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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Sechstes Kapitel

Ein paar Jahre war es erst her, seit Schloimale die Bibel zu lernen begonnen hatte, er war noch ein Kind, aber was hatte er nicht schon alles erlebt! Wo war er in dieser Zeit nicht schon überall gewesen?! Wie ein alter Mann, als hätte er die Jahre Methusalems hinter sich! Er war in Mesopotamien, in Kanaan, in Ägypten, in Persien, Medien und der Residenzstadt Susa gewesen, in anderen Ländern von Indien bis Äthiopien, in Wüsten und Einöden und hatte dort gar viel Wunderdinge gesehen und gehört. Aber man gebe sich keinem Irrtum hin und glaube nicht, daß ein Unglück geschehen sei, daß Reb Chajem fliehen und mit seiner Familie umherirren hatte müssen oder daß Feuer, Pest und Verderben – sie seien nicht erwähnt! – über das Städtlein gekommen seien und die Bewohner, wie es den Juden im Exil schon mal geht, nach allen Enden über die Welt zersprengt hätten. Behüte! Kein Leid und Unglück gab's! Das Städtlein war das frühere geblieben, die Einwohner die früheren, Reb Chajem war Reb Chajem. Alles war wie früher, jeder war gottlob an seiner Stelle geblieben und Schloimale hatte nicht einmal den Fuß aus dem Städtlein gesetzt. – Nun, wie war das also möglich? Das ist etwas, was für alle anderen Völker ein ganz unverständliches Geheimnis und unmögliches Vorkommnis ist, bei den Juden aber sich sehr oft ereignet. Das geschieht nur bei ihnen – daß sie Tag und Nacht an demselben Ort gesperrt sitzen und nicht wissen, was um sie herum vorgeht, was man lernen und tun muß, um wie die übrigen menschenwürdig zu leben, daß sie aller jener Dinge gänzlich los und ledig sind, die zur Lebensnotwendigkeit gehören und daß sie sich mit ganzer Seele vollständig in eine andere Welt und andere Zeiten versetzen. Daß sie die Welt vor ihrer Nase nicht sehen und sich ganz und gar nur mit alten Dingen beschäftigen, für die man nicht so sehr die Augen und die anderen rohen menschlichen Sinne, wie Gedächtnis und scharfe Vorstellungskraft braucht – eine bloße nackte Seele, die nicht leibt noch lebt!

Schloimale, das junge Kind, das Küchlein, das noch im Ei lag; das nicht wußte, an welchem Orte, in welchem Lande es war und was für ein Volk und was für Menschen das waren, unter denen es sich befand; das im peinlichen Verhör nichts vom Leben hier hätte sagen können – Schloimale schwebte in seinen Gedanken irgendwo in jenen Fernen! Er irrte in Ägypten umher, in den Ländern Sichons, Ogs, des Königs von Basan, und Nebukadnezars, des Königs von Babel. Er war in Armleuten – und sein Geist im Haine Mamres, in der Wüste und Steppe, am Toten Meer, am Euphrat und am Jordanstrom. Er hatte mit Menschen zu tun, welche die Heilige Sprache, ja gar Aramäisch und Asdodisch sprachen. Wo seine Seele weilte, da wohnte man in Zelten, ritt auf Mauleseln und Kamelen, trank aus Schläuchen, ging barfuß und in Tücher gehüllt und trug Nasenringe – alles, wie es Brauch war.

Unsere Natur hier mit ihren Pflanzen und Tieren hatte zu Schloimale keine Beziehung. Was gingen ihn Felder mit Korn, Buchweizen und Kartoffeln an, von denen er täglich Graupensuppe mit Brot aß? Was wußte er von Fichten, Birken und Eichen? Seine Seele sah nur Weinberge, Datteln, Feigen, Granaten und Oliven, Ebenholz und Zypressen. Von lebenden Geschöpfen waren ihm bekannt: Der Ur, der Lindwurm, der Drache, der Leu, die Hindin, »die da rufet nach Wasserquellen«, der Büffel und die Turteltaube. Kurz, Schloimale war bloß hier geboren, aber er selber war nicht wie einer, der hier zuhause ist, sondern er lebte in irgendwelchen Fernen. Seine Zeit war die Vorzeit und seine Welt eine vergangene. Er kam nur auf eine Weile ins Elternhaus heim, wie ein Gast ins Quartier, aß sein Mahl, übernachtete – und ging wieder weiter, dorthin, ja dorthin! Sein Leben war, wie das tausend anderer Schloimales, nur um einer Erinnerung willen da: So und so war es damals, in jenen Tagen und in jenen Zeiten.

Aber nur für eine Erinnerung an Gewesenes zu leben, in Geschichte zu verharren, sich immerfort auf dem gleichen Ort zu bewegen und keine Haaresbreite davon abzukommen, das ist kein Leben, sondern ein Traum. Unsere Vorfahren, die an den Strömen Babels saßen und denen der Sinn nach ganz anderem stand, fühlten das erst später, als sie aus dem Exil zurückkehrten und erzählten es in Freude, wie es im Stufenpsalm steht: Wir haben nicht gelebt, sondern »waren wie Träumende«, wir haben geträumt.

Und wenn das Leben ein Traum ist, kann man sich ja weiter nicht verwundern, daß sich in ihm ungereimte Dinge reimen, daß sich Dämonen und Unholde in ihm herumtreiben und leichtverständlicher Weise auch Rindvieh in Menschengestalt und andere absonderliche Wesen!

Wären nicht die Zizzes, die Mesise und das Schma gewesen, diese drei guten Schutzmittel gegen die bösen Mächte, die Schloimale ein bißchen beruhigten, so hätte er noch als Kind die Welt verlassen, infolge des großen Entsetzens, das ihm die Ungeheuer einjagten.

Es ist wert, wenigstens einen Teil der Jugendträume Schloimales kennen zu lernen und zu erfahren, wie und durch wen ihm das Geheimnis der Geister, der Dämonen, der Besessenen und vieler anderer schrecklicher Dinge noch in früherer Kindheit enthüllt wurde.

In Armleuten pflegte zu Zeiten ein Mann mit einem wilden grauen Bart aufzutauchen, als sei er plötzlich vom Himmel gefallen. Er war auf einem Auge blind, sah sehr, sehr merkwürdig aus und blickte böse unter langen Brauen hervor, indem er den Kopf ein wenig gesenkt hielt. Seine Ankunft war in der ganzen Stadt vernehmbar, denn alles rief: »Der Wundermann! Reb Elje Wundermann!« Man konnte sich von seinen großen Wundern mit Mitteln und Amuletten nicht genug erzählen: An dem und dem Orte hatte er einen Dämon ausgetrieben, zu der und der Zeit hatte er mit »ihnen«, mit den Unholden, zu tun gehabt, sie zitterten ja wie Espenlaub, wenn er sich nur rührte. Dabei wurde der Grund für sein blindes Auge angegeben: Wenn er die Geister zu irgend einem Zweck zusammenrief, schüttete er ein Säcklein Mohn aus und befahl ihnen mit einem Zauberspruch, alles bis aufs letzte Körnlein aufzulesen: Denn läßt man sie einen Augenblick ohne Arbeit und frei, so müssen sie Verderben stiften. Einmal hatte er das Mohnausstreuen vergessen, da hatten sie ihm denn ein Auge ausgekrallt.

Wenn er diesen Reb Elje, über den so furchtbare Geschichten umliefen, sah, dann zitterte Schloimale in ungeheurem Entsetzen. Es war ja freilich sehr richtig, daß er nie dabei war, wenn Reb Elje mit den Geistern herumhantierte, aber das blinde Auge bewies ihm doch ganz klar, daß das Erzählte wirklich so war – wie wäre er denn sonst blind gewesen? Ein wenig später war es ihm gar beschert, solche Dinge mit eigenen Augen zu sehen.

In den Winternächten kamen Schloimale und seine Kameraden gewöhnlich gegen neun Uhr mit Papierlaternen in den Händen aus der Schule, sie lärmten und sangen, trompeteten in die Fäuste und trommelten an den geblähten Backen. Aber sobald sie der Weg an der großen Schiehl vorbeiführte, wo alle Nacht die Toten beteten – so erzählten die Erwachsenen –, verloren sie plötzlich die Sprache. Voller Entsetzen liefen sie das Stück Wegs an der Schiehl vorbei, packten ihre Zizzes fest und riefen im Herzen »Schma Jißruul!« Hatte dann Gott geholfen und sie waren der Gefahr entronnen, so ermannten sich die Juden, wie gewöhnlich, und sangen stolz und kühn ihr Preislied.

Einst, in einer bitterkalten Winternacht, als Schloimale lärmend und kühn wie immer ins Haus sprang, gebot man ihm gleich mit bös-trauriger Miene Halt, und der Guten-Abend-Gruß blieb ihm wie ein Knochen in der Kehle stecken. Er wollte etwas sagen, aber man winkte mit dem Finger zum Munde – still! Er sah, daß da etwas nicht in Ordnung war. Im Zimmer war's dunkel, die Mutter war nicht da, auch von den Männern niemand und die Kinder saßen verstört, jedes für sich in einem Winkel. Was sollte der Arme tun? Von keinem beachtet ging er auf den Zehenspitzen und kletterte wie eine Katze auf den Ofen hinauf, um sich wenigstens ein bißchen zu erwärmen.

Aus dem Alkoven auf der andern Seite des Ofens – einem Zimmer für ein Ehepaar, für seinen älteren Bruder mit seiner Frau kam ihm ein heller Lichtschein entgegen. Er streckte sich liegend mit dem Kopf dahin aus, warf verstohlen einen Blick hinüber und erstarrte, daß er kein Glied zu rühren vermochte. Er sah, daß das Frauenbett mit einem Vorhang verhängt war, der von oben bis unten mit Stecknadel-Briefen besetzt war, die im Lichte einer dicken Kerze funkelten. Die Bank neben dem Ofen war ein wenig weggerückt und an ihrer Statt eine Grube in den Boden gegraben. Jemand mit einem schrecklichen Aussehen hielt einen schwarzen Hahn, verbrannte Kräuter und schnitt tolle Grimassen, schlug den Hahn auf den Kopf und stieß mit absonderlichen Tönen Wörter aus, die nicht menschlich klangen: »Eje, beje, stitoje, agrefte, mejrem schmariel«; er verdrehte die Augen, blies, flüsterte: »Mazappaz, mezoppoz, mazippaz, mozoppoz, mezejppez, mezeeppoz, mezoppoz, mezippejz«, stampfte mit den Füßen, fuhr mit den Händen herum, als ob er mit jemandem ringe und gab bei jedem Wort dem Hahn einen starken Schlag auf den Kopf, so daß der arme Kerl zappelte und schrie und röchelte. Hinter dem Vorhang scholl ein Schreien und Stöhnen, das einem Stücke aus dem Herzen riß. Der sonderbare Kerl begann in heftigem Zorne loszuschaukeln, zog den Atem in sich ein, druckste und gab sonderbare Worte von sich, die wie aus dem Bauche kamen: »Tlmchu chaischh iwßißbiek psalminju«, packte den Hahn am Halse, schwenkte ihn wie beim Kapures-Schlagen herum, drehte ihm den Hals ab, schmiß ihn in die Grube, schüttete sie zu und – bald stand die Bank wieder an ihrer Stelle. Er hatte das Grab noch nicht geschlossen, da kam hinter dem Vorhang ein Wehgeschrei und zugleich ein piepsendes Weinen hervor.

Die Mutter und eine Frau lüfteten den Vorhang ein wenig, steckten die Köpfe heraus und sagten: »Masel toww! Ein Bub, geb ihm Gott ein langes Leben!«

»Maseltoww!« sagte der Mann, und fauchte wie eine Gans. »Ich habe heute ein schweres Stück Arbeit mit ›ihnen‹ gehabt. Von heute an kann die Wöchnerin ihre Kinder behalten. Ganz sicher wird kein Wechselbalg mehr vorkommen.«

Was das Ereignis bedeutete und was ein Wechselbalg war, hörte Schloimale ein paar Tage darauf von Erwachsenen, die darüber eine eingehende Unterhaltung führten und von der schrecklichen Lilith erzählten, die die kleinen Kinder aus den Betten der Wöchnerinnen raubt. Dabei beriefen sie sich auf eine gedruckte Geschichte und erzählten sie mit vorgestreckten Gesichtern – eine Geschichte, die einen beim Hören die Haare zu Berge stehen ließ:

»In dem kleinen Städtchen Gallink, nicht weit von Chelem, wohnte ein gewisser Reb Gawriel. Als seine Frau glücklich eines Knaben genas, ließ er den Rabbi von Chelem, Reb Elje Wundermann, bitten, er möge ihm die Ehre seines Kommens geben und das Kind beschneiden. Das geschah im Monat Siwan, an einem Donnerstag. Als Reb Elje an jenem Tag gegen Abend nahe ans Städtlein kam, erblickte er eine große Versammlung von Hexen und Hexenmeistern, mehr als tausend waren es. Feurige Flammen kamen ihnen aus dem Munde, um sie herum lohte Feuer, und alle spielten mit jenem neugeborenen Kinde. Der Rabbi sah das: ›Aha, so ist also die Geschichte!‹ und rief schnell seinem Diener zu: ›Rasch, gib mir Wasser aus meiner Flasche!‹ Vor dem Handguß sagte er einen Zauberspruch mit der Gottesbenennung, nahm sieben Messer, sieben Täflein, zwei Challes und sieben Schuhe, steckte ein Messer in jeden Schuh, dann zog er die Schuhe von seinen Füßen, wusch sich zweimal die Hände, hob den Daumen der Rechten und sprach: ›Mit der Kraft der heiligen Benennung hebe ich auf den Zauber der Männer und Frauen, der Hexenmeister und Hexen, auf daß er dem Kinde nicht schade!‹ Und mit dieser Gottesbennung tötete Reb Elje alle Hexen und Hexenmeister. Er nahm das Kind, um es zu seinen Eltern zu bringen. In dem Augenblicke, als er zu ihnen kam, sprach er die heilige Benennung ›Schamschejuhi‹ aus, da erkannten alle Leute im Hause, daß das Kind, das neben der Wöchnerin lag, aus Stroh und Werg war – ein Blendwerk, Gott schütze uns! –, es war für ein Menschlein gehalten worden! Er nahm das wirkliche Kind, das er vor den Unholden gerettet hatte und gab es der Mutter zurück.«

Seit damals war Schloimale ganz wirr. Es schien ihm, daß alles in der Welt Blendwerk sei! Nichts ist wirklich, innen und außen ist nie gleich! Da wird der oder jener vom Teufel geholt, oder der Teufel hat ihn schon lange geholt. Sie scheinen nur Menschen zu sein, in Wirklichkeit aber besteht ihre Seele aus Fetzen und Werg. Er selber bestand auch aus Fetzen, trockenem Heu und Werg.

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