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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Vierzehntes Kapitel

Der Monatsbeginn des Ador. Da gebietet der Talmud fröhlich zu sein. Freude und Jubel im Städtlein. Vielleicht darum, weil dieser Monat das Nahen des Frühlings kündet, des Erlösers vom schweren, bitteren Winter, weil man bald die Posaunenstöße des milden, warmen Windes hören, der Himmel triefen und das Taugebet sprechen wird. – Auferstehung in der Welt, auf den Feldern, überall? Ach wo! Frühling hin, Frühling her, was ging das die Leute in Ss . . . k an? Also warum denn ging es so hoch her? Das war höchst einfach: Es roch nach Pirem, nach lauter Wundern von allen Seiten, nach Pirem! Die Möhnlein dufteten und auf den Ständen, den Tischen und Bänken auf dem Markt lagen gezwickelte Kissen und Fladen. Aus den Mulden winkten hervor und reizten alle Arten von Gebäck in Pirem-Gestalten den Appetit. Willkommen, Haman-Täschlein! Gott grüß euch, Königin Esther, Seeresch und Charwoine auch darunter! Alle ritten auf zuckersüßen, seltsamen Pferden, auf gelben, grünen Fischen und ähnlichen Ungeheuern. Selbst der Morast roch jetzt nach Pirem und war ganz anders als während des übrigen Jahres. Alles war so schön, so gut, so jüdisch.

Nach Pirem roch es auch in der Jeschiwe! Das Lernen trat in den Hintergrund. Es gab einen Markt, den großen Pirem-Markt. Geschäfte hatte man gottlob genug, man wünschte sich nur Gesundheit und ein Stücklein Glück. Die Schüler dachten beizeiten nach, was sie weiter tun würden, im Sommer – ob sie hier bleiben oder es irgendwo anders versuchen und inzwischen zu Pejssech nach Hause gehen sollten, fingen an, sich umzusehen, was ihnen fehlte, was ihnen in Kleidung und sonstigen nötigen Dingen abging. Sie begannen daran zu denken, was sie beim Lejnen der Megille für Frauen, Dienstmädchen, Köchinnen und beim Schlachmunes-Tragen verdienen würden. Ein Haus voll Frauen, mit vielen Verwandten war ein reines Glück. Wohl dem Schüler, dem so etwas beschert war! Der hatte zu singen und zu sagen, zu tragen und Geld zu machen. Man begann sich vorzubereiten, einander die Megille abzuhören, Betonung, Weise und Nachdruck zu prüfen. Der eine stimmte seine Kehle und begann hübsch fein und ordentlich und ohne Hetze. Zwei Freunde hörten einander ab, der eine schnaufelte ein wenig und machte es kurz und geschwind, der andere fuhr ihm mit unartikulierten Lauten dazwischen und stellte ihn richtig, fing dabei selbst zu lejnen an und ließ was hören. Hier durchjagte einer eine frohe Stelle im munteren Galopp, und gleichzeitig schloß ein anderer die seine im dumpfen Trauerton.

Eine göttlich-schöpferische Kraft und ein mildes Lüftlein, das vom schönen, reinen Himmel blies, schwebte wie vorzeiten der Geist Gottes über der im Winterschlaf versunkenen Natur, gab ihr mit zarter und stiller Berührung den ersten zauberwirkenden Frühlingskuß – da ergriff sie ein Sehnen, Drängen, Verlangen! Sie fühlte einen warmen Strom durch alle ihre Glieder rinnen, ein neues, erquickendes Leben. Der Drang und die Sehnsucht in ihr ließen sie nicht ruhen. Sie warf rasch die schneeweiße, wollweiche Winterdecke ab und erhob sich, neugeboren, voll Verliebtheit und Sehnsucht! Ja, Sehnen und Liebe waren überall, bei allen Geschöpfen in der großen Natur! Jedes Wesen, vom kleinsten bis zum größten, vom winzigen Würmlein bis zum gewaltigen Ur und zum netten Menschlein, fühlte das Drängen und Sehnen. Die Vögel in den fernen, fremden Ländern wurden von Heimweh nach ihren alten, verlorenen Nestern erfaßt und kamen wieder nach Hause geflogen. Selbst die Kartoffel im finstern Keller drängte voll Macht so sehr sie nur konnte, um aus irgend einer Spalte einen Blick auf Gottes helle Welt zu werfen.

Und auch bei den armen Schülern in der Jeschiwe waren mit der Vorpejssech-Luft Sehnsucht und Versonnenheit zu fühlen. Das wurde an ihrem ernsten Gesicht und an den Gesprächen über wichtige Dinge, wie über die Ferien, bemerkbar, an der Untersuchung der Sachen, der Bündel, an der Aufstellung klarer Rechnungen über ihre paar Groschen – wieviel sie von dem Abschied von den »Tagen« noch haben, wieviel und für welche dringendsten Bedürfnisse sie ausgeben könnten; manche plauderten über die Heimat und sehnten sich zu den Feiertagen sehr nach Hause; manche zog es anderswo hin. Bloß am selben Ort wollten sie nicht bleiben, bloß eine Änderung sollte geschehen; manche, die aus der Stadt waren oder bleiben mußten, fühlten einen Drang irgendwo hin in die Welt, Gott wußte wozu und wohin.

Willkommen, Vorpejssech-Morgen in der ganzen Natur! Die helle Sonne beginnt schon früher ihr Zelt im Osten zu verlassen, um Gottes Werke in seiner Welt zu betrachten. Jung und alt, Pflanzen und lebende Geschöpfe in Feld und Wald erwachen, bewegen sich alle, waschen sich im frischen Himmelstau und bespiegeln sich in Flüssen und Bächen, die vom rinnenden, schmelzenden Schnee überfüllt sind. Im bloßen Hemd, noch unbekleidet, steht die Tanne, die anderen Bäume splitternackt, mit Knospen, die wie Brüste geschwollen, steif und ungeöffnet die Blätter umhüllen. Von allen Seiten blicken die alten Waldbewohner, die greisen Fichten, auf sie, in vorjährigen, verschossenen, schäbigen Pelzen mit Schwänzlein – den Zapfen. Frische Blumen, Margeriten, stecken die Köpfe unter dem eben erst aufsprießenden Gras der Wiesen hervor, winken, zeigen Schönheitsgrüblein, mit feuchten, ergreifenden Blicken. Auf einem Feld, das sich so weit in die Ferne zieht, daß man das Auge nicht mehr hinschicken kann, steht auf der einen Seite Korn- und Weizen-Jungvolk vom Lager auf: Genug geschlafen den rollenden Winter lang, es ist Zeit zum Aufstehen, die Hüte aufzusetzen und ernst nachzusinnen, wie man die Welt mit Brot versorge! Auf der andern Seite brodelt die Arbeit der Menschen und Tiere, die in großen Abständen verstreut sind. Hier ackert ein Bauer mit einem Paar Ochsen und wirft lange Streifen Erde auf. In seinen Fußstapfen spaziert und hüpft ein Rabe, betrachtet mit ausgestrecktem Kopfe schelmisch jedes Stücklein frische Erde und wirft einen zappelnden Wurm in seinen Schnabel. Dort geht jemand mit einem Korb, entnimmt ihm eine Handvoll nach der andern und legt sie langsam und ruhig in die weiche, flaumige Erde, so wie man ein ganz kleines Kind in die Kissen legt. Die Lerche, die berühmte Sängerin, umkreist es in die Höhe steigend und wiegt es mit süßem Liede in den Schlaf.

Gutes Aufstehen, ihr Geschöpfe Gottes, alle, klein und groß, Kriechende, Springende! Guten Morgen, Vieh in der Herde! Willkommen, ihr Vögel aus der Fremde – teure, liebe, gern gesehene Gäste!

Mit geschürzten, in den Gürtel gesteckten Rockschößen, mit Bündeln auf den Schultern und Stöcken aus abgebrochenen Zweigen in der Hand, schritten auf einem Seitenpfad durch einen lockern, noch nicht recht belaubten Wald drei Leute von verschiedenem Wuchs. Ein dickerer, älterer hielt den Kopf gebückt, blickte kurzsichtig und blieb oft zurück. Der zweite war mager und beweglich, der dritte war jünger, weder ein Kind noch ein Jüngling, er trieb sich hin und her, blieb bald hinter der Gesellschaft und betrachtete dies und das auf dem Wege, bald eilte er ihr voraus.

Überhaupt war ihrem Gehen anzumerken, daß sie keine erfahrenen Wanderer waren. Gut und stramm marschieren, wie geübte Soldaten, konnten sie nicht. Sie trollten sich eben ihres Weges. So wie einer auf einer Hochzeit tanzt – das Tanzen ist ein Muß – nun, was läßt sich da machen, so tanzt er eben. Sie kamen mit wankenden Beinen an einen Hügel bei einer Dorfbrücke über einem Bach, der zu beiden Seiten mit Weiden bestanden war, nicht weit von der großen Landstraße, und setzten sich nieder, um auszurasten und Atem zu holen. Sie warfen ihre Bündel ab, nahmen Brot und Hering heraus und aßen herzhaft wie nach einem Fasten, tranken Wasser aus dem Bach dazu und streckten sich wie die Grafen auf den eben erst erschienenen Rasen, lagen auf dem Rücken und plauderten.

»Also, was habe ich auf dem Wege gesagt? Raschi hat es mit seinem ›Kloimer‹ sehr wohl vorausgenommen, hörst du?« sagte der Dicke und stieß mit dem Ellenbogen den jüngeren, der ausgestreckt zwischen ihm und dem Magern lag. »Also, das ist gar nichts! Übrigens ist es ein sehr guter Einfall, Jontew, daheim, werde ich mir's, so Gott will, angelegen sein lassen, dir die Lösung zu zeigen. Ein schwieriges Stücklein. Wo bist du, Schloimale? Hörst du?«

»Laß mal! Eine schöne Frage!« sagte der Jüngere, Schloimale war es selbst, und schob sich immer weiter von dem Dicken weg, um seinen Rippenstößen auszuweichen. »Wo dawwenet der Herr – im Beßmeddresch wie früher oder vielleicht in der Klous?«

»Diesmal gar in der großen kalten Schiehl neben meinem Schwiegervater.«

»Also verlobt? Wieviel Mitgift, wie lange Kest?«

»Hundert Gilden in bar, drei Jahre Kest.«

»Maseltoww, Gimpel-Fawisch! – Und was gedenkst du nach der Hochzeit zu tun?« fragten ihn Jaankel und Schloimale zu gleicher Zeit.

»Was zu tun – ich gedenke? Nichts! Nach der Hochzeit werde ich die Zeit der Kest über in ein Städtlein fahren, lernen, ein ›Abgesonderter‹ sein, dann . . . aber wozu nachdenken, was dann sein wird? Dann soll Gott nachdenken. ›Wer das Leben gibt, der gibt zum Leben.‹«

Die drei, wie sie da mit ihren Bündeln und ihren Kleidern saßen, waren früh am Morgen aus Ss . . . k hinausgewandert und marschierten gemeinsam nach Hause – Schloimale und Gimpel-Fawisch nach Kapulje, und der »Windhund«, Schloimales Freund, hatte nach ein paar Werst in seine Stadt abzubiegen.

Während die Wanderer ausgestreckt auf dem Hügel lagen und plauderten, sprangen sie von einem Geräusch plötzlich alle drei auf – ein Hund schien irgendwo zu bellen? und sahen sich zu Tode entsetzt nach allen Seiten um. In der Ferne zeigte sich ein Schornstein, ein rotes Dach, eine Allee – der Weg zu einem Herrenhof.

»Nur Ruhe, Kinder, nur keine Angst!« beruhigte Schloimale die Gesellschaft und seufzte selbst aus tiefem Herzen auf. »Ach, das ist der Hof des Herrn von Wassi . . . zitz, eines guten Freundes meines seligen Vaters. Wie viel Säcke Weizen und Truthähne hat er uns jedes Jahr zu Pejssech zugeschickt!«

»Kommt, wir wollen gehen!« sagte Gimpel-Fawisch mit zitternder Stimme. »Die Sonne geht unter. Später werde ich den Weg schwer sehen können. Ich habe schlechte Augen, wer weiß, was noch geschehen kann. Kommt!«

Nach einer Stunde waren sie an der Stelle, wo der Weg in verschiedenen Richtungen auseinanderlief, und unsere beiden Freunde nahmen nach inniger Umarmung voneinander Abschied. Große Tränen standen ihnen in den Augen. Der Mund sprach kein Wort, bloß die Herzen redeten. Sie trennten sich voneinander, aber ihre Seelen strömten ineinander über. Ein Flehen sehnte sich, drängte, sprach, schwebte zum Himmel:

Barmherziger Gott, Herr der Welt! Welch Jammer um Deine irrende Herde – Deine irrenden, armen, elenden, unglücklichen Lämmer!

 


 

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