Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Luise Ahlborn >

Schloß Favorite

Luise Ahlborn: Schloß Favorite - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLuise Ahlborn
titleSchloß Favorite
publisherVerlag von C. Wild's Hofbuchhhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
projectidb58c0d57
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.

Zufrieden blickte heute die Markgräfin den sie verlassenden Schloßbeamten nach, welche Rechenschaft abgelegt und Befehle empfangen hatten und dann – mit einem frohen Lächeln auf den Lippen, begab sie sich hinaus in den Park, diesen ersten Frühlingsmorgen tief aufatmend zu genießen.

Ihre Umgebung wußte, daß es der Fürstin ein Bedürfnis war, zuzeiten und besonders des Morgens allein zu sein; – wer sie kommen sah, wich ihr bescheiden aus und so genoß sie auch heute ungestört den einsamen Spaziergang.

Wie viel freier atmete es sich doch in dem lieben, kleinen Schlößchen hier und in seiner reizenden, waldreichen Umgebung als in den stolzen Mauern des Rastatter Schlosses, wo die engen Festungswerke fast auch die Brust beklemmten!

In diesen Gedanken war sie, ohne auf ihre Wege sonderlich zu achten, denn sie blieb ja immer in ihrem Park, an die äußerste Grenze desselben gelangt, wo er in den Gemeindewald von Kuppenheim überging.

Sich rings umsehend, bemerkte die Markgräfin mit einem Ausdruck von Schrecken und Unbehagen, daß sie sich auf einem kleinen, freien Platze befand, wo unter einer verkümmerten Trauerweide ein morsches Holzkreuz schief aus dem Grasboden ragte.

Eine leichte Blässe deckte die Wangen der fürstlichen Dame. Das Volk sagte, es spuke hier an diesem Platze; das selbstmörderische Türkenmädchen, das da unter dem Kreuzchen begraben lag, finde nicht Ruhe in der Erde. Markgräfin Sybilla wußte wohl, daß es keinen Gespensterspuk gibt und was das Volk von jenem Mädchen flüsterte.

Aber sie wollte nichts davon wissen; jetzt so wenig als damals, da das ganze Land von der Leila und ihrem Ende redete. Hatte sie nicht vor Jahren, da sie noch jung und leidenschaftlich fühlte, brennendes Leid genug erfahren von jenem schönen, heißblütigen Geschöpfe, welches ihr Gemahl, es war fast noch ein Kind – mit samt der Mutter und anderen türkischen Sklavinnen von einem seiner Siegeszüge heimgebracht? –

Zu jener Zeit war es die kaum zwanzigjährige Markgräfin, welche mit dem glühendsten Eifer sich das gottgefällige Werk der Bekehrung dieser Mohammedanerinnen angelegen sein ließ.

Sie nahm die Anstelligen unter ihre Dienerinnen auf und verschenkte die andern an die Damen ihres Hofes, oder an befreundete Familien. Mit unablässigem Eifer arbeitete sie an der Gewinnung der Seelen dieser Heidinnen für das Himmelreich.

Die nächste Folge war, daß sie die Bekehrten an ihre braven Schwarzwälder verheiratete, so zuerst die schöne Fatme mit dem Jäger ihres Gemahls, namens Kräusler. Dieser versprach die Tochter der Geliebten, die Leila, wie sein eignes Kind zu halten, und später erfuhr die Markgräfin, Leila freie mit dem Mustapha. Dann tauchten über die schöne Leila schlimme Gerüchte auf – jahrelang erhielten sie sich – plötzlich war die Leila tot, die Kräuslers verschwanden und man flüsterte, die Herrschaften seien gar nicht mehr so einig, seit böse Zungen der Markgräfin von der Leila berichtet.

Die Markgräfin sah auf das kleine, schwarze Kreuz – und dunkel und schwer stieg die Erinnerung an einstiges Leid in ihr auf.

Im jähen Schrecken fuhr sie dann zusammen. Sie hatte sich allein geglaubt und da stand plötzlich eine alte Frau neben ihr in ärmlichen Kleidern, von Wind und Wetter mitgenommen. Die Frau hatte sich dicht neben sie geschlichen. Es lag etwas in dem Gesicht der alten Frau, was der Markgräfin bekannt vorkam, daneben so deutliche Spuren von Not und Herzeleid, daß der Schrecken dem Mitleid wich.

»Fatme!? Ist es möglich? Du bist es? Wie siehst du aus, Weib? Wo kommst du her?« rief die Markgräfin, im äußersten Erstaunen die einstige Dienerin erkennend.

Die Frau antwortete nicht.

»Leila!« sagte sie auf das Grab zeigend und blickte erwartungsvoll die Markgräfin an.

Da diese nicht antwortete, zeigte die Fatme noch einmal auf das Grab und fragte in der vertraulichen Art, die sie schon im Anfang an den Tag legte:

»Ich muß ihn suchen! Es war ein so schöner Knabe! Und ich hatte versprochen ihn zu hüten!«

Die Markgräfin erbleichte.

»Was sprach die Frau da? Was redete sie von einem Knaben?«

Unwillkürlich hatte sie die Fragen laut getan.

»Ihr dürft es nicht wissen! Niemand darf es erfahren, daß Mustapha ihn wegbrachte. Er wollte einen vornehmen Herrn aus ihm machen – es war viel Geld, viel Geld! – Wo ist es geblieben? Ich bin so arm und bin doch die Großmutter, er soll mir helfen – aber – ich will es Euch sagen, sie haben ihn auch in die Erde versteckt! Alle tot! Leila tot, Mann tot, Söhnchen tot!«

Und eh die Markgräfin, die wider ihren Willen mit atemloser Spannung auf das wirre Gerede des Weibes gehorcht hatte, einen klaren Gedanken fassen konnte, warf sich dasselbe mit verzweifelndem Schreien auf das Grab und wühlte mit den alten runzligen Händen die bemooste Erde auf.

Die Markgräfin packte eine sinnlose Angst. So schnell sie konnte, eilte sie in den Park zurück.

Auf der ersten ihr sich bietenden Bank sank sie mit zitternden Gliedern und wogender Brust nieder.

Was meinte die Fatme? Was redete sie da von einem Knaben, den Mustapha? –

O, sie hatte dem Menschen damals stets mißtraut!

Und er, ihr stolzer, edler Gemahl sollte sie belogen, betrogen haben? O, nimmer, nimmer! Die Fatme war toll! Was sagte sie? Mustapha habe viel Geld erhalten? Wofür? Von wem?

Aber wie hatte Mustapha damals mit höchster Aufopferung und unermüdlicher Selbstverleugnung seinen sterbenden Herrn verpflegt! Und wie hatte Ludwig Wilhelm dem Treuen diese Hingebung gedankt in aller Weise, besonders aber indem er ihn seiner jetzigen Herrin empfahl.

Und indem Sibylla Mustapha reichlich belohnte, hatte sie nie Ursache gefunden, das Vertrauen zu bereuen, welches sie ihm nach ihres Gemahls Tode geschenkt.

Der einstige Türke hatte ihr ebenso treu gedient wie ihrem Gemahl. Das Gesinde haßte ihn, die Hofbeamten, die Damen und Herren des markgräflichen Haushalts sahen in ihm den nie ermüdenden Aufpasser, aber niemals hatte Mustapha sich gegen seine Herrin verfehlt!

Unter diesen Gedanken hatte Markgräfin Sibylla sich einigermaßen beruhigt und ihre Entschlüsse gefaßt. Daß auch dies Grab dem Park so nahe war! Freilich, als man damals die Leila fern von Rastatt in ungeweihter Erde begrub, wie es der Selbstmörderin zukam, da dachte doch niemand an den Bau des Schlosses Favorite.

Gräber sind heilig und unverletzlich, da wäre Leila selbst ihre ärgste Feindin gewesen. Sie ließ die Grenze ihres Gebiets daran vorüberführen. Sie hatte längst den Frieden wiedergefunden. Und nun kam diese Fatme –

In solchem Grübeln und Sinnen war sie weitergegangen, jetzt wieder im vollen Besitz ihrer Ruhe und Selbstbeherrschung.

Bald kam sie nach den Kavalierhäusern und eben trat Herr von Grunthal in einem seiner neuen Pariser Kostüme aus der Tür. Sibylla raffte sich zusammen, warf alle Gedanken hinter sich, zwang ein freundliches Lächeln auf die Lippen und rief den Kammerjunker, der sich eben bescheiden vor ihr zurückziehen wollte, zu sich heran.

»Kommt doch, Herr von Grunthal. Ei, seid Ihr denn nicht mit meinem Sohne nach Herrenwies?« fragte sie.

»Der Herr Markgraf wünschte meiner Teilnahme zu entraten, Ew. Durchlaucht, und ließ mir durch den Herrn Grafen Bilky befehlen, einen auf heute angesetzten Pferdehandel abzuschließen, wozu übrigens der Herr Graf jedenfalls mehr geeignet gewesen wäre, wie ich«, versetzte Grunthal sichtbar ärgerlich.

»Aber Grunthal! Immer so empfindlich! Indessen, was des einen Kummer, ist des andern Freude. Mir und den Prinzessinnen bleibt in Euch der angenehme Gesellschafter.«

»Ew. Durchlaucht wissen immer reichlich wiederzugeben, was das neidische Schicksal nahm.«

»Ganz tragisch, Grunthal? Kommt, freuet Euch, daß Ihr hier im Damendienst bleiben durftet; der arme Eberstein hat schon im Tagesgrauen wieder sein Pferd bestiegen.«

»Wenn Ew. Durchlaucht sich nur hätten erinnern wollen, daß ich mit Freuden die Gelegenheit ergreifen würde, meine Ergebenheit durch ernstere Dienste zu erweisen, als man bis jetzt von mir fordert«, seufzte der Kammerjunker.

»Ah! Also ehrgeizig! Aber was wollt Ihr mehr, Kammerjunker, als daß die Damen sich Eurer Ritterdienste nicht beraubt zu sehen wünschen.«

»Ich muß mich wohl freuen, wie sehr mich auch verlangt, zeigen zu können, daß nicht allein Graf Eberstein und Graf Bilky, oder Herr von Schilling das Vertrauen unserer durchlauchtigen Herrin und des Herrn Markgrafen verdienen. Wenn es denn eine geheime Reise galt –«

»Herr Kammerjunker beruhigt Euch; wenn es mir angemessen erscheint, werde ich in solchem Falle auch über Euch verfügen«, unterbrach die Markgräfin die sentimentale Empfindlichkeit ihres Kavaliers.

Sibylla kannte genugsam die Eifersucht ihrer Hofleute, welche sich nicht genugtun konnten, die Beflissenheit zu zeigen, die Vertrauen erzwingen möchte. Das war Menschenart; sie trug es ohne Klage und Bitterkeit.

Durch die unbelaubten Büsche schimmerten bunte Gewänder.

Die Prinzessinnen waren es, wieder Arm in Arm, und wie die anmutige, kaum entwickelte Mädchengestalt Augustas sich in zärtlicher Hinneigung an die festere und hagere, aber mehr vornehme Würde zeigende Annas von Neuburg schmiegte, sagte der Kammerjunker: »Psyche, von Juno der Venus zugeführt.«

»Drei Fliegen mit einem Schlag, Herr von Grunthal! Das kann auch nur ein Meister wie Ihr!« lachte die »Psyche« fröhlich auf. Und dann begrüßte sie die Markgräfin in unbefangener Zärtlichkeit und sah mit glücklichem Lächeln auf ihre Cousine: »Anna findet es bei uns viel schöner, Liebden Mutter, als sie gedacht!«

»In Wahrheit, ich vermisse kaum etwas und sehe Liebe und Vertrauen auf jedem Schritt mir entgegenkommen«, lächelte Prinzeß Anna, immer fein und formgewandt, immer lächelnd und kühl.

Die Begrüßung der Nichte geschah ebenso herzlich wie die der Tochter, dann schritten sie gemeinsam weiter und die Markgräfin sagte: »Wir werden ein paar einsame Tage haben, meine Tochter, unsere jungen Herren sind bis Ende der Woche fort, ich hoffe indessen, Herr von Grunthal findet eine Pflicht und Genugtuung darin, sie uns alle vergessen zu machen.«

»Ach, wenn der Kammerjunker das vermöchte! Befehlt's ihm, Liebden Mutter, daß er unsere Sabina aufheitert, sie sieht so blaß aus und ich glaube, weil Graf Eberstein schon wieder fort ist!« scherzte Prinzeß Augusta.

Was wußte sie von der Liebe? Sie spottete wie die andern über die leider nicht sorglich genug versteckte Liebe Sabinas für den Grafen.

»Augusta!« tadelte die Markgräfin ernst.

Das fröhliche Mädchen errötete über und über. Anna von Neuburg blickte beobachtend von einem zum andern. Dies war eine Bemerkung, welche sich der Markgräfin Sibylla fast gegen ihren Willen über das Wesen ihrer Nichte aufdrängte; Anna Maria war verschlossen und wachsam, wenn nicht gar argwöhnisch.

Indessen schlug für die Markgräfin die Stunde des Vortrags ihrer Räte.

»Begleitet Ihr die Prinzessinnen, Herr Kammerjunker«, befahl sie im Abgehen.

Und Augusta lachte hell und begann sogleich wieder den jungen Poeten zu necken.

»Wenn die Frau Mutter mir die Charlotte schicken möchte,« bat sie dann noch, »es geht sich so ungeschickt zu dreien.«

»Charlotte! Carlota! Lota! Lotty! Lottchen!« rief Prinzeß Augusta an den Fenstern des Schlosses hinauf.

Charlotte von Windeck, ebenso lustig und übermütig wie ihre fürstliche junge Herrin, flog die Stiegen herab und plaudernd und lachend folgten die beiden der schon am Arme des Kammerjunkers voranschreitenden Prinzeß Anna.

Markgräfin Sibylla sah sich, die breite Stiege hinaufgehend, überall nach ihrem Haushofmeister um.

Hier und dort standen Diener in devoter Haltung, jeden Blick erspähend, mit welchem sie etwa einen Dienst heischen würde. Der Gesuchte war nicht zu entdecken.

»Mustapha soll kommen!« sagte sie im Vorüberschreiten zu einem dieser Leute.

Sie hatte eben ihr Zimmer erreicht, als der Befohlene ein wenig atemlos schon vor ihr stand. Es entging der Markgräfin Sibylla nicht, daß Mustaphas verschleierte Augen und starre Mienen Gleichmut heuchelten.

»Du weißt, daß die Fatme Kräusler ihren Mann verlor?« sagte sie scharf, indem sie dicht vor ihn hintrat.

»Ich weiß es, Durchlaucht«, sagte, ohne mit den Wimpern zu zucken, der Befragte.

»Und daß sie sich im Lande herumtreibt? Sie, die ich befahl, nach meiner böhmischen Herrschaft Schlackenwörth zu bringen, sie gut zu versorgen, ihr die Rückkehr unmöglich zu machen?« zürnte die Markgräfin.

»Es ist alles genau so geschehen, wie Ihr Befehl gegeben, Durchlaucht. Ich kann mir nicht denken, was die Fatme hier sucht«, erwiderte Mustapha demütig, und wie es schien, ohne an einen Argwohn zu denken. Dann fuhr er fort: »Sie hat sich gestern abend während des Sturmes zuerst vor dem Schlosse gezeigt und nach mir verlangt, ungestüme und wunderliche Reden führend. Man rief mich; als ich aber hinkam, war sie in dem Unwetter verschwunden. Ich habe den Philipp Waidling heute früh auf ihre Spur geschickt. Das ist alles, was ich Ew. Durchlaucht antworten kann.«

»Welche Torheit, sie nicht zuerst auf dem Grabe ihrer Tochter zu suchen!« rief die Markgräfin, immer noch tief erregt vor dem Hofmeister stehend.

»Ich selbst war bei frühem Morgen schon dort, Herrin, fragte auch bei der Scholastika, aber –«

»Neue Torheit! Die Scholastika ist ein widerwärtiges Weib und klatscht gern; – ihr das zu sagen!«

»Ach, Herrin, und ich bat sie sogar, sich der Fatme anzunehmen, falls sie komme! Der Scholastika kann man in gewissen Dingen eher trauen als andern, denn ihr ist der Mund mit Geld zu stopfen! Aber wo?« – – –

Die Markgräfin verstand: »Ich traf die Fatme auf Leilas Grabe!«

Der vertraute Diener trat betroffen einen Schritt zurück.

»Was hatte die Herrin dahin geführt?« fragten seine unruhig forschenden Blicke.

»Ja, das frage ich mich selbst! Und mir kommt der Gedanke – ich ging nicht – mich leitete etwas! – ich folgte einer höheren Gewalt – ganz unbewußt!« sagte sie nachdenklich und sich mit jedem Wort mehr aufregend. »Ja, Mustapha! So ist's! Gott hat es so gewollt!« rief sie plötzlich mit Überzeugung.

Der Türke zuckte zusammen. »Kismet! Was verhängt ist, kommt.« Seine Mienen veränderten sich.

Die Markgräfin bohrte ihre Blicke auf sein Gesicht und erschrak über dessen fahle Blässe.

»Mustapha,« fragte sie leise und sehr deutlich, »die Fatme redete von einem Sohn der Leila! Hatte das Mädchen einen –?«

Und dabei hielt sie seinen scheuen Blick fest, daß er entsetzt bis an die Tür zurückwich.

»Herrin? Was fragst du mich? Was weiß ich? Habe ich nicht geschworen –?« keuchte er.

»Mustapha! – Du lügst! Du hast stets gelogen! Die Leila –? Redet Fatme wahr?«

Er stürzte auf die Knie.

»Gnade, Herrin, Gnade! Das Kind –!«

Vor dem furchtbar drohenden Ausdruck ihrer Augen wagte er nicht zu Ende zu sprechen.

»Elender! Wie oft hast du mir geschworen, es sei das alles Lüge, eitel Lüge! Wo – wo blieb der Knabe?«

»Er ist tot! Er liegt mit der Leila in einem Sarg!« bekannte zitternd Mustapha und schlug die Hände vor das zuckende Antlitz.

Auch die Markgräfin bebte an allen Gliedern.

»Lügst du wieder? Mensch, sage jetzt die Wahrheit, ich, ich – muß sie wissen – ich will –!«

»Er ist tot!« Und Mustapha machte das Zeichen des Kreuzes und hob die Finger schwörend zum Himmel.

Die Markgräfin sank auf einen Stuhl. Sie schien erleichtert. Sie bemerkte nicht, wie Mustapha heimlich aufatmete und wie tückisch seine Augen blitzten.

»Schaffe die Fatme nach Schloß Eberstein, man soll sie dort gut behandeln, aber eine Gefangene in ihr sehen!« befahl sie. »Sie ist wirr im Kopf, als meine einstige Dienerin will ich sie dort verpflegen lassen, sage das den Leuten.«

Mustapha war verschwunden. Sie saß allein und blickte mit düsterer Miene vor sich hin. Also doch belogen? Ihr Herz war voll unsäglicher Bitterkeit und sträubte sich dennoch zu glauben, was erwiesen, jetzt klar erwiesen schien. Dann erhob sie sich mit einem tiefen Atemzuge und schritt in ihr Audienzgemach, indem sie sich Mühe gab, eine Heiterkeit und Ruhe zu zeigen, welche sie so himmelweit entfernt war, zu fühlen.

Nach Beendigung der Geschäfte erbat sich der Hofrat von Wiedebar ein kurzes Gehör für eine Privatmitteilung.

Wie erstaunte Sibylla, als der Hofrat ihr dann in kurzen Zügen dieselben Eröffnungen machte, welche seiner Tochter Sabine ganzes Wesen in den innersten Tiefen erregt hatten.

»Wiedebar! Das ganze Land, die Ritterschaft wird Euren Entschluß bewundern! Aber wie wollt Ihr Sabine entschädigen?« hatte die Markgräfin gerufen.

»Indem ich ihr den Rudolf zum Manne gebe!«

»Aber will Sabine ihn? Ich glaube nicht?« rief sie.

»Sie wird schon wollen: es fehlt ihr nicht an Verstand, um einzusehen, daß auch sie eine heilige Pflicht gegen den Namen hat, den wir führen!«

»Wiedebar! Welche Summe von Selbstverleugnung übet Ihr und welche fordert Ihr von Eurer Tochter!«

»Ist mir nicht sauer geworden, was mich betrifft, Durchlaucht; aber mit der Sabine freilich, da werd' ich einen harten Stand haben, wenn die Frau Markgräfin Gnaden ihr nicht den Kopf zurecht setzt. Darum wollt' ich in aller Untertänigkeit gebeten haben, ob die Frau Markgräfin nicht einen Machtspruch tun will.«

»An Eurem Kinde, Herr Hofrat? Nein, nein! Was ich bei meinen eigenen Kindern anzuordnen und zu befehlen das Recht habe, und wofür ich Gehorsam fordere, wie ich nur Gott dafür verantwortlich bin, das kann ich Eurer Tochter nimmer heißen, dafür seid Ihr da!«

»Also das meinen Durchlaucht doch auch, daß das Befehlen an mir und das Gehorchen an der Sabine ist?« fragte der alte Mann mit dem harten, braungelben Gesicht.

»Natürlich, so Ihr's verantworten könnt!«

»Das kann und will und werde ich, Durchlaucht.«

»Aber bedenket eines, Herr Hofrat. Wenn die Sabine nun partout nicht möchte?«

»Larifari ist's, Frau Markgräfin! Hier hat sie alle Tage das gute Leben gehabt und meint sich schier selber eine Prinzessin.«

»Nicht doch, Wiedebar, die Sabine ist sich ihrer Stellung allezeit in gehöriger Modestie bewußt geblieben. Das arme Ding hat sich die seidenen Fähnchen dreimal umgekehrt, daß sie nur leidlich anständig erschien.«

»Freut mich, Durchlaucht! Ist das beste Lob, was ich hören konnte!«

Und indem er sich dann noch einmal mit der Bitte an die Markgräfin wandte, sie möge doch seiner Tochter zusprechen, mit dem Eberstein sei es ja doch nichts, packte er endlich seine Amtsakten, wie diejenigen, welche seine Privatsachen betrafen, zusammen und empfahl sich.

»Das arme Mädchen«, dachte die Markgräfin, ihm nachblickend. »Was soll aus der Sache werden! Wenn Eberstein sich entschlösse, sie zu heiraten! Der ganze Hofklatsch wird ihm überbracht sein! Seit jener Zeit hat er sich von ihr zurückgezogen. Auch für ihn wär' es gut, wenn er sich gebunden fühlte durch die Ehe; Sabine ist brav, sie würde ihm eine gute Hausfrau sein.«

Sie nahm sich vor, bei Eberstein baldigst zu sondieren. – –

Früh am Morgen waren die Herren zur Jagd aufgebrochen.

Da man mehrere Tage fortzubleiben gedachte, hatten schwer beladene Packpferde mit Proviantkörben und die die Kleider der Jäger enthaltenden Felleisen schon gestern die Reise angetreten.

»Der liebe Graf ist uns schon echappiert! Ich habe meinen Geerd hinübergeschickt, unter dem Vorwand, ihn zum Nachkommen aufzufordern, er ist aber mit Sonnenaufgang abgeritten; sein Melchior mit ihm, und nur ein Felleisen, das allerkleinste, haben sie aufgeschnallt gehabt«, berichtete Bilky.

»Und welchen Weg?« fragte der Markgraf eifrig.

»Nach dem Wildbad gehen sie!« war Bilkys Antwort.

»Hallo, das konnte ja nicht schöner treffen!« lachte Markgraf Ludwig Georg seelenvergnügt.

Unter Horrido und Hörnerklang ritten sie ab, als noch stundenlang die Damen in ihren Betten lagen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.