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Schloß Favorite

Luise Ahlborn: Schloß Favorite - Kapitel 27
Quellenangabe
authorLuise Ahlborn
titleSchloß Favorite
publisherVerlag von C. Wild's Hofbuchhhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Graf Eberstein war noch nicht lange in sein Zimmer zurückgekehrt, als Bilky, von ihm vorhin auf diese Zeit bestellt, schon wieder bei ihm eintrat. »Sie hat den Urlaub nicht bewilligt?« rief er erschrocken, sobald er seines gütigen Freundes ansichtig wurde.

»Doch! Ihr habt ihn!« sagte der Graf, sich zusammennehmend, mit geheimem Seufzer.

»Ach, sie hat nur Huld und Gnade!« rief enthusiastisch der junge Mann.

»Ja, nur Huld und Gnade!« wiederholte Eberstein mit tiefster Bitterkeit.

Aber Bilky hörte diesen Ton nicht heraus. »Ich habe mit dem Markgrafen geredet; er stimmt mir freudig zu, er selbst mahnt mich zur Eile, wegen des nahenden Winters.«

»Das freut mich, Bilky, seht, hier kommt eben ein Bote vom alten Werthauer, der uns das Geld bringt!« Die beiden Herren besorgten dann das Einpacken des Geldes in einen Leibgurt, Eberstein dachte an alles und gab Bilky Ratschläge für die Reise.

»Und Charlotte! Wollt Ihr dem armen Kinde ein Freund und Beschützer sein?« bat Bilky zuletzt.

»Ich wäre es ohne Zweifel, wenn ich nicht selbst den Hof in den nächsten Tagen verlassen müßte«, gab Eberstein zur Antwort.

»Ihr? Wohin wollt Ihr?«

»Nach Franken, – auf meine Herrschaft, bis ich die jungen Markgrafen begleite! Das Dorf ist abgebrannt, die Not groß, da muß ich aufhelfen!«

»Ja freilich, verehrter Freund! Das müßt Ihr! Aber Ihr seid so ernst und Eure Augen blicken trüb, hattet Ihr Verdruß, Graf, Verdruß um meinetwillen gar?« fragte Bilky, nun doch aufmerksam werdend.

»Verdruß! Nein! Doch laßt das, Siegfried, und geht nun ein Weilchen zu ruhen!«

Endlich war es Zeit zum Scheiden. Siegfried Bilky aber trat zum Tische, auf dem er ein kleines Päckchen niedergelegt, das versiegelt war. »Ich wollte Euch noch um eins bitten, Graf Eberstein, hebt mir dies Päckchen auf, so sorgsam, wie man nur ein kostbar Gut verwahrt!«

»Ich? Kostbar Gut? Was habt Ihr denn für Schätze?« fragte dieser überrascht.

»Schätze? Wollte Gott, ich hätte nie gesehen, was da drinnen steckt«, sagte Bilky ernst. »Hört, betrachtet es als mein Testament. Sollt' ich sterben, eh' ich's zurückfordern kann, so werft dies alles ins Feuer! Ihr selbst mögt zuvor es lesen, damit Ihr erkennt, warum es mich mit solcher Angst getrieben hat, meine Herkunft nachzuweisen. Eins aber müßt Ihr mir schwören: Laßt niemals vor die Augen unserer teuren Herrin kommen, was da in dem Büchlein steht. Schwört es mir, Graf Eberstein!«

Sehr erstaunt und befremdet blickte dieser den Bittenden an. »Warum soll ich's im Fall Eures Todes verbrennen?«

»Es handelt sich um meinen Namen, meine Geburt. Das dort gemahnt mich an falsches Zeugnis; darum reise ich heute und danke Euch zu vielen Malen, daß Ihr mir geholfen habt!«

»Ich will's aufheben, wie Ihr wollt; kein Mensch soll ahnen, daß Ihr mir's gabt, mein Wort darauf!« sagte er.

Dann schieden sie mit festem Händedruck, und erst jetzt durfte Eberstein sein eigenes zertretenes Herz hören.

Stundenlang hatte Siegfried Bilky auf seinem Zimmer zu ordnen und zu packen. Der Markgraf hatte ihm Waidling als Diener mitgegeben.

Jetzt war alles fertig. Siegfried Bilky warf sich für die Reise gekleidet auf sein Bett.

Zwei Stunden nur hatte er geschlafen, aber im Nu war er auf den Füßen und bereit. Die Pferde standen gesattelt; sachte ritten sie durch die Hinterhöfe aus dem Schlosse. Es war noch tiefe Nacht.

»Lebewohl, mein Lieb!« flüsterte Siegfried Bilky nach den Fenstern des Schlosses hinauf. Die Nacht war trotz des Herbstes mild, die Stille tat dem jungen Reisenden nach dem gestrigen Lärm doppelt wohl. Schweigend ritten er und Waidling dahin.

Da – »Halt, halt!« donnerte es, und aus dem Erlengebüsch am Wege brachen sechs, acht Landreiter hervor. Vor sich, hinter sich sah Bilky sie, ehe er nur rechts ausgeschaut hatte.

»Oho! – Ihr irrt Euch, gute Leute!« rief er lachend.

Wie? Da war ja auch der Landvogt!

»Was macht Ihr denn, Laudrum? Welchen Mordgesellen lauert Ihr hier auf?« wandte er sich an diesen.

»Keinem Mordgesellen just, aber einem Hochverräter, und – wir haben ihn!« sagte finster der Landvogt.

»Seid Ihr toll, Laudrum? Ich bin's ja, der Bilky!« rief dieser noch einmal.

»Das weiß ich! Und Ihr seid verhaftet auf Befehl der Frau Markgräfin Sibylla von Baden!«

»Verhaftet? Ich? Seht hier, meinen Geleitsbrief! Meinen Paß! Laßt mich doch nur los, ihr Kerle, ich laufe euch ja nicht fort! Das ist offenbar nur ein Schabernack! Na, so laßt los, daß ich dem Herrn Landvogt meine Papiere zeigen kann!« fuhr er dann aber ungeduldig die Landreiter an.

»Festgehalten!« donnerte der Landvogt. »Und nun spart Euch die unnützen Reden, Herr Graf Bilky. Was Ihr plantet, ist Gott sei Dank früh genug ans Licht gekommen. Und nun vorwärts!«

»Wohin denn, Laudrum! Mein Wort darauf, es ist alles Irrtum! So gebt mir doch Auskunft!«

Bilky hatte es darüber geschehen lassen, daß sie ihn fesselten. Aber nun fuhr er auf: »Was macht ihr mit dem Waidling?«

»Der Waidling ist unschuldig, das wissen wir wohl«, sagte der Reiter, der sein Pferd am Zügel führte.

»Es ist ein Schelmenstreich oder ein Irrtum«, beruhigte Bilky sich. Laudrums Weise beleidigte ihn dennoch tief.

In immer größerer Geschwindigkeit ritten sie weiter. Der Morgenstern war verschwunden, hinter ihnen im Osten lag die herrlichste Morgenröte. Nicht durch die Stadt, auf einem Wege am Berge hin ging's nach dem Schlosse. Der Pförtner stand schon vor dem Tor. »Alles bereit?« fragte Laudrum. »Alles bereit!« lautete die Antwort. War es denn möglich? In die schrecklichen Kerker des Badener Schlosses wollte man ihn bringen?

Siegfried Bilky fühlte sein Haar sich sträuben. Hatte die Fatme Wahrheit gesprochen? Legte man ihn deshalb in die Felsgewölbe von Baden?

»Voran, vorwärts!« hieß es.

Noch einen Blick warf er hinter sich. Der Himmel tat sich in glutroter Lohe auf! Da, da zuckte der erste Sonnenstrahl hervor, da lag das Tal von Baden vor ihm, weiterhin die ganze Rheinebene in rosigem Lichte – bis an den Odenwald! Und dann – das alles hatte ja nur ein einziger flüchtiger Blick erfaßt – dann waren sie drinnen, das Tor fiel zu – man löste die Fesseln seiner Hände, er stieg vom Pferde.

Jetzt wußte er, es war furchtbare, schreckliche Wahrheit, was er erlebte. Aber warum? Was wollte man von ihm? Er unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei. »Laudrum – ich bitte Euch, klärt mich doch nur auf!« trat er zu dem Landvogt.

»Ihr seid Gefangener wegen beabsichtigten Hochverrats, Graf Bilky. Ihr habt in mir nicht mehr den Freund und Bekannten zu sehen, sondern den Landvogt! Und nun folgt diesem Manne, man wird Eure Kleider und Euer Gepäck durchsuchen – spart Euch jeden unnützen Widerstand, und benützt Eure Zeit, in Reue über Eure schandbaren Pläne nachzudenken!«

»Aber man wird mich doch verhören, man muß mir doch Gelegenheit geben, mich zu verteidigen! Es ist ja alles dies Wahnsinn! – Was redet Ihr von Plänen? Von Schandtaten? Tut ein gutes Werk, Herr Landvogt, geht zum Herrn Markgrafen, daß er den Irrtum aufkläre – fordert den Grafen Eberstein, die Markgräfin zum Zeugnis auf für mich!«

»Nur vorwärts, Kailer, tut nach der Vorschrift«, rief der Landvogt und ging ohne Gruß davon.

Als am andern Tage Laudrum im Rastatter Schlosse wieder erschien, dauerte das Fest noch an. Er ließ sich bei seiner Herrin melden. Sie kam von der Tafel – er erschrak über den Zug von tiefer Abspannung und Traurigkeit in ihrem Antlitz.

»Berichtet, Laudrum! Ihr wollt mir vom Fried – von dem Bilky reden!« mahnte sie ihn.

Er tat, wie sie verlangte. Wort für Wort gab er wieder.

»Und – Ihr glaubt an seine Unschuldsbeteuerungen?« fragte Sibylla.

»Nein, meine durchlauchtige Frau! Er war dazu zu fassungslos. Er wehrte sich nicht einmal – nein! Wir haben allzuviele Aussagen gegen ihn!«

»Aber die Beweise? Trug er sie bei sich? Habt Ihr sie?«

»Das ist mir ein neues Anzeichen seiner Schuld – er trug sie nicht bei sich.«

Die Markgräfin faltete krampfhaft die Hände in ihrem Schoß. »Was fandet Ihr sonst noch?« fragte sie.

»Reichlich Geld, Ew. Durchlaucht – diese Briefe von Prinzeß Anna an den Fürsten Landin und einen Wiener Kaufmann Reitler; hier ein Empfehlungsschreiben Eures Herrn Sohnes an Seine Erlaucht den Fürsten Schwarzenberg. Es enthält nichts von Wichtigkeit sonst. Ein schönes, kleines Bild unseres Herrn Markgrafen Ludwig trägt er auf der Brust – er sagt, der Herr habe es ihm geschenkt – und seht, diesen Ring hatte er am Finger! Das Bild habe ich ihm gelassen, es hat keinen andern Wert, denn es ist noch ohne Fassung, den Ring aber habe ich ihm abgenommen – als zu Bestechungszwecken gefährlich.«

»Nehmt ihm das Bild auch ab! Sahet Ihr nach, ob es ein verborgen Gelaß für Briefe etwa hat?« befahl und fragte die Markgräfin.

»Es ist nur ein schlichtes Elfenbeinplättchen in einem Gehäuse von gleichem Material.«

»Nun – bringt es mir. Ich weiß ja nichts von diesem Bilde!« sagte sie nachdenklich.

»War kein Brief in seinen Kleidern an die Prinzessin von Schwarzenberg?« fragte sie nochmals dringlich.

»Nein, Durchlaucht,« bekannte Laudrum, »aber als man ihn zum Verhör geholt, hat man den Boden ganz mit sehr kleinen Papierstückchen übersät gefunden.«

»So hat man ihn nicht vorher durchsucht?« rief Sibylla zürnend.

»Das wohl, Frau Markgräfin, ich befahl es sogleich; aber – die Leute – sie kannten ihn – hatten ihn gern gehabt – und da mochte man dem vornehmen jungen Herrn nicht zu scharf begegnen. So entschuldigen sich meine Leute!«

»Bestraft sie nach Gebühr! So geht uns die Hauptsache verloren! O Laudrum!« unterbrach sie ihn vorwurfsvoll. »Diesen Brief! Hätten wir ihn! Aber man kann die kleinsten Fetzen zusammenlegen!« fuhr sie eifrig fort.

»Das hat er bedacht und die Hälfte verschluckt. Und was sagt er? Er hat gelacht und hält sich überzeugt, daß Ihr ihn noch heute zurückholen lassen würdet – seine anfängliche Bestürzung ist vorüber.«

»Habt Ihr ihn selbst verhört, Laudrum?«

»Nein, ich konnt' es nicht, Frau Markgräfin, er hat Augen, die einem das Herz stehlen, man mag wollen oder nicht! Und Ihr wißt, wie gut ich ihm war! Doch habe ich dem Verhör beigewohnt, ohne daß er mich sah.«

»Tiefstes Schweigen, Laudrum, empfehlt es Euren Leuten auf das strengste«, befahl Sibylla.

Die Mettler meldete, es sei ein fremder, geistlicher Herr gekommen, den der heute früh abgereiste Herr Bischof ihr sende.

»Wir werden gestört, Laudrum, ich denke, der neue Beichtvater ist es!« sagte Sibylla. »Ihr werdet nach eignem Ermessen verfahren und mir nur Bericht erstatten, wenn Wichtiges vorliegt, Laudrum! Schont mich! Ihr wißt, wie betrübt ich bin!« rief sie ihm noch nach.

Im Hinaustreten begegnete der Landvogt dem Geistlichen. Derselbe war ein Mann in den Vierzigen, hochgewachsen, mit würdevoller Haltung und tiefdunklen Augen und Haar. Er grüßte höflich. Dann, als Laudrum ebenso höflich den Gruß zurückgegeben, wurde er gemeldet: »Der Pater Isidorus!«

Also er war's. Flüsternd standen die Diener in der Halle und raunten sich zu, der neue Beichtvater sei gekommen. Der war nicht so nachsichtig wie der gute alte Pater Trochler – das sah man ihm schon an, trotz seiner höflichen Manieren und der französischen Tracht.

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