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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Siebentes Kapitel

Eine Meisterin im Erzählen solcher schrecklicher Geschichten war Jachne-Ssosche oder, wie man sie hieß, die Lejbzeche. Sie übte mit ihren Geschichten eine tiefe Wirkung auf Schloimale – sie ruhe in Frieden und der Schluckauf sei ihr drüben leicht!

Die Lejbzeche, das kann man gewißlich behaupten, war von Gott nur zu dem einzigen Zweck geschaffen, um in ihrer Gestalt einen Teil einer Besonderheit, die den Frauen im allgemeinen bis zu einem gewissen Grade eignet, mit voller Schärfe und im höchsten Maße zu verkörpern. Wenn eine große Modedame in Paris oder in Dümmingen in ihrem Stehen und Gehen ein lebendes Bild der Frauenleidenschaft der Putzsucht darstellt, das heißt, daß sie selbst nichts anderes als Putz ist, so stellte die Lejbzeche mit ihrem Munde die Frauenleidenschaft des Redens und Beredens dar, das niemanden und nichts in der Welt verschont. Hätte man ihr diesen einzigen Vorzug geraubt, dann hätte sie gar nicht geboren zu werden brauchen.

Die Lejbzeche kam als Nachbarin sehr oft zu Ssure, der Frau Reb Chajems, um einmal das und einmal dies zu borgen und fast jeden Morgen von ihrem Herd glühende Kohlen zu nehmen. Von den heutigen Streichhölzern wußte man damals kaum, sondern benutzte andere Mittel und Feuerzeuge. Die Lejbzeche scharrte das Kohlenstücklein in einen Topf mit kalten Kohlen hinein, fachte es dort an und schüttete dabei ganze Säcke voll Reden aus. Einmal in der Woche mußte es zwischen den beiden Nachbarinnen Erzürnung geben. Sie brach gewöhnlich an einem Markttag aus, wenn beide die gleiche billige Sache kaufen wollten und darum stritten, dauerte aber nie länger als einen Tag. Am nächsten Morgen kam die Lejbzeche ganz früh mit ihrem Feuertopf, war zuckersüß, blies in den Topf und sprach erschrecklich.

An den langen Winterabenden pflegte sie oft zu kommen, um mit irgend einer Arbeit, meistens mit einem Strumpf in der Hand; bei Ssure zu sitzen und sich zu beraten, ob es schon Zeit sei, die Ferse anzufangen und um wieviel Augen sie den Strumpf zusammengehen lassen solle. Dabei war ihr Mund nie geschlossen, sie redete und beredete. Sie erzählte merkwürdige und wunderbare Geschichten, die sich in der Welt zugetragen hatten, bei ihr selber und bei ihrem seligen Großvater, und schwor mit allen Schwüren, daß alles wahr wäre, was sie erzählte. Sie sprang von einer Geschichte zur andern über und vermengte manchmal beide. Wovon immer die Rede sein mochte, ging es nicht ohne eine Geschichte der Lejbzeche ab. Redete man von irgend einer Krankheit, etwa vom Fieber, dann ließ sie sich vernehmen:

»Ihr redet von Fieber? Still, da habt ihr eine ganz neue Geschichte! Der Pejssech Klotz, der Dörfler, der rote, er ist ein fester Kerl, grad wie ein Bauer, also der Pejssech saß über einer großen Schüssel Sauermilch und war mit der ganzen Seele ins Futtern vertieft. Na ja, was soll denn so ein ungebildeter Mensch tun? Während der Pejssech dasitzt und seine Seele in der Schüssel steckt, kommt jemand Frischer zu ihm ins Wirtshaus. Wer dieser Jemand war? Das wird sich später schon noch zeigen. Also der Hereingekommene stellt sich vor Klotz hin, schaut und schaut und wendet kein Auge von ihm. Und wie der Pejssech gerade einen großen Löffel Sauermilch schöpft und zum Mund führt, da haut ihm der Mensch auf die Hand und der Löffel mit der Sauermilch fällt, bums, in die Schüssel. ›Siehst du‹, sagte der Mensch zu ihm, ›das kleinwinzige Pünktlein da, das in der Schüssel herumschwimmt? Das ist kein gewöhnliches Pünktlein. Du hast Glück, daß ich rechtzeitig dazwischengefahren bin, bevor du's hinuntergeschluckt hast. Das ist das gewisse Pünktlein. Willst wissen, wer und was? Also! Das Fieber hat sich in ein schwarzes Pünktlein verwandelt und dir mit der Sauermilch in den Bauch hineinwollen. Da schau, du wirst deine Wunder sehn.‹ Er nahm eine Blase, goß die Sauermilch mit dem Pünktlein hinein und hängte sie über den Ofen. Pejssech konnte schon erraten, was das für einer war, einer von den Wundertätern. Er dankte ihm sehr schön, bewirtete ihn mit Speise und Trank, gab ihm auch ein schönes Geld. Dann fuhr er zur Stadt und bentschte Goimel. Na, ihr werdet mich doch fragen: ›Und wie ging's mit der Blase, Jachne-Ssosche?‹ Ach, ach, allen unseren Feinden mög' es so gehen! Sie wurde trocken wie ein Holzspan und zitterte beim leichtesten Hauch wie im Fieber. Das Fieber dort drin hatte die Hölle, so schrecklich litt es im Gefängnis. Da mußte sich's treffen, daß man mit einer Nadel in die Blase stach, da flog das Fieber wie der Teufel heraus! Möge mir soviel Gutes zufliegen, Herr Gott, Amen!«

Seit dieser Geschichte weigerte sich Schloimale voll Angst, Sauermilch zu trinken. Das Essen bekam ihm überhaupt nicht, selbst die besten Speisen mochte er nicht. Er sah aufmerksam in die Teller nach jedem schwarzen Pünktlein und zitterte: Gleich würde das Fieber kommen und ihn packen.

Einst an einem Winterabend saß Ssure und die Lejbzeche am Ofen, schlissen Federn und unterhielten sich gemütlich auf der Bank, daneben saß die Katze auf den Hinterbeinen, bewegte den Schwanz und blickte aus ihren grünen Augen. Auf dem Feuerbecken brannte es und eins oder das andere der Kinder warf von Zeit zu Zeit Späne nach. Im Zimmer war es warm und angenehm und das Sprechen war so süß, so gar süß.

»Was, von der Kuh sprichst du, Ssure?« fiel die Lejbzeche ins Wort. »Die Kuh gibt zu wenig Milch, sagst du, wie? Warum gibst du deiner Kuh die Schuld? Das sind die Hexen, die nehmen die Milch weg. Ich werde dir einen guten Rat geben: Koche das Seihleinen, es gibt kein besseres Mittel dagegen. Als ich noch ein Mädel war, da gab es beim Großvater – mir zum längeren Leben! – eine Geschichte, eben in dem Jahr mit dem Gänserich, möge ihm das Paradies hell sein, dem Großvater. Eine solche Geschichte ist in der ganzen Welt noch nicht gehört worden. Man konnte ihn nicht von der Stelle bringen, so schwer war der Gänserich, hundert Pfund und vielleicht noch mehr. Er mußte sicher etliche Töpfe Schmalz und unendlich viel Grieben geben. Als man ihn vom Schächter nach Hause trug, da sprang er, geschachtet wie er war, plötzlich hinunter, stieß ein Gepfeif über die ganze Straße hin aus – und auf und davon und war verschwunden. Gänserich – ja freilich – Gänserich! Die Seele eines Menschen war in ihn gewandert!

Aber pfui, ich bringe ja die Geschichten durcheinander, mische Fleisch und Milch, ich will ja gerade von Milch erzählen. Also, ich war noch ein Mädel, als unsere Milch aufhörte. Die rote Kuh meines seligen Großvaters wurde mager und zaundürr und ihr Euter war leer. Meine Großmutter Temme – sie möge gute Fürsprache einlegen – war sehr gekränkt. ›Da gibt man‹, so sagte sie, ›der Kuh zu fressen, und sie will keine Milch geben. Daß sie!‹ Petreche – mög' sie sich im Jenseits kümmern oder nicht! – verriet es, als sie mit einer Freundin, einer Hexe, Zank bekam, daß sie die Hand im Spiel gehabt hätte, und riet für einen Trunk Schnaps: ›Temme‹, sagte sie, ›mache am Abend auf dem Herd ein Feuer an, stelle auf einem Dreifuß einen Topf drauf, und in den Topf das Seihleinen, die Haare einer Fledermaus mit den Kräutern, die ich dir da gebe. Tür und Läden müssen gut zu und außer dir darf niemand im Zimmer sein. Wenn du große Angst hast, kann Jachna-Ssossja bei dir bleiben. Wenn der Topf zu kochen anfängt, wirst du einen Schlag an die Tür und danach Lärm und Bitten hören: ›Temme, mach die Tür auf! Dann, psst, mußt du schweigen. Das ist die Hexe. Sie kommt und wälzt sich auf dem Bauch, um dich anzuflehn, und sie wird die Stimme deines Mannes und andere Stimmen annehmen. Aber du – kscht! – darfst um Himmels willen nicht aufmachen!‹ So war es auch.

Ich erinnere mich daran, als ob es heute gewesen wäre. Es war abends. Im Zimmer war es finster. Ich und die Großmutter – mir zu langem Leben! – standen am Herd. Der Topf auf dem Dreifuß, unten das Feuer. Kaum fängt der Topf mit seinem tjoch – tjoch an, da kommt's an der Tür klapp – klapp. Die Großmutter zitterte, stierte mich an und biß die Lippen zusammen. Auch in meinem Herzen ging es: tjoch – tjoch – tjoch, aber es machte nichts – ich blieb still. Plötzlich bat eine Stimme wie die des Großvaters, aber genau so, man hätte darauf schwören mögen: ›Temme, laß mich hinein, Temme!‹ Die Großmutter biß die Lippen noch stärker zusammen und winkte mir mit dem Finger auf dem Mund, das hieß: ›Psst, Jachne-Ssosche!‹ Ich legte immer mehr Holzspäne auf. Im Topf siedete es und von draußen kamen die Stimmen: Wieder die Stimme meines Großvaters, bald bat er und bald zürnte er. Das war sie, die Hexe, sie hatte wahrscheinlich ein tüchtiges Grimmen im Bauch von dem Sieden im Topf. Danach war es wie das Grunzen eines Schweins, wie das Heulen eines Hundes, das Meckern einer Ziege, das Miauen einer Katze. Danach, danach, hör einmal, Ssure, was ich dir lieber sagen will«, unterbrach sich die Lejbzeche plötzlich, indem sie die Katze ansah, die ausgestreckt nebenan auf der Bank lag, den Schwanz drehte und mit den Vorderpfoten spielte – »hör einmal, deine Katze will mir nicht gefallen. Ich fürchte, ach, weh mir, daß ein Geist in ihr steckt! Husch!«

»Husch, husch, husch!«

Die Katze erschrak, sprang davon, fiel in den Topf mit Federn und tauchte wie ein Kobold in Federn gehüllt wieder heraus. Es begann ein Schreien und Jagen, die Katze war, hopps, auf Tisch und Bänken und alles hinter ihr drein. Wut und Getobe fielen plötzlich ganz unerwartet über die arme elende Katze her!

Seit damals sah Schloimale überall Seelenwanderung. Der Gänserich war kein Gänserich, die Katze keine Katze, auch der Mensch – unterschieden! – war kein Mensch, sondern alles verwandelte sich ineinander. Die ganze Welt war wirklich bloß eine Scheinwelt.

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