Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Luise Ahlborn >

Schloß Favorite

Luise Ahlborn: Schloß Favorite - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLuise Ahlborn
titleSchloß Favorite
publisherVerlag von C. Wild's Hofbuchhhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
projectidb58c0d57
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Im Schlosse Favorite, welches die seit nunmehr dreizehn Jahren verwitwete Markgräfin Sibylla von Baden-Baden sich kürzlich zu einer Sommerresidenz und »vergnügten Solitüde« erbaut und im letzten Sommer zuerst bewohnt hatte, herrschte zu dieser Frist bei fast sämtlichen Bewohnern, der fürstlichen Herrschaft wie den Dienern, das volle Unbehagen eines langen und vergeblichen Erwartens. Die Verspätung der Reisenden, welche ihre Ankunft für die fünfte Stunde des Nachmittags angesagt, hatte soeben gänzlich veränderte Maßnahmen zu befehlen notwendig gemacht, und damit ergab sich wenigstens das Aufhören dieses gelangweilten Umherstehens der in rote goldbordierte Livree gekleideten zahlreichen Diener.

Die Tafel mußte von neuem und anders als zur Mittagstafel gedeckt werden; in der Küche war man unter ärgerlichen Stoßseufzern beschäftigt, eine neue Mahlzeit zu bereiten, und dabei glaubte von der ganzen Schloßdienerschaft kein einziger mehr an die Ankunft der herzoglichen Prinzessin, für welche die Frau Markgräfin die äußerste liebevolle Rücksichtnahme entfaltete.

Der Mond hatte sich längst wieder hinter dicken, schwarz heraufziehenden Wolkenwänden verkrochen, und wenn der Wald das Schloß auch schützte, so heulte der Sturm doch wie ein Heer entfesselter Dämonen um den Turm desselben.

»Sie kommen heute nicht mehr, es ist unmöglich bei solchem Wetter«, sagte vor sich hin ein grauköpfiger hagerer Mann in fremdartiger Kleidung und mit fremdartigem Ausdruck der Züge, welcher beaufsichtigend zwischen den Dienern Ordnung hielt und aus den apathisch blickenden, tiefdunklen Augen stumpfe Blicke umherzusenden schien.

Sein grauer langer Schnurrbart beschattete wulstige Lippen, hinter welchen zuweilen große blendendweiße Zähne hervorblitzten. Auf den ersten Blick erkannte jeder Fremde an seiner Tracht und dem Schnitt des harten Gesichts, daß er einer der Türkensklaven sein mußte, welche der nie besiegte Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden von seinen ruhmreichen Feldzügen vor Jahren mitgebracht und die, später zum Christentum bekehrt, einen ebenso nützlichen und brauchbaren als beneideten Teil des Hofgesindes ausmachten.

Mustapha war seinem Herrn unter dieser Schar der angenehmste und vertrauteste geworden; der Markgraf ließ ihn bis zu seinem Tode nicht von sich, obgleich Sibylla, seine schöne Gemahlin, den Türken geradezu haßte. Die Markgräfin von Baden mußte sich aber wohl in ihrem Urteil geirrt haben, denn nach ihres Gemahls Ableben zog sie zum Erstaunen aller Mustapha in ihren besonderen Dienst, und dieser errang sich auch hier eine bevorzugte Stellung im Vertrauen der Herrin.

Jetzt bekleidete er seit Jahren schon den Posten eines Haushofmeisters und befehligte die Dienerschaft.

Dem anscheinend so trägen Blicke Mustaphas entging nicht das geringste, und er strafte jedes Versäumen, jeden Fehler ohne Nachsicht; unbegreiflich blieb nur oft, wie er alles sah, hörte, wußte, und nur zu bereitwillig glaubte man, daß er im Besitz von allerlei Mitteln sei, welche ihm Macht über Leben und Tod und vornehmlich über Zauberei und Hexerei gaben.

Mustapha schien solche Gerüchte nicht einmal zu ahnen.

Der Gefürchtete kehrte seine Strenge übrigens nicht nur gegen seine Untergebenen, sondern auch gegen sich selbst. Unermüdlich im Dienst, dachte er an alles und wußte sich trotz seines gebrochenen Schwarzwälderdeutsch stets verständlich zu machen.

»Eilt euch, ihr da! Hängt den Teppich vor die Balkontür, der Wind dringt durch jede Fuge! Ihr da, – legt an der Wetterseite die Laden vor die Fenster, die übrigen laßt frei! Es sollen Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Anna Marie die Augen des Schlosses freundlich entgegenleuchten. Gehe du, Bastel, und frage die Jungfer Eydelmann, ob es auch nicht raucht in den Zimmern der Prinzessin? Der Sturm fährt bei südlichem Wind oft in den Kaminen herab. Ah, da ist sie ja selbst! Nun, Jungfer Bärbel, habt Ihr getan, was ich befohlen?«

»Alles, Herr Haushofmeister, die Stuben sind aufgeputzt wie Schmuckkästchen, Feuer in den Kaminen, die Nachtkleider gewärmt, und hier ist die Glühpfanne für das Bett Ihrer Hoheit«, erwiderte die junge Schwarzwälderin.

»Haltet Euch nur dran, Bärbel, Ihr könnt noch einmal in den Dienst Unserer Durchlauchtigen Prinzeß Augusta treten, wenn die heiratet! Gelt, das wäre so ein Platz?«

»Lieber möcht ich schon selber einen Mann!« schmollte das Zöfchen.

»Nun, so könnt Ihr mich nehmen, Bärbel, meine Selige hieß auch so, da brauch ich mich nicht an den andern Namen zu gewöhnen«, lachte er.

»Schön, Herr Mustapha, will's mir überlegen«, gab Bärbel zurück und lief mit der Glühpfanne so rasch die Treppe in den Oberstock hinan, daß die Funken aus den Öffnungen flogen.

Der Haushofmeister sah ihr nach, und in den verschleierten Augen blitzte ein wohlgefälliges Lachen auf.

In diesem Augenblick bemerkte er einen blonden jungen Mann, der erst kürzlich in den markgräflichen Dienst aufgenommen war, neben sich.

Es ärgerte ihn, daß derselbe, wie er sofort erriet, seine Heiterkeit gesehen, denn er liebte es, eine große Ernsthaftigkeit und Würde zur Schau zu tragen.

Den Verdruß seines Vorgesetzten erkannte Philipp Waidling aber auch, und aus Furcht, den Dienst zu verlieren und Bärbchen Eydelmann nicht mehr nahe sein zu können, drängte er das Spottlächeln über des »Alten« vermeintliche Verliebtheit zurück und nahm die devote Miene schnell wieder an, welche der Haushofmeister von seinen Untergebenen forderte.

»An der großen Einfahrt steht eine alte Frau und gebärdet sich sonderbar unruhig. Sie will durchaus zu Euch, Herr Mustapha«, berichtete er.

»Treibt sie fort, was geht das Bettelweib mich an!« sagte dieser mürrisch.

»Das haben die Knechte schon versucht, aber sie machte Geschrei, und da es grad unter den Fenstern der Frau Markgräfin ist –«

»So stopfe man ihr den Mund!« wies der Haushofmeister den jungen Menschen zurück, der offenbar Mitleid mit der Alten hatte.

Dann schritt er gravitätisch nach der Galerie, welche den großen Speisesaal umgab, und sah in denselben hinab, wo man die Tafel deckte.

Er hatte eben einige Befehle hinuntergerufen, als Philipp Waidling abermals eilfertig herankam.

»Herr Mustapha! Herr Mustapha!« rief er mit gedämpfter Stimme schon von weitem. Ärgerlich wandte sich dieser ihm zu.

»Was ist es für eine Manier, daß Er hier in dem Palaste Ihrer Durchlaucht zu schreien, zu rufen wagt.«

Aber mitten im Schelten hielt er ein; die Miene des jungen Menschen verriet ihm eine gewisse, ihn selbst betreffende Aufregung.

»Es ist –. Die Fatme ist's, Herr Mustapha – die Mutter von der Leila – und ihr Mann, der Kräusler, ist tot, sagt sie; sie ist zu Fuß von Böhmen hierhergepilgert – und sie wolle und müsse zur Frau Markgräfin; sie redet ganz verworren von einem Kind – und daß es ein vornehmer –«

»Halt Er's Maul! Was hört Er auf das Gewäsch! Das Weib ist toll!« herrschte der Haushofmeister ihn an. Dann raffte er sich aus dem sichtlichen Schrecken empor: »Wo ist sie? Ich werde sie ins Stockhaus bringen lassen!«

Als sie an das jetzt geschlossene Tor kamen, berichteten die Wachen, das alte Weib sei auf einmal, allerlei sonderbare Beschwörungen in einer fremden Sprache murmelnd und mit den gehobenen Armen Bewegungen machend, als drohe sie dem Schloß und seinen Bewohnern, weggegangen.

Herr Mustapha schien ein wenig blasser als sonst. –

»Komm Er nur, Waidling – da ist nichts zu machen!« sagte er finster. Sie gingen zurück.

Mitten auf der Treppe stand der Türke still, nahm die rote Filzmütze von seinem stark behaarten Kopfe und fuhr in unverkennbarer Aufregung mit beiden Händen in seine grauen Locken.

»Woher kennt Er die Fatme denn, Philipp? Er sprach von der Leila und dem Kräusler –?« fragte Mustapha dann.

»Wir wohnten mit den Kräuslers in einem Haus in Rastatt, Herr Mustapha; ich bin damals nur ein kleines Büble gewesen, als die Geschichte mit der Leila passiert ist; aber später in Rastatt kamen die Frauen aus der Nachbarschaft noch oft zu meinem Mütterlein, und beim Spinnen erzählten sie sich, wie die Leila so wunderschön gewesen und wie der Herr Markgraf –«

»Schweig! Schweig! Alles Weiberklatsch! Die Leila ist nicht vergiftet – selber hat sie sich das Pulver gemengt –!«

Jetzt war Herr Mustapha totenblaß, und das sah bei ihm recht schlecht aus.

»So sagte die Mutter auch immer«, begütigte scheu der blonde Philipp. »Ich wollt' auch nur davon reden, wie der Herr Markgraf alle die gefangenen Frauen und Männer für den Himmel gewonnen und unsere Durchlaucht Gnaden, die Frau Markgräfin, ihm dazu fleißig geholfen!«

Mustapha stieß einen furchtbaren Fluch aus, und Philipp Waidling zuckte vor Schrecken und Angst zusammen. – Glücklicherweise hieß Mustapha ihn jetzt gehen.

Der Haushofmeister blieb in sichtbarer Fassungslosigkeit zurück.

»Das Weib! Die Fatme! Zurück kommt sie!« murmelte er. »Zurück die hundert Meilen! Böhmen war doch weit genug! Und was nun tun? Was will sie mit ihrem tollen Fragen nach dem Kinde? Und die Herrin? Sie – sie gab mir das Geld, daß ich die Kräuslers fortschaffte! Sie wird glauben, ich habe schuld, daß die Fatme wiederkehrt. Sie muß von neuem fort, diese Unglückliche!« –

Dann stierte er, an einen Türpfosten im Gange gelehnt, noch eine Weile vor sich hin, während dunkle Wut über sein scharfgezeichnetes Gesicht flog.

Endlich raffte er sich auf. Sein Gang war matt, als habe er eine übergroße Gemütsbewegung in sich niedergekämpft.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.