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Schloß Favorite

Luise Ahlborn: Schloß Favorite - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLuise Ahlborn
titleSchloß Favorite
publisherVerlag von C. Wild's Hofbuchhhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Eine Woche des schönsten Frühlingswetters folgte.

Die jungen Markgrafen hatten es nicht eilig mit der Heimkehr. Noch immer sahen sich die Damen allein mit dem heimlich mehr und mehr verstimmten Grunthal und einigen zum Besuch kommenden jungen Kavalieren aus der Umgegend.

Sibylla und Prinzeß Augusta waren dieser Ruhe froh und sprachen sich offen darüber aus, Anna von Neuburg meinte aber bei sich, Langeweile genug auf der Reise ausgestanden zu haben. Sie ärgerte sich über die Rücksichtslosigkeit ihrer Vettern und sah, daß auch Sibylla das verlängerte Ausbleiben als solche empfand, ohne indessen ein Wort darüber zu verlieren.

Ihre Cousine Augusta und Charlotte schalten auf die Herumtreiber, wie sie die Jäger nannten, und stritten sich mit Sabine über den eigentlichen Anstifter dieses Ausbleibens, und Anna von Neuburg hörte lachend zu, wie jedes der drei jungen Mädchen seine Auffassung von dem Charakter der Abwesenden verteidigte.

»Der Frau Markgräfin war die Jagd schon neulich nicht recht«, sagte Charlotte von Windeck klug. »Ihre Durchlaucht läßt unsere jungen Herren gern in allen geringeren Sachen frei gewähren; kommt's dann aber einmal zu einer ernsteren Frage, dann weiß sie gar wohl auf dem zu bestehen, was sie will.«

»Sie übersieht lieber die Unart, als daß sie es zu einer unlieben Erörterung kommen ließe«, setzte Sabine hinzu.

»Laßt dem Bruder Ludwig doch gern den Genuß seiner Freiheit und Jagdfreude, solang die Mutter der Regierung waltet!« begütigte Prinzeß Augusta. »Bald genug wird er all die Verantwortung allein auf sich nehmen müssen und dann ade Sorglosigkeit und leichtes Herz! Wieviel hat die Mutter zu bedenken!«

»Aber es ist dafür doch auch eine stolze Freude, sich Herr zu fühlen! Der Erste zu sein im Lande! Eine Krone zu tragen!« sagte Anna von Neuburg.

»Du wirst gewiß noch einmal solch eine stolze Kronenträgerin!« lachte Prinzeß Augusta. »Ich für mein Teil würde mir nicht viel daraus machen, viel lieber, dünkt mich, nähm' ich das Los einer –«

»– zärtlichen Schäferin? Ach, geh mir, Augusta!« unterbrach die Cousine sie, auf den Scherz eingehend, mit blitzenden Augen.

»Nun wohl! Eines edlen Ritters Weib, auf schöner, hochgelegener Burg!« verteidigte sich Prinzeß Augusta.

»Der eines Höheren Vasall oder Lehensmann wäre? Nein doch! Eines Heldenkönigs Weib möcht' ich sein – an seiner Stelle regierend, wenn er die Nachbarländer erobert – dem Triumphator entgegenziehend, stolz, mich vor dem ersten der Männer zu beugen!« behauptete Anna von Neuburg.

»Und ich wär' eines Sängers Weib am liebsten!« entschlüpfte es Charlotte von Windeck.

»Um von Hof zu Hof zu ziehen, Gunst und Geld suchend?« sagte Sabine von Wiedebar.

»Beides würd' er finden, und ich dürfte ihn lieben; und um den sie sich streiten, er gehörte mir –!«

»Und was würde sich Fräulein Sabine wohl wünschen?« fragte die Prinzeß von Neuburg.

»Ich?« – Sabine wurde glühendrot; – dann sagte sie:

»Ich möchte reich sein und unabhängig – aber – ich bin zur Armut verurteilt und zum Dienen!«

Anna von Neuburgs Blicke ruhten teilnehmend auf dem so tief erröteten Mädchen.

Am Spätnachmittag hatte die Markgräfin Gäste von den benachbarten Gütern. Man saß auf dem großen Plateau der Freitreppe.

Der alte Plittersdorff sprach beiseite mit Eberstein von dessen Sendung nach dem Wildbad, und davon, daß man von Wien aus alles tue, um mit der Markgräfin Frieden zu machen. Hatte doch der alte kranke Fürst das »Nein« Sibyllas lächelnd abgelehnt. »Man müsse den Damen Zeit lassen, sich auf das Rechte zu besinnen, es liegt dem Kaiser alles daran, seiner pragmatischen Pläne wegen mit uns gut zu stehen!« sagte Plittersdorff.

»Natürlich!« stimmte Eberstein zu. »Man wird die Festung jetzt von einer andern Seite angreifen.«

»Und weiß die Markgräfin, daß dies geschehen wird?«

»Nein, Exzellenz!« lächelte der Graf.

Die beiden Herren sahen sich verständnisvoll an und Eberstein flüsterte noch: »Der neue Bischof ist in dieser Sache ganz auf seiten Österreichs.«

Plittersdorff nickte.

Der Markgräfin war das Zwiegespräch nicht entgangen. Sie drohte lachend mit dem Finger und rief: »Muß ich den Herren den Paragraphen über Verschwörer und Verschwörungen aus den Landesgesetzen vorlesen lassen?«

Man lachte und schlug einen Spaziergang im Parke vor. Zu Sabines geheimem Staunen nahm Prinzeß Anna ihren Arm.

Die Prinzeß ließ aber keinen Augenblick auf eine Erklärung dieser Begünstigung warten.

»Ich habe Euch, seit ich hier bin, mit Teilnahme beobachtet, Fräulein von Wiedebar«, sagte sie. »Ihr denkt offenbar mehr als Ihr sagt, Ihr seht mehr, als Ihr Euch den Anschein gebt, und habt Sorge, Hemmung und Zwang, wohl auch vergebliches Wünschen kennen gelernt! Eure Art und Weise ist klug geregelt, bescheiden, ich möchte Euch zur Freundin gewinnen.«

»O Ew. Gnaden!« rief freudig und geschmeichelt die Belobte.

»Ich stehe hier so allein! Meinen Italienern durfte ich nicht trauen. Die Tante hat mir versprochen, mir zwei deutsche Fräulein zu geben; das eine könntet Ihr werden!«

»Durchlauchtigste Prinzessin, Ihr ehrt mich über Verdienst!« stammelte Sabine.

»– Indes müßt Ihr mir zuvor offen beantworten, was ich Euch frage, erst dann will ich mich entscheiden.«

»Ich stehe zu Ew. Durchlaucht Diensten –«

»So gebt mir zunächst über Euch Bescheid. Man redet von einer Heirat, die Ihr nicht wollt, und von einem Manne – dem Grafen Eberstein, auf den Ihr vergeblich hofftet.«

Bleich und rot werdend stand Sabine still, in peinvollster Verlegenheit.

»Meine Beobachtung hat mir gezeigt, daß er Euch mit einer achtungsvollen, zarten Rücksicht begegnet, die –«

»Die Mitleid ist wegen des Hofgeschwätzes, das er ebensogut kennt, wie ich, Ew. Gnaden.«

»Also ist es nicht seine Schuld?«

»Gewiß nicht, Durchlaucht, er ist nicht der Mann, über die Damen zu lästern und zu spotten! Ich bin viel bei der Frau Markgräfin, da kam der Graf oft mit uns plaudern, oder er sprach mit Ihrer Gnaden von Geschäften, mit mir von viel andern Dingen, und er hat eine Art zu reden, die einem das Herz stiehlt, eh man es merkt. So ist's gekommen, dies Gerede. Ach, mich liebt er nicht, er denkt nicht an mich!«

»Das wißt Ihr und hofft dennoch, könnt nicht von ihm ablassen mit Wünschen?«

»So ist's, Ew. Durchlaucht, obwohl ich längst –« Sabines Lippen zitterten, ihre Augen standen voll Tränen.

»Und wen liebt er denn, wenn nicht Euch?« fragte Anna von Neuburg weiter.

Sabine antwortete nicht. Ihre Blicke trafen mit denen der Fragerin zusammen. Beide sahen sich tief und verstehend an.

»Ist es so?!« murmelte die Prinzessin. »Und findet er Gegenliebe?«

»Nein, o nein, Ew. Gnaden! Das litte der Stolz schon nicht, selbst – wenn sie nicht das Muster einer tugendhaften Dame wäre.«

»So, so! – Ja freilich – eine tadellose Frau! Aber wie trägt denn der Graf sein Los?«

»Ich weiß nicht«, flüsterte Sabine.

»Und redet man am Hofe von seiner Neigung?«

»O nein, nein!«

»Und Ihr verratet es nicht?« sagte Anna von Neuburg scharf.

Sabine von Wiedebar stand erschrocken still.

»Großer Gott! Ew. Durchlaucht forderte Offenheit und – ach, Ew. Durchlaucht! Ihr habt mir das Herz aufgeschlossen und ich ließ Euch hineinblicken.«

»Beruhigt Euch, Sabine von Wiedebar, Ihr gefallt mir sehr gut. Ich will Offenheit! Sagt mir nun noch eins: Hat man gehört, daß der Markgraf vermählt werden soll?«

»Nein, Durchlaucht!« erwiderte überrascht Sabine.

»Er hätte das Alter?« meinte Anna Maria.

»Mich dünkt, es wird die Frau Markgräfin nicht eben reizen, einer jungen Frau ihren Platz zu überlassen!« sagte Sabine mit Bestimmtheit. »Auch sollen unsere jungen Herren zuvor die große Tour durch Deutschland machen!«

»Hat man jemals von einer Liebe des Herrn Markgrafen Ludwig gehört?«

»Nein!« sagte Sabine gedehnt. »Es sei denn die Charlotte –? Aber Graf Siegfried ist es, Herr Ludwig redet nun auch viel mit ihr, weil er und Bilky unzertrennlich sind.«

»Und Augusta – hat sie –? Doch sie ist ein Kind!«

»Ja, Ew. Liebden, sie ist ein Kind!« bestätigte Sabine.

Die Prinzessin fragte noch eine Weile weiter. Endlich sagte Anna Maria:

»Ich bin mit Euch zufrieden, Fräulein, Ihr habt, wie ich mir dachte, Beobachtung, Urteil und Vorsicht. Ich werde die Tante bitten, Euch zu meiner Dame zu machen. Aber nicht sogleich, wartet, bis ich es Zeit dazu finde. Ihr werdet nicht bereuen, Euch mir ganz zu widmen.«

Sabines freudiger Dank wurde unterbrochen, denn plötzlich tönten vom Schloßhofe her laute Männerrufe und Hornsignale.

»Das sind die Jäger!« rief Sabine.

Und richtig, da sahen sie dieselben schon im Jagdanzuge durch das eiserne Gittertor treten, auf die Markgräfin und ihre Gesellschaft zueilen und ein lebhaftes Austauschen von Grüßen.

Sie selber beeilten ihre Schritte ebenfalls und vereinigten sich mit den andern.

Markgraf Ludwig hatte der Mutter Hände geküßt und wandte sich sofort Anna Maria zu, auch ihre Hand an die Lippen ziehend.

»Wir müssen Euch sehr ungehobelte Gesellen scheinen, Liebden Cousine, daß wir unseres werten Gastes so vergaßen!«

Er sprach so heiter, sah so belebt und hübsch aus, daß Anna Maria ganz erstaunt war.

»Aber was war es denn? Warum bliebt Ihr so lange?«

»Wir hatten ein Abenteuer, Liebden Mutter, der Friedel und ich! Eine Fee begegnete uns im Gebirge, eine ganze Feenfamilie und, wie das so geht, wir fanden sie sehr schön; aber anders als im Märchen! folgten wir nicht ihnen, sondern – sie folgten uns – und –«

»Aber ihr Heiligen! Das ist ja eine sonderbare Geschichte«, sagte die Markgräfin mit leisem Tadel im Blick.

»O, sehr sonderbar, Mutter! Ein ganz wahrhaftiges Zaubermärchen.«

»Was das für ein Zaubermärchen ist! Kein Anfang – kein Ende!« schalt lachend Prinzeß Augusta. »Hurtig, Friedel, bekenne!«

»Ich darf nicht! – Liebden, – wir müssen schweigen, denn wir sind bezaubert und es könnte uns das Plaudern übelbekommen!«

Man lachte hin und her; die Herren versprachen an der Abendtafel Bericht zu geben.

Indes die Jäger dann eilten, sich für die Abendtafel umzukleiden, nahm Sibylla Ebersteins Arm und fragte erregt:

»Graf, was bedeutet dieser heimliche Ausflug?«

»Ich weiß es nicht, Durchlaucht, eine Laune des jungen Herrn vermutlich«, gab er ruhig zur Antwort.

»Aber die Feen – die Bezauberung! Er wird eine Amour haben –« sagte sie unruhig.

»Wartet – wir werden es ja an der Abendtafel hören!« lächelte er leise zu ihrer Besorgnis. »Ihr müßt Euch gewöhnen, Durchlaucht, daß aus dem Kinde ein Mann wird, der eigne Wege geht.«

»Aber diese Wege –! Sie sollen gute sein!« zürnte sie.

»Euer Sohn gab uns noch nie Ursache, ihn zu beargwöhnen!« mahnte er ernsthaft. »Und wenn in der Tat –? Des Markgrafen Natur würde des Zügels spotten!« –

Sie dankte ihm den Trost wie den Rat. Er wußte immer für sie das rechte Wort! – Dann redete sie mit ihm von Wiedebar und von Sabines Abneigung gegen die Heirat. Er fand den Entschluß des Geheimrats vernünftig – seine Absicht lobenswert; man konnte die Tochter nicht zwingen – aber sie handelte töricht.

Seine Ruhe und die Art, wie er über Sabines Zukunft redete, nahmen der Markgräfin nun doch den Mut, von ihrem Heiratsplan für ihn selbst zu reden.

Prinzeß Anna beobachtete das Paar heimlich mit Aufmerksamkeit. Wie? Dieser Graf, den sie für einen kalten Geschäftsmenschen gehalten, er liebte so treu und hoffnungslos? Wie gut die beiden zueinander paßten und wie die Tante sich freuen konnte, einen solchen Mann sich ergeben zu wissen!

Die Markgräfin verabschiedete den Grafen eben und winkte Sabine zu sich.

»Ich habe dich in diesen Tagen nicht einmal in Ruhe sprechen können, Sabine,« sagte die Markgräfin gütig zu dieser, »dein Vater bat mich, seinen vernünftigen Wünschen bei dir das Wort zu reden.«

»Vernünftig? – Ach, Frau Markgräfin! Ich kann den Vetter nicht nehmen!«

»Du kennst ihn ja kaum«, warf diese ein.

»O doch, ehe er die Brigitte heiratete, dachte schon der Vater daran, aus mir und ihm ein Paar zu machen. Aber der Vetter – er hatte auch keinen Eifer zu des Vaters Vorschlag«, sagte sie zögernd.

»Du hast alle Ursache, dir die Sache zu überlegen«, meinte die Markgräfin. »Dein ganzes Lebensglück steht in Frage, Sabine.«

»Aber der Vetter Rudolf mit seinen Kindern ist doch nicht der einzige Mann in der Welt!« sagte Sabine in dem Aufwallen des Trotzes.

Die Markgräfin nahm den Arm ihres Hoffräuleins und sagte ernst: »Ich fürchte, arme Sabine, daß deine Gedanken falsche Wege gehen. Vor allem, Sabine, laß die törichte Hoffnung fahren, die in deinem Herzen lebt –«

»Es ist nicht Hoffnung – ich hoffe nichts, denn ich sehe nur zu gut – daß –«

»Du einen Freund, einen wohlwollenden Freund hast, Sabine, nicht mehr! Der Graf selbst sagte mir noch soeben, daß er deines Vaters Wunsch gerechtfertigt finde und daß der Rudolf der rechte Mann für dich sei.«

Das Mädchen tat ihr leid, sie mochte es nicht ansehen, damit es Zeit fände, sich zu fassen.

»Sie will mich beiseite schieben!« blitzte es der Törin durch den Sinn.

»Laßt mir Zeit, Frau Markgräfin!« rief sie im Ton einer angstvoll Verzweifelnden.

»Das will ich gern. Sei nicht töricht, Sabine. Eigener Herd ist Goldes wert! bedenke es!«

Damit ließ die Markgräfin das aufgeregte Mädchen gehen. Plötzlich rief sie dasselbe aber zurück.

»Sabine, ist der Rudolf lutherisch?« fragte sie hastig. »Dann wäre deines Vaters Wunsch freilich tadelnswert genug!«

»Nein, Durchlaucht, er ist, wie alle Wiedebars, gut katholisch.«

»Nun, so bleibt es bei dem, was ich dir sagte!«

Sabine blickte ihr nach mit funkelnden Augen.

»Sie will es nicht, sie ist mir bei dem Grafen entgegen!« dachte sie. Und dann suchte sie einsame Wege auf.

Der harte Stand, den sie morgen gegen den Vater haben würde, machte ihr freilich bange – aber nein, nein – lieber wollte sie doch Verzicht leisten auf ihr Erbe, als daß sie hier ihre Aussichten auf die Stelle bei Anna Maria und – ihre Hoffnungen auf Ebersteins Hand aufgab.

Die Abendtafel verlief sehr heiter. Besonders Markgraf Ludwig konnte sich nicht genug tun, die barocksten Abenteuer zu erzählen.

Später saß er neben seiner Mutter.

»Wie ich Euch sagte, Liebden Mutter,« erzählte er weiter: »Bilky und ich ritten durch die uns fremden Wälder, da tat sich plötzlich auf halber Berghöhe vor uns ein kleines Wiesental auf, ein graues Jagdschlößchen, sehr klein nur, am Saume des Waldes wurde sichtbar, dann –«

»Auf unserem Gebiet, Ludwig?« fragte Sibylla.

»Verzeihung, ich erfuhr nachher, es sei bischöflicher Grund!«

»Ah!« machte Sibylla sehr gespannt.

»Und da wir hungrig und durstig waren, klopften wir an. Doch vergebens! Dennoch sahen wir, das Haus wurde bewohnt, in dem Stalle wieherten die Pferde, ein Reitknecht in Livree sattelte eins der Tiere. Wir wandten uns just ihm zu, da trat um das Haus herum ein Kavalier, ein anderer und eine reizende junge Frau, Leute von Distinktion, blieben bei unserm Anblick erschreckt zurück, und was meint Ihr, wer war der erste Kavalier? Lapukin, der Vetter der Kaiserin Eudoxia von Rußland, unser Freund Lapukin!«

Sibylla war äußerst erstaunt. »Wie kam denn der Fürst Lapukin in den Schwarzwald? Wer war das junge Paar?«

»Der Fürst hat fliehen müssen, Zar Peter räumt in schrecklicher Grausamkeit mit Schwert und Verbannung alle hinweg, welche seiner und der Kaiserin Willen entgegentreten.«

»Armer Fürst! Und all seine Güter?«

»Sind konfisziert, doch hat er mit Hilfe des französischen Gesandten sein bares Vermögen gerettet.«

»Doch jene reizende Frau?« Sibylla hoffte hier die Lösung des Rätsels zu finden.

Ihr Sohn durchschaute sie und lachte schelmisch.

»Jene reizende Frau ist die Herzogin von Berry!«

»Die Tochter des Regenten?« fuhr Sibylla empor.

»Jetzige Madame Riom; jener Herr neben ihr war ihr Gemahl, der Kolonel, eine stattliche, äußerst gewinnende Erscheinung!«

»Großer Gott, und man sucht das leichtsinnige Paar seit Monaten!« rief die Markgräfin.

»Sie sind legal getraut, Lapukin hat ihnen, als Gegendienst für Frankreichs Schutz, eine Freistatt bei dem Bischof verschafft.«

»Schimpflich! Abscheulich! Diese Frau! Von königlichem Blut und so niedrig denkend!« zürnte Sibylla. »Und was sagte sie dir?«

»Ich sprach sie nicht! Weder sie noch ihren Gemahl! Lapukin machte uns die Honneurs ihres Hauses, und du kannst dir denken, daß wir uns bald empfahlen.«

»Nun, das ist wenigstens ein Zug von Delikatesse bei dieser Frau, daß sie es vermied, dem Markgrafen von Baden zu begegnen.«

»Sie ahnte seine Anwesenheit nicht, Ew. Liebden, sie wich aber dem Unbekannten aus.«

»Wohl! Sie ist für uns ohnehin nicht mehr vorhanden.«

»Aber wie Ihr streng seid, Frau Mutter! Ist nicht die Liebe eine allgewaltige Macht, welche –?«

»Die Liebe ist eine heilige Macht, wenn sie in den Schranken der Sitte und des Gesetzes sich hält, eine Macht, die dem schwachen Menschenherzen oft die bittersten Kämpfe auferlegt. Aber nimmer sollen wir ihr blindlings folgen!« erwiderte Sibylla, den Sohn unterbrechend, mit flammenden Augen.

»Sagt mir auch ein Wort über die glückliche und berechtigte Liebe, teure Mutter!« bat der Sohn mit weicher Stimme.

»Solche Liebe, mein Ludwig, eine Liebe, die nicht erröten braucht, die den Segen der Eltern und des Himmels fordern darf, solche Liebe ist das höchste Glück des Herzens, die Blüte des Menschentums, die gebe dir Gott!« sagte sie feierlich.

»Ja, die gebe mir Gott!« wiederholte ihr Sohn leise.

Im Saale sang Bilky wieder, rücksichtsvoll hatte man Mutter und Sohn allein gelassen.

Sie führte ihn zu Eberstein und den alten Herren.

Man sprach hin und her über Sabines morgende Entscheidung, die Tat des alten Herrn als ein rühmenswertes Opfer anerkennend. »Wir von der Ritterschaft müssen ihm Vorschub leisten«, rief es von allen Seiten durcheinander.

»Aber was verdient das Opfer der Tochter?« fragte die Prinzeß von Neuburg mit ihrer klaren Stimme.

»Opfer der Tochter? Sie bekommt den Rudolf zum Manne, und damit nimmt sie teil an ihres Vaters edler Tat!« war die Antwort.

»Aber wenn sie den Rudolf etwa nicht möchte?«

»Ei, sie wird ja keine Närrin sein! Ihre Söhne bekommen das Majorat!« rief man dagegen.

Am andern Mittag herrschte eine Verstörung in dem sonst so friedlichen Schlosse Favorite, wie seine Mauern eine solche noch nie gesehen. Der alte Hofrat war mit dem Vetter Rudolf angefahren gekommen, und die Markgräfin hatte Sabine von Wiedebar zu sich befehlen lassen.

Blaß wie ein Gespenst und mit heftigem Herzklopfen war sie vor ihre Herrin und den Vater getreten, hatte ehrfurchtsvoll die Werbung der Markgräfin für den verwitweten Baron Rudolf Itel Eberhard von Wiedebar angehört und dann in ruhiger Bestimmtheit und wohlgesetzten Worten erwidert, daß sie die Wahl, welche man ihr stelle, für eine ungerechte und das Verfahren ihres Vaters für grausam und sündhaft halte, daß sie aber fest und unwiderruflich entschlossen sei, lieber keinen Pfennig von seinem Vermögen zu empfangen, als eine Heirat zu tun, in welche ihr Herz nicht willige.

Der alte Hofrat schrie laut auf vor maßlosem Zorn über ein Kind, welches solches wagte.

»Ich habe nicht wissen können, daß ich so verachtet wurde, sonst wollte ich mich lieber eher haben begraben lassen, als hierherzukommen!« rief mit zitternden Lippen und blaß vor Verdruß der verschmähte Bewerber. Er war ein kräftig gebauter Mann von gutem Aussehen, aber das ununterbrochene Landleben hatte ihn nicht dazu kommen lassen, sich den feineren Schliff der Hofleute anzueignen.

»Sabine, bist du auch gescheit? Mädchen! – Und ich habe dich gestern so ernstlich zu deinem eigenen Besten vermahnt!« hatte die Markgräfin ganz entsetzt geflüstert, indem sie Sabine am Arm faßte, als müsse sie eine Fiebernde zu sich zurückrufen.

Nur ein rascher, böser, gehässiger Blick aus den Augen des jungen Mädchens antwortete ihr – ein unbewachter Blick, vor dem sie erschrak und der sie für die Dauer eines Blitzes tief in Sabines Seele blicken ließ. Was meinte das Mädchen? Eifersucht? Argwohn? Nein, man durfte heute mit Sabine nicht rechten!

Wie ein flüchtiger Gedanke huschte dies durch den Sinn der Markgräfin, indessen der Hofrat auf seine »ungeratene« Tochter schimpfte, Rudolf zu begütigen, Sabine zu überreden suchte und sich in immer heftigere Wut redete.

Es war kein Ende abzusehen dieser aufregenden Szene. Sabine bat endlich die Markgräfin, sie in Schutz zu nehmen gegen einen offenbaren Zwang.

Und diesem Bitten entzog sich die Fürstin nicht. Aber an ein Versöhnen der Parteien war nicht zu denken. Sabine versuchte auch nicht eine Silbe der Abbitte. Im Gegenteil, als der Alte vor sie hintrat und wutbebend sagte:

»Ich habe lebenslang gedarbt um tausend kleine Freuden und Genüsse, weil ich dachte, sie für meines Namens Ehre zum Opfer zu bringen; – nun weigerst du dich, das wohlgedachte und ausgeführte Werk zu krönen! – Das verzeih' dir der Himmel – ich kann's nimmer – fahr' hin! –« selbst da rührte des greisen Mannes Anblick die Tochter nicht.

Hart und kalt sagte auch sie: »Fahr' hin!« ein Wort, so furchtbar und erschütternd, daß der verschmähte Bewerber den alten Herrn in die Arme schloß und ausrief:

»Herr Oheim, Eure Tochter ist außer sich, habt Geduld; an mir sollt Ihr einen treuen Sohn finden. Sabine, ich glaubte Euch willig, sehe aber nun, wie sehr ich mich irrte!«

So zogen sie unverrichteter Sache ab.

Die Markgräfin hatte nur noch gesagt: »Geh, Sabine, geh jetzt: ich wünschte, du hättest mich nicht sehen lassen, wie hart dein Herz ist! Du bleibst natürlich bei mir!«

Sabine aber saß dann auf ihrer kleinen Stube wie zerschmettert. Sie hatte nun gewählt, und sie bereute es auch nicht; aber sie war sich des Preises allzuwohl bewußt, und meinte kaum überleben zu können, was sie getan. Doch ach, all ihre Qual gipfelte in den unaufhörlich ihr aus dem Innern hervorquellenden Worten:

»All das viele Geld! O, all das viele Geld!« Selbst die heißen Herzenswünsche schwiegen davor.

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