seines Zornes erfüllt, und tat mechanisch seinen Dienst. Alle Hauptwechsel des Rotwildes besuchte er, alle Salzlecken und Suhlen, zählte die Fährten der jagdbaren Hirsche und kritzelte die Zahlen in sein Taschenbuch. Als die Sonne über Mittag stand, begann er durch den Bergwald wieder emporzusteigen gegen die kahlen Wände, um mit der Schattenzeit die Gemsreviere zu erreichen. Ehe der Wald ein Ende nahm, wollte er eine Weile rasten. Neben dem Steig, der zu den Mitterkaseralmen führte, ließ er sich auf einen vom Sturm geworfenen Baumstamm nieder. Als sein müder Körper ruhte, suchte er auch das Gewirbel in seinem Kopf zur Ruhe zu bringen und begann die Ereignisse des verwichenen Abends und der Morgenstunden zu überdenken.

Das Ergebnis dieser Gedanken mehrte nur seine Unruhe. Er war gewiß so unschuldig wie der lichte Tag. Aber er fühlte: eine Reihe von Zufällen sprach wider ihn, und er wußte, wie mißtrauisch Graf Egge in allen Dingen war, welche die Jagd betrafen. Daß der ungerechte Verdacht seine Stellung bedrohte, daran dachte er nicht. Er fühlte nur den brennenden Makel, der auf seine Jägerehre gefallen war. Und die selten schöne Krucke wog ja auch schweres Geld – das war wie versuchter Diebstahl! Er griff sich mit beiden Händen an die glühende Stirn. »Herrgott im Himmel! Was tu ich denn?«

Wieder begann er zu grübeln. Er sagte sich: Hat Graf Egge diesen Verdacht einmal empfunden, so wird er ihn auch nicht eher wieder aufgeben, ehe nicht der Täter gefunden ist. Franzl preßte das Gesicht in die Hände. Tag um Tag nun sollte er umherlaufen mit diesem drückenden Gewicht auf seiner Brust, keinen Blick mehr sollte er zu dem Gesicht seines Herrn erheben dürfen, ohne fühlen zu müssen, daß der andere im stillen denkt: Du bist ein Dieb! Er mußte den Menschen ausfindig machen, der es getan! Aber wie? Es war ihm schon völlig unerklärlich, wann der Diebstahl begangen wurde, und weshalb das Gehörn in den Latschen hing. Die Erklärung, die Schipper so flink bei der Hand gehabt hatte, war leeres Geschwätz. – Schipper? – Schipper? – Franzl brachte seine Gedanken nicht mehr los von diesem Namen. Aber was ihm wider Willen durch die Sinne fuhr, erfüllte ihn mit Ingrimm gegen sich selbst. »Ich muß a schlechter Kerl sein, weil ich dem Kameraden zutrauen kann, was ich von mir selber abwehren will.«

Schon wollte er sich erheben, als von rückwärts zwei warme Hände seine Augen umschlossen. Franzl meinte, das könnte nur die Sennerin vom Mitterkaser sein, doch er war nicht aufgelegt zum Raten. Unwillig befreite er seinen Kopf. Als er die Augen hob, versagte ihm vor freudigem Schreck beinah die Stimme.

»Mali!«

Lachend ließ das Mädel sich neben dem Jäger nieder. »Gelt! Da schaust?«

Er wußte sich kaum zu fassen. »Wie kommst denn du auf amal daher?«

»Vom Mitterkaser komm ich.« Sie zog das weiße Tuch vom Kopf, das sie zum Schutz gegen die Sonne umgebunden hatte. »Heut in der Fruh – mein Bruder is schon fort gwesen in der Holzarbeit, gar net weit da drunten hat er sein Schlag – heut in der Fruh kommt unser alte Nachbarin ummi zu mir und jammert, sie hätt ghört, daß ihr Madl im Mitterkaser droben verkrankt wär.«

»D' Sennerin?«

»Ja. Und d' Nachbarin is ganz ausanand gwesen vor lauter Sorg. Hab ich halt gsagt: Tu mir aufpassen auf meine Kinder, so spring ich nauf und bring dir Botschaft.« Mali lachte. »'s Madl is schon wieder kreuzfidel. A paar Tag hat's Magenweh ghabt. Ich glaub, sie hat am letzten Fasttag z'viel Schmelznudeln verschluckt.«

»Unser Herrgott soll ihr die nächste Schüssel gut anschlagen lassen! Dös hat d' Sennerin verdient um mich. Lieber hättst mir in keiner Stund in Weg laufen können als heut. Da muß sich der Herrgott rein denkt haben: Heut braucht er an Trost!«

Schon der Klang seiner Stimme hatte sie befremdet, und als sie sah, wie blaß er war, erschrak sie. »Ums Himmels willen, was is denn?«

Er atmete schwer. »So Sachen halt, weißt – ich kann net reden davon.«

»Ah, da schau her!« Energisch faßte Mali seinen Arm. »Ein' z'erst erschrecken bis in d' Seel und nachher den Heimlichen spielen! Ich bin die' alte Kamerädin. Jetzt redst auf der Stell!«

Franzl schüttelte den Kopf.

»Paß auf, Franzl!« Mali schob ihren Arm unter den seinen. »Bsinnst dich noch auf den selbigen Tag, wo wir als Kinder miteinand gut Freund worden sind? Weißt es nimmer, wie ich hinter der Hecken gsessen bin und gweint hab? Und wie mir d' Handln niederzogen hast, und ich hab's kaum rausbracht, daß mir der Nachbarbub mein Dockerl genommen und die Zöpf halb ausgrissen hat. Kein Wörtl hast gsagt und bist davon. Und bist neben meiner wieder aussigschloffen aus der Hecken, 's Gwand zerrissen und käsweiß im Gsicht. Und mein Dockerl hast in der Hand ghalten und hast mich anglacht: ›Du! Den hab ich fest verdroschen!‹ Freilich, 's Dockerl hat kein Kopf nimmer ghabt.«

Franzl nickte. »Den hat er abigrissen in der Wut, wie er gmerkt hat, daß er die Docken wieder hergeben muß!«

»Und weißt noch, wie dich hingsetzt hast neben meiner? Und daß ich nimmer weinen soll, hast den ganzen Sack voll Haselnussen vor mir ausgleert. Und alle harten hast mir aufbissen.« Herzlich rüttelte Mali seinen Arm. »Und schau, heut hab ich dich hinter der Hecken gfunden. Sei gscheit und sag mir alles! Und wenn's von alle Nussen die härteste wär – Franzl, ich hilf dir beißen.«

Da konnte er nimmer schweigen. Mit jagenden Worten begann er die Geschichte der verwichenen Stunden zu erzählen. Er schalt und jammerte nicht. Aber die Kränkung, die er an seiner Ehre erfahren, redete aus seinen Augen. Schweigend lauschte Mali. Als er erzählte, wie Schipper den Verdacht gegen ihn ausgesprochen, fuhr es ihr in Zorn heraus: »So was von Kamerad! Respekt! Und Schipper heißt er?« Sie grübelte vor sich hin, als würde eine Erinnerung in ihr lebendig. »Schipper? Is dös a Verwandter vom selbigen Schipper, der früher Holzknecht gwesen is?«

»Es is der nämliche.«

»Und der is Jager jetzt? – No, da dank ich! Da hast an noblen Kameraden! Ganz gut bsinn ich mich drauf, daß der Vater selig allweil schelten hat müssen auf'n Bruder, weil er Freundschaft mit'm Schipper ghalten hat, der ihn zu alle Lumpereien hätt verführen mögen. Wenn der deinige der nämlich is, nachher glaub ich schon gleich, daß er die Krucken selber gstohlen hat.«

Franzl wehrte erschrocken: »Na, Mali, so was därfst net sagen!«

»Sei's, wie's mag. Du bist unschuldig. Und so an Verdacht darfst net auf dir sitzen lassen!« Malis Augen blitzten. »Da brauchste den Gauner net erst ausfindig machen. Wer Augen hat wie du, braucht kein andern Beweis als sein ehrlichs Gsicht! Jetzt machst in Ordnung dein Dienst. Und auf'n Abend stellst dich hin vor dein Grafen und sagst ihm alles ins Gsicht, gradso, wie du's mir gsagt hast, und gradso, wie mich, so schaust ihn an mit deine Augen. Da muß er dir glauben. Und jetzt halt dich nimmer auf! Und meintwegen sollst nix versäumen im Dienst.« Sie hob die Büchse hinter dem Baum hervor und reichte sie dem Jäger. »Da hast dei' Kugelspritzen! Was wir gredt haben, bleibt unter uns. Und jetz mach weiter! Bhüt dich Gott!«

Mit der Büchse hatte Franzl auch Malis Hand gefaßt. »Ganz aufgricht hast mich wieder. Vergeltsgott tausendmal!«

Die Hände der beiden lagen eine Weile ineinander. Dann fragte da Mädel: »Du, Franzl?«

»Was?«

»Hast vielleicht du mit meim Bruder auch was ghabt? An Streit oder so was?«

»Ich? Gott bewahr! Warum fragst denn?«

Sie schien verlegen zu werden. »No weißt, weil er gestern so ungut zu dir gwesen is.«

»Haben halt d' Sorgen aus ihm rausgredt. Was macht denn 's Netterl?«

»D' Nacht heut is gut gwesen. Mit Gotteshilf wird sich 's Kindl doch wieder in d' Höh machen. Grad recht, daß d' mich dran mahnen tust. Jetzt fang ich aber 's Hupfen an.« Lachend nickte sie dem Jäger zu, und dann hetzte sie flink über den Steig hinunter.

Franzl sah ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann spähte er durch die leis rauschenden Wipfel, als möchte er am Himmel die Stelle suchen, an der in der Nacht die Sternschnuppe erloschen war.

»Lichtl da droben, du hast net glogen!«

Er stieg durch den Wald hinauf und erreichte die offenen Almen. Fern am Waldsaum, in der Tiefe der Almfelder, gewahrte Franzl zwei Männer; er meinte einen Büchsenlauf blinken zu sehen und zog das Fernrohr auf.

Schipper war es – mit einem Treiber, der den von Graf Egge am verwichenen Abend erbeuteten Gemsbock auf dem Rücken trug.

Kurze Zeit, nachdem der Graf mit seinem Büchsenspanner die Jagdhütte erreicht hatte, waren die von Franzl bestellten Treiber eingetroffen. Graf Egge kümmerte sich nicht um ihre Ankunft. Er wanderte in der Stube zwischen den engen Wänden auf und nieder und rastete nur zuweilen für einige Minuten, um unter grübelnden Gedanken das Krickel, das mit der blutigen Hirnschale auf dem Tisch lag, zu betrachten, oder um den rechten Fuß auf einen Stuhl zu heben und mit beiden Händen das schmerzende Bein zu frottieren. Als Schipper die Tür öffnete, um nach den Befehlen seines Herrn zu fragen, schrie ihn Graf Egge an: »Ruh will ich haben!« Mit einem Fußtritt schlug er dem Jäger die Tür vor der Nase zu.

Wartend, unter leisem Geplauder, saßen die Männer vor der Hütte, während Schipper in der Küche die Gewehre putzte. Nach zwei Stunden rief Graf Egge den Rottmeister der Treiber in die Stube: »Heute wird nicht mehr gejagt. Einer von euch tragt den Bock, der draußen hängt, nach Hubertus hinunter, die andern sollen machen, was sie wollen. Morgen früh um fünf Uhr seid ihr bei der Hütte.« Er trat zur Tür. »Schipper! Du machst deinen Dienst! Und das Gams unter der Wand da drüben soll fort!« Ein Augenzwinkern des Grafen schickte den Rottmeister zur Stube hinaus. Dann krachte die Tür ins Schloß.

Mit langem Gesicht stand der Mann in der Küche und fragte flüsternd: »Was hat er denn heut?«

»Geht's dich was an?« knurrte Schipper und zeigte ein Gesicht, als hätte er Galle auf der Zunge. Einige Minuten später war er wegfertig und wanderte mit den Männern über das Latschenfeld gegen die Wände.

Graf Egge stand am Fenster und sah ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Dann ging er in die Küche und schürte Feuer an, um die Hirnschale des Krickels auszukochen. Eine volle Stunde saß er auf dem Herdrand und wandte keinen Blick von dem sprudelnden Wasser, aus dem die schwarzen Haken des Gehörns hervorragten. Als sich die Stirnhaut von den Knochen gelöst hatte, schabte er mit geduldiger Sorgfalt die letzte Muskelfaser von dem weißen Bein und trug das Krickel in die Sonne, damit die Schale trocknen und bleichen möchte. Die Hände im Schoß, saß er neben dem Gehörn auf der sonnigen Hüttenbank und musterte immer wieder mit zärtlich-stolzen Augen die schöne Trophäe. Es währte eine halbe Stunde, bis in der heißen Sonne die letzte Spur von Feuchtigkeit an der bleichen Hirnschale verdunstet war. Graf Egge trug das Krickel in die Stube, holte Feder und Tinte zum Tisch und malte in zierlicher Schrift das Datum der Jagd, die ihm die seltene Beute beschert hatte, auf das weiße Bein. Während er über die nassen Schriftzüge blies, um sie rascher trocknen zu machen, betrat ein alter Mann mit untertäniger Verbeugung und halb atemlos die Stube – der Postbote. Es war ihm anzumerken, daß er den weiten, mühseligen Weg vom Dorf herauf mit manchem Seufzer begleitet hatte. Die Sendung, die er brachte, hatte ihn wohl mit ihrem Gewicht nicht gedrückt, und dennoch atmete er erleichtert auf, als er das winzige, mit vierzehntausend Mark bewertete Kistchen in Graf Egges Hände legte.

»Setz dich! Ich will in deiner Gegenwart nachsehen, ob alles in Ordnung ist.«

Graf Egge zog das Messer aus der Lederhose und sprengte den kleinen Holzdeckel. Eine in Watte gehüllte Schachtel kam zum Vorschein, und als Graf Egge sie öffnete, flammten seine Augen in Freude. Auf einem mit schwarzem Samt überzogenen Brettchen waren, in vier Reihen übereinander, ungefaßte, in absonderlichen Formen geschliffene Saphire und Rubinen mit feinen Silberdrähten angeheftet. Durch das Fenster fiel die Sonne auf die Steine, und das funkelte und gleißte in schönen Farben. Der Juwelier schien den Geschmack seines Kunden getroffen zu haben. Zufrieden musterte Graf Egge die Sendung. Rasch überflog er den Begleitbrief und zählte die Steine mit tippendem Finger. »Stimmt!« Er unterschrieb den Postschein und reichte ihn dem Boten. »Alles in Ordnung.«

Der Alte erhob sich. »Bhüt Ihnen Gott, Herr Graf!« Bei der Tür blieb er zögernd stehen, als wäre die Sache für ihn noch nicht erledigt. Graf Egge hatte sich schon wieder in die Betrachtung der Steine vertieft. »Ich bitt, Herr Graf,« fragte der Alte kleinlaut, »haben S' kein Auftrag nunter? Oder sonst was?«

Ohne aufzublicken, schüttelte Graf Egge den Kopf.

Verdrossen schlich der Alte davon. Vor der Hütte blieb er stehen und schielte nach dem Stubenfenster. »Fünf Stunden bis da rauf! Da wären a paar Maß Bier net z'viel gwesen!«

Als er das Almfeld erreichte, wurde er von Schipper und dem Treiber überholt, der auf dem Rücken den Bock und in der Hand ein blutfleckiges Bündel trug, das seinen Anteil an der unter die Treiber verteilten Gemse erhielt. Der alte Postbote vermochte mit den beiden nicht Schritt zu halten und blieb zurück.

Am Saum des Bergwaldes – hier hatte Franzl aus weiter Ferne das Paar beobachtet – trennte sich Schipper von seinem Begleiter.

»So! Und vergiß die Botschaft an Moser net. Er soll die Unterhos für'n Grafen gleich kaufen und soll dir s' mitgeben.«

Der Mann folgte dem Steig, und Schipper wandte sich seitwärts in den Wald; als er allein war, knirschte er einen Fluch durch die Zähne.

Auf einem stark begangenen Wildwechsel fand er die frische Spur eines genagelten Schuhes. »Da is er gwesen!« murmelte Schipper und spie auf die Fährte. Nun folgte er dem Wege, den Franzl genommen hatte; die stille Hoffnung, die ihn dabei leitete, erfüllte sich nicht; er kam zu keiner Salzlecke, bei der die Spur jenes anderen Fußes fehlte.

»Wie gnau er heut sein Dienst gmacht hat! Als hätt er schmecken können, daß ich ihm nachsteig!«

Bald erreichte er den zum Mitterkaser führenden Pfad und sah neben einem gestürzten Baum ein weißes Kopftuch auf der Erde liegen. Er hob es auf, und während er das Tuch noch in der Hand hatte, klangen Schritte auf dem tieferen Steig.

Mali erschien, mit den Augen suchend. Als sie den Jäger sah, blieb sie betroffen stehen; kaum gewahrte sie den Fund in Schippers Hand, da sprang sie auf ihn zu und entriß ihm das Tuch. »Her damit! Dös Tüchl ghört mein!«

»Oho! Bei dir geht's aber gschwind!« Zwinkernd betrachtete Schipper das Mädel. Das Ergebnis dieser Musterung schien ihm zu behagen. »Wer bist denn du? Dich kenn ich ja gar net.«

»Wenn dich d' Neugier gar so plagt, ich bin die Bruckner-Mali.«

»Waaas? Die Mali? Ah, da legst dich nieder! Seit wann bist denn du wieder daheim?«

Die Frage überhörend, ließ Mali die Augen mit einem nicht sehr freundlichen Blick über die Gestalt des Jägers gleiten. Sie verzog den Mund. »Du mußt der Schipper sein?«

»Freut mich, daß d' mich wiederkennst. Und gut hat dir der Aufenthalt bei der Schwester angschlagen. Bist allweil a saubers Kind gwesen. Als Madl bist noch säuberer worden.«

Mali lachte. »Ui jegerl! Komplimenten macht er! Die muß ich dir schon zruckgeben. Du bist schon selbigsmal a schiecher Kerl gwesen. Jetzt schaust noch grauslicher aus!« Ohne Gruß ging sie davon.

Schipper wußte nicht recht, sollte er lachen oder sich ärgern. Er entschloß sich für das erstere, und je länger er der Davonschreitenden nachblickte, desto freundlicher wurden seine Augen wieder. »Die is grob. Aber verteufelt sauber. Hat Holz am Ofen. Für dös Madl könnt ich Dummheiten machen!« Mali verschwand in der Tiefe des Steiges. Und Schipper kalkulierte unter dünnem Lächeln: »Dem Bruckner sei' Schwester? Dös trifft sich net schlecht. Mit'm Bruckner könnt man a Wörtl reden.« Während er weiterschritt, drehte er noch einmal das Gesicht und blickte schmunzelnd über den Pfad. Durch den Wald herauf hörte er Malis Bergstock klirren.

Sie hatte Eile. Häufig kürzte sie die Wendungen des Pfades und nahm ihren Weg in gerader Richtung talwärts durch den Wald. Als sie das tiefere Gehölz erreichte, hörte sie über den Berghang her den Hall wuchtiger Axtschläge. Da drüben arbeitete ihr Bruder. Unschlüssig blieb Mali stehen. Am Morgen hatte sie den Bruder aufgesucht und ihm versprochen, auf dem Rückweg wiederzukommen. Aber sie hatte viel Zeit verloren – und das kleine Netterl, meinte sie, würde schon mit Schmerzen auf sie warten. Die eigentliche Ursache, weshalb sie jetzt, nach der Begegnung mit Franzl, dem Bruder nicht gern gegenübertrat, wollte sie sich selbst nicht eingestehen. Damit er wüßte, daß sie bereits auf dem Heimweg wäre, höhlte sie die Hände um den Mund und schickte einen langgezogenen Ruf in den Wald.

Die Axtschläge verstummten, und Bruckner gab Antwort; er hatte die Bedeutung des Rufes verstanden. Während Mali davoneilte, klangen wieder die Beilhiebe, und es hallte das Krachen eines stürzenden Baumes durch den weiten Bergwald.

Bruckner arbeitete, bis der Abend zu dämmern begann; dann machte auch er sich auf den Heimweg. Die Joppe um die Schultern tragend, die Axt mit dem Eisen in die Armbeuge eingehenkt, wanderte er zwischen den Bäumen. Der weiche Moosgrund dämpfte den Hall seiner Schritte.

Plötzlich stand er wie angewurzelt. Er hatte einen Hirsch gewahrt, der aus der Tiefe des Waldes emporgestiegen kam und die Almen suchte. Bruckners Hände begannen zu zittern, während er, an einen Baum gedrückt, mit funkelnden Augen jede Bewegung des Wildes verfolgte. Der Hirsch merkte die Nähe des Menschen nicht und zog in sorgloser Ruhe zwischen den Bäumen aufwärts, bald hier ein Kraut, bald dort ein paar Gräser von der Erde zupfend. Weißblinkend hoben sich die Spitzen des stattlichen Kronengeweihs vom finstreren Grün des abendlichen Waldes ab. Immer näher kam der Hirsch dem Baum, hinter welchem Bruckner stand; der Bauer faßte mit langsam gleitender Hand den Stiel der Axt. Nun stand das Wild vor ihm, kaum zehn Schritt weit. In jähem Schwung holte Bruckner mit der Axt zum Wurf aus. Ehe das Beil noch flog, machte der Hirsch erschrocken einen Satz und äugte gegen den höheren Waldhang; das währte nur einen Augenblick, und in sausender Flucht verschwand er zwischen dem Gewirr der Stämme, während die Beilschneide hallend in eine Fichte schlug.

Bruckner keuchte. »Allweil packt's mich wieder!« Er hob die Joppe auf, die ihm von den Schulter geglitten war, und ging zu der Fichte, um das Beil aus dem Holz zu reißen. Da hörte er hinter sich ein leises Lachen. Er wandte das Gesicht, und kalkige Blässe rann über seine Stirn, als er den Jäger erkannte.

Langsam, immer lachend, kam Schipper näher. »Du? Was machst denn da?«

Bruckner zog schweigend die Joppe an.

»Ja, Lenzi! A harts Stückl: so an Prügelhirsch anschauen müssen und kein Büchsl net haben? Mit der Axt macht sich so was schlecht. Seit wann hat dich denn der Wildteifel wieder beim Krawattl?«

Bruckner nahm die Axt in den Arm; seine Stimme klang heiser. »'s ganze Blut in mir drin wird rebellisch, so oft mir a Stückl Wild über'n Weg lauft. Aber mein Schwur hab ich ghalten bis zum heutigen Tag.«

»Ja, ja, ich glaub dir schon!« Schipper schmunzelte. »Und wenn's drauf ankäm – so weit die Gschicht mich angeht, ich tät vielleicht reden lassen mit mir.«

Der Bauer maß den Jäger mit hartem Blick. »Dir könnt man so was zutrauen! Dir!«

»Wir zwei sind alte Spezi. Unser Freundschaft hat festen Halt. Wenn's wieder schnackeln tät bei dir, mich brauchst net fürchten. Der Franzl halt! Der versteht kein Spaß.« Immer leiser wurden Schippers Worte. »Der hat was an ihm, wie sein Vater gwesen is.«

Eine Weile standen die beiden Aug' in Auge.

Dann legte Schipper lachend die Hand auf Bruckners Schulter. »Du! Da droben hab ich die' Schwester troffen. Die gfallt mir. So eim Madl z'lieb wär mir net amal der Umweg über'n Pfarrer z'weit.«

Bruckner richtete sich auf. »Dös geht aber gschwind bei dir.«

»Ja, wie bei die guten Hirsch!«

»Schau, dös Madl macht ja die ganzen Jager rebellisch!« höhnte der Bauer. »Gestern der ander. Und heut schon du! Da tut mir d' Wahl weh.«

»Der ander?« fuhr es über Schippers Lippen. Dann fand er sein Schmunzeln wieder. »Den brauch ich net fürchten. Ich hab meine Gründ dafür. Jetzt gfallt mir 's Madl noch viel besser. Und wenn ich Ernst machen tät? Was könntst denn aussetzen an mir? Die schönste Stellung, neunhundert Mark, Holz und Loschie. Mein Posten tragt mir auch sonst noch was. In fünf Jahr hab ich dreitausend Mark erspart. Und wenn der Graf amal den letzten Schnaufer tut, vergißt er mich gwiß net im Testament. So gern hat er mich. Jetzt red, Spezi! Was meinst?«

Bruckner trat dicht vor den Jäger hin, mit brennenden Augen. »Der ander kommt mir net ins Haus. Dös hat sein Grund. Da hast recht; aber eh mir du mit deiner Hand an d' Schwester rührst, eh schlag ich dich nieder mit der Axt.«

Schipper wurde um einen Schatten bleicher, doch er lächelte. »Geh, geh! Da möchten s' dich aber ordentlich einkasteln. Und vor so was hast an Respekt. Dös weiß ich aus Erfahrung. Und mußt halt auch a bißl an deine Kinder denken! Die brauchen den Vater. Aber ich merk, heut is dir was über's Leberl glaufen, heut is net gut diskrieren mit dir. Muß ich halt an andersmal wieder anklopfen. A bißl fester. Gelt ja?« Lachend stieg Schipper durch den Wald hinauf. Als er den Steig erreichte und sich umguckte, stand Bruckner noch immer an der gleichen Stelle, die Axt in der schlaff hängenden Hand. »Jetzt studiert er aber!«

Es wurde dunkle Nacht, bis Schipper die erleuchteten Fensterchen der Jagdhütte zu Gesicht bekam. Auf dem Steig, ein paar Dutzend Schritt vor ihm, hörte er das Schuhgeklapper des anderen, der den Hund von der Hochalm abgeholt hatte und auf den Armen zum Palais Dippel trug.

In der Hüttenstube klang die Zither. Sie verstummte, als Franzl die Schuhe an die Schwelle stieß. Hastig legte Graf Egge die blitzenden Edelsteine, die er zu seinem Zeitvertreib in einer Herzlinie rings um die weiße Hirnschale des Krickels gereiht hatte, in das hölzerne Kistchen zurück und verwahrte Gehörn und Steine in einem kleinen Wandschrank, der zu Häupten des Bettes in die Balken eingelassen und mit schwerem Vorhängschloß zu versperren war. Als Graf Egge den Schlüssel abzog, trat Franzl in die Stube. Sein Herr machte große Augen, als er auf den Armen des Jägers den Schweißhund mit dem verpflasterten Schlegel sah.

»Was hat der Hund?«

Mit kurzen Worten erzählte Franzl Wortlos nickte Graf Egge und trug den Hund zum Bett; auf seinem Gesicht war die Sorge zu lesen, die er um das Tier empfand. Nachdem er aufmerksam das Pflaster untersucht hatte, setzte er sich an die Seite des Hundes und kraute ihm Stirn und Ohren. »Hast du Wild gesehen?«

»Wohl, Herr Graf.« Franzl zog das Notizbuch aus der Tasche und begann seinen Rapport. Als er damit zu Ende war, tat er einen tiefen Atemzug. »Und jetzt, Herr Graf, muß ich die Gschicht von heut von der Fruh zur Sprach bringen.«

»Warum?« Ein kaum merkliches Lächeln.

»Aber Herr Graf! Schauen S' mir doch ins Gsicht! Man muß mir doch anmerken, was ich für an Tag hinter mir hab? Zur Hälft bin ich selber dran schuld. Es is unrecht gwesen, daß ich mich vom Gachzorn hab hinreißen lassen. Statt daß ich mich am Schipper vergreif, hätt ich mich vor mein Herrn hinstellen und ehrlich fragen sollen: ›Können Sie vom Franzl so was glauben, Herr Graf?‹«

»Hab ich einen Verdacht gegen dich ausgesprochen?«

»Dös is freilich wahr, aber –« Dem Jäger verschlug's die Rede, weil er hörte, daß Schipper in die Hütte trat. Mühsam hielt er seine fünf Sinne beisammen, und als er nur erst ein paar verworrene Sätze herausgestottert hatte, kam er in warmen Zug. Forschend hing Graf Egges Blick an dem Jäger, den die Worte immer heißer von den Lippen sprudelten. Wie er zu Mali gesprochen, so redete er jetzt zu seinem Herrn, Ehrlichkeit in jeder Silbe, in jedem Laut seiner Stimme. »Herr Graf,« so schloß er, »meine Händ sind sauber. Glauben S' mir jetzt?«

Kühl und ruhig klang die Antwort. »Ja, ich glaub dir.«

Die Tür ging auf, aus der Küche hörte man das Krachen des Feuers, und Schipper trat ein. »Wünsch guten Abend, Herr Graf.« Er begann den Tisch für das Nachtmahl zu decken.

Franzl strich mit der Hand übers Haar. Nun hatte er die Antwort, klar und deutlich – und doch gefiel sie ihm nicht. Er stand noch eine Weile. »No also –« sagte er, als wäre alles in Ordnung, und ging aus der Stube.

Graf Egge sah ihm nach, und als die Tür sich geschlossen hatte, fragte er den andern: »Für wen deckst du?«

»Für Sie, Herr Graf, und für uns.«

»Ich esse allein.«

Schipper machte eine Bewegung, die eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Verbeugung hatte, legte die zwei überzähligen Löffel wieder in die Tischschublade zurück und verließ die Stube.

Draußen in der Küche saß Franzl auf dem Herd und starrte ins Feuer. Als er hinter sich den Schritt des anderen hörte, sprang er auf.

»Was willst?« fragte Schipper mit der Harmlosigkeit einer sechzehnjährigen Kranzjungfer.

Es zuckte in Franzls Fäusten; doch er wandte sich ab, trat ins Freie und setzte sich auf die Hüttenbank. Sehnsüchtig guckte er zu den flimmernden Lichtern des Himmels auf, als könne er den Fall einer tröstenden Sternschnuppe erwarten. Da droben rührte sich nichts. Die Weltordnung weigerte sich, dem Hornegger-Franzl in dieser Nacht eine Gefälligkeit zu erweisen.

Nach einer halben Stunde rief ihn Schipper zum Nachtmahl. Er trat wohl in die Küche, doch statt sich zu der von Graf Egge halb geleerten Pfanne zu setzen, stieg er über die Leiter zum Heuboden hinauf.

Schipper zitierte schmunzelnd das Sprichwort: »Wer trutzt bei der Schüssel, schadt sich am Rüssel!« Als er die Pfanne geleert hatte, schmierte er Graf Egges Bergschuhe mit besonderer Sorgfalt. Da erschien sein Herr unter der Stubentür.

»Du, mir scheint, dem Hirschmanndl wird d' Nasen heiß.«

Es zuckte freudenvoll über Schippers Gesicht, als er den Dialekt dieser Worte hörte – ein sicheres Zeichen, daß sich am Gewitterhimmel seines Herrn die dunkelsten Wolken zu verziehen begannen. Geschäftig rannte Schipper in die Stube und unterzog den auf dem Bett liegenden Hund einer genauen Untersuchung.

»Herr Graf, da können S' ruhig sein! Dem Hirschmanndl fehlt net viel. Wär net übel, wenn dös arme Hundl von der verfluchten Gschicht auch noch was haben müßt. Und weil wir schon grad reden davon, Herr Graf, da muß ich schon sagen –«

»Halt dein Maul!« fuhr ihm Graf Egge ins Wort. »Die Kruck is da, Gott sei Dank! Aber die Gschicht is mir heut den ganzen Tag im Kopf rumgangen. Es ist die reine Unmöglichkeit, daß a fremder Mensch dem Bock die Krucken abgschlagen hat. Wenn's also kein Fremder war, so war's einer von euch zweien. Aber wer? Der Franzl is an ehrlicher Narr, ich kann ihm so was net zutrauen. War's also der Franzl net, so mußt es du gwesen sein!«

Schipper legte gekränkt die beiden Hände auf sein redliches Herz. »Aber Herr Graf –«

»Halt dein Maul, sag ich! Ein Gauner bist du ja! Aber ich bin dir doch gestern gleich nachgstiegen. Und heut in der Nacht kannst du doch auch net aufgstanden sein! Also, wenn du der Heilige bist, is wieder der ander der Lump. Ich kenn mich nimmer aus. Und wenn ich scharfe Saiten aufziehen möcht, so müßt ich euch alle zwei zum Teufel jagen. Was hab ich davon? Der Franzl is ein Jager, wie ich weit und breit keinen find'. Und so wie du hat mir noch keiner meine Schuh geschmiert, so schlau wie du stellt sich keiner an, wenn's der Jagd zulieb was zu vertuscheln gibt. Was bleibt mir also übrig, als daß ich fünfe grad sein laß? Aber eins merk dir, Schipper: der erste von euch zwei, der mich ärgert – der fliegt! Ohne Gnad und Pardon!« Graf Egge griff nach seinem rechten Schienbein.

Schipper bot den Anblick eines Märtyrers, der in der Arena steht und mit stiller Ergebung den Löwen erwartet. »Da kann ich mich nimmer verteidigen. Da bleibt mir nix übrig, als daß ich mei' Pflicht und Schuldigkeit tu und auf die Stund wart, wo der Herr Graf einsieht –«

»Hör auf mit dem Gesäusel!« brummte Graf Egge; in Schmerz verzog er das Gesicht und hob den Fuß auf einen Sessel. »Herrgott! Herrgott!«

»Haben S' wieder Schmerzen?« Schipper war in die verkörperte Sorge verwandelt. »Jetzt legen S' Ihnen aber gleich ins Bett!« Mit beiden Händen zog er seinem Herrn die Joppe herunter. »Morgen müssen S' wieder ordentlich beinand sein. Morgen schießen S' drei, vier Gamsböck und a paar gute Hirsch!«

»Meinst du?«

»Natürlich! Da sorg ich schon dafür. Aber jetzt nur gleich ins Bett!«

Graf Egge ließ sich zur Matratze führen und trat mit dem kranken Fuß so vorsichtig auf, als wäre der Stubenboden mit Nadeln gespickt. »Teufel! Das wird mir doch um Gottes willen net bleiben! Aber macht nix, 's Jagen gib ich deswegen net auf. Wenn mein Füß nimmer mögen, laß ich mich nauf tragen zum Gamsschießen. So lang's im Aug net fehlt, is gar nix verloren!«

Unter einem zärtlichen Wortschwall entkleidete Schipper seinen Herrn. »So, jetzt haben S' a paar Minuten Geduld, nachher komm ich mit'm Franzbranntwein und mit die warmen Tücher.« Er sprang in die Küche.

Als er nach einer Weile seine Kur begann und das nackte Bein seines Herrn unter den Händen hatte, blickte Graf Egge zwinkernd auf ihn nieder.

»Schipper! Ich kann vieles verstehen. Sag mir ehrlich: Hast du dem Bock die Kruck heruntergeschlagen?«

Ohne das Frottieren auszusetzen, fing Schipper zu lachen an. »Jetzt hören S' aber auf! So a Spaßvogel wie Sie is auf der Welt meiner Lebtag noch nie net dagwesen!«

Graf Egge schwieg.

Über den beiden zitterte die Stubendecke. Dort oben auf dem Heuboden wälzte Franzl sich in schlafloser Kümmernis von einer Seite auf die andere.

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