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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Viertes Kapitel

Lippe Riewens war ein Mann von mittlerem Alter, einer jener Menschen, denen Gott alle guten Gaben, Geist, Herz und Gefühl geschenkt, aber dabei an eine einzige Kleinigkeit vergessen hatte – Glück! Wenn sie aus Gottes Hand her auf diese Erde kommen, wirft sie der Teufel wie ein Getreidekörnlein an irgend einen einsamen und öden Ort, wo die Mittel zum richtigen Wachstum fehlen. Der Geist in ihnen strebt, sucht Raum, um sich frei zu zeigen und zu entfalten – bei manchen aber wird er nach allen vergeblichen Mühen, nachdem er über die Steine des Weges gestolpert ist, immer schwächer und sie verlieren den Mut. Sie liegen und faulen, greifen manchmal aus Gram zum Trunk, sind zu nichts gut und heißen für die Welt unnütze und verlorene Menschen. Bei manchen wieder hört der Geist nicht auf, hinauszustreben. Unaufhörliche Unrast, Ringen und innere Unzufriedenheit siedet und wallt in ihnen. Sie verzehren sich und verdorren, sind traurig und gedankenversunken, der Geist läßt sie nicht ruhen, sie gehen an alles, bald an das und bald an jenes, aber jede Sache wird schließlich sonderbar und unförmig wie die Natur selbst, die noch roh und unbearbeitet ist. Das sind jene Arten von Künstlern, von denen das Sprichwort sagt:

»Hundert Gaben in der Hand
und wenig Segen kommt zustand.«

Lippe Riewens war ein magerer, kurzsichtiger Mensch mit blassem Gesicht, sanft und gut und bei jedermann in der Stadt sehr beliebt. Sein Wesen, sein Haus, seine Lebensweise, sein Tun und alles zusammen zeigten klar, daß in ihm der Kern und die Glut des Künstlers lagen.

Seine Hand taugte zum Schnitzen, zum Malen, zum Schreiben, zum Graben in Kupfer und Stein. Nicht, daß er einen Erwerb daraus gemacht hätte. Er tat es bloß darum, weil das seine größte Freude war, weil ihn irgend etwas trieb, und er unbedingt formen mußte. Für die Leute in der Stadt war er ein Tausendkünstler, ein schrecklich tüchtiger Mensch – sie benutzten seine Tüchtigkeit bei jeder Gelegenheit und gaben ihm ehrende Aufträge, wie Schnitzarbeit für den heiligen Schrein, Malen von Misrechs, Meißeln von Grabsteinen, Gravieren von Siegeln. Bräute bemühten seine Freundlichkeit, ließen sich Muster für Kettenstiche, zum Heften und Sticken der Twillen-Beutel für den Bräutigam vorzeichnen. Und wenn er schon das konnte und dazu noch ein guter Mensch und jedem gefällig war, und zwar ganz umsonst? um welcher Sünden willen hätten dann die Frauen ihn nicht verwenden dürfen – gegen Fieber etwa? Wenn man ihn bat, schrieb er etwas mit Tinte auf Mandeln oder auf Teller, das wurde in Wasser gelöst, dem Kranken zu trinken gegeben – und half! Zu allem unterrichtete Lippe Riewens auch noch.

Zum Melammed hatte ihn Reb Chajem gemacht.

Schloime, der Sohn Reb Chajems, ein Knabe von sieben Jahren, war von Anfang an ein nettes, lebhaftes und fürs Lernen sehr aufgewecktes Kind gewesen. In einem Jahre erlernte er bei Moische Schleie sehr gut das Lesen, las flott wie Wasser und begann die Bibel, wie üblich, mit dem dritten Buch Mose, wozu andere Kinder zwei, drei Jahre in der Schule sitzen müssen. Schloimale war in der Familie und auch bei Fremden, die im Hause verkehrten, sehr beliebt wegen seiner Lebhaftigkeit, wegen der klugen Antworten, die er auf die gewissen, den Kindern zur Geistesschärfung vorgelegten verzwickten Fragen gab, und noch mehr – wegen seiner Streiche. Es lag in seiner Natur, auf den ersten Blick an Menschen eine Miene oder ein Wort zu erfassen, an denen irgendwas war, das sich von denen anderer unterschied. Er pflegte jedermann mit allen Eigenheiten nachzuahmen – wie er sprach, wie er stand und wie er ging, so daß man vor Lachen außer sich war, wenn man ihm zusah und zuhörte. Besonders gern ahmte er Gietel, die Vorsagerin, nach, wie sie beim Eintreten die Mesise küßte, die Jacke nur mit einem Ärmel angetan; wie sie das Mündlein verzog und süß »Grüß Gott« sagte; wie sie gleich einer Katze den Rücken krümmte, so daß die eine Schulter tiefer, die andere höher stand, den Kopf zur Seite gebogen und mit der Hand gestützt, einen Finger an der Wange; wie sie das Gesicht in Falten legte, mit der Nase schnaufte, mit den Augen glotzte und im Gebetstil sprach, immer: »Gelobt und gepriesen sei der Allmächtige, gebenedeit er und sein Name, der Schirmer seines Volkes Israel!« und Stücklein aus dem »Erbtum der Pracht« und aus unserm Meister Bechaje dazwischenwarf.

Die Mutter lachte dann mit allen andern, gleichzeitig aber legte sie den Finger an die Nase, als sei sie zornig, und sagte: »Na wart, wart nur, du feiner Bub! Ich werd' es dem Vater erzählen, verlaß dich drauf, damit du weißt, wer mehr ist – Erwachsenen nachzuspotten, wirst schon sehen! – Mög ich so vom Unglück wissen, wie ich begreife, was das für ein Kerl ist, lieber Gott!«

Aber der Vater verstand das Kind. Er begriff, daß aus einem solchen Jungen mit der Zeit etwas werden könnte, wenn es nach passender Methode alles Notwendige lernen und zu einem richtigen Lehrer kommen würde. Alles Notwendige – das hieß für die Juden jener Zeit und gar noch eines solchen Städtleins wie Armleuten nicht, etwa wie heute, Sprachen und Wissenschaften. Wenn man zum Talmud und den Dezisoren auch noch die Bibel gut kannte und ein wenig Grammatik, war man ein vollkommen ausgebildeter, schrecklich tüchtiger Mensch, über den es in der Welt kaum einen andern gab, ja, das war überflüssiger Luxus. Wer aber brachte den Kindern außer dem Anfang jedes Wochenabschnittes die Bibel bei? Man hatte eine Art Scheu davor, es roch nach Freidenkerei. Wirklich höchst seltsam und unverständlich. Aber wie dem auch sei, so war es eben, und so ist es bei manchen noch heute. Große Rabbiner von früher und von heute wußten und wissen bis auf diesen Tag nicht recht, was in der Bibel steht. Und trotzdem rührt sich nichts! Man kann auch ohne Bibelkenntnis sehr thoragelehrt sein und Anfragen entscheiden.

Reb Chajem hatte Lust, für seinen Schloimale eine Ausnahme zu machen und zu versuchen, ihn die ganze Bibel mit dem Targum zu lehren, regelrecht, vom Anfang bis zum Ende. Reb Chajem selbst war Bibelkenner und schrieb Bibelstil. Die Leute pflegten sich an seinen Briefen zu delektieren, und er galt bei allen Bekannten als Meister des Wortes. Woher aber den Lehrer nehmen? dachte Reb Chajem und verfiel schließlich auf Lippe Riewens. Ihn machte Reb Chajem zum Lehrer seines Schloimale und gestattete ihm, noch einige Kinder aufzunehmen, um sich so mit Weib und Kind durchzuschlagen, wie alle Juden.

Die Verbindung war eine glückliche! Lehrer und Schüler paßten sehr gut zueinander. Der Lehrer unterrichtete mit Hingabe und der Schüler lernte eifrig. Der Unterricht ging gewöhnlich so vor sich, daß der Lehrer mit irgendeiner Arbeit am Tisch saß – malte oder ein Siegel grub. Aber das störte den Gang des Lernens nicht, man durfte sicher sein, daß er aufmerksam zuhörte, im Gegenteil, das Lernen ging noch viel besser. Arbeit war ihm dasselbe wie ein Schnäpslein für den gewöhnlichen Handwerker. Sie begeisterte und belebte ihn und machte ihn beredt. Dann erklärte er alles klar und genau. Perlen waren es, die aus seinem Munde kamen, in seinen Augen glänzte ein heiliges Feuer. Sein Blick war so liebreich und so gut, so gut! Dann packte es den Schüler, es brannte in ihm, gierig verschlang er mit gespitzten Ohren jedes Wort. Das Lernen war nicht, wie etwa bei den andern, eine schwere Last, eine reine Marter, an der Lehrer und Schüler in gleichem Maße leiden. Der Lehrer paukt es dem andern gewaltsam in den Schädel hinein, wird dabei zornig und furchtbar erregt, und der arme Kerl von Schüler hat keine Wahl und muß sich zitternd und bebend stellen, als wäre es in seinem Kopfe und beide wünschen einander los zu sein. Nein, hier war es wie ein Gespräch zwischen zwei Freunden, in dem ein Herz das andere ahnte, ein Gespräch, das dem Sprecher und auch dem Hörer Freude bereitete, da beide einander so gut verstanden und gewünscht hätten, die Zeit möchte immer so weiter gehen.

Schloimale wuchs unterdessen wie eine Blume unter guter Pflege heran und wurde immer verständiger. Trotzdem hatte er, den Jahren nach, noch nicht aufgehört, ein Kind zu sein. Schloimale in der Schule und Schloimale im Freien waren fast zwei verschiedene Menschen. Wenn er lernte, war das richtig gelernt, sein ganzer Sinn war ins Lernen vertieft. Er dachte und sann und wollte alles gründlich begreifen. Aber kaum hatte er das Buch geschlossen, war er wie ausgewechselt, ein sprühendes, tollendes Kind, ein richtiger Knabe. Sein Wesen war von Jugend an wie aus verschiedenartigen, nicht zusammengehörigen Teilen zusammengesetzt. Zwei Seelen – ein Engel und ein Teufel – steckten gleichzeitig in ihm. Er war eigensinnig und hart wie Stein, aber auch weich und nachgiebig wie Teig; er war böse und grenzenlos gut und mild; war gallenbitter und zuckersüß; war ernst und ein Spaßvogel; war traurig und versonnen und lustig und fröhlich. Schloimale hatte von Natur aus heißes Blut und lohte gleich lichterloh wie ein Schwefelhölzlein auf, sobald ihn nur irgend etwas anregte. Die flammenden Worte der Propheten, ihre Reden von Gott und von Welt erweckten seine Einbildungskraft und gaben ihm viel Stoff zum Denken und Sinnen.

»Ich sah Gott auf einem hohen Throne sitzen
und seines Kleides Schleppen erfüllten den heiligen Palast.
Feurige Engel standen über ihm,
jeder hatte sechs Flügel . . .
Sie riefen einander zu und sagten:
›Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen,
voll ist die Erde seiner Ehre!‹
Und es wankten und zitterten die Säulen vom Tone des Rufes
Und das Haus wurde voll von Rauch.
›Wehe‹, sprach ich, ›wehe mir, ich bin verloren!
Ich bin ja ein Mensch unreiner Lippen
und unter einem Volk unreiner Lippen ist mein Ort.‹«

Diese Worte Jesajas drangen tief in sein Herz. Er begann über Gott nachzudenken, sich Engel mit Flügeln vorzustellen und hätte gerne sehr viel Dinge wissen mögen, die an seinem Hirne bohrten und Erklärung heischten. Doch um seinen Lehrer zu fragen, hatte er nicht immer genug Mut. Einmal versuchte er es doch, mit ihm darüber in ein Gespräch zu kommen. Er wurde dabei feuerrot, aber der Lehrer hörte ihn lächelnd an, schwieg und verzog die Lippen, als ob er sagen wollte: »Tja, das sind Geheimnisse.« Auf seine Fragen pflegte er von andern, von Erwachsenen, immer die gleiche Antwort zu bekommen: »Still, du Lausbub! Ein Kind darf nicht fragen. Ein Bub hat nur zu folgen, so wie es Gott befiehlt – er muß lernen und beten, sonst wird ihn Gott strafen und mit eisernen Ruten hauen.« Vor einer Rute zitterte Schloimale sehr, nicht so sehr des Schmerzens wegen – denn wenn man prügelt, so tut es weh –, sondern der Schande wegen. Pfui, was das für eine Schande ist! Gott kam ihm grade wie ein böser Edelmann mit einer Knute in der Hand vor. Bei der geringsten Kleinigkeit gerät er in furchtbaren Zorn, wie flammendes Feuer – und prügelt! Bei dem geringsten Sündlein – wenn er etwa beim Beten ein Wort übersprungen oder kein Amen gesagt oder einen Schluck Wasser einmal ohne Benedeiung getrunken hatte – begann er zu zittern und dachte: »Ach, wehe mir, ich bin verloren.«

Und gar an den Ungeheuren Tagen, an denen doch, wie die Juden berichten, selbst die Fische im Wasser zittern, war Schloimale voller Entsetzen. All das mit dem frühen Aufstehen zu den Sslieches, das eilige Hasten zur Schiehl, auf den Friedhof, das Jammern und Weinen und die trauervolle Melodie beim Beten, die traurigen Gesichter der Mutter und der ganzen Familie, die aussahen, als hinge die Rute über ihnen und als harrte das Urteil der Vollstreckung – all das rief eine schreckliche, finstere Melancholie in ihm hervor. Er hatte keine Freude am ganzen Fest, an Fisch und Zimmes. Es kam ihm immer vor, Gott sitze auf dem Thron, die Schleppe seines Kleides über dem Heiligtum, feurige Engel umflögen ihn, brächten Bücher herbei und schrieben und zählten unter gewaltigem Tosen die Sünden jedes Menschen. Die Welt wankte und die Tore des Himmels bebten von ihrem Ruf – und er dachte: »Ach, wehe mir, ich bin verloren!«

Aber wie die Welt schon einmal so eingerichtet ist, daß es in ihr nichts ausschließlich Gutes gibt, an dem nicht auch etwas Schlechtes wäre, und nichts bloß Schlechtes, in dem nicht auch etwas Gutes steckte, so waren mit den Ungeheuren Tagen auch Dinge verbunden, die ihren Schreck ein wenig linderten und ihrer bitteren Melancholie eine gewisse Süße verliehen. Das wichtigste unter all diesen Dingen waren die »Dörfler«, die Pächter aus den Dörfern, die zu den heiligen Tagen mit ihrer Familie in die Stadt zu kommen pflegten. Ihre Ankunft brachte Bewegung ins Städtlein und machte die Leute ein wenig frischer und munterer. Es war ein ganz besonderer Geschmack dabei – Honig, Pfeffer und Zwiebeln zusammen.

Die Geschichte verlangt, daß die Sache hier ein wenig näher erklärt werde, da sonst in ihr vielleicht ein sehr wichtiges Blatt fehlen und die Sache – ach, wer weiß? – spätern Geschlechtern unverständlich bleiben könnte.

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