Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Ganghofer >

Schloß Hubertus

Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchloß Hubertus
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleSchloß Hubertus
pages3-465
created20010814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
Schließen

Navigation:

9

Um die gleiche Stunde, als alle die steilen Wände in greller Abendhelle leuchteten, kehrte Graf Egge von der Jagd, die ihm nach wechselnden Aufregungen schließlich doch den heißersehnten Schuß gewährt hatten, müd' ins Palais Dippel zurück. Der gewaltsame Nervenreiz der überstandenen Erregung blieb nicht ohne Rückschlag auf seinen sechzigjährigen Körper. Er schleppte den schmerzenden Fuß, als hätte er Blei im Schuh. Und die brennende Beule auf seiner Stirn hatte sich so weit ausgewachsen, daß er Hut nicht mehr sitzen wollte.

Vor der Hütte lehnte Graf Egge Büchse und Bergstock an die Wand und ließ sich auf die Hausbank nieder.

In den Latschen klirrte ein Schritt, und ehe Franzl noch völlig aus den Büschen auftauchte, klang schon seine Stimme: »Ich gratuliere, Herr Graf!«

»Verschrei nix, du Lalle du!« rief Graf Egge lachend zurück. »'s Kügerl hat er droben, aber liegen tut er noch allweil net.«

»Was? Dös glaub ich Ihnen aber doch net recht, Herr Graf! Wenn's bei Ihnen schnöllt, nachher liegt doch 's Sach. Den Bock braucht man bloß aufklauben morgen in der Fruh. Da kann ich deswegen doch gratulieren. Aber was war denn mit die drei anderen Schuß?«

»Auf den ersten Bock hab ich geschossen in der Wut, weil ich glaubt hab, der gute kommt nimmer.«

»Da schau, ich hab mir's aber gleich denkt!« Franzl trat durch den Zaun; die Haare klebten ihm an der Stirn, und in glitzernden tropfen rann ihm der Schweiß über den Hals; die Ärmel seiner Joppe waren von grauem Schutt überstäubt, die Hände zerschunden und die nackten Knie fleckig von getrocknetem Blut. »Aber die zwei anderen Schuß?«

»Was sagst! Was mir der Schipper da für Sachen macht! Auf den ersten Schuß springt mit der Gamsbock weg mit der Kugel auf'm Blatt. Schießt ihm der Schipper noch zweimal nach! Ich hab rein gmeint, ich muß ihm die Ohrwascheln aus'm Grind reißen!«

Franzl fand nicht gleich eine Antwort und sagte zögernd: »Die zwei Schuß hätten 's Millihaferl bald umgworfen.« Er schöpfte Atem. »Aber weil nur alles gut gangen is! Und passen S' auf, die Kruck wenn S' morgen sehen! So eine hat meiner Lebtag kein Bock net droben ghabt.« Er stellte die Büchse an die Mauer, nahm den Hut ab und fuhr mit dem Ärmel über die nasse Stirn. »Verteufelt hart is die Gschicht gangen.«

»Hast du schlechten Weg in der Wand gehabt?«

Franzl lachte. »Meine Fingernägel kann ich suchen. Und Haut und Haar hab ich auch in der Wand drin lassen, daß man sich a Pfeifl voll anzünden könnt!«

Graf Egge erhob sich und klatschte zufrieden die beiden Hände auf die Schultern seines Jägers. »Gut hast du alles gemacht! Jetzt wünsch dir was!«

Franzls Augen strahlten vor Vergnügen. »Ich brauch nix! Weil nur Sie den Bock haben, Herr Graf! Aber wenn S' schon was übrigs tun wollen, so erlauben S' halt, daß ich mir nach'm Essen a Flaschl Bier raufhol. In mir drin spür ich was wie 's reine Schmiedfeuer.«

Der bescheidene Wunsch schien die gute Laune des Grafen noch zu steigern. »Ja, Franzl, die Flasche sollst du haben, die hast du verdient. Und jetzt geh und fang zu kochen an. Da kommt der Schipper schon mit dem ersten Bock.«

Franzl trat in die Hütte, und Graf Egge folgte, um die Joppe abzulegen und die schweren Bergschuhe gegen die Filzpantoffel zu vertauschen. Dann nahm er einen naßkalten Bund um die Stirn, zündete in der dämmerigen Stube die Hängelampe an und stimmte die Zither.

Schipper brachte den Bock und hängte ihn unter dem vorspringenden Dach mit den Krickeln an einen hölzernen Zapfen. Ohne Gruß trat er in die Küche, streifte die Schuhe von den Füßen und schleuderte sie in einen Winkel. Franzl, der schon beim flackernden Feuer stand und den Teig zum Schmarren rührte, sah über die Schulter. »Heut kommst aber ungut heim?«

Ein Fluch war die Antwort. Erst nach einer Weile fragte Schipper: »Hat der Herr Graf schon erzählt, was ich angestellt hab?«

Franzl sagte begütigend: »Gscheit war's freilich net, und die zwei Schuß hätten viel verderben können. Aber schau, es is doch alles gut ausgangen. Da mußt dich net ärgern!«

»Gleich vergiften könnt ich mich.« Schipper hob die Stimme, daß man seine Worte in der Stube hören mußte. »Die zwei Schuß vergißt mir der Herr Graf so bald net! Grad dem Himmel kann ich danken, daß der ander Bock noch kommen is. Der muß die Kugel auf'm schönsten Fleck haben. Ich glaub, er liegt schon lang verendet in der Wand droben. Da brauchst morgen in der Fruh nur dem Wechsel nachsteigen, so mußt schnurgrad an den Bock hinrennen.« Schipper trat in die Grafenstube.

Vorsichtig goß Franzl den Teig in die Pfanne, in der die heiße Butter zischte. Und während er die brodelnde Speise überwachte, lauschte er auf das sentimentale Volkslied, das in der Stube von Graf Egge mit großem Gefühlsaufwand, mit Tremolo und süßen Flageolettönen gespielt wurde. Leise summte Franzl die Worte des Liedes mit, und ein verträumtes Lächeln spielte um seinen Mund. Er hatte, als er durch die Felswand gestiegen war, auf den steilen Graskuppen eine Menge blühender Edelweißstauden entdeckt. Nun meinte er, daß sich ein Sträußchen der weißen Sterne an Malis Kammerfenster nicht übel ausnehmen würde. Da müßte man nur wissen, welches Fenster das richtige wäre. In Gedanken umwanderte Franzl das ihm wohlbekannte Haus – aber merkwürdig: aus jedem Fenster guckte das finstere Gesicht des Bruckner.

In der Stube verstummte das Zitherspiel. Schipper deckte den Tisch. Das war kurze Arbeit: ein kleines Stück blaugefärbter Leinwand wurde ausgebreitet und drei zinnerne Löffel darauf gelegt. Hinter dem Ofen hob Schipper das Falltürchen der Kellergrube und holte einen schon zu Ende gehenden Laib Brot herauf.

»Nimm gleich eine Flasche Bier für den Franzl mit!« rief Graf Egge, der sich auf die Matratze gestreckt hatte und den Schweißhund als lebendige Wärmflasche für seine Füße benützte.

»Eine nur, Herr Graf?«

»Is lang schon gnug!«

Franzl erschien, in der einen Hand die dampfende Pfanne, in der anderen ein kleines rußiges Brettchen, das er in die Mitte des Tisches legte, als Untersatz für die Pfanne.

Graf Egge erhob sich. Stehend, mit gefalteten Händen, wurde der Abendsegen gesprochen, wie in einer Bauernstube. Nach dem Amen sagte der Graf: »Guten Abend miteinander!« Und die Jäger antworteten: »Guten Abend, gnädiger Herr Graf!« Dann schoben sie sich hinter den Tisch; in der zugesicherten Ecke saß Graf Egge, Schipper zu seiner Rechten, Franzl zur Linken. Den Löffel in der Hand, mit aufgestütztem Arm, warteten die Jäger, bis der Graf den ersten Bissen genommen hatte; dann griffen auch sie zu, und einträchtig löffelte das Kleeblatt die grobe, fette Kost aus der Pfanne.

Als das Mahl zu Ende war, trug Schipper die Pfanne in die Küche und brachte für seinen Herrn einen Maßkrug voll Wasser, in das Graf Egge einen Schluck Enzian goß, »damit 's Schmalz im Magen net rebellisch wird«, wie er sagte. »Wer rauchen will, kann 's Pfeifl anzünden. Du, Franzl, mach dir dein Bier auf!«

Schmunzelnd, mit feierlicher Umständlichkeit, entkorkte Franzl die Flasche und goß ihren Inhalt vorsichtig in eine hölzerne Bitsche – eine Flasche Bier bedeutete in Graf Egges Jagdhütte soviel wie auf einem bürgerlichen Tisch eine Flasche Champagner, im Staatsbetrieb ein hoher Orden.

Bald dampften die Pfeifen, und Graf Egge griff zur Zither. Die blauen Wölklein kräuselten sich um die Hängelampe, und beim schwirrenden Klang der Saiten kehrte eine behagliche Stimmung in der kleinen Stube ein. Spielte Graf Egge eine schmachtende Volksweise, so mußte Stille herrschen; stimmte er einen lustigen Ländler an, so wurde geplaudert und gelacht, und die Jäger schlugen mit den schweren Holzpantoffeln den Takt. Schließlich kamen die Schnaderhüpfel an die Reihe. Mit erstaunlicher Virtuosität pfiff Graf Egge das Zwischenspiel und sang ein Gesetzlein. Und so lustig weiter. In seinem Gedächtnis war ein reicher Schatz von Schnaderhüpfeln aufgespeichert, und wenn er in vergnügter Stunde das Türchen öffnete, flogen die kleinen vierzeiligen Lieder aus, eins nach dem andern, wie die Bienen aus ihrem Stock. Er selbst unterhielt sich dabei am allerbesten und bot in seiner saftigen Laune einen Anblick, der auch einen anderen erheitern mußte: hemdärmelig, um den grauen Kopf die weiße Binde und darunter das vom Lachen rote Gesicht mit dem zitternden Bart und dem lustigen Faltenspiel um die zwinkernden Augen. Wer ihn zu solcher Stunde sah, konnte auch mit der schärfsten Menschenkenntnis nicht höher raten als auf einen pensionierten Förster, auf einen gutmütigen, kreuzfidelen Alten, der in Gesellschaft jüngerer Kameraden die Erinnerung an vergangene Zeiten aufgefrischt und ein Schöpplein über den Durst getrunken hatte.

Es war späte Nacht geworden, als Schipper endlich mahnte: »Herr Graf, es is Schlafenszeit. Morgen heißt's in aller Fruh den Bock suchen.«

Graf Egge nickte und wollte die Zither beiseitestellen. »Aber halt, ich muß meim Böckerl noch eins singen zur guten Nacht!« Schmunzelnd begann er wieder zu spielen, zog die Brauen auf und besann sich. Nun sang er:

»Viel Jahr hat er mich ghieselt,
Und hat mich gföppelt und gnarrt,
Zletzt war ich halt dengerst der Schläuchre,
Hab 's richtige Stündl derwart!
Und 's richtige Stündl hat gschlagen,
Und 's Büchserl hat sakerisch kracht,
Und 's richtige Kügerl is gflogen –
Mein Böckerl, ich wünsch dir gut Nacht!«

Mit einem Jauchzer, der einem Hüterbuben Ehre gemacht hätte, schloß Graf Egge das Spiel. »So! Jetzt legen wir uns schlafen! Herrgott, ich glaub, daß ich die ganze Nacht von nix anderem träum als von meiner Kruck.«

Sie erhoben sich, Franzl als der erste. Er spürte die schweren Wege des Tages in allen Knochen, wünschte seinem Herrn gute Nacht und verließ die Stube. Mit eingekniffenen Augen sah ihm Schipper nach und lächelte.

Kaum hatte Franzl hinter sich die Tür geschlossen, so hörte er Schipper mit lauter Stimme sagen: »Heut muß er müd sein, der Franzl! Er hat sich verteufelt plagt. Und gut hat er's gmacht, dös muß ich selber sagen. Da müssen S' ihm morgen schon die Ehre lassen, Herr Graf, daß er den Bock aufhebt und die Krucken bringt.«

»Ja, heut bin ich zufrieden mit ihm. Heut war er sein ganzer Vater.«

Franzl fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Er hätte sich für die schwere Mühe des Tages keinen besseren Dank gewünscht als diese Worte seines Jagdherrn. Und daß auch Schipper einmal gut von ihm redete und ihm die verdiente Jägerehre gönnte, das freute ihn doppelt. Schipper hatte sich nicht immer als sein Freund erwiesen und hatte ihm bei Graf Egge schon manche bittere Suppe eingebrockt. Weshalb? Das hatte Franzl sich nie erklären können. Einmal war er hart mit Schipper aneinander geraten, und damals hatte ihn aus diesen grauen, kalten Augen etwas angeblickt, das ihn betroffen machte. Aber weshalb sollte Schipper ihn hassen? Franzls ehrliche Natur wehrte sich gegen einen solchen Gedanken. Und so blieb ihm für Schippers ungute Art nur die eine Erklärung: Ich bin der jüngere, und er fürchtete, daß ich ihn einmal von seinem Platz verdrängen könnte, wie er selbst vor einigen Jahren den alten Moser aus seiner Stellung hinausgedrückt hatte. Aber Graf Egges Büchsenspanner zu werden, war Franzls letzter Ehrgeiz. Er war zu sehr mit Leib und Seele Jäger, um Sehnsucht nach dem »Stubendienst« zu empfinden, der bei Graf Egge seine »bösen Mucken« hatte. Er hing mit seinem ganzen Herzen an Wald und Bergen, am freien Wandern und Steigen. Vielleicht hatte Schipper nun endlich eingesehen, daß er in dem jüngeren Kameraden keinen Nebenbuhler zu fürchten hatte. So meinte Franzl. Anders wußte er sich die anerkennenden Worte Schippers, die er soeben gehört hatte, nicht zu erklären.

Ihm war bei diesem Gedanken, als fiele ihm ein Gewicht von der Seele. Dieser schleichende Zwist hatte ihm oft die Freude an seinem Berufe vergällt, ihm Verdruß und Sorgen in Fülle bereitet. Das war nun zu Ende, und freundlicherer Zeiten mußten kommen. Aufatmend trat er ins Freie, um vor dem Schlafengehen noch einen Trunk frischen Wassers zu nehmen. Friedliche Nachtstille lag um die Hütte her. Der Mond war hinter die Berge gesunken, und zahllos funkelten die Sterne am stahlblauen Himmel. Als Franzl vom Brunnen zurückkehrte, sah er eine Sternschnuppe mit langem Feuerschweif durch die Luft sausen und in Funken zerstieben. Er stammelte ein paar Worte, noch ehe die Erscheinung erlosch. Dann lachte er »Sakra, Mali, jetzt hab ich mir aber was Schöns gwunschen!« Er trat in die Hütte und stieg in glücklicher Stimmung über die Leiter zum Heuboden hinauf. Behaglich streckte er die müden Glieder in das weiche Heu.

Als drunten die Tür ging, schlummerte Franzl schon so fest, daß er auch nicht erwachte, als Schipper sich an seiner Seite ins Heu warf.

Stille Stunden verrannen.

Schipper, der einen Schlaf hatte wie eine Katze, wurde mehrmals wach. Es ging schon gegen Morgen, als er aus der Stube des Grafen herauf ein Geräusch vernahm. Lautlos erhob er sich und glitt über die Leiter hinunter. Eine halbe Stunde später rasselte in der Küche der Wecker, und Franzl erwachte. »He, Schipper, auf, der Wecker is gangen!« Als er keine Antwort hörte, griff er nach rechts und links ins Heu. »Wo bist denn, Schipper?« Erschrocken sprang er auf. »Um Gotts willen! Ich kann doch net verschlafen haben?« Ein Blick auf die Fensterluke beruhigte ihn; draußen graute kaum der Tag. Er griff nach seiner Joppe und stieg in die Küche hinunter, auf deren Herd ein kleines Feuer flackerte. Schipper kam aus der Grafenstube, ein Leintuch in der Hand.

»Was is denn?« fragte Franzl.

Schipper drückte das Leintuch in eine irdene Schüssel und stellte sie über das Feuer. »Heut hat er an schiechen Hamur. In der Nacht hat ihm träumt, daß er den Bock net kriegt. Und wie er aufwacht, is ihm der ganze Fuß steif gwesen. Mach nur, daß d' weiter kommst, und schau, daß der Bock bald da is! Da wird ihm gleich wieder besser. Ich muß ihm warme Tücher machen und muß ihm den Haxen frottieren. Mir scheint, 's Zipperl fangt wieder an.«

»Mein Gott, der arme Herr!« Franzl rannte zum Brunnen, um sich zu waschen. Er dachte nicht an das Frühstück und war mit Büchs und Bergstock schon davongerannt, noch ehe das Tuch in der Schüssel warm wurde.

Als er den Platz erreichte, auf dem Graf Egge geschossen hatte, begann der helle Tag. Der Wand zu Füßen fand er über dem groben Geröll die roten Spuren auf drei getrennten Stellen. Kopfschüttelnd betrachtete er die Schweißfährten, die ihm unerklärlich waren. Er grübelte nicht lange, sondern begann über den Wechsel anzusteigen. Nach langem Suchen fand er in der Steinrinne den Platz, wo der kapitale Bock im Augenblick des Schusses gestanden hatte. Abgeschossenes Haar und noch feuchter Schweiß bezeichnete die Stelle. Franzl atmete erleichtert auf; die lichte Farbe des mit kleinen Bläschen durchsetzten Schweißes verriet den tödlichen Lungenschuß. Ruhig stieg Franzl weiter; er konnte den Weg, den das Wild genommen, nicht verfehlen; zur Linken war der Absturz, zur Rechten die glatte Wand; auch machte es ihm keine Sorge, als schon nach kurzer Strecke die Schweißfährte zu Ende ging – der Bock mußte wenige Minuten nach dem Schuß verendet sein und konnte keine hundert Sprünge mehr gemacht haben.

Franzl stieg und stieg, kam von Rinne zu Rinne, von einer Scharte zur andern. Nichts. Befremdet stieg er zurück, begann wieder von Anfang an zu spüren und spähte bei jedem Schritt hinunter auf das offene Kiesfeld, auf dem er das Wild, wenn es vom Wechsel in die Tiefe gestürzt wäre, sofort hätte entdecken müssen.

Zwei volle Stunden waren ihm bei nutzloser Arbeit vergangen, als er den Grafen mit Schipper, der den Hund an der Leine führte, durch die Latschen gegen die Felswand steigen sah.

Schon von weitem schrie Graf Egge: »Hornegger? Was is denn?«

Und Franzl, mit vor Aufregung heiserer Stimme, rief aus der Wand herunter: »Da kenn ich mich nimmer aus, Herr Graf! Der schönste Lungenschweiß, aber weit und breit kein Bock net!«

»Was! Ah, das wär net übel! Mir scheint, da muß ich selber nauf!« Graf Egge legte die Büchse ab und zappelte über das Geröll empor, als wären plötzlich alle Schmerzen in seinem Knie geschwunden.

Schipper lief ihm nach und faßte seinen Arm. »Aber Herr Graf! Was machen S' denn! Sie! Und da naufsteigen! Mit Ihrem Fuß!«

»Laß aus! Fuß hin oder her, es gibt keine Wand, in die ich um so einen Bock net naufsteig. Wenn der junge Lapp da droben den Verstand verliert, muß ich selber suchen. Laß aus!« Graf Egge riß sich los und begann erregt über den Wechsel emporzuklimmen. Schweigend folgte ihm Schipper mit dem Hund.

Droben in der Steinrinne trafen sie mit Franzl zusammen. Ohne auf ihn zu hören, ließ Graf Egge sich vor der Rotfährte aufs Knie, musterte den Schweiß und jedes abgeschossene Haar. Als er sich aufrichtete, nickte er beruhigt. »Der Bock muß liegen. Schipper! Laß den Hund aus!«

»Aber Herr Graf!« mahnte Franzl. »In er Wand laßt man doch kein Hund aus! Der Hund is hitzig. Wenn er abfallt?«

An Graf Egges Schlägen schwollen die Adern. »Laß den Hund aus!« Er trat zur Seite, um Platz für Schipper zu machen, der den Hund auf die Rotfährte setzte und die Leine löste.

Winselnd nahm Hirschmann die Fährte an und verschwand hinter der Scharte. Franzl wollte folgen, aber Graf Egge schrie ihn an: »Laß mich voraus!« Sie stiegen zur Scharte hinauf, Schipper als der letzte. Als der Wechsel eben wurde, sahen sie den Hund wieder zurückkommen, mit suchender Nase. Das war ein gutes Zeichen, und Graf Egge lachte: »Natürlich! Der Bock liegt drunten. Und dort muß er abgefallen sein.« Er deutete auf den Hund, der bei einer vorspringenden Steinplatte hielt und die Nase winselnd über den Fels hinausstreckte. In fieberndem Eifer, kläffend und mit trippelnden Füßen suchte der Hund einen Weg in die Tiefe.

»Packen S' den Hirschmann, Herr Graf!« schrie Franzl. Im gleichen Augenblick verlor der Hund auf der abschüssigen Platte den Halt; er versuchte noch einen Sprung, überschlug sich und stürzte in die Tiefe. Man hörte einen dumpfen Klatsch. Franzl wurde dunkelrot im Gesicht, doch er schwieg.

»Dös macht ihm nix!« meinte Schipper. »Es ist net hoch nunter.«

Da hörten sei ein Winseln des Hundes, dann seinen hellen Standlaut.

»Er hat den Bock!« rief Graf Egge. »Nur hinunter jetzt, hinunter!«

Schipper klomm in ungestümer Hast über die Scharte; Franzl wollte ihm folgen, doch Graf Egge rief ihn zurück – beim Abstieg versagte ihm der schmerzende Fuß, und er brauchte einen Helfer. Während die beiden durch die Steinrinne langsam niederstiegen, erreichte Schipper den Latschenbusch, in welchem Hirschmann an der starren Wildleiche zauste. Mit einem Faustschlag trieb Schipper den Hund zurück, faßte einen Steinbrocken und rieb damit die zerhackte Hirnschale des Bockes, daß sie frisch zu schweißen begann.

Schwer atmend trat Graf Egge, von Franzl gestützt, aus der Steinrinne auf den kiesigen Hang heraus. Da hörte er hinter der Biegung der Felswand die erschrockene Stimme seines Büchsenspanners: »Mar' und Josef!«

Diese Worte ließen nichts Gutes ahnen. »Schipper?« Als keine Antwort kam, setzte Graf Egge sich in Trab. »Herrgott, der Bock wird sich doch die Kruck net abgfallen haben!«

»Ja, Herr Graf, mit der Kruck is was passiert!« klang die Stimme Schippers.

Stolpernd rannte Graf Egge über das Geröll; als er die Biegung der Felswand erreichte, sah er Schipper auf dem Kieshang stehen, und hinter dem Jäger lag der Bock. »Aber so red doch! Was is denn?«

Scheu zog Schipper den Hut, mit einer Trauermiene, als hätte er einem Leichenbegängnis beizuwohnen, und seine Stimme zitterte: »Ich trau mir's gar net sagen, Herr Graf! Dem Bock is mit'm Messer die Kruck abgschlagen.«

Graf Egge rührte nur die Lippen, doch er brachte kein Wort heraus; sein Gesicht war weiß wie Kalk geworden, und auf der fahlen Stirn sah man die Stelle der geschwundenen Beule als einen blaugrünen Fleck. Auch Franzl hatte vor Schreck die Sprache verloren. Wortlos standen sie alle drei um den Bock herum und guckten die frisch blutende Stirnhöhle an.

Endlich sagte Schipper: »Da droben in der Latschen is er glegen. Da hat der Franzl vom Wechsel aus net hinsehen können. Und gelt, Franzl, vom Wechsel bist ja net wegkommen?«

»Ich? Kein Schritt!«

»Freilich, es hätt auch net viel gholfen. Der Hund hat ja rein auf den Bock auffifallen müssen, daß er ihn findt. Aber gelten S', Herr Graf, gelten S', hätten S' mir gfolgt gestern abend, und hätten wir den Bock gleich gsucht. Vielleicht wär er zum ausmachen gwesen, und 's Malör wär net gschehen. Weil S' aber auch gar nie folgen wollen und allweil 's eiserne Köpfl aufsetzen. Ich kann mir's gar net anders denken: einer von die Hüterbuben muß der ganzen Jagd zugschaut haben –«

»Aber geh,« fiel Franzl ein, »die Hüter sind ordentliche Leut.«

Schipper verlor die Ruhe. »Es muß aber doch einer gwesen sein! Wo is denn die Kruck? Wer hat s' denn davon? Der Lump, der gottvergessene, hat von weitem den angschossenen Bock in der Wand drin gsehen. Und kaum sind wir in der Hütten gwesen, is der her, der Tropf, und hat schön heimlich gwart, bis der Bock abigfalln is.«

»Du Schafskopf! Bist du blind?« Das war hochdeutsch; Graf Egges Lippen zitterten vor Wut, und seine Augen funkelten. »So sieh doch her! Die Schale schweißt noch, und der Schnitt ist frisch.«

Betroffen beugte sich Schipper über den Bock. »Meiner Seel!« Blitzschnell glitten seine Augen an Franzl hinauf, und Graf Egge gewahrte diesen Blick. »Dös hab ich vor lauter Schreck net beobacht! Da kann ja 's Malör erst heut in der Fruh gschehen sein?« Wieder hefteten sich seine kalten grauen Augen auf den Kameraden.

Franzls Gesicht verlor unter diesem Blick alle Farbe. »Aber Schipper, wie kannst denn so was reden! Wie's Tag worden is, bin ich ja schon dagwesen, und unter meine Augen hat's doch wahrhaftiger Gott net gschehen können!«

Ratlos hob Schipper die Arme und ließ sie wieder fallen. »Da hat der Franzl wieder recht. Ich weiß nimmer, was ich denken soll.«

Graf Egge hielt die Augen auf Franzl geheftet und fragte mit schmalen Lippen: »Hornegger? Was hast du? Ist dir übel? Du siehst aus wie ein Gestorbener?«

»Aber Herr Graf! Man wird halt außen anmerken, wie mir inwendig z'mut is.« Franzl würgte mühsam jedes Wort hervor. »Ich weiß doch, was Ihnen die Krucken gilt. Und ich bin außer Rand und Band, ich spür kein Tropfen Blut nimmer.« Die Stimme erlosch ihm.

»Dös is doch begreiflich,« nickte Schipper, »mir selber is gradso, in jedem Augenblick siedheiß und wieder eiskalt. Um Gotts willen, Herr Graf, was machen wir denn?«

»Macht, was ihr wollt!« Graf Egge ging mit wankendem Knie auf einen Felsblock zu und ließ sich nieder. »Hier sitze ich und stehe nicht wieder auf, eh ich nicht die Kruck in meiner Hand habe. Macht, was ihr wollt! Die Kruck muß her!« Zwei rote Flecken brannten auf seinen Wangen. »Und wenn ich umsonst warte, seid ihr um euren Dienst! Alle beide!«

Schipper erbleichte. »Aber Herr Graf, was kann denn ich dafür?«

Franzl hatte kein Ohr für den merkwürdigen Nachdruck, mit welchem Schipper das »ich« betonte. Er legte die Hand begütigend auf den Arm seines Kameraden. »Geh, der Herr Graf meint's net so. Es redt halt der grechte Unmut aus ihm raus. Wer die Krucken gsehen hat, wie ich gestern beim Treiben, der begreift am End alles. So was soll man verlieren müssen!« Langsam wandte Graf Egge das Gesicht, als er diese Worte hörte, und musterte forschend den jungen Jäger vom Kopf bis zu den Füßen. »Komm, Schipper, mit'm Jammer is nix gholfen. Jetzt müssen wir uns rühren. Heut in der Fruh kann's net gschehen sein, entweder gestern spät am Abend oder heut in der Nacht. Spring du zur Mitterkaseralm abi, ich lauf zur Hochalm ummi. Von die Hüterbuben war's keiner, da leg ich d' Hand ins Feuer. Aber es kann ja sein, da d' Sennleut auf'n Abend an verdächtigen Kerl gwahrt haben. Probieren wir's halt.« Franzl griff nach seiner Büchse und sprang in die Latschen.

Schipper stand unschlüssig; sein graues Gesicht hatte einen Stich ins Grüne; endlich wandte er sich und ging ohne Büchse davon. Mit schlagenden Armen kämpfte er sich durch die wirren Büsche, und als er außer Hörweite seines Herrn war, fluchte er leise vor sich hin: »Himmel Sakrament, die Gschicht geht schief!«

Da hörte er einen gellenden Jauchzer, dann Franzls jubelnde Stimme: »Herr Graf! Herr Graf! Die Kruck! Ich hab die Krucken gfunden!«

Schipper stand wie versteinert, während droben bei der Wand die vor Erregung heisere Stimme seines Herrn klang: »Her damit! Her damit!«

Schipper rannte durch die Latschen zurück, und als er den offenen Kieshang erreichte, sah er Franzl, das schwarze Krickel in der erhobenen Hand, über das Geröll hinaufstürmen. Nun versuchte auch er einen Jauchzer und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Meiner Seel, es is wahr! Ja weil nur die Kruck da is! Gott sei Lob und Dank!«

Als Franzl seinem Herrn das Krickel reichte, war er so atemlos, daß er kein Wort herausbrachte. Aber seine Augen leuchteten, und unter schnappenden Atemzügen lachte sein ganzes Gesicht.

Mit zuckender Hand hatte Graf Egge das Krickel erfaßt; die Freude trieb ihm das Blut in die Stirn, und seine Augen hingen an dem Gehörn wie an einem unbezahlbaren Schatz.»Herrgott und alle Heiligen, ist das eine Kruck! Über tausend hab ich drunten hängen. Keine zweite wie die!« Mit zitternden Fingern maß er die Spannenlänge des Gehörns; dann hastig, als hätte er einen neuen Verlust zu befürchten, schob er das Krickel unter die Joppe und schloß die Knöpfe. Suchend blickte er umher: »Wo ist der Hund?«

»Hirschmann! Hirschmann!« kreischte Schipper und pfiff durch die Finger. Der Hund blieb verschwunden. »Entweder is er durch und jagt, oder er is heim in d' Hütten. D' Hauptsach is, daß die Kruck da is!«

Endlich vermochte Franzl zu sprechen. »Gott sei Dank! Ich hab glaubt, ich muß aus der Haut fahren vor lauter Freud, wie ich durch d' Latschen durchspring, und es blitzt auf einmal die Kruck ins Gesicht – einghakelt in an Astl, wie mit der Hand dran hinghängt! Jetzt soll mir a Mensch sagen, wie die Kruck da eini kommt in d' Latschen!«

»Ich glaub schier, dös begreif ich!« lachte Schipper. »Der Lump, der miserablig, wird 's Kurasch net ghabt haben, daß er die Kruck mit in d' Sennhütten nimmt. So hat er s' in d' Latschen einighängt und hat sich denkt, er holt s' wieder, wann der erste Spektakel vorbei is! So a Wunder! Daß grad der Franzl die Krucken gfunden hat! Dös is schon merkwürdig.«

Mit langsamen Augen betrachtete Graf Egge die beiden Jäger und sagte kalt: »Ja, das ist wirklich merkwürdig!« Er wandte sich ab und stieg über das Geröll hinunter.

Erschrocken sah Franzl ihm nach. Schipper schüttelte den Kopf und sagte. »Franzl? Was is denn dös? Der Herr Graf wird doch um Gottes willen net glauben, daß du...« Er sprach nicht aus, was er sagen wollte; aber es stand in seinen Augen zu lesen.

Franzl erblaßte. Mit heiserem Laut warf er die Büchse auf das Geröll, sprang auf Schipper zu und schlug ihm die Fäuste um die Kehle. »Du! Dös Wort nimm zruck!«

»Schipper!« klang die scharfe Stimme Graf Egges von den Latschen her. Franzl ließ die Arme sinken und taumelte. »Schipper! Her zu mir! Und du, Hornegger, mach deinen Dienst!«

Einen brennenden Blick des Hasses warf Schipper auf seinen Kameraden, dann ging er mit aschfahlem Gesicht auf seinen Herrn zu und sagte ruhig: »Ich bitt, Herr Graf, was soll mit dem Bock gschehen?«

Graf Egge machte eine heftig abweisende Geste mit der Hand. »Laß ihn liegen! Heut kommen die Treiber. Sie sollen den Bock unter sich aufteilen, ich will kein Haar mehr von ihm sehen.« Er griff an die Joppe, unter der er das Krickel verwahrt trug, und suchte den Heimweg zur Hütte.

Schipper holte die beiden Gewehre und folgte seinem Herrn. »Ich bitte, Herr Graf, Sie haben's ja selber gsehen – und jetzt muß ich schon sagen: dös tut kein gut mehr mit'm Franzl und mir! Wir zwei können von heut an nebenanander nimmer bleiben. Entweder –«

Da wandte sich der Graf und brüllte: »Halte dein Maul!«

Nicht diese Worte machten den Jäger verstummen, sondern der drohende Zorn, der ihn aus den Augen seines Herrn entgegenblitzte. Schweigend schritt er hinter dem Grafen her, die eine Büchse auf dem Rücken, die andere über der Brust. Die Hände krampfte er um den Bergstock, daß die Finger weiß wurden, nagte an der farblosen Lippe und blies den Atem durch die Nase. Als er sah, daß Graf Egge mit dem rechten Fuß immer vorsichtiger aufzutreten begann, kniff er die Augen ein und lächelte boshaft vor sich hin.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.