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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Elftes Kapitel

Die Hauptstelle, wo der böse Trieb als erfahrener Jäger im Hinterhalt lauerte, um Schloimale in sein Netz zu ziehen, war das Haus, wo der arme Knabe im ständigen Minjen betete.

Das Haus, ein altes, niedriges Gebäude, bestand bloß aus einem Vorraum und zwei ziemlich großen, hellen Zimmern, die durch einen gemeinsamen Ofen geschieden waren, wo gekocht und gebacken wurde, und auf dem zwei Leute schlafen konnten. Das eine Zimmer, das ein bißchen größer war, wurde von einer Familie von vier Personen bewohnt, lauter Frauen, einer Mutter mit zwei Töchtern, eine junge Frau, die zweite ein altes Mädchen, und einer Schwiegertochter, noch in jungen Jahren. Hier betete das Minjen. Für wen? Darum kümmerte sich keiner der bestellten Beter. Sie wurden bezahlt – also beteten sie. Wozu sollten sie sich Gedanken machen? Man bekam Geld für ein Kaddesch – also sagte man es. Wollte man einen Mischna-Abschnitt – so lernte man ihn. Sollten es Psalmen sein – schön, so las man welche. Merkwürdig schien bloß das, daß man sozusagen in einer Frauen-Schiehl betete – ein Haus voll Frauen! Wo waren denn die Männer? Das fiel wohl in die Augen und ließ Schloimale in der ersten Zeit keine Ruhe, er sann hin und her, spuckte aus, machte ein frommes Gesicht – und sann wieder weiter. Mit der Zeit stellte es sich als höchst einfach heraus: Die Mutter hatte keinen Mann – sie war eine Witwe. Die junge Frau, ihre Tochter, hatte zwar einen Mann – aber er hatte sie verlassen. Die Schwiegertochter, die Frau ihres Sohnes, hatte einen Mann und hatte keinen, er trieb sich irgendwo weit in Wolhynien herum oder gab dort Unterricht – sie war also so gut wie eine verlassene Frau. Das Mädchen war nicht wohlgeraten; so schön, anmutig und feingestaltet die andern waren, so alt, aufgedunsen, unförmlich war sie – ein überfälliges Mädchen ohne Mann. Die Schwiegertochter war eine Schwester des Nasen-Schoul, beide Familien waren also nahe verschwägert und lebten auch freundlich und gutnachbarlich miteinander.

Schloimale, als dauernder Nachtgast auf dem Bankofen Schouls, stand auf diese Weise ein wenig mit der Frauenfamilie in Zusammenhang, wo er gerne manchmal die Zeit verbrachte, sich in breite Unterhaltungen einließ und von allen möglichen Dingen hörte, von schwerem Gemüte und betrübtem Herzen.

Am meisten interessierte ihn die Witwe. Das war eine beleibte, betagte und ganz passable Frau, mit klugem Kopf und ernstem Aussehen wie ein Mann – eine Mirale Efros! In Litauen gab es viel tüchtige, rührsame Frauen, die das Haus erhielten, Geschäfte trieben, Handel führten, in den Läden saßen, während ihre Männer im Beßmeddresch saßen und lernten. Aber eine Frau wie die Witwe war auch dort eine Seltenheit. Sie war zu ihrer Zeit, konnte man sagen, eine Großkauffrau gewesen, war weit in der Welt herumgekommen und bis zu den großen Märkten vorgedrungen, wie etwa zum Selwer, zum Borissower, Poltawer, ja sogar zum Charkower Jahrmarkt. Sie hatte mit allen möglichen berühmten Manufaktur-Kaufleuten Handel getrieben, sie verstand sich auf Galanteriewaren, auf Webwaren, auf Moskauer und deutsche Schnittware. Auf ihr Wort bauten die Leute, sagte sie was, so war das gesagt; sagte sie: »Kauft!« dann wurde gekauft, sagte sie jedoch »Nein!«, so tat man es nicht. Sie etwa zu bestechen, wie das unter Kaufleuten üblich ist – hätte keiner gewagt! Manchmal erzählte sie, still und gelassen, mit leicht heiserer Stimme, in ruhigem, gleichmäßigem Ton, so daß ihre Worte wie die Perlen rannen und man des Zuhörens stundenlang nicht überdrüssig wurde. Gewöhnlich aber saß sie schweigend in ihrem Winkel und las in ihren Büchern, im Taatsch-Chimmesch, im Kaw-Hajuscher, im Menoires-hamuër, mit einer alten Brille, die auf die Nasenspitze rutschte; manchmal riß sie die Augen vom Buch los und blickte über die Brille hinweg, ohne eine Richtung, nachdenklich, ernst, und ihr starrer Blick drückte deutlicher als Worte aus, was tief in ihrer Seele vorging. Ihre Versonnenheit ging ansteckend auf Schloimale über. Es däuchte ihm, daß sie in diesem »Augenblick« alle ihre Erlebnisse wieder durchlebte, und er folgte ihr in seinem Sinnen zu den fernen Städten, zu den tosenden Handelsplätzen. Wo dachte er an Lernen, wo dachte er an die Jeschiwe?! Hoch ging es her . . .

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