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Schloß Favorite

Luise Ahlborn: Schloß Favorite - Kapitel 16
Quellenangabe
authorLuise Ahlborn
titleSchloß Favorite
publisherVerlag von C. Wild's Hofbuchhhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
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Fünfzehntes Kapitel.

Tief aufatmend hatte Sibylla den Markgrafen von Durlach und die andern Gäste von Distinktion verabschiedet, jetzt wandte sie sich, ihren Kindern flüchtig Gute Nacht sagend, um in das Schloß zu treten.

»Anna Maria, willst du mir noch einen Augenblick Gesellschaft leisten?« fragte sie.

Die Prinzessin verbeugte sich und folgte ihrer Tante, auch lächelnd, auch noch hier und dort einen letzten Gruß zur Gute Nacht winkend.

Eine Viertelstunde später verließ sie das Zimmer der Markgräfin. Jetzt brauchte sie nicht mehr zu heucheln, jetzt konnte sie endlich dem kochenden Zorn Wort geben, der in ihr tobte, und das hatte sie auch schon mit wahrer Befriedigung soeben gegen ihre fürstliche Tante getan.

»Den Erbprinzen heiraten? Nie und nimmer!«

Mit keiner Silbe dagegen erwähnte Anna Maria derselben Absicht und Auffassung des Erbprinzen, daß auch von seiner Seite der Entschluß vorliege, sie nie zum Weibe zu begehren.

Mochten Markgraf Karl und die Tante Sibylla sehen, wie sie mit Feinheit aus diesem Netze herauskamen, das sie selbst gesponnen!

»Und ich bitte Euch, Tante, bringt mich nicht auf das Äußerste, laßt mir die Möglichkeit, vor der Welt wenigstens Eure gehorsame Nichte zu bleiben!« drohte die Prinzessin.

»Sei es! Ich werde nachdenken, wie ich die schmerzliche Entscheidung verzögere. Aber sei versichert, Nichte Anna, so weit beugst du meinen Willen nicht, daß ich dich diesem Österreicher gebe!«

»So habe ich nur noch eins zu tun! Darum entlaßt mich, Frau Tante, wenn es Euch beliebt!« sagte sie ebenso.

»Und was wäre das?« fragte Sibylla; der Ton der Prinzessin weissagte nichts Gutes.

»Die verräterische Natter, die Wiedebar, jage ich fort, die Ihr mir da ans Herz gelegt habt, um einen Spion in ihr zu besitzen!«

Und damit war Anna von Neuburg schon verschwunden, und Sibylla saß im ersten Augenblick wie erstarrt.

Prinzeß Anna hatte ihr Zimmer schon erreicht.

»Die Wiedebar!« herrschte sie ihrer Kammerfrau zu, die schlaftrunken, erschrocken auftaumelte.

Auch Sabine war müde und herabgestimmt, ihr hatte der Abend eine schreckliche, furchtbare Erkenntnis gebracht. Graf Eberstein und sie hatte der Zufall zusammengeführt, und Eberstein war der einfachen Pflicht der Höflichkeit gefolgt, indem er Sabine seinen Arm reichte. Aber das war nicht die Pflicht der Höflichkeit gewesen, daß er begann, mit ihr von ihres Vaters Absichten zu reden. O nein! dazu zwang ihn nichts! und noch weniger zu dem teilnehmenden Ton und der sanften, freundschaftlichen Weise. Arme Sabine! Ihre wahnsinnigen Hoffnungen taumelten für Minuten wie von der Sonne geblendete Vögel im blauen Äther. Er fragte, sie antwortete bebend, fast weinend, aber glückselig. Doch als sie ihm zitternd alles erzählt, da sagte er ruhig: »Ich kenne Euren Vetter Rudolf, Fräulein Sabine, und wenn Ihr, wie mir immer scheinen wollte, in mir einen aufrichtigen Freund seht, so rate ich Euch als solcher: Lernet ihn doch nur kennen, den braven, ehrenwerten Mann, der ein so echter Edelmann ist, als nur einer von uns allen. Ihr seid zu gut, Fräulein Sabine, um nicht des Eheglückes wert zu sein, und wenn Ihr nur wollt, so kommt noch heute Euer Vetter und wirbt zum dritten Male um Euch.«

Nun saß sie auf ihrer Stube und sann nach über die unerträgliche Bitterkeit des Gedankens, daß Eberstein ihr den Weg gezeigt, der sie von ihm hinwegführte.

Da erging der Ruf der Prinzessin an sie. Der erste Blick auf die Prinzessin sagte ihr, dieselbe sei verstimmt, aber nicht entfernt sorgte sie sich, der Gegenstand dieser Unzufriedenheit zu sein.

Mitten in ihrem unruhigen Hin- und Hergehen hielt die Prinzessin ihren Schritt dicht vor Sabine an und schaute ihr mit den zornfunkelnden Augen in das jetzt im heftigen, unbestimmten Schrecken erbleichende Gesicht. Aber ehe Sabine zurücktreten, ehe sie ein Wort hervorbringen konnte, schlug Anna von Neuburg, alles vergessend, der Unglücklichen so heftig in das Gesicht, daß diese taumelnd und gellend aufschreiend gegen die Tür sank.

»Falsche, verräterische Spionin! Fort aus meinen Augen! Aus meinem Dienst!« rief sie dabei.

Von außen suchte man die Tür zu öffnen. Es war die Kammerfrau.

»Ihre Durchlaucht, die Frau Markgräfin«, meldete sie angstvoll.

Und da stand diese, die taumelnde, mit einer Ohnmacht ringende Sabine auffangend, schon im Zimmer.

»Nehmt Eure Spionin wieder mit Euch, Frau Tante, oder ich reise noch in dieser selbigen Nacht! Ich gehe oder – sie verläßt dies Schloß für die Zeit, da ich darin weile!«

Die Markgräfin sah klar ein, hier konnte nur geduldige Nachgiebigkeit dienen. Anna Maria befand sich in einem Zustande der höchsten Nervenüberreizung.

»So wird Sabine das Schloß verlassen, meine Nichte, und wie und wodurch sie Euer Mißfallen in so hohem Grade erregt hat, das besprechen wir bei größerer Ruhe«, sagte sie mit anscheinender Gelassenheit.

»Ich bitte Euch, meine Tante, mich allein zu lassen und das Geschöpf dort, wie ich befahl, diese Nacht noch aus dem Schlosse zu schaffen«, herrschte sie von neuem die Markgräfin an.

»Geh, Sabine! Packe zusammen, was nötig ist, ich werde dich zu deinem Vater bringen lassen«, sagte sie zu derselben. Beide Frauen blickten einander totenblaß vor Aufregung an, aber Sabine las in den Mienen der Markgräfin keinen Trost.

*

Daß Markgräfin Sibyllas Nacht nach diesen Ereignissen schlaflos blieb, bemerkte sie selbst kaum in der Aufregung, in welcher sie dem Bischof alles Vorgefallene mit fliegender Feder schrieb. Eben wollte sie sich zu Bett legen – die Sonne ging schon auf, und die Mettler ließ die dichtesten Vorhänge vor den Fenstern auch noch herab – da klopfte es leise an die Tür und die Mettler kehrte mit einem Briefchen zurück.

Es kam von Anna Maria! »Meine Tante, verzeihet mir meine Heftigkeit, es war das Fieber, welches in meinen Adern glühte, ich bin krank und fürchte, die Masern oder dergleichen zu bekommen. Entschuldigt mich vor Eurem gütigen Herzen und vor Euren Verwandten. Dem Herrn Markgrafen meinen verehrungsvollsten Respekt und dem Herrn Erbprinzen die Zusicherung, daß es bei dem bleibt, was wir einander versprochen haben!«

Sibylla las den französisch geschriebenen Brief anfangs mit tiefster Befriedigung, hernach mit einer äußersten Verwunderung. Versprochen? Sie hatten ein Einverständnis, ein gegenseitiges Versprechen gegeben? – Was war das? Indes, immerhin war dieser Brief von größtem Nutzen.

»Mettler, der Hofmedikus soll sogleich geholt werden! Die Prinzeß hat die Masern, hörst du! Gott sei Dank scheint es ein leichter Fall. – Man soll sofort ihre Zimmer absperren! Von der Abreise der Wiedebar wird nicht geredet, möglicherweise hat sie dieselbe Krankheit an sich nicht früh genug erkannt, vielleicht gern das Fest mitmachen wollen! Das sagst du, wenn man durchaus fragt. Diesen Brief an den Herrn Markgrafen von Durlach, sobald er erwacht, und den Hofmedikus hernach, eh' er zur Prinzeß geht, zu mir. Der Bote, welcher nach Rastatt reitet, soll die Wiedebar aufmerksam machen, daß sie sich im Bett hält, bis ich den Hofmedikus geschickt habe, schreibe ihr ein paar Worte. Und nun eile, der Kurier soll noch einen zweiten Brief mitnehmen, laß ihn warten.«

Die Kammerfrau schickte nach den Ställen; Sibylla legte Anna Marias Brief in ein Kuvert, schrieb dazu nur, daß sie wieder Hoffnung schöpfe, und gab der Mettler dann auch den Brief für den Bischof. Sie war jetzt äußerst ermüdet.

»Der Kurier reitet soeben ab«, meldete die Kammerfrau atemlos.

»Und nun laß mich schlafen, ich bin todmüde«, sagte Sibylla.

Die Mettler brachte ein Arzneilöffelchen mit einem Beruhigungsmittel, und gleich darauf verließ sie lautlos das Gemach der Markgräfin.

In demselben Augenblick trabte auch Graf Bilkys Gaul vom Schloßhofe dem Kloster Fremersberg zu. Er durfte sich keine Ruhe gönnen, wie sehr ihn auch jetzt danach verlangte.

*

Über der Festung Rastatt brütete die schwüle Glut eines überaus heißen Maitages. In geringer Entfernung von dem auf einer Anhöhe liegenden Schlosse stand ein ansehnliches, aber schlecht imstande gehaltenes Haus von herrschaftlicher Bauart, welches dem Geheimrat von Wiedebar gehörte. Er bewohnte es, obgleich es viel zu groß für seine Bedürfnisse war, allein mit einer alten Haushälterin, und überließ dem Holzwurm, den Ratten und Mäusen das obere Stockwerk und die Mansarden lieber, als daß er die allmählich freilich auch immer bedeutenderen Kosten an die so notwendige Reparatur gewendet. Zudem war er in Geschäften vielfach abwesend, und in eine solche Zeit fiel es, daß seine Tochter bleich und verstört in seinem Hause wieder eintraf.

In finsterem Brüten, bleichgelb und sichtlich abzehrend, saß Sabine in ihrem Zimmer oder strich zu andern Zeiten ruhelos durch das verfallene Haus. Und so vergingen acht Tage, deren Stunden jede eine Ewigkeit für sie waren. Wie brannte sie darauf, zu erfahren, welches denn ihr Verbrechen sei? Aber nichts, kein Brief, kein Bote, keine noch so geringe Nachricht drang zu ihr, vergebens rang sie ihre Hände wund in ohnmächtigem Zorn. O, diese Helden, diese ritterlichen Männer! Nicht einer schaute sich um nach ihr! Nachts, wenn endlich der Schlaf sie umfing, dann war ihr oft, als riefe ihr jemand ins Ohr: »Nehmt doch den Rudolf, Sabine!« und immer schien es Ebersteins Stimme, die sie, mit furchtbarem Herzklopfen emporfahrend, wachend sogar noch zu hören meinte.

Am achten Tage kehrte ihr Vater zurück. Wie ihr vor diesem Augenblick gegraut hatte!

»So? Du bist wieder heim, Bina, hast Streit gehabt?« sagte er ruhig, ja fast freundlich.

»War der Vater im Schlosse – hat die Frau Markgräfin –?« Sabine konnte vor Herzklopfen nicht sprechen.

»Die Markgräfin ist mit dem ganzen Hof in Ettlingen, wegen der Masernkrankheit deiner Prinzeß. Aber sprich, Bina, was hast denn du? Mir hat der Mustapha, der auch im Schloß hat bleiben müssen, zugeraunt, die Prinzeß sei eine Schlimme, du würdest von allen heimlich bedauert. So rede doch, was hat es denn gegeben?«

»Sie hat mich Spionin geschimpft, diese Neuburgerin, und mich ins Gesicht geschlagen!« brach die Leidenschaft in der Tochter jetzt wie ein entfesselter Strom hervor. Mit atemloser Hast erzählte sie ihm, was sie wußte.

»Und das hat die Markgräfin dir antun lassen, ohne dir Genugtuung zu verschaffen?« tobte der Alte in grimmiger Wut. »Eine Wiedebar geschlagen? Mein Kind? – Das wollen wir doch sehen, ob wir uns das gefallen lassen brauchen!«

Sabine schluchzte jetzt zum Herzbrechen. Ein heißes Sehnen nach Zärtlichkeit war allezeit in ihr unbefriedigt geblieben und hatte das vereinsamte Mädchen zu dem gemacht, was es war!

»Laß das Plärren sein, Mädchen, ich will dir schon Genugtuung verschaffen. Heute noch schreibe ich an die Frau Markgräfin, ich wäre zu alt und sähe ein, daß man für die treuesten Dienste an sich und seinen Kindern nur Undank erntete. Dann sollen sie mir wohl kommen und dann mache ich meine Bedingungen!«

Nun, das war keine Liebe und keine Zärtlichkeit, aber es war Rache! – Sibylla konnte ihn, solange ihre Regentschaft währte, nicht entbehren. Er blieb auf seine Weise freundlich und gesprächig mit Sabine; von Rudolf und der Gütereinlösung redete er heute nicht. Ihre herabgesunkenen Lebensgeister hoben sich, sie speiste mit dem Vater und blieb die nächsten Tage in Frieden mit ihm zusammen.

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