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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130827
modified20171009
projectida044b65b
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Sechstes Kapitel

Als Schloimale mit den letzten Kräften weiterging und beinahe schon fiel – da scholl plötzlich Fluchen und Peitschenknallen an sein Ohr. Er erblickte etwas wie die Gestalt eines Pferdes, von oben bis unten wie ein Teufel mit Schlamm beschmiert, und eine menschliche Gestalt, die Mütze bis auf die Augenbrauen hinabgerückt, den Kragen hoch aufgestellt und den Hals mit einem Frauentüchlein umwickelt, das wie ein Tschulent-Lappen schäbig und zerfetzt war. Eine dumpfe Stimme, die wie aus einem Faß hervortönte, rief ihn an:

»He, du Kerl, wie kommst du da her, Sohn Reb Chajems? An einem solchen Tag sieht man ja nicht einmal einen tollen Hund auf der Straße.«

»Oh, Reb Mechel!« schrie Schloimale mit entsetzlicher Stimme, streckte seine Hände aus und blieb wie erstickt stumm stehen. Und zum zweiten Mal erscholl die Stimme:

»Heidi, Bursch, herauf auf den Wagen!«

Ja, das war wirklich Mechel, der Enkel Channe-Jentels, mit seinem Gespann. Und diese Begegnung und die ganze Sache mit seiner Reise war nach den Worten Mechels ein richtiges Wunder.

»Andere Leute haben Kutschen und Pferde«, begann der geschwätzige Mann, »aber die Leute aus unserer Stadt gehen zu Fuß, wenn die Tage warm und die Wege gut sind; anderswo fahren sie in Wagen hierhin und dorthin, aber bei uns sind sie Stubenhocker und sehr genügsam und brauchen nicht viel zum Leben, Graupensuppe, ein Rettich, eine Zwiebel macht sie zufrieden – was gehen sie Reisen und Fuhrleute an? Einen Fuhrmann gab es früher in unserer Stadt, den seligen Moische-Luser, seine Pferde waren Adler, Löwen, so wie es sich gehört. Er selbst war eine Zeitlang Meddresch-Sager gewesen, eine Art Magged in der Schneider-Schiehl und plötzlich gefiel ihm der Fuhrwagen besser als das Vorsagen. Er hat aber gar nichts erreicht, er ist ein Schnorrer geblieben und seine Pferde sind vor Hunger krepiert. Lange Zeit danach bediente man sich bloß Mendel Malchiuns als Boten. Er ging, wohin man ihn schickte, meilenweit zu Fuß. Hitze, Kälte, Morast, Schnee – er ging und ließ sich von nichts anfechten. Wer überbrachte einer Braut irgendwo weit in der Ferne Geschenke? Er! Wer brachte dem Bräutigam vom Schwiegervater Talles und Stramel? Mendel! Wer führte eine abgemagerte Kuh in die herrschaftliche Schnapsbrennerei, um sie bei den Abfällen fressen zu lassen? Mendel! Er war bloß ein dürres, ausgemergeltes Männlein, hatte eine totenblasse Haut ohne jegliche Farbe, helle Haare und rote Augen – er war ein Wunder! Jetzt ist er ein alter, kranker Mann und kann nicht mehr herumgehen und ich, der berösselte Mechel, bin an seiner Statt und die Leute nehmen jetzt mich und mein Roß, der Teufel hole es, es denkt nur ans Fressen und Liegen, auf dem Wege stolpert's und fällt und macht mir das Leben sauer.«

Hier unterbrach sich Mechel im Reden, stand auf und hob die Peitsche über das arme Pferd, schlug es heftig und zornig und verwünschte und beschimpfte es furchtbar: »Verstunkenes Aas!« Als sein Zorn verraucht war, kehrte er zu seinem Gegenstande zurück:

»Die Krämer schicken mich vor unsern oder ›ihren‹ Feiertagen in die große Stadt, um dort für jeden ein wenig Ware einzukaufen: Galanteriesachen, Gewürz, Lakritze, Zibeben, Kandiszucker und dergleichen, nach der Liste, die sie mir mitgeben. Um die Channeke-Zeit fahren der Stadtschächter, der Chasen und der Schammes mit mir zu den Pächtern auf den Nachbardörfern und sammeln bei ihnen Säcke Kartoffeln, Möhren und anderes Grünzeug, einen Hahn, Butter oder Eier – das Channeke-Geld. Auch der selige Reb Chajem hat mich oft verwendet, um die Rate für die Fleischsteuerpacht richtig abzuliefern oder manchmal auch wichtige Papiere – Gesuche und Briefe – zu befördern. Mit der Post kann man es nicht tun, weil es im Städtlein keine Spur davon gibt. Briefe schicken die Leute bei uns nirgendswo hin, kriegen tun sie auch keine. Ich habe von einem Mann aus einer großen Stadt gehört, daß er selbst einmal einen Brief aus Amerika bekommen hat! Als ich die Sache unsern klugen Leuten erzählte, war es ihnen ein Wunder, sie grübelten fortwährend und wollten mit dem Verstand herausbekommen, wie die Menschen auf der andern Seite der Erde verkehrt gehen könnten und nicht hinunterfielen! Aber was geht mich die Philosophie an, ich habe mit meinem Wagen zu tun und ernähre mich wenigstens schlecht, wenn schon nicht recht. Grade vor den Feiertagen, wenn man die neuen Waren aus der großen Stadt zu unsern Krämern in der Stadt bringt, mußte mein Unglücksvieh fußkrank werden, und das hat es aus Hinterlist getan, um die Arbeit los zu werden, denn es ist schrecklich faul, es mag die Arbeit nicht leiden und mag gerne fressen und schlafen – und so ist es den ganzen Jontew lang gelegen und hat gefressen – die Würmer mögen es holen! Und hernach, als die Krippe leer war, hat es sich die Sache überlegt und kam wieder auf die Füße! Und jetzt, wo die Straßen unbrauchbar sind und wo es regnet, daß man nicht einmal einen tollen Hund draußen sieht, muß ich mich auf der Straße herumtreiben. Ist das nicht eine himmlische Fügung?«

So schwatzte Mechel drauf los und kam zum Schluß, daß die ganze Sache auf Väterverdienst beruhe. Um seinetwillen oder um Schloimales willen oder vielleicht um beider willen war gestern der reichste Mann von Kapulje krank geworden. Es hatte ihm wahrscheinlich Schaden gebracht, daß er sich gleich nach dem Essen mit vollem Magen ins Bett gelegt hatte. Der Bader war gleich mit seinem ganzen Gezeug gekommen, mit dem Schnepper für den Aderlaß, mit Schröpfköpfen, Schermesser und Schere – aber nichts hatte geholfen. Der Kranke schrie immerfort: »Nein! Holt mir den Feldscher, meinen Herschale, der ist ein Fachmann, ich will keinen andern!« Herschale war der frühere Stadtbader.

Und darum mußte er, Mechel, heute bei solchem Wetter nach Ss . . . k fahren und er hätte große Freude, schwur er mit den heiligsten Eiden, so wahr ihm Gott helfen möge, wie sehr er sich freue, daß es gerade so kommen mußte, daß der Mensch krank geworden war und es ihm nun beschert war, einen Buben des seligen Reb Chajem auf die Jeschiwe zu bringen. »Oh, oh, Reb Chajem, das war ein Mensch!« sagte er. Er, Mechel, habe gar nicht so viel Haare auf seinem kahlen Kopfe, wie das Geld betrug, das er beim seligen Reb Chajem zu dessen Lebzeiten verdient hatte. Der habe auf Mechel große Stücke gehalten und ihm viel von öffentlichen Angelegenheiten erzählt. Und so im Sprechen zog er einen Brief aus der Brusttasche hervor: »Siehst du«, sagte er, »den Brief da überbringe ich von jemandem zwei Brüdern, zwei jungen Leuten, die beim Magistrat, bei der Behörde Schreiber sind und in Gemeindedingen was zu sagen haben. Hier, du kannst mir's vorlesen, wenn du willst, es kann nicht schaden, wenn man's weiß.« Der Brief war bloß zusammengefaltet und geschlossen, aber nicht versiegelt, doch trug er oben den Bann des Rabbenu Gerschom, und dieser Schutz des Briefgeheimnisses war bei den Juden stärker als tausend Siegel mit Lack und Adler. Schloimale wollte natürlich nicht lesen und der Brief wanderte wieder in die Tasche Mechels.

Wie es sich bald zeigte, stand Schloimale das Väterverdienst nicht nur bei seiner Reise und glücklichen Ankunft bei, sondern auch beim Erhalten von »Tagen« und der Erringung von Wohlgefallen und andern guten Dingen. Allerdings ließ sich auch die Ansicht vertreten, daß ein Wundermann seine Mittel dabei im Spiele hatte. Damit hatte es folgende Bewandtnis: Vor kurzer Zeit, während Schloimale im T-zer Beßmeddresch lernte, war einer der fahrenden Wundermänner in die Stadt gekommen, ein Mann in mittleren Jahren, mit blassem, schönem Gesicht, einem Geistlichen-Bäuchlein und dem Blicke eines zerstreuten Menschen, der in höheren Sphären schwebt. Seine Kleidung war auch am Werkeltag ein seidener Rock. Beide Hände steckte er tief in die Taschen, so daß sich seine Hinterlinie sehr plastisch abzeichnete. Sein Gang war wie das Zickzack einer Ente und von großem Reiz. Er hatte lange Pergamentrollen, auf denen Ssfieres und seltsame kabbalistische Zeichen gemalt waren, wonach er jedem wie aus dem Buche des Schicksals das ihn Betreffende verkündete. Man erzählte, daß niemand so wie er die Geister und Teufel in Schrecken versetzte und daß seine Amulette wirksam seien. Er war es gewesen, der aus dem besessenen Mädchen in einem gewissen Städtlein den bösen Geist ausgetrieben hatte, das wußte die ganze Welt! Er verbrachte seine Zeit meist im Beßmeddresch, da er ja zu den Dienern des Heiligtums gehörte, zog Schloimale an sich heran und benützte seine Dienste. Schloimale gehorchte ihm und war voll Ehrfurcht.

Vor der Abreise erwies der Wundermann seine Erkenntlichkeit und schenkte Schloimale ein Mittel, um das Wohlgefallen der Menschen zu erringen, und gebot ihm, immer den zwanzigsten Psalm zu sagen. Das gewann Schloimale für seine Bemühungen. Man könnte annehmen, daß ihm jetzt das Mittel des Wundermannes beigestanden sei. Aber die Vernunft findet das Väterverdienst wahrscheinlicher, da ja schließlich alles mit rechten Dingen zugehen muß!

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