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Schloß Favorite

Luise Ahlborn: Schloß Favorite - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLuise Ahlborn
titleSchloß Favorite
publisherVerlag von C. Wild's Hofbuchhhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.

Von dem Schlosse aus führten zwei Reihen bedeckter Arkaden, die einen großen Rasenplatz und eine inmitten desselben befindliche Fontäne einschlossen, nach den Kavalierhäusern, in welchen die Herren des kleinen Hofstaates einquartiert waren.

Eberstein, Schilling und Grunthal suchten nach ihrer Entlassung gemeinsam ihre Wohnungen auf und redeten, indem sie vor dem Wetter geschützt noch einige Male in den von Glaslaternen erleuchteten Bogengängen auf und ab wandelten, von der Prinzessin von Neuburg, welche durch ihren anscheinenden Stolz und ihre Kälte auf die beiden letzteren keinen guten Eindruck gemacht.

»Ja, wenn man hoffen könnte, der Pygmalion dieser Statue zu werden!« rief Grunthal leichtfertig.

»Wie, Grunthal? Ihr seid ja der reine Herzensbrecher geworden, wenn man Euch reden hört! Übrigens sprachet Ihr diesen selben Wunsch vor einem Jahre in bezug auf Fräulein von Wiedebar aus und habt Euch auch rechtschaffene Mühe gegeben, in dieser Statue warmes Leben zu wecken, aber –«

»Aber – ich mußte abziehen, die Festung war schon erobert und der Sieger, der in seiner bekannten Bescheidenheit schwieg, hielt den Platz gegen alle Angriffe!« lachte Grunthal mit einem Blick auf Eberstein.

»Laßt doch solch törichtes Gerede, ihr Herren.«

»Nun, Grunthal,« rief Schilling, »unser lieber Graf hat doch am Ende ein heimliches Faible für die Sabine – reden wir nicht mehr davon! Erzählt uns lieber, Eberstein, was Ihr von Prinzeß Anna Maria haltet.«

»Ich gestehe, sie gibt einem zu raten auf mit ihren allzu klaren Augen. Sie ist eben zu früh in die Schule des florentinischen Hofes geraten!« sagte der Graf ernsthaft. »Es ist in dieser Zwanzigjährigen schon so viel traurige Weisheit, daß die Flamme des Herzens erstickt scheint unter dem Gewicht dessen, was ein so junges Wesen nicht tragen kann!«

»Und reizte es Euch nicht die Schleier zu lüften, mit denen sie ihr Herz umhüllt?« fragte der Kammerherr eifrig.

»Nein, Grunthal, ich bin weder so neugierig noch so vorwitzig!« lachte Eberstein und Schilling lachte mit.

»Ich will mir die Neugier gefallen lassen und Euch den Vorwitz christlich verzeihen, Graf, wenn Ihr uns sagt, ob die Prinzeß für unsern jungen Herrn bestimmt ist?«

»Sie sind Geschwisterkinder, – Ihr wißt, wie die Markgräfin über solche Ehen denkt!«

»Geht Ihr morgen mit nach Herrenwies, oder seid Ihr noch zu reisemüde?« fragte der Oberjägermeister.

»Nein – ich kann nicht mit. Ich habe einen Ritt im Auftrage Ihrer Durchlaucht«, erwiderte Eberstein.

»Aber Ihr kommt ja eben erst an – dazu sollte sie einen andern schicken!«

»Bester Schilling, wie kurzsichtig! Der Graf ist der Mann für alle wichtigen Dinge!« sagte Grunthal. »Darf man wissen, wohin die Reise geht?«

»Ich bin leider nicht ermächtigt, darüber zu reden, lieber Grunthal«, war die Antwort.

»Schade, daß Ihr nicht mitgeht!« bedauerte Schilling noch einmal.

»Wer weiß, vielleicht treffe ich die Herren noch in Herrenwies, wenn ich zurückkomme!« rief der Graf, im Hause verschwindend.

»Ach! Weit geht die Reise also nicht!« sagten die Zurückbleibenden leise zueinander.

Dann aber bestand Grunthal darauf, daß Schilling mit ihm in seine Wohnung trat und sich die neuen Moden zeigen ließ, welche der Kammerjunker von Paris mitgebracht.

Erst spät trennten sie sich, indem sie einander lachend ermahnten, den versäumten Schlaf schnell nachzuholen, da man morgen beizeiten aufbrechen werde.

Herr Mustapha ging trotz der späten Stunde noch einmal auf Filzsohlen durch alle Zimmer, sah nach, ob die Feuerschütze von Metall über den Feuern in den Kaminen lagen – prüfte den Verschluß der Fensterläden und löschte hier und dort noch brennende Kerzen. Als er dann über den Seitengang daher kam, schrak er heftig zusammen vor einer weißen, schlanken Frauengestalt, welche ihm entgegenhuschte und ebenso vor ihm zurückfuhr.

»Ah – das gnädige Fräulein von Wiedebar ist es!«

»Wie Er mich erschreckt hat, Mustapha! Ich will noch ein Weilchen zum Vater, – er ist immer so schlaflos«, sagte die Dame im Vorbeischweben.

Der Schein der Wachskerze, welche sie auf einem Leuchter von blankem Kupfer trug, war hell auf ihr blasses Gesicht gefallen. Mustapha sah ihr kopfschüttelnd nach und murmelte im Weitergehen:

»Sie wird alt vor der Zeit bei dem vergeblichen Hoffen und Harren! Wie dumm und verblendet die Weiber sind, wenn sie auf ein Ziel lossteuern! Nie gelingt's ihr! Nie! Und der Graf –! Könnte geliebt und angebetet sein wie ein Gott – und macht sich nichts aus all den Blicken, die ihn locken sollen! – Pah! die Sonne duldet keinen Stern neben sich!« Dann kamen seine Gedanken aber wohl auf unangenehme Erinnerungen zurück, sein Gesicht verfinsterte sich, er wandte sich der Bodenkammer zu und sagte halblaut vor sich hin: »Dieser Philipp liebt die Eydelmann – und er wird alles tun, sich in meiner Gunst zu halten! Ihn will ich schicken!«

Sabina von Wiedebar war, in ihrer unhörbaren Weise die Tür öffnend, bis dicht an den Vater herangetreten, ehe er die Tochter bemerkte.

Der etwa sechzigjährige Mann, mit einem auffallend feste und grobe Züge tragenden Gesicht, saß, aus einer holländischen Tonpfeife rauchend, vor einem Konvolut Akten, dieselben mit Aufmerksamkeit lesend.

»Du hast mich noch sprechen wollen, Vater? Kannst du wieder nicht schlafen?« sagte die Tochter, ihm die Hand auf die Schulter legend.

Der Angeredete erhob die kalten, klug blickenden Augen von den Akten.

»Schlecht, Sabina! Sehr schlecht! Der Tabak verschlägt auch nicht mehr –. Es ist eine Pein!«

Er hatte die kleine, schwarze Seidenmütze, womit er jetzt anstatt der übergroßen Lockenperücke seinen kahlen Scheitel bedeckte, zurückgeschoben.

»Ja, es ist eine Pein!« sagte die Tochter bestätigend.

Die Augen des Vaters richteten sich forschend schärfer auf ihr Gesicht.

»Kannst du auch nicht schlafen, Bine? Du siehst schlecht aus, Mädchen. Wer, wie du, auf eine eheliche Versorgung Bedacht nehmen muß, soll seine äußeren Gaben nicht vernachlässigen!«

Das Mädchen wurde purpurrot; – unverkennbar erschreckte und verdroß sie des Vaters Bemerkung über das Schwinden ihres guten Aussehens.

»Kleider machen Leute, Vater! Ihr haltet Euer einzig Kind so karg, daß es sich nicht putzen kann. Das verdrießt mich und Ärger ist kein Schönheitsmittel«, sagte sie herb.

»Karg? Hab' ich dir nicht allmonatlich drei Dukaten gegeben und die Frau Markgräfin zahlt dir auch dein Jahresgehalt, ohne die Geschenke!« schalt der Vater.

»Dennoch komme ich nicht aus, Vater, Ihr wißt es! Was versteht Ihr all die tausend Dinge, welche wir Frauenzimmer brauchen! Ich bin sparsam – glaubt es! Aber ich bitte Euch, gebt mir ein paar Dukaten: – seht – sie ist leer – völlig leer!« bat die Tochter und zeigte ihre Börse.

»Leer? So helfen mir doch alle Heiligen, wo ist das Geld schon wieder geblieben, Bina? Laß die Durchlaucht sorgen, wenn sie mehr Putz von ihren Hofjungfern verlangt, als diese prästieren können, sie hat Staatskleider genug – und was sie ablegt –«

»Das kommt den Kammerfrauen und Zofen zu, nicht dem Freifräulein von Wiedebar«, antwortete gereizt die Tochter.

»Na – wenn du zu stolz bist, so geh auch in den bescheidenen Röcken!« murrte der Alte.

»Wozu spart der Vater all das Geld, was er verdient? Mitnehmen kann keiner seinen Reichtum – und da ich doch schon alles allein erben werde –!«

»Gar nichts erbst du!« rief der Alte. »Gar nichts, wenn du beharrst, eine ungehorsame Tochter zu sein! Darum hab' ich dich kommen lassen, daß ich dir's ein letztes Mal vorstelle! Ich bin ein alter, gichtischer Mann – meine Zeit kann bald um sein, und wenn ich nur erreicht hab', was ich mit Not und Müh' erstrebe, so will ich auch nicht murren. Also sag's. Soll ich's dem Rudolf schreiben, willst du ihn jetzt?«

Die Tochter war erschrocken einen Schritt zurückgetreten.

»Jetzt denkt der Vater wieder an den?« fragte sie schnell und beklommen atmend. »Es tut mir leid, daß der Vetter Rudolf sein Weib verloren; – sie war eine gute Frau, die Brigitta, aber ich verspüre keine Lust auf das kleine jämmerliche Landgut hinaus und Stiefmutter zu werden über ein ganzes Häuflein Kinder.« – Sabina von Wiedebar redete sehr entschieden.

»Ich hab' damals der Sache ihren Lauf gelassen, denn die Mutter selig stand dir zur Seite und überredete mich, ich sollte dir die Freiheit lassen, seitdem hat sich aber alles geändert!«

»Ja, seitdem ist der Vater ein reicher Mann geworden, durch die Erbschaft vom Großohm, aber trotzdem hat er mehr gespart und gedarbt wie ein Harpagus. Es ist zum Schämen wie die Leute spitz reden und sticheln auf den geizigen Hofrat von Wiedebar. Selbst Ihre Durchlaucht heißt es nicht gut, Vater!«

»Weiß es wohl! Kümmert mich aber nicht, frage mit aller sonst schuldigen Ehrfurcht so wenig nach ihrem Gerede wie nach dem aller andern.«

»Aber Ihr seid hart, Vater! Jedes Ding muß doch einen vernünftigen Zweck haben!« rief die Tochter.

»Vernünftigen Zweck?« rief der Alte so laut, daß Sabina ganz erschrocken zusammenfuhr. »Weißt du, Aberwitz, ob ich keinen vernünftigen Zweck habe? Jetzt setz' dich daher, denn dazu hab' ich dich kommen lassen! Die Sache muß zu Ende geführt werden und du hast die Jahre und mußt nachgerade wissen, was du tust. Zwingen kann und will ich dich nicht, wählen sollst du. Ich werde dir jetzt sagen, was ich vorhabe, dann sollst du dich noch einmal entscheiden, ob du den Rudolf willst!«

Er winkte der Tochter, die sich auf einen Stuhl neben dem Tische niedersetzte, an welchem der alte Herr geschrieben und in den Akten gelesen hatte.

Mit Erstaunen sah sie die Bewegung, welche über sein sonst ziemlich ausdrucksloses Gesicht flog.

»Der Großohm war ein Geizkragen, sagen die Leute, nicht wahr, Bina?«

»Ja, und die Leute hatten nicht unrecht!« erwiderte sie trotzig.

»Hat aber dafür auch hübsch was vor sich gebracht, der Alte! – ein stattlich hübsches Häufchen Goldtaler und Louisdor! Und mir hat er alles vermacht, mir, weil ich sein einziger und wahrer Freund war, der seinen Sinn erkannte! Und weil ich ihm einst erzählt hatte von dem Kummer meines Lebens, daß unser Geschlecht so herabgekommen seit mehr als hundert Jahren, und daß mein Großvater Matthias, sein Vetter, den ganzen Besitz verloren im letzten Kriege, da hat er mich gesegnet und mir zugesagt, ich solle sein Erbe werden, denn ich könne und werde den alten Namen wieder zu Ehren bringen.«

»Ja, Vater, der Großvater selig und dann sein Vater haben Elend und Kummer genug getragen in all den unendlich grausamen Kriegsjahren. Aber das ist doch nun mal geschehen und vorbei – verloren ist verloren.«

»Verloren ist nicht verloren! Früh auf und spät nieder, bringt verloren Gut wieder, heißt's im Sprichwort und das ist ein wahres, ein gutes Wort!« rief der Hofrat, seine Tochter unterbrechend und seine Augen leuchteten, über sein Gesicht fuhr der unverkennbare Stolz des Siegers. Dann fuhr er fort: »Und was willst du mir sagen vom Brot was ich verdiene! Und vom reichlichen Auskommen? Die Wiedebar haben nimmer gedient, sie standen vor hundert Jahren unter den Ersten des Landes, sie verschwägerten sich mit den edelsten Häusern, und wenn sie dienten, so taten sie's nicht, weil das bittere ›Muß‹ sie zwang, sondern aus freiem Willen, ihrem Lehnsherrn zulieb; sie hatten ihre Burgen und Schlösser, ihre Dörfer und meilenweiten Wälder! Wohin ist das alles? – Hier steht's geschrieben! Eins hierhin, eins dorthin! Es ist ihnen eben ergangen wie Tausenden, die alles verloren, was sie hatten! Es machte mir deshalb auch keinen Kummer, daß deine Mutter mir keinen Sohn brachte; was hätt' ich ihm zu vererben gehabt? Jetzt ist die Sache anders. Dies fand ich zwischen allerhand verstaubten, wertvollen markgräflichen Urkunden!«

Er legte mit zitternden Händen ein altes vergilbtes Dokument auf grobem, rauhem Papier mit daranhängendem Siegel vor sich hin und seine Augen schienen dasselbe fast gierig zu liebkosen.

»Sieh her! Kein Mensch weiß bis heute davon, außer mir und dem Rudolf und jetzt erst wird es kund werden; zuvor sage ich's aber dir, damit du mir nicht etwa übel nachredest, wenn ich dereinst im Grabe liege und andere haben den Genuß von meinem Gelde, nicht du und deine Kinder!«

»Was meint der Herr Vater?« flüsterte erbleichend die Tochter, welcher jetzt erst der Ernst dieser Eröffnungen aufzudämmern schien.

»Sieh auf dies Blatt Papier – da steht's! Aber laß nur, ich merke doch wohl, daß du nicht verstehst, was du liest. So ist's! Hier – schau! Da sieh den Namen: ›Matthias von Wiedebar‹ und hier, da ist der andere Name: Bernhardus Friederikus, Abt von Schwarzach. – Nun höre, was diese Schrift bedeutet, welche im Jahre des Herrn 1649 zu Markgraf Wilhelms Zeit verfaßt worden ist.« Und jetzt las er eifrig und mit scharfer Betonung der gespannt lauschenden Tochter einen Pfandbrief vor, worin Matthias von Wiedebar dem Abte des Klosters Schwarzach seine sämtlichen liegenden Gründe mit Einschluß der eingeäscherten Stammburg für die Summe von zwanzigtausend Goldgulden verpfändete, und zwar derart, daß der Abt in den nächsten aufeinanderfolgenden fünf Jahren den Gläubigern des Matthias von Wiedebar jedes Jahr dreitausend Goldgulden und die laufenden Zinsen zahlen, fünftausend aber an Matthias selber schon jetzt vorausfolgen solle – »der sonst nit zu leben wüßt!«

»Der arme Ahn! Wie mag ihm das Herz geblutet haben!« sagte, da der Hofrat innehielt, seine Tochter, welche sehr wohl begriff, was alles ihr Ahn gelitten haben mußte, um die Besitzungen der Familie so aufzugeben.

»Jetzt höre weiter«, triumphierte der Alte und las wieder:

»Sollichs soll gelten von nun an bis Ewigkeit. Würde aber einer kommen des Namens und aus dem rechten Geblüt des Herren Matthias von Wiedebar von heute an bis hundert Jar auf den St. Michaelstag, sei derselbige ynländisch oder ußländisch, so soll er alles verkauft gut und recht redlich und offentlich, ohn vorteil und arglist wieder haben für 30 000, dreißigtausend Goldgulden bar auf einem Brett überlievert, auf daß dem natürlichen löser nit vorbehalten sei, was Matthias von Wiedebar for ihme und seyne erben, mit bewilligung der fründschaft und geplüter heute, auf St. Michaelstag vor dem Ave Maria leuten mit dem käufer vereinbaret hat. Solliches bezeugen –«

Und nun folgten die Namen des Abtes und des Priors von Kloster Schwarzach, sowie die des Verkäufers und seiner Vettern.

Wie ein Blitz war es vor der Tochter des alten Mannes niedergefahren.

»Vater! Du willst –?« Sabine konnte vor Herzklopfen nicht reden. Hatte er soviel Geld? Ein Vermögen für diese Zeit so kurz erst überwundenen Kriegselends! Und damit wollte er –

»Ja, das will ich! Wiederkaufen, auslösen will ich meiner Väter Haus und Scholle. Nicht meine Eltern noch ich haben gedacht, daß ich der Matthias von Wiedebar sein würd', der das Gut wieder auf den Namen brächte! Daß die Mönche von Schwarzach fein stille gewesen sind, das kann man ihnen nicht verargen!« hohnlachte der Hofrat. »Er wird Augen machen,« fuhr er dann fort, »der Herr Abt von Schwarzach! Wer denkt heute noch dieser vergessenen Urkunde? Aber unanfechtbar und wohl verbrieft ist mein Recht der Auslösung! Dann bin ich, Matthias von Wiedebar, wieder der Ritterschaft zugesellt! Oh, und daß ich nun keinen Sohn habe! All diese Jahre her habe ich gekargt und gespart, das Geld völlig zusammenzubringen, jetzt hab' ich's und kein Mensch begreift's, was mein Herz ausgestanden hat in der Qual, daß ich nicht für einen eigenen Sohn arbeite und strebe! Ich habe öfter gedacht, daß ich eine zweite Heirat tun sollt, doch hab' ich's unterlassen und der Rudolf, als nächster Mannserbe, wird nun der Besitzer.«

Seine Tochter stieß einen unterdrückten Schrei aus.

»Ja, es ging mir nah, Bina! Ich hab' der Muttergottes von Lichtental ein neues Kleid geschenkt und ihre Krone vergolden lassen, daß sie mir einen Ausweg zeigte, 's tat mir in meinem Geldbeutel weh genug, und als mir just die Frau Äbtissin geschrieben hat, die Krone und das Kleid seien fertig und kosteten hundertsiebenzehn Gulden, da reitet der Bote vom Rudolf auf den Schloßhof in Rastatt und bringt mir die Nachricht, daß die Brigitta tot sei! Das war ein Wunder, ein richtiges Wunder der Heiligen, daß die gesunde, junge Frau dahinging in drei Tagen, auf daß für dich, Bina, Platz würde und daß die Heiligen mir einen Erben geben könnten aus meinem Blut, von meinem Fleisch und Bein! Dem Rudolf hab' ich gleich alles gesagt, als wir die Frau begraben hatten; er ist's zufrieden, wenn du's nur bist. Ich hab' auch mit ihm ausgemacht, daß, wenn du mit ihm einen Sohn hast, dann dieser der Erbe der Wiedebarschen Güter wird, die ich zurückkaufe, nicht etwa die Söhne der Brigitta; und alles soll schriftlich festgemacht werden, wenn du ja gesagt hast, nächste Woche kommt der Rudolf selber.«

Die Tochter hatte völlig fassungslos die ganze Rede des Vaters angehört. Die Lippen blauweiß vor Aufregung und das Gesicht leichenfahl, saß sie mit weitgeöffneten starren Augen da.

Soviel Geld! Soviel! Dreißigtausend! Und das alles sollte Rudolf, dem rechten Vetterssohn, zugewendet werden, nur weil er der nächste männliche Erbe war?

Heute, in dieser Stunde wurde ihr bewußt, was Reichtum bedeute und daß sie auch reich hätte werden können; daß statt dessen ihr eigenes rechtmäßiges Erbe ihr entzogen werden sollte, um einer »Grille« ihres Vaters willen.

»Es geht mir nah, Bina, daß ich sehe, du hast kein Herz für meine Gedanken!« sagte ihr Vater nach einer Weile.

»Ein Herz dafür, daß du – Vater, mich verstößt, mich, dein einzig Kind, und gibst alles dem Rudolf?! In der Schrift steht: Wer ist, der seinem Kinde einen Stein bietet, statt des Brotes! So tut der Vater mir!« schrie sie auf und eine ungezügelte Leidenschaft brach damit hervor.

»Nichts da! Ich lasse mir nicht drein reden mit Weinen und Geschrei! Ich bin das Haupt, ich befehle; mein Kind hat zu gehorchen!«

»Ich kann's nicht, Vater, ich mag den Rudolf nicht ausstehen. Er ist ein Bauer, ein ungehobelter Gesell!« rief die Tochter händeringend.

»Ein Bauer? Sieh mir einer den Hochmutsteufel, der in der Dirne steckt!« schrie der Hofrat. »Freilich, wenn du den Eberstein hättest gewinnen können, das wär' mir auch schon lieb gewesen; dann bekam der Rudolf die Güter und du brauchtest dich nicht zu quälen, denn der Graf hat auch ein gutes Vermögen! Aber da wart' ich ja allezeit vergeblich! Ich geb's jetzt auf und rate dir, tu ein gleiches; der Eberstein denkt nicht an dich!«

Ein Stöhnen war die ganze Antwort Sabines.

Der Vater sah sie mit einer beinah mitleidigen Miene an, die sich in dem harten Gesicht sonderbar genug ausnahm. Dann steckte er mit einem raschen Entschluß ihre Kerze wieder an, die er vorher aus Sparsamkeit ausgeblasen und sagte: »Geh jetzt zu Bett, Bina und beschlaf's! Guter Rat kommt über Nacht! Ich rede mit der Frau Markgräfin über meine Absichten und dann reise ich nach Schwarzach, mit dem Abt zu verhandeln. – Du hast eine ganze Woche Zeit, überleg' dir's.«

Sabine nahm schweigend die Wachskerze. Sie beugte sich nicht wie sonst, des Vaters Hand zu küssen, sie hatte keinen Blick für ihn. Ganz gebrochen ging sie zur Tür, ihr Haar hing ihr lose im Nacken herab, sie sah aus wie ein Gespenst und unaussprechlich elend.

»Soviel Geld! Soviel Geld!« murmelte sie im Fortgehen.

»Bina – merkst du denn nicht, daß ich es nur dem zuwenden will, der Fleisch von meinem Fleisch ist und Bein von meinem Bein! Deinem Sohne will ich ja alles gönnen!« rief ihr der Vater nach.

Sie lachte tonlos und bitter. Dann schloß sich die Tür hinter ihr.

»Ein Mann, und wäre er noch so jung, hätte Verständnis für die Zukunft seines Stammes und Namens, so ein Weib sieht doch nur sich und das Nächstliegende!« seufzte der Hofrat von Wiedebar.

Dann schlug er die Papiere zusammen und schloß das kostbare Aktenstück weg.

Und draußen tobte der Sturm und warf prasselnde Regentropfen an die Scheiben.

Am andern Morgen bot sich den Blicken der Erwachenden der blaueste Himmel, die goldenste Sonne.

Der Frühling war eingezogen – und Frühling! Frühling! jauchzte und zwitscherte das Heer der Vögel in den uralten Waldriesen des Parks von Favorite.

Die Markgräfin Sibylla hatte, indem sie sich dies reizende Schlößchen ganz nach ihrem Geschmacke baute, zunächst den hungernden Armen ihres vom Kriege so unbeschreiblich hart mitgenommenen Landes Arbeit geben wollen. Dabei fanden diese Unglücklichen immer noch Zeit, ihre eigenen verfallenen Häuser neu aufzubauen, ihre Gärtchen und Felder wieder zu bestellen, eine Ernte heranreifen zu lassen und so aus dem schrecklichen Kriegselend nach und nach zu geordneten Zuständen zurückzukommen.

Das Volk segnete die Fürstin, welche einsichtsvoll die verwilderten Gemüter durch Arbeit und Zucht zu geordneten Zuständen wieder heranbildete.

Leicht war die Erreichung dieses Zwecks der Markgräfinregentin nicht immer geworden, aber der Lohn blieb ihrem Herzen nicht aus.

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