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Schloß Favorite

Luise Ahlborn: Schloß Favorite - Kapitel 32
Quellenangabe
authorLuise Ahlborn
titleSchloß Favorite
publisherVerlag von C. Wild's Hofbuchhhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
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Einunddreißigstes Kapitel.

Vor einer halben Stunde kaum langte der Fürst Landin zu Fuße vor der Favorite an. Sein Pferd ließ er vor dem Park, den letzten Teil des Weges lief er mehr, als er ging. Seine Aufregung steigerte sich bis zum Fieber, als er diesen Park wiedersah, jene Stelle auf dem Dache dort oben!

Sibyllas Feindschaft war ihm gewiß, nie würde die Stolze ihm gestatten, die Geliebte zu sehen. Und er mußte zu ihr, er war nicht umsonst Tag und Nacht gefahren!

Arme, teure Anna Maria! So viel Liebe und Treue gab sie ihm, und er sollte sich zurückhalten lassen, ihr zu danken? Sie hatte schwer krank gelegen, aber sie war in der Genesung, er fragte im letzten Wirtshaus und erfuhr alles.

Jetzt –! Da lag das Schloß dicht vor ihm. Vor der Einfahrt hielt noch der markgräfliche Wagen, der Bilky von Baden geholt. Aufgeregte Diener umstanden ihn. Durch das Gebüsch schlich der Fürst sich an die ihm so wohlbekannte Tür. Niemand hinderte ihn, in das Schloß zu treten. Er lief sachte die nahe Stiege hinan, dann aber den Gang hinab. Unbemerkt erreichte der Fürst die zweite Treppe. Schon war er oben. – Da –! Bärbel Eydelmann! Mit zwei Schritten hatte er dieselbe erreicht, da kam Bärbel zum Bewußtsein und wollte ihn zurückhalten.

»Schweig, oder du bist des Todes!« fuhr er sie, besinnungslos vor Aufregung, an und schleuderte ihre Hand zurück.

Landin stand im Vorzimmer der Prinzessin. Er durchschritt es lautlos. Die Tür zu Anna Marias Krankenstube war weit offen. Die Scandrini vermochte sich vor Schrecken nicht zu erheben, sie erkannte den Fürsten sofort.

Da – »Yanko! mein Yanko!« Es war ein Ton, so matt und leise und doch so deutlich in der tiefen Stille, daß er Landins Ohr sofort traf, ohne es zu beunruhigen, denn nichts als Freude und Liebe klang ihm entgegen. »Yanko! Du bist es! O, komm doch!«

Er kniete an ihrem Bette, er küßte ihre Hände, ihren Mund! In seinem Arme, an seiner Brust ruhte ihr Kopf, und ihre strahlenden, großen Augen blickten ihn selig lächelnd an. Kein Schrecken, keine Aufregung, kein Ungestüm! Ganz sachte – sanft – in wonnevoller Schlichtheit und Ruhe hatten sie dies heißersehnte Wiedersehen gefeiert. Das lilienbleiche Antlitz der Prinzessin wurde langsam überhaucht von lebensvoller Freude. Sie war zu matt und schwach, um sprechen zu können. Nur ganz einzeln fielen ein paar leise Worte von ihren Lippen. »Ich wußte es! Erkannte sofort deinen Schritt! Nun ist alles gut, mein Geliebtester!« Ganz still, vollkommen befriedigt und weltentrückt lag sie an seinem Herzen. –

Nur seine Augen durften zu ihr sprechen, und sie übten ihren ganzen Zauber, ihm fast unbewußt. Leise Liebesworte wechselten sie – zuweilen küßte er ihre Lippen, ihre Augen. Die Scandrini stand, ohne sich zu regen, in der Tür und weinte vor Rührung und Glück.

»Charlotte sagte – du würdest kommen! Ich war vorbereitet! Ahnung – bestimmte Ahnung!« hauchte sie. Und das selige Lächeln, das grenzenlose Glück bedeckte ihre Wangen mit dem ersten zarten Rot. Wie im Himmel fühlten sich beide. So verging eine Weile – sie genossen das höchste irdische Glück. Auf einmal sah Landin Anna Marias Augen sich starr auf die Tür richten; ihr Gesicht veränderte sich blitzschnell – namenloses Entsetzen malte sich darin; mit unnatürlicher Kraft schnellte sie empor, stieß einen gellenden Schrei aus – einen Schrei, der durch das ganze Schloß hallte und schlug beide Arme um seinen Hals.

»Yanko! rette –!« und ein gurgelnder Ton, ein Zucken, vollendete ihre Worte. Die Markgräfin stand in der Tür.

Ein grauenhaftes Entsetzen lähmte ihn; nur in seinen Augen lag noch Leben. Vergebens sprach er beruhigende Worte. Neben sich sah er Sibyllas entsetzlichste Angst verratendes Antlitz, hörte er auch sie bittend, beschwörend ihrer Nichte zureden.

Die Arme der Prinzessin lösten sich; sie lag bleischwer in den seinigen. Blauweiß das Antlitz, die Augen erstarrend, brechend. Noch zwei, drei krampfhafte Zuckungen, ein eigentümliches Strecken ihrer Glieder – dann ein tiefer Atemzug! Er küßte sie in wilder Angst, er rief sie mit tausend Liebesworten! Umsonst! Anna Maria war tot. – Markgräfin Sibylla, bewußtlos niedergesunken, lag in den Armen der Scandrini.

Landin wollte nicht glauben, was seine Augen sahen! Außer sich, rief er nach Hilfe, nach Ärzten, klagte in wilder Raserei die Markgräfin an und häufte Flüche und Racheschwüre auf die unglückliche Fürstin, die nichts davon hörte. Es war eine unbeschreibliche Szene des Entsetzens, der Verwirrung. Das Geschrei durchdrang die prachtvollen Räume des Schlosses.

Tot! Tot! Tot!

*

Ein Vierteljahr war seit Anna Marias Tode vergangen, und der schmerzgebeugte Landin, den in seiner tiefen Trauer alle liebgewonnen hatten, war längst nach Wien zurückgereist. Er hatte ein Wiedersehen mit der Markgräfin vermieden, und sie seinen Namen niemals genannt. Der Sommer mit aller seiner Blütenpracht machte die Favorite zu einem Paradiese. Da hielt auf schweißbedecktem Rosse ein Kurier vor der Einfahrt.

»Ihrer Durchlaucht, der Frau Markgräfin. Zu eignen Händen!« rief er, steif an allen Gliedern vom Pferde steigend, auf seine Brieftasche schlagend, dem Wachtposten zu.

»Ja, da müßt Ihr warten, Gnaden Durchlaucht sind in der neuen Kapelle!« sagte, mit einem sonderbaren Blick nach dem Parke, der Mann.

»Kann man dahin gehen? Mir ist Eile befohlen!« rief der Kurier.

»Hingehen schon, aber zu sprechen bekommt Ihr die Durchlaucht nicht, ehe sie ihre Andacht vollendet hat, und da können Stunden vergehen.« Inzwischen war der Kammerdiener herbeigekommen und hatte neugierig gefragt, was es gebe.

»Ihr bringt wohl Nachrichten von der Hochzeit unsers jungen Herrn Markgrafen?«

»Freilich! Und die durchlauchtigen Herrschaften wollen kommen, folgen mir vielleicht, sind, wer weiß, heute oder morgen da, denn es verlangte unsern Herrn jetzt sehr heim nach der Frau Mutter Gnaden!«

Gleich darauf schritt die hohe gebietende Gestalt des Geistlichen in den Park und verschwand hinter den Bäumen.

»Geht Ihr ihm nach; Ihr könnt Ihrer Durchlaucht den Brief auf ihrem Wege geben, sie wird es gern sehen, denn sie fragte mehrfach, ob noch keine Nachricht gekommen sei.«

Der Mann tat, wie ihm geraten wurde und folgte dem Pater. Kopfschüttelnd sah er den geistlichen Herrn in einer neu errichteten Kapelle verschwinden, welche, mit Borkenrinde bekleidet, durch ihre auf die härteste Kasteiung gerichtete Einrichtung dem Volke viel zu reden gab.

»Die Leila muß doch etwas zu tun gehabt haben mit der Schwermut unserer Durchlaucht«, murmelte er, denn hier keine zwanzig Schritte entfernt, war ja das Grab des Türkenmädchens.

Eine Weile stand er wartend, da öffnete sich die Tür des vielbesprochenen kleinen Baues und die schlanke, vornehme Gestalt Sibyllas von Baden-Baden stieg die Stufen herab, gefolgt von dem Pater und etwas später von ihrer treuen Mettler. Sie war in tiefste Trauer gekleidet und blickte mit einer gewissen Erregung dem Boten entgegen, der ihr den Brief ihres Sohnes überreichte. Ein unbeschreiblich düsterer Ausdruck lag in ihren dunklen Augen. Aber ehe sie las, fragte sie: »Also du sahest den Hochzeitszug?«

»Ja, Ew. Durchlaucht, zu dienen!«

»Erzähle!«

Stockend erst, dann geläufiger, berichtete der schlichte Mann, und sein wiederholtes: »Ach, Euer Gnaden, es war übermächtig schön, das Wiener Volk sagte, noch nie hätte man einen prächtigeren Aufzug gesehen!« ließ ein leises, aus Stolz, Freude und Wehmut gemischtes Lächeln über die Züge der Markgräfin gleiten.

Sibylla hörte eifrig, fragte, warf der Mettler, die herangekommen war, ein Wort zu, oder las dem sie begleitenden Geistlichen einen Passus aus dem Briefe vor. Dann aber seufzte sie plötzlich schwer, ihr Antlitz verdüsterte sich und nach ihrem Rosenkranze greifend, murmelte sie leise ihre Gebete.

Am dritten Tage stand in dem Lustschlosse noch einmal wieder der vollzählig versammelte Hof in großer Gala, die Dienerschaft in ihren besten Livreen zum Empfang bereit.

Glockengeläute, Ehrenpforten, Böllerschüsse, Fahnen, weißgekleidete Jungfrauen, Anreden und alle sonstigen Arten von Feierlichkeiten hemmten den Einzug des jungen Ehepaares auf Schritt und Tritt, seit dem Überschreiten der badischen Grenzen. Jubelnde Volksscharen waren aus allen Dörfern herbeigezogen – Markgraf Ludwig Georg fuhr in der vergoldeten Glaskutsche langsam an all diesen Kundgebungen warmer Anhänglichkeit vorüber, huldvoll grüßend und dankend und sich sichtlich herzlich freuend über die Bewunderung, welche Marias Holdseligkeit erregte.

Endlich! Endlich bogen die Vorreiter in die Allee ein, welche nach der Favorite führte.

»Mutter! Mutter!«

Da stand Sibylla – im wallenden Festgewand, im vollen Schmuck, aber – o Himmel! – wie verändert! Sie lächelte, sie kämpfte gewaltsam mit den aufsteigenden Tränen.

Ludwig Georg und sein Weib lagen in den Armen der tief Erschütterten.

Sibylla tat sich den größten Zwang an, zu lächeln, sie begrüßte Eberstein, den Erbprinzen und – ach – ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen! – sie las in beider Seelen alle die Schmerzen mit einem einzigen Blick, welche sie ihnen angetan.

Rührend war Sibyllas Herzlichkeit gegen die zuerst so unwillkommene Schwiegertochter. »Ich bin so froh, daß ich in deinem Herzen nun meines Ludwigs Glück geborgen weiß!« Auf ihrem Zimmer, unter vier Augen, hatte sie dann mit Ludwig Georg eine tränenvolle, lange Unterhaltung.

»Ihr übertreibt, teuerste Mutter, Eure Selbstanklagen. Friedel liebt und verehrt Euch mehr als je, er und Charlotte sind innig glücklich, teure Mutter! Ach, daß es so kommen mußte! Aber tröstet Euch doch, er wird genesen, er wird –!«

»Ein gebrochener Mann bleiben! Aber in seiner Seele ist's lichthell – und in der meinen so dunkel! Ach – und das war nur der eine –!«

»Unsere arme Anna Maria hatte übel gewählt, als eine hochgeborene Prinzessin! Ihr waret in Pflicht und Recht, daß Ihr alles tatet, sie zurückzuhalten, denn Ihr standet neben ihr an Mutterstatt.«

»O Ludwig, Ludwig! Wie falsch war ich gegen die Ärmste! Und – wie lag sie in jener Unglücksstunde glückselig lächelnd, friedvoll, genesend in Landins Armen, da ich – alles in meinem Zorn vergessend! – in ihr Zimmer raste! Er hatte sie dem Leben schon zurückgewonnen. Ich habe Magdalenes Kind gemordet!« flüsterte Sibylla und ihre zitternden Hände krampften sich in den Rosenkranz.

Schon am nächsten Tage reiste das junge Ehepaar nach Baden-Baden ab, mit ihnen Charlotte und Bilky, dessen Abkunft von Fürst Landin festgestellt war.

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