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Schloß Favorite

Luise Ahlborn: Schloß Favorite - Kapitel 21
Quellenangabe
authorLuise Ahlborn
titleSchloß Favorite
publisherVerlag von C. Wild's Hofbuchhhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel.

Am Morgen dieses Tages, gleich nach dem Frühstück, war der Geheime Rat von Wiedebar zu seiner Tochter getreten und hatte mit finsterem Gesicht zu ihr gesagt: »Ich habe nichts als Verdruß von dir, Bine. Da ist der Wagen des Oberst Lindburg, der nach Rastatt zurückfährt, setze dich hinein und reise in Gottes Namen heim. Ich werde es nicht vergessen, auf welche Art man dir Revanche gegeben hat für den ersten Affront, dieser zweite ist nicht minder groß: ich sagte es ja schon, nichts als Verdruß hab' ich von dir!«

Zu andern Zeiten hätte seine Tochter trotzig gefragt:

»Ist das meine Schuld?« Jetzt schwieg sie, sie war vernichtet.

Eine Stunde später stieg sie in einen kleinen einspännigen Wagen, ein Bauernknecht führte das wohlgenährte braune Pferd; ihren Koffer hatten sie hinten aufgebunden, und die einzige Seele, welche in diesem trostlosen Augenblicke sich um sie kümmerte, war Charlotte von Windeck. Dieselbe kam in Hast aus dem Hause gelaufen. »Sabine, Sabine, wohin geht Ihr? Warum reist Ihr ab?« fragte sie.

Sabines Lippen hatten keine Antwort; sie bebten in dem Bemühen, die Tränen zurückzuhalten, welche dies kleine Zeichen von Freundlichkeit schon fließen machte, und aus ihren kampfesmüden Augen las Charlotte nur zu leicht die Gegenfrage: »Das weißt du nicht?« Dann auf einmal fielen sie einander weinend in die Arme. »O, Sabine, wie tut Ihr mir leid! Wie gern würde ich jetzt Eure Freundin!« schluchzte Charlotte. Sabine erstaunte. »Habt Ihr auch ein Leid, armes Ding?« fragte sie. Und Charlotte nickte traurig. »Würde ich sonst das Eurige so gut verstehen?«

Damit fuhr Sabine von Wiedebar vom Schloßhofe. Es war ein stundenlanger, einsamer Weg durch das Gebirge, ein bunter Wechsel von stillen Wäldern und offenen lachenden Tälern, in welchen hier und dort reiche Weingärten an den nach Süd und Ost gelegenen Abhängen prangten. Zu Mittag blieben sie in einer Dorfschenke, hielten ein einfaches Mahl und ließen das Pferd eine Stunde ruhen, dann ging es weiter.

Der Wirt hatte ihnen mittags einen näheren Weg angegeben, den fuhren sie nun; er ging über eine steile Bergkuppe, aber er war besser als der sandige und weitere Weg. So ging der Nachmittag wieder hin und Regenwolken zogen auf. Dazu begann auch noch der Gaul zu lahmen, und nach einem weiteren Weilchen mußte der Kutscher zugestehen, er glaube jetzt selbst, daß sie verirrt seien.

Jetzt fing es an leise zu regnen und dann immer heftiger, so daß Sabine sich mit den Pferdedecken schützen mußte und der Kutscher in kurzer Zeit völlig durchnäßt wurde. Es begann Abend zu werden. Endlich kamen sie aus dem Walde. In einiger Entfernung sahen sie ein Kirchlein, eine Anzahl Bauernhäuser und ein größeres Anwesen.

»Laßt uns dort nur gleich einkehren«, befahl Sabine.

Das taten sie denn auch, aber kein Mensch ließ sich sehen, sie saßen wohl beim Abendbrot.

»Ich will in das Haus gehen, schirrt den Braunen noch nicht aus, man wird uns, wenn ich darum bitte, für Geld und gute Worte die Aufnahme wohl nicht versagen, sonst müssen wir weiter nach der Schenke«, sagte sie und ging auf das große Haus zu.

Das erste Zeichen, daß Menschen in demselben wohnten, bildete das klägliche Weinen einer Kinderstimme: »Mutter, lieb' Mutter, komm und hilf mir!« und dann folgte ein mehrstimmiges Kindergeschrei. Auch hier stand die Haustür offen; – ein unordentlich gehaltener großer Hausflur mit riesigen Schränken, in welchen allerlei Steingutkrüge und Schüsseln, Glasgeschirr und sonstiger zerbrechlicher, guter Hausrat stand, daneben andere Schränke, die mit großen Schlössern versehen waren, ließen auf einen höheren Rang der Bewohner schließen. Eine Tür tat sich auf, und ein etwa sechsjähriger kleiner Bursche in äußerst verwahrlostem Anzuge trat auf die Hausdiele, blieb aber sofort scheu und betroffen stehen, während hinter ihm noch zwei kleinere Kinder sichtbar wurden, von denen die beiden ersten riefen: »Ist sie es? Ist sie's? Mutterle, lieb' Mutterle, bist aus deinem Himmel wieder da?« klang es drinnen. »Ach, hilf mir doch, mein Mütterlein!« Das Kind hatte eine unbeschreiblich süße zu Herzen gehende Stimme.

Jetzt stand Sabine von Wiedebar an dem großen Bette in dieser Kammer; ein zartes, abgemagertes Kinderantlitz starrte sie bitter enttäuscht an. »Du bist mein Mutterle nicht!« schluchzte das Kind, während die andern wieder schrien. »Dein Mutterle schickt mich, ich soll dir helfen«, sagte sie sanft in unendlichem Mitleid.

»Aber warum kommt sie nicht selbst? Ach, ich bin so krank, so krank, und die Margaret gibt mir nichts zu trinken«, jammerte die Kleine. »Warum kommt sie nicht selbst?«

»Sie konnt' nicht abkommen, du liebes, krankes Dingelchen«, beruhigte Sabine.

»Ja, ja! Dingelchen sagte Mutter auch zu mir!« lachte das Kind ganz glückselig laut auf. Sabine gab der fiebernden Kleinen zu trinken, die Kinder faßten Vertrauen, erzählten ihr, das Mutterle sei tot, Vater hole die Muhme, und die Mägde kümmerten sich gar nicht um die kranke Lisbeth.

»Du bist gut! Bleib!« bat das kranke Kind.

Draußen entstand ein roher Lärm. »Sie prügeln sich wieder!« schrien lachend die andern Kleinen und liefen hinaus.

Sabine trat in die offne Tür. Abscheulich! – Auf der Erde wälzten sich zwei Weibsbilder mit wütendem Geschrei, einander die Gesichter zerkratzend, die Haare ausraufend, die rohesten Schimpfworte ausstoßend, und an der Hinterwand standen die vor Vergnügen brüllenden Knechte. Im gleichen Augenblick aber fielen Sabines Augen auf den einen derselben. Sie taumelte, wie ein Blitz fuhr es vor ihr nieder. Sie war in ihres Vetters Hause! Und so sah es hier aus?

Aber sie war eine Herrin durch und durch. Gebieterisch trat sie auf den Menschen zu, der Rudolfs Reitknecht war und rief diesem zu: »Wie könnt Ihr lachen? Ihr, der die andern in Zucht halten müßte?«

Der Mann stand wie verdummt vor ihr. »Das gnädige Fräulein von Wiedebar!« sagte er ganz fassungslos laut.

»Ganz recht, die bin ich; die Kinder fand ich ohne Aufsicht, die kranke Elsbeth in lautem Jammer, weil die Elende, die Margaret, ihres Amtes nicht waltet! Wie heißt Ihr?«

»Klaus, Ihro Gnaden zu dienen«, sagte der Reitknecht.

»Wohl, Ihr bleibt und geht mir hier im Hause zur Hand!« befahl sie.

Todesschreck hatte die streitenden Weiber ergriffen. Sie und das ganze Gesinde schlichen scheu beiseite.

Klaus berichtete, der Herr hole seine Muhme, daß doch eine Frau ins Haus komme.

»Und wann kommt er heim?« fragte sie.

»Ach, so bald könne das nicht sein, die Muhme wohne in Mülhausen im Elsaß und sei eine alte Frau.

Eine sonderbare Freude kam über Sabine. Sie hätte laut lachen mögen und wußte doch nicht warum? Fürerst konnte sie hierbleiben!

»Schafft mir in der Küche noch rasch warm Wasser, daß wir die kleinen Schmutzfinken gründlich säubern,« befahl sie dem Klaus, »für mich und die Kinder Abendbrot und sorgt für meinen Kutscher.«

Sie bekam sofort tüchtig zu schaffen, – das Kinderzeug, die Betten, alles war verschmutzt. Sie ließ sich keine Mühe verdrießen. Der Schmied mußte ihr den Wäscheschrank öffnen.

»Herr Gott, Ew. Gnaden sehen gleich, was not tut, die armen Würmchen waren, da die gnädige Frau noch lebte, immer so bildsauber und schmuck.«

Die Kinder hatten inzwischen draußen im Hofe gespielt, jetzt kamen sie herein zu der »guten Frau, die das Mutterle geschickt hat« und begehrten stürmisch zu essen.

»Solche Suppen bekommen wir sonst nimmer; du gehst nicht wieder weg? Hat Mutter auch befohlen, daß du uns Suppe geben sollst? Wann kommt Mutter wieder?« plauderten die Kinder. »Die andern haben gesagt, sie käme nie mehr wieder, und der Vater hat uns geküßt und erzählt, die neue Mutter wolle nicht zu uns kommen und hat immer so gesessen!« erzählte Franz und setzte sich, den Kopf in beide Hände gestützt und ein recht finsteres Gesicht machend, zurecht, indem er hinzufügte: »Nicht wahr, morgen brauchen wir uns nicht zu waschen, Suppe bekommen wir doch?«

»Ach Gott! – Ach Gott, ich danke dir! Nun kann ich doch auch einmal andern Liebes tun, und gar so armen Kindern!« sagte Sabine sich immer in dieser glückseligen Ruhe, welche sie noch nie empfunden.

Todmüde sank Sabine von Wiedebar dann auf ihr ebenfalls frisch aufgemachtes Bett. Und da lag sie nun in Vetter Rudolfs Hause und fragte sich immer von neuem, wie es denn möglich sei, daß sie hierhergekommen? Wie lieb waren die Kinder, trotz des überall fühlbaren Mangels an guter Erziehung und Pflege, und wie warm war ihr ums Herz geworden unter den Küssen der Kleinen! Und darüber schlief sie ein und ruhte so sanft mit Herz und Seele, wie seit Jahr und Tag nicht.

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