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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Neuntes Kapitel

Fürs Lernen hatten die Schüler weniger Appetit. Das Licht der Thora strahlte aus den Lektionen und aus den Blättern des Talmuds nicht so hell hervor und wärmte nicht so stark wie die trockenen Scheite, die im Ofen flammten. Das rauchte, spritzte, warf Blasen wie nasse Feuerbrände, von eisigkaltem Scharfsinn und wässriger Dialektik. Das Studium ging nicht stufenweise nach einem Plan von unten hinauf. Die Schüler waren weder gut bearbeitetes Material, das dem Lehrgegenstand angepaßt war, noch harmonierten sie untereinander, ein Gemengsel von allerlei Graden und Charakteren und Persönlichkeiten, verschieden an Wesen, Eigenschaften, Verständnis für Gut und Böse, ein Durcheinander von Schülern aus allen möglichen Schulen, aus Chejder, Talmed-Toire, Jeschiwe, Klous. Niemand hatte eine Ahnung von der Heiligen Schrift, nicht einmal von den fünf Büchern Mosis, von denen man allerhöchstens den ersten Abschnitt jeder Sseddre lernte. Wie hätte es da möglich sein sollen, einen Oberbau – die mündliche Lehre, den Talmud – zu errichten, wenn es gar keinen Unterbau – die schriftliche Lehre – gab? Und daraus erwachsen sehr viele Übel: Verkehrte Erklärungen, gewundene Hypothesen, Verdrehung, Verkrümmung und Entstellung. Unverständnis und schließlich Verlust der Lust zum Lernen, indem sehr oft die Schuld auf den unschuldigen Talmud geschoben und behauptet wurde, er verkrümme das Gehirn, er sei schwer zu verstehen! Bei einem zweistöckigen Gebäude, wie bei der aus schriftlicher und mündlicher Lehre innig zusammengewebten jüdischen Religion, deren beide ohne einander kaum zu begreifen sind, muß man toll oder ein großer Narr sein, um zu behaupten, daß die Unterrichtsweise unserer Zeiten richtig ist und daß das Chejder, wie es jetzt ist und wie es zu Schloimales Zeiten war, die jüdische Volksschule darstellt. Nein! Schon bloß der Name Chejder, »Zimmer«, zeigt, wie es gerade das Gegenteil der Volksschulen in den alten Zeiten ist. Die damaligen Volksschulen hießen »Häuser« des Buches, Lehrhäuser. Wenn es auch nicht genau mit allen Einzelheiten im Talmud steht, wie sie eingerichtet waren, so kann man sich doch aus vielen verstreuten Stellen und nach dem Programm leicht eine Vorstellung machen. Das Programm sagt: Vom fünften Jahre an soll das Kind die Heilige Schrift lernen, bis ins Alter von zehn Jahren, und soll nach den Dezisoren in ihr ganz genau bewandert sein. Vom zehnten Jahr an soll es die Mischna lernen, bis zum fünfzehnten, also fünf Jahre. Erst dann, vom fünfzehnten bis zum zwanzigsten Jahr, kommt das Studium des Talmuds. Das ergibt also: Die ganze Studienzeit umfaßte fünfzehn Jahre, jeder Kursus dauerte fünf Jahre.

Es gab zweierlei Schulen: Anfangsschulen für Kinder, die »Häuser des Buches« hießen, die Lehrer lehrten nämlich die Heilige Schrift aus Büchern, und dann Hochschulen für Gelehrte, die »Häuser der Forschung« hießen und wo die mündliche Lehre gelernt wurde, und zwar auswendig, aus dem Munde des Lehrers, indem man alles in seinem Namen und seiner Sprache und auch im Namen anderer Gelehrter tradierte.

Vom Namen »Chejder«, das heißt »Kammer, Zimmer«, steht im ganzen Talmud kein Wort. Das Kämmerlein mit dem planlosen Lernen war gleich beim Beginn ein Niedergang, ein Rückfall ins Schlimmste. Das mußte später kommen, als die Juden verstreut wurden, als die helle Sonne des Judentums von finstern Wolken verdunkelt wurde, da verwandelten sich die Lehrhäuser in Kämmerlein. Der Lehrberuf wurde ein Geschäft, jeder Lehrer hatte sein Chejder. Die Reichen machten sich eine besondere Schule, das Chejder, und die armen Kinder wurden in einer besonderen Schule, in der Talmed-Toire, abgesondert, so wie die armen Kranken im Spittel. Die Juden, die untereinander politisch gleich sind, unterscheiden sich im Hause des Gebets, im Hause der Heilung, im Hause der Lehre. Diese Unterschiede sind das Grundübel. Und so wurde auch die Pflicht der Kinderlehre zum Geschäft, die Kinder zur Ware, das Chejder zum Laden und der Lehrer zum Krämer!

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