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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Zweites Kapitel

In dem Häuserring auf dem Markt, dem schönsten Platz des Städtchens Armleuten, stand ein Holzhaus mit einem Balkon, an Bauart und Gestalt fast ganz den Nachbarhäusern gleich, bloß daß es zur Straße hinaus weiß getüncht war. Das altväterische Leben im allgemeinen und die Bauweise der Häuser in der Kleinstadt ist wie das Leben und das Nestbauen der Vögel – einfach, nach einer für alle gleichen Weise und Art. Es wird genügen, zum Andenken ein einziges Haus vom Ring des Städtleins zu schildern, auf daß es die Geschlechter der Zukunft wissen.

Mögen die Enkel wissen, was für Häuser es waren, in denen ihre Vorfahren wohnten und ihr Leben zusammen mit den Kindern, den kleinen, den großen und den Kest-Paaren verbrachten.

Wenn man die Tür öffnete, kam man gleich von der Straße aus, wie man stand und ging, in einen großen und langen Raum, den Hauptteil des Hauses, den, der eigentlich Wohnung hieß. An der Rückwand der Stube, dem Eingang gegenüberliegend, führte eine Tür in einen finstern fenster- und deckenlosen Raum für Holz und andere nötige Wirtschaftssachen; manchmal war das auch der Stall für die Kuh, etwa während der starken Winterfröste oder wenn sie kalbte und nicht wie sonst im Freien übernachten konnte. Links von dieser rückwärtigen Tür stand ein großer Koch- und Backherd. Unter seinem Vorsatz war ein Hühnerstall, wo die Hühner Eier legten und brüteten, wo sie bei Nacht schliefen und von wo sie am Morgen hervorkrochen, um in der Stube umherzuspazieren und alle Winkel, Tische und Bänke zu besetzen. Dicht neben dem Herd stand ein sehr hoher und langer grüner Kachelofen mit zwei Bänken, der Fleisch- und der Milchbank. Diese beiden Bänke und eine Bretterwand mit Türen dahinter, die sich über die ganze Länge des Hauses erstreckten, teilten den Raum in zwei Hälften. Die eine Hälfte war die hier beschriebene Hauptwohnung, die andere bestand aus Alkoven für den Besitzer und für Mieter.

Vor dem Ofen hing von der Decke ein kleiner tönerner Kamin herab, eine Art Glocke mit zwei unten am Rand einander gegenüber befindlichen Drahtketten, wo eine Art eiserne Pfanne mit einem Rost aufgehängt war. Auf dieser wurde ein Feuer aus trockenen Holzspänen angefacht, um am Abend das Zimmer zu beleuchten. Nur am Freitagabend wurde es von den Sabbat-Talgkerzen in den Messingleuchtern auf dem Tisch und in dem sechsarmigen kupfernen, oben mit einem Adler geschmückten Hängeleuchter erhellt. Diese Pfanne gab wie die Sonne der ganzen Familie Licht und Wärme, sie brachte Lust und Leben ins Haus. Um sie herum verbrachte man gemeinsam die Winterabende, indem man irgendetwas arbeitete oder auch wohl sich bloß unterhielt. Die Frauen des Hauses, manchmal auch eine oder mehrere gutbekannte Nachbarinnen dazwischen, saßen auf der Fleisch- oder Milchbank, schlissen Federn und beklatschten die Welt. Am Abend nach Schabbes-Ende wurde ein Tisch herangeschoben, man las aus dem »Buch des Geraden« oder aus der »Größe Josephs« vor und aß gekochte Kartoffeln dazu. Am Channekefeste spielten die Kinder Drejdel, die Erwachsenen Karten und man aß Fleckchen. Und sonst mal an gewöhnlichen Abenden beim Auskochen des Gänseschmalzes saß man guter Dinge, erzählte Geschichten – und aß Grieben.

Die Enkel sollen wissen, daß die Großväter ihr Vermögen nicht für Möbel verschwendeten. In Großvaters Stube standen gewöhnlich lange Holzbänke an den Wänden, vornean ein langer rotgefärbter Tisch auf vier Füßen. In der Mitte hatte er schwarze und weiße Felder, eins mit dem andern abwechselnd, fürs Schachspiel. In einem Winkel von der Hälfte der Wand bis zur Decke stand auf Stangen, fest eingefaßt, ein dreiseitiger Winkelschrank mit Glastüren, durch die ein Becher mit Kiddesch-Gläsern, ein Psummem-Büchslein, ein Channeke-Leuchter, eine Eßreg-Büchse für Ssikkes, eine Muschel als Schaustück, eine Tasse mit Schalen für Konfitüren, Löffel aus Tombak und Warschausilber hervorblickten. Ganz hoch an der Wand hing ein Spiegel, in dem man sich nur dann sehen konnte, wenn man sich auf einen Stuhl stellte, und in dem man nach dieser Mühe grün und gelb mit zahnschmerzgeschwollenen Backen erschien. Das war ein Spiegel nur so zur Zier und nicht etwa, behüte, um sich zu begucken, pfui! War man aber schon einmal auf den Sessel gestiegen, dann nahm man wenigstens das Bild auf den Porträts wahr, die an der Seite des Spiegels hingen: Irgend einen berühmten Mann in Talles und Twillen und einen General hoch zu Roß, halb von Fliegen zerbissen, ferner einen Misrech mit allerlei Geranke und absonderlichem Getier, das es vorläufig auf unserer Erde noch nicht gibt.

Die Enkel sollen auch wissen, daß Großvaters Haus für alle Arten von Erfordernissen im Menschenleben taugte. Außer daß es als Küche diente und als Eßzimmer, auch als Schlafzimmer, wo man an den Wänden und an den Öfen auf zusammengeschobenen Bänken schlief – manchmal auch als Bethaus –, war in ihm auch eine Schenke eingerichtet. Während der Woche gab es freilich für die armen Schlucker, die paar Nichtjuden der Stadt, nur Branntwein und Beugel, aber während der Jahrmärkte und an Markttagen waren Schlaraffengenüsse aufgestellt: gekochte Eier, Stücklein Leber, Hering und auch Fische mit Sülze.

Im Winter versammelten sich hier während ihres Neujahrs jeden Abend geputzte Dirnen und Burschen, daß das Haus voll war; das war seit jeher schon so Brauch. Sie saßen, knackten Nüsse, taten stolz, lachten, plauderten, sangen, scherzten und blieben so lange, bis man sie mit Wasser überspritzte und hinauswarf; das war seit jeher schon so Brauch. Und wenn das Haus zum Theater paßte, um wieviel besser dann noch zur Kaserne. Es gab an Winterabenden gar keinen besseren Platz, um Rekruten zu drillen, als Großvaters Haus; da war es warm, da war es hell, da konnte man sehen, wenn man – eine Ohrfeige gab.

Ein solches Haus war auch das weißgetünchte unter den Häusern des Ringes. Es gehörte Reb Chajem, einem angesehenen, geschätzten und vornehmen Bürger der Stadt.

Um in Armleuten ein angesehener, vermöglicher Bürger zu sein, genügte der Besitz eines Hauses, einer Kuh und eines Stückleins Beruf dazu; aber um vornehm, geachtet und beliebt zu sein, reichte auch weit größerer Reichtum nicht aus. In Litauen ehrte man früher einmal – jetzt vielleicht nicht mehr so sehr – weniger den Besitz des Geldes als der Thora. Ein ungebildeter reicher Mensch war trotz allem schließlich doch nur ein ungebildeter Kerl, wie ja auch die Welt das Sprichwort hat: »Aus einem Schweineschwänzlein läßt sich kein Stramel-Pelz machen.« Sich vorzudrängen und dreinzureden liegt solchen Leuten und ihresgleichen schon in der Natur, seit die Welt erschaffen ist. Man muß ja vielleicht dergleichen ansehen, hören und schweigen – aber solche Leute auf den Ehrenplatz setzen, ihnen ergeben auf die Lippen schauen, sie wirklich von Herzen lieben – ach nein, um dessen würdig zu sein, mußte man thoragelehrt, mußte gut und fromm sein und mußte Vorfahren von Verdienst haben. Adel war nicht der Beutel, sondern Kopf und Herz. So war's in Litauen überhaupt und besonders gar in Armleuten, das seit ewig her eine Stadt der Thora war, deren Bewohner fast alle gelehrt, wo Beßmeddresch und Klous von älteren und jüngeren die Thora lernenden Bürgern, auch von Jeschiwe-Jüngern und fremden Einsiedlern, die Weib und Kind verlassen hatten, am Talmud saßen und »Tage aßen«, erfüllt waren; wo sich jeden Abend zwischen Minche und Marew Handwerker und andere Leute bei besonderen Tischen versammelten, um von den Vortragenden was Rechtes zu hören – an einem Tisch aus dem Meddresch, am zweiten aus »Jakobs Auge«, am dritten aus der Bibel, am vierten aus den »Herzenspflichten« und an anderen aus philosophischen und ethischen Werken; wo man an Schabbes und Jontew am Balemmer neben dem heiligen Schrein feurige Reden hielt, die Israels Herz zu heiliger Liebe für die Gottesglorie entflammten, die mit Trostworten der Propheten, mit Gleichnissen, mit klugen, scharfen und geistreichen Aussprüchen der Weisen gewürzt waren, deren Ton und Melodie erquickend durch alle Glieder strömte. Wenn man gewürdigt ward, in einer solchen Stadt vornehm zu heißen, dann wird das wohl seinen Grund gehabt haben, dann war man gewiß gut, fromm, gelehrt und reich an Vorzügen.

Und Reb Chajem besaß alle diese Vorzüge. Man kann mit Sicherheit behaupten, daß Reb Chajem selbst, so unansehnlich sein Kapital, das ganze Vermögen, das er in der Stadt hatte, anderwärts erschienen wäre, in einer großen Stadt mit seinen Vorzügen gewachsen und viel größer und ausgezeichneter geworden wäre.

Noch in ganz jungen Jahren, wenn Nichtjuden erst ans Heiraten denken, waren er und seine Frau Ssure schon glückliche Großeltern. Wenn man die Jahre zurückrechnete, vom vorläufig siebenten Kind bis zum ältesten Sohn, der auch schon Vater, aber noch auf Kest war, mußte Reb Chajem sehr früh, fast noch als Kind, geheiratet haben. Das hieß, wie Ssure gerne zu erzählen pflegte, daß sie noch ein kleines Mädelchen und der Mann ein kleines Büblein waren, als man sie plötzlich zur Panikzeit – mög's heute nicht kommen! – unter die Chippe stellte. Bei welcher Panik? Na, das kümmert einen Juden nichts, mag es die oder jene gewesen sein, das ist gleich. Wer kann sich denn ihrer aller erinnern?! Es ist möglich, daß das bei dem unseligen Gesetz geschah, wonach die Juden zum Militär gehen mußten. Damals verfielen die Juden auf den guten Rat, in Hast und Eile ganz kleine Kinder zu verheiraten, indem sie ganz vernünftig schlossen: »Wenn du Soldat sein kannst, du Wurm, kannst Du gewiss auch Ehemann spielen!«

Reb Chajem lebte, wie man zu sagen pflegt, sowohl für Gott als auch für die Menschen. Seine Zeit war dem Erwerb, der Thora und auch Stadtangelegenheiten gewidmet. Jahrelang war er ohne jegliches Entgelt Kronrabbiner und pflegte auch umsonst jungen Leuten Talmud und Dezisoren vorzutragen. Sein Haus war immer voll, der eine kam, der andere ging. Nichts geschah ohne ihn. Gab es irgendwo Zwist oder einen Prozeß, war er der Vermittler. War irgend eine Notlage im Gemeinwesen, dann pflegte man seinen Rat zu suchen und alles mit ihm zu überlegen.

Aber wozu das Meer vollschwätzen? Eine einzige, als Beispiel gebrachte Szene wird besser als alle Worte sprechen . . .

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